Skip to main content

Full text of "Die Natugeschichte des Cajus Plinius Secundus : ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen"

See other formats


J\i D. H. HILL LIBI^;^ 

NORTH C;«0Lm>4 STATE C0LLC6E 




ENT0M0L0eiC4L COLLECTION 



This book may be kept out TWO WEEKS 
ONLY, and is subject to a fine of FIVE 
CENTS a day thereafter. It is due on the 
day indicated below: 



50M— May-54 — Form 3 



DIE NATURGESCHICHTE 



DES 



CAJÜS PLINIÜS SECÜNDÜS. 



DRITTER BAND. 



DIE 

NATURGESCHICHTE 

- DES 

CA JUS PLINIUS SECÜIDÜS. 



INS DEUTSCHE ÜBERSETZT 
UND MIT ANMERKUNGEN VERSEHEN 



Prof. Dr. G. C. WITTSTEIN 

in München. 



DEITTER BAND: 

(XII- XIX. Buch) 
Naturgeschichte der Pflanzen. 






LEIPZIG. 

Druck und Verlag von Gressner & Schramm. 




Zwölftes Euch. 



Von den Bäumen. 

1. 
So verhält es sieh mit den Gattungen und G-lied- 
maassen aller Tbiere, von denen wir haben Kenntniss 
erlangen können. Es bleiben uns nun noch diejenigen 
Naturwunder übrig, denen zwar auch die Seele nicht fehlt 
(denn ohne sie ist nichts lebensfähig), welche aber aus 
der Erde hervorgehen, und diese wollen wir jetzt in Be- 
tracht ziehen, damit kein Werk der Natur mit Stillschwei- 
gen übergangen werde. Lange Zeit blieben die Wohl- 
thaten der Natur verborgen, und die Menschen sahen nur 
Bäume und Wälder als das höchste ihnen verliehene Ge- 
schenk an; hiervon nahmen sie ihre erste Nahrung, von 
ihrem Laube machten sie sich ein weicheres Lager, von 
ihrem Baste Kleider; und noch jetzt leben manche Völker 
auf diese Weise. Um so mehr muss man sich wundern, 
dass schon von jener Zeit an Berge zu Marmorwänden 
ausgehauen, Kleider von den Serern geholt, Perlen in der 
Tiefe des rotheu Meeres und Smaragde im Schoosse der 
Erde gesucht worden sind. Dazu erdachte man noch 
Wunden in die Ohren, vielleicht weil es zu wenig war, 
Schmuck an den Händen, am Halse und in den Haaren 
zu tragen, wenn der Körper nicht auch deshalb angebohrt 
würde. Daher scheint es billig, dass wir der Ordnung des 
Lebens folgen und zuerst von den Bäumen reden, um so 
den Sitten ihren ersten Anfang zu zeigen. 

Wittstein: Plinius. HI. Bd. 1 



2 Zwölftes Buch. 

2. 
Die Bäume waren die Tempel der Götter, und noch 
jetzt weihen, nach alter Weise, die einfachen Landleute 
einen schönen Baum der Gottheit. Wir verehren die von 
Gold und Elfenbein schimmernden Bilder nicht mehr als 
die Haine, und die in ihnen herrschende Stille. Diejenigen 
Baumgattungen, welche gewissen Gottheiten ausschliesslich 
geweihet sind, werden beständig so beibehalten, z. B. die 
Speiseeiche i) dem Jupiter, der Lorbeerbaum dem Apollo, 
der Oelbaum der Minerva, die Myrte der Venus, die 
Pappel dem Herkules. Ja wir glauben, dass die Sjivane, 
Faune, und mehrere Göttinnen den Wäldern als eigenthüm- 
liche Gottheiten, ebenso wie der Himmel die seiuigen hat, 
zugetheilt sind. Die Bäume haben nachher durch die an- 
genehmen Säfte ihrer Früchte den Menschen milder gemacht» 
Von ihnen kommt das die Glieder erquiekende Oel und 
der die Kräfte stärkende Trank des Weines; ferner so 
viele jährlich von selbst wachsende wohlschmeckende 
Sachen, und die auch noch jetzt gebräuchlichen Nachtische 
(obgleich man ihretwegen mit wilden Thieren kämpft, und 
die mit den Leibern der Schiffbrüchigen gemästeten Fische 
aufsucht). Ausserdem verschaffen sie uns tausendfältigen 
Nutzen, ohne welchen wir nicht leben könnten. Mit einem 
Baume durchschneiden wir die Meere und nähern uns an- 
dern Ländern; aus Bäumen erbauen wir unsere Wohnungen. 
Aus Bäumen wurden auch früher die Bilder der Götter 
geschnitzt, als noch keine Preise für die Leiber ungeheuerer 
Thiere erdacht waren, bevor man noch, gleichsam als ob 
das Recht der Schvvelgerei von den Göttern herkäme, aus 
ein und demselben Elfenbeine die Gesichter der Götter 
und die Füsse der Tische sah. Mau sagt, die Gallier^ 
deren Gebiet durch die Alpen, dieses unüberwindliche 
Bollwerk, eingeschlossen ist, hätten sich zuerst vorgenom- 
men Italien zu überströmen, als Helico, einer von ihren 
Landsleuten aus Helvetien, welcher sich der Schmiedekunst 



*) Esculus. Quercus Esculus L. 



Zwölftes Buch. 3 

wegen in Rom aufgehalten hatte, eine trockne Feige, eine 
Traube, und vom besten Oel und Weine bei seiner Rück- 
kehr mit in die Heimath brachte. Daher mag es ent- 
schuldigt werden, dass man dergleichen sogar durch Krieg 
zu erhalten sucht. 

3. 

Aber wer sollte sich nicht mit Recht darüber wun- 
dern, dass man einen Baum bloss seines Schattens wegen 
aus einem andern Welttheile geholt hat? Dieser Baum 
ist die Platane i), welcher über das ionische Meer zuerst 
auf die Insel des Diomedes wegen dessen Grabhügels ge- 
bracht, von da nach Sicilien verpflanzt, sodann, und zwar 
unter allen fremden Bäumen am frühesten nach Italien, 
und jetzt schon bis in das Gebiet der Moriner, welches 
ebenfalls zum zinsbaren Grunde gehört, gewandert ist, 
sodass die Völker selbst für seinen Schatten Steuer geben. 
Der ältere Dionysius, Tyrann von Sicilien, hat sie in die 
Stadt Rhegium gebracht; sie waren dort eine merkwürdige 
Erscheinung bei seinem Hause, w^orin später eine Fechter- 
schule eingerichtet wurde, und mehrere Schriftsteller führen 
an, sie hätten nicht an Umfang zunehmen können, auch 
habe es damals noch andere in Italien, und namentlich 
aus Spanien eingeführte, gegeben. 

4. 

Diess geschah ungefähr um die Zeit der Einnahme 
Rom's. Später ist das Ansehen dieser Bäume so sehr ge- 
stiegen, dass man sie mit lauterm Weine begiesst, weil 
man wahrgenommen, dass dieser den Wurzeln am besten 
zusagt. So haben wir denn sogar Bäumen das Weiutrinken 
gelehrt! 

5. 

Den ersten Ruf haben die Platanen in der Allee der 
Academie zu Athen erlangt, denn sie messen dort von der 
Wurzel bis zur ersten Verzweigung 33 Cubitus. In Lycicu 
steht eine berühmte Platane in der Nähe einer liebliclien 



*) Platanus orientalis L. 



4 Zwölftes Buch. 

kalten Quelle, am Wege, deren Stamm zu einer Wohnung- 
ausgehöhlt ist, die 81 Fuss misst: sie hat gewaltige, Bäu- 
men gleichende Aeste, ihr waldiger Gipfel bedeckt durch 
den Schatten ganze Felder, und um das Bild einer Grotte 
zu vollenden, so wird sie im Innern durch einen Kreis von 
Mauerwerk aus bemoosten Sandsteinen eingeschlossen. 
Dieser Baum war ein solcher Gegenstand der Bewun- 
derung, dass Licinius Mutianus, welcher dreimal Consul 
und vor Kurzem Statthalter in jener Provinz war, der 
Nachwelt berichten zu müssen glaubte, er habe in demsel- 
ben mit 18 seiner Begleiter gespeist, das Laub ihnen 
allen bequeme Sitze verschafft, sie seien vor jedem Winde 
geschützt gewesen, er habe sich das Rauschen des Eegeus 
durch die Blätter gewünscht, und vergnügter in ihm ge- 
sessen als beim Glänze des Marmors , vielen Gemälden 
und goldenen Decken. Ein anderes Beispiel der Art haben 
wir vom Prinzen Cajus, welcher *im veliternischen Gebiete 
an einem solchen Baume die verschiedenen Stockwerke 
und die auf den als Balken dienenden Aesten freistehenden 
Bänke bewunderte, auch auf demselben auf einem Räume 
der 15 Gäste und die Dienerschaft fasste, ein Gastmahl 
gab, welches er mit dem Namen „das Nest" belegte. Zu 
Gortyna auf der Insel Greta steht neben einer Quelle eine 
Platane, welche durch mehrere Schriften in beiden Sprachen 
berühmt geworden ist, und niemals die Blätter verliert, 
auch war das fabelsüchtige Griechenland sogleich bereit 
zu erzählen, Jupiter habe mit der Europa unter ihr zuge- 
bracht. Als wenn nicht andere derselben Art sich auch in 
Cypern befänden! Von jenen Baume aber sind zuerst auf 
Greta selbst andere Platanen gezogen (wie denn die Men- 
schen immer nach Neuem haschen) und haben obige Sage 
erneuert, obgleich dieser Baum sich eben durch nichts an- 
deres besonders auszeichnet, als dass er im Sommer die 
Sonne abhält und im Winter zulässt. Hernach brachte, 
unter der Regierung des Kaiser Glaudius, ein Freigelasse- 
ner des Marcellus Aeserninus, der sich aber seiner Macht 
wegen unter die Freigelassenen des Kaisers hatte rechneu 



Zwölftes Buch. 5 

lassen, und ein reicher Verschnittener aus Thessalien war, 
diesen Baum nach Italien und auf seine Landgüter, so 
dass er mit Kecht den Namen Dionysius verdiente. Es 
giebt auch noch jetzt manche Wunderdinge anderer Län- 
der in Italien, nicht zu gedenken derer, die Italien selbst 
ausgedacht hat. 

6. 

Diejenigen Platanen , welche man mit Fleiss nicht 
hoch wachsen lässt, nennt man Zwergplatanen i); wir 
finden nämlich auch unter den Bäumen Missgeburteu, und 
diesen kann man überhaupt den Namen Zwergbildungen 
geben. Man bringt sie aber durch Säen und Beschneiden 
hervor. C. Matius ein Ritter und Freund des Kaiser Au- 
gustus hat innerhalb der letztverflossenen Jahre zuerst das 
Beschneiden der Bäume eingeführt. 

7. 

Fremd sind die Kirschen- und Pfirsichbäume nebst 
allen solchen, deren Namen griechisch oder ausländisch; 
diejenigen aber, welche unter dieser Zahl schon bei uns 
einheimisch geworden, werde ich unter den fruchttragenden 
anführen. Gegenwärtig wollen wir die auswärtigen durch- 
geben, und dabei der Heilkräftigen zuerst gedenken. Der 
assyrische Apfelbaum 2), welchen Einige den medischen 
nennen, enthält ein Arzneimittel gegen Gifte. Sein Blatt 
gleicht dem des Unedo 3), besonders durch die darin befind- 
lichen Rippen. Der Apfel selbst wird sonst nicht gegessen, 
aber sein Geruch übertrifft selbst den der Blätter, zieht in 
die Kleider, wenn man ihn dazwischen legt, und hält das 
Ungeziefer ab. Der Baum trägt beständig Früchte, während 
die einen abfallen, werden die andern reif und noch andere 
entstehen. Mehrere Völker haben versucht, diesen Baum 
wegen seiner vortrefflichen Heilkraft in irdenen Gefässen, 
welche mit Luftlöchern für die Wurzeln versehen waren, 



') Chamaeplatani. 

2) Malus assyria. Diess ist die Pompelmuse: Citrus decumana L. 

3) Unedo. Arbutus Unedo L. 



6 Zwölftes Buch. 

ZU sich zu bringen, und man wird woliltliun, sich ein für 
alle Male zu merken, dass auf diese Weise alles, was 
weiter verschickt werden soll, aufs engste verpflanzt und 
verpackt werden kann. Doch hat er nirgends als in Me- 
dien und Persien gedeihen wollen. Diess ist aber derselbe 
Baum, von dem wir gesagt haben ^), dass die vornehmen 
Parther dessen Kerne mit ihren Speisen kochen, damit ihr 
Athem einen angenehmen Geruch bekommen. In Medien 
preist man ausser ihm keinen andern Baum. 

8. 
Von den wolletragenden Bäumen der Serer haben wir 
bei Erwähnung dieses Volkes gesprochen; desgleichen von 
der Grösse der indischen Bäume. Einen der in Indien 
einheimischen Bäume, den Ebenbaum-) rühmt Virgil 
mit dem Beisatze, er käme sonst nirgends vor. Herodat 
hält Aethiopien für das Vaterland desselben, und sagt, die 
Aethiopier hätten den Königen von Persien alle 3 Jahre 
als Tribut 100 Stämme davon nebst Gold und Elfenbein 
geliefert. Auch will ich nicht unerwähnt lassen, dass er 
sagt, die Aethiopier pflegten aus gleicher Ursache 20 grosse 
Elepbantenzähne abzugeben. In so grossem Ansehen stand 
also das Elfenbein im 310. Jahre unserer Stadt; und da- 
mals verfasste dieser Schriftsteller seine Geschichte zu 
Thurii in Italien. Um so merkwürdiger ist es, dass wir 
ihm glauben, da er den Fluss Po gesehen hatte, welcher 
bis zu dieser Zeit Niemanden in Asien, Griechenland oder 
ihm selbst bekannt war. Die Karte von Aethiopien, welche, 
wie wir gesagt haben, neulich dem Kaiser Nero überbracht 
wurde, hat uns gelehrt, dass dieser seltene Baum von 
Syene, der Gränze unseres Reichs, nach Meroe, 896,000 
Schritte weit gebracht sei und zu keinem andern Geschlechte 
als dem der Palme gehöre. Daher hat vielleicht der Eben- 
baum unter den werth vollen Gegenständen der Abgaben 
den dritten Rang bekommen. 



') XI. B. 115. Cap. 

-) Ebenum. Diospyros Ebenum Retz. 



Zwölftes Buch. 7 

9. 

In Rom zeigte den Ebenbaum Pompejus der Grosse 
bei seinem Triumphe über Mithridates. Fabianus giebt an, 
«r brenne nicht, verbreite aber in der Hitze einen ange- 
nehmen Geruch. Es giebt 2 Arten; die seltene und zugleich 
bessere ist ein ganz knotenloser Baum, dessen Holz schwarz, 
glänzend und selbst unverarbeitet schön aussieht; die an- 
dere ist ein dem Cytisus ^) ähnlicher und in ganz Indien 
verbreiteter Strauch. 

10. 

Diesem ähnlieh ist ein in Indien einheimisches 
Dorngewächs2), welches schnell Feuer fängt, und zu 
Fackeln benutzt wird. Nun will ich von den Bäumen reden, 
welche das siegreiche Heer Alexanders des Grossen be- 
wunderte, als jener Erdtheil ^) sich ihm öffnete. 

11. 

Der indische Feigenbaum^) trägt sehr kleine Früchte, 
pflanzt sich immer von selbst fort, und streckt seine Aeste 
weithin aus, von denen die untersten sich so tief zur Erde 
herabneigen, dass sie innerhalb eines Jahres fest wachsen, 
und auf diese Weise rund um den Mutterstamm eine wie 
durch Kunst angelegte Pflanzschule bilden. Innerhalb dieser 
Umzäunung, welche zugleich schattig, und durch die Stämme 
selbst geschützt ist, halten sich die Hirten im Sommer auf. 
Im Innern hat sie ein stattliches Ansehen und von Weiten 
sieht das Ganze einem runden Gewölbe gleich. Die obern 
Zweige ragen in zahlreicher Menge empor, und der Mutter- 
baum dehnt sich so sehr aus, dass er einen Kreis von 
^0 Schritten beschreibt, sein Schatten aber eine Fläche von 
2 Stadien einnimmt. Die Blätter haben die Gestalt eines 
Amazonen-Schildes, bedecken wegen ihrer Breite die Früchte, 
und sind daher ihrem Wachsthum hinderlich. Diese finden 



*) Cytisus. Medicago arborea L. 

2) Spina. Acacia vera W. 

3) Nämlich Indien. 
*) Ficus indica. 



8 Zwölftes Buch. 

sich nur einzeln, weiden nicht grösser als eine Bohne, habe» 
aber, wenn die Sonne sie durch die Blätter hindurch zur 
Reife gebracht hat, einen sehr süssen Geschmack, und sind 
dieses merkwürdigen Baumes würdig. Er wächst am häu- 
figsten am Flusse Acesines. 

12. 
Ein anderer Baum ist grösser, und übertrifft jenen 
durch den angenehmen Geschmack seiner Frucht, von der 
die indischen Weisen leben. Sein Blatt hat Aebnlichkeit 
mit den Flügeln der Vögel, ist 3 Cubitus lang und 2 breit. 
Die Frucht kommt aus der Rinde, und schmeckt so ausser* 
ordentlich süss, dass der 4. Theil von einer schon sättigt. 
Der Baum heisst Pala*), die Frucht Ariena. Man trifft 
ihn vorzüglich in Sydracieu, da wo die Grenze von 
Alexanders Eroberungen ist. Es giebt noch einen andern 
diesem ähnlichen Baum, dessen Frucht noch süsser, aber 
den Eingeweiden nachtheilig ist. Alexander hatte den Be- 
fehl gegeben, keiner von seinem Heere sollte davon essen. 

13. 
Die Macedonier haben verschiedene Arten indischer 
Bäume, jedoch grösstentheils ohne Namen, angeführt.. 
So sieht einer im Uebrigen der Terebinthe, in der Frucht 
aber dem Mandelbaume ähnlich, doch ist sie kleiner und 
von sehr angenehmem Geschmacke. In Bactrien halten 
ihn Eiqige eher für eine besondere Art der Terebinthe,. 
als für einen ihr gleichen Baum. Der Baum aber, von dem 
man dort die leinenen Kleider macht, hat Blätter wie 
der Maulbeerbaum, und einen Fruchtkelch wie die Hage- 
butten. Man pflanzt ihn auf Felder, und kein Baum giebt 
den Landgütern einen angenehmeren Anblick. 

14. 
Der indische Olivenbaum taugt nicht und trägt nur die 



') Die Pisangfeige, Musa paradisiaca L. Musa ist das Arabische 
mauza, welche aus dem Sanskritworte moko hervorging. Pala oder 
phala heisst in Sanskrit Frucht im Allgemeinen und wurde also nur 
aus Missverständniss für den Namen der Pflanze gebraucht. 



Zwölftes Buch. 9 

Früchte des wilden Oelbaümes ^). Hin und wieder kommen 
dort Pfefferbäurae^) vor, die unserm Wacbholder ähn- 
lich sind; obgleich Einige bericbtet haben, sie wüchsen nur 
an der vordem, der Sonne entgegen liegenden Seite des 
Caucasus. Die Samen unterscheiden sich von denen des 
Wachholders dadurch, dass sie in kleinen, unsern Schling- 
bohnen ähnlichen Schoten stecken. Wenn diese, bevor sie 
aufbrechen, abgenommen, und an der Sonne gedörrt waren, 
so stellen sie den sogenannten langen Pfeifer 3) dar; lässt 
man sie aber reif werden, so bersten sie und enthalten 
nun den weissen Pfeffer, welcher an der Sonne gedörrt, 
dunkelfarbig und runzlig wird. Aber auch diese Schoten 
können Schaden leiden, und werden bei ungünstigem Wetter 
brandig, ihre Samen aber taub und leer, und diess Uebel 
nennt man Brechma, was in der Sprache der Indier so 
viel bedeutet als todt. Diese Sorte ist von allen die schärfste, 
leichteste und von Farbe bleich, angenehmer ist der schwarze 
und milder als beide ist der weisse. Was man Zimpiberi 
oder Zingiberi^) nennt ist keineswegs, wie Einige glauben, 
die Wurzel dieses Baumes, obgleich es im Geschmacke 
dem Pfeffer nahe kommt. Der Ingber nämlich wächst in 
Arabien und im Lande der Troglodyten in Dörfern, hat 
ein kleines Kraut und eine weisse Wurzel. Obgleich sie 
ausserordentlich scharf ist, so wird sie doch bald wurm- 
stichig. Das Pfund davon kostet 6 Denare. Der lange 
Pfeffer wird häufig durch alexandrinischen Senf verfälscht. 
Man kauft 1 Pfund für 15 Denare, 1 Pfund des weissen 
für 7, 1 Pfund des schwarzen für 4 Denare. Man muss 
sich wundern, dass er so allgemein in Gebrauch gekommen 
ist. Bei Einigen hat der angenehme Geschmack gereizt, 
bei Andern das Ansehen gelockt; hier empfiehlt sich weder 
ein Apfel, noch eine Beere, nur seine Bitterkeit gefällt, 



») Oleaster. 

2) Piper. Piper nigrum L. 

3) Piper longum L. 

*) Amonium Zingiber L. 



10 Zwölftes Buch. 

und zwar deshalb, weil er aus Indien kommt. Wer hatte 
zuerst Lust, ihn den Speisen zuzusetzen? Oder wem ge- 
ntigte bei dem Wunsche zu essen nicht der Hunger ? Beide 
Dinge finden sich bei den dortigen Völkern wild, und doch 
verkauft man sie nach dem Gewichte, wie Gold oder Silber. 
Den Pfefferbaum sieht man auch schon in Italien; er ist 
grösser als die Myrte , und dieser nicht unähnlich. Man 
glaubt, sein Korn habe dieselbe Schärfe wie frischer Pfeffer; 
nur fehlt ihm jene Dürre und Reife, mithin auch die Aehn- 
lichkeit in den Runzeln und der Farbe. Mau verfälscht 
ihn mit Wachholderbeeren, die ihm merkwürdiger Weise 
seine Kraft entziehen; auch hinsichtlich des Gewichts wird 
mancher Betrug damit getrieben. 

15. 
Ausserdem giebt es in Indien noch ein dem Pfeffer 
ähnliches Korn, welches Gary ophy Hon ^) genannt wird, aber 
grösser und zerbrechlicher ist. Es soll in einem indischen 
Haine wachsen, und wird seines Geruchs wegen zu uns 
gebracht. Auch ein Dornstrauch 2) trägt eine dem Pfeffer 
ähnliche Frucht von ausserordentlicher Schärfe; er hat 
kleine, dichtstehende Blätter wie der Cyprus ^), 3 Cubitus 
lange Aeste, eine bleiche Rinde, und eine breite holzige, 
buxbaumfarbige Wurzel. Aus Letzterer nebst den Samen 
bereitet man durch Kochen mit Wasser in einem kupfer- 
nen Gefässe eine Arznei, welche Lycium genannt wird. 
Derselbe Dornstrauch kommt auch auf dem Berge Pelius 
vor und damit verfälscht man das Arzneimittel, desgleichen 
mit der Affodillwurzel, mit Ochsengalle oder Wermuth, 
oder Sumach^), oder Oelschaum-^). Dasjenige Lycion, 
welches schaumig ist, eignet sich am besten zum Arznei- 
gebrauch. Die ludier schicken uns dasselbe in Schläuchen 



') Diess ist der Piment, Semen Amomi von Myrtus Pimenta L. 

2) Spina. Rliamnus infectoria L. 

3) S. 51. Cap. 

•*) Rhus. Rhus coriaria L. 
*) Amui'ca, 



Zwölftes Buch. 11 

von Kameel- oder Rhinocerosliäuten. In Griechenland heisst 
jenes Dorngewächs der chironische Buxdorni). 

16. 

Auch das Macir wird aus Indien gebracht; es ist die 
rothe Rinde einer grossen Wurzel, und führt den Namen 
des Baumes, von welchem sie kommt. Ueber den Baum 
selbst habe ich jedoch nichts Näheres erfahren können. 
Mit Honig abgekocht liefert sie ein vorzügliches Mittel 
wider den Durchfall. 

17. 

Der Zucker kommt auch aus Arabien, der indische 
hat jedoch den Vorzug. Er ist aus Rohr gesammelter 
Honig, weiss wie Gummi, zwischen den Zähnen zerbrech- 
lich, höchstens von der Grösse einer Haselnuss, und findet 
bloss Anwendung in der Medicin. 

18. 

An die Indier grenzt das Volk der Arianer, in deren 
Gebiete ein Dornstrauch wächst, welcher ein köstliches der 
Myrrhe ähnliches Harz in Gestalt von Thränen liefert, zu 
dem man aber wegen der vielen Stacheln nur mit Mühe 
gelangen kann. Dort ist auch ein giftiger, dem Rettig 
ähnlicher Strauch mit lorbeerartigen Blättern, der durch 
seinen Geruch die Pferde anlockt, und Alexandern bei 
seinem ersten Eintritte in diess Land beinahe der ganzen 
Reiterei beraubt hätte. Dasselbe Ungemach widerfuhr ihm 
bei den Gedrosern. Ferner soll sich dort ein Dornge- 
wächs mit Lorbeerblättern finden, dessen Saft, in die Augen 
gespritzt, alle Thiere blind mache. Ferner ein stark 
riechendes Kraut, welches voll von kleinen Schlangen sitzt, 
deren Stich augenblicklich den Tod nach sich zöge. One- 
sicritus meldet, in den Thälern Hyrcaniens wüchsen 
feigenähnliche Bäume, welche Occhi hiessen, aus denen 
2 Stunden lang des Morgens Honig flösse. 

19. 

An Hyrcanien grenzt Bactrien, dessen Bdellium am 



•) Pyxacanthus, 



12 Zwölftes Buch. 

berühmtesten ist. Diess ist ein schwarzer Baum von der 
Grösse des Oelbaumes, mit Eichenblättern, seiner Frucht 
und übrigen Beschaffenheit nach dem wilden Feigenbaume 
ähnlich. Das Gummi i) nennen Einige Brochon, Andere 
Malacham, noch Andere Malodacon; das schwarze aber, 
welches in Kuchen gedreht ist, heisst Hadrobolou 2). Es 
muss durchscheinend wie Wachs, geruchvoll, fettig anzu- 
fühlen, von Geschmacke bitter, jedoch nicht scharf sein. 
Bei den Opfern, wo es mit Wein angefeuchtet wird, riecht 
es noch stärker. Es kommt auch in Arabien, Indien, Me- 
dien und Babylon vor. Einige nennen dasjenige, welches 
aus Medien kommt, das peratische; es ist zerbrechlicher, 
rindiger und bitterer, das indische hingegen feuchter und 
gummig. Es wird mit Mandeln verfälscht, die übrigen 
Arten auch mit der Rinde des Scordastum; so heisst 
nämlich ein Baum, der ein ähnliches Gummi liefert. Man 
erkennt sie aber alle (was auch in Bezug auf die übrigen 
Räucherspecies ein für allemal hier gesagt sein mag) am 
Gerüche, der Farbe, der Schwere, dem Geschmacke und 
dem Verhalten am Feuer. Das bactrianische hat einen 
trocknen Glanz und viele weisse Stellen, ausserdem ein 
eigenthümliches Gewicht, das nicht zu schwer und nicht zu 
leicht sein darf. Von dem reinen kostet das Pfund 
3 Denare. 

20. 
An die Gebiete der oben genannten Völker grenzt 
Persien, in welchem am rotlien Meere, welches wir da- 
selbst das persische genannt haben, weil es sein Wasser 
weit ins Land hinein schickt, Bäume von wunderbarer Be- 
schaffenheit vorkommen. Denn sie werden vom Salzwasser 
losgerissen, gleichen herangetriebenen und verlassenen, 
und man sieht sie an der trocknen Küste mit ihren nakten 
Wurzeln, gleich Polypen, den unfruchtbaren Sand umfassen. 



•) Heisst noch jetzt Bdellium und die Mutterpflanze ist ein Bal- 
samodendron. 

^) D. h. in Klumpen zusammengehäuft. 



Zwölftes Buch. 13 

Obgleich die Wogen des anströmenden Meeres beständig 
daran schlagen, so bleiben sie doch unbeweglich stehen. 
Bei voller Fluth werden sie sogar ganz von Wasser be- 
deckt, und alles deutet darauf hin, dass das scharfe Wasser 
sie ernährt. Sie sind ausserordentlich gross, vom Ansehen 
des Unedo, ihre Frucht gleicht von aussen einer Mandel, 
und enthält gedrehte Kerne. 

21. 

Die in demselben Meerbusen belegene Insel Tylos ist 
auf der nach Osten gekehrten Seite ganz mit Wald be- 
wachsen, und wird hier von der Meeresfluth überschwemmt. 
Die Bäume haben die Grösse des Feigenbaumes, Blütheu 
von unbeschreiblicher Anmuth, und Früchte ähnlich denen 
der Wolfsbohue i), aber so herbe, dass kein Thier sie an- 
rührt. Auf einem erhabenen Theile dieser Insel stehen 
Wolle tragende Bäume, jedoch von anderer Art als die 
bei den Serern vorkommenden. Sie haben unfruchtbare 
Blätter, welche man, wenn sie nicht zu klein wären, für 
Weinblätter halten könnte, tragen Fruchtköpfe 2) von dem 
Umfange eines Quittenapfels, welche bei der Reife bersten 
und Ballen zarter Wolle enthalten, aus denen man Kleider 
von köstlichem Gewebe fertigt. Man nennt die Bäume 
Gossypini3), Auf der kleinern Insel Tylos, welche von 
der grössern 10,000 Schritte entfernt ist, finden sie sich in 
noch zahlreicherer Menge. 

22. 

Juba berichtet, die zarte Wolle komme von einem 
Strauche, und die daraus bereiteten Zeuge seien besser als 
die indischen. Die Bäume in Arabien aber, aus denen 
man Kleider mache, hiessen Chynas, und ihre Blätter 
seien denen der Palmen ähnlich. So kleiden sich die In- 
dier durch Hülfe ihrer Bäume. Auf den beiden Inseln Ty- 



') Lupinus. Lupinus hirsutus L. 
-) Cucurbitae. 

3) Gossypium arboreum L und Bombax gossypinus , von denen 
die Baumwolle kommt. 



14 Zwölftes Buch. 

lus aber wächst noch ein anderer Baum, dessen Blüthe der 
weissen Viole gleicht, aber viermal grösser ist, und — was 
bei einer Blume in jenen Ländern merkwürdig erscheint 
— keinen Geruch hat. 

23. 
Es giebt noch einen anderen diesem ähnlichen Baum, 
der jedoch blattreicher ist und eine rosenartige Blüthe hat, 
welche sich des Nachts schliesst, beim Aufgange der Sonne 
zu öffnen beginnt, und Mittags ganz ausbreitet. Die Ein- 
wohner nennen diese Erscheinung den Schlaf. Dieselbe 
Insel bringt auch Palmen, Oelbäume, Weinstöcke, Feigen 
und andere Obstarten hervor. Kein Baum verliert da- 
selbst seine Blätter. Die Bewässerung geschieht durch 
kalte Quellen und Regen. 

24. 
Die Erzeugnisse des benachbarten Arabiens sind von 
verschiedener Art, denn sie bestehen in Wurzeln, Stauden, 
Rinden, Säften, Thränen, Holz, Sprösslingen, Blüthen, 
Blättern und Früchten. 

25. 
Die Wurzeln und Blätter stehen bei den Indiern im 
höchsten Preise. Die Wurzel des Costus') hat einen 
brennenden Geschmack, und vortrefflichen Geruch, der 
Stengel aber ist unbrauchbar. Gleich beim ersten Eintritt 
des Flusses Indus, bei der Insel Patale, wachsen 2 Arten 
davon, eine schwarze, und eine weisse die besser ist. Das 
Pfund davon kostet 3 Denare. 

26. 
Von der Pflanze Nardus muss ich etwas aus- 
führlicher reden, da sie als ein Hauptingredienz der Salben 
dient. Eine Art ist ein Strauch mit einer schweren, dicken, 
aber kurzen und schwarzen und obwohl fetten, dennoch 
zerbrechlichen, gleich der Cyperwurzel nach Schimmel 
riechenden und herbe schmeckenden Wurzel. Die Blätter 
sind klein und stehen dicht. Der oberste Theil (der Wurzel) 



') Costus speciosus L. 



Zwölftes Buch. 15 

trägt rundum grannenartige Fäden; man preist daher vor- 
züglich zwei Theile an dieser Pflanze, die ährenähnliche 
Wurzel und die Blätter"). Eine andere Art, welche am 
Ganges wächst, heisst Ozänitis, riecht giftig und wird gänz- 
lich verworfen. Man verfälscht auch die Narde mit der 
unächten2), welche allenthalben wächst, ein dickeres, brei- 
teres Blatt, und eine matte ins Weisse fallende Farbe hat; 
desgleichen mit ihrer Wurzel, die man, um das Gewicht 
zu vermehren, untermischt, auch mit Harz, Silberglätte, 
Spiessglanz, Cyperus oder deren Einde. Die echte erkennt 
man an ihrer Leichtigkeit, röthlichen Farbe, dem angenehmen 
Gerüche, an ihrer Eigenschaft beim Kosten den Mund aus- 
zutrocknen und an ihrem angenehmen Geschmacke. 1 Pfund 
Aehren kostet 100 Denare. Die jährigen unterscheidet 
man am Blatte; die grossblättrige nennt man die gross- 
runde 3), und ihr Preis ist 50 Denare; die kleinblättrige 
heisst die mittelrunde ^), und kostet GO Denare. Die beste 
ist die kleinrunde 'O, mit den kleinsten Blättern und ihr 
Preis 75 Denare. Geruch haben sie alle, am meisten aber 
wenn sie noch frisch sind. Die schwarze Narde 6) bekommt, 
wenn sie alt wird, eine bessere Farbe. In unserm Welt- 
theile wird die syrische ') am meisten geschätzt, dann folgt 
die gallische *) und hierauf die cietische ■% welche von Ei- 
nigen die wilde, von Andern Phu genannt wird; sie hat 
Blätter wie das Olusatrum ^% der Stengel ist 1 Cubitus 
lang, gekniet, purpurroth und weisslich, die Wurzel schräg, 



') Diese Art ist Valeriana Jatamansi Jones. 

■•') Pseuclonarclus. Valeriana celtica L.? 

3) Haclrosphaerum. 

•*) Mesosphaeruni. 

5) Microspliaerum. 

•=) Valeriana Hardwickii Wall. 

') Valeriana scabiosaefolia Fisch. 

*) Valeriana celtica L. 

*) Valeriana tuberosa L. 

>o) Smyrnium Olusatrum L. 



1(3 Zwölftes Buch. 

t 

zottig und von der Form der Vogelftisse. Die Land-Narde i) 
heisst Baccharis und von dieser wollen wir bei den Blumen 
reden 2). Alle diese Arten aber sind Kräuter, ausge- 
nommen die indische ^). Unter ihnen wird die gallische 
mit der Wurzel ausgezogen, in Wein abgewaschen und 
bündelweise in Papier gewickelt; von der indischen ist sie 
nicht sehr verschieden, jedoch leichter als die syrische. 
10 Pfund kosten 3 Ass. Die einzige Probe ihrer Güte be- 
steht darin, dass die Blätter nicht zerbrechlich, und mehr 
dürr als trocken sind. In Gesellschaft der gallischen Narde 
wächst stets ein Kraut, welches wegen seines starken Ge- 
ruches und seiner Aehnlichkeit, Böckchen ^) genannt wird, 
und womit man sie am meisten verfälscht. Diess unter- 
scheidet sich aber von ihr dadurch, dass es ohne Stengel 
ist, kleinere Blätter und eine weder bitter schmeckende 
noch riechende Wurzel hat. 

27. 
Die Haselwurz^) besitzt die Kräfte der Narde, und 
wird daher von Einigen wilde Narde genannt, hat aber 
Blätter wie Epheu, nur dass sie runder und weicher sind, 
eine purpurrothe Blume, eine Wurzel wie die gallische 
Narde, einen der Weinbeeren ähnlichen Samen, und schmeckt 
erwärmend und weinartig. Auf schattigen Bergen blühet 
sie des Jahres zweimal. Die beste wächst in Pontus, dann 
folgt die phrygische, und auf diese die illyrische. Man 
gräbt sie, wenn die Blätter anfangen auszubrechen, und 
trocknet sie an der Sonne, weil sie sonst leicht schimmlig 
und grau wird. Neulich hat man auch in Griechenland ein 
Kraut gefunden, dessen Blätter sich in nichts von der in- 
dischen Narde unterscheiden. 



>) Valeriana Dioscoridis Hawk. 

2) Vergl. XXI. B. 16. Cap. 

3) Obige V. Jatamansi. 

^) Hirculus. Saxifraga Hirculus L. Diese Pflanze liat aber aller- 
dings einen Stengel, was Plinius leugnet. 
^) Asarum. Asarum europaeum L. 



-Zwölftes Buch. 17 

28. 
Von dem Arno m um ist die Traube im Gebrauche. 
Einige glauben sie komme von der indischen wilden Rebe*), 
einem myrtenartigem handhohem Strauche. Man sammelt 
es mit der Wurzel, und jedesmal eine Hand voll behutsam 
zusammen gelegt, weil es sonst leicht zerbricht. Dasjenige 
wird für das beste gehalten, was denen des Granatbaumes 
ähnliche, nicht runzlige und röthliche Blätter hat. Das 
blasse bildet die zweite Sorte, noch schlechter ist das gras- 
artige, und am schlechtesten das weisse, welche Farbe es 
im Alter bekommt. Von der Traube kostet 1 Pfund 
öO Denare, von dem zerriebeneu Amomum aber 49. Es 
wächst auch in dem armenischen Distrikte Otene in Me- 
dien und in Pontus. Man verfälscht es mit Granatblättern 
und flüssigem Gummi, damit es zusammenhält und die 
Form einer Traube bekommt. Es giebt noch eine andere 
Art, Amomis genannt, welche weniger aderig, härter und 
von geringerem Gerüche ist; woraus hervorgeht, dass sie 
entweder etwas Anderes als das Amomum sei, oder unreif 
eingesammelt werde. 

29. 
Diesen im Namen und Ansehen ähnlich ist das Car- 
damomum^) mit länglichen Samen, wird auch in Arabien 
zu denselben Preisen verkauft. Es giebt 4 Arten davon; 
-die grünste und fette mit spitzen Ecken und schwer zu 
zerreiben, wird am meisten geschätzt; die zweite ist röth- 
lichweiss, die dritte kürzer und schwärzer. Noch schlechter 
ist die scheckige, die sich leicht zerreiben lässt und wenig 
Geruch besitzt. Die ächte muss dem Costus nahe kommen. 
Auch dieses Gewächs trifft man in Medien. Der Preis von 
1 Pfund des besten Cardamom beträgt 3 Denare. 

30. 
Den nächsten Rang würde nun der Zimmt verdienen, 
'Wenn es nicht passender wäre, zuvor die Reichthümer 



•) Vitis Labrusca. Soll N'itis vitigiaea L. sein. 
^) Amomum Cardamomum L. 
Wittstein: Plinius. in. Bd. 



18 Zwölftes Buch. 

Arabiens zu nennen, und die Ursachen anzugeben, welc lie 
ihm den Namen des glücklichen und gesegneten verliehen 
haben. Die vorzüglichsten Erzeugnisse daselbst sind der 
Weihrauch^) und die Myrrhe; letztere kommt auch im 
Lande der Troglodyten vor, der Weihrauch aber in keinem 
andern Lande als in Arabien, und nicht einmal hier über- 
all. Fast in der Mitte desselben wohnen die Atramiter,. 
ein Stamm der Sabäer mit der Hauptstadt Sabota auf einem 
hohen Berge, und 8 Stationen weiter davon entfernt liegt 
ihre Weihrauchtragende Gegend, Saba genannt, was nach 
griechischer Auslegung soviel als mysterium heisst. Sie 
liegt gegen Osten, ist allenthalben durch Felsen und von 
der rechten Seite durch Meeresklippen unzugänglich. Hier 
allein soll das Meer röthlichmilchweiss sein. Die Länge 
der Wälder beträgt 20 Schönus und die Breite halb so viel. 
Ein Schönus misst nach Eratosthenes 40 Stadien oder 
5000 Schritte, nach Andern nur 32 Stadien. Dort erheben 
sich hohe Hügel, und laufen in eine Ebene, wo jene Bäume 
wildwachsen, aus. Man kommt darin überein, dass das 
Erdreich thonig ist, und wenige natronhaltige Quellen hat. 
Es wird von einem andern Bezirke, in welchem die Minäer 
wohnen, begrenzt, durch welchen man den Weihrauch auf 
einem engen Wege ausführt. Dieses Volk hat den Handel 
damit angefangen, betreibt ihn am stärksten, und nach ihm 
wird er auch Minäum genannt. Ausser den Minäern sieht 
kein Araber und unter ihnen nicht einmal ein jeder den 
Weihrauchbaum. Ihre Anzahl soll sich nur auf 3000 Fa- 
milien belaufen, welche sich das Eecht durch Erbfolge zu 
erhalten wissen. Sie sollen deshalb auch heilige genannt 
werden, und während dem Einschneiden der Bäume oder 
dem Absammeln sich nicht durch Berührung von Frauen 
oder Leichen verunreinigen. Durch diese religiösen Beo- 
bachtungen höben sie den Preis der Waare. Einige be- 
richten, diese Völker hätten ohne Unterschied Weihrauch, 



*) Thus. Boswellia thurifera Roxb. 



Zwölftes Buch. 19 

in diesen Wäldern; andern Nachrichten zufolge theilen sie 
ihn jährlich abwechselnd unter sich. 

OL. 

Von der Gestalt des Baumes selbst weiss man auch 
nichts. Wir haben Kriege in Arabien geführt und die rö- 
mischen Waffen sind in einen grossen Theil desselben ein- 
gedrungen; selbst Cajus Cäsar, der Sohn des Augustus, 
strebte dort nach Euhm, und dennoch ist (so viel ich weiss) 
von keinem Lateiner der Baum beschrieben worden. Die 
Angaben der Griechen weichen sehr von einander ab. Ei- 
nige berichten, er habe Blätter wie ein Birnbaum, nur seien 
sie kleiner und von grasgrüner Farbe, Andere sagen, er 
sei dem Mastixbaum i) ähnlich und habe röthliche Blätter. 
Noch Andere halten ihn für eine Terebinthe 2), und diess 
hat auch dem Könige Antigonus, dem ein junger Stamm 
gebracht wurde, so geschienen. Der König Juba erzählt 
in den Büchern, die er an C. Cäsar, den Sohn des Augu- 
stus, der sich in Arabien Ruhm zu erwerben wünschte, 
schrieb: er habe einen gewundenen Stamm, Aeste wie der 
Ahorn, besonders der pontische, und lasse einen Saft wie 
der Mandelbaum von sich; solche sähe man auch in Car- 
manien , und in Aegypten wären sie durch die Bemühungen 
der dort regierenden Ptolemäer angepflanzt. Gewiss ist, 
dass er eine dem Lorbeerbaum ähnliche Rinde hat, und 
Einige sagen, auch das Blatt gleiche ihm. Wenigstens 
haben die Sarder solche Bäume gehabt, denn auch die 
Könige in Asien verwandten Sorgfalt auf ihre Anpflanzung. 
Die Gesandten, welche zu meiner Zeit aus Arabien kamen, 
haben alles noch ungewisser gemacht, worüber man sich 
mit Recht wundern muss, da sie sogar Zweige von Bäumen 
mit zu uns brachten; diesen kann man es glauben, dass 
auch ein Baum mit rundem, knotenlosem Stamme Zweige 
treibe. 



') Lentiscus. Pistacia Lentiscus L. 
^) Terebinthus. Pistacia Terebinthus L. 



20 Zwölftes Buch. 

32. 

Als sich uoch weniger Gelegenheit zum Verkaufe dar- 
bot, pflegte mau den Weihrauch nur einmal im Jahre zu 
sammeln. Jetzt macht die häufigere Nachfrage danach eine 
zweite Erndte erforderlich. Die erste und natürliche Lese 
geschieht, wenn der Hundsstern aufgeht, bei der grössten 
Hitze, indem man da, wo der Baum am saftreichsten scheint 
und die Rinde am dünnsten ist. Einschnitte macht. Diese 
Stelle wird nun erweitert, jedoch die Rinde nicht wegge- 
nommen, worauf aus der Wunde ein fetter Schaum quillt 
welcher gerinnt, sich verdichtet, und wo es die Beschaffen- 
heit des Orts erfordert auf einer Palmmatte, sonst aber 
auf dem Boden, der ringsumher festgeschlagen ist, aufge- 
fangen wird. Auf jene Weise erhält man Weihrauch 
reiner, auf diese dichter. Was am Baume hängen bleibt, 
wird mit einem Eisen abgeschabt, enthält daher Rinden- 
theile. Der Wald, welcher in gewisse Theile geschieden 
ist, bleibt durch gegenseitige Rechtlichkeit gesichert, und 
man bewacht weder die angeritzten Bäume, uoch entwen- 
det Einer dem Andern etwas. Man bedenke dagegen: in 
Alexandrien, wo der Weihrauch noch gekünstelt wird, 
können die Werkstätten nicht genug bewacht werden. 
Hier wird der Schurz des Arbeiters bezeichnet, sein Kopf 
mit einer Maske und einem dichten Netze versehen, ja sie 
müssen nackt herausgehen. Folglich macht bei uns die 
Strafe noch weniger treu, wie dort die Wälder. Im Herbste 
sammelt man den, welcher sich im Sommer erzeugt hat. 
Dieser ist weiss und am reinsten. Die zweite Lese ge- 
schieht im Frühlinge, und zu ihrem Behuf wird die Rinde 
im Winter eingeschnitten. Dieser fliesst röthlich hervor 
und hält mit dem erstem keinen Vergleich aus. Jener 
heisst der carphiatische, dieser der dathiatische. Man 
glaubt, der Weihrauch von jungen Bäumen sei weisser, der 
von alten wohlriechender. Einige sind der Meinung, von 
den Inseln sei er besser; Juba aber sagt, auf Inseln komme 
gar keiner vor. 

Derjenige Weihrauch, welcher runde Tropfen bildet, 



■ Zwölftes Buch. 21 

heisst der männliclie, obgleich man sonst nicht leicht etwas 
männlich nennt, von dem nichts weibliches existirt. Aus 
Keligiosität hat man das andere Geschlecht dabei nicht ge- 
braucht. Einige sind der Meinung, der männliche habe 
seinen Namen wiegen der Aehnlichkeit mit den Hoden er- 
halten. Besonders beliebt aber ist der zizenförmige, bei 
dem ein Tropfen sich mit einem andern vermischt hat. Ich 
finde angeführt, dass ein solches Stück eine Hand ausge- 
füllt hat, als die Sucht die Bäume zu plündern noch ge- 
ringer war und diesen zur Erzeugung des Weihrauchs Zeit 
gelassen wurde. Die Griechen nennen solchen Weihrauch 
den geflossenen ^) und den untheilbaren -), den kleinern 
aber Erbsenrauch 3). Die Brocken, welche abgesprungen 
sind, nennen wir Manna. Doch findet man auch noch jetzt 
Körner, welche dem 3. Theile einer Mine, d. i. dem Ge- 
wichte von 28 Denaren gleich kommen. Alexander dem 
Grossen sagte sein Erzieher Leonides, als er in seiner Kind- 
heit den Weihrauch zu verschwenderisch auf den Altar 
streuete, er möge auf solche Art opfern, wenn er die Weih- 
rauch-Völker besiegt hätte. Jener aber schickte diesem, 
als er Arabien erobert hatte, ein mit Weihrauch beladenes 
Schiff, und Hess ihm sagen, er möge davon den Göttern 
reichlich spenden. 

Der gesammelte Weihrauch wird auf Kameelen nach 
Sabota, der einzigen dahinführenden Pforte gebracht. Nach 
den Gesetzen steht Todesstrafe darauf, vom Wege abzu- 
weichen. Dort empfangen die Priester für den Gott, welchen 
sie Sabis nennen, den 10. Theil dem Maasse, nicht dem 
Gewichte nach; eher darf nichts davon verkauft werden. 
Von jenem Antheile werden die öffentlichen Kosten be- 
stritten, denn der Gott unterhält die Fremden eine gewisse 
Anzahl von Tagereisen hindurch. Er kann i'nicht anders 
als durch das Land der Gebaniter ausgeführt werden, da- 
her wird auch dem Könige derselben ein Zoll erlegt. Ihre 



') stagonias. ^) atomum. 

^) Orobias; von orobus (oQoßog) die Kichererbse. 



22 Zwölftes Buch. 

Hauptstadt Thomna ist von der auf unserer Küste belege- 
nen jüdischen Stadt Gaza, 4,436,000 Schritte entfernt, welche 
Strecke in 65 Kameel-Stationen getheilt wird. Auch den 
Priestern und Schreibern der Könige werden bestimmte 
Antheile gegeben. Ausser diesen plündern noch die Wäch- 
ter, Trabanten, Pförtner und Bedienten davon. Wohin ihr 
Weg geht, müssen sie hier für Wasser, dort für Futter, 
oder für das Quartier und allerlei Zölle zahlen, so dass 
die Kosten für jedes Kameel sich bis an unsere Küste auf 
688 Denare belaufen, und dann wird noch an die Zoll- 
pächter unseres Reiches abgegeben. Daher kostet 1 Pfund 
des besten Weihrauchs 6, die 2. Sorte 5 und die 3. 3 De- 
nare. Man verfälscht ihn bei uns mit Thränen eines weissen 
Harzes, die ihm ähnlich sind, erkennt diesen Betrug aber 
auf die angeführte Weise. Bei seiner Prüfung nimmt man 
Rücksicht auf seine Weisse, seinen Umfang, seine Zerbrech- 
lichkeit, die Kohle, die er giebt, und seine leichte Brenn- 
barkeit. Auch darf er von den Zähnen keinen Eindruck 
annehmen, sondern muss in Stücke springen. 

33. 

Einige haben berichtet, der Myrrhenbaum ^) wachse 
in denselben Wäldern unter den übrigen Bäumen, nach An- 
dern steht er abgesondert; übrigens kommt er an vielen 
Orten Arabiens vor, wie bei den einzelnen Arten gezeigt 
werden soll. Auch die Inseln liefern eine gute Sorte, und 
die Sabäer fahren sogar über das Meer und holen Myrrhe 
von den Troglodyten. Man trifft auch den Myerhnebaum 
angepflanzt, und dieser liefert ein besseres Produkt als der 
wilde. Er gedeihet besonders gut, wenn er behackt und 
mit einem Graben umzogen wird, wodurch die Wurzeln sich 
abkühlen. 

34. 

Die Höhe des Baumes beträgt 5 Cubitus; er ist mit 
Dornen versehen, der Stamm hart, gewunden und dicker 



') Myn-ha. Amyris Kataf Forsk. (ßalsamodeudron Myrrha 
Ehrenb.) 



' Zwölftes Buch. 23 

als der Weihrauchbaum, jedoch mehr in der Nähe der 
Wurzel als an seinen übrigen Theilen. Einige haben die 
Kinde für glatt und dem Unedo ähnlich, Andere für rauh 
und dornig ausgegeben. Das Blatt gleicht dem des Oel- 
baumes, ist aber rauher und stachelig; Juba vergleicht es 
mit dem Blatt vom Olusatrum. Nach Einigen ist der Baum 
dem Wachholder ähnlich, nur noch rauher und voller Dor- 
nen, das Blatt runder, aber vom Geschmacke des Wach- 
holders. Es gab sogar Leute, welche die falsche Meinung 
aussprachen, beide Gummiharze wüchsen auf dem Weih- 
rauchbaume. 

35. 

Die Myrrhenbäume werden ebenfalls zweimal und 
zu derselben Zeit, aber von der Wurzel an bis zu den 
Aesten eingeschnitten, wenn die Bäume saftreich sind. Sie 
schwitzen von selbst, bevor sie gereizt werden, die soge- 
nannte Tropfmyrrhe i) aus, welche alle übrigen Sorten 
übertrifft. Nach dieser kommt die von angepflanzten 
Bäumen gewonnene, und unter denjenigen von wilden 
Stämmen hat die Sommermyrrhe den Vorzug. Von der 
Myrrhe giebt man der Gottheit keinen Antheil, weil sie 
auch bei andern Völkern vorkommt, doch erhält der König 
der Gebaniter den 4. Theil davon, Uebrigens kauft man 
sie hie und da von den gemeinen Leuten zusammen, und 
packt sie in Schläuche, unsere Salbenhändler wissen sie 
aber leicht nach dem Gerüche und der Fettigkeit zu 
Sortiren. 

Es giebt mehrere Sorten Myrrhe. Unter denen von 
wilden Bäumen ist die troglodytische die erste, dann folgt 
die miuäische, zu welcher auch die atramitische und die 
au sari tische in dem Königreiche der Gebaniter gehört. Die 
dritte ist die dianitische; die vierte die zusammengetragne 2) • 
die fünfte die sambracenische, sogenannt von der nahe am 



») Stacte. 
^) CoDatitia, 



24 Zwölftes Buch. 

Meere liegenden Stadt im Reiche der Sabäer.; die sechste 
die sogenannte dusaiitische. Es giebt auch eine weisse» 
jedoch nur an einem einzigen Orte, die in der Stadt Messa- 
lum zusammengebracht wird, Die troglodytische erkennt 
man an ihrer Fettigkeit und daran, dass sie im Ansehen 
trockner, auch schmutzig und rauh, aber schärfer als die 
übrigen ist. Die sambracenische hat die ebengenannten 
Fehler nicht, ist von Aussen hübscher als die andern, je- 
doch nicht kräftig. üeberhaupt aber erkennt man die 
Güte einer Myrrhe an den kleinen, nicht runden, im Innern 
weissen und matten, beim Brechen weisse Splitter bildenden 
und gelinde bitter schmeckenden Körnern. Die inwendig 
scheckig aussehende bildet die zweite Sorte; die im Innern 
schwarze ist noch schlechter, und am schlechtesten, wenn 
sie auch ausserhalb so aussieht. Die Preise sind nach den 
mehr oder weniger günstigen Gelegenheiten, die sich den 
Käufern darbieten, verschieden. Die Tropfmyrrhe variirt 
im Preise von 3 bis zu 50 Denaren, die gebauete kostet 
höchstens bis 11, die erythräische, d. i. die arabische, bis 
16, der Kern der troglodytischen 16, die sogenannte 
Räuchermyrrhe aber 14 Denare. Man verfälscht sie mit 
Mastixkörnern und Gummi, desgleichen mit Gurkensaft der 
Bitterkeit wegen, sowie mit Silberglätte, um das Gewicht 
zu vermehren. Die übrigen Fehler findet man durch den 
Geschmack, denn das Gummi wird zwischen den Zähnen 
weich. Die schändlichste Verfälschung ist aber die mit 
indischer Myrrhe, welche von einem gewissen Dornge- 
wächse daselbst gesammelt wird, der einzige schlechte 
Stoff aus Indien ist, und sich an ihrer verwerflichen Be- 
schaffenheit leicht erkennen lässt. 

36. 
Wir gehen nun zum Mastix über, welcher von einem 
andern Dornbaume Indiens, der aber auch in Arabien wächst 
und Laina heisst, gewonnen wird. Auch vom Mastix giebt 
es 2 Sorten; denn sowohl in Asien als in Griechenland 
findet sich eine krautartige Pflanze mit Wurzelblättern und 
einem, mit Samen erfüllten und einem Apfel ähnlichen- 



■ Zwölftes Buch. 25> 

Distelkopfe, aus dessen obersten Theile, wenn er geritzt 
wird, ein Saft quillt, der kaum von dem wahren Mastix 
unterschieden werden kann ^) In Pontus giebt es noch eine 
dritte Sorte, die aber mehr dem Erdpech gleicht. Der beste 
ist der weisse von Chios, von dem das Pfund 20 Ass, von 
dem schwarzen aber 12 Ass kostet. Man sagt, der chio- 
tische schwitze wie ein Gummi aus dem Lentiscus^). Er 
wird, gleich dem Weihrauche, mit Harz verfälscht. 

37. 
Arabien rühmt sich ferner des Ladanum^). Viele 
haben berichtet, diess entstehe von ohngefähr und durch 
Zufall, sowie durch Verderbniss eines andern Rauchwerks- 
Die Ziegen, ein sonst den Zweigen schädliches und nach 
wohlriechenden Sträuchern begierigeres Thier, sollen, als 
wenn sie den Werth derselben wüssten, die von süssem 
Safte strotzenden Stengel der Pflanzen benagen, und den 
daraus tröpfelnden Saft durch zufällige Berührung mit ihren 
frechen Barthaaren abwischen. Dieser werde durch hinzu- 
kommenden Staub geballt und an der Sonne verdickt; da- 
her fände man auch im Ladanum Ziegenhaare. Diese Ein- 
sammlungsweise soll aber nur bei den Nabatäern, welche 
zu den an Syrien grenzenden Arabern gehören, vorkommen. 
Die neuern Schriftstellern nennen das Ladanum Stobolon 
oder Storbon, und sagen, das Buschwerk in Arabien werde 
durch die weidenden Ziegen gebrochen, und dabei hänge sich 
der Saft in ihre Haare, das wahre Ladanum sei aber auf der 
Insel Cypern. Diess entstehe (um hier überhaupt von den 
Rauchwerken, wenn auch nicht nach der Ordnung der 
Länder, zu reden) daselbst auf ähnliche Weise, und es sei 
eine Art Schmutz ^), die sich an die Barte und haarigen 
Kniee der Böcke hänge, besonders, wenn sie früh Morgens, 
wo die Insel voll Thau ist, die Epheublüthen benagen. 



1) Die Mutterpflanze heisst Atractylis gumraifera L, 

2) Pistacia Lentiscus L. 

^) Die wahre Mutterpflanze desselben heisst Cistus creticus L.. 
Dann wird es aber auch von C. monspeliensis L gesammelt, 
■*) Oesypus, 



26 Zwölftes Buch. 

Nachher, weuii die Souue den Nebel zerstreuet habe, hafte 
der Staub auf den nassen Haaren, und nun werde das 
Ladanum abgekämmt. 

Einige sagen, es käme von einem auf Cypern wach- 
senden Kraute, welches sie Leda, und das davon gewonnene 
Harz Ledanuni nennen. Das Kraut enthalte ein Fett, man 
zöge es daher mit Schnüren zusammen, rolle es auf und 
mache Kugeln daraus. Es giebt also bei beiden Völkern 
2 Arten von Ladanum, ein irdisches (natürliches) und 
künstliches; ersteres ist zerreiblich, letzteres zähe. 

Auch in Carmanieu soll es einen Ladanum- Strauch 
geben, und nach Aegypten durch die Ptolemäer mit andern 
Pflanzen gebracht worden sein; oder (nach Andern) käme 
es mit von dem Weihrauchbaume, werde wie Gummi durch 
Einschneiden der Rinde gesammelt und in Ziegenfellen 
aufbewahrt. Von der besten Sorte kostet das Pfund 40 Ass. 
Es wird mit Myrteubeeren und mehreren Schmutztheilen 
von Thieren verfälscht. Der Geruch des reinen muss wild 
sein, und gewissermaassen an die Einsamkeit erinnern; 
es muss trocken aussehen, aber beim Anfassen sogleich 
weich werden, angezündet hell brennen, und einen starken 
augenehmen Geruch verbreiten. Das mit Myrten versetzte 
erkennt man au dem Prasseln im Feuer. Ausserdem 
stecken in dem echten mehr Steinchen von Felsen, als 
feines Pulver. 

38. 

In Arabien liefert auch der Oelbaum einen tropfenden 
Saft, woraus eine Arznei bereitet wird, die bei den 
Griechen die blutstillende ^) genannt wird, und sich ganz 
besonders wirksam zeigt, Wunden zusammenzuziehen und 
zu vernarben. An den Seeküsten werden diese Bäume 
durch die Fluth der Wellen bedeckt; doch schadet diess 
den Beeren nicht, denn man weiss, dass das Seesalz selbst 
auf den Blättern zurückbleibt. Diess ist Arabien eigen- 
thümlich, und ausserdem hat es noch Einiges mit andern 

*) enhaemum. 



. Zwölftes Buch. 27 

Ländern gemeinschaftlich, wovon wir aber an einem andern 
Orte reden wollen, weil es darin von andern Ländern 
übertroffen wird. Die Araber holen merkwürdigerweise 
bei auswärtigen Völkern fremde Rauch werke. So leicht 
werden die Menschen ihrer eignen Sachen überdrüssig, und 
so begierig sind sie nach fremden. 

39. 
Sie reisen nämlich zu den Elymäern, um den Bratus^) 
zu lioleu. Dieser gleicht einer ausgebreiteten Cypresse, 
hat weissliche Aeste, riecht angezündet angenehm, und ist 
in dem Geschichtsbüchern des Kaisers Claudius, welcher 
angiebt, die Parther streueten davon in ihre Getränke, 
wunderbar gepriesen worden. Im Gerüche soll er der Ceder 
am nächsten kommen, und sein Rauch gut für anderes 
Holz sein. Er wächst jenseits des Pasitigris an den Grenzen 
der Stadt Sittaca auf dem Berge Zagrus. 

40. 
Auch zu den Carmanern reisen sie wegen des Baumes 
Strobus^), mit dem sie räuchern, zu welchem Zwecke sie 
ihn mit Palmwein übergiessen und dann anzünden. Sein 
Geruch geht von der Decke zum Fussboden, ist augenehm, 
beschwert aber den Kopf, jedoch ohne Schmerzen. Sie 
suchen damit den Kranken Schlaf zu verschaffen. Durch 
diesen Handel haben sie den Weg zur Stadt Carrhä ge- 
öffnet, welche ihr Marktplatz ist. Von da pflegten sie alle 
nach Gabba, welches 20 Tagereisen weit liegt, und nach 
Palästina in Syrien zu reisen. Nach Juba's Berichte fingen 
sie hernach aus demselben Grunde an, nach Charace und 
in die Reiche der Parther zu ziehen. Mir scheint auch, 
nach dem Zeugnisse Herodots, dass sie deshalb eher zu 
den Persern, als nach Syrien und Aegypten gereist sind, 
denn er erzählt, sie hätten alle Jahre den Königen von 
Persien 1000 Talente an Weihrauch als Zoll bezahlt. 



') luniperus Sabina L. 
-) Pinus Cenibra L. 



28 Zwölftes Buch. 

Aus Syrien holen sie den Styrax^), um durch dessen 
scharfen Geruch den unangenehmen Dunst ihrer eigenen 
Eauehwerke von den Heerden zu vertreiben. Uebrigens 
sind bei ihnen keine andern Holzarten im Gebrauche als 
wohlriechende ; die Sabäer kochen ihre Speisen bei Weih- 
rauchholze, Andere bei Myrrhenholze, und in ihren Städten 
und Dörfern herrscht ein Geruch und Duft, wie auf Altären. 
Um diesen nun zu entfernen, brennen sie Styrax auf Bock- 
fellen und durchräuchern damit die Häuser. So giebt es 
denn kein Vergnügen, welches nicht bei längerer Dauer 
Ekel erregt. Dieses Brennen geschieht auch, um die 
Schlangen zu verjagen, welche sich in den Balsamwäldern 
in grosser Menge aufhalten. 

41. 

Zimmt^) und Cassia^) haben die Araber nicht, und 
doch nennt man ihr Land das glückliche, ein Beiname, 
den es mit Unrecht und Undank führt, da es das Em- 
pfangene den obern Göttern spendet, und doch eher den 
untern schuldig ist. Selbst die Schwelgerei der Menschen 
im Tode hat es glückselig gemacht, weil sie dasjenige, 
von welchen sie wussten, dass es für die Götter erzeugt 
war, zur Verbrennung der Todten verwenden. Sachkundige 
versichern, das Land bringe in einem Jahre nicht soviel 
hervor, als der Kaiser Nero an dem Bestattungstage seiner 
Gemahlin Poppaea verbrannt habe. Nun rechne man jähr- 
lich die Menge von Leichen auf der ganzen Erde, und die 
zur Ehre der Todten haufenweise zusammengebrachten Spe- 
cereien, welche den Göttern nur brockenweise gegeben 
werden. Und doch waren sie denen, welche mit Schrot und 
Salz opferten, nicht weniger geneigt, ja sogar (wie klar 
am Tage liegt) noch geneigter. Aber das arabische Meer 
ist noch glücklicher, denn aus demselben kommen die 
Perlen zu uns. Nach dem geringsten Anschlage entziehen 



*) Styrax officinalis L. 
2) Laurus Cinnamomum L. 
^) Laurus Cassia L. 



' Zwölftes Buch. 29 

Indien, die Serer und diese Halbinsel unserm Reiche alle 
Jahre 100,000,000 Sesterzen. So viel kosten uns die Ver- 
gnügungen und die Weiber. Denn welcher Tbeil davon 
kommt, frage ich, an die Götter oder die Verstorbenen? 

42. 
Die Alten und besonders Herodotus erzählen fabel- 
hafterweise, der Zimmt und die Cassia würden aus ' den 
Nestern der Vögel und besonders des Phönix, in der Ge- 
gend Avo Bacchus erzogen wäre, auf unwegsamen Felsen 
und Bäumen entweder durch das Gewicht des Fleisches, 
welches sie selbst hineintrügen, herab geworfen, oder mit 
bleibeschlagenen Pfeilen herabgeschossen. Ebenso wachse die 
Cassiain der NähevouSümpfen,wo eine scheussliche Art Fleder- 
mäuse mit ihren Krallen, und geflügelte Schlangen den 
Zugang verwehrten. Durch solche Erdichtungen haben sie 
den Preis der Dinge erhöhet. Noch ein Mährchen ist dazu 
gekommen; durch das Zurückprallen der Mittagssonne soll 
sich nämlich die Luft mit einem unaussprechlichen Dufte 
über die ganze Halbinsel erfüllen, indem die Ausdünstungen 
so vielerlei Arten von wohlriechenden Pflanzen sich ver- 
einigen, und hiedurch sich auf hohem Meere der Flotte 
Alexanders des Grossen zuerst die Nähe Arabiens ange- 
kündigt haben. Alle diese Erzählungen sind falsch, denn 
das Cinnamomum und Cinnamum wächst in Aethiopien, 
dessen Bewohner mit den Troglodyten durch Heirathen 
vermischt sind. Diese kaufen die Waaren von ihren Grenz- 
nachbaren, und fahren sie über weite Meere auf Flössen^ 
welche durch keine Steuerruder gelenkt, durch keine Ruder 
weiter getrieben werden, keine Segel haben und keiner ge- 
schickten Leitung, sondern nur der Kühnheit dieser Men- 
schen anvertrauet sind. Ueberdiess befahren sie das Meer 
mitten im Winter, wo die Ostwinde wehen, welche ihre 
Fahrzeuge geradeswegs durch die Meerbusen treiben und 
mit einem Nordwest um ein Vorgebirge herum in den Hafen 
der Gebaniter, welcher Ocilia heisst, bringen. Deswegen 
besuchen sie diesen Hafen am meisten, kehren, wie man 
behauptet, kaum vor dem 5. Jahre wieder zurück, und viele 



30 Zwölftes Buch. 

von ihnen kommen um. Sie führen dagegen gläserne, und 
kupferne Gesehirre, Kleider, Schnallen, Armbänder und 
Halsbänder mit sich zurück. Dieser Handel besteht also 
hauptsächlich der Eitelkeit der Frauen wegen. 

Der Strauch selbst wird höchstens 2 Cubitus hoch, 
4 Finger dick, theilt sich gleich über der Erde in 6 Aeste, 
und sieht aus, als wenn er trocken wäre. Wenn er grünt 
hat er keinen Geruch, ein Blatt wie Origauum , liebt die 
Trockenheit, ist unfruchtbarer bei Regenwetter, und lässt 
sich leicht abhauen. Er wächst zwar in Ebenen, aber in 
den dichtesten Hecken und Dorngesträucb, und ist daher 
schwer zu sammeln. Man holt nicht davon, wenn es nicht 
der Gott erlaubt hat. (Einige verstehen darunter den Ju- 
piter, den jene Völker Assabinus nennen.) Durch ein Opfer 
von 44 Stieren, Ziegen und Widdern erlangt man die Er- 
laubniss zu hauen, was jedoch weder vor Sonnenaufgang 
noch nach Sonnenuntergang gestattet ist. Die Zweige zer- 
theilt der Priester mit einem Beile, und legt einen Theil 
für die Gotthoit zurück; das Uebrige bindet der Kaufmann 
in Bündel. Man giebt auch an , es werde durch die 
Sonnenwärme in 3 Theile getheilt, hernach 2 Theile da- 
von genommen, was nämlich der Sonne gewichen wäre? 
bliebe zurück und verbrenne von selbst. 

Die dünnsten Theile der Reiser, von der Länge einer 
Palme, sind von vorzüglichster Güte. Dann folgt dasjenige, 
was ihm am nächsten steht, aber kürzer ist, und so der 
Ordnung nach weiter. Das schlechteste befindet sich in 
der Nähe der Wurzel, weil daselbst am wenigsten Rinde 
ist, und die Rinde gerade das angenehmste Aroma enthält^ 
Aus diesem Grunde zieht man die obersten Spitzen, wo= 
die meiste Rinde ist, vor. Das Holz selbst wird wegen 
seiner Schärfe, die dem Origanum gleicht, verworfen und 
heisst Holzzimmti). Ein Pfund Zimmt kostet 10 Denare.^ 
Einige führen 2 Arten Zimmt an, eine weisse und eine 
schwärzliche. Ehemals ward die weisse vorgezogen, jetzt 



•) Xylocinnamomum. 



• Zwölftes Buch. 31 

hingegen schätzt man die schwarze, und zieht selbst die 
scheckige der weissen vor. Die sicherste Probe der Güte 
ist, dass er nicht rauh sei, und wenn man ihn aneinander 
reibt, sich nicht leicht abschabe. Man verwirft namentlich 
den weichen, und dessen Rinde wenig Zusammenhang hat. 

Das Recht ihn zu verhandeln geht allein vom Könige 
der Gebaniter aus, welcher den Verkauf desselben öffent- 
lich ankündigen lässt. Ehemals kostete das Pfund 
1000 Denare. Dieser Preis wurde um die Hälfte vermehrt, 
weil, wie man sagt, die Barbaren aus Zorn die Wälder an- 
gezündet hätten; ob diess wegen Ungerechtigkeiten der 
Machthaber oder von ohngefähr geschehen ist, weiss man 
nicht genau. Bei mehrern Schriftstellern finde ich auge- 
führt, dort weheten so heisse Südwinde, dass sie im Sommer 
die Wälder in Brand steckten. Kronen von Zimmt, in mit 
Figuren geschmückten Golde eingeschlossen hat zuerst der 
Kaiser Vespasiamus in den Tempeln des Capitols und des 
Friedens geweihet. Eine Wurzel des Zimmtbaumes von 
bedeutendem Gewichte haben wir in dem Tempel des Pa- 
latii, welchen dem Kaiser Augustus seine Gemahlin er- 
richtet hatte, gesehen; sie lag iu einer goldenen Schale, 
und die aus ihr fliessenden Tropfen erhärteten alljährig zu 
Körnern, bis endlich diess Heiligthum durch eine Feuers- 
brunst zerstört wurde. 

43. 

Die Cassia ist ebenfalls ein Strauch, wächst in der 
Nähe der Zimmtfelder, wird aber auf Bergen dicker, hat 
mehr eine dünne Haut als Rinde, und erhält im Gegensatz 
zum Zimmt dann Werth, wenn man diese von ihm abnehmen 
oder dünner machen kann. Er wird 3 Cubitus hoch, und 
seine Farbe ist dreifach; von seinem ersten Heryorsprossen 
an bis zu 1 Fuss Höhe erscheint er weiss, dann bis zu 
IV2 Fuss Höhe röthlich und hierauf schwarz. In letzterm 
Zustande schätzt man ihn am meisten, auf ihn folgt der 
röthliche, den weissen aber verwirft man. Man schneidet 
die Reiser in einer Länge von 2 Fingern ab und nähet sie 
in frische Häute von vierfüssigen Thieren, die zu dem Ende 



32 Zwölftes Buch. 

getödtet werden, damit die durch Fäulniss derselben ent- 
stehenden Würmer das Holz abnagen und die Rinde aus- 
höhlen, welche wegen ihrer Bitterkeit vor dem Anfressen 
gesichert ist. Man hält diejenige Rinde für die beste, welche 
frisch ist, den zartesten Geruch besitzt, im Munde eher ein 
scharfes Brennen als Beissen verursacht, purpurfarbig aus- 
sieht uijd von der die grösste Menge verhältnissmässig am 
wenigsten wiegt; auch sollen die Röhren der Rinde kurz 
und nicht zerbrechlich sein. Man belegt eine solche mit 
dem ausländischen Namen Lada. Eine andere Sorte heisst 
wegen ihres Geruchs Cassiabalsamodes, schmeckt aber bitter, 
und eignet sich daher besser zum Arzneigebrauch, sowie 
die schwarze zu Salben, Bei keiner Waare sind die Preise 
verschiedener, denn von der besten kostet das Pfund 50, 
von den übrigen das Pfund 5 Denare. 

Die Aufkäufer haben noch eine Sorte gemacht, welche 
sie die lorbeerartige i), mit dem Beinamen zimmtähnliche 
nennen, und in Quantitäten von 1 Pfund für 300 Denare 
ausbieten. Man verfälscht sie mit Styrax, und, wegen der 
Aehnlichkeit der Rinde, mit sehr dünnen Reisern des Lor- 
beerbaumes. Ja sie wird auch in unserm Welttheile ange- 
pflanzt, und wächst an der äussserten Grenze unseres 
Reiches, da wo es der Rhein bespült, in den Bienengärten. 
Ihm mangelt aber jene von der Sonne gedörrte Farbe, und 
daher auch zugleich jener Geruch. 

44. 
Aus dem an die Cassia und den Zimmt grenzenden 
Distrikte wird auch das Cancamum^) und das Tarum^) 
eingeführt, aber durch das Gebiet der nabatäischen Troglo- 
dyten, welche von den Nabatäern weggezogen sind und 
«ich daselbst festgesetzt haben. 

45. 
Daher wird auch das Serichatum und Gabalium 



*) Daphnoides. 

2) Ein Gummi. Etwa der Stocklack? Nach Sprengel soll es eine 
-Art MyiThe sein. 3) Aloeholz von Aloexylon Agallochum L. 



Zwölftes Buch. 33 

gebracht, welche die Araber unter sich verbrauchen; sie sind 
in unserm Welttheile nur dem Namen nach bekannt, wachsen 
jedoch mit dem Zimmt und der Cassia zusammen. In- 
dessen kommt das Serichatum mitunter zu uns und wird 
von Einigen uuter die Salben gethan. Für 1 Pfund bezahlt 

man 6 Denare. 

46. 

Der Myrobalanenbaum 1) wächst in Troglodytice, 
Thebais und dem Theile von Arabien, welcher Judäa von 
Aegypten scheidet, und findet Anwendung bei Salben, wie 
schon sein Name sagt, der ferner anzeigt, dass die Frucht 
eine Eichel ist. Das Blatt sieht dem des Heliotropium, von 
welchem wir bei den Kräutern reden werden 2), ähnlich. 
Die Frucht hat die Grösse einer Haselnuss; die in Arabien 
wachsende heisst die syrische und ist weiss, die aus The- 
bais kommende sieht dagegen schwarz aus. Jene hat den 
Vorzug wegen des vortrefflichen Oeles, welches aus ihr ge- 
presst wird, die thebaische giebt aber eine reichlichere Menge 
Oel. Die troglodytische ist die geringste Sorte. Einige 
ziehen allen diesen die äthiopische vor, welche auf Feldern 
wächst, schwarz, ohne Fett ist, einen kleinen Kern hat, 
deren ausgepresster Saft aber stärker riecht. Die ägyp- 
tische soll fetter sein, eine dickere Rinde und röthliche 
J Farbe haben; auch soll sie, ob sie gleich in Sümpfen 
wächst, kürzer und trockner sein, hingegen die arabische 
grün und zarter, und, weil sie auf Bergen wächst, dichter. 
Die beste soll die peträische sein, welche aus einer bereits 
angeführten Stadt kommt, eine schwarze Rinde und einen 
weissen Kern hat. Die Salbenhändler pressen nur die 
Schale aus, die Aerzte nur den Kern, indem sie sie zuvor 
unter zuweiligem Zusätze von warmem Wasser zerstossen. 

47. 

Aehnlich wie die Myrobalane und ihr zunächst ge- 
braucht man zu Salben eine Palme in Aegypten, welche 



') Myrobalanuin. Hyperanthera Moringa Yahl; die Behennuss. 
2) Im XXII. B. 29. Cap. 
Wittstein: Plinius. m. Bd. q 



34 Zwölftes Buch. 

Adipsos genannt wird, deren Frucht grün ist, den Geruch 
eines Quittenapfels hat, und inwendig kein Holz enthält '). 
Man sammelt sie kurz vor der Reife ein. Die Frucht^ 
welche man auf dem Baume zurücklässt, heisst Phönico- 
balanus^), wird schwarz, und berauscht die davon Essen- 
den. Von der Myrobalaue kostet das Pfund 2 Denare. Die 
Salbenbereiter benennen auch das Unreine (den Absatz) 
der Salben mit diesem Namen. 

48. 
Auch der wohlriechende Calamus^), der in Ara- 
bien wächst, kommt in Indien und Syrien und in letzterm 
Lande in einer Entfernung von 50 Stadien vom Meere ^) 
am meisten vor. Zwischen dem Berge Libanus, und einem 
andern unbekannten, nicht (wie einige geglaubt haben) 
dem Antilibanus, in einem nicht sehr grossen Thale neben 
einem See, dessen Sumpf wasser im Sommer austrocknet, 
und 30 Stadien vom Antilibanus wächst der wohlriechende 
Calamus und der wohlriechende Juncus 5). Ich will 
jetzt auch den letztern abhandeln, da gerade von den 
Stoffen zu den Salben die Rede ist, obgleich ich den Kräu- 
tern ein anderes Buch gewidmet habe. Beide sind dem 
Ansehn nach von den übrigen Pflanzen ihrer Art nicht 
verschieden; der Calamus aber besitzt einen vortrefflichen 
Geruch, und lockt dadurch schon von Weitem an, ist auch 
weicher anzufühlen. Die bessere Qualität davon bricht 
weniger leicht und mehr spahnweise nach Art des Rettigs. 
Im Rohrstengel befindet sich ein spinugewebeartiges Mark, 
welches die Blume heisst; jemehr davon vorhanden, um so- 
besser ist das Rohr. Ausserdem wird das geschätzt, wel~ 
ches schwarz ist; an andern Orten hingegen verwirft man 
diess. Je kürzer und dicker, und je zäher beim Brechen,. 



*) D. h. keinen Samen hat. 

2) Plinius versteht darunter die unreife Frucht der Dattelpalme, 
Phoenix dactylifera. 

3) Calamus odoratus. Acorus Calamus L? 
'') D. i. dem mittelländischen. 

^) luncus odoratus. Cyperus rotundus L. 



Zwölftes Buch. 35 

um so besser ist es. Vom Calamus kostet das Pfund 11, 
vom Juncus 15 Denare. Der wohlriechende Juncus soll 
sich auch in Campanien finden, 

49. 

Wir sind jetzt von den gegen den Ocean hin liegen- 
den Ländern in diejenigen gekommen, welche sich in un- 
sere Meere beugen. In Afrika, welches zunächst unter 
Aethiopien liegt, tröpfelt innerhalb seiner Sandwüsten das 
Hammoniacum .gleich einem Harze oder Gummi her- 
vor; diesen Namen hat es von dem Orakel des Hammon, 
in dessen Nähe der Baum, den man Metopion nennt, wächst ^). 
Es giebt zwei Arten, das bröckliche -), welches dem männ- 
lichen Weihrauch ähnlich sieht, und am meisten geschätzt 
wird, und das massige 3), welches fett und harzig ist. 
Man verfälscht es mit Sand, und zwar so, dass es aussieht, 
als ob es im Entstehungsmomente damit in Berührung 
gekommen wäre. Dasjenige ist daher das beste, was aus 
den kleinsten und reinsten Körnern besteht, und von diesem 
kostet das Pfund 40 Ass. 

50. 

Von dem Sphagnos, was unterhalb dieser Gegenden 
wächst, wird das von der eyrenaischen Provinz kommende 
am meisten gelobt. Andere nennen es Bryon. Die zweite 
Sorte bildet das cyprische, die dritte das phönicische. Es 
soll auch in Aegypten, ja sogar in Gallien vorkommen, 
und ich möchte es auch nicht bezweifeln, denn es giebt 
unter diesem Namen eine Art grauen haarigen Mooses an 
den Bäumen, besonders den Eichen, welches aber vortreff- 
lich riecht. Den ersten Rang verdient das weisseste und 
höchste, den zweiten das röthliche; das schwarze, desglei- 
chen das auf Inseln und Felsen wachsende, sowie das, 
was den Geruch von den Palmen und nicht seinen eigenen 
hat, werden verworfen. 



') Das Ammoniacum, ein Gummiharz, kommt von keinem Bamne 
sondern von einem Doldengewäche , Ferula Orientalis oder Dorema 
armeniacum. 

^) thrauston. ^) phyrama. 

3* 



36 Zwölftes Buch. 

51. 
In Aegypten wächst ein Baum Namens Cypros^) mit 
Blättern desZiziphus 2), und dem Coriander ähnlichen, weissen, 
wohlriechenden Samen. Diesen kocht man in Oel, drückt 
aus, und giebt ihm nun den Namen Cyprus. Ein Pfund 
davon kostet 5 Denare. Der beste Cyprus wird aus dem 
canopischen, welcher an den Ufern des Nils wächst, berei- 
tet, der zweite kommt von Ascalon in Judäa, der dritte 
von der Insel Cypern und besitzt einen angenehmen Ge- 
ruch. Einige sagen, diess sei derselbe Baum, welcher in 
Italien Rainweide ^) genannt wird. 

52. 
In demselben Distrikte wächst auch der Aspalathos^), 
ein weisser Dornstrauch, von der Grösse eines gewöhnlichen 
Baumes, und mit rosenrother Blüthe. Die Wurzel dient 
zu Salben. Man sagt, nur die Sträucher, auf welche sich 
der Regenbogen herabkrümme, erhielten jenen angenehmen 
Geruch, wie der Aspalathos, dieser aber bekäme dadurch 
einen äusserst lieblichen. Einige nennen ihn Erysiscep- 
trum^). Andere Sceptrum. Seine gute Beschaffenheit be- 
steht in der röthlichen oder feurigen Farbe, in der Dichtig- 
keit beim Anfühlen und in dem Gerüche nach Bibergeil. 
1 Pfuiid davon kostet 5 Denare. 

53. 

In Aegypten wächst auch das Maron^), was aber 

schlechter als das lydische ist, und grössere scheckige 

Blätter, während dieses kurze, kleine und wohlriechende 

hat. 

54. 

Aber allen wohlriechenden Specereien wird der ßal- 



') Lawsonia alba Lam. 

2) Rhamnus Zizj'j^hus L. Sextus Pampinius brachte diesen Strauch 
zu Augusts Zeiten aus Syrien nach Italien. Brustbeerenbaum. 

3) Ligustruiii. Ligustrum vulgare L. 

^) Genista acanthoclada Dec; nach Andern: Aquilaria- Arten. 
Aloeholz? ^) Vergl. XXIV. B. 69, Cap. 
^) Origanuna sipyleum L. 



Zwölftes Buch. 37 

sambaum') vorgezogen, der nur allein dem jüdischen 
Lande verliehen ist, und ehedem nur in 2 königlichen Gär- 
ten anzutreffen war, von denen der eine nicht mehr als 
20 Jugera und der andere noch weniger umfasst. Die 
beiden Kaiser Vespasian zeigten diess Bäumchen zuerst 
in Rom, und es muss rühmlich erwähnt werden, dass wir 
seit dem grossen Pompejus auch Bäume im Triumphe auf- 
geführt haben. Jetzt dient er uns, jetzt ist er uns sammt 
seinem Volke zinsbar, und wir finden ihn von ganz ande- 
rer Beschaffenheit, als ihn unsere und auswärtige Schrift- 
steller beschrieben haben; denn er gleicht mehr einem 
Weinstocke als einer Myrte. Man sagt, er werde wie der 
Weinstock, kurz nach dem Binden durch Schösslinge fort- 
gepflanzt; er bedeckt die Hügel nach Art der Weinpflan- 
zungen, und die Pflanzen halten sich selbst ohne Stützen. 
Auf gleiche Weise beschneidet man ihn wenn er buschig 
wird; durch Behacken gewinnt er an Ansehn, wächst schnell 
und trägt im 3. Jahre Früchte. Die Blätter, welche ihm 
nie mangeln, sehen denen der Gartenraute ähnlich. Die 
Juden haben wider ihn gewüthet, wie gegen ihr eigenes 
Leben; dagegen vertheidigten ihn die Römer, und so ist 
denn sogar für einen Strauch gefochten worden. Jetzt 
lässt ihn die kaiserliche Casse pflanzen, und niemals war 
er früher in grösserer Menge und höher vorhanden. Seine 
Höhe beträgt nicht über 2 Cubitus. 

Es giebt drei Arten dieses Baumes. Eine mit dünnem 
und haarigem Schöpfe heisst der leicht zu beschneidende 2); 
die zweite von rauhem Ansehn, gekrümmt, buschig und 
wohlriechender: der rauhe ^); die dritte mit glatter Rinde 
heisst die lange ^) , weil er höher als die übrigen ist. 
Letzterer hat den 2. Rang, am schlechtesten ist der erst- 
genannte. Der Same kommt im Geschmack dem Weine 
am nächsten, hat eine röthliche Farbe und enthält etwas 
Fett; die leichten und grünen Körner sind schlechter; die 



') Balsamum. Amyris Gileadensis L. 
2) eutheriston. ^) trachy. ^) eumeces 



38 Zwölftes Buch. 

Aeste dicker wie die der Myrte. Er wird mit Glas, Steinen 
oder knöchernen Messern geritzt. Man darf ihn im leben- 
den Zustande nicht mit einem Eisen verletzen, sonst stirbt 
er sogleich ab, dennoch kann man das Ueberflüssige ohne 
Schaden damit abschneiden. Die Hand dessen, der ihn 
anschneidet, muss so gelenkt werden, dass sie mit dem In- 
strumente nicht tiefer als in die Rinde kommt. 

Aus dem Schnitte fliesst ein Saft, der Opobalsamum 
genannt wird, einen äusserst lieblichen Geruch besitzt, aber 
nur in kleiuen Tro))feu hervorquillt, und mittelst Wolle in 
kleinen Hörnern aufgefangen wird. Aus diesen wird er in 
neue irdene Geschirre gethan, gleicht jetzt einem dicken 
Oele und sieht, so lange er noch frisch ist, weiss aus. 
Später wird er röthlich, dabei zugleich hart und durch- 
scheinend. Als Alexander der Grosse dort Krieg führte, 
war das rechte Maass an einem Sommertage eine Muschel 
voll. Die ganze Erndte aber betrug aus dem grossen 
Garten 6, aus dem kleinen 1 Congius, und diese Quantität 
wurde mit dem doppelten Gewichte Silber aufgewogen. 
Jetzt geben die einzelnen Bäume eine reichlichere Ausbeute; 
man ritzt sie jeden Sommer und berechnet nachher den Preis. 

Auch die Reiser machen einen Handelsartikel aus. Das 
Abschneiden der Sprösslinge, welche nur alle 5 Jahre 
genommen werden können, ist um 800 Sesterzen verpachtet. 
Man nennt die Reiser Xylobalsamum und kocht sie zur 
Bereitung von Salben aus. Die Officinen haben ihn statt 
des Saftes untergeschoben. Auch die Rinde hat ihren Werth 
zur Darstellung von Arzneien. Den ersten Rang behaupten 
aber die Thränen, den zweiten die Samen, den dritten die 
Rinde, und am schlechtesten ist das Holz. Von letzterm 
ist das buxbaumgelbe, welches am angenehmsten riecht, 
das beste; von dem Samen aber verdient der den Vorzug, 
welcher am grössten, und am schwersten ist, auf der Zunge 
beisst und im Munde brennt. Man verfälscht ihn mit derü 
Samen vom Hypericum petraeum J); diesen Betrug erkennt 



•) Hypericum crispum L, 



Zwölftes Buch. 39 

man aber an der Grösse, Leere, Länge, dem schwachen 
Gerüche und pfefferartigen Geschmacke desselben. 

Proben der Aechtheit der Thränen sind, dass sie fett, 
klein, schwach röthlich und beim Reiben angenehm riechen- 
Die weisse Farbe ist hier im Range die zweite, noch 
schlechter die grüne und dichte, am schlechtesten die 
schwarze; der Balsam wird nämlich, wie das Oel, durchs 
Alter immer dunkler. Von allen Sorten schätzt man die, 
welche vor der öamenreife geflossen ist, am meisten. 
Man verfälscht den Opobalsam auch mit dem Safte des 
Samens selbst, und diesen Betrug kann man nur an dem 
bitterern Geschmacke erkennen, denn er muss milde, nicht 
säuerlich, und bloss von scharfem Gerüche sein. Er wird 
auch mit dem Oele der Rose, des Cyprus, Mastix, der Ba- 
lane, Terebinthe, Myrte, mit Harz, Galbanum, cyprischem 
Wachse, jenachdem man eines oder das andere passend 
findet, verfälscht. Am wenigsten taugt das Gummi dazu, 
weil dieses, wenn man es in der Hand wendet, schon von 
selbst anklebt und im Wasser untersinkt, also auf doppelte 
Weise erkannt werden kann. Auch der reine muss an- 
kleben, aber der mit Gummi versetzte wird trocken und 
zerbricht in Blättern. Auch durch den Geschmack kann 
man ihn untersuchen. Der mit Wachs oder Harz ver- 
fälschte bildet beim Verbrennen eine schwärzere Flamme. 
Der, welcher Honig enthält, zieht, wenn man ihn in der 
Hand hält, sogleich die Fliegen herbei. Ausserdem wird 
ein Tropfen des echten im warmen Wasser verdickt und 
sinkt zu Boden, der verfälschte schwimmt, wie Oel, oben- 
auf, und der Metopium i) haltige ist dann mit einem 
weissen Ringe umgebeu. Die beste Probe besteht darin, 
dass er Milch zum Gerinnen bringt, und in Kleidern keine 
Flecke macht. Bei keinem andern Gegenstande ist der 
Betrug augenscheinlicher, denn man verkauft den Sextarius, 
welchen di« Regierung für 1000 Denare ablässt, zu 300 De- 



') Das ausgepresste Oel der bittern Mandehi. Vergl. XIII. B^ 
'-2. Caip. 



40 Zwölftes Buch.. 

Daren. So weit geht man, diesen Saft zu verdünnen! Vomv 
Xylobalsam kostet das Pfund 6 Denare. 

55. 

Syrien, welches oberhalb Phönicien an Judäa grenzt, 
liefert aus der Gegend von Gabala^ Marathus und vom 
Berge Casius in Seleucia den Styrax^). Der Baum hat 
denselben Namen und gleicht einem Quittenbaume; das 
Auströpfelnde schmeckt anfangs herbe, dann angenehm. 
Der Stamm hat in seinem Innern Aehnlichkeit mit einem 
Rohre und strotzt von Safte. Beim Aufgange des Hunds- 
sternes fliegen kleine geflügelte Wünaaer auf ihn und nagen 
ihn an, daher sieht er von den anhängenden Spähneß 
schmutzig aus. Ausser dem an obigen Orten vorkommen- 
den Styrax schätzt man auch den von Pisidien, Sidon, Cy- 
pern, Cilicien; der schlechteste ist der cretische. Den vom 
Amanus in Syrien ziehen die Aerzte, aber noch mehr die 
Salbenhändler, alle Völker aber den vor, welcher röthlich^ 
fettig und zähe ist; eine schlechtere Sorte bildet der kleien- 
artige 2) und mit grauem Schimmel überzogene. Man ver- 
fälscht ihn mit Cedernharz oder Gummi, auch mit Honig 
oder bittern Mandeln; alle diese Untugenden erkennt man 
am Geschmacke. Von dem besten kostet das Pfund 
17 Denare. Auch aus Pamphylien führt man Styrax aus, 
der aber schärfer und minder saftig ist» 

56. 

Auch Galbanum liefert Syrien von demselben Berge 
Amanus; die Mutterpflanze ist eine Art Steckenkraut^), 
welche man von dem diesem Gummiharze gleichfalls ge- 
gebenen Namen Stagonitis nennt. Das am meisten ge- 
schätzte ist knorpelig, ähnlich dem Hammoniakum, und nicht 
holzig. Es wird mit Bohnenmehl oder Sagapenum ver- 
fälscht Das reine verjagt beim Brennen durch seinem 



•) Styraxofficinalis L. 

2) Unser Styrax calamitus. 

3) Ferula. Die wahre Mutterpflanze ist noch nicht mit Sicher- 
.^eit bekannt. 



Zwölftes Buch. 4'I 

Dunst die Schlangen. 1 Pfund davon kostet 5 Denare.. 
Es dient bloss zu Arzneien. 

57. 
Dort wächst auch die Pflanze Panax^), welche zu: 
Salben gebraucht wird, sie kommt aber auch in Psophis, 
einer Landschaft Arcadiens, bei den Quellen des Eryman- 
thus, in Afrika und Macedonien vor, Es ist eine beson- 
dere Art Steckenkraut, 5 Cubitus hoch, hat anfangs 4, 
später 6 Blätter die auf der Erde liegen, sehr gross und- 
rund sind, an der Spitze aber dem Oelblatte gleichen, und 
Samen, welche wie bei der Fernla in Büscheln '^) herab- 
hängen. Der Saft wird durch Einschneiden und zwar zur 
Zeit der Erndte vom Stengel, und im Herbste von der 
Wurzel gesammelt. Man schätzt von dem frischgesammel- 
ten den weissen, später, auf der Waage, den blassen; der 
schwarze wird verworfen. 1 Pfund des besten kostet 
2 Denare. 

58. 
Von dieser Pflanze unterscheidet sich das sogenannte 
Spondylion^) nur durch die Blätter, welche bei letzterem 
kleiner, und wie die der Platane, getheilt sind. Es wächst 
auch an schattigen Orten. Der Same hat denselben Namen, 
ist dem Silis ähnlich, und wird bloss in der Arzneikundc 
angewandt. 

59. 
In Syrien wächst ferner der Malobathron*), ein Baum 
mit aufgerollten und dürr aussehenden Blättern, aus denen 
ein zu Salben dienendes Oel gepresst wird. In Aegypten 
findet er sich noch häufiger, aber besser ist das indische 
Oel. Man berichtet, er wüchse dort in Sümpfen wie die 
Linse, das Oel röche stärker als Safran, sei schwärzlich, 
rauh, und schmecke salzig. Das weisse ist weniger be- 
liebt. Wenn es alt wird, bedeckt es sich rasch mit 



') Panax. Pastinaca Opopanax L. ^) Muscaria. 
3) Heracleum Spondylion L. '*) Laurus Cassia oder L. Malaba-- 
thrum L. 



42 Zwölftes Buch. 

Schimmel. Auf der Zunge muss es ähnlich wie die Narde 
schmecken. Sein Geruch aber, wenn es mit Wein erhitzt 
wird, übertrifft alle anderen. Es steht in erstaunlich 
hohem Preise, denn 1 Pfund kostet 300 Denare; von der 
andern Sorte kostet 1 Pfund 60 Denare. 

60. 
Es giebt auch ein Oel Namens Omphacium. Man 
bereitet es aus 2 Arten, nemlich aus der Olive und den 
Weinbeeren, und auf gleiche Weise; eine Sorte presst man 
aus den Oliven die noch weiss sind, die andere, schlechtere 
aus der Druppa, so heisst nemlich die Olive bevor sie zum 
Essen reif ist, aber ihre Farbe schon verändert. Der 
Unterschied besteht darin, dass dieses Oel grün, jenes weiss 
aussieht. Aus dem Weinstocke bereitet man die Psythia 
oder Amminea i), wenn die Beeren von der Grösse einer 
Kichererbse sind, vor dem Aufgange des Hundssterns. So- 
bald die Trauben weich werden, wird der Saft 2) ihnen ge- 
nommen, und an der Sonne gezeitigt. Nächtlicher Thau 
muss dabei abgehalten werden. Der Saft wird in einem 
irdenen, zuweilen auch in einem kupfernen Gefässe aufbe- 
wahrt. Der röthliche, pikante und trocknende ist der 
beste. 1 Pfund Omphacium kostet 6 Denare. Man berei- 
tet ihn auch auf andere Weise, indem man nemlich die un. 
reifen Trauben im Mörser zerstösst, an der Sonne trocknet 
und darauf in kleine Brode formt. 

61. 
Hierher gehört auch dasBryon, die Traube der weissen 
Pappel. Das beste findet sich bei Gnidus und in Carlen 
an dürren, rauhen Orten; eine zweite Sorte auf der Ceder 
in Lycien. Ferner gehört hieher die Oenanthe, die 
Traube des wilden Weinstocks ^) ; man sammelt sie zur 
'.Zeit der Blüthe, d. i. wenn sie am besten riecht, trocknet 
sie im Schatten auf Leinwand, und thut sie in Gefässe. 
Die beste kommt aus Parapotamia, die zweite von Antio- 



') Rosinenwein. ^) melligo. 
•'j Vitis Labrusca L. 



■ Zwölftes Buch. 43 

chia und Laodicea in Syrien, die dritte von den medischen 
Bergen. Letztere eignet sich besser zu Arzneien. Einige 
ziehen allen diesen diejenige vor, welche auf der Insel 
Cypern vorkommt. Die in Afrika vrachsende wird nur 
von den Aerzten angewandt, und heisst Massaris. Alle 
aber sind besser veu der weissen, als von der schwarzen 
wilden Rebe. 

62. 
Ausserdem giebt es noch einen Baum, der zu denselben 
Salben dient, und den Einige Elate, was bei uns Tanne 
heisst, Andere Palme, noch andere Spat he nennen. Am 
meisten schätzt man die ammoniacische , dann folgt die 
ägyptische, dann die syrische; sie ist nur an dürren Orten 
wohlriechend, und schwitzt einen fetten Saft aus, der den 
Salben zugesetzt wird, um das Oel milder zu machen. 

63. 
In Syrien wächst auch eine Art Zimmt, den man 
Comacum^) nennt. Aus dessen Nuss wird ein Saft ge- 
presst, der zwar sehr von dem des echten Zimmt abweicht, 
jedoch fast eben so angenehm riecht. Ein Pfund kostet 
40 Ass. 



') Muthmaasslich Myristica moschata L, die freilich nicht in 
Syrien wächst. 



Dreizehntes Euch. 



Von den fremden Bäumen, den Salben und Balsamen. 

1. 
Bisher besassen nur die Wälder die schätzbarsten 
Bauch werke, und jedes derselben wurde bewundert; dem 
Luxus hat es aber gefallen, sie zn vermischen, und aus 
allen ein einziges zu bereiten. So entstanden denn die 
wohlriechenden Balsame i). Wer' sie zuerst bereitet hat, 
ist nicht angegeben. In den Zeiten Troja's kannte man 
sie noch nicht, auch opferte man damals nicht mit Weih- 
rauch, sondern man wusste bloss von dem Dufte, der sich 
aus dem bei dem Gottesdienste brennenden Cedern- und 
Citronenholze entwickelte. Der Rosensaft war aber schon 
erfunden; wir werden ihn noch bei dem Lobe des Oeles 
anführen. Die Salben müssen eine Erfindung der Perser 
sein, denn diese triefen davon, und vertilgen durch Anwen- 
dung künstlicher Wohlgerüche den aus ihrem Halse sich 
entwickelnden Gestank. Zuerst hat, so viel ich wenigteus 
finde, Alexander bei der Eroberung des Lagers des Königs, 
Darius unter andern Geräthschaften desselben eineni 
Schrank mit Salben erbeutet. Nachher wurde das Ver- 
gnügen daran von den Römern sogar unter die löblichsteui 
und anständigsten Güter des Lebens gerechnet, und man. 
fing selbst an, diese Ehre den Verstorbeneu angedeihen zu: 
lassen, weshalb wir ausführlicher davon reden müssen.. 



*) unguenta, Salben. 



Dreizehntes Buch. 45 

Diejenigen Arten unter ihnen, welche nicht von Strauciige- 
■wäcbsen kommen, sollen jetzt bloss dem Namen nach an- 
gezeigt werden; das Nähere über sie wird an ihren Orten 
berichtet. 

2. 

Einige Salben haben ihre Beinamen von dem Vater- 
lande, andere von den in ihnen enthaltenen Säften, andere 
von den Bäumen, andere aus andern Ursachen bekommen. 
Zuerst ist zu wissen nöthig, dass sich die Mode oft geän- 
dert, und der Euhm der einen auf andere tibergegangen ist. 
Vormals war die auf der Insel Delos die geschätzteste, her- 
nach ward es die meudesische. Der Grund davon liegt 
nicht allein in der Mischung und Zusammensetzung, sondern 
ein und dieselben Säfte haben bald hier bald da den Vor- 
zug gehabt, oder sind ausgeartet. Der Lilienbalsam i) 
von Corinth stand lange Zeit im Ansehn, später der von 
€ycicum; ebenso der Rosenbalsam von Phaselus, dessen 
Ruf jetzt auf Neapel, Capua und Präneste übergegangen 
ist. Der Safranbalsam zu Soli in Cilicien stand lange Zeit 
im Rufe, nachher der rhodische. Ebenso der Traubenbal- 
sam -) auf Cypern, dann in Aegypten und hierauf zu 
Adramytteum. Der Majoranbalsam 3) auf Cos, später eben- 
daselbst der Quittenbalsam 4). Der cyrische auf Cypern, 
hernach in Aegypten, wo auch auf einmal der mendesische 
und metopische angenehmer bereitet ward. Bald darauf 
vertrieb der Palmbalsam ■^) diese, und Hess Aegypten das 
Lob des cyprischen. Athen hat den Ruf seines parathe- 
näischen beständig behalten. Es gab auch einen Parderbal- 
sam in Tarsus, dessen Zusammensetzung und Anfertigung 
aber in Vergessenheit gekommen ist. Auch der Narcissen- 
balsam aus der Narcissenblume wird nicht mehr bereitet. 

Die Zubereitung ist doppelter Art, man macht sie 
nämlich entweder flüssig oder fest. Der flüssige Balsam 



*) Irinum. '■') Oenanthinum. ^) Amaracinum. *) Melinum. 



') Phönice. 



46 Dreizehntes Buch. 

besteht fast nur aus verschiedenen Oelen, der feste aus 
wohlriechenden Specereien; diese heissen Stymmata, jene 
Hedysmata. Ein dritter unter diesen ist der gefärbte, der 
aber von Vielen nicht geachtet wird, und um desswillen 
man Drachenblut ^) und rothe Ochsenzunge -) anwendet. 
Zusatz von Salz mässigt die Natur des Oeles. Zu denen 
man Ochsenzunge setzt, wird kein Salz gethan. Harz und 
Gummi fügt man dem festen Balsam zu, um den Geruch 
zu binden; denn werden sie nicht zugesetzt, so verschwin- 
det und verfliegt dieser äusserst schnell. 

Der am leichtesten anzufertigende und auch wahr- 
scheinlich der erste unter den Balsamen war der aus Bryum 
und Balanenöl bereitete, von denen oben schon die Rede 
war. Darauf wurde der mendesische vermehrt, indem man 
dem Balanenöl 3), Myrrhe und noch Metopium zumischte. 
Letzteres ist ein Oel, was in Aegypten aus bittern Mandeln 
gepresst wird. Hiezu hat man noch Traubenkernöl, Car- 
damom, Juncus, Calmus, Honig, Wein, Myrrhe, Samen vom 
Balsambaum, Galbanum undTerebinthenharz gethan. Heut- 
zutage rechnet man den, welcher aus Myrtenöl, Calamus, 
Cypresse, Cyprus, Mastix und Granatschale besteht, unter 
die geringsten, und glaubt daher, dass es der älteste sei. 
Ich möchte aber annehmen, dass die Rosen-Balsame am 
meisten verbreitet sind, weil diese Blume überall häufig 
wächst. Die Zubereitung des Rosen -Balsams war daher 
auch lange Zeit sehr einfach, denn man setzte zum Ompha- 
cium Rosenblüthe, Safranbalsam, Drachenblut, Calamus, 
Honig, Gewürzbinsen, reines Salz oder Ochsenzunge und 
Wein. Ebenso bereitete man den Safranbalsam; jedoch 
mit mehr Drachenblut, Ochsenzunge und Wein, desgleichen 
den Majoranbalsam, aber mit mehr Omphacium und Cal- 
mus. Letzterer wird am besten in Cypern und Mitylene 
bereitet, wo der Majoran ^) in reichlicher Menge wächst. 
Man vermischt auch wohlfeilere Oelarten aus Myrten, Lor- 



') cinnabaris. ^) anchusa. Anchusa tinctoria L. 

3) Behenöl. ■*) sampsuchus. Origanum Majorana L. 



Dreizehntes Buch. 47 

beeren, und setzt ihnen Majoranbalsam, Lilien, Bockshorn- 
samen, Myrrhe, Cassia, Narde, Gewürzbinsen und Zimmt 
hinzu. Auch aus den Quittenäpfeln und der Seifenpflanze *) 
bereitet man, wie wir noch anführen werden, das Quittenöl, 
welches unter Zusatz von Omphacium, Cyperbalsam, 
Sesamöl , Opobalsam , Binsen, Cassia und Stabwurz -) in 
Balsame eingeht. Der susische Balsam ist der feinste von 
allen; er besteht aus Lilien, Balanen, Calamus, Honig, 
Zimmt, Safran und Myrrhe. Der cyprische enthält Cyprus, 
Omphacium, Cardamom, Calmus, Rosenholz und Stabwurz; 
Einige setzen ihm noch Myrrhe und Panace zu. Der beste 
kommt von Sidon, dann folgt der ägyptische, wenn man 
kein Sesam 3) hinzuthut. Er hält sich 4 Jahre lang. Durch 
Zimmt wird er wieder aufgefrischt. Den Bockshornbalsam ^) 
bereitet man aus frischem Oele, Cyperus, Calamus, Stein- 
klee, Bockhorn, Honig, Marum und Majoran. Dieser war 
zur Zeit des Lustspieldichters Menander der berühmteste. 
Lange nachher folgte der seines Rufes wegen sogenannte 
Grosse •>), dessen Bestandtheile ßalanenöl, Opobalsam, Ca- 
lamus, Binse, Xylobalsam, Cassia und Harz waren. Eine 
besondere Eigenschaft desselben ist, dass, wenn er beim 
Kochen so lange bewegt wird, bis er nicht mehr riechr, 
er nach dem Erkalten seinen Geruch wieder annimmt. 

Auch aus einzelnen Säften werden schöne Balsame be- 
reitet. Dahin gehört vorzüglich das Malabathrum; sodann 
die illyrische Schwertlilie und der cyzinische Majoran, bei- 
des krautartige Pflanzen. Diesen setzt man wenig mehr 
zu, jedoch die Einen diess, die Andern jenes, und die, 
welche am meisten zumischeu, thun zu einem von beiden 
Honig, reines Salz ß), Omphacium, Keuschbaumblätter ") und 
Panace, lauter auswärtige Dinge. Am kostbarsten ist der 



•) struthium. Saponaria officinalis L, 

2) Abrotanum. Artemisia Abrotanum L. 

3) Sehamum Orientale L. 

") Telinum von der Pflanze Telis: Trigonella Foenum graecum L. 
*) Megalium. «) flos salis. ') folia agni. Vitex Agnus castus L. 



.48 Dreizehntes Buch. 

Zimmtbalsam; hiezu nimmt man Zimmt, Balaneuöl, Xylo- 
balsam, Calamus, Juncus, Samen vom Balsambaum, Myrrhe, 
und wohlriechenden Honig; er ist der dickste von allen 
Balsamen. 1 Pfund davon kostet 25 bis 300 Denare. Der 
Narden- oder Blattbalsam besteht aus Omphacium, Bala- 
nenöl, Juncus, Costus, Nardus, Amomum, Myrrhe und Opo- 
balsam. Bei dieser Gelegenheit wird es passend sein, daran 
zu erinnern, dass wir 9 Arten von Kräutern genannt haben, 
welche der indischen Narde ähnlich sind; so reichlich ist 
der Stoff zur Verfälschung vorhanden. Alle Balsame 
werden durch Costus und Amomum, welche am meisten in 
die Nase beissen, schärfer, durch Myrrhe dicker und ange- 
nehmer, durch Safran aber zum Arzneigebrauch dienlicher, 
und am schärfsten durch Amomum allein, welches auch 
Kopfweh verursacht. Einige begnügen sich damit, die 
theuersten Ingredienzien nur auf die übrigen, nachdem diese 
ausgekocht sind, zu sprengen, um die grossen Kosten zu 
ersparen; allein dadurch erreicht man nicht den Zweck, wie 
mit dem Zusammenkochen. Die Myrrhe liefert schon für 
sich allein, ohne Oel, einen Balsam; ausserdem macht sie 
zu bitter. Durch cyprinischen Balsam wird er grün, durch 
susinischen fettig, durch mendesischen schwarz, durch Rosen- 
balsam weiss, durch Myrrhe blass. Diess sind nun die 
Balsam-Arten alter Erfindung, mit welchen uns hernach die 
Anfertiger betrogen haben. Jetzt wollen wir noch von der 
ausserordentlich grossen Liebhaberei und dem Ansehen,^zu 
welchem die Balsame gelangt sind, reden. 

Königs-Balsam heisst derjenige, welcher für die par- 
thischen Könige bereitet wird; er besteht aus Myrobalanen, 
Costus, Amomum, Zimmt, Comacum, Cardamom, Narden- 
ähren, Marum, Myrrhe, Cassia, Styrax, Ladanum, Opobal- 
sam, Calamus, Juncus, wilder Weintraube, Malobathrum, 
Serichatum, Cyprus, Aspalathum, Panace, Safran, Cypirus, 
Majoran, Lotus, Honig und Wein. Nichts hiervon wächst 
in Italien, der Besiegeriu aller Völker, ja in ganz Europa, 
ausser der illyrischen Schwerdtlilie und der gallischen 
.Narde; denn dass der Wein, die Kose, Myrtenblätter und 



Dreizehntes Buch. 49 

Oel fast allen Ländern gemein sind, versteht sich von 
selbst. 

3. 
Was man Räucher-Species i) nennt, besteht aus 
trocknen wohlriechenden Dingen. Der Absatz der Salben 
heisst Magma. Unter allen Parfümen riecht das am 
stärksten, welches zuletzt zugethan wird. Salben werden 
am besten in Alabasterbtichsen, riechende Sachen am besten 
in Oel aufbewahrt, und je fetter das Oel, um so grösser 
ist seine Erhaltungsfähigkeit, wie z. B. das Mandelöl. Auch 
selbst die Salben verbessern sich durch das Alter. Das 
Sonnenlicht schadet ihnen; man bewahrt sie daher im 
Schatten in bleiernen Gefässen. Proben davon nimmt man 
auf die äussere Seite der Hand, damit die Wärme des 
.fleischigen Theils ihnen nicht schade. 

4. 
Die Parftimerien sind unter den Gegenständen des 
Luxus die aller überflüssigsten; denn Perlen und Edelsteine 
kommen doch auf die Erben, Kleider dauern eine Zeit lang, 
allein die Balsame verdunsten rasch, und gehen in der- 
selben Stunde, wo sie gebraucht, werden, zu Grunde. Da- 
durch empfehlen sie sich am meisten, dass, wenn ein Frauen- 
zimmer vorbeigeht, ihr Geruch auch die, welche nicht 
daran denken, anlockt. Das Pfund wird bis zu 40 Denaren 
verkauft. So theuer kauft man ein Vergnügen, was nur 
Andere gemessen, denn wer einen Balsam an sich trägt, 
riecht ihn selbst nicht. Aber auch hier müssen wir einige 
Unterschiede bemerklich machen. In den Schriften des 
Cicero ist angegeben, dass diejenigen Salben, welche nach 
Erde schmecken, mehr Beifall finden, als die, welche nach 
Safran schmecken; empfiehlt sich ja selbst bei der grössten 
Verdorbenheit mehr eine gewisse strenge Beharrlichkeit im 
Sündigen! Einige haben es lieber, wenn die Salben recht 
dick sind, und es genügt ihnen noch nicht, wenn ihr Leinen - 
zeug davon durchdrungen ist. Ich habe sogar die Fuss- 



*) diapasmata. 

Wittstein: Pliniua. U. Bd. 



50 Dreizehntes Buch. 

sohlen mit Salben bestreichen sehen, und man sagte, 
M. Otho habe diess dem Prinzen Nero gezeigt. Wie konnte 
man wohl, frage ich, die Salben von diesem Theile des 
Körpers her wahrnehmen, und wozu nützten sie folglich 
da? Auch habe ich gehört, ein Privatmann habe die 
Wände seiner Badestube mit Balsam besprengen, und der 
Prinz Cajus den Sitzboden damit bestreichen lassen, und, 
damit diess nicht für ein fürstliches Gut angesehen werde, 
sei ihm einer von den Sclaven des Nero bald hierin nach- 
gefolgt. Jedoch am meisten muss man es bewundern, dass 
dergleichen Parfümerien auch ins Lager gedrungen sind; 
wenigstens werden die Adler und Feldzeichen, wenn sie 
staubig und schmutzig aussehen, an festlichen Tagen ge- 
salbt. Könnte ich doch angeben, wer diess zuerst einge- 
führt hat! So ist's, ohne Zweifel haben unsere Adler, durch 
diesen Lohn bestochen, den Erdkreis besiegt. Solchen 
Schutz suchen wir für das Laster, damit wir uns dadurch 
ein Recht nehmen können, unter dem Helme Salben zu 
tragen. 

5. 
Wann die Mode, sich zu parfümiren, zuerst zu den 
Römern gelangt ist, lässt sich kaum sicher bestimmen. 
So viel ist gewiss, dass nach der Ueberwindung des Königs 
Antiochus und Asiens, im 565. Jahre der Stadt, die Cen- 
soren P. Licinius Crassus und L. Julias Cäsar eine Ver- 
ordnung erlassen haben, nach welcher Niemand auslän- 
dische Salben (denn so nannten sie dieselben) verkaufen 
sollte. Aber wahrlich! jetzt thut man sie schon ins Ge- 
tränk, und schätzt die Bitterkeit so hoch, dass man sie in 
reichlichem Maasse mit beiden Theilen des Körpers i) ge- 
niesst. Es ist bekannt, dass L. Plotius, ein Bruder des 
L. Plankus , der zweimal Consul und Censor gewesen war, 
als die Triumviren ihn in die Acht erklärt hatten, in einem 
Schlupfwinkel im Salernitanischen durch den Geruch seiner 
Salben sich verrieth, durch welchen Umstand die Achtser- 



') Nemlich mit dem Munde und der Nase. 



Dreizehntes Buch. 



51 



klärung in volle Wirksamkeit trat. Denn wer sollte nicht 
der Meinung sein, dass solche Menschen mit Recht um- 
kommen? 

6. 

Aegypten ist unter allen Ländern das passendste für 
die Anfertigung der Salben; nächstdem Campanien wegen 
der Menge Rosen. Judäa aber zeichnet sich mehr durch 
die Palmen^) aus, von denen nun die Rede sein soll. Es 
giebt ihrer zwar auch in Europa, und häufig in Italien, sie 
sind aber unfruchtbar. In den Seedistrikten Spaniens 
tragen sie Früchte, jedoch herbe; die afrikanischen tragen 
süsse, welche aber bald verderben. Im Oriente dagegen 
macht man aus ihnen Wein, einige Völker aueh Brot, und 
den meisten vierfüssigen Thieren dienen sie zur Nahrung. 
Man nennt sie daher mit Recht ausländische. Keine von 
ihnen wächst in Italien wild, auch sonst nirgends als in 
warmen Ländern, und trä^t nur in heissen Früchte. 

1. 

D(e Palme wächst in einer leichten, sandigen, grössten- 
theils auch nitrösen Erde» Sie steht auch gern an feuchten 
Orten, und in einem trocknen Jahre will sie beständig be- 
"wässel't sein. Mist soll ihr schaden, besonders wenn er, 
wie ein Theil der Assyrier glaubt, nicht durch Wasser ge- 
netzt ist. Es giebt viele Aften derselben. Die erste wird 
nicht höher als ein Strauch, ist unfruchtbar, an einige!>^ 
Orten jedoch auch fruchfbar, ihre Aeste bilden einen kurzen ; 
Umkreis, sind aber sehr laubreich. An den meisten Orten 
dienen sie zur Bedee'kung der Wände wider das Anscl^lagen 
des Regens. Die höhern Bäume bilden eine Art Wa\d, aus 
denen rund heraßi die Stacheln der Blätter wie ein Eamm , 
hervorbrechen, daher man sie noth wendig für wild halten . 
muss. Vermöge einer nicht näher bekanntep Geilheit . 
mischen sie sich unter die Zahmen. Die übrigen Palmen 
sind rund und schlank, und durch die dicht und stufen-. 



') Piinius hat in den Capiteln von den Palmen hauptsächlich 
die DatteJpahue, Phoenix dactylifera, im Sinne. 

X* 



52 Dreizehntes Buch. 

weise übereinander befindlichen ringförmigen Absätze der 
Rinde machen sie es den Völkern des Morgenlandes leicht, 
sie zu ersteigen, denn man kann auf diesen, den Baum wie 
einen geflochtenen Ring umgebenden Bekleidungen äusserst 
schnell hinaufkommen. Alles Laub sitzt an der Spitze, die 
Frucht nicht zwischen den Blättern, wie bei andern Bäumen, 
sondern zwischen den Aesten an eigenen Zweigen ^) in 
Trauben, und hat beiderlei Natur, die einer Traube und 
eines Apfels. Die Blätter haben eine messerartige Spitze, 
sind an den Seiten doppelt gespalten, und haben zuerst die 
doppelte Kriegsweise gelehrt 2); jetzt werden sie zu Stricken, 
und andern nützlichen Geflechten, wie zu leichten Schirmen 
für den Kopf gebraucht. 

Die in der Naturkunde erfahrensten Schriftsteller geben 
an, dass alle Bäume, ja selbst die Kräuter, beide Ge- 
schlechter hätten. Ich begnüge mich, diess ein für allemal 
hier gesagt zu haben. Bei keinem Baume ist es aber augen- 
scheinlicher als bei der Palme. Die männliche Palme trägt 
Blüthen an eigenen Zweigen, die weibliche treibt bloss in 
Form einer Aehre, ohne Blüthe. Bei beiden wächst das 
Fleisch der Frucht zuerst, später in ihrem Innern das Holz, 
d. i. ihr Same, und ein Beweis dafür ist, dass man an ein 
und demselben Zweige noch kleine Früchte ohne Samen 
findet. Der Same ist länglich, nicht rund wie bei den 
Oliven, ausserdem am Rücken eingeschnitten mit erhöheten 
Rändern zu beiden Seiten des Einschnitts, und mitten auf 
der untern Seite bei den meisten genabelt. Von diesem 
Punkte aus entwickelt sich beim Keimen zuerst die Wurzel. 
Man pflanzt die Samen, indem man 2 neben einander mit 
dem Rücken nach unten legt, und ebenso viele darauf, 
weil die Pflanze aus einem gezogen zu schwach wird. 
Die 4 Samen verwachsen dann miteinander. Dieser 



') palmites. 

'-) Plinius will wahrscheinlich damit sagen, die Spitze der Palm- 
blätter hätten zur Anwendung der Spiesse, und die Schneide der 
Blätter zur Anwendunsr der Schwerdter im Kriege geführt. 



Dreizehntes Buch. 53 

holzige Kern wird durch mehrere weisse Häute, deren ei- 
nige ihm anhängen, vom Fleische getrennt, liegt übrigens 
lose und ist nur an seiner Spitze an einem Faden befestigt. 
Das Fleisch wird in einem Jahre reif. Obgleich es in 
einigen Gegenden, z. B. in Cypern nicht zur Reife gelangt, 
so hat es doch einen angenehmen süssen Geschmack; das 
Blatt des Baumes ist dort auch breiter, die Frucht runder, 
und nicht so beschaffen, dass sie ganz verzehrt werden 
kann, sondern nachdem der Saft ausgesogen worden, wirft 
man sie weg. Auch in Arabien sollen die Palmen nur 
wenig süss schmeckende Früchte tragen, obgleich Juba die 
im Lande der scenitischen Araber vorkommenden Früchte, 
welche dort Dabla heissen, allen andern im Geschraacke 
vorzieht. — Uebrigens wird versichert, dass die wildwach- 
senden weiblichen Bäume ohne männliche keine Früchte 
tragen, und um jeden männlichen ständen mehrere weib- 
liche und neigten ihre Zweige lüstern nach ihm hin. Er 
richte dann die seinigen starr empor, und befruchte durch 
seinen Anblick, Anhauch und Blüthenstaub die weiblichen. 
Werde ein solcher männlicher Baum abgehauen, so blieben 
die gleichsam verwittweten Waisen unfruchtbar. Die 
Menschen, welche die Nothwendigkeit dieser Befruchtung 
eingesehen, haben sie sogar künstlich bewerkstelligt, da- 
durch, dass sie den Blumenstaub der Männchen auf die 
Weibchen streueten. 

8. 
Die Palmen werden auch durch den Stamm fortge- 
pflanzt, indem man 2 Cubitus lange Stücke von der Spitze 
des Baumes abhauet, zerspaltet, und eingräbt. Auch abge- 
rissene Theile der Wurzel, sowie die zartesten Zweige, 
gehen an. In Assyrien treibt selbst ein gefällter Baum in 
einem feuchten Erdreiche Wurzeln , aber keinen Stamm 
mehr, sondern nur Strauchwerk. Daher die Einrichtung der 
Pflanzschulen, aus denen man die jährigen Reiser versetzt, 
und diese wieder wenn sie 2 Jahre alt sind. Sie lieben 
nämlich die Veränderung des Standorts; diess geschieht 
sonst im Frühjahre, in Assyrien aber beim Aufgange des 



54 Dreizelintes Buch. 

Hundssterns. Daselbst berührt man auch die jungen 
Sprossen nicht mit einem Eisen, sondern bindet das Laub 
auf, damit sie in die Höhe gehen. Sind sie stark genug 
so werden sie, um an Dicke zu gewinnen, beschnitten, je- 
doch 1/2 Fuss lange Stümpfe der Aeste stehen gelassen; 
wollte man auch diese abhauen, so würde der Baum zu 
Grunde gehen. Dass sie einen salzigen Boden lieben, 
haben wir bereits gesagt; ist daher ein solcher nicht vor- 
handen, se streuet man Salz, jedoch nicht an die Wurzeln 
sondern etwas weiter entfernt. Einige in Syrien und in 
Aegypten theilen sich in 2 Stämme; in Cypern auch in 
3 und selbst in 5. Sie tragen gleich im 3. Jahre; in Cy- 
pern, Syrien und Aegypten aber einige im 4., andere im 
5., bei einer Höhe eines Menschen, haben aber, so lange 
sie jung sind, keinen Holzkern in der Frucht, und heissen 
deshalb Entmannte. 

9. 

Es giebt viele Arten von ihnen. Der unfruchtbaren 
bedient man sich in Assyrien und ganz Persien zu Nutz- 
holz und prächtigem Bauwerken. Es giebt auch Palmen- 
wälder, welche ausgehauen werden und wiederum aus der 
Wurzel ausschlagen. Im Gipfel haben sie süsses Mark, 
welches Gehirn genannt wird; nimmt man es ihnen, so 
bleiben sie, was bei andern Bäumen nicht der Fall ist, 
dennoch am Leben. Diejenigen mit etwas breiten und 
weichen Blättern, welche sich vorzüglich gut zu Flechtwerk 
eignen, heissen Zwergpalmen *). Sie wachsen häufig in 
Greta, noch häufiger aber in Sicilien. Die Palmen geben 
eine lebhaft brennende Kohle und verbrennen langsam. 

Die fruchttragenden Palmen haben theils einen kurzen, 
theils längern, weichern oder härtern, einige einen knochen- 
harten und mondförmigen Kern, der gegen Zauberkünste 
dient und feierlich mit einem Zahne geglättet wird. Die 
einen sind mit mehreren oder weniger Häuten bedeckt, die 



Cliamaerepes. Chemaerops humilis L. 



Di?eizehntes Buch. 55 

andern mit dickem oder dünnern. So erhalten wir 49 Arten, 
wenn man alle, auch die fremden Namen, und die ver- 
schiedenen aus ihnen bereiteten Weine hinzurechnen will. 
Am berühmtesten unter ihnen sind die geworden, welche 
man der ihnen angethanen Ehre wegen die königlichen ge- 
nannt hat, weil sie bloss für die persischen Könige zu 
Babylon in einem Garten Namens Bagou gezogen wurden; 
mit diesem Namen bezeichnet man nämlich die Ver- 
schnittenen, welche auch bei den Persern regiert haben. 
Dieser Garten war nie in eines Andern als des Hofes Be- 
sitz. In dem südlichen Theile des Erdkreises aber haben 
diejenigen, welche Syagri i) und demnächst die, welche 
Margariden 2) heissen, das meiste Ansehen. Diese 3) sind 
weiss, kurz, rund. Beeren ähnlicher als Balanen, und daher 
auch nach den Perlen benannt worden. Es soll nur ein 
Baum davon in Chora sein, auch soll es nur einen von den 
Syagern geben. Vom letzterm habe ich eine wunderbare 
Geschichte erfahren; er soll nämlich mit dem Vogel Phönix, 
Ton dem man glaubt, dass er von der Beschaffenheit dieses 
Baumes seinen Namen erhalten habe, sterben und aus sich 
selbst wieder hervorwachsen. Er trägt aber, da ich diess 
schreibe, Früchte. Die Frucht selbst ist gross, hart, rauh, 
mid von den übrigen Arten durch einen ähnlichen Wildge- 
schmack unterschieden, wie wir ihn von den wilden 
Schweine kennen, und diess ist wohl die unzweideutigste 
Ursache seines Namens. Den vierten Rang behaupten die 
von der Aehnlickeit ihrer Frucht sogenannten Sandaliden *). 
An der Grenze von Aethiopien sollen ihrer 5 und nicht 
mehr stehen, und sie verdienen nicht sowohl wegen ihrer 
Seltenheit, als wegen ihres angenehmen Aeussern Bewun- 
derung. 

Nächst diesen sind die Caryoten^), welche das meiste 



*) wörtlich: wilde Schweine. ^) Perlen. 
3) Nämlich die Früchte der Margariden. 
*) Pantoffelpalmen, von sandalium, Pantoffel. 
^) Von Caryota urens L. 



56 Dreizehntes Buch. 

Fleisch und den meisten Saft haben, die geschätztesten^ 
Aus ihnen bereiten die Morgenländer vorzügliche Weine^ 
welche den Kopf einnehmen, daher der Name der Frucht ^). 
Sowie sie hier in grosser Menge vorkommen, sind sie in 
Judäa von edler Art, aber nicht im ganzen Lande, sondern 
vorzüglich nur bei Jericho; jedoch werden auch die in den 
dortigen Thälern Archelais, Phaseiis und Livias wachsen- 
den gelobt. Ihr Hauptvorzug besteht darin, dass sie von 
fettem Safte träufeln, und neben der Süsse des Honigs 
einen gewissen Weingeschmaek haben. Die sogenannte» 
Nicolaen unter ihnen sind trockner, aber von bedeutender 
Grösse, da 4 derselben 1 Elle messen. Weniger schön,, 
aber dem Geschmacke nach die Schwestern der Caryoten,. 
und darum Adelphiden genannt, kommen ihnen an Lieb- 
lichkeit zwar nahe, jedoch nicht gleich. Die dritte Art, die 
Pateten 2) haben zu viel Saft, und dieser Ueberfluss bricht 
sogar, wenn die Frucht noch am Baume hängt, aus der- 
selben hervor, als wenn er gekeltert würde. 

Von den trocknen bilden die fingerförmigen, welche 
sich wegen ihrer Länge und Dünne zuweilen krümmen^ 
eine eigene Art. Diejenigen unter ihnen, welche wir den 
Göttern weihen, haben die Bewohner Judäa's, ein Volk, 
welches durch Schmähung der Götter bekannt ist, die 
schlechten 3) genannt. Die thebaischen und arabischen sind 
überhaupt trocken, klein und mager, durch die beständige 
Hitze ausgedörrt und eher mit einer Kruste als Haut über- 
zogen. Diese Frucht ist so dürre, dass sie in Aethiopien. 
gerieben und als Mehl zu Brot verbacken wird. Sie wächst 
auf einem Strauche mit ellenlangen Aesten und breiten 
Blättern, ist rund aber grösser als ein Apfel und heisst 
Coica *). Sie wird in 3 Jahren reif; der Strauch hat immer 
Früchte, da stets welche nachwachsen. Die Frucht in The- 
bais wird unmittelbar nach ihrer Abnahme in Fässer ge- 



*) von caryon (xaQvov) Kopf. 

2) von TiarrjTog getreten, gekeltert. ^) chydaei. 

*) Von Hyphaena coriacea Gäxtn. 



Dreizehntes Buch. 57 

than; geschieht diess nicht, so verraucht die ausdünstende 
Feuchtigkeit hald, und sie verwelkt, wenn man sie nicht 
in Oefen neu bäckt. Die Früchte der übrigen Arten scheinen 
geringe zu sein, und heissen der Nachtisch i). Die in 
einem Theile Phöniciens und Siciliens vorkommenden führen 
bei uns den Volksnamen Eicheln, und bilden gleichfalls 
mehrere Arten, die sich in Ansehung der Runde oder Länge 
sowie durch eine mehr oder weniger schwarze und rothe 
Farbe unterscheiden. Sie sollen nicht weniger Farbe haben 
als die Feigen; am beliebtesten sind aber die weissen. 
Auch in der Grösse weichen sie von einander ab, und viele 
sind einen Cubitus lang, dagegen manche nicht grösser als 
eine Bohne, Diejenigen endlich, welche auf salzigem und 
sandigem Boden, wie in Judäa und im cyrenaischen Afrika 
wachsen, hebt man auf, nicht aber die in Aegypten, Cypern^ 
Syrien und Seienden in Assyrien. Daher werden die 
Schweine und andere Thiere damit gemästet. Wenn die 
Frucht verdirbt oder alt wird, fällt die weisse Warze, wo- 
mit sie am Stengel fest gesessen hat, ab. Alexander'» 
Soldaten erstickten an grünen Palmfrüchten, und zwar war 
im Lande der Gedroser die Art, anderwärts die Menge der 
Früchte daran schuld; im frischen Zustande schmecken sie 
nämlich so angenehm, dass man nicht eher zu essen auf- 
hört, bis Gefahr sich zeigt. 

10. 
In Syrien giebt es ausserdem noch andere diesem 
Lande eigenthtimliche Bäume. Unter den Arten mit Nüssen 
ist die Pistacie^) bekannt. Sie soll, im Getränk sowohl 
wie in Speisen genossen, ein Mittel gegen den Biss der 
Schlangen sein. Von Feigen giebt es dort die Caricae^), 
und eine kleinere Sorte davon, welche man Gott an a nennt; 
ferner Pflaumen, welche auf dem Berge Damascus 
wachsen^), und Sebesten^), welche beide in Italien schon 



') tragemata. 

^) Pistacia vera L. ^) Ficus Carica L, 

*) Prunus domestica L. ^) Myxae. Cordia Myxa L. 



58 Dreizehntes Buch. 

ganz einheimisch sind. Aus den Sebesten macht man in 
Aegypten auch Wein. 

11. 

Die Phönicier haben auch einen kleinen Cedernbaum, 
der dem Wachholder ähnlich ist. Es giebt 2 Arten davon, 
den lycischen und phönicischen. Sie unterscheiden sich 
durchs Blatt; der nämlich, welcher ein hartes, spitzes stach- 
liches hat, heisst Oxycedrus i), ist ästig und an den Knoten 
stechend. Der andere hat einen bessern Geruch 2). Sie 
tragen eine Frucht von der Grösse der Myrte, und süssem 
Geschmacke. Auch von der grössern Ceder^) giebt es 
2 Arten. Welche blüht, trägt keine Frucht; die fruchttra- 
gende blühet nicht, und es folgt auf die vorhergehende 
Frucht sogleich wieder eine neue. Ihr Same ist dem der 
Cypresse ähnlich. Einige nennen sie Cedertanne 4). Von 
dieser kommt das beste Harz. Das Holz selbst aber ist 
unverweslich, daher hat man die Standbider der Götter 
aus demselben gemacht. Der sosianische Apollo in einem 
Tempel zu Rom, den man von Seleucien hergebracht, ist 
von Cedernholz. In Arkadien wächst ein Baum, welcher 
der Ceder gleicht; in Phrygien wird ein Strauch Cedris 
genannt. 

12. 

In Syrien wächst auch die Terebinthe^). Der 
Stamm derselben trägt keine Früchte. Weibliche giebt es 
2 Arten, eine mit röthlicher Frucht von der Grösse einer 
Linse, die andere mit blasser Frucht, welche mit der 
Weinbeere zugleich reif wird, nicht grösser als eine Bohne 
ist, angenehmer riecht und sich harzig anfühlt. Am Ida 
in Troas und in Macedonien ist dieser Baum niedrig und 
strauchartig, in Damascus aber gross. Sein Holz ist sehr 
zähe, empfieht sich durch seine Dauer und hat einen 



^) luniperus Oxycedrus L. 

2) Scheint Juniperus phoenicea L. zu sein. 

3) Pinus Cedrus L. 
'') Cedrelate. 

5) Terebinthus. Pistacia Terebinthus L. 



Dreizehntes Buch. 59 

schwarzen Glanz; die Blüthe ist traubig wie beim Oelbaum, 
aber röthlich; die Blätter stehen dicht. Er trägt kleine 
Anschwellungen i) aus dene u mückenartige Thiere kriechen, 
und die ein ähnliches zähes Harz, wie es aus der Rinde her- 
vorbricht, ausschwitzen. 

13. 

In Syrien trägt nur der männliche R h u s 2) Früchte, 
der weibliche nicht. Sein Blatt ist etwas länger als das 
der Ulme und haarig, die Blattstiele stehen an einem 
dünneu und kurzen Aste einander stets gegenüber, und 
dienen zum Weissmachen der Häute. Der Same gleicht 
einer Linse, und ist, wenn er mit der Traube roth wird, 
in welchem Zustande er Rhus heisst, ein nothwendiger 
Bestandtheil der Arzneimittel. 

14. 

In Aegypten giebt es viele Arten von Bäumen, wel- 
che anderswo nicht vorkommen. Vor allen gehört dahin 
der Feigenbaum 3) welcher daher auch den Beinamen 
der ägyptische erhalten hat. Er ist im Blatte, Ansehn und 
in der Grösse dem Maulbeerbaume ähnlich, und trägt die 
Frucht nicht an den Aesten sondern am Stamme selbst. 
Diess ist die sehr süsse Feige, welche inwendig keine 
Körner hat, und in ausserordentlicher Menge vorkommt, 
man muss sie jedoch nur mit eisernen Nägeln ritzen, sonst 
wird sie nicht reif. Am 4, Tage aber, nachdem diess ge- 
schehen, wird sie gepflückt, indem sogleich wiederum eine 
neue nachwächst, und diese Vermehrung dauert so fort 
bis zum 7. Nachwüchse, denn der Baum enthält im Sommer 
stets einen grossen Vorrath von Milchsaft. Das Nach- 
wachsen findet auch statt, wenn man nicht ritzt, und zwar 
4 mal im Sommer, dabei stösst die folgende Frucht die 
erstere noch unreif ab. Das Holz ist von eigenthümlicher 
Art und gehört zu den nützlichsten. Sobald es gehauen 
ist, wird es ins Wasser gesenkt, was man sein Trocknen 
nennt; anfänglich sinkt es nämlich unter, begiebt sich 
aber später in die Höhe, und man darf nicht zweifeln, 

•) folliculi, eine Art Galläpfel. 

^) Rhus. Rhus Coriaria L. ^) Ficus. Ficus Sycomorus L. 



60 Dreizehntes Buch. 

dass ein fremdartiger Saft, der sonst alles andere Holz 
feucht macht, dasselbe aussaugt (d, h. das Holz verlässt.) 
Sobald es anfängt zu schwimmen, ist es zur Verarbeitung 
hinreichend vorbereitet. 

15. 

Ihm sieht der sogenannte cyprische Feigenbaum i) 
in Greta einigermaassen ähnlich, denn auch dieser trägt 
die Früchte am Stamme selbst, jedoch auch an den Aesten 
wenn sie gehörig dick sind. Er treibt einen Sprössling 
ohne alle Blätter und vom Ansehn einer Wurzel. Der 
Stamm sieht dem der Pappel und das Blatt dem der Ulme 
ähnlich. Er setzt 4 mal Früchte und ebenso oft Knospen 
an. Die Frucht wird aber nur dann reif, wenn durch 
einen Einschnitt die Milch abgelassen wird. Sie hat den 
angenehmen Geschmack und das Innere einer andern 
Feige, und die Grösse einer Sorbus-Frucht. 2) 

16. 

Ein ähnlicher Baum, den die Jonier Johannisbrot- 
baum 3) nennen, trägt auch am Stamme selbst Früchte, 
aber Schoten, und ist von Einigen, jedoch offenbar irrthüm- 
licherweise, der ägyptische Feigenbaum genannt worden, 
denn er wächst nicht in Aegypten, sondern in Syrien, 
Jonien, bei Gnidus und auf Rhodus, hat beständig grüne 
Blätter, weisse starkriechende Blüthen, treibt unten Schöss- 
linge und sieht, weil diese ihm den Saft nehmen, ganz 
unten blassgelb aus. Wenn man die Frucht vom vorigen 
Jahre beim Aufgange des Hundssterns abnimmt, so wächst 
sogleich eine neue; nachher, beim Aufgange des Arcturus. 
kommt die Blüthe, und den Winter über entwickelt sich 
die Frucht. 

17. 

In Aegypten wächst auch eine besondere Art von 
Pfirsichbaum 4), der dem Birnbäume gleicht und sein 



•) Varietät des vorigen. 

2) Vergl. XV. B. 23. Cap. 3) Ceraunia. Ceratonia Siliqua L. 

■*) arbor persica. Amygdalus persica L. 



Dreizehntes Buch. Q\ 

Laub nicht abwirft. Er trägt beständig Früchte, indem 
den folgenden Tag schon wieder eine neue nachwächst; 
beim Wehen der Passatwinde werden sie reif. Die Frucht 
ist grösser als eine Birne, wird von einer der Mandel ähn- 
lichen Hülle eingeschlossen und hat eine grasgrüne Haut; 
doch während bei jener eine Nuss, ist hier eine Fleisch- 
frucht 1), die sich auch noch durch ihre Kürze und Weich- 
heit unterscheidet, und obgleich sie durch ihre angenehme 
Süssigkeit den Geschmack sehr reitzt, nicht schadet. Das 
Holz unterscheidet sich in der Güte, Festigkeit und Schwärze 
in nichts von dem des Lotusbaums. Man hat Statuen aus 
ihnen gemacht, die, obwohl dauerhaft, allerdings nicht so 
schön aussehen wie die von dem Baume, welchen wir 
Baianus genannt haben, und der grösstentheils gewunden 
ist. Es dient daher jetzt nur zum Schiffbaue. 

18. 
Dagegen aber steht der Kokosbaum2) welcher den 
Palmen gleicht, in grossem Ansehn, denn seine Blätter 
gebraucht man auch zu Flechtwerken. Er unterscheidet 
sich nur dadurch, dass er seine Aeste armförmig ausbreitet. 
Die Frucht ist so gross, dass sie eine Hand füllt, von 
Farbe braungelb, und enthält einen Saft von angenehmem 
süsslich zusammenziehendem Geschmack. Der darin be- 
findliche Samen 3) ist gross, ausserordentlich hart und wird 
zu Siegelringen verarbeitet; er enthält einen in frischem 
Zustande süssen Kern, der aber durch Trocknen so hart 
wird, dass er nur dann gekauet werden kann, wenn er 
zuvor mehrere Tage lang eingeweicht war. Das Holz ist 
schön gemasert, und deshalb bei den Persern sehr hoch 
geschätzt. 

19. 
Nicht minder berühmt ist in jenem Lande *) der Dor n- 
baum^), jedoch nur der schwarze, denn sein Holz hält 

') prunum. 

-) Cuci. Cocos nucifera L. ^j Die eigentliche Nuss. 

"*) Nämlich in Aegypten. 

'') Spina. Acacia vera W. 



(32 Dreizehntes Buch. 

sich im Wasser unverändert, und giebt deshalb das beste 
Material zu Schiflfskielen. Der weisse fault leicht. Auch 
die Blätter haben Stacheln. Der Same liegt in Schoten 
und dient zur Bereitung des Leders statt der Galläpfel.. 
Die Blume nimmt sich schön in Kränzen aus und wird 
auch zu Arzneimitteln angewandt. Es fliesst auch ein 
Gummi aus diesem Baume, aber ganz besonders nützlich; 
wird er dadurch, dass er abgehauen im 3. Jahre wieder 
aufschiesst. Er wächst um Theben, wo auch die Eiche,, 
der Pfirsich- und der Oelbaum vorkommen, 300 Stadien 
vom Nile in einer waldigen Gegend, welche durch die 
Quellen dieses Flusses bewässert wird. Dort wächst auch 
die ägyptische Pflaume, welche dem eben erwähnten 
Dornbaume nicht unähnlich ist, eine der Mispel ähnliche,. 
im Winter reifende Frucht hat und die Blätter nicht ver- 
liert. Der Stein in der Frucht ist gross, das Fleisch aber 
liefert seiner Beschaffenheit und Menge nach den dortigen 
Bewohnern gleichsam eine Erndte. Nachdem sie es ge- 
reinigt haben, stossen sie es und bewahren es in Klossen 
auf. In einem waldigen Districte um Memphis giebt es. 
so starke Bäume davon, dass 3 Menschen sie nicht um-, 
spannen können. Einer von diesen ist besonders merk- 
würdig, nicht seiner Frucht oder seines Nutzens, sondern 
einer besondern Eigenthümlichkeit wegen; denn er hat 
das Ansehn eines Dornbaumes, Blätter wie Federn, welche, 
sobald ein Mensch die Aeste berührt, abfallen, und sicl^ 
hierauf wiedererzeugen. 

20, 
Das Gummi vom ägyptischen Dorubaume, welches 
für das beste gehalten wird, ist wurmförmig, graugrün, 
rein, ohne Kindentheile und hängt sich an die Zähne. 
1 Pfund desselben kostet 3 Denare. Schlechter ist das- 
jenige von dem bittern Mandel- und Kirschbaume, am 
schlechtesten das vom Pflaumenbaume. Auch aus den 
Weinstöcken fliesst ein Gummi, welches bei Geschwüren 
an Kindern die besten Dienste leistet; auch mitunter aus 
dem Oelbaume, was gut für Zahnweh ist, ferner liefert 



Dreizehntes Buch. 63 

der Ulmenbaum auf dem Berge Corycum in Cilicien und 
der Wachholder Gummi, das aber nichts taugt. Aus dem 
Ulmengummi entstehen aber daselbst die Mücken. Auch 
aus der Sarkokolle i), einem Baume, fliesst Gummi, 
welches von den Malern und Aerzten viel gebraucht wird ; 
es sieht dem zerriebenem Weihrauche ähnlich, ist daher 
weiss besser als röthlich und hat mit dem obigen Gummi 
einen Preis. 

21. 
Wir haben die Sumpfpflanzen und die an den Flüssen 
wachsenden Sträucher noch nicht berührt. Ehe wir jedocU 
Aegypten verlassen, müssen wir von der Papierstaude *) 
reden, weil hauptsächlich der Gebrauch des Papiers uns 
die Mittel an die Hand giebt, Kenntnisse zu erwerben und 
der Vergessenheit zu entziehen. Das Papier soll, wie 
M. Varro berichtet, durch den Sieg Alexanders des Grossen, 
als er Alexandrien in Aegypten erbau ete, erfunden sein; 
vorher habe man es nicht gekannt, sondern erst auf Palm- 
blättcr, später auf den Bast gewisser Bäume geschrieben; 
hierauf die öffentlichen Urkunden auf bleierne Rollen, dann 
die Privatnachrichten auf Leinwand oder auf Wachs ge- 
tragen; dass aber schon vor dem trojanischen Kriege die 
Schreibtafeln im Gebrauch gewesen sind, finden wir bei 
Homer angeführt. Nach Varro existirte aber damals noch 
nicht all' das Land, was wir jetzt Aegypten nennen, (er 
sagt nämlich, die Papierstaude wüchse nur im sebenny- 
tischen Distrikte Lais), sondern wurde später erst durch 
den Nil angeschwemmt; denn seiner Angabe nach musste 
man von der Insel Pharus aus, welche jetzt durch eine 
Brücke mit Alexandrien verbunden ist, einen Tag und eine 
Nacht lang segeln, um ans feste Land zu kommen. Eben- 
derselbe erzählt, dass bald darauf, als die Könige Ptole- 
mäus und Eumenes wegen ihrer Büchersammlungen eifer- 



*) Sarcocolla. Ist botanisch noch nicht festgestellt. 
2) Papyruni. Cyperus Papyrus L. 



g4 Dreizehntes Buch. 

süchtig auf einander wurden, und Ptolemäus das Papier 
zurückhielt, die Schreibhäute zu Pergamus ^) erfunden sei- 
en. Nachher aber konnte sich Jeder ohne Unterschied 
eines Gegenstandes bedienen, der die Menschheit unsterb- 
lich gemacht hat. 

22. 

Die Papierstaude wächst in Aegypten an sumpfigen 
Orten oder in stillstehendem Nilwasser, welches nach 
seinem Austreten Teiche bildet, in denen das Wasser nicht 
über 2 Cubitus tief ist. Die Wurzel wächst schräg, ist 
armdick, dreieckig, und treibt einen dünnen, höchstens 10 
Cubitus hohen Schaft, dessen Spitze aber einen Strauss 
bildet, der weder Samen trägt, noch irgend einen andern 
Nutzen gewährt, als dass man die Götter damit bekränzt. 
Die Wurzel gebrauchen die Bewohner als Holz, und nicht 
bloss zum Brennen sondern auch zur Verfertigung nützlicher 
Geschirre. Aus dem Schafte flechten sie Fahrzeuge, aus 
dem Baste Segel, Decken, auch Kleider, Matratzen und 
Stricke. Sie kauen ihn auch roh und abgesotten, und ver- 
schlucken bloss den Saft davon. Diese Pflanze wächst 
auch in Syrien an dem See, wo der wohlriechende Calamus 
vorkommt, und der König Antigonus hatte keine anderen 
Seile an seinen Schiffen im Gebrauch als von ihr, weil das 
Pfriemenkraut ^) noch nicht bekannt war. Vor kurzem hat 
man gefunden, dass die am Euphrat bei Babylon wachsende 
Papierstaude ebenfalls zur Bereitung des Papiers brauchbar 
ist; und doch ziehen es die Parther vor, die Buchstaben 
in ihre Kleider einzuweben. 

23. 

Man bereitet nun daraus das Papier, indem man die 
Pflanze mit Hülfe eines spitzen Instruments in äusserst 
dünne und möglichst breite Häute ^) zertheilt. Das beste 
kommt aus der Mitte, und von da ab nach Ordnung der 
Spaltung. Ehemals hiess dasjenige, welches bloss zu reli- 



•) Pergament. -) Spartum. Spartium junceum L. 
3) Philurae. 



Dreizehntes Buch. t>5 

.:giö8en Schriften bestimmt war, das heilige, jetzt benennt 
man es aus Schmeichelei gegen den Kaiser Angustus, mit 
seinem Namen, sowie die zweite Sorte nach seiner Gemahlin 
Livia. Daher hat jetzt das heilige den dritten Rang be- 
kommen. Die nächste Sorte, von dem Orte seiner Verfer- 
tigung das ampbitheatralische genannt, wurde in der 
sinnreichen Werkstätte des Fannius zu Rom durch beson- 
dere Handgriffe dünner gemacht, dadurch eine der besten 
Sorten und mit dem Namen dieses Mannes bezeichnet. 
Was diese Umarbeitung nicht erlitten hatte, behielt seinen 
alten Namen amphitheatralisches. Hierauf folgt das säi- 
tische, so genannt von der Stadt, wo es in grösster Menge 
und zwar von den schlechtem Schnittsein bereitet wird. 
Noch näher der Rinde ist das leneotische, welches den 
Namen von einem benachbarten Orte hat, und das schon 
nach dem Gewichte, nicht nach der Qualität verkauft wird. 
Das Packpapier taugt nicht zum Schreiben, und wird 
bloss zu Umschlägen für anderes Papier, sowie zum Ein- 
wickeln der Waaren gebraucht; daher hat es auch den 
Zunamen von den Kaufleuten bekommen. Nach diesem 
kommt das Papier von der äussersten Rindensubstanz, 
welches Binsen ähnlich ist, und nur zu Stricken taugt, die 
der Feuchtigkeit ausgesetzt sind. 

Alles Papier wird auf einer Tafel mittelst Nilwasser 
bereitet; das trübe Wasser vertritt dabei die Stelle des 
Leims. Zuerst klebt man ein abgelöstes möglichst langes 
Blatt, an welchem zu beiden Seiten die Schnitzel entfernt 
sind, auf die Tafel, legt dann eine Lage der Quere nach 
auf, presst hierauf das Ganze, trocknet die Bogen an der 
Sonne, und verbindet sie untereinander, indem man bei 
den besten anfängt und bei den schlechtesten aufhört. 
Niemals sind mehr als 20 Bogen in einer solchen Rolle. 

24. 
Die Breite des Papieres ist sehr verschieden; das 
beste ist 13, das heilige 11, das fannianische 10, das am- 
pbitheatralische 9 Finger breit, das saitische noch schmäler, 
hält auch die Hammerschläge nicht aus, und das Packpa- 

Wittstein: Pliuius. III. Bd. 5 



QQ Dreizehntes Buch. 

pier misst nichf über 6 Zoll. Ausserdem berücksichtigt- 
man bei dem Papiere die Dünne, Festigkeit, Weisse und 
Glätte. Die erste Sorte, das augustische hat der Kaiser 
Claudius verändern lassen, denn es war zu dünn um dem 
Drueke der Feder zu widerstehen; zu dem schlug es durch, 
sodass man befürchten musste, auf der andern Seite etwas 
ausgestrichen zu sehen, und sah auch, weil es sehr durch- 
scheinend war, nicht schön aus. Man gab ihr daher eine 
Unterlage von der zweiten Haut, und machte aus der ersten 
Haut Gewebe. Auch seine Grösse hat man vermehrt. 
Das Regalpapier ^) war einen Fuss breit und l Cubitus 
lang, allein man sah den Nachtheil davon ein, weil man 
durch Abreissen eines Blättchens viele Bogen beschädigte.. 
Daher zog man das claudische Papier allen andern vor, 
bei Briefen hält man noch das augustische in Ehren; das 
livianische hat sein Ansehn, als 2. Sorte behalten. 

25. 

Das rauhe Papier wird mit einem Zahne oder einer 
Muschel geglättet, aber die Schrift hält sich nicht lange 
darauf. Geglättetes Papier zieht weniger an, und glänzt 
mehr. Die Nässe, welche ihm zuerst aus Nachlässigkeit 
gegeben worden, wirkt nachtheilig darauf ein, und diess 
zeigt sich beim Daraufschlagen mit dem Hammer, oder 
auch durch den Geruch, wenn noch weniger Sorgfalt dabei 
verwandt ist. Das fleckige erkennt man am Ansehn , die 
Streifen aber an den Stellen, wo es zusammengeleimt ist; 
und wenn es, gleich einem Schwämme, Feuchtigkeit ein- 
saugt, so fliesst die Schrift aus. Soviel Betrug findet da- 
bei statt! Man hat nun die Arbeit, es zu verleimen, von 
Neuem. 

26. 

Der gemeine Leim wird aus dem feinsten Mehle mit 
siedendem Wasser und etwas wenigem Essig bereitet, denn 
der Tischlerleim und das Gummi sind zu zerbrechlich. 
Noch besser thut man, wenn man sich des durchgeseiheten> 



') macrocollum. 



Dreizehntes Buch. g7 

Wassers von gesäuertem Brote bedient, denn auf diese 
Weise kommt am wenigsten Unreinigkeit darunter; auch 
ist diess besser als Leimsamenschleim. Aller Leim darf 
nicht älter und nicht frischer als einen Tag sein. Hierauf 
wird das Papier mit dem Hammer dünn geschlagan, noch- 
mals durch den Leim gezogen, wenn es sich gerunzelt hat 
geebnet, und wiederum geschlagen. Durch diese Bearbei- 
tung haben sich die Schriften von der Hand der Gracchen 
Tiberius und Cajus, welche ich bei Pomponius Secundus, 
einem hochbertihmten Dichter und Bürger, fast 200 Jahre 
nachher gesehen habe, so lange gehalten. Die Schriften 
des Cicero, Kaiser Augustus und Virgilius habe ich oft 
Gelegenheit zu sehen. 

27. 

Gegen die oben ^) mitgetheilte Meinung Varro's über 
das Papier liegen aber gewichtige Thatsachen vor. Cas- 
sius Hemina ^), der älteste Annalenschreiber , erzählt näm- 
lich im 4. Buche derselben, der Schreiber Cn. Terentius 
habe, als er seinen Acker auf dem Janikulus-Berge umgrub, 
eine Kiste gefunden, in welchem der römische König Nu- 
ma, gelegen sei. In eben derselben Kiste habe man auch 
unter den Consuln P. Cornelius, L. F. Cethegus, M. Bäbius 
unter Q. F. Tamphilus, bis zu deren Zeit von Numa's Re- 
gierung an 535 Jahre verstrichen waren, dessen Bücher 
gefunden, und diese seien von Papier gewesen. Noch 
mehr muss man sich wundern, dass sie sich so viele Jahre 
hindurch in der Frde vergraben erhalten haben, ich will 
deshalb bei dieser so wichtigen Begebenheit Hemina's eig- 
nen Worte anführen. Einige fanden es nämlich wunderbar 
wie die Bücher so lange hätten unversehrt bleiben können; 
er erklärt es aber auf folgende Weise: Es habe mitten 
in der Kiste ein viereckiger Stein gelegen, welcher allent- 
halben mit Talglichtern umwunden gewesen sei; die Bücher 



') Im 21. Cap. 

2) Lebte zur Zeit des 2. punischen Krieges; seine Annalen sind 
verloren. 



6g Dreizehntes Buch. 

hätten in diesen Steine gelegen, und deshalb, wie er glaube^ 
nicht faulen können. Auch wären die Bücher mit Citro- 
nenöl bestrichen gewesen, und daher möchten sie die 
Motten vielleicht nicht angefressen haben. In diese Bücher 
war die Philosophie des Pythagoras eingeschrieben, und 
sie sollen, weil es philosophische Schriften waren, von dem 
Prätor Q. Petilius verbrannt worden sein. Dasselbe be- 
richtet L. Piso Censorius im ersten seiner Commentare 
doch sagt er, 7 Bücher hätten vom Priesterrechte gehan- 
delt, und ebenso viele wären pythagorischen Inhalts ge- 
wesen. Tudetanus ^) giebt im 14. Buche seiner Schriften 
an, sie hätten die Gesetze Numa's enthalten; selbst Varro 
sagt im 7. Buche seiner menschlichen Alterthumskunde, 
und Antias im 2, es wären 12 lateinische Bücher vom 
Priesterrechte, und ebenso viele griechische, welche die 
Lehren der Philosophie enthalten hätten, gewesen. Letz- 
terer meldet noch im 3., man habe den Beschluss gefasst 
sie zu verbrennen. Darin aber stimmen alle überein, eine 
gewisse Sibylle habe dem Tarquinius Superbus 3 Bücher 
gebracht; von diesen sind 2 von ihm selbst, das dritte aber 
mit dem Capitolium zu den Zeiten Sulla's verbrannt. 
Ausserdem schreibt Mutianus, welcher dreimal Consul war, 
er habe neulich, als er Lycien verwaltete, in einem Tem- 
pel einen von Troja her auf das Papier geschriebenen 
Brief Sarpedon's gelesen. Ich wundere mich hierüber um 
so mehr, wenn zu der Zeit, als Homer sein Gedicht schrieb, 
Aegypten noch nicht da war; 2) oder warum er, wenn man 
schon den Gebrauch des Papiers kannte, auf bleierne oder 
leinene Rollen schrieb? Ferner, warum Homer sagt, dass 
selbst in diesem Lycien dem Bellerophon eine Schreibtafel 
und nicht ein Brief mitgegeben sei? — Auch die Papier- 
staude missräth zuweilen, und man sah sich schon unter 
der Regierung des Tiberius aus Mangel am Papier veran- 
lasst, von Seite des Senats Schiedsrichter zur Vertheilung 



') Ein unbekannter Schriftsteller. 

2) D. h. in der jetzigen Ausdehnung Vgl. Cap. 21. dieses Buches. 



Dreizehntes Buch. 69 

desselben zu ernennen, sonst wäre das ganze Leben in 
Verwirrung gerathen. 

28. 

Aethiopien, welches an Aegypten grenzt, hat beinahe 
gar keine ausgezeichneten Bäume, ausser den wolletra- 
genden, von denen schon bei Beschreibung Indiens und 
Arabiens die Rede war. Diese Wolle nähert sich jedoch 
mehr der Natur der Schafwolle, die Fruchtkapsel ist 
grösser als ein Granatapfel, und die Bäume selbst sind 
unter sich einander gleich. Ausserdem giebt es daselbst 
auch Palmen, wie wir sie beschrieben haben. Die Bäume 
der um Aethiopien liegenden Inseln und die wohlriechenden 
Wälder sind schon bei diesen Inseln selbst angeführt 
worden. 

29. 

Man erzählt von einem auf dem Berge Atlas befind- 
lichen merkwürdigen Walde, dessen wir bereits erwähnt 
haben i). An diesen grenzen die Mauren, in deren Lande 
der Citrusbaum^) sehr häufig wächst, aus dem man 
Tische verfertigt, die zu unsinniger Verschwendung Anlass 
geben, und deren Anschaffung die Weiber ihren Perlen 
gegenüber den Männern zum Vorwurfe machen könnten. 
Noch jetzt existirt ein solcher Tisch des M. Cicero, der 
beidem damaligen Geldmangel, und was noch mehr zu bewun- 
dern ist, in jenem Zeitalter für L Million Sesterzen gekauft 
wurde. Auch wird eines Tisches des Gallus Asinius ge- 
dacht, der 1,100,000 Sesterzen kostete. Ferner sind 2 
Tische des Königs Juba verkauft worden, von denen der 
eine um 1,200,000 Sesterzen, der andere zu einem etwas 
geringern Preise wegkam. Neulich verbrannte ein von 
dem Cethegern herstammender, der um 1,400,000 Sesterzen 
erstanden war — eine Summe, für welche man ein grosses 
Landgut kaufen könnte. Der grösste unter allen war bis 
jetzt der des Königs Ptolemäus in Mauritanien, welcher 



') V. B. 1. Cap. 

^) Citrus. Thuja articulata Vahl, 



70 Dreizehntes Buch. 

aus 2 halben Zirkeln zusammengesetzt war, 41/2 Fuss im 
Durchmesser und 1/4 Fuss in der Dicke hatte. An ihm 
musste man die Kunst bewundern, denn die Fugen waren 
so verborgen, als wenn die Natur sie gemacht hätte. Des- 
gleichen einer aus einem Stücke, welcher von Nomius, 
einem Freigelassenen des Kaiser Tiberius, einen Beinamen 
erhielt, 4 Fuss weniger 3/^ ZolP) gross und V2 Fuss we- 
niger 3/4 Zoll dick war. Hierbei glaube ich nicht uner- 
wähnt lassen zu dürfen, dass der Kaiser Tiberius einen 
Tisch gehabt hat, der ^6 Sicilicus mehr als 4 Fuss gross, 
durchaus aber nur anderthalb Zoll dick, und mit 
einer Platte tiberdeckt war, während -doch sein Freigelas- 
sener einen so vorzüglichen besass. Das Material zu 
diesen Tischen ist der knollige Auswuchs einer Wurzel, 
und derjenige Theil davon, welcher ganz unter der Erde steckt, 
wird am meisten geschätzt, aber weit seltener gefunden, als ein 
über der Erde oder auch an den Zweigen befindlicher. Was zu 
so hohen Preisen gekauft wird, ist eigentlich ein krankhaftes 
Erzeugniss der Bäume, deren Umfang und Wurzeln man aus 
den Ringen beurtheilen kann. Sie sind aber dem wilden 
Cypressenbaume im Blatte, Gerüche und Stamme ähnlich. 
Ein Berg im diesseitigen Mauritanien, genannt der Anker- 
berg 2), lieferte die besten Citrusbäume, ist aber jetzt er- 
schöpft. 

30. 
Die Tische mit krausen Adern oder kleinen Wirbeln 
haben den Vorzug. Jene laufen längs dem Holze, woher 
letzteres denn auch getigert genannt wird, diese entstehen 
durch Einwärtsdrehen, und solches Holz heisst gepanthert. 
Es giebt auch Tische mit wellenförmig krauser Zeichnung, 
und diese sind noch beliebter, wenn sie den Pfauenfeder- 
augen gleichen. Nächst ihnen stehen auch, ausser den 
schon genannten, die im Ansehen, welche wie mit einem 
dichten Haufen Körnern gesprengt sind, und aus diesem 
Grunde die getüpfelten 3) genannt werden. Ihr höchster 



') Tres sicilici. -) ancorarins. ^) apiatae. 



Dreizehntes Buch. 71 

Weith beruht aber bei allen auf der Farbe; am beliebte- 
sten ist die Farbe des Mostes, welche aus seinen Adern 
schimmert. Dann folgt ihre Grösse; man hat sie entweder 
aus einem Stamme, oder aus mehreren Stämmen verbunden. 

Fehler eines Tisches sind; das Holz d. i. der todte 
Stamm, oder die ungeordnete Einfachheit, oder die Ver- 
theilung nach Art der Platanenblätter; ferner die Aehn- 
lichkeit mit den Adern oder der Farbe der Eiche, sowie 
Risse oder Rissen gleiche Fasern, welche sie durch Ein- 
fiuss von Hitze und Wind bekommen haben. Sodann ein 
durchlaufender schwarzer Streif), die Einfassung mit ver- 
schiedenen krummen Punkten gleich Mohnsaamen, und 
überhaupt die dem Schwarzen sich mehr nähernde Farbe 
oder mehrfarbige Flecke. Die Barbaren vergraben das 
grüne Holz in die Erde, und bestreichen es mit Wachs; 
die Künstler aber legen es 7 Tage lang in Getreidehaufen, 
und ebenso lange heraus, und es ist merkwürdig, wie viel 
dadurch am Gewichte abgeht. Neulich sind wir durch 
Schiffbrüche belehrt worden, dass diess Holz auch im 
Meere austrocknet, und, ohne Verminderung seiner Härte, 
auf keine andere Weise dichter wird. Man conservirt 
diese Tische am besten und erhält sie glänzend, wenn 
man sie mit trockner Hand, besonders gleich nach dem 
Bade, reibt; auch macht der Wein auf ihnen kleine Flecke, 
wie er es auf seinem eignen Holze thut. 

Dieser Baum gehört unter die seltenern Geräthe eines 
glänzendem Hausstandes; daher wollen wir noch ein wenig 
bei ihm verweilen. Auch Homer kannte ihn; im Griechi- 
schen heisst er Thyon ^), bei Andern Thya, und seiner Aus- 
sage nach wird das Holz nebst anderen Rauch werken, zu 
Ehren der Circe, welche er für eine Göttin ausgiebt, an- 
gezündet. Wer aber unter jenem Worte Thya Parfüme 
versteht, irret sehr, denn er spricht vorzüglich in diesem 
Verse vom Brennen der Ceder und Lärchentanne, und es 



') muraena. 

2) Der göttliche. 



72 Dreizehntes Buch. 

ist klar, dass nur von Bäumen die Rede ist. Theophrastus^ 
der nächste Schriftsteller nach dem Zeitalter Alexanders 
des Grossen, um das Jahr 440 nach Rom's Erbauung, er- 
weist diesem Baume schon grosse Ehre, und meldet, dass 
aus ihm das Gebälk der alten Tempel gemacht sei, und 
dass das Holz wegen seiner Fehlerlosigkeit und Dauer- 
haftigkeit ein unverwesliches Material zu Häusern abgebe. 
Nichts sei krauser als seine Wurzel, und nichts liefere 
kostbarere Werke. Von . vorzüglicher Beschaffenheit 
aber sei er beim Tempel des Hammon, doch wachse er 
auch im untern Theile der cyrenaischen Provinz. Von 
Tischen sagt er jedoch nichts, auch findet man vor dem 
ciceronianischen keines älteren erwähnt, woraus hervorgeht, 
dass sie etwas Neues sind. 

31. 

Ein anderer Citrusbaum trägt eine Frucht; die- 
bei Einigen wegen ihres Geruchs und ihrer Bitterkeit ver- 
hasst, bei Andern beliebt ist, auch zur Ausschmückung der 
Häuser dient; doch wollen wir uns nicht länger dabei 
aufhalten. 

32. 

In dem uns gegenüberliegenden Theile Afrikas wächst 
auch der berühmte Baum Lotus, den man Celtis i) nennt^ 
und der auch in Italien bekannt, aber durch den Boden 
verändert ist. Am besten findet er sich bei den Syrten. 
und den Nasamonen. Er hat die Grösse eines Birnbaumes,- 
obgleich Cornelius Nepos ihn für niedrig ausgiebt. Sein 
Blatt ist mehrfach eingeschnitten, wie das der Eiche. Es 
giebt verschiedene Abarten, die am besten durch die Frucht 
bestimmt werden. Diese hat die Grösse einer Bohne, eine 
safranartige Farbe, erscheint jedoch vor der Reife bald so,. 
bald so gefärbt, wie man es bei den Weintrauben sieht. 
Er wächst mit dichten Zweigen gleich der Myrte, nicht,, 
wie in Italien, gleich dem Kirschbaum, und giebt doit auch.. 



') Celtis australis L. 



Dreizehntes Bach. 73 

eine so süsse Speise ')» dass das Volk und Land, deren 
grosse Gastfreundschaft die Ankömmlinge ihr Vaterland 
vergessen lassen, den Namen davon bekommen hat. Die, 
welche davon essen, sollen kein Bauchgrimmen bekommen. 
Sie ist besser ohne den Innern Kern, der bei einer andern 
Art Knochenhärte hat. Man presst auch einen Wein daraus, 
der dem Moste ähnlich ist, und nach demselben Nepos 
sich nicht über 10 Tage halten soll; auch werden die 
Beeren zerschnitten und mit Graupen zur Speise in Fässer 
gepackt. Ja wir haben selbst erfahren, dass ganze Kriegs- 
heere auf ihren Zügen durch Afrika sich davon genährt 
haben. Das Holz hat eine schwarze Farbe, und wird zur 
Verfertigung von Flöten sehr gesucht. Aus der Wurzel 
macht man Messergriffe und andere kleine Geräthschaften. 
Diess ist die Natur des dortigen Baumes Lotus. 

Unter demselben Namen giebt es auch ein Kraut 2)^ 
und in Aegypten unter den Sumpfgewächsen ein Stengel- 
gewächs 3). Wenn nämlich das ausgetretene Nilwasser 
wieder abnimmt, so kommt ein bohnenähnlicher Stengel 
hervor, der dicht mit Blättern besetzt ist, nur dass diese 
dünner und kürzer sind wie bei der Bohne, und an der 
Spitze eine Frucht trägt, welche durch ihre Einschnitte 
sowohl wie in jeder andern Hinsicht dem Mohne gleicht 
und im Innern hirseartige Samen hat. Die Einwohner 
lassen die Köpfe auf einem Haufen faulen, trennen dann 
die Samen durch Waschen, trocknen, stossen sie, und be- 
dienen sich derselben statt des Brotes. Ausserdem erzählt 
man noch folgendes Merkwürdige davon: diese dem Mohn 
ähnlichen Köpfe schliessen sich beim Untergange der Sonne 



*) Plinius verwechselt hier Celtis australis mit anderen Pflanzen, 
denn erstere hat eine unschmackhafte Frucht. Der Lotus mit süsser 
Frucht ist entweder Zizyphus Lotus W, oder Diospyros Lotus, oder 
man begriff darunter beide zusammen. 

^) Melilotus messanensis L. 

3) caulis. Hierher gehören 2 Species , Nymphaea Lotus und' 
Nymphaea Nelumbo (Nelumbium speciosum). 



74 Dreizehntes Buch. 

und bedecken sich mit den Blättern, bei Sonnenaufgange 
aber öffnen sie sich, bis sie endlich reifen, und die Blüthe, 
welche weiss ist, abfällt. 

Ferner wird berichtet, der Kopf und die Blume tauchen 
im Euphrat vom Abend bis Mitternacht unter, und gehen 
ganz in die Tiefe hinab, so dass mau sie mit ausgestreckter 
Hand nicht fassen könne. Dann kehre die Pflanze um, er- 
hebe sich allmählig, steige beim Aufgange der Sonne 
wiederum aus dem Wasser, öffne ihre Blume, und erhöbe 
sich soweit, dass sie hoch über dem Wasser stehe. Diese 
Lotuspflanze hat eine Wurzel von der Grösse eines Quitten - 
apfels, welche mit einer schwarzen Rinde, ähnlich der, 
welche die Kastanien umschliesst, bedeckt ist. Inwendig 
befindet sich ein weisses, angenehm schmeckendes Fleisch, 
das jedoch in Wasser gekocht oder auf Kohlen gebraten 
noch besser mundet. Die Abfälle davon sind die beste 
Mästung für die Schweine. 

33. 

In der cyrenaischen Provinz zieht man den 
Paliurus^) dem Lotus vor. Er hat mehr das Ansehen 
eines Strauchs, die Frucht ist röthlicher (der Kern wird 
nicht mitgegessen), schmeckt an und für sich schon ange- 
nehm, aber noch angenehmer mit Wein, ja ihr Saft erhöht 
den Geschmack des Weines. Das innere Afrika bis zu 
dem Gebiete der Garamanter und die Wüsten sind durch 
ihre grossen und schönen Palmbäume, von denen die auö- 
gezeichnetsten beim Tempel des Hammon stehen, bekannt. 

34. 

Aber um Carthago behauptet der punische Apfel 2) 
selbst durch seinen Beinamen, den ersten Rang. Er heisst 
auch Granatapfel und wird in mehrere Arten getheilt. 
Diejenige, welche keinen holzigen Kern hat, heisst die 
kernlose, ist von Natur weisser, die Kerne milder, und 
durch weniger bittere Häute getrennt. Sonst besitzen sie 



*) Rhamnus Paliurus L. 

^) Punicmii malum. Punica Granatum. 



Dreizehntes Buch. 75 

alle gemeinschaftlich einen besondern, dem der Bieuen- 
scheiben ähnlichen Bau. Fünf Arten haben Kerne, nemlich 
süsse, scharfe, vermischte, saure, weinige. Die samnische 
und ägyptische unterscheidet man als rothlaubige und 
weisslaubige. Von den herben eignet sich die Einde besser 
zum Gerben. Die Blume heisst Balaustium, dient zu 
Arzneien und zum Färben der Kleider, deren Farbe davon 
benannt wird. 

35. 

In Asien und Griechenland wachsen unter andern 
folgende Sträucher : Epipactis 1), welche Einige Helleborine 
nennen, mit kleinen Blättern, aus denen man einen Trank 
gegen Gifte bereitet; ebenso dienen die derErice^) gegen 
den Schlangenbiss. Ferner die Pflanze, auf welcher das 
gnidische Korn wächst, das verschiedene Namen führt, 
nämlich: Linum, Thymeläa, Chameläa, Pyrosachne, 
Cnestron, Cneoron^). Der Strauch selbst ist dem wilden 
Oelbaume ähnlich, hat aber schmalere Blätter, die gekauet 
Harzgehalt zeigen, und die Grösse einer Myrte. Der Same 
gleicht in der Farbe und Gestalt dem Getreide. Es wird 
nur in der Medicin Anwendung davon gemacht. 

36. 

Der Strauch Tragion*) wächst allein auf der Insel 
€reta, gleicht der Terebinthe, auch im Samen, und dieser 
soll das wirksamste Mittel gegen die Pfeilwunden sein. 
Auch kommt dort der Bocksdorn'') mit einer der des 



•) Epipactis grandiflora Sm. 

2) Erica arborea L. 

3) Plinius verwechselt hier mehrere Arten Daphne mit einander. 
Das gnidische Korn und die Thymelaea ist D. Gnidium L.; Chame- 
laea und Cnestron ist D. oleoides L.; Cneoron ist D. Tartonraira L. 
die übrigen Namen im Texte gehören der einen oder andern dieser 
Arten an, nur lässt sich bei der mangelhaften Beschreibung nicht 
sagen welcher? 

*) Ohne Zweifel ein Astragalus. 

^) Tragacanthe. Astragalus Tragacantha L. (A. aristatus L'Her. 
und A. creticus Sibth). 



76 Dreizehntes Buch. 

weissen Dornstrauchs gleichen Wurzel vor , welche der in 
Medien und Achaja wachsenden weit vorgezogen wird. 
10 Pfund davon kosten 3 Ass. 

37. 

Auch Asien hat einen Tragus ') oder sogenannten 
Scorpion, einen Dornstrauch ohne Blätter, und mit röth- 
lichen Trauben, der in der Medicin gebraucht wird. In 
Italien wächst die Myrice, welche Einige Tamarisce^) 
nennen; in Achaja die wilde Brya, an welcher das merk- 
würdig ist, dass nur die angebauete eine dem Galläpfel 
ähnliche Frucht trägt. In Syrien und Aegypten wächst 
diese Pflanze häufig; ihr Holz nennen wir das unglückliche^), 
jedoch hat Griechenland ein noch unglücklicheres Gewächs, 
nämlich den Baum Ostrys, von Einigen auch Ostrya*) 
genannt, einzeln an Klippen im Wasser, dessen Rinde und 
Aeste denen der Esche, dessen Blätter denen des Birn- 
baumes ähnlich sehen, nur dass sie etwas länger und dicker 
sind, Einschnitte und Runzeln, welche ganz hindurch laufen, 
haben. Der Same gleicht in Gestalt und Farbe der Gerste, 
Sein Holz ist hart und fest, und soll in ein Haus gebracht 
schwere Geburten und einen kläglichen Tod bewirken, 

38. 

Eben so unheilbringend ist der sogenannte Spindel- 
baum 5) auf der Insel Lesbos, der dem Granatbaum etwas 
gleich sieht; sein Blatt hält das Mittel in der Grösse 
zwischen dem des Granatbaums und des Lorbeers, hat 
aber die Gestalt und Weichheit des erstem, die Blume 
mehr weiss. Er ist stets der Verkündiger der Pest. Seine 
Schoten sind denen des Sesams ähnlich, die darin befind- 
lichen Körner viereckig, dicht und den Thieren tödtlich; 
die Blätter haben dieselbe Wirkung. Zuweilen hilft eine 
schnelle Ausleerung des Leibes dagegen. 



') Ephedra distachya L. "■') Tamarice. Tamarix africana Desf^ 

^) Nämlich zu Vorbedeutungen. 

^) Ostrya vulgaris W, die Hopfenbuche. 

^) Evonymus. Evonymus latifolius Scop. 



Dreizehntes Buch. 77 

39. 

Alexander Cornelius neunt den Baum, aus welchem 
das Schiff Argo gemacht sei, Eon; er sei der Eiche, welche 
die Mistel trägt *■), ähnlich, und könne gleich der Mistel 
weder durch Wasser noch durch Feuer zerstört werden. 
So viel ich weiss, kennt ihn Niemand weiter. 

40. 

Den Namen Andrachle übersetzen fast alle Griechen 
mit Portulaca, während dieses doch ein Kraut ist, und, 
durch einen einzigen Buchstaben unterschieden, Andrachne 
genannt wird. Uebrigens ist der Andrachle 2) ein wilder 
Baum, der nicht in Ebenen wächst, und dem Unedo gleicht, 
nur dass sein Blatt kleiner ist und niemals abfällt. Seine 
Rinde ist zwar nicht rauh, scheint aber rundum beinahe 
wie gefroren, so traurig ist sein Ansehen. 

41. 

Der Coccygia^) gleicht ihm im Blatte, ist aber kleiner. 
Er besitzt die Eigenschaft, die Frucht zu verlieren, wenn 
dieselbe eine wollige Krone (das sogenannte Pappus) hat, 
was man bei keinem andern Baume findet. Ihm ähnlich 
ist der Apharce, der gleich dem Andrachle 2 mal trägt; 
die erste Frucht wird reif, wenn die Weintraube anzusetzen 
beginnt, die zweite im Anfange des Winters; wie sie be- 
schaffen sind, ist nicht angegeben. 

42. 

Es wird auch passend sein, das wir die Ferula unter 
den ausländischen Gewächsen abhandeln und den Bäumen 
zurechnen, denn einige Bäume haben (wie wir den Unter- 
schied gefunden haben) alles Holz an der Stelle der Rinde, 



•) Die eigentliche Mistel, Viscum album, kommt fast nie auf 
Eichen, sondern auf Aepfel- Birnbäumen, Pappeln Linden und 
Tannen vor; dagegen findet sich ein der Mistel sehr verwandtes 
Schmarotzergewächs, di« Riemenblume, Loranthus europaeus auf 
Eichen, namentlich auf Quercus pubesceus W. und austriaca W. 
in Oesterreich, Schlesien. 

■^) Arbutus Andrachne. 

^) Rhus Cotinus L. 



78 Dreizehntes Buch. 

d. h. auswärts, statt des Holzes aber inwendig ein 
schwammiges Mark, wie die Hollunderbäume; andere da- 
gegen sind inwendig leer, wie die Schilfe. Die Ferula 
wächst in warmen Gegenden jenseits des Meeres, und hat 
einen knotig geknieeten Stengel. Es giebt 2 Arten davon; 
die, welche hoch aufschiesst nennen die Griechen Nartheca ^), 
die andere, niedrige aber Narthecya 2). Die grössten Blätter 
stehen der Erde am nächsten, und entspringen an den 
Knieen. Uebrigens kommt die Pflanze mit dem Anethum^) 
überein, auch sehen sich die Früchte einander ähnlich; 
ferner ist keine Staude leichter als diese, daher sie auch, 
alten Leuten als Stock dient. 

43. 
Den Samen der Ferula haben Einige Thapsia ge- 
nannt, allein sie täuschten sich dadurch, dass die Ferula 
unbezweifelt eine Thapsia ist; jedoch begreift man unter 
letzterm Namen wiederum eine besondere Gattung mit 
fenchelartigen Blättern, hohlem Stengel von der Länge eines 
Spazierstocks, Samen ähnlich der Ferula und weisser 
Wurzel"*). Beim Einschneiden fliesst Milch daraus; zer- 
stösst man sie, so bekommt man einen Saft. Auch die 
Kinde verwirft man nicht. Alle Theile sind giftig, ja selbst 
denen, welche sie graben, schadet sie; wenn der geringste 
Luftstrom entsteht, schwillt ihr Leib auf, und im Gesichte 
entsteht die Rose, daher sie dasselbe zuvor mit einer 
Wachssalbe bestreichen. Doch soll sie nach Aussage der 
Aerzte, wenn sie mit andern Stoffen vermischt wird, in 
einigen Krankheiten Hülfe leisten, auch beim Ausfallen der 
Haare, bei Beulen und blauen Flecken gut sein, als ob es 
an Heilmitteln fehle, um so gefährliche Dinge zu gebrauchen! 
Aber man liebt es, schädlichen Mitteln ein unschuldiges 
Gewand anzuziehen, und ist so unverschämt, die Leute 
glaubend zu machen, Gift gehöre mit zur Kunst. In Afrika^ 



') Ferula communis L. 

^) Ferula nodiflora L. ^) Anethuni 

'') Thapsia garganica L. 



graveolens L. 



Dreizehntes Buch. 79 

ist die Thapsia am giftigsteo. Einige ritzen den Stengel 
zur Zeit der Erndte, höhlen ihn an der Wurzel aus, damit 
der Saft zusammenfliesst, und wenn dieser trocken ge- 
worden ist, nehmen sie ihn heraus. Andere zerstossen. 
Blätter, Stengel und Wurzel in einem Mörser, lassen den 
Saft an der Sonne verdicken und bilden daraus kleine 
Kuchen- Der Kaiser Nero hat im Anfange seiner Regierung 
dieser Pflanze Ruf erworben; ihm wurde nämlich bei seinen 
nächtlichen Schwärmereien das Gesicht damit zerschlagen, 
er aber bestrich es sich mit Weihrauch und Wachs, und 
konnte nun am folgenden Tage, dem Gerüchte zuwider, 
seine unbeschädigte Haut zeigen, Dass sich in dem Stecken- 
kraute das Feuer am besten hält 1), und dass es in Aegypten 
deshalb andern dergl. Mitteln vorgezogen wird, ist gewiss- 

44. 

Dort wächst auch die Capparis^), ein Strauch mit 
ziemlich hartem Holze, dessen Same eine allgemeine Speise 
ausmacht und mit dem man auch meistentheils den Zweig 
abnimmt. Man muss sich vor den ausländischen Arten hüten,, 
denn die arabische ist giftig, die afrikanische schadet dem 
Zahnfleische, die marmarische den weiblichen Geschlechts- 
theilen und macht Blähungen, die apulische erregt Brechen,, 
und schadet dem Magen und Unterleibe. Einige nennen 
sie Cynosbatos 3), Andere Opheostaphylos. 

45. 

Auch das Sari 3), welches am Nile wächst, gehört zu 
den Sträuchern, ist beinahe 2 Cubitus hoch, einen Daumen 
dick, hat Blätter wie der Papyrus, und wird wie dieser 
gegessen. Die Wurzel wird in den Schmieden sehr ge- 
schätzt, weil sie harte Kohlen giebt. 

46. 

Auch dürfen wir den Strauch nicht übergehen, welcher 
zu Babylon auf die Dornbäume gesäet wird, weil er, gleich. 



') Das Mark der Ferula communis diente nämlich als Zunder. 

2) Capparis spinosa L, 

ä) Diess ist Rosa sempervirens L. ■*) Cyperus comosus L. 



.gQ Dreizehntes Buch. 

wie die Mistel auf Bäumen, sonst nirgends anders fort- 
kommt; man trifft ihn aber nur auf den sogenannten könig- 
lichen Dornbäumen. Merkwürdig ist, dass der Same 
an demselben Tage, wo er darauf geworfen wird, schon 
keimt — diess geschieht aber beim Aufgange des Hunds- 
sterns — und äusserst schnell in den Baum eindringt. 
Man würzt den Wein damit und cultivirt ihn deshalb. 
Jener Dornbaum i) wächst auch in Athen an den langen 
Mauern. 

47. 
Strauchartig ist auch der Cytisus 2), welcher von dem 
Athenienser Aristomachus ^) mit ausserordentlichem Lobe 
als Futter für die Schafe, trocken aber auch für die Schweine 
gepriesen wird, und von einem Morgen selbst mittelmässigen 
Bodens jährlich 1000 Sesterzen Einkünfte liefert. Er hat 
denselben Nutzen wie die Erve*), sättigt aber mehr, und 
vierftissige Thiere werden von einer massigen Quantität so 
fett, dass das Zugvieh selbst die Gerste nicht anrührt. Der 
Genuss keines andern Futters giebt mehr und bessere 
Milch, und ausserdem ist es ein Arzneimittel bei allen Vieh- 
krankheiten. Ja er empfiehlt sogar, es den Ammen bei 
Mangel an Milch, getrocknet in Wasser gekocht, mit Wein 
zu trinken zu geben; die Kinder würden dadurch kräftiger 
und grösser. Auch den Hühnern soll man es grün oder, 
ist es trocken, angefeuchtet geben. Democritus und Aristo- 
machus versichern, wo der Cytisus wachse, würde es nie 
an Bienen fehlen. Kein anderes Futter kostet weniger. 
Man säet es mit der Gerste im Frühlinge, wie das Porrum, 
oder setzt die Pflanze im Herbste vor dem December. Der 
Same muss feucht erhalten, und bei Mangel an Regen 
begossen werden. Die Pflanzen werden, wenn sie 1 Cubi- 



') Nämlich der königliche. 
") Medicago arborea L. 

3) Schrieb über Wein- und Pflanzenkultur , seine Schriften sind 
;aber verloren gegangen. 

*) Ervum, eine Hülsenfrucht, Ervum Ervilia L. 



Dreizehntes Buch. gl 

-tus lang sind, in fusstiefe Löcher gesetzt; diess geschieht 
zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, wo der Strauch noch 
zart ist, und in 3 Jahren ist er völlig ausgewachsen. Man 
schneidet ihn im Fröhlings-Aequinoctium, wenn er ausge- 
blühet hat, ab, und diess ist die leichteste Arbeit für einen 
Knaben oder eine alte Frau. Er sieht grau aus, und ist, 
will man die Aehnlichkeit kurz ausdrücken, ein Strauch 
mit kleinem Dreiblatt. Man giebt ihn den Thieren allemal 
nach 2 Tagen, im Winter aber, wo er trocken ist, ange- 
feuchtet. Pferde werden von 10 Pfunden, und die kleinern 
Thiere nach Verhältniss von geringern Mengen satt. Säet 
man zwischen die Reihen Knoblauch und Zwiebeln dünn 
aus, so vermehrt diess den Ertrag. Man fand diesen Strauch 
zuerst auf der Insel Cythnus, brachte ihn dann auf alle 
Cycladeu, später in die griechischen Städte, wodurch die 
Bereitung des Käse sich sehr vermehrte; ich wundere mich 
daher nicht wenig, dass er in Italien so selten vorkommt. 
Er leidet weder von der Hitze, noch von der Kälte, dem 
Hagel oder dem Schnee. Hyginus i) fügt hinzu, auch von 
Feinden habe er nichts zu fürchten, denn sein Holz stehe 
in keinem Werthe. 

48. 
Auch im Meere wachsen Sträucher und Bäume, doch 
sind die in dem unsrigen kleiner, das rothe Meer und- 
der ganze östliche Ocean aber mit Wäldern augefüllt. In 
keiner andern Sprache giebt es ein Wort für das, was die 
Griechen Phycos2) nennen, denn mit dem Worte alga be- 
zeichnet man mehr ein krautartiges Gewächs; jenes aber 
ist ein Strauch. Er hat breite grüne Blätter, welche Einige 
Prason, Andere Zostera3) nennen. Eine andere ähnliche 
Art mit haarartigem, dem Fenchel gleichem Blatte, wächst 
auf Felsen, das vorige au seichten Orten nicht weit vom 



•j C. Julius Hjginus aus Spanien oder Alexandrien, um 10 n. 
Chr., Freigelassener des Augustus, Freund Ovids, Aufseher über 
die palatin. Bibliothek. 

-) Fucus, Seetang. ») Zostera niarinä L. 

Wittstein: Pliiuiis. III. Bd. c 



g2 Dreizehntes Buch. 

Ufer, beide im Fiühlinge, und vergehen im Herbste. Mit 
dem, was bei der Insel Greta an Felsen wächst, färbt man 
auch Purpurzeuge, und am besten ist das, was gegen Norden 
oder an Schwämmen wächst. Die dritte Art sieht dem» 
Grase gleich, hat eine knotige Wurzel und einen rohrartigen 
Stängel. 

49. 

Eine andere strauchartige Gattung nennt man See- 
moos^), es hat ein dem Lattich ähnliches, aber runzliges 
Blatt, und wächst schon weiter ins Meer hinein. Auf dem 
hohen Meere aber finden sich die Seetanne und Seeeiche 
von der Höhe eines Cubitus. An ihren Aesten hängen 
Muscheln. Die Seeeiche soll zum Färben der Wolle ange- 
wandt werden; auch sollen einige, wie Schiffbrüchige und 
Taucher gefunden haben, Eicheln tragen. Noch andere bei 
Sicyon vorkommende giebt man für ausserordentlich gross 
aus. Der Weinstock wächst an mehreren Orten, der 
Feigenbaum aber ohne Blätter und mit rother Rinde. Auch 
eine strauchartige Palme wächst im Meer, Jenseits der 
Säulen des Herkules steht ein Strauch mit Blättern wie 
Lauch, ein anderer mit Lorbeer- und Thymianblättern ; 
werden diese beiden vom Wasser ausgeworfen, so ver- 
wandeln sie sich in Stein 2). 

50. 

Merkwürdig ist im Oriente, dass unmittelbar von Copto s 
an in den Wüsten nichts als ein Dornbaum, welcher der 
Durstende heisst, und selbst dieser nur selten vorkommt; 
ferner, dass es im rothen Meere ganze Wälder, nament- 
lich von Lorbeer- und Oelbäumen, welche Früchte tragen, 
und, wenn es regnet, Schwämme gibt, die von der Sonne 
beschienen zu Stein werden. Die Höhe der Sträucher selbst 
beträgt 3 Cubitus; sie sitzen voller Haifische, welche kaum 
aus dem Schiffe zu sehen gestatten und sehr oft die Ruder 
anfallen. 



*) Bryon. ^) pumex. 



Dreizehntes Buch. 83 

51. 

Alexander's Soldaten, welche zu Schiffe nach Indien 
gekommen waren, erzählten, das Laub der Seebäume sei 
im Wasser grün, vertrockne aber, so bald es herausge- 
nommen würde, an der Sonne zu einer Salzmasse. Auch 
gäbe es au den Küsten steinerne, den ächten ähnliche 
Binsen, und in der Tiefe einige Bäume von der Farbe der 
Ochsenhörner, ästig, und an den Spitzen röthlich; sie Hessen 
sich wie Glas brechen, im Feuer aber glüheten sie wie 
Eisen, und wenn sie abgelöscht wären, kehrte ihre vorige 
Farbe wieder zurück. Ebendaselbst bedeckt die Fluth auf 
Inseln ganze Wälder, obgleich sie höher als die Platanen 
und höchsten Pappeln sind. Diese Bäume haben Blätter 
wie der Lorbeer, Blüthen gleich den Violen an Geruch 
und Farbe, Beeren wie Oliven, welche auch angenehm 
riechen und im Herbste reifen. Die Blätter fallen niemals 
ab. Die kleinen Bäume bedeckt das Meer gänzlich; von 
den grössten ragen nur die Gipfel hervor, an welche man 
die Schiffe befestigt, und ist Ebbe eingetreten, so bindet 
man sie unten an die Stämme. Ebendieselben haben auch 
erzählt, man sehe auf dem hohen Meere Bäume, welche be- 
ständig ihre Blätter behielten, und deren Frucht der Wolfs - 
bohne gleiche. 

52. 

Juba schreibt, bei den Inseln der Troglodyten wachse 
im Meere ein Strauch, der Isis haar hiesse, einer Koralle 
gleiche, und keine Blätter habe; schneide man ihn ab, so 
werde er schwarz und hart, und wenn er falle, so zerbreche 
er. Ein anderer, das sogenannte Liebesauge ^) sei wirk- 
sam in Liebessachen; die Weiber sollen sich daraus Arm- 
bänder und Halsgeschmeide machen. Dieser Strauch soll 
es merken, wenn er gefasst wird, und so hart wie ein 
Hörn werden, auch die Schneide eiserner Werkzeuge stumpf 
machen. Wenn er den Nachstellungen nicht entgangen 
ist, soll er sich in Stein verwandeln. 



') Charitoblephavon. 



Vierzehntes Buch. 



Von dem Weinstocke und dem Weine. 

1. 

Wir haben bis jetzt die ausländischen Bäume und die, 
welche nur da gedeihen, wo sie entsprossen sind und nicht 
in fremde Länder einwandern, fast sämmtlich kennen ge- 
lernt. Nun erlaube ich mir, von den allgemein verbreiteten 
zu reden, für deren aller besonderes Vaterland Italien an- 
gesehen werden kann. Kenner mögen sich indessen erin- 
nern, dass wir nur von ihrer Beschaffenheit, nicht von ihrer 
Cultur reden, obgleich der grösste Theil ihrer Wartung 
auf ihrer Natur beruht. Ich kann mich nicht genug da- 
rüber wundern, dass die Nachrichten von einigen, ja selbst 
die Keuntniss der von den Schriftstellern angegebeneu 
Namen verloren gegangen sind. Denn wer sollte nicht 
meinen, dass, nachdem der ganze Erdkreis unter dem 
Scepter des römischen Reichs vereinigt ist, auch dem Leben 
Vortheile aus dem gegenseitigen Verkehr und dem geselli- 
gen Frieden erwachsen, und alles, was vorher vorborgen 
war, in allgemeinen Gebrauch gekommen sein müsste? 
Aber wahrlich, man findet Niemanden, der viel von dem, 
was die Alten uns überliefert haben, weiss. Wie viel 
fruchtbarer war dagegen die Sorgfalt der Alten, wie viel 
glücklicher ihr Fleiss, denn schon vor ICOO Jahren, wo 
die Wissenschaften erst anfingen, gab Hesiodus Vorschriften 
für die Ackerleute heraus, und ihm sind nicht Wenige mit 
gleicher Sorgfalt nachgefolgt. Daher kommt es, dass uns 



Vierzehntes Buch. 85 

die Arbeit gewachsen ist, denn nicht allein das was nach- 
her erfunden wurde, sondern auch das von den Alten Er- 
fundene muss wieder aufgesucht werden, weil durch den 
Verlust des Andenkens eine gewisse Unthätigkeit darin 
Platz gegriffen hat. Wer kann von dieser Schläfrigkeit 
andere, als allgemeine Welt-Ursachen angeben? Es sind 
nämlich andere Gebräuche aufgekommen, der menschliche 
Geist wird von andern Dingen gefesselt, und man übt nur 
die Künste der Habsucht. Früher als die Eeiche der ein- 
zelnen Völker mit ihnen selbst ein abgeschlossenes Ganze 
bildeten, mithin auch ihre geistigen Anlagen innerhalb der- 
selben blieben, machte es gleichsam die Unfruchtbarkeit 
des Glücks ') nothwendig, den Geist in Thätigkeit zu 
setzen; sehr viele Könige wurden als Verehrer der Künste 
gepriesen, sie suchten einen Ruhm darin, diese höher zu 
stellen als Reichthümer, und glaubten, sich dadurch die 
Unsterblichkeit erwerben zu können. Daher waren sowohl 
Vortheile als Arbeiten im Leben zum Ueberflusse vorhan- 
den. Den Nachkommen gereichte die Weitläufigkeit der 
Welt und die Menge der Dinge zum Schaden, nachdem 
man angefangen hatte, einen Senator nach seinem Ver- 
mögen zu wählen. Jemand durch seinen Reichthum zum 
Richter wurde, und nichts eine Magistratsperson und einen 
Feldherrn mehr zierte als Geld, nachdem das höchste An- 
sehn und die höchste Gewalt verloren gegangen, dagegen 
ein Streben nach dem reichsten Gewinne an die Stelle 
getreten sind, und die einzige Freude im Besitzen besteht. 
So sind denn die Vortheile des Lebens zu Grunde gegan- 
gen, alle nach dem höchsten Gute ^) sogenannte Künste in 
das Gegentheil verfallen, und nur aus der Sclaverei hat 
man Nutzen zu ziehen begonnen. Diese verehrt der Eine 
so, der Andere so, doch streben Aller Wünsche dahin, ihre 
Hoffnungen erfüllt zu sehen. Zuweilen wollen selbst vor- 



') D. h. es fehlte an Gelegenheit zu Eroberungen. 
-) Nämlich der Freiheit. 



86 Vierzehntes Buch. 

treffliche Männer lieber fremde Laster üben als ihre eigenen 
Güter benutzen. Also hat in der That die Wollust ihr 
Leben begonnen, und das Leben selbst hat aufgehört. 
Aber wir wollen auch das längst Vergessene erforschen, 
und die Geringfügigkeit mancher Gegenstände soll uns 
hier ebenso wenig abschrecken, wie sie es bei den Thieren 
gethan hat, obgleich wir sehen, dass der vortreffliche Dichter 
Virgil aus diesem Grunde die Beschreibung der Erzeugnisse 
der Gärten vermieden, und von so wichtigen Dingen, die 
er behandelte, nur das Vornehmste berührt hat. Ihn 
machte schon der Beifall glücklich, obgleich er im Ganzen 
nur 15 Arten Trauben, 3 Arten Oliven, ebenso viele Birnen, 
und unter den Aepfeln nur den assyrischen genannt, die 
übrigen aber übergangen hat. 

2. 
Wo aber können wir passender anfangen als beim 
Weinstocke ^), wodurch Italien so ausserordentlich bevor- 
zugt ist, dass es scheinen möchte, dieses Land übertreffe 
durch ihn allein schon alle Güter, ja selbst die wohlrie- 
chenden der übrigen Völker, denn nichts riecht angenehmer 
als die (in Blüthen) ausbrechenden Stöcke! Der Weinstock 
wurde seiner Grösse wegen von den Alten mit Recht zu 
den Bäumen gezählt. In der Stadt Populonium sieht mau 
eine Statue Jupiters, die aus einem Stamm geschnitzt, 
und viele Jahrhunderte hindurch unversehrt geblieben ist. 
Ebenso befindet sich zu Massilia eine Schale aus einem 
Stücke. Zu Metapontus steht ein Tempel der Juno auf 
Säulen von Weiuholz. Auf das Dach des Tempels der 
Diana zu Ephesus steigt man noch jetzt auf einer Treppe, 
die, wie man sagt, aus einem Weinstocke von der Insel 
Cypern wo sie zu einem ausserordentlichen Umfange heran- 
wachsen, gefertigt ist. Kein Holz ist unverweslicher. Ich 
glaube aber, dass man wilde Weinstöcke dazu genommen 
hat. 



') \ itis. Vitis vinifera L. 



Vierzehntes Buch. 87 

3. 
Die andern (zahmen) Weinstöcke werden durch das 
jährliche Beschneiden im Wachsthum gehindert, alle ihre 
Kraft geht in die Sprösslinge und Ableger, und diess ge- 
schieht bloss deshalb, um einen angenehmen, nach dem 
Klima und dem Boden verschiedenen Saft daraus zu ge- 
winnen. In Campanien vereinigen sie sich mit den Pappeln; 
sie umschlingen deren Weibchen, und steigen mit ihren 
geilen Armen durch deren Zweige im gedreheten Laufe 
bis zu solcher Höhe hinan, dass der gedungene Winzer bei 
seiner Arbeit wie auf Seheiterhaufen und Hügeln steht. 
Sie wachsen ohne Aufhöreu, und können von denselben 
weder getrennt, noch losgerissen werden. Auch Valerianus 
Cornelius hat es vor allem für bemerkenswerth gehalten, 
dass durch die Zweige und biegsamen Ranken einzelne 
Weinstöcke ganze Land- und andere Häuser umkleidet 
werden. Ein Weinstock in den Gallerien der Livia zu Rom 
schützt die offenen Spaziergänge durch sein dichtes Laub- 
werk vor den Sonnenstrahlen, und liefert 12 Amphoren 
Most. Fast überall werden sie höher als die Ulmen, und 
man sagt, Cineas, der Gesandte des Königs Pyrrhus, habe 
zu Aricia ihre Höhe bewundert, und im Scherze über den 
herben Geschmack des Weines mit den Worten gespottet: 
„ Die Mutter desselben i) hinge mit Recht au einem so 
hohen Kreuze". Rumbotinus wird die italienische Pappel 
jenseits des Po genannt; dessen rund herum offenstehende 
Zweigreihen füllen sie aus, und vertheilen, wenn sie durch 
eine alte Rebe 2) auf dessen Hauptstamm gelangt sind, 
ihre Rauken unter den aufgerichteten Reisern der Aeste. 
Sie stehen auch, durch Pfähle gestüzt, in mittlerer Höhe 
eines Menschen gerade auf, und bilden so einen Weinberg; 
andere kriechen kühn umher, und bedecken durch ihre 
grosse Menge von Ranken die Mitte der Vorhöfe in weiter 
Ausdehnung. So grosse Verschiedenheiten hat Italien 



') Nämlich des Weines. '•') Draco. 



88 "Vierzehntes Buch. 

allein aufzuweisen. In einigen Provinzen steht der Wein- 
stock ohne alle Bepfählung frei, zieht seine Bogen mehr 
in sich zusammen, und ersetzt in der Dicke, was ihm an 
Länge abgeht. An andern Orten verhindern diess die 
Winde, wie in Afrika und in einigen Distrikten der narbo- 
nensischen Provinz. Wenn man sie nicht über ihre jähr- 
lichen Sätze 1) schiessen lässt, und sie den behackten 
immer gleich hält, so verbreiten sie sich gleich den Kräu- 
tern über die Felder, und ziehen zuweilen durch die 
Trauben den Saft aus der Erde, welche daher in dem 
innern Theile Afrika's kleine Kinder an Grösse übertreffen. 
Nirgends giebt es schlechtere Weine als dort, aber ande- 
rerseits empfiehlt sich keine andere Traube mehr durch 
ihre harte Haut, daher sie auch mit dem Namen der hart- 
häutigen belegt wurde. 

Die durch Grösse, Farbe, Geschmack und Beeren ver- 
schiedenen Arten von Trauben sind unzählig, und werden 
noch durch die Weine vermehrt. Hier sind sie purpurn, 
dort rosenroth, dort grün; denn die weissliche und schwarze 
Farbe gehören zu den gemeinen. Die grossbeerigen stro- 
tzen gleich Brüsten. Die Dactylen tragen sehr lange Bee- 
ren. Es ist ein Spiel der Natur, dass an sehr grossen 
kleine, angenehme und. mit jenen im Geschmacke wett- 
eifernde hängen, die man Zwergbeeren 2) nennt. Einige 
halten sich den Winter über, wenn sie an einer Schnur an 
der Decke aufgehängt werden. Andere werden nur in 
ihrer eigenen Ausdünstung erhalten, wenn man sie in ir- 
dene Töpfe und diese noch in Fässer, welche mit schwit- 
zenden 3) Weintrestern umgeben sind, einschliesst. Andern 
giebt, sowie den Weinen, der Rauch aus den Schmieden 
einen angenehmen Geschmack, und diesen hat in den 
Oefen Afrikas das Ansehn des Kaiser Tiberius ganz be- 
sondern Ruhm verschafft. Vor ihm hatten die rhätischen 
und die im veronensischen Gebiete wachsenden Trauben 



') pollices. 

') leptorages. ^) D, i. gährenden. 



Vierzehntes Buch. 89- 

den Vorzug auf den Tischen. Ja die getrockneten i) Bee- 
ren haben sogar von der Geduld 2) ihren Namen bekommen. 
Auch bewahrt man Trauben im Moste, und berauscht sie 
selbst mit ihrem eigenen Weine. Andere werden durch 
Kochen in Most versüsst; andere aber erwarten, in ein 
durchsichtiges Glas eingeschlossen, an der Mutter selbst 
einen neuen Zuwachs, und Pech auf den Stengel gegossen 
giebt durch seine Schärfe den Beere© dieselbe dauernde 
Festigksit, die sie in Fässern und Krügen bekommen. 
Jetzt kennt man auch eine Art Trauben, deren Wein an 
und für sich schon nach Pech schmeckt; durch ihn ist das 
vienuensische Gebiet berühmt geworden, welches sich auch 
durch die arvernische, sequanische und helvische Art aus- 
zeichnet. Diese waren zu Zeiten des Dichters Virgil, der 
vor 90 Jahren starb, unbekannt. Und sind sie nicht jetzt 
im Lager eingeführt und halten die höchsten Angelegen- 
heiten und das Reich zusammen? Der Weinstok befindet 
sich in den Händen der Centurionen, führt mit reichlichem 
Lohne die trägen Reihen zu den langsamen Adlern, und 
ehrt selbst die Strafe beim Verbrechen. Die Weinstöcke 
haben uns auch eine gewisse Art von Belagerung ver- 
schafft. Ferner behaupten sie unter den Arzneimitteln 
einen so ansehnlichen Platz, dass sie selbst durch ihren 
Wein schon als Arzneien dienen. 

4. 
Nur Democritus hat geglaubt, man könne die Arten 
des Weinstocks in einer Zahl umfassen; indem er vor- 
gab , alle in Griechenland vorkommenden wären ihm be- 
kannt. Die übrigen Schriftsteller haben sie für unzählig 
und unendlich gehalten, und dass diess wahrer sei, wird 
aus den Weinen erhellen. Ich will aber nicht alle, sondern 



') passae d. i. Rosinen. 

^) patientia. Die hier von Plinius gegebene Etymologie ist un- 
richtig, denn passus muss hier nicht von patior passus suni, pati 
dulden, sondern von pando, pandi, pansum und passum, pandere. 
ausbreiten, trocknen, abgeleitet werden. 



90 Vierzehntes Buch. 

nur die ausgezeichnetsten anführen, denn es giebt ihrer 
beinahe ebenso viele, als Aeker. Daher wird es hinreichend 
sein, nur die berühmtesten Weinstöcke, und die, welche 
durch besondere Eigenthümlichkeit Bewunderung verdienen, 
anzuzeigen. 

Den ammineischen räumt man wegen ihrer Festig- 
keit und weil ihr Wein durchs Alter an Güte gewinnt, 
den Vorzug ein. Es giebt 5 Arten davon; die ächte hat 
kleinere Beeren, blühet besser ab, und erträgt leicht Regen 
und Stürme; die grössere thut diess nicht, doch leidet sie 
weniger davon an Bäumen als auf Bergen, Die Zwillings- 
trauben, welche deshalb so heissen, weil immer 2 Trauben 
beisammen stehen, sclimecken am herbsten, haben aber 
vorzügliche Kräfte. Den kleinem davon schadet der Süd- 
wind, die übrigen gedeihen beim Winde besser, wie z. B. 
die auf dem Vesuv und auf den surrentinischen Hügeln. 
Im übrigen Italien ist sie nur gewohnt an Bäumen zu 
wachsen. Die fünfte Art ist die wollichte, welche, damit 
wir die Serer und Indier nicht zu bewundern brauchen, 
ganz mit Wolle umkleidet ist. Die Trauben des amminei- 
schen Weinstocks werden am frühesten reif und am schnell- 
sten faul. 

Den nächsten Rang haben die nomentanischen, deren 
Holz röthlich ist, daher Einige diese Weinstöcke die röth- 
lichen nennen. Sie geben weniger Ausbeute, denn sie ent- 
halten zu viel Hülsen und Hefen; gegen Reife sind sie 
am empfindlichsten, und leiden durch Trockniss oder Hitze 
mehr als durch Regen oder Kälte. Daher behaupten sie 
in kalten und feuchten Gegenden den Vorrang. Die Art, 
welche kleinere Beeren und ein weniger eingeschnittenes 
Blatt hat, ist fruchtbarer. 

Die apianischen haben diesen Beinamen von den 
Bienen bekommen, welche sehr begierig danach sind. Es 
giebt 2 Arten, und diese sind ebenfalls wollig. Ihr Unter- 
schied besteht darin, dass die eine früher reift, obgleich 
die andere auch zu den zeitigen gehört. Sie gedeihen auch 
jin kalten Gegenden, und dennoch werden keine andern 



Vierzehntes Buch. 91 

schneller reif; Regen macht sie aber faul. Der davon be- 
reitete Wein ist anfangs süss, bekommt aber nach Jahren 
-einen herben Geschmack. Am meisten findet sieh dieser 
Weinstock in Etrurien. Die bis hieher als die besten ge- 
nannten Gewächse sind in Italien einheimisch und ihm 
eigenthümlich. 

Die übrigen sind von Chios und Thasos zu uns ge- 
kommen. Der griechische steht dem ammineischen an 
Güte nicht nach, hat eine sehr zarte Beere, und selbst die 
Traube ist so klein, dass es nur auf dem fettesten Boden 
der Mühe lohnt, ihn zu bauen. Von den taurominitanischen 
Hügeln haben wir den mit einem edlern Beinamen ge- 
nannten „Eugenischen" erhalten, jedoch nur für das alba- 
nische Gebiet, denn wird er von da versetzt, so verändert 
er sich bald. Einige lieben nämlich ihre Standörter so 
sehr, dass sie all' ihren Ruhm zurücklassen, und nirgends- 
hin ganz unverändert übergehen. Diess ist auch der Fall 
mit dem rhätischen und allobrogischen, die wir oben die 
gepichten genannt haben, denn zu Hause sind sie edle Ge- 
wächse, anderswo erkennt man sie nicht wieder. Sie sind 
jedoch sehr fruchtbar und ersetzen das, was ihnen an Güte 
abgeht, durch die Menge, und zwar der eugenische an 
beissen, der rhätische an gemässigten, der allobrogische an 
kalten Orten. Letzterer reift bei der Kälte und hat eine 
schwarze Farbe. Die Weine von den bis jetzt genannten 
Arten, ja selbst von den schwarzen Arten werden durchs 
Alter weiss. Die übrigen werden nicht geschätzt, dennoch 
aber zuweilen durch Hülfe der Witterung und des Bodens 
dauerhaft, wie die fecenische und die mit ihr blühende 
biturigische, deren Beeren dünner stehen, und in der Bltithe 
nicht leiden, weil sie früher kommen, auch Wind und Regen 
widerstehen; sie gerathen aber besser an kalten und 
feuchten als an warmen nnd trocknen Orten. Der visu- 
lische Stock leidet mehr durch unbeständige Witterung als 
durch zu reichlichen Ertrag an Trauben, ist hingegen bei 
lortdauernder Kälte oder Hitze gesund. Die kleinere Sorte 
von dieser Art ist die bessere. Bei der Wahl des Bodens 



92 Vierzehntes Buch. 

zeigt er sich eigensinnig, denn in einem fetten fault er, und 
in einem magern kommt er gar nicht fort. Zärtlich ver- 
langt er eine mittlere Temperatur, und ist deshalb auf den 
sabinischen Bergen ganz zu Hause. Seine Traube sieht 
hässlich aus, schmeckt aber angenehm, und wenn man sie 
nicht gleich abnimmt, so fällt sie, auch ohne gefault zu 
sein, ab. Gegen Hagel schützen sie seine breiten und 
harten Blätter. 

Ausgezeichnet durch die Farbe sind die röthlichen, 
welche das Mittel zwischen den purpurnen und schwarzen 
halten, öfters die Farbe ändern, und deshalb von Einigen 
die vielfarbigen genannt sind. Unter ihnen wird die 
schwärzere Art vorgezogen; beide tragen ein Jahr um das 
andere, und je weniger, um so besser wird der Wein. Auch 
von den Frühtrauben unterscheidet man 2 Arten durch die 
Grösse der Beeren; sie haben das meiste Holz, ihre Trauben 
bewahrt man am besten in Töpfen auf, ihr Blatt gleicht 
der Petersilie, die Dyrrachiner preisen die sogenannte 
Königstraube, welche die Spanier Coccolobis nennen; sie 
ist lockerer, erträgt Hitze und Südwinde, giebt reichliche 
Erndte, verursacht aber Kopfweh. In Spanien unter- 
scheidet man zwei Arten davon, eine mit länglichen, die 
andere mit runden Beeren; die letztern keltern sie. Je 
süsser die Coccolobis, um so besser ist sie. Aber auch 
die herbe wird durchs Alter süss, und die, welche süss 
war, herbe; hierin kommen sie mit dem albanischen Weine 
überein. Dieser Wein soll wider Blasenkrankheiten am 
dienlichsten sein. Der albulische Stock ist oben, und der 
visulische unten an den Bäumen fruchtbarer; wenn man sie 
daher um sie pflanzt, so geben sie wegen ihrer verschie- 
denen Natur eine reichliche Erndte. Von den schwarzen 
hat man eine Art die träge genannt, welche vielmehr den 
Namen der nüchternen verdient; sie empfiehlt sich durch 
den aus ihr gewonnenen und altgewordenen Wein, der 
zwar kräftig aber unschädlich ist, denn es ist der einzige, 
der keinen Schwindel bewirkt. 

Die übrigen empfehlen sieh durch ihre Fruchtbarkeit^ 



Vierzehntes Buch. 93 

vorzüglich der blasse. Es giebt 2 Arten davon, die 
grössere, welche Einige die lange, und die kleinere, welche 
sie Emarcum nennen; letztere ist nicht so fruchtbar, liefert 
aber einen angenehmer schmeckenden Wein. Man unter- 
scheidet sie durch ihr zirkelruudes Blatt, beide sind aber 
schwach, müssen durch Gabeln gestützt werden, wenn sie 
reichlich tragen sollen, lieben den Wind vom Meere her, 
und duften nach Thau. Kein Weinstock hat sich weniger 
in Italien accUmatisirt, denn er ist hier selten, klein und 
fault leicht; auch der Wein, der von ihm kommt, hält sich 
nicht länger als einen Sommer; ferner liebt keiner mehr 
einen magern Boden. Gräcinus i), der sonst den Cornelius 
Celsus abgeschrieben hat, glaubt, seine Natur widerspreche 
dem Boden und Klima Italiens nicht, sondern seine Cultur, 
denn man sei zu sehr bemüht, ihn in Reben schiessen zu 
lassen; dadurch werde aber seine Fruchtbarkeit verändert, 
wenn nicht ein äusserst fetter Boden das matie Gewächs 
erhielte. Man sagt, er leide nicht vom Brande — ein 
grosser Vorzug, wenn es wahr ist, dass das Wetter keinen 
Einfluss auf eioen Weinstock ausübe. 

Der Spionia, den Einige den Dornigen nennen, erträgt 
Hitze, und erstarkt im Herbste und durch Regen. Ja selbst 
durch Nebel wird er allein ernährt und ist deshalb im 
ravennatischen Lande zu Haus. Den veniculischen, der 
unter die am besten abblühenden und zur Aufbewahrung geeig- 
netsten gehört, wollen die Campauer lieber Scircula, Andere 
Stacula genannt wissen. Bei Terracina ist der numisia- 
nische, der keine eigenen Kräfte hat, sondern dessen Werth 
sich ganz nach dem Boden richtet. Doch die Surrentiner 
haben bis an den Vesuv hin die besten zum Aufbewahren, 
denn dort ist der murgentinische, der stärkste aus Sicilien, 
den Einige den pompejanischen nennen, und der auch in 
Latium trägt; sowie der horconische nur in Campanien. 



') Julius Giaecinus, Senator, Philosoph und Redner, sollte den 
• Silanus anklagen und wurde, diess verweigernd, hingerichtet. 



94 Vierzehntes Buch. 

Dagegen macht der argeische, von Virgil Argistis ') ge- 
nannt, den Boden sogar fruchtbarer, und leidet weder 
durch Regen noch durch Alter, der von ihm gewonnene Wein 
aber hält sich kaum ein Jahr und taugt seiner geringen Güte 
wegen bloss zu Speisen, wird aber in reichlicher Menge 
erhalten. Der metische dauert auch mehrere Jahre, wider- 
steht allen Einflüssen der Atmosphäre am kräftigsten, hat 
schwarze Beeren und der Wein wird durchs Alter röthlich. 
Bis jetzt haben wir bloss die allgemein verbreiteten 
Arten genannt; die übrigen gehören besondern Gegenden 
und Orten, oder sie sind aus diesen durch Propfen unter 
einander entstanden. Bloss bei den Tuscern nämlich ist 
der tudernische, sowie der tudernisch-florentinische ein- 
heimisch. Aretium hat den hewlichen talponischen, ete- 
sischen und gemengten 2). Die schwarze talponische Traube 
giebt einen weissen Most. Der etesische ist trüglich, je- 
mehr er trägt, desto besser wird der Wein davon, und, was 
zu bewundern ist, wenn er reichlich getragen hat, liefert 
er nichts mehr. Der gemengte ist schwarz, sein Wein hält 
sich gar nicht , dagegen die Traube sehr lange; man nimmt 
sie 15 Tage später als alle anderen ab, sie giebt eine 
reichliche Erndte, dient aber bloss zu Speisen. Die Blätter 
dieser Art werden, gleich denen der wilden Rebe, blutroth, 
bevor sie abfallen. Dasselbe tritt bei einigen andern Arten 
ein, und ist ein Beweis, dass sie zu den schlechtesten ge- 
hören. Die irtiolische ist in Umbrien, dem nevanatischen 
und picenischen Gebiete einheimisch, die Pumula zu Ami- 
terninum. Ebendaselbst gedeihet der bannauische nicht 
immer, und dennoch liebt man ihn. Die Traube dieser 
Freistadt heisst die pompejauische, obgleich sie bei den 
Clusinern häufiger wächst. Auch die Tiburter haben nach 
ihrer Freistadt eine Traube benannt, obgleich sie dieselbe, 
von der Aehnlichkeit der Olive, olivenartig befunden haben. 
Diess ist die neueste unter den Trauben, welche bis jetzt 



') D. h. ein Weinstock mit weissen Trauben. 
2) conseminia. 



.Vierzehntes Buch. 95, 

bekannt geworden sind. Die vinaciolische kennen nur die 
Sabiner und Laurentier; denn ich weiss, dass die gaurani- 
schen, welche man vom falernischen Gebiete dahin gebracht 
hat, die falernischen genannt werden. Diese arten überall 
sehr schnell aus. Einige nennen auch eine tarentinische 
Art mit sehr süsser Traube. Die, welche Capnias, Bucco- 
niatis und Tarrupia heissen, werden auf den thurinischen 
Hügeln nicht eher gelesen, bis Frost eingetreten ist. Pisa 
hat die parische Traube, Mutina die prusinische mit schwarzen 
Beeren, deren Wein innerhalb 4 Jahren weiss wird. Als 
Merkwürdigkeit führe ich eine dortige Traube an, welche 
sich mit der Sonne dreht, und deshalb die Wendetraube 
heisst; ebenso, dass in Italien die gallische, jenseits der 
Alpen aber die picenische beliebt ist. Virgil hat noch die 
thasischen, mareotidischen und hasenfarbigen Trauben, und 
noch mehrere auswärtige, welche in Italien nicht vorkommen, 
angeführt. 

Doch es sind noch einige Weinstöcke ihrer Trauben, 
nicht aber ihres Weines wegen bemerkenswerth, als die 
ambrosische und die harte, welche sich ohne alles Geschirr 
am Stocke aufbewahren lässt, so sehr widersteht sie der 
Kälte, Hitze und andern atmosphärischen Einflüssen. Der 
sogenannte gerade Stock bedarf keines Baumes oder Pfahls, 
sondern hält sich selbst aufrecht, nicht aber der Finger- 
stock, der nicht dicker als ein Finger ist. Die Tauben- 
trauben sind die vollsten, und die mehr purpurrothen haben 
den Namen zweibrüstige, da sie keine neuen Trauben, 
sondern nur neue Beeren führen. Desgleichen der drei- 
füssige, welcher von seiner Länge so genannt ist. Der 
Scirpula mit trocknen Beeren. Der in den Seealpen vor- 
kommende sogenannte rhätische, welcher dem schon ange- 
führten nicht gleicht, denn dieser ist klein, voll von Beeren, 
welche sciilechten Wein geben, aber von allen die dünnste 
Haut, einen einzigen äusserst kleinen Kern, welchen man 
den chiischen nennt, und hie und da eine sehr grosse Beere 
haben. Es giebt auch einen schwarzen aramineischen, der 



'96 Vierzehntes Buch. 

den Namen syrischer bekommen hat. Ferner eine spanische 
Alt, die unter den unedlen noch die beste ist. 

Zu Weingeländern werden die sogenannten escarischen 
gesetzt, welche zu den Harten gehören, und schwarze und 
weisse Trauben haben; ferner die grosstraubigen, welche 
in denselben Farben vorkommen, und die noch nicht ge- 
nannten ägischen, rbodischen und die zweilöthigen, die 
diesen Namen von dem Gewichte der Beeren haben. Des- 
gleichen die Pechtraube, welche von allen die schwärzeste 
ist, die von einem Spiele der Natur sogenannte bekränzte, 
zwischen deren Beeren das Laub durchläuft, und die soge- 
nannten Markttrauben, welche schnell heranwachsen, durch 
ihr Ansehen zum Kaufe einladen, und leicht zu tragen sind. 
Dagegen verwirft man die, welche aschgrau, grauschwarz 
und eselsgrau aussehen; weniger jedoch die von der Aehn- 
lichkeit mit einem Fuchsschwänze sogenannte Alopecis-Art. 
Der sogenannte alexaudrinische Weinstock wächst um Pha- 
lacra, ist klein, hat ellenlange Aeste, schwarze Beeren von 
der Grösse einer Bohne, mit einem weichen sehr kleinen 
Kerne, die Trauben stehen schief und schmecken sehr süss, 
das Blatt ist klein, rund und ungetheilt. Vor 7 Jahren 
ward zu Alba Helvia in der narbouensischen Provinz ein 
Weinstock gefunden, der in einem Tage abblühet und da- 
her der sicherste von allen ist! Man nennt ihn den narbo- 
nischen, und pflanzt ihn jetzt dort in der ganzen Provinz. 

5. 

Cato, der erste unter den Männern dieses Namens, vor 
allem ausgezeichnet als Triumphator und Censor, noch mehr 
aber durch seineu wissenschaftlichen Ruhm und durch die 
Vorschriften, welche er dem römischen Volke über alle zu 
erzielenden Dinge, namentlich über den Ackerbau gab, und 
der nach dem Geständnisse seiner Zeitgenossen der beste 
und erfahrenste Ackersmaun war, hat nur wenige Arten 
des Weinstocks angeführt, von deren einigen selbst die 
Namen schon verschollen sind. Dieses Mannes Ansichten 
müssen wir in dieser ganzen Abhandlung berücksichtigen, 
damit man bei jeder Art erfahre, welches im 600. Jahre 



• Vierzehntes Buch. 97 

Eoms um die Zeit der Eroberung Carthago's und Corinths, 
wo er starb, die berühmtesten waren, und was für Vor- 
theile das Leben in den 230 Jahren später in dieser Be- 
ziehung gewonnen hat. 

Cato schreibt also über Weinstöcke und Trauben Fol- 
gendes: Bepflanze den für den Wein geeignetsten, an der 
Sonnenseite gelegenen Ort mit kleinen ammiueischen, 
zwillingseugenischen und kleinen helvinischen Stöcken; 
-einen dumpfigem oder nebligem hingegen mit grossen 
ammineischen, murgentinischen, apicischen oder lucanischen. 
Die übrigen eignen sich meistens ohne Unterschied für 
Jeden Boden. Man bewahrt den Wein zweckmässig in 
Schläuchen. Die harten, grössern ammineischen Trauben 
hebt man am besten auf, wenn man sie aufhängt oder in 
^iner Schmiede austrocknen lässt. Aeltere Vorschriften hat 
man über diese Gegenstände in lateinischer Sprache nicht; 
so nahe sind wir dem Ursprünge derselben. Den so eben 
genannten ammineischen nennt Varro den scantianischen. 

Zu unserer Zeit gab es noch wenige Beispiele von 
Vollkommenheit in dieser Kunst, wir dürfen sie aber um 
^0 weniger übergehen, damit wir auch ihren Nutzen kennen 
lernen, worauf .man doch immer am meisten sehen muss. 
Den grössten Ruhm darin hat Acilius Sthenelus, ein Frei- 
gelassener aus der gemeinen Klasse, erlangt, der im nomen- 
tanischen Gebiete Weinberge von nicht grösserm Umfange 
als 60 Jugern bebauete und für 40,000,000 Sesterzen ver- 
kaufte. Auf gleiche Weise machte sich der freigelassene 
Vetulenus Aegialus im literninischen Districte von Cam- 
panien berühmt, und zwar noch mehr durch die Gunst der 
Menschen, denn er bauete selbst den Verbannungsort des 
Africanus ') an. Allein das grösste Lob erwarb sich, durch 
Hülfe des genannten Sthenelus, Rhemmius Palämon (der 
«onst auch als Grammatiker ausgezeichnet war), denn dieser 
kaufte in den letzten 20 Jahren in eben demselben nomen- 



*) Scipio Africanus. 

wittstein: Plinius. III. Bd. 



98 Vierzehntes Buch. 

anischen Gebiete, 10 Meilensteine von Rom entfernt, ein 
Land für 60,000,000 Sesterzen. Nun ist aber bekannt, wie 
wenig alle Landgüter, zumal dort kosten, und er wählte ge- 
rade solche, welche aus Nachlässigkeit heruntergekommen 
waren und unter den schlechtesten nicht einmal solche, die 
einen bessern Boden hatten, denn seine Absicht ging dahin,, 
sie zu cultiviren, aber nicht etwa aus Liebe zur Sache,, 
sondern Anfangs aus Eitelkeit, die er bekanntlich in hohem 
Grade besass. Er liess also durch Sthenelus die Wein- 
berge von Neuem umackern, wobei er einem Landwirthe 
nachahmte, und trieb sie zu einem fast unglaublichen 
Werthe, denn im 8. Jahre wurden die am Stocke hängen- 
den Trauben einem Käufer für 40,000,000 Sesterzen zuge- 
schlagen. Auch kam Jemand dahin, um die Haufen von 
Trauben in diesen Weinbergen zu sehen, und entschuldigte 
sich gegen den Anschein, er sei ein fauler Nachbar, damit,, 
dass er höhere Wissenschaften übe; und vor nicht langer 
Zeit wurde Annäus Seneca, damals der erste Gelehrte und 
vermöge seiner Macht, die ihn zuletzt unterdrückte, gewiss^ 
kein Bewunderer unbedeutender Dinge, so sehr von jenem 
Landgute eingenommen, dass er sich nicht schämte, dem 
Besitzer, obgleich er ihn hasste und dieser mit seinem Gute 
nur prahlen wollte, einen solchen Vorziis: zu geben, dass 
er jene Weinberge, nachdem sie beinahe 10 Jahre lang 
cultivirt waren, um den 4 fachen Preis kaufte. Dergleichen 
Sorgfalt wäre werth, auf die cäcubischen und setinischen 
Aecker verwandt zu werden, denn später gab noch jeder 
Morgen 7 Culei d. 1. 140 Amphoren Most. Doch damit 
Niemand glaube, das Alterthum sei hierin übertroffen, so 
bemerken wir noch aus Cato's Schriften, dass aus 1 Morgen 
zehn Culei gewonnen wurden, — kräftige Beispiele, dass. 
weder die beunruhigten Meere, noch die von den Küsten 
des rothen und indischen Meeres geholten Waaren dem 
Kaufmann mehr einbringen als eine fleissig betriebene 
Landwirthschaft. 

6. 
Den ältesten Ruf hat der maroneische Wein, der, wie 



■Vierzehntes Buch. 99 

Homer berichtet, in dem Küstenstriche von Thracien 
wächst; denn wir folgen keinen fabelhaften oder über den 
Ursprung von diesem oder jenem auf verschiedene Weise 
erzählten Nachrichten, und führen nur noch an, dass Ari- 
stäus unter jenem Volke der erste war, welcher Honig 
unter den Wein mischte, weil beide, von der Natur von 
selbst hervorgebrachte Erzeugnisse eine besondere Lieb- 
lichkeit besitzen. Homer sagt, man müsse den maroneischen 
Wein mit der 20fachen Menge Wasser mischen; und doch 
behält dieser im Lande noch eben dieselbe Stärke und 
das unbezwingliche Feuer. Auch hat Mucianus, der 3 mal 
Consul war, unter Denen, welche erst ganz kürzlich darüber 
geschrieben haben, selbst in jenem Laude erfahren, dass 
man unter 1 Sextar Wein 8 Sextar Wasser mische; der 
Wein sei aber schwarz, starkriechend und werde durchs 
Alter fett. Auch der von Homer gespriesene pramnische 
Wein steht noch in hohem Ansehen, und wächst in der 
Gegend von Smyrna neben einem Tempel der Cybele. Von 
den übrigen Sorten ist keine recht berühmt gewesen. In 
dem 633. Jahre Roms, wo L. Opimius Consul war und der 
Tribun C. Gracchus, welcher das Volk zum Aufruhr reitzte, 
umgebracht wurde, gerieth aller Wein gut, denn die Sonne 
bewirkte, dass diejenige gemässigte Witterung herrschte, 
welche man das Kochen nennt. Man hat noch jetzt Weine 
von beinahe 200 Jahren her, die wie ein rauher Honig aus- 
sehen (denn so sind die Weine im Alter beschaifen), auch 
für sich nicht getrunken werden können, wenn sie nicht 
zuvor mit Wasser vermischt sind, denn das Alter hat 
ihnen eine ausserordentliche Bitterkeit verliehen. Aber 
werden sie den übrigen Weinen in sehr geringer Menge 
zugesetzt, so verbessern sie sie und sind ihnen gleichsam 
eine Arznei. Damals kostete eine Amphore 100 Sesterzen, 
und ich habe durch ein merkwürdiges Beispiel gezeigt, als 
ich das Leben des Dichters Pomponius Secundus und das 
Gastmahl, was er dem Sohne des Cajus Cäsar Germanicus 
gab, beschrieb, dass, wenn die Zinsen, zu V2V0 gerechnet, 
was bürgerlich und gerecht ist, hinzugezählt werden, nach 



100 Vierzehntes Buch. 

160 Jahren 1 Uncia desselben Weines ebensoviel kostet. 
So viel Geld steckt in den Weinkellern. Kein anderer 
Gegenstand vertbeuert sieb bis zum 20. Jahre mehr, oder 
bringt, wenn der Preis niebt steigt, mehr Verlust. Selten, 
und nur bei Scbwelgereien, bat bisber eine Flascbe Wein 
1000 Sesterzen gekostet. Man glaubt, die Viennenser allein 
verkauften ihre gepichten Weine, deren Arten wir ange- 
führt babeu, höher, jedoch aus Patriotismus nur unter sich. 
Diese Weine werden, kalt getrunken, für kälter gebalten. 

7, 
Die Wirkung^) des Weines besteht darin, dass er 
getrunken durch seine Wärme die Eingeweide erhitzt, aussen 
aufgegossen kühlt. Es dürfte nicht unpassend sein, bei 
dieser Gelegenheit das anzuführen, was Androcydes, ein 
berühmter Weise, an Alexander den Grossen geschrieben 
hat, um dessen Unmässigkeit Einhalt zu thun: „Erinnere 
dich, König, dass du im Weine das Blut der Erde trinkst; 
der Schierling ist ein Gift für die Menschen und der Wein 
ein Gift für den Schierling." Hätte er diese Lehren be- 
folgt, wahrlich dann hätte er seine Freunde nicht in der 
Trunkenheit getödtet. Man kann daher wohl mit Recht, 
sagen, nichts sei den Kräften des Körpers dienlicher, nichts 
aber auch für die Schwelgsucht verderblicher, wenn das 
Maass überschritten wird. 

8. 
Wer wird aber bezweifeln, dass ein Wein angenehmer 
als der andere sei? oder, dass aus ein und demselben Be- 
hälter einmal ein besserer hervorgeht als das andere Mal, 
liege es nun an dem irdenen Geschirre oder an zufälligen 
Umständen? Daher mag ein Jeder selbst über die Weine, 
welche die besten sind, entscheiden. Die Kaiserin Julia 
brachte die 82 Jahre ihres Lebens auf Rechnung des puci- 
nischen Weines, denn sie trank keinen andern. Dieser 
wächst an einem Busen des adriatischen Meeres, nicht weit 
von der Quelle Timavus, an einem steinigen Hügel, und 



') Das Wesen, natura." 



•Vierzehntes Buch. 101 

liefert wegen der Seeluft nur wenige Amphoren reife Aus- 
beute. Kein Wein soll besser zu Arzneien sein. Diess 
ist wahrscheinlich derselbe Wein, den die Griechen aus 
einem adriatischen Busen geholt, Prätetianum genannt und 
mit ausserordentlichen Lobsprüchen verherrlicht haben. Der 
Kaiser Augustus zog den Setinischen allen übrigen Sorten 
vor und ihm ahmten alle seine Nachfolger hierin nach, weil 
die Erfahrung zeigte, dass er nicht leicht schädliche Be- 
standtheile im Speichel zurück lässt. Er wächst hinter 
Forum Appii ^). Früher behauptete der cäcubische Wein 
aus den sumpfigen Pappelwäldern im amyelanischen Busen 
den ersten Rang, doch ist derselbe jetzt durch die Nach- 
lässigkeit der Anbauer und den engen Raum des Lokals, 
noch mehr aber durch den Graben, welchen Nero vom 
avernischen See an bis nach Ostia schiffbar zu machen be- 
absichtigte, ganz zurückgekommen. 

Den zweiten Rang behauptete das falernische Land, 
in ihm vorzüglich der faustianische Distrikt, und diesen 
hatte es sich selbst durch die darauf verwendete Sorgfalt 
und Pflege geschaffen. Auch er verliert, weil man jetzt 
mehr auf die Menge als auf die Güte bedacht ist. Das 
falenische Land beginnt bei der Campanischen Brücke da, 
wo man links nach der sullanischen Colonie Urbana, die 
kürzlich zu Capua geschlagen ist, geht; der faustianische 
Districkt aber ungefähr 4 Meilen von einem bei Cediciae 
liegenden Dorfe, welches von Sinuessa 6000 Schritte ent- 
fernt liegt. Kein Ort ist berühmter durch seinen Wein, der 
sich auch einzig dadurch auszeichnet, dass er sich anzünden 
lässt. Es giebt 3 Arten davon, herben, süssen und leichten. 
Einige unterscheiden ihn also: oben auf den Hügeln wachse 
der caucinische, mitten der faustianische und unten der 
falernische Wein. Wir wollen es auch nicht unbemerkt 
lassen, dass von keinem Stocke, dessen Wein geschätzt 
wird, die Trauben angenehm schmecken. 



') Flecken in Etrurien. hiess später Regeta: jetzt Dorf Foro 
Ajijüo. 



102 Vierzehntes Buch. 

Zum dritten Range sind abwechselnd die albanischen 
Weine gekommen, welche in der Nähe von Rom wachsen, 
sehr süss und selten herbe schmecken; ferner die surren- 
tinischen, welche nur in Weinbergen wachsen, und, wegen 
ihrer Leichtigkeit und heilsamen Wirkung sich für Recon- 
valescenten am meisten eignen. Der Kaiser Tiberius sagte, 
die Aerzte hätten beschlossen, den surrentiuischen edel zu 
machen, denn er sei sonst nur ein guter Essig. Der Kaiser 
Cajus, welcher ihm folgte, nannte ihn einen berühmten 
kahmigen Wein *). Mit diesen streiten um den Rang die 
massischen Weine, und die, welche von der nach Puteoli 
und Bajä gerichteten Seite des Berges Gaurus kommen. 
Denn die statanischen Weine von der falernischen Grenze 
sind ohne Zweifel zur höchsten Ehre gelangt, und haben 
dadurch klar gezeigt, dass alle Länder, gleichwie der Ur- 
sprung und Untergang der Dinge, ihre Zeiten haben. Der 
ihm benachbarte calenische und der fundanische, welcher 
in Weinbergen und an Bäumen wächst, pflegten zuweilen 
noch vorgezogen zu werden. Andere Weine aus der Nähe 
Roms sind der veliterninische und der privernatische. 
Denn der, welcher zu Signia gewonnen, und seiner ausser- 
ordentlichen Herbigkeit wegen gegen den Durchfall ge- 
braucht wird, ist ein Arzneimittel. 

Den vierten Rang bei den öffentlichen Gastmählern 
hat der mamertinische, der bei Messana in Sicilien wächst, 
von Julius Cäsar erhalten, denn er verschaffte ihm, wie 
aus seinen Briefen erhellt, zuerst dieses Ansehen. Nächst 
ihm wird der von seinem Erfinder sogenannte potulanische, 
welcher von einem, Italien zunächst liegenden Distrikte 
kommt, am meisten geschätzt. Auch steht der tauromini- 
tanische in Sicilien in Ansehen, und werden die damit ge- 
füllten Flaschen sehr oft dem mamertinischen untergeschoben. 

Unter den übrigen aber sind diejenigen zu nennen, 
welche am obern Meere zu Prätutia und Ankona wachsen, 



') vappa. 



Vierzehntes Buch. 103 

und welche wir, weil sie von einer Palme und zwar viel- 
leicht von einer Art derselben kommen, palmensische ge- 
nannt haben. Mitten im Lande aber der cäsenatische und 
mäcenatianische. Ferner im Veronesischen der rhätische, 
■der von Virgil nur dem falernischen nachgesetzt wird. 
Nicht sehr fern davon, an dem innersten Theile des Meer- 
husens der adrianische; am untern Meere aber der latinien- 
«ische, graviscanische, statoniensische. In Etrurien hat 
Luna den Vorzug, in Ligurien Genua. Massilien, welches 
zwischen den Pyrenäen und den Alpen liegt, hat Wein 
von doppeltem Geschmacke, denn dort wächst auch einer, 
der fetter ist, daher zur Verbesserung anderer dient und 
■der saftige genannt wird. Inneröalb Gallien steht der 
Wein von Bäterrä im Ansehen. Von den übrigen in der 
narbonensischen Provinz vorkommenden Arten kann man 
diess nicht sagen, denn man hat dort eine Fabrik ange- 
legt, um ihn zu räuchern. Wollte Gott, sie thäten es nicht 
auch mit schädlichen Kräutern und Arzneimitteln; denn 
sie kaufen sogar Aloe, um Geschmack und Farbe damit 
zu verfälschen. 

Doch auch die entfernten italienischen Weine sind 
nicht unrühmlich bekannt, als die vom ausonischen Meere, 
der tarentinische, servitianische, der zu Consentia, Tempsa, 
Babia und Thurini, welcher letztere vor dem lucanischen 
den Vorzug hat. Unter allen aber behaupten der zu Mes- 
sala und der lagarinische, welcher nicht weit von Grumen- 
tum wächst, den ersten Rang hinsichtlich ihres Geschmacks 
und ihrer Zuträglichkeit für die Gesundheit. In Campanien 
haben neulich, entweder durch Sorgfalt oder durch Zufall, 
neue Namen Ansehen bekommen, nemlich vier Meilensteine 
von Neapolis der trebellische, bei Capua der cauliuische, 
und auf ihrem eignen Acker der trebulanische, Sorten, die 
sonst nur unter den gemeinen und bei den Trifolinern 
«inigen Ruf haben. Der Pompejanische gewinnt höchstens 
bis zum 10. Jahre an Güte, ein höheres Alter hilft ihm 
nichts; auch verursacht er Kopfweh, welches bis zur sech- 
sten Stunde des folgenden Tages dauert. Diese Beispiele 



104 Vierzehntes Bach. 

beweisen, wenn ich nicht irre, dass bei den Weinen da& 
Vaterland und der Boden, nicht die Traube, von Einfluss 
ist, und dass es eine unnütze Arbeit sein würde, die Sorten, 
alle aufzuzählen, da ein und derselbe Weinstock an ver- 
schiedenen Orten verschiedene Kräfte zeigt. In Spanien 
schätzt man den laletanischen wegen seiner Einträglichkeit^ 
den tarraconensischen und lauronensischen aber wegen 
seiner Vortrefflichkeit, und der von den balearischen Inseln 
wird den ersten Weinen Italiens zur Seite gesetzt. Ich 
weiss wohl, dass Viele glauben werden, ich habe vieles 
ausgelassen, denn einem Jeden gefällt das Seinige, und 
wohin man geht, findet man mährchenhafte Berichte. Einer 
von den Freigelassenen des Kaisers Augustus, der dessen 
Urtheil und Geschmack am besten kannte und den Wein 
zu dessen Gastmählern aussuchte, soll zu einem Gaste in 
Bezug auf einen einheimischen Wein gesagt haben: Der 
Geschmack desselben komme ihm zwar neu vor, und es 
sei keine von den bessern Sorten, allein der Kaiser würde 
keinen andern trinken. Ich will nicht leugnen, dass auch 
andere Sorten ruhmwürdig sind, aber diejenigen, welche 
unser Zeitalter einstimmig gut befunden, habe ich an- 
geführt. 

9. 
Nun wollen wir auch die überseeischen Weine 
nennen. Nächst dem homerischen, von dem schon oben 
die Rede war, standen der thasische und chiotische, und 
von letzterm der sogenannte arvisische im höchsten Ruhme. 
Zu diesen hat Erasistratus '), der grösste Arzt, etwa um 
das Jahr 450 nach Roms Erbauung, den lesbischen zuge- 
sellt. Jetzt hat der clazomenische vor allen den Vorzugs 
seitdem er weniger mit Seewasser vermischt wird. Der 
lesbische schmeckt von Natur salzig. Der tmolitische wird 
an und für sich nicht als Wein geschätzt, sondern, da er 
süss ist, unter andern gemischt, wodurch diese ihre Rauh- 



') Aus Julis auf Cos, Schüler des Chrysippus , lebte um 300 \v 
Chr. erst am Hofe des Seleukos Nikator. dann zu Alexandrien. 



yierzehntes Buch. 105 

igkeit verlieren und einen angenehmen Gesehmacii be- 
kommen, auch dann gleich älter zu sein scheinen. Auf 
die eben genannten folgen zunächst der sicyonische, cy- 
])rische, telmesische, tripolitische, berytische, tyrische, se^ 
bamytische. Letzterer wächst in Aegypten, und zwar giebt 
es daselbst 3 sehr edle Arten Trauben, welche die 3 Sorten, 
den thasischen, aethalischen und Peuce liefern. Nach 
diesen stehen im Ansehen: der Hippodamantische , mysti-. 
sehe, comtharitische, gnidische Protopus^), catacecaume- 
nitische, petritische, mycouische. Denn dass der mesogi- 
tische Kopfschmerzen verursacht, hat die Erfahrung gelehrt ; 
auch der ephesische ist nicht gesund, weil er mit See- 
wasser und eingekochtem Most 2) vermischt wird. Der 
apamenische soll, gleich wie der prätutische in Italien zu 
Weinmeth sich besonders eignen. Auch dadurch entstehen 
eigenthümliche Arten, dass die süssen nicht gänzlich unter 
sich übereinkommen. Auch der Protagion, welchen die 
Schulen des Asclepiades den italienischen zunächst gestellt 
hatten, ist ausser Gebrauch gekommen. Der Arzt Apollo^ 
dorus 3) hat in dem Buche, worin er dem Könige Ptole- 
mäus rieth, was er für Weine trinken sollte, da die ita^ 
lienischen damals noch unbekannt waren, in Pontus den 
naspercenitischen, dann den oretischen, öneatischen, leuca- 
di sehen, ambraciotischen, und den peparethischen, welchen 
er allen andern vorzog, empfohlen, doch sagt er, dieser 
stehe weniger im Rufe, weil er vor dem sechsten Jahre 
nicht besonders schmecke. 

10. 
Bis hieher wurden den Völkern gute Weine zu Theil, 
Bei den Griechen erhielt der sogenannte Lebenswein mit 
Recht den berühmtesten Namen, der, wie wir in dem 
medicinischen Abschnitte sagen werden, zur mannigfaltig- 
sten Anwendung für die Gesundheit erfunden worden ist. 



') protopus, ein Wein der ohne Presse abläuft. 

■■*) detrutum. 

') Von Lemnos, übrigens nicht näher bekannt. 



106 Vierzehntes Buch. 

Er wird auf folgende Art bereitet: die Trauben werden 
kurz vor der Reife abgenommen, an der Sonne getrocknet, 

3 Tage lang täglich 3 mal umgewendet, am 4. Tage aus- 
gedrückt, und der Saft in Gefässen an der Sonne gezeitigt. 
Die Coer mischen hiezu eine reichliche Menge Seewasser, 
(ein Zusatz, der von dem Diebstahle eines Sclaven, um das 
richtige Maass wieder herzustellen, herrührt), und wenn 
diess Gemisch zu weissem Moste gegeben ist, bekommt es 
den Namen weisser coischer Wein. Bei andern Völkern 
heisst der auf dieselbe Weise dargestellte Salzwein; man 
nennt ihn aber Seewein, wenn die mit Most gefüllten 
Fässer ins Meer versenkt werden, wodurch er eher alt 
wird. Auch bei uns hat Cato ein Verfahren angegeben, 
aus italienischem Weine coischen zu machen, wobei er 
unter andern vorschreibt, ihn 4 Jahre lang der Sonne aus- 
zusetzen. Der rhodische Wein gleicht dem coischen. Der 
phorineische ist salziger als der coische. Alle übersee- 
ischen Weine sollen in 7 oder 6 Jahren ihr mittleres Alter 
erreichen. 

11. 
Aller süsse Wein hat weniger Geruch; je dünner 
aber der Wein, um so stärker riecht er. Der Wein hat 

4 Farben, es giebt nämlich weissen, gelben, rothen und 
schwarzen. Der psythische und melampsythische sind 
Rosinenweine 1), die einen eigenen und keinen Weinge- 
schmack haben; der Scybilites aber ist eine Art Most, der 
in Galatien, sowie das Aluntium in Sicilien gewonnen wird. 
Der siräische, den Einige Hepsema, wir aber Sapa nennen, 
ist ein Werk der Kunst und nicht der Natur, nemlich ein 
bis zum dritten Theile seines Maasses eingekochter 
Most; geschieht diess nur bis zur Hälfte, so nennen wir 
ihn defrutum. Alle diese hat man zur Verfälschung des 
Honigs ausgedacht; die erstem aber bestehen aus Trauben 
und Erde. Nächst dem cretischeu Rosinenweine ist der 



•) passum sc. vinum. 



Vierzehntes Buch. 107 

cilicische und afrikanische sowohl in Italien als auch in 
den angrenzenden Provinzen der beliebteste. Man weiss 
mit Sicherheit, dass er aus einer Traube , welche die 
Griechen Sticha, wir aber Apiana nennen, sowie aus der 
Scirpula, welche beide längere Zeit am Stocke durch die 
Sonne oder aber in einem heissen Fasse gedörrt werden, 
bereitet wird. Einige machen ihn aus jeder süssen Traube, 
indem sie vorher den weissen Most absieden, dann die 
Beeren an der Sonne trocknen, bis noch etwas mehr als 
die Hälfte des Gewichts übrig ist, stossen und gelinde aus- 
drücken. Nachdem sie nun ausgepresst haben, geben sie 
unter die Weintrester Brunnenwasser, um so eine zweite 
Sorte Rosiuenwein zu bekommen. Aufmerksamere Leute 
trocknen sie ebenso, pflücken aber die Beeren ab, be- 
feuchten dieselben, ohne die Stiele, mit einem vorzüglichen 
Weine, bis sie aufschwellen und pressen dann. Letztere 
Sorte hat den Vorzug vor den übrigen, und aus ihren 
Pressrückständen macht man ebenfalls durch Zusatz von 
Wasser eine zweite Sorte. 

Ein Mittelding zwischen den süssen Getränken und 
dem Weine nennen die Griechen Aigleucos i), d. h. be- 
ständiger Most. Dieser wird durch besondere sorgfältige 
Behandlung gewonnen, denn man lässt ihn nicht gähren; 
unter gähren versteht man nemlich den Uebergang des 
Mostes in Wein. Sobald der Most aus der Kelter gelaufen, 
wird er sogleich in Fässer gefüllt und diese versenkt man 
ins Meer bis der kürzeste Tag vorüber und der Wein die 
Kälte gewohnt ist. Man hat noch eine andere eigenthüm- 
liche Sorte der Art, welche man in der narbonensischen 
Provinz, und hier namentlich bei den Vocontiern findet 
und den süssen nennt. Dieserhalb lässt man die Traube 
längere Zeit am Stocke und verdrehet den Blüthenstiel. 
Von Einigen wird der Zweig selbst bis aufs Mark einge- 
schnitten, von Andern die Traube auf Ziegelsteinen ge- 



') aSL immer und yhtvxoq Most. 



108 Vierzehntes Buch. 

trocknet, und zu diesem Endzwecke benutzt man die Hel- 
venacischen Weinstöcke. Einige setzen noch das sogenannte 
diachyton hinzu, welches entsteht, wenn die Trauben an 
einem verschlossenen Orte 7 Tage lang auf 7 Fuss hoch 
von der Erde stehenden Hürden an der Sonne getrocknet, 
des Nachts vor dem Thaue geschützt, und am 8. gekeltert 
werden. Dadurch soll der Wein den besten Geruch und 
Geschmack erhalten. Zu den süssen Getränken gehört 
auch der Honigwein. Er unterscheidet sich vom Methe 
dadurch, dass er aus Most bereitet wird; man siedet näm- 
lich 5 Congii herben Most, 1 Congius Honig und 1 Cyathus 
Salz miteinander. Er schmeckt herbe. Aber unter diese 
Arten von Getränken muss ich auch den Protopus setzen, 
— so heisst nämlich bei Einigen der von selbst aus den 
Trauben fliessende Most, bevor sie gekeltert werden. Man 
zieht ihn sogleich auf Flaschen, lässt ihn abgähren, und 
setzt ihn dann im folgenden Sommer beim Aufgange des 
Hundssterns 40 Tage lang der Sonne aus. 

12. 

Was die Griechen Deuteria ^), Cato und wir aber 
Lora nennen, und aus den Weintrestern durch Einweichen 
in Wasser bereitet wird, können wir füglich nicht Wein 
nennen, demungeachtet aber rechnet man dieses Getränk 
unter die Weine der Arbeitsleute. Es giebt 3 Sorten da- 
von. Die eine wird erhalten, wenn man den Trestern den 
zehnten Theil des erhaltenen Mostes Wasser hinzufügt, das 
Ganze einen Tag und eine Nacht stehen lässt und dann 
wiederum presst; die zweite, wenn man, wie es die 
Griechen gemacht haben, den 3. Theil des Mostes Wasser 
nimmt, und das Ausgepresste bis auf ein Drittheil ein- 
kocht; die dritte wird aus den Weinhefen gepresst, und 
heisst bei Cato Hefenwein. Keine derselben hält sich 
länger als ein Jahr. 

13. 

Hiebei fällt mir ein, dass, während es auf dem ganzen 



') Von dfvTfQog, der zweite, also Weine zweiter Qualität. 



Vierzehntes Buch. 109 

Erdkreise beinahe 80 edle Sorten von dem, was wir eigent- 
lich unter Wein verstehen, giebt, 2/3 von dieser Anzahl 
Italien angehören, und dieses Land in dieser Hinsicht 
also den übrigen weit voran steht. Es lässt sieh daher 
schwer begreifen, woher es kommt, dass Italien nicht von 
Anfang an, sondern erst 600 Jahre nach Erbauung Roms 
zu diesem Ansehen gelangt ist. 

14. 

Dass Romulus nicht mit Wein, sondern mit Milch 
opferte, beweisen die von ihm angeordneten Opfer, welche 
noch heutigen Tages ebenso beobachtet werden. Das po- 
stumische Gesetz Numa's lautet: den Scheiterhaufen sollst 
du nicht mit Wein benetzen. Und Niemand wird bezwei- 
feln, dass er diess aus Mangel an Wein verordnet habe. 
Durch dasselbe Gesetz hat er es für ein Vergehen er- 
klärt, wenn man den Göttern Wein von einem unbe- 
schnittenen Stocke weihe, und zwar aus dem guten Grunde, 
um diejenigen, welche bloss Ackerbau trieben und zu faul 
waren sich der Baumzucht anzunehmen, zum Beschneiden 
der Reben zu zwingen. M. Varro berichtet, der etrurische 
König Mezentius i) habe für die Hülfe, welche er den Ru- 
tulern wider die Lateiner geleistet, den Wein, der damals 
im lateinischen Gebiete war, bekommen. 

Den Weibern in Rom war es nicht gestattet, Wein zu 
trinken. Unter andern finde ich einen Fall, wo die Gattin 
des Egnatius Macenius, welche Wein aus einem Fasse ge- 
trunken hatte, von ihrem Manne todtgeprügelt, und dieser 
durch Romulus von dem Morde freigesprochen wurde. 
Fabius Pictor erzählt in seinen Jahrbüchern, eine Frau 
vom Stande sei, weil sie einen Schrank, worin die Schlüssel 
zum Weinkeller waren, geöffnet hatte, von ihren Ange- 
hörigen zum Hungertode verdammt worden. Cato sagt, 
Frauenzimmer würden deshalb von ihren Verwandten ge- 



*) Tapferer aber grausamer Fürst zu Caere in Etrurien, Vater 
des Lausus, wurde von seinen Unterthanen verjagt und focht im 
Heere des Turnus gegen Aeneas, der ihn erlegte. 



110 Vierzehntes Buch. 

kiisst, damit diese erführen, ob sie nach berauschendem 
Getränke ^) röchen. So hiess damals der Wein, und davon 
hat der Rausch -) seinen Namen. Der Richter Cn. Domitius 
bestrafte eine Frau, die ohne Vorwissen ihres Mannes mehr, 
als der Gesundheit zuträglich war, getrunken hatte, mit 
dem Verluste der Mitgift. Lange Zeit war der Wein spar- 
sam in Gebrauch. Als der Oberfeldherr L. Papirius gegen 
die Samniter streiten wollte, gelobte er, im Falle ihm der 
Sieg zu Theil würde, dem Jupiter einen kleinen Becher 
Wein. Endlich finde ich, dass man zum Geschenke einen 
Sextarius Milch, niemals aber Wein gab. Als ebenderselbe 
Cato nach Spanien, von wo er im Triumphe zurückkehrte, 
segelte, trank er keinen andern Wein, als die Ruderknechte; 
so sehr war dieser Mann von denen verschieden, welche 
sogar den Gästen andern Wein als sich selbst vorsetzen, 
oder während der Tafel unterschieben. 

15. 
Die geschätztesten Weine der Alten waren die, welche 
man mit -Myrrhe versetzt hatte, wie aus dem Schauspiel 
des Plautus ^), das den Titel Persa hat, erhält, obgleich er 
sagt, man solle auch Calmus dazu thun. Daher glauben 
Einige, sie hätten den gewürzten Wein am meisten geliebt. 
Allein Fabius Dossennus^) entscheidet die Sache in folgen- 
den Versen: 

„Ich sandte schönen Myrrhen- Wein." 
Und im Acharistion: 

„Brot, Graupen und Myrrhen-Wein." 



') temetum. 

^) temulentia. 

3) M. Accius Plautus aus Sarsina in Umbi-ien, 227 bis 184 v. 
Chr., lebte zu Rom, Unternehmer und Vorsteher eines komischen 
Theaters. 

■') Fabius Dossennus Mundus, ein alter römischer Dichter, schrieb 
Atellanen (Schauspiele, nach der oscischen Stadt Atella in Campa- 
nien benannt, weil sie angeblich in der oscischon Mundart aufge- 
führt wurden. Die Darsteller waren keine Histrionen, sondern junge 
freie Römer). 



Vierzehntes Buch. 111 

Ich sehe, dass auch Scävola i), Lälius 2) und Attejus 
Capito 3) derselben Meinung gewesen sind, weil im Pseudo- 
lus steht: 

„Wenn es nöthig ist, dass er hernach etwas Süsses 
gebe, hat er auch wohl dergleichen? 

Char: Du fragst? Myrrhenwein, Rosinenwein, Meth, 
Honig " 

Es ist demnach klar, dass der Myrrhenwein nicht nur 
unter die Weine, sondern selbst unter die süssen ge- 
rechnet wurde. 

16. 

Der opimianische Wein giebt den unzweifelhafte- 
sten Beweis, dass bereits im 633. Jahre der Stadt Wein- 
keller^) existirten und Wein auf Flaschen gezogen wurde, 
Italien also schon damals sein Gut erkannte. Jedoch 
standen jene vielen Arten noch nicht im Rufe, und führten 
sie alle den einzigen Namen des Consuls. Auch wurden 
noch lange nachher, und zwar bis zu unserer Grossväter 
Zeiten, ja selbst als man den falernischen schon kannte, 
die überseeischen Weine geschätzt, wie folgender Vers 
jenes Lustspieldiehters besagt: 

„Ich hole 5 Flaschen thasischen und 2 Flaschen faler- 
nischen Weines herbei." 

Die Censoren P. Licinius Crassus und L. Julius Cäsar 
erliessen im Jahre 665 der Stadt eine Verordnung mit fol- 
genden Worten: Niemand solle ein Quadrantal griechischen 
und ammineischen Weines um 8 Ass verkaufen. Der grie- 
chische Wein ward aber so hoch gehalten, dass jeder Gast 
nur einmal davon zu trinken bekam. 

17. 

Welche Weine bei Tische beliebt waren, sagt uns 

') Es gab mehrere berühmte Römer dieses Namens; welcher 
hier gemeint ist, lässt sich nicht bestimmen. 

^) C. Laelius, Freund des Scipio Aeniilianus, Held , Staatsmann, 
Gelehrter, Philosoph, 140 Consul. 

^) L. Attejus Capito, berühmter Jurist, Consul unter Augustus. 

'') apothecae. 



112 Vierzehntes Buch. 

M. Vasi'o mit folgenden Worten: „L. Lucullus sab als 
Knabe bei seinem Vater nie ein prächtiges Gastmahl, bei 
welchem mehr als einmal griechischer Wein gereicht 
wurde. Als er aus Asien zurückkehrte, theilte er 1100 Ca- 
dus zum Geschenke aus. C. Sentius, den ich als Prätor 
gekannt habe, sagte, erst damals sei chiischer Wein in 
sein Haus gebracht worden, als ihm der Arzt davon gegen 
Magenbeschwerden gegeben hätte. Horteusius hinterliess 
seinem Erben über 10,000 Cadus Wein." Soweit Varro. 
Doch, hat nicht auch der Dictator Cäsar bei seinem Sieges- 
mahle für die Tafeln Amphoren falernischen, und Cadi 
chiischen Weines aufsetzen lassen? Bei seinem spanischen 
Triumphe gab er chiischen und falernischen Wein, bei 
seinem dritten Consulate falernischen, chiischen, lesbischen 
und mamertinischen, und es ist bekannt, dass zu dieser 
Zeit zum ersten Male 4 Sorten Wein auf die Tafel 
gesetzt worden sind. Nachher, etwa im 700. Jahre der 
Stadt, kamen alle übrigen in Ruf. 

• 18. 

Ich wundere mich daher nicht, dass schon vor vielen 
Jahrhunderten fast unzählige Arten gekünstelter Weine er- 
funden sind, welche wir nun anführen wollen, und die alle 
zum Arzneigebrauch dienen. Wie das Omphacium bereitet 
wird, haben wir im vorigen Buche, der Salben wegen, an- 
gegeben. Das sogenannte Oeuanthinum wird aus der 
Labruscai), d. h. der wilden Rebe gewonnen, indem man 
von ihren Blumen 2 Pfund in einem Cadus Most einweicht, 
und nach 30 Tagen wieder herausnimmt. Ausserdem 
dienen die Wurzel und die Beeren des wilden Weinstocks 
zur Bereitung des Leders. Die Beeren sind kurz nach dem 
Abblühen ein vorzügliches Mittel, um bei Krankheiten die 
körperliche Hitze zu mildern, da sie von äusserst kalter 
Natur sein sollen. Ein Theil davon geht durch die Hitze 
zu Grunde, und zwar eher als die übrigen, welche man 
Sommerbeeren nennt. Alle werden niemals reif, und wenn 



•) Vitis Labrusca L. 



yierzehntes Buch. 113 

<nan eine Traube, ehe sie ganz reif ist, den Hühnern abge- 
sotten unter das Futter giebt, so bekommen sie einen 
?«olchen Ekel vor Trauben, dass sie keine mehr anrühren. 

19. 

Den ersten gekünstelten Wein, den man den 
^schwachen nennt, macht man aus Wein selbst auf folgende 
Art: zwanzig Sextarien weissen Most und halb so viel 
Wasser kocht man so lange bis so viel, als Wasser ge- 
nommen war, eingekocht ist. Andere lassen 10 Sextarien 
Seewasser und ebenso viel Regenwasser 40 Tage lang an 
der Sonne stehen. Man giebt diess Getränk den Kranken, 
bei denen man Naehtheil vom Genüsse des Weines be- 
sorgt. 

Die nächste Sorte bereitet man aus reifem Hirsesameu, 
von denen man 1^/4 Pfund mit den Halmen in 2 Congius 
Most einweicht, und nach 7 Tagen durchseihet. Wie die 
Arten aus dem Baume, Strauche und Kraute Lotus bereitet 
werden, ist schon angegeben. 

Auch aus Obst macht man dergleichen Getränke, wie 
wir sogleich anführen und nur die nöthigsten Erklärungen 
beifügen wollen. Das erste, dessen sich die Parther, Indier 
iind der ganze übrige Orient bedienen, wird von Palm- 
früchten bereitet, indem man 1 Modius reife, welche die 
gemeinen heissen, in 3 Congius Wasser einweicht und dann 
Äuspresst. Auf dieselbe Weise erhält man von den Feigen 
den Feigenwein, den Einige Palmiprimum, Andere Cator- 
chites nennen. Will man denselben nicht gern süss haben, 
so thut man statt des Wassers ebenso viele Weinhülseu 
hinzu. Aus der cyprischen Feige macht man auch einen 
vortrefflichen Essig, und aus der alexandrinischen einen 
noch bessern. Man bereitet auch Wein aus der syrischen 
Schote, aus Birnen und allen Arten von Aepfeln; ferner 
aus Granaten, welchen man Rhoites nennt, aus Kornel- 
kirschen, Mispeln, Arjesbeeren, trocknen Maulbeeren, Pinien- 
nüssen. Letztere werden mit Most angefeuchtet ausgedrückt, 
die obigen sind an sich milde. Die Bereitungsweise des 
Myrtenweins, welche uns Cato gelehrt hat, werden wir bald 

Wittstein: Pliaiua. III. BJ. ft 



114 Vierzehntes Buch. 

mittheilen. Die Griechen naachen ihn aber auf andere 
Weise. Sie sieden die zarten Zweige mit den daran be- 
findlichen Blättern in weissem Moste, zerstossen sie, und 
lassen 1 Pfund in 3 Congius Most soweit einkochen, bis 
noch 2 Congius übrig sind. Das Getränk, welches auf 
diese Weise von den Beeren der wilden Myrte gemacht 
wird, heisst Myrtidanum und färbt die Hände. 

Von folgenden Gartengewächsen macht man Wein: 
Rettig, Spargel, Cunila, Origanum, Petersiliensamen, Abro- 
tanum, wilder Münze, Raute, Nepeta, Quendel, Andorn. 
Man giebt 2 Hände voll davon zu einem Cadus Most, 
1 Sextar gekochten Most und 1 Hemina Seewasser. Aus 
Steckrüben stellt man ihn dar, wenn man 2 Denare schwer 
zu 2 Sextar Most giebt; ebenso aus der MeerzwiebelwurzeL 
Unter den Blumen nimmt man die Rosenblätter zu Wein; 
man zerstösst sie, bindet sie in Leinentuch und hängt diess 
in den Most, nachdem man ein kleines Gewicht, damit es 
niedersinkt, daran befestigt hat. 40 Denare schwer kommen 
zu 20 Sextar Most, und das Fass wird vor 3 Monaten nicht 
geöffnet. Ebenso verfährt man mit der gallischen wilden 
Narde. 

Ich finde auch, dass man durch Zusammensetzung fast 
aller Specereien Gewürzwein gemacht hat, und zwar zuerst 
aus Myrrhe, wie schon angeführt wurde, dann aus celtischer 
Narde, Calamus, Aspalathum, von denen man Stückchen in 
Most oder süssen Wein that. Andere bereiteten auf dieselbe 
Weise dergleichen aus Calamus, Juncus, Costus, syrischer 
Narde, Amomum, Cassia, Zimmt, Safran, Palmfrüchten, 
Asarum. Noch Andere thun Narde und Malobathrum, von 
jedem 1/2 Pfund, in 2 Congius Most; man macht sie auch 
jetzt noch durch Zusatz von Pfeffer und Honig, was Einige 
Gewürzwein, Andere Pfefferwein nennen. Man findet ferner 
Necktartrank aus einem Kraute bereitet, welches Helenium, 
Medica, Symphytum, Idäa, Orestium oder Nectarea heisst, 
indem man 40 Denare schwer davon gleichfalls in Lein- 
wand gebunden mit 6 Sextar Most in Berührung bringt. 
Aus den übrigen Kräutern bereitet man: den Wermuthwein, 



Vierzehntes Buch. 1^5 

wozu man 1 Pfund pontischen Wermuth mit 40 Sextar Most 
bis zum dritten Theile einkocht, oder Büschel-Wermuth in 
den Wein hängt. Ebenso der Isopwein aus cilicischem 
Isop, von dem man 3 Unzen in 2 Congius Most wirft oder 
zerstossen in den Wein thut. Beide macht man auch auf 
andere Art, wenn man jene Kräuter um die Wurzeln der 
Weinstöcke säet. So lehrt auch Cato den Nieswurzwein 
aus dem Veratrum nigrum darstellen. Auf 'dieselbe Weise 
wird auch der Scammoniumwein gemacht. Merkwürdig ist 
die Eigenschaft der Weinstöcke, einen fremdartigen Ge- 
schmack anzunehmen: so riechen die Trauben, welche in 
den sumpfigen Gegenden von Padua wachsen, nach Weiden. 
So säet man in Thasus Nieswurz, wilde Gurken und 
Scammonium, und der dabei wachsende Wein heisst der 
Verderber, weil er die Geburt abtreibt. 

Auch macht man Weine von andern Kräutern, welche 
an ihren Orten näher beschrieben werden sollen, nemlich 
vom Stöchas, der Enzianwurzel, dem Tragoriganum, Dictara, 
Asarum, Daucus, Elelisphacum, Panax, Acorus, Conyza, 
Thymian, Mandragora, Juncus. Man findet auch noch an- 
dere Sorten unter den Namen Scyzinum, Itäomelis und 
Lectiphagites angeführt, deren Bereitungsart aber verloren 
gegangen ist. 

Ferner werden Weine bereitet aus der Familie der 
Strauch er, aus den beiden Cedern, der Cypresse, dem Lor- 
beer, dem Wachholder, der Terebinthe, dem Mastixbaume 
in Gallien, indem man die Beeren oder das frische Holz 
im Most abkocht. Ebenso verfährt man mit dem Holze 
Chamelaea, Chamaepitys und Chamaedrys, und von der 
Blüthe nimmt man 10 Denare schwer auf 1 Congius Most. 

20. 

Man macht auch bloss aus Wasser und Honig Wein, 
und soll zu diesem Behuf das Regenwasser 5 Jahre lang 
aufbewahren. Einige thuen klüger, indem sie dasselbe so- 
gleich zu 1/3 einsieden, den dritten Theil alten Honig hin- 
zu setzen, und vom Aufgange des Hundssterns an 40 Tage 
lang an der Sonne stehen lassen. Andere vörschliessen die 



11(3 Vierzehntes Buch. 

damit gefüllten Gefässe am 10. Tage. Mau nennt diess 
Getränk Meth^); im Alter bekommt es den Geschmack 
des Weines und nirgends ist es vortreft'licher als in 
Phrygieu. 

21. 

Sogar den Essig versetzt man mit Honig, hat also im 
Leben nichts unversucht gelassen. Ein solches Gemisch 
lieisst öauerhonig-), und wird durch zehnmaliges Sieden 
von 10 Pfd. Honig, 5 Hemina alten Essig, 1 Pfund Seesalz 
und 5 Sestarien Regeuwasser, Ausgiessen und Hinstelleu 
zum Altwerdeu bereitet. Alle diese Getränke sind von 
dem berühmten Schriftsteller Themison 3) verworfen, und 
in der That kann ihr Gebrauch nur als erzwungen ange- 
sehen werden, wenn man nicht annimmt, der Gewürz wein 
und die aus Specereien bereiteten seien ein Werk der Na- 
tur, oder diese habe die Sträucher geschaffen, damit sie 
getrunken werden sollten. Es ist interessant zu wissen, 
wie der Erfindungsgeist des Menschen alles ausforscht. Man 
darf als gewiss annehmen, dass keiner von denselben, aus- 
genommen die, welche, wie wir gesagt haben, durchs Alter 
erst das werden was sie sind, sich ein Jahr, ja einige nicht 
einmal 30 Tage lang halten. 

22. 

Auch der Wein ist eine Quelle für Wunder. In Ar- 
cadien soll es einen geben, wovon Weiber fruchtbar, Männer 
rasend werden. In Achaja aber, besonders um Cerynia 
soll der Wein die Frucht abtreiben, auch selbst wen;i 
Schwangere nur eine Traube essen, obgleich sie sich durch 
den Geschmack nicht von andern unterscheiden. Diejenigen, 
welche trözenischen Wein trinken, sollen keine Kinder 
zeugen. Von den Thasern erzählt man, dass sie 2 ver- 
schiedene Sorten Wein machen; durch den einen werde 
der Schlaf befördert, durch den andern vertrieben. Bei 



>} hydromeli. "VN'assenneth. ^) Oxymeli. 

3) Arzt aus Laodicea, kui-z-v. Chr.. Schüler des Asclepiades, 
Gründer der methodischen vSchule. Seine Schriften sind verloren. 



Vierzehntes Buch. 117 

ebendenselben heisst ein Weinstock der giftwidrige, weil 
dessen Wein und Traube gegen den Schlangenbiss helfen. 
Der Libanios riecht nach Weihrauch, und von ihm spendet 
man den Göttern. Der Aspendios hingegen wird zum Ge- 
brauche auf Altären verworfen; auch soll ihn niemals ein 
Vogel berühren. In Aegypten wächst eine Traube, welche 
die thasische heisst und den Leib öffnet; in Lycien hin- 
gegen ist eine, welche die entgegengesetzte Wirkung hat 
In Aegypten wächst auch der Ecbolas, der die Frucht ab- 
treibt. Beim Aufgange des Hundssterns werden einige 
Weine in den Kellern verändert, nehmen aber nachher ihre 
vorige Beschaffenheit wieder an. Ebenso bemerkt man 
beim Fahren auf dem Meere, dass das Schütteln denen, 
welche schon ausgedauert haben, dasjenige, was sie gehabt 
hatten, wieder giebt. 

23. 

Weil das Leben im Dienste der Götter besteht, so hält 
man es für sträflich, ihnen Wein von einem unbeschnittenen 
Stocke, einem, den der Blitz getroffen, neben welchen ein 
Mensch an einem Stricke gehangen hat, oder der mit ver- 
wundeten Füssen getreten ist, dessen Beeren zerschnitten 
und ausgelaufen sind, oder der durch etwas von oben 
Heruntergefallenes verunreinigt ist; desgleichen die grie- 
chischen Weine, weil sie Wasser enthalten, — zu opfern. 
Auch der Weinstock selbst wird gegessen; man kocht nem- 
lich die obersten Schösslinge ab und macht sie in Essig 
und Salzwasser ein. 

24. 

Aber ich muss nun auch von den bei der Bereitung 
(los Weines gebräuchlichen Materialien reden , da die 
Griechen besondere Vorschriften dazu gegeben und eine 
eigene Kunst daraus gemacht haben, wie Euphronius i), 
Aristomachus, Commiades 2) und Hicesius 3) berichten. In 



') Ein nicht näher bekannter Schriftsteller. 
'^) Ebenfalls unbekannt. 
ä) Desgleichen. 



118 Vierzehntes Buch. 

Afrika benimmt man ihm die Rauhigkeit durch Gyps, und 
in einigen Gegenden daselbst durch Kalk. Die Griechen 
machen ihn durch Thon, Marmor, Salz oder Seewasser 
milde; Ein Theil von Italiens Bewohnern durch schwarzes 
Pech, und sie, nebst den angrenzenden Provinzen, behan- 
deln gewöhnlich den Most mit Harz. An einigen Orten 
versetzt man denselben mit Hefen vom früheren Weine oder 
mit Essig. Auch selbst aus dem Moste macht man Arz- 
neien; man kocht ihn, damit er im Verhältniss seiner 
Kräfte süss werde. Ein solcher soll sich aber nicht über 
ein Jahr lang halten. An einigen Orten siedet man den 
Most bis zur Sapa ^) ein, und durch Zugiessen desselben 
benimmt man dem Weine das Feuer. Doch bei dieser und 
jeder andern Art thun die Fässer selbst durch ihre Aus- 
pichung Dienste, und wie man diese bewerkstelligt, wollen 
wir im nächsten Abschnitte sagen. 

25. 
Von den Bäumen, aus denen gleich einem Safte Pech 
und Harz fliesst, haben einige den Orient, andere Europa 
zum Vaterlande. Asien, welches dazwischen liegt, hat auf 
beiden Seiten einige. Im Oriente geben die Terebinthen 
das beste und dünnste, die Mastixbäume den sogenannten 
Mastix, ferner die Cy pressen das schärfste vom Geschmack. 
Alle diese Bäume enthalten einen flüssigen Saft, der nur 
Harz ist, die Ceder aber einen diekern und zur Bereitung 
von Pech geeigneten. Das arabische Harz ist weiss, von 
scharfem Geruch und schwer zu schmelzen, das jüdische 
ist zäher, der Terpenthin noch stärker riechend; das syrische 
sieht dem attischen Honige gleich; das cyprische übertrifft 
alle andern, ist aber honigfarben und fleischig; das colopho- 
nische dunkler als die übrigen, wird durch Reiben weiss, 
hat einen starken Geruch und wird deshalb von den Salben- 
händlern nicht gebraucht. Was man in Asien von der 
Picea 2) macht, ist sehr weiss und heisst Spagas. Alles 
Harz löst sich in Oel auf. Einige glauben, diess geschehe 

») Vergl. 11. Capitel. 

■'') Pinus Abies L. die Rothtanne. 



Vierzehntes Buch. 119 

auch durch Töpferkreide. Ich schäme mich zu sagen, dass 
es jetzt am meisten wegen seines Gebrauchs, die Haare 
am Körper des Mannes auszurotten, geschätzt wird. 

Der Most wird verbessert, wenn man zu Anfang der 
Gährung, welche meistens nach 9 Tagen zu Ende ist, Pech 
hineinstreuet, damit der Wein davon Geruch und einen 
scharfen Geschmack annimmt. Man glaubt, diess werde 
durch den rohen Anbruch des Harzes in noch höherra 
Orade bewirkt und der Wein dadurch milde. Andererseits 
werde durch abgesottenes Pech •) seine allzugrosse Wild- 
heit gemildert, und sein Feuer geschwächt, oder wenn er 
matt und fade ist, ihm dadurch Feuer gegeben. In Ligurien 
und den Gegenden um den Po wird der Nutzen der Crapula 
beim Moste auf folgende Art unterschieden: In starkbrau- 
senden Most wird mehr, in schwachen weniger gethan. 
Einige wollen, man solle ihn auf beiderlei Weise verbessern. 
Aber das Pech besitzt ausser seiner Einwirkung auf den 
Most auch noch andere gute Eigenschaften. An einigen 
Orten hat der Most den Fehler, nochmals von selbst zu 
gähren; er verliert dadurch den Geschmack, und bekommt 
dann den Namen Vappa, womit man auch einen Menschen, 
dessen Gemiith verdorben ist, schimpflicherweise benennt 
Verdorbener Wein hat die Kraft des Essigs, welcher so 
mannigfaltige Anwendung findet und ohne welchen das 
feinere Leben nicht bestehen könnte. 

Uebrigens trägt man für die Verbesserung der Weine 
so grosse Sorge, dass er bei Einigen durch Asche, bei 
Andern durch Gyps, oder auf die bereits angeführten Weisen 
verbessert wird. Man zieht aber die Asche von Weinstock- 
reisern oder von der Eiche vor. Sogar wird vorgeschrieben, 
man solle zu diesem Behufe Seewasser vom hohen Meere 
holen, dasselbe vom Frühlings -Aequinoctium an aufbe- 
wahren, oder wenigstens in einer Nacht zur Zeit der 
Sonnenwende oder während der Aquilo wehet, schöpfen. 



') ci-apula. 



120 Vierzehntes Bach. 

oder aber, wenn es um die Zeit der Weinlese geschöpft 
werde, absieden. 

Zu Weinfässern wird in Italien das bruttische Pech am 
meisten geschätzt. Man bereitet es aus dem Harze der 
Rothtanne; in Spanien aus wilden Fichten, aber diess wird 
gar nicht gelobt, denn das Harz derselben ist bitter, trocken 
und stark riechend. Den Unterschied und die Bereitungs- 
art wollen wir im nächsten Buche bei den wilden Bäumen 
angeben. Seine Fehler sind, ausser den angezeigten, eine 
gewisse Schärfe und ein rauchiger Gestank, bei dem 
Peche aber das Angebranntsein. Man erkennt diess, wenn 
die Bruchstücke etwas glänzen, zwischen den Zähnen weich 
werden, und dabei eine angenehme Schärfe entwickeln. 
Die Asiaten halten das idäische Pech für das beste, die 
Griechen das pierische, Virgil das narycische. Sorgfältigere 
Landwirthe mischen schwarzen Mastix hinzu, der im Pon- 
tus gewonnen wird und dem Erdpech gleicht, ferner die 
Wurzel und das Oel der Iris hinzu, denn die Erfahrung 
hat gelehrt, dass, wenn man W^achs in die Fässer thut, die 
Weine sauer werden. Dagegen ist es besser, den Wein 
in solche Fässer zu bringen, in denen Essig gewesen ist, 
als in solche, welche süssen Wein oder Meth enthielten. 
Cato befiehlt, den Wein mit dem 40. Theile Aschenlauge, 
die mit gesottenem Weine gekocht ist oder mit Vj^ Pfund 
Salz, zuweilen auch mit zerstossenem Mamor in einem 
Culeus zu beschicken ^) (denn dieses Wortes bedient er 
sich). Er erwähnt auch des Schwefels, des Harzes aber 
nur zuletzt. Vor allem aber soll man dem Weine, wenn 
er zeitig wird, Most hinzuthun, den er Keltermost 2) nennt; 
wir verstehen aber darunter den zuletzt gepressten. Auch 
setzt mau, um ihn zu färben, verschiedene Farbstoffe hin 
zu, wodurch er dann auch fetter werden soll. Durch s(v 
viele schädliche Künsteleien bestrebt man sich, den Wein 
angenehm zu machen und wir wundern uns noch, dass er 



') concinnari. ■-*) tortivum. 



Vierzehntes Buch. 121 

schädlich ist. Die Probe, ob ein Wein verderbe, ist, wenn 
eine Bleiplatte in demselben ihre Farbe verändert. 

26. 

Unter den Flüssigkeiten hat der Wein die Eigentbüm- 
lichkeit, kahmig zu werden und sich in Essig zu ver- 
wandeln, und es existiren ganze Bücher darüber, wie man 
ihm helfen soll. Die getrocknete Weinhefe fängt Feuer, 
und brennt ohne andere Nahrung von selbst. Die Asche 
hat die Natur des Natrons und dieselben Kräfte, ja noch 
mehr, je fetter sie sich zeigt. 

27. 

Hinsichtlich des nun eingebrachten Weines zeigt sich 
ein grosser Unterschied in dem Keller. Am Fusse der 
Alpen verwahrt man ihn in hölzernen Gefässen, umgiebt 
diese mit Reifen, und hält in starken Wintern durch Feuer 
die Kälte davon ab. Es klingt wunderbar, ist aber doch 
zuweilen beobachtet worden, dass, wenn die Gefässe ge- 
sprungen waren, der Wein eine eisige Masse bildete, und 
so als ein Wunderzeichen galt, denn der Wein hat von 
Natur die Eigenschaft nicht, zu Eis zu gefrieren, sondern 
erstarrt nur bei starker Kälte. In milderen Himmelsstrichen 
hält man ihn in Fässern, und vergräbt diese ganz oder 
zum Thei], je nach der Lage, in die Erde. Auch lässt man 
ihn unter freiem Himmel, an andern Orten aber macht 
man Dächer darüber. Ferner werden folgende Vorschriften 
gegeben: Eine Seite des Kellers oder wenigstens die Fenster 
sollen nach Norden, oder gegen den Aequinoctial-Aufgang 
gerichtet sein. Misthaufen und Baumwurzeln sollen fern 
davon sein, und Gerüche aller Art, weil sie leicht in den 
Wein übergehen, ferner zahme und wilde Feigenbäume ver- 
mieden werden. Zwischen den Fässern soll man Raum 
lassen , damit das Verderben nicht weiter greife, weil ein 
Wein den andeni äusserst schnell ansteckt. Auch von 
der Gestalt der Gefässe hänge viel ab, denn die bauchigen 
und weiten wären minder gut. Beim Aufgange des Hunds- 
sterns müsse man sogleich auspichen, sodann mit See- oder 
Salzwasser ausspülen , hierauf mit Reiserasche oder Thon 



122 Vierzehntes Buch. 

bestreuen; wären sie darauf abgewischt, sie und öfters auch 
die Keller mit Myrrhe ausräuchern. Schwache Weine soll 
man in Fässern, welche in die Erde vergraben sind, aufbe- 
wahren, starke dagegen in solchen, die an der Luft stehen. 
Nie soll man die Fässer ganz anfüllen, und den leeren 
Raum mit Rosinenweine oder abgesottenem Weine, worunter 
man Safran, altes Pech und eingedickten Most gethan, aus- 
streichen; ebenso müsse man mit den Deckeln der Fässer 
verfahren, und ausserdem noch Mastix und bruttisches Pech 
darunter mischen. Die Gefässe öffne man nur an heitern 
Tagen, auch nicht bei Südwinde oder Vollmonde. Der 
Schaum i) des Weines soll weiss sein; die rothe Farbe des- 
selben ist ein trauriges Zeichen, wenn der Wein selbst 
nicht diese Farbe hat; ebenso, wenn die Fässer warm 
werden und die Deckel schwitzen. Der Wein, welcher 
schnell zu schäumen anfängt, und einen Geruch bekommt, 
soll sich nicht lange halten. Gesottenen und eingekochten 
Most soll man nur an Tagen, wenn kein Mond am Himmel 
ist, d. h. bei der Zusammenkunft dieses Gestirns, und sonst 
nicht, bereiten, ferner dieses nicht in kupfernen sondern in 
bleiernen Gefässen vornehmen, auch welsche Nüsse hinzu- 
fügen, denn diese zögen den Rauch an sich. Es scheint 
am zweckmässigsten, dass man die edelsten Weine Cam- 
paniens der freien Luft, und dem Einflüsse der Sonne, des 
Mondes und Regens aussetze. 

28. 
Wahrlich, bei reiflichem Nachdenken wird man finden, 
dass die Menschen in keiner andern Hinsicht emsiger sind, 
als ob uns die Natur nicht das Wasser, dessen sich alle 
übrigen Thiere bedienen, zum Getränke gegeben hätte. 
Aber wir zwingen selbst die Lastthiere Wein zu trinken, 
und soviel Mühe, soviel Arbeit und Kosten macht dasjenige? 
was des Menschen Verstand verwirrt, und bei denen, welche 
ihm ergeben sind, eine unsinnige Lust zu tausend Lastern 
erzeugt, denn sie finden ein solches Vergnügen darin, dass 

') flos. 



Vierzehntes Buch. 123 

die Meisten unter ihnen nichts Anderes des Lebens werth- 
achten. Ja, wir schwächen sogar, um desto mehr nehmen 
zu können, seine Stärke durch Durchseihen; man ersinnt 
noch andere Reizmittel und bereitet Gift, um es zu trinken, 
denn Einige nehmen vorher Schierling zu sich, damit die 
Todesfurcht sie zum Trinken zwinge, Andere gestossenen 
Bimsstein, und noch andere Dinge die ich mich zu nennen 
schäme. Wir sehen, dass die vorsichtigsten unter ihnen 
in den Bädern fast gekocht, und halbtodt herausgetragen 
werden; Andere können nicht einmal das Lager oder ihr 
Kleid erwarten, sondern noch nackend greifen sie sehn- 
süchtig nach den grossen Humpen, als wenn sie ihre Kräfte 
zeigen wollten, giessen sie in sich hinein, um das Genommene 
sogleich wieder von sich zu geben und dann wieder zu 
trinken, und wiederholen diess noch zwei- oder dreimal. 
Als wenn diese Menschen dazu auf der Welt wären, um 
die Weine zu verderben, und der Wein nicht anders als 
durch den menschlichen Körper gegossen werden könne! 
Dahin gehören auch die fremdartigen Uebungen, das Herum- 
wälzen im Koth, das Vorstrecken der Brust und das Zurück- 
biegen des Halses. Durch alles diess, heisst es, mache man 
sich Durst. Und hat man nicht selbst an den Trinkge- 
schirren ehrbrecheiische Bilder angebracht? Als wenn die 
Trunkenheit nicht schon an und für sich Wollust erzeuge. 
Man trinkt also Wein aus Geilheit, ladet durch Belohnungen 
zur Trunkenheit ein, und erkauft sie also. Dieser bekommt, 
wenn er so viel isst als er getrunken hat, nach dem Ge- 
setze eine Belohnung für seine Trinkbegierde; Jener trinkt 
so viel, als er im Spiele gewonnen hat. Dann suchen die 
gierigen Augen die Ehefrau, und die matten verrathen sich 
dem Manne; dann werden die Geheimnisse der Seele aus- 
gesprochen. Einige machen ihr Testament, Andere führen 
verderbenbringende Reden und halten die Worte nicht in 
ihrer Kehle zurück, wenn auch noch so Viele auf solche 
Art ums Leben gekommen sind. Schon allgemein hat man 
dem Weine Wahrheit zugeschrieben. Wenn es noch gut 
abgeht, sehen die Trinker die aufgehende Sonne nicht, und 



124 Vierzehntes Buch. 

erreichen kein hohes Alter. Daher die Blässe, die hängen- 
den Wangen, die eiternden Augen, die vom Ausleeren der 
vollen Becher zitternden Hände, und (was die unmittelbare 
Strafe ist) die schrecklichen Träume, die nächtliche Un- 
ruhe, endlich — der grösste Lohn der Trunkenheit — eine 
unbändige Wollust und ein Vergnügen zu sündigen. Den 
folgenden Tag die Ausdünstung vom Weinfasse aus dem 
Munde, Vergessenheit aller Dinge und der Verlust des Ge- 
dächtnisses. Sie rühmen sich, auf solche Weise schneller 
zu leben, da sie den vorigen Tag jedesmal verlieren, allein 
auch den bevorstehenden verlieren sie. 

Unter der Regierung des Kaisers Tiberius Claudius, 
vor 40 Jahren, fing man an, nüchtern zu trinken, und den 
Wein dem Essen vorangehen zu lassen. Diess war auch 
eine von den fremden Künsten, und eine Vorschrift von 
Aerzten, welche sich durch Neuerungen beliebt machen 
wollen. Die Parther suchen hierin einen Ruhm, bei den 
Griechen erwarb sich Alcibiades dadurch einen Ruf, und 
bei uns hat Novellius Torquatus ein Mailänder, der die 
Ehrenstellen von der Prätur an bis zum Proconsulate ver- 
waltete, sogar einen Beinamen davon erlangt, denn er 
trank 3 Congius (von denen er den Beinamen erhielt) auf 
einmal aus. Ihm sah der Kaiser Tiberius, der damals schon 
alt und mürrisch und zuweilen selbst grausam, in seiner 
Jugend aber auch ein grosser Liebhaber vom Weine war, 
Wunders halber zu. Man hat geglaubt, dass L. Piso sich 
eben dadurch bei ihm beliebt gemacht und die Verwaltung 
der Stadt Rom bekommen habe, weil er bei ihm, als er 
schon Kaiser war, 2 Tage und Nächte hindurch in einem 
Trinkgelage ausgehalten hätte. Man will wissen, Drusus 
Cäsar habe in keiner andern Hinsicht seinem Vater Tiberius 
mehr geglichen. Dem Torquatus ward der seltene Ruhm 
(denn auch diese Kunst hat ihre Gesetze) in der Rede 
nicht gestockt, noch sich durch Brechen oder durch einen 
andern Theil des Körpers erleichtert zu haben, während 
er trank; ferner hat er seine Frühwachen gehalten, das 
Meiste in einem Zuge getrunken, ausserdem noch am 



Vierzehntes Buch. 125 

meisten in andern kleinern Trunken hinzugefügt , am auf- 
richtigsten das Nichtabsetzen beim Trinken und das Nicht- 
ausspucken gehalten, und, um auf dem Fussboden einen 
Schall hervorzubringen i), nichts von dem Weine zurück- 
gelassen, denn diess ist ein Hauptgesetz, um dem Betrüge 
beim Trinken zu begegnen. Tergilla 2) wirft dem Jüngern 
Äl. Cicero vor, er habe gewöhnlich 2 Congius getrunken, 
und im Taumel dem Marcus Agrippa einen Becher an den 
Hals geworfen. Das sind nämlich die Werke des Rausches. 
Allein, gewiss hat Cicero dem Mörder seines Vaters, dem 
M. Antonius, diese Ehre streitig machen wollen; denn dieser 
hatte vor ihm sehr begierig darnach gestrebt, und sogar 
von seiner Trinksucht ein Buch herausgegeben, und da er 
in demselben sich selbst zu vertheidigen versuchte, so be- 
wies er (meines Bedtinkeus) klar, welches Unheil von ihm 
durch die Trunkheit über den Erdkreis gebracht worden 
ist. Kurze Zeit vor der Schlacht bei Actium vollendete er 
das Buch, man sieht also leicht ein, dass er schon vom 
Bürgerblute berauscht und um so begieriger nach dem- 
selben war, denn dieses Laster hat die noth wendige Folge, 
dass die Gewohnheit zu trinken die Begierde danach ver- 
mehrt; und sehr richtig sind die Worte eines scy tischen 
Gesandten: jemehr die Parther trinken, desto mehr 
dürstet sie- 

29. 
Die Völker des Occidents haben ebenfalls berausch e ad e 
Getränke und zwar von benetztem Getreide 3); man macht 
sie in Gallien und Spanien auf verschiedene Weise, giebt 
ihnen auch mehrere Namen, doch sind sie in der Haupt- 
sache einerlei. Die Spanier haben auch schon gelehrt, die- 
selben lange aufzubewahren. In Aegypten bereitet man 
ähnliche Getränke aus Getreide, kurz es fehlt nirgends in 
der Welt an dergleichen. Man trinkt sie unvermischt, ver- 



') Nämlich durch das Niedersetzen des Trinkgefässes. 

■-) Ein nicht näher bekannter Autor. 

•■') D. h. Malz. Plinius meint also hier das Bier. 



126 Vierzehntes Buch. 

dünnt sie nicht wie Wein durch Wasser; und in der That 
scheint die Erde dort nichts als Getreide hervorzubringen. 
— Ach, über die grenzenlose Sucht nach Lastern! Man 
hat sogar das Wasser berauschend machen gelernt! Zwei 
Flüssigkeiten sind dem menschlichen Körper die angenehm- 
sten, inwendig Wein, auswendig Oel, beide die vornehm- 
sten aus dem Geschlechte der Bäume; das Oel aber ist 
noth wendig, und der Mensch hat nicht wenig Fleiss darauf 
verwendet. Allein wie viel erfindungsreicher erscheint er 
nicht hinsichtlich- der Getränke, da es 195 Gattungen, und, 
wenn man die Species mitrechnet, beinahe doppelt so viele, 
vom Oele aber um so wenigere giebt, und von diesem 
wollen wir im folgenden Buche handeln. 



Fünfzehntes Euch. 



Von den obsttragenden Bäumen. 



Theophrastus , einer der berühmtesten griechischen 
Schriftsteller, etwa um das Jahr 440 nach der Erbauung 
Roms, sagt, der Oelbaumi) wachse nur innerhalb einer 
Entfernung von 40,000 Schritten vom Meere; Fenestella 
aber berichtet, er sei zur Zeit der Regierung des Tarqui- 
nius Priscus, 170 Jahre nach der Gründung des römischen 
Reichs, in Italien, Spanien und Afrika noch gar nicht vor- 
gekommen, während er jetzt sogar über die Alpen mitten 
nach Gallien und Spanien gewandert ist. Im 505. Jahre 
der Stadt, unter den Consuln Appius Claudius, des Cäcus 
Enkel, und L. Junius, kosteten 12 Pfund Oel einen Ass. 
Bald darauf im 680. Jahre verschaffte M. Sejus, des Lucius 
Sohn, als Aedilis curulis dem römischen Volke das ganze 
Jahr hindurch 10 Pfund Oel für 1 Ass. Man wird sich 
weniger darüber wundern, wenn man weiss, dass 22 Jahre 
später während des 3. Consulats des Cn. Pompejus von 
Italien aus Oel in die Provinzen geschickt wurde. Hesio- 
dus, welcher ganz besonders darauf bedacht war, den 
Menschen den Ackerbau zu lehren, sagt, dass ein Oelbaum- 
pflanzer nie Früchte 2) von seinen Bäumen gehabt habe. 
So langsam entwickelte sich damals diess Geschäft. Jetzt 



') Olea. Olea europaea. 
2) D. h. keinen Nutzen. 



128 Fünfzehntes Buch. 

säet man sie in Baumschulen, und pflückt von den versetzten 
schon im zweiten Jahre Früchte. 

2. 

Nach Fabianus wächst der Oelbaum weder in sehr 
kalten, noch in sehr heissen Ländern. Virgil giebt 3 Arten 
davon an, Orchites, Radii und Posiä, und sagt, man brauche • 
sie weder zu behacken, noch zu beschneiden, noch sonst 
zu warten. Ohne Zweifel kommt bei ihnen am meisten 
auf den Boden und das KUma an. Jedoch werden sie auch 
beschnitten, und zwar zu gleicher Zeit mit den Wein- 
stöcken; auch nützt ihnen das Auflockern des Bodens. 

Die Olivenerndte folgt auf die der Trauben, und 
die Kunst gutes Oel zu bereiten, ist noch grösser als die 
Erzielung eines guten Weines. Die Säfte aus ein und der- 
selben Olive sind nämlich von verschiedener Art. Zuerst 
macht man Oel aus der rohen, welche noch nicht zu reifen 
angefangen hat, und dieses schmeckt am vortrefflichsten. 
Von diesem ist wiederum das zuerst aus der Presse 
fliessende das beliebteste, hernach nimmt es immer mehr 
an Güte ab; das Pressen geschieht entweder in geflochtenen 
Körben oder, nach neuerer Erfindung, zwischen Platten. Je 
reifer die Beere, desto fetter und weniger angenehm fällt 
ihr Saft aus. Die beste Zeit zum Pflücken, hinsichtlich der * 
Menge und Güte ist, wenn die Beeren anfangen schwarz 
zu werden. Wir nennen die Früchte Drupä i), die Griechen 
aber Drypetä. üebrigens ist es nicht einerlei, ob die 
Beere jene Keife in der Presse oder am Baume bekomme 
ob der Baum nass gewesen sei, oder ob die Beere bloss 
ihren eigenen Saft und nichts anderes als den Thau des 
Himmels aufgenommen habe. 

3. 

Durchs Alter verdirbt das Oel, nicht so der Wein, 
und sein höchstes Alter, wo es gut bleibt, beträgt 1 Jahr. 
Die Natur hat darin (wenn man es nur einsehen will) weise 
gehandelt; denn, da die Weine zur Schwelgerei wachsen, 



') Steinfrüchte. 



Fvinfzehntes Buch. 129 

ist ihr Gebrauch nicht nothwendig, vielmehr reizt ihre 
durch Altwerden gewinnende Annehmlichkeit, sie aufzube- 
wahren. Das Oel dagegen wollte sie nicht geschont wissen, 
und brachte es wegen des unausbleiblichen Verderbens 
häufig und allgemein hervor. Den Vorzug in diesem Gute 
erhielt vor allen Ländern Italien, besonders das veuafra- 
nische Gebiet und der Theil desselben, welcher das lici- 
nianische Oel liefert. Daher ist auch die Olive von Lici- 
nien die berühmteste. Die Salben haben ihr diesen Ruhm 
verliehen, da ihr Geruch sich am besten für dieselben eig- 
net. Auch im Geschmacke stehen sie, nach der Meinung 
feiner . Zungen, oben an. Sonst rührt kein Vogel die lici- 
nische Beere an. Uebrigens kämpfen ^) Istrien und Biitika 
mit gleichen Waffen. Die Oliven der Provinzen kommen 
diesen an Güte nahe, mit Ausnahme des getreidereichen 
Bodens von Afrika, welchen die Natur gänzlich dem Ge- 
treide eingeräumt hat, nicht etwa, weil sie ihm Oel und 
Wein missgönnte, sondern weil sie dessen Ruf in seine 
reichen Erndten setzte. Die übrigen Nachrichten sind voll 
Irrthum, und wir werden zeigen, dass derselbe in keinem 
Zweige des menschlichen Lebens häufiger auftritt. 

Die Oliven bestehen aus dem Kerne, dem Oele, dem 
Fleische und der Oelhefe^). Letztere ist ein bitterer Saft 
desselben, entsteht durch Wasser, ist daher in trocknen 
Zeiten nur gering, bei Nässe dagegen in grösserer Menge 
vorhanden. Der eigeuthümliche Saft der Olive ist das Oel 
und diess ersehen wir besonders an den unreifen, wie bei 
der Beschreibung des Omphaciums^) gezeigt wurde. Das 
Oel vermehrt sich bis zum Aufgange des Arcturus, am 
15. September, nachher nehmen die Kerne und das Fleisch 
zu. Wenn auf Dürre häufige Regenschauer folgen, verdirbt 
das Oel und verwandelt sich in die Amurca. Die Farbe 
derselben macht die Olive schwarz; sobald also diese an- 
fängt schwarz zu werden, enthält sie eine geringe Menge 

') Wegen der Güte der Oliven, 
^) amurca. Oelsatz. 
3) XII. B. 60. C. 

Wittstein: Pliuius. in. Bd o 



130 Fünfzehntes Buch. 

davon, vorher aber gar nichts. Es ist mithin ein offen- 
barer Irrthum, wenn man das für den Anfang der Reife 
hält, was die beginnende Verderbniss anzeigt; ferner, dass 
das Oel mit dem Wachsen des Fleisches zunähme, da doch 
aller Saft in die festen Theile übergeht, und inwendig der 
Same gross wird. Daher werden sie dann am meisten be- 
gossen. Geschieht diess häufig, oder fällt viel Regen, so 
wird alles Oel verzehrt, wenn nicht heiteres Wetter darauf 
folgt, welches die festen Theile auflockert. Ueberhaupt ist, 
nach Theophrastus Meinung, die Wärme die Ursache des 
Oeles. und man bedient sich daher beim Pressen und schon 
in den Kellern des Feuers. Ein drittes Verfahren liegt in 
dem Geize, weil man, um die Kosten des Abpflückens zu 
ersparen, die Zeit abwartet, wenn die Olive abfällt. Die- 
jenigen, welche hierin den Mittelweg gehen, schlagen sie 
mit Stangen ab, schaden aber den Bäumen, und haben im 
nächsten Jahre Verlust. Ein uraltes Gesetz der Oliven- 
bauer sagt nämlich: den Oelbaum sollst du weder streifen 
noch schlagen. Am vorsichtigsten verfahren die, welche 
mit einem Rohrstocke sanft abschlagen und die Aeste nicht 
berühren. So wird auch der Baum gezwungen, wenn die 
Sprösslinge entfernt sind, neue Früchte anzusetzen; ebenso, 
wenn man wartet bis sie abfallen, denn wenn sie über ihre 
Zeit hängen bleiben, nehmen sie den neu ankommenden 
die Nahrung, und halten ihren Ort besetzt. Ein Beweis 
dafür ist, dass, wenn sie vor dem Frühlinge nicht ge- 
sammelt sind, sie wiederum neue Kräfte bekommen und 
nun schwieriger abfallen. 

4. 
Die erste also, welche durch einen Fehler ihrer War- 
tung und nicht der Natur im Herbste gesammelt wird, ist 
die Posia, und diese hat das meiste Fleisch; hierauf die 
Orchites, mit dem meisten Oele und dann die Radius. 
Letztere werden nämlich, weil sie die zartesten sind, im 
Sommer am schnellsten von der Amurca ergriffen und fallen 
ab. Das Sammeln der dickhäutigen aber verschiebt man 
sogar bis in den Monat März, denn sie widerstehen der 



Fünfzehntes Buch. 131 

Feuchtigkeit und sind deshalb am kleinsten, als die licini- 
sche, cominische, contische, sergisebe, die von den Sabinern 
die königliehe genannt wird. Alle diese werden vor dem 
Wehen des Favonius, d. i. vor dem 7. Februar, nicht 
schwarz. Dann, glaubt man, werden sie reif, und weil aus 
ihnen das beste Oel gewonnen wird, so scheint der Irr- 
thum einen Grund zu bekommen. Auch soll durch Kälte 
eine schlechte, durch Reif aber eine reichliche Erndte ent- 
stehen, allein jene Güte liegt nicht in der Zeit sondern in 
der Art, welche sehr langsam in den fauligen Zustand über- 
geht. Ebenso ist es ein Fehler, die gesammelten Früchte 
auf Böden zu bewahren, und nicht eher auszupressen, bis 
sie schwitzen, weil jede Stunde einen Verlust an Oel mit 
sich bringt und die Amurca vermehrt. Daher sagt man, 
dass gewöhnlich nicht mehr als 6 Pfund Oel aus 1 Modius 
gepresst werden; aber keiner misst die Amurca, welche 
sich mit Zunahme der Tage in ein und derselben Art um 
so häufiger findet. 

Ueberhaupt irren die Menschen allgemein darin, dass 
sie glauben, mit dem Wachsen der Olive vermehre sich 
auch ihr Oel; während doch die Oliven, welche königliche, 
oder majorinische oder auch phaulische genannt werden, 
zum Beweise dienen, das die Menge des Oels nicht in der 
Grösse besteht, und die grössten oft am wenigsten Oel 
haben. Auch in Aegypten haben die fleischigsten sehr 
wenig Oel. Zu Decapolis in Syrien giebt es sehr kleine, 
die nicht grösser als Kappern, aber ihres Fleisches wegen 
geschätzt sind. Daher werden die überseeischen den itali- 
enischen zu Speisen vorgezogen, obgleich sie hinsichtlich 
des Oeles von ihnen tibertroffen werden; selbst in Italien 
giebt man den picenischen und sidicinischen vor den übrigen 
den Vorzug. Diese werden eigends in Salz eingemacht, 
und wie die übrigen in Amurca und gesottenen Wein, ei- 
nige, die sogenannten Colymbaden i), schwimmen auch ohne 
weitere Würzung in ihrem eigenen Oele; man zerbricht sie 

') Von ieoXvpßaiu schwimmen. 



132 Fünfzehntes Buch. 

und macht sie mit schmackhaften grünen Kiäutern ein, 
zeitigt sie auch duTch Aufgiessen siedenden Wassers, wenn 
sie noch nicht reif sind; und es ist merkwürdig, dass die 
Oliven einen süssen Saft in sich ziehen und einen fremden 
Geschmack annehmen. Es giebt auch unter ihnen purpur- 
farbene, welche, wie die Trauben, ins Schwarze übergehen, 
nämlich die posischen. Ferner: edle, ausser den schon ge- 
nannten; sehr süsse, die für sich getrocknet werden, süsser 
als Rosinen, aber sehr selten sind, in Afrika und bei 
Emerita in Portugal vorkommen. Das Oel selbst wird 
durch Salz von dem Verderben geschützt. Durch zer- 
schnittene Oelbaumrinde bekommt es den Geruch eines 
Arzneimittels, wie der Wein, hat aber sonst keinen sehr 
angenehmen Geschmack. Jedoch giebt es nicht so zahl- 
reiche Sorten davon, sondern man unterscheidet höchstens 
3 gute. Das Dünne hat einen scharfem Geruch; dieser ist 
jedoch, selbst bei dem besten, nicht dauernd. 

5. 
Das Oel hat die Eigenschaft den Körper zu erwärmen 
und ihn gegen Kälte zu schützen, auch die Hitze des 
Kopfes abzukühlen. Die Griechen, die Erfinder aller Laster, 
haben seinen Gebrauch auf die Ueppigkeit erstreckt, denn 
sie bedienen sich desselben allgemein in den Fechterschulen. 
Es ist bekannt, dass Magistratspersonen, die eine grosse 
Ehre darein setzten, solche Oelschmiere ') für 80 Sesterzen 
gekauft haben. Der hohe römische Staat hat dem Oelbaume 
grosse Ehre erwiesen, denn er lässt am 15. Julius die 
Reiter-Geschwader damit bekränzen; auch die im kleinen 
Triumphe einziehenden werden damit bekränzt. Athen 
krönt auch seine Sieger mit Oelzweigen, die Griechen aber 
die olympischen Sieger mit Laube vom wilden Oelbaum. 



') Strigmenta olei. Die Fechter bestrichen sich bekanntlich mit 
Oel. Wenn sie nun beim Ringen zufällig mit dem Körper an den 
Wänden rieben, so wui'den diese davon schmutzig. Diesen Schmutz, 
der eine Heilkraft besitzen sollte, Hessen die Aufseher sorgfältig 
abkratzen und verkauften ihn theuer. 



Fünfzehntes Buch. 133 

6. 
Nun wollen wir Cato's Ansichten von den Oliven an- 
führen. Die grössere radisehe, salentinische, orehitische, 
posische, sergianische, cominianische und gelbweisse solle 
man in einen warmen und fetten Boden pflanzen; und mit 
grosser Klugheit setzt er hinzu, welche unter ihnen man 
in den einzelnen Arten für die besten hält. In einem 
kalten und magern Boden mttsse die licinische stehen, denn 
in einem fetten und heisseu verderbe ihr Oel, und der 
Baum selbst sterbe durch zu grosse Fruchtbarkeit ab. 
Ausserdem schade ihm das rothe Moos. Die Oelbaumgärten 
sollen gegen Abend an einem der Sonne zugänglichen Orte 
liegen; jede andere Lage derselben tadelt er. Zum Ein- 
macheu eigneten sich am besten die Orchiten und Posiä, 
entweder grün in Salzwasser, oder, zerbrochen in Mastix- 
baum-Oel. Die herbeste Olive gebe das beste Oel. Ue- 
brigens müssen sie sobald als möglich von der Erde auf- 
gelesen, und, wenn sie schmutzig sind, gewaschen werden. 
Ein Stägiges Trocknen sei hinreichend. Wenn es fröre, 
mtissten sie am 4. Tage gepresst werden und dann be- 
streue mau sie mit Salz. Durch Liegen auf dem Boden 
vermindere sich das Oel und werde schlechter, ebenso, 
wenn sie Amurca oder zu viel Fraces enthalten; dieses ist 
nämlich das Fleisch, jenes ein Abschaum. Daher müsse 
man es täglich mehrere Male abgiessen, und zwar in Mu- 
scheln und bleierne Kessel, denn Kupfer werde davon an- 
gegriffen. Alles diess müsse in heissen und verschlossenen 
Kelterstuben, in denen so wenig als möglich Zugwind 
herrscht, geschehen. Aus diesem Grunde solle man kein 
Holz darin hauen, und am passendsten sei ein Feuer aus 
den Steinkernen der Oliven. Aus den Kesseln müsse das 
Oel in Wannen gegossen werden, damit es von dem Ab- 
schäume und den Fleischtheilen befreiet werde. Daher 
soll man oft die Gefässe wechseln, und die Körbe mit 
einem Schwämme abtrocknen, damit es recht rein und lauter 
werde. Später hat man erfunden, die Oliven mit heissem 
Wasser zu waschen, sogleich ganz unter die Presse zu 



134 Fünfzehntes Buch. 

bringen, um die Amurca zu entfernen, und dann erst, nach- 
dem sie gestossen sind, nochmals zu pressen. Man soll 
nicht mehr als 100 Modius pressen, und er nennt diess den 
Presssatz. Was in der Mühle zuerst ausfliesst, heisst die 
Blume. 3 Presssätze können von 4 Menschen in 1 Tage 
und 1 Nacht mit 2 Gefässen recht gut bewerkstelligt 
werden. 

T. 
Damals hatte man noch keine gekünstelten Oele; 
daher erkläre ich mir das Schweigen Cato's darüber. Jetzt 
giebt es mehrere Arten davon. Zuerst will ich die an- 
führen, welche ihren Ursprung von Bäumen haben, und 
unter diesen vor allen die vom wilden Oelbaume i). Das- 
selbe ist dünner und weit bitterer als das vom Oelbaume, 
und wird nur als Medicament benutzt. Ihm am ähnlichsten 
ist das von der Chamelaea, einem auf Felsen wachsenden, 
nicht über 1 Fuss hohem Strauche, mit Blättern und Beeren 
gleich denen des Oleaster. Das diesem am nächsten stehende 
kommt von dem Cici, einem in Aegypteu häufig wachsen- 
dem Baume, den Einige Cr o ton. Andere Sili, noch Andere 
wildenSesamum nennen; erst unlängst hat man dort ange- 
fangen, es zu bereiten. Er wächst auch in Spanien schnell 
zu der Höhe eines Oelbaumes heran, hat einen dem Stecken- 
kraute ähnlichen Stengel, Blätter wie der Weinstock, und 
Samen gleich denen kleiner und blasser Trauben. Bei uns 
nennt man ihn wiegen der Aehnlichkeit seines Samens 
Läusebaum -). Man kocht den Samen mit Wasser und 
schöpft das obenschwimmende Oel ab. In Aegypten da- 
gegen, wo derselbe in reichlicher Menge vorkommt, presst 
man ihn, nachdem er mit Salz bestreuet ist, ohne Anwen- 
dung von Feuer und Wasser aus. Zu Speisen eignet es 
sich nicht, wohl aber zum Brennen. Das Mandelöl, welches 



') Oleaster, ohne Zweifel ist hier eine wilde Spielart der Olea 
europaea gemeint, nicht Elaeagnus angustifolia, deren Frucht durch 
Pressen kein Oel giebt. 

^) Ricinus: Ricinus communis L, 



Fünfzehntes Buch. 135 

Einige Metopium nennen, wird aus bittern Mandeln, welche 
zuvor gedörrt, kleingestossen, mit Wasser besprengt und 
wiederum gestossen sind, gepresst. Auch vom Lorbeerbaum 
macht man Oel, indem man Oel von Steinfrüchten hinzu 
mischt. Einige pressen es bloss aus den Beeren, Andere 
bloss aus den Blättern, noch Andere aus den Blättern und 
Schalen der Beeren, thun auch Styrax und andere wohl- 
riechende Stoffe hinzu. Am besten eignet sich der breit- 
blättrige wilde Lorbeer mit schwarzen Beeren zu diesem 
Behuf. Aehulich ist das Oel von der schwarzen Myrte, 
und auch hier hat die breitblättrige den Vorzug. Man 
stösst die Beeren unter Zusatz von warmem Wasser und 
kocht sie dann aus. Andere kochen die zartesten Blätter 
in Oel und drücken aus; noch Andere legen sie in's Oel 
und lassen sie an der Sonne ausziehen. Ebenso verfährt 
man auch mit der Gartenmyrte ') ; man zieht aber die wilde 
Myrte 2) mit kleinern Samen vor, die von Einigen die 
Spitzenmyrte 3), von Andern die Zwergmyrte *), von Andern, 
wegen der Aehnlichkeit, Acoros genannt wird; denn sie 
ist niedrig und strauchartig. Andere Oele sind: von der 
Citrone, Cypresse, den welschen Nüssen, welches Kernöl 
heisst, und von den Cedern- Aepfeln, das sogenannte Kienöl •'). 
Ferner: aus dem gnidischen Samen, nachdem er gereinigt 
und gestossen ist; vom Mastix. Vom Cyprinusöl und dem 
aus der ägyptischen Eichel, welche des Wohlgeruchs wegen 
bereitet werden, ist schon die Kede gewesen. Die Indier 
sollen Oel aus Kastanien, Sesam und Reis machen, die 
Ichthyophagen aus Fischen. Das Bedürfniss zwingt auch 
zuweilen die Menschen, um Licht zu haben, dergleichen aus 
Platanen-Beeren, die mit Salzwasser eingeweicht werden, 
zu bereiten. Das wilde Rebenöl wird aus der Pflanze ^) 
selbst gemacht, wie bei den Salben bereits gesagt ist. In 



') Myrtus communis L. 

2) Myrtus sylvestris; Ruscus aculeatus L. 

3) Oxymyrsine. *) Chamaemyrsine. 
*) Pisselaeon. ^) Oenanthe. 



136 Fünfzelintes Buch. 

das Mostöl wird bei gelindem Feuer Most eingekocht; An- 
dere thun diess ohne Feuer, indem sie 22 Tage hindurch, 
jeden Tag 2 mal Weinhülsen herum legen, wodurch der 
Most vom Oele verzehrt wird. Andere setzen nicht nur 
Majoran, sondern auch noch kostbarere Specereien hinzu. 
Auch in den Fechtschulen versetzt man es mit dergleichen, 
aber von sehr geringem Werthe. 

Ferner bereitet man Oel: aus Aspalathum, Calamus, 
Balsambaum, Iris, Cardamom, Steinklee, gallischer Narde, 
Panax, Majoran, Alant und Zimmtwurzel, deren Säfte alle 
durch Oel ausgezogen, und dann durch Pressen geschieden 
werden. So auch das Eosenöl von den Rosen, das Binsenöl 
von den Binsen, welches dem Rosenöle am meisten gleich 
kommt; desgleichen vom Bilsen , den Wolfsbohnen und 
der Narcisse. Am häufigsten wird aber in Aegypten Oel 
aus den Rettigsamen oder einem Grase bereitet, was sie 
Grasöl nennen; auch aus Sesam und Nesseln, welches sie 
Nesselöl nennen. Anderswo bereitet man Oel aus Lilien 
unter freiem Himmel, welches durch Sonne, Mond und Reif 
gezeitigt wird. Zwischen Cappadocien und Galatien ver- 
fertigt man ein Oel aus besondern Kräutern, welches sel- 
gisches heisst und die Nerven stärkt. Ein ähnliches macht 
man in Italien zu Iguvinum. Das Pechöl bereitet man 
durch Kochen von Pech, über dessen Dampf man Felle 
ausspannt und dann ausdrückt; das beste kommt aus Bru- 
tien, denn diess ist am fettesten und harzigsten. Die Farbe 
dieses Oeles ist braungelb. An der Küste von Syrien er- 
zeugt es sich von selbst und heisst Oelhonig. Es flies st 
aus Bäumen, ist fett, dicker als Honig, dünner als Harz, 
von süssem Geschmacke, und wird von den Aerzten ge- 
braucht. Altes ist auch bei manchen Krankheiten von 
Nutzen; ferner glaubt man, dass es das Elfenbein vor dem 
Anfressen schütze, wenigstens ist das Standbild des Saturn, 
in Rom inwendig mit Oel ausgefüllt. 

8. 

Ueber alles aber erhebt Cato die Oelhefe*) mit Lob- 

•) amurca. 



Fünfzehntes Buch. 137 

Sprüchen. Mit derselben würden die Oelfässer und Töpfe 
angefeuchtet, damit sie kein Oel anziehen; auch bestriche 
man die Tennen, auf denen das Getreide gedroschen wird, 
damit, um Risse zu verhüten und die Ameisen abzuhalten, 
ja man besprenge selbst mit ihr den Leim der Wände, die 
Decken und Böden der Kornmagazine, und die Kleider- 
schränke zur Abhaltung der Motten und anderer schädlichen 
Thiere. Ferner tränke man damit die Saatkörner, heile die 
Krankheiten der vierfüssigen Thiere und Bäume, und sie 
sei ein wirksames' Mittel gegen Geschwüre, welche sich 
im Munde des Menschen erzeugen. Man schmiere damit, 
nachdem sie gesotten worden, Riemen, alles Lederwerk, 
Schuhe und Räderachsen ein, auch kupferne Geschirre, um 
den Grünspan abzuhalten und ihnen ein glänzenderes An- 
sehen zu geben, desgleichen alles hölzerne Hausgeräth und 
irdenen Gefässe, in denen man trockne Feigen aufbewahren, 
oder wenn man die Blätter und Beeren an Myrtenzweigen 
oder andern ähnlichen Arten erhalten will. Endlich soll 
Holz, welches von Amurca durchdrungen ist, beim Brennen 
keinen lästigen Rauch verbreiten. M. Varro sagt, wenn 
eine Ziege den Oelbaum mit ihrer Zunge belecke, und die 
ersten Sprossen abfrässe, so bliebe er unfruchtbar. Soweit 
vom Oelbaum und vom Oele. 

9. 

Die übrigen Baumfrüchte können kaum nach ihrem 
Ansehen und ihrer Gestalt, geschweige denn nach ihrem 
Geschmacke, und ihren so vielfältig gemischten und einge- 
sogenen Säften aufgezählt werden. 

Die Frucht der Pinien *) ist am grössten und hängt 
am höchsten; inwendig schliesst sie in hohlen Lagern kleine 
Kerne ein, die ausserdem noch mit einer rostfarbigen 
Hülle bekleidet sind, — so wunderbar sorgfältig verfährt 
die Natur, um den Samen ein weiches Bette zu gehen. 
Eine zweite Art derselben sind die terentinischen, deren 
Schale mit den Fingern zerbrochen werden kann, und 



') Pineae. Pinus Pinea L. 



138 Fünfzehntes Buch. 

welche die Vögel vom Baume rauben. Eine dritte sind die 
sappinisehen, von der zahmen Tanne, deren Kerne mehr 
eine Haut als eine Schale haben, die so weich ist, dass 
sie mitge^essen wird. Eine vierte hat den Namen pityidi- 
sche, kommt von dem Piuaster i), und ist ein ausgezeich- 
netes Mittel wider den Husten. Die in Honig abgekochten 
Kerne nennen die Tauriner Aquiceli. Mit einem Pinien- 
kranze werden die Sieger auf dem Isthmus gekrönt. 

10. 

Hinen kommen die Quitten 2) in der Grösse, welche 
von den Griechen cydonische Aepfel genannt werden, und 
von der Insel Greta stammen, am nächsten. Der Baum 
schiesst krumme Aeste, und verhindert daher den Haupt- 
stamm zu wachsen. Es giebt mehrere Arten: Goldquitten, 
mit Einschnitten und einer ins Goldgelbe sich neigenden 
Farbe. Die weissem, welche wir inländisohe nennen, haben 
den herrlichsten Geruch. Auch die neapolitanischen stehen 
im Ansehen; die kleinem von dieser Art, welche Sperlings - 
äpfeP) heissen, riechen durchdringender, kommen spät, 
reifen aber bald. Wenn man auf die Sperlingsäpfel andere 
Quitten propft, so erhält man eine besondere Art, die mul- 
vianische, welche unter diesen allein auch roh gegessen 
wird. Alle Arten bewahrt man in den Besuchszimmern 
der Männer, und legt sie auf die Bilder derer, welche man 
Abends erwartet. Es giebt auch noch kleine wilde, die 
nächst den Sperlingsäpfeln am stärksten riechen und in 
Hecken wachsen. 

11. 

Auch andere Früchte nennen wir Aepfel, obgleich sie 
verschieden davon sind, wie die Pfirsiche^) und Granaten, 
von welchen letztern wir bei den Granatbäumen 9 Arten 
angeführt haben. Diese haben unter der Schale inwendig 
Kerne, jene einen Holzkern in ihrem Fleische. Von den 



•) Pinus Pinaster L. 

2) Mala cotonea: Pyrus Cydonia L. 

3) struthea. 

^) Mala persica. Amygdalus persica L. 



Fünfzehntes Buch. I39 

Birnen hat man einige Pfundbirnen genannt, weil sie so 
schwer wie ein Pfund wiegen. Unter den Pfirsichen steht 
die harthäutige oben an; die gallische und asiatische haben 
von den Völkerschaften diese Namen. Sie reifen nach 
dem Herbste, die zeitigen schon im Sommer; man kennt 
sie erst seit 30 Jahren und verkaufte Anfangs das Stück 
um 1 Denar. Die feinen kommen von den Sabinern, die 
gewöhnlichen allenthalben her. Es ist ein unschädliches 
Obst, welches auch die Kranken geniessen können, keins 
aber wohl je theurer gewesen, denn ein Stück hat schon 
30 Sesterzen gekostet, worüber man sich wundern muss, 
da keine Frucht vergänglicher ist. Sie hält sich gepflückt 
längstens 2 Tage, und zwingt den Besitzer, sie zu ver- 
kaufen. 

12. 
Nun folgt eine grosse Anzahl Pflaumen i): die bunte, 
schwarze, weisse, die von der zu gleicher Zeit mit der 
Gerste erfolgenden Reife sogenannte Gerstenpflaume. Es 
giebt noch andere von derselben Farbe die später kommen 
und grösser sind, und wegen ihrer geringen Qualität Esels- 
pflaumen genannt werden. Ferner: onyxfarbige, doch sind 
die wachsgelben und purpurfarbigen beliebter; desgleichen 
die von einem fremden Volke benannten armenischen -), 
welche sieh schon durch ihren Geruch empfehlen. Dieje- 
nigen, welche auf Nussbäume gepropft sind, haben das 
Eigenthümliche, in der Gestalt der Mutter und im Safte 
dem neuen Stamme zu gleichen, und werden daher Nuss- 
pflaumen genannt. Diese, sowie die Pfirsiche, die wachs- 
gelben und wilden 3) Pflaumen halten sich, wenn sie wie 
die Trauben in Töpfe eingemacht werden, so lange, bis 
wieder neue wachsen; die übrigen reifen schnell, halten 
sich aber nicht lange. Kürzlich hat man auch in Bätica 
-angefangen, durch Propfen auf Apfelbäume sogenannte 



') Pruni. Prunus domestica und P. insititia L, wo keine andere 
Namen angegeben sind. 

^) Prunus armeniaca L. Die Aprikose. 
') Prunus spinosa L., die Schlehe. 



140 Fünfzehntes Buch. 

Aepfelpflaumen, sowie auf Mandelbäumen sogenannte Mandel- 
pflaumeu zu ziehen. Diese haben innerhalb des Steines 
einen Mandelkern, und kein anderes Obst ist sinnreicher 
gepaart worden. Unter den fremden Bäumen haben wir 
die damascener Pflaumen, sogenannt von Damascus 'in Sy- 
rien, aufgefühlt, welche aber bereits in Italien einheimisch 
sind; sie haben einen grössern Stein, weniger Fleisch, und 
bekommen beim Trocknen niemals Runzeln, weil ihnen die 
eigenthümliche Wärme fehlt. Die Sebesten i), welche man 
jetzt zu Rom auf Sorbi -) gepropft hat, können hier zu- 
gleich als die Landsleute der Damascener genannt werden. 

13. 
Ueberhaupt ist es aus dem Namen augenscheinlich, 
dass die Pfirsiche auch in Asien und Griechenland Fremd- 
linge und von Persien dahin gebracht worden sind; hin- 
gegen wachsen die wilden Pflaumen sicherlich allenthalben. 
Um so mehr wundert es mich, dass Cato dieses Obstes 
gar nicht erwähnt, da er doch angiebt, wie man auch wilde 
Früchte einmachen solle. Die Pfirsichbäume sind spät und 
mit vielen Schwierigkeiten in andere Länder gebracht 
worden, so z. B. tragen sie auf Rhodus nichts, weil sie zu- 
erst von Aegypten dahin gekommen waren. Es ist un-, 
richtig, dass sie in Persien giftig sind und grosse Schmerzen 
erregen, daher zur Vollziehung von Strafen von den Königen 
nach Aegypten gebracht, und durch den Boden milder ge- 
worden sind; denn genauere Schriftsteller melden diess von 
der Persea^), einem ganz anderen Gewächse, ähnlich den 
rothen Sebesten, und der noch nirgends anders als im 
Oriente fortgekommen ist. Gelehrtere sagen auch, er sei 
niemals wegen Strafen aus Persien ausgeführt, sondern 
von Perseus zu Memphis gepflanzt worden. Deshalb habe 
auch Alexander zu Ehren seines Urältervaters angeordnet, 
dass die Sieger damit gekrönt würden. Dieser Baum hat 
beständig Blätter und Früchte, da immer neue nachwachsen.. 



') Myxae, Cordia Myxa L. -) S. 23. Cap. 
^) Die bereits genannte Cordia Myxa. 



Fünfzehntes Buch. 141 

Es ist aber auch offenbar, dass alle Pflaumen erst nach 
"Cato's Zeitalter aufgekommen sind. 

14. 
Aepfel *) giebt es mehrere Arten. Von den Citronen 
haben wir schon bei ihren Bäumen geredet; die Griechen 
nennen sie nach dem Vaterlande medische Aepfel. Gleich- 
falls fremd sind die ßrustbeeren 2) und die Tuberes, welche 
beide erst kürzlich, diese aus Afrika, jene aus Syrien nach 
Italien gekommen sind. Sex. Papinius, den ich als Consul 
gekannt habe, brachte sie zuerst zu uns in den letzten 
Lebensjahren des Kaisers Augustus, und Hess sie im Lager 
anpflanzen. Sie gleichen mehr den Beeren als den Aepfeln, 
dienen aber den Wällen zur grossen Zierde, denn sie 
reichen jetzt schon bis an die Dächer. Von den Tuberes 
giebt es 2 Arten, eine weisse, und eine von ihrer Farbe 
sogenannte syrische 3). Sie sind fast als Fremdlinge zu 
betrachten, und in ganz Italien wachsen nur im veronen- 
sischen Gebiete sogenannte wollige, mit einem ähnlichen 
Wollüberzuge, wie er an den Vogelquitten und Pfirsichen 
sehr häufig ist, und wovon sie, da sie sich durch nichts 
, anderes besonders empfehlen, jenen Beinamen führen. 

15. 

Warum sollte ich nicht gern die übrigen Apfelarten 

noch namentlich anführen, da sie ihren Entdeckern, gleich- 

; sam als eine herrliche That ihres Lebens, ein ewiges An- 

; denken gestiftet haben? Wenn ich nicht irre, so datirt 

; • sich hieraus die Kunst des Propfens, und dass nichts so 

'; klein sei, was nicht den Keim eines Ruhmes in sich 

^ schliesse. Sie haben also ihren Ursprung vom Matius, 

Cestius, Mallius und Scandius. Diejenigen, welche von 

^ Appins, aus dem Claudischen Geschlechte, auf Quitten ge- 

\ propft sind, heissen appianische, riechen wie Quitten, sind 

\ so gross als die scandianischen und von röthlicher Farbe. 



') Mala. Pjrus Malus L. 

-) Zizipha. Rhamnus Ziziphus L. 

^) Die syrische Farbe war röthlich. 



142 Fünfzehntes Buch. 

Damit aber Niemand glaube, dieser Name sei aus 
Schmeichelei gegen eine berühmte Familie angenommen 
worden, so bemerken wir, dass es auch sceptianische giebt, 
so geuannnt nach ihrem Erfinder, einem Freigelassenen, 
und ausgezeichnet durch ihre Kunde. Cato fügt noch die 
quirinianischen und die scandianischen, welche man in 
Fässern aufbewahren soll, hinzu. Ganz kürzlich sind noch 
kleine, von sehr angenehmem Geschmacke, welche petisi- 
sche genannt werden, hinzugekommen. Die amerinischen 
und gräculischeu haben ihr Vaterland berühmt gemacht. 
Die übrigen führen ihre Namen aus andern Ursachen ; von 
ihrer Verbindung die Zusammenhängenden und Zwillinge, 
weil die Frucht nie einzeln steht; von der Farbe die sy- 
rischen; von ihrer Aehnliclikeit die Birnenäpfel; von der 
Schnelligkeit im Reifen die Jüngern, welche jetzt wegen 
ihres Honiggeschmacks Houigäpfel heissen. Kreisrunde, 
von der Gestalt einer runden Scheibe; dass diese in Epirus 
zuerst waren, beweisen die Griechen, welche sie epirotische 
nennen. Hochbrüstige, von der Gestalt der Brüste. Wegen 
der Beschaffenheit des verstümmelten Samens nennen die 
Beiger einige die verschnittenen. Den Blattäpfeln wächst 
mitten an der Seite eins oder zuweilen auch 2 Blätter 
heraus. Die Eunzeläpfel welken bald und bekommen 
Falten. Die Lungenäpfel schwellen eigenthttmlich dick auf. 
Die Blutfarbigen haben ihre Farbe vom Propfen auf Maul- 
beerbäume bekommen. Die übrigen sind an der, der 
Sonne zugekehrten Seite röthlich. Es giebt auch kleine, 
die ihres Geschmackes und schärfern Geruchs wegen wilde 
heissen, also von schlecbter Beschaffenheit und so sauer 
sind, dass der Saft ein scharfes Schwerdt stumpf macht. 
Den schlechtesten hat ihre mehlige Beschaffenheit einen 
Namen gegeben; sie kommen am frühesten und müssen 
schnell gepflückt werden. 

16. 
Eben diesen Umstand tadelt man an den sogenannten. 



Fünjfzehntes Buch. 143 

Muscatellerbiinen ^), welche klein sind, aber sehr schnell 
reifen. Unter allen Birnen 2) aber empfehlen sich die 
crustumischen am meisten. Dann kommen zunächst die 
falernischen, sogenannt von dem Weine, weil sie eine so 
ausserordentliche Menge Saft (der Milch genannt wird) ent- 
halten; unter ihnen giebt es einige von schwarzer Farbe, 
welche in Syrien vorkommen. Die übrigen werden an 
einem Orte so, am andern so genannt. Allein folgende 
haben durch Benennungen, welche von Rom ausgegangen 
sind, ihre Urheber berühmt gemacht; die decimianischen, 
und die von ihr abstammenden pseudodecimianischen, die 
dolabellianischen mit den längsten Stielen, die pomponia- 
nischen mit dem Beinamen der zitzenförmigeu, die liceria- 
nischeu, sevianischen und die von diesen abstammenden 
turranianischen, welche sich durch die Länge des Stiels 
unterscheiden. Die rothen favonianischen, etwas grösser 
als die Muscateller, die laterianischen, anitianischen, die 
im Spätherbst kommen und augenehm sauer schmecken. 
Tiberianische heissen die, welche dem Kaiser Tiberius am 
besten gefallen haben; sie färben sich mehr an der Sonne 
und werden gross, sonst kämen sie mit den licerianischen 
überein. Die nach ihrem Vaterlande benannten sind die 
spätesten von allen, nämlich die amerinischen, picentini- 
schen, numantinischen, alexandrinischen, uumidianischen, 
griechischen und unter diesen die tarentinischen, die signi- 
nischen, welche Andere von der Farbe die erdfarbigen, 
onychinischen und purpurnen nennen. Nach dem Gerüche 
benannt sind die Balsam-, Lorbeer- und Myrtenbirne; nach 
der Zeit die Gerstenbirne; nach ihrem Halse die Flaschen- 
birne; nach ihrer Güte die coriolanische, bruttische; nach 
ihrer Aehnlichkeit die Kürbisbirne, und nach ihrem Safte 
die säuerliche. Warum man einige Birnen barbarische, 
andere Venusbirnen oder gefärbte nennt, ist nicht mit Be- 
stimmtheit anzugeben; ebense ist es mit den königlichen, 
welche an sehr kleinen Stielen sitzen, den patricischen 



*) Superbiae. ^) Pyri. Pyrus communis L. 



144 Fünfzehntes Buch. 

voconischen, grünen und länglichen. Ausserdem nennt 
Virgil eine Sorte Volema i), ein Ausdruck den er vom Cato 
entlehnt hat, giebt ihnen aber auch den Namen Saatbirnen 
und Mostbirnen. 

17. 

Diese Seite des Lebens hat schon längst den Gipfel 
erreicht, denn die Menschen haben darin alles versucht. 
So sagt Virgil, man propfe den Arbutus mit Nüssen, die 
Platane mit Aepfeln, die Ulme mit Kirschen. Weiter kann 
nichts mehr ausgedacht werden, und man findet auch in 
d(Br That seit langer Zeit kein neues Obst mehr. Jedoch 
muss man nicht alles ohne Unterschied durch Propfen ver- 
mischen, sowie keine Dornbusche bepropfeu, weil man da- 
durch die Blitze nicht leicht abwenden kann, denn so 
viele Arten man gepropft hat, so oft hat sich der Blitz 
durch einen Schlag angekündigt. 

Die Birnen haben eine mehr ki'eiselförmige Gestalt. 
Die späten unter ihnen hängen bis zum Winter am Baume, 
und werden durch die Kälte reif, als: die griechischen, 
Flaschen- und Lorbeerbirnen, unter den Aepfeln die ameri- 
nischen und scandianischen. Die Birnen bewahrt man auf 
eben die Weise wie die Trauben auf, und kein anderes 
Obst, ausser den Pflaumen, in Flaschen. Die Aepfel und 
Birnen haben (in ihrem Safte) die Eigenschaft des Weines, 
und ebenso wie bei diesem, geben auch bei jenem die 
Aerzte den Kranken Vorschriften; sie werden auch in Wein 
und Wasser gekocht und vertreten die Stelle des Gemüses, 
jedoch nur die grossen und Sperlingsquitten. 

18. 
Ueberhaupt giebt man folgende Vorschriften für die 
Aufbewahrung des Obstes; Die Obstböden müssen an 
einem kühlen und trocknen Orte angelegt werden, die 
Fenster sollen gegen NoMen liegen und an heitern 
Tagen offen stehen; die Südwinde, auch der Nordwind, 



'■) Faustbirne. 



Fünfzehntes Buch. 145 

durch welchen das Obst zusammenschrumpft, durch Glas- 
scheiben abgehalten werden. Das Obst muss nach dem 
Herbst- Aequinoctium, und weder 16 Tage vor Neumond, 
noch vor der ersten Stunde i) gesammelt werden. Das 
abgefallene soll man von dem übrigen trennen, und Stroh, 
Matten oder Spreu unterlegen. Es soll nicht zu dicht ge- 
legt werden, damit die Luft überall Zutritt habe. Die 
amerinischen Aepfel halten sich am besten, die Honigäpfel 
am wenigsten. 

Die Quitten soll man zur Abhaltung aller Luft ver- 
sah Hessen, oder in Honig einkochen und untertauchen. Die 
Granatäpfel müssen in siedendem Seewasser gehärtet, dann 
3 Tage lang an der Sonne getrocknet, aufgehängt, doch so, 
dass der nächtliche Thau sie nicht berührt, und wenn man 
will, in heissem Wasser ausgewaschen werden. M. Varro 
empfiehlt, sie in mit Sand gefüllten Fässern aufzubewahren, 
und die unreifen in Töpfen, deren Boden herausgeschlagen 
ist, in die Erde zuvergraben, doch keine Luft hinzuzulassen 
und den Stiel mit Pech zu verschmieren; sie wüchsen so 
grösser, als sie am Baume werden könnten. Die übrigen 
Aepfel müsse man einzeln in Feigenblätter, aber keine ab- 
gefallene, wickeln, und in Körben aufbewahren oder mit 
Töpferkreide bestreichen. 

Die Birnen müssen in verpichten umgekehrten Gefässen 
in Gruben verscharrt werden. Die tarentinischen sind am 
spätesten einzusammeln. Die anicianischen werden auch 
in Rosinenwein aufbewahrt. Die Speierlinge thue man 
auch in Gruben, verschliesse den Deckel mit Gyps, und 
werfe zwei Fuss hoch Erde darüber; wähle aber einen 
sonnigen Ort, kehre die Gefässe um, und in Fässern hänge 
man sie, gleich den Weintrauben, mit den Aesten auf. 

Einige der neuesten Schriftsteller verlangen eine noch 
grössere Sorgfalt; sjie schreiben nemlich vor, man solle zu 
diesem Behufe die Aepfelbäume und die Weinstöcke so- 
gleich bei abnehmendem Monde, nach der 3. Stunde des 



*) D. h. vor 6 Uhr Morgens. 

Wittstein: Pliniue. III. Bd. 10 



146 Fünfzehntes Buch. 

Tages, bei heitern Himmel und trocknen Winden abnehmen, 
ferner solche von trocknen Orten und vor der vollständigen 
Reife, wenn der Mond unter der Erde sei, auswählen; die 
Trauben mit einem Theil harten Reises, nachdem die an- 
gegangenen Beeren mit einer Zange entfernt worden, in 
einem neuen gepichten Fasse aufhängen, und alle Luft 
durch einen Deckel und Gyps abhalten. Eben so solle 
man mit den Birnen und Speierlingen verfahren, bei allen 
aber die Stiele mit Pech verstreichen. In der Nähe der 
Fässer darf kein Wasser sein. Einige bewahren sie so 
mit dem Zweige in Gyps, dass sie die Enden desselben in 
eine Meerzwiebel stecken. Andere hängen sie in Wein- 
fässer, doch so, dass die Trauben den Wein nicht berühren. 
Andere bringen auch Aepfel, die in irdenen Geschirren 
schwimmen, hinein, und glauben, dass auch der Wein einen 
Geruch davon annehme. Andere ziehen es vor, alle diese 
Früchte in Hirse zu legen. Die Meisten legen das Obst in 
Gruben auf eine 2 Fuss hohe Lage von Sand, verschliesseu 
mit einem irdenen Deckel, und bringen auf diesen noch 
Erde. Einige bestreichen auch die Trauben mit Töpfer- 
kreide, trocknen an der Sonne und hängen sie auf; beim 
Gebrauche spülen sie die Kreide wieder ab. Bei den 
Aepfeln vermischen sie die Kreide mit Wein. Die edel- 
sten Aepfel überziehen sie ebenso mit Gyps oder Wachs; 
wenn sie aber nicht ganz reif waren, wachsen sie fort und 
durchbrechen die gemachte Hülle. Stets jedoch werden 
sie auf den Stiel gestellt. Einige pflücken sie mit kleinen 
Zweigen ab, stecken diese in Hollundermark, und vergraben 
sie auf die oben beschriebene Weise. Andere nehmen zu 
jedem Apfel und jeder Birne ein besonderes irdenes Ge- 
schirr, verpicben ihre Deckel und verschliessen sie sämmt- 
lich in ein Fass; Andere in Wolle und Kästen, die sie 
mittelst Leim, dem Spreu beigemischt ist, verstreichen; 
Andere in irdenen Schüsseln, oder in Gruben mit einer 
Unterlage von Sand, und bedecken sie sogleich trocken 
mit Erde. Manche bestreichen die Quitten mit pontischem 
Wachse und tauchen sie in Honig. Columella sagt, man 



Fünfzehntes Buch. 147 

solle sie in Brunnen und Cisternen, welche gut ausgepicht 
wären, versenken. In Ligurien, welches am Meere und 
den Alpen sehr nahe liegt, trocknet man die Trauben an 
der Sonne, wickelt sie in Binsenbündel ein, legt sie in 
Fässer und verschliesst diese mit Gyps. Ebendiess^) thun 
die Griechen mit Platanen- oder Wein- oder Feigenblättern, 
trocknen sie 1 Tag im Schatten und legen im Fasse Wein- 
trester dazwischen. Auf diese Weise werden die coischen 
und berytischen Trauben,, welche keinen andern an ange- 
nehmem Geschmacke nachstehen, aufbewahrt. Einige 
tunken die Trauben, um sie den ebengenannten ähnlich zu 
machen, in Aschenlauge sobald sie vom Stocke genommen 
sind, trocknen sie darauf an der Sonne, tauchen die ge- 
trockneten in warmes Wasser und legen sie abermals au 
die Sonne; dann wickeln sie dieselben auf die oben be- 
schriebene Weise in Blätter und legen sie mit Weintrestern 
zusammen. Manche ziehen es vor, die Trauben in Säge- 
und andern Spähnen von Tannen. Pappeln, Eschen zu be- 
wahren. Andere schreiben vor, man solle sie fern von 
Aepfeln und sogleich auf Speichern aufhängen, weil es am 
besten sei, wenn sie im Hängen vom Staube bedeckt werden. 
Gegen die Nachstellungen der Wespen bespritzt man sie 
mit Oel aus dem Munde. Von den Palmen haben wir 
schon geredet. 

19. 
Unter den übrigen Obstarteu sind die Feigen'^) die 
stärkste, denn manche gleichen den Birnen au Grösse. 
Von den Wundern Aegyptens und Cyperns in dieser Be- 
ziehung haben wir bei den ausländischen Bäumen ge- 
sprochen. Die idäische Feige ist roth, so gross wie eine 
Olive, nur etwas runder und schmeckt wie die Mispel. 
Dort heisst diejenige die alexaudrinische, deren Stamm die 
Dicke einer Elle, viele Aeste, hartes zähes Holz, keinen 
Milchsaft, eine grüne Rinde und ein lindenartiges, aber 

*) Nämlich das Einwickeln. 
-) Flcus. Ficus Carica L. 

10* 



148 Fünfzehntes Buch. 

weiches Blatt hat. Onesicritus erzählt, in Hyreanien fanden; 
sieh weit süssere und fruchtbarere Feigenbäume als bei 
uns, von denen einer 270 Modius trüge. Zu uns sind sie 
von andern Ländern, z. B. von Chalcis und Chios ge- 
kommen. Es giebt mehrere Arten; so hat man lydische, 
welche purpurfarben sind, und warzenförmige, welche ihnen 
gleichen; ferner schöngeformte i) , welche etwas besser 
schmecken, aber unter allen Feigen die kältesten sind. 
Von den afrikanischen, welche Viele den übrigen vorziehen, 
ist die Frage noch unentschieden, und da diese Art erst 
neuerdings nach Afrika gekommen ist, so behält sie den 
Namen des Vaterlandes bei. Die alexandrinische gehört 
unter die schwarzen, hat einen weisslichen Streifen und 
führt den Beinamen der köstlichen. Auch die rhodische 
ist schwarz und die tiburtinische gehört zu den frühzeitigen. 
Einige führen auch die Namen von Schriftstellern, wie die 
livische und pompejische; letztere eignet sich nebst den 
Mariscen, und denen, welche ein Fleck vom Blatte des 
Schilfes färbt, zum Trocknen an der Sonne für den jähr- 
lichen Gebrauch am besten. Es giebt auch eine hercu- 
lauische, wachsartig weisse und weisse aratische, welche 
den kleinsten Stiel hat, aber am grössten ist. Zuerst ent- 
wickelt sich die purpurfarbige, mit dem längsten Stiele.. 
Sie begleitet eine von den kleinsten und schlechtesten, die 
gemeine genannt. Am spätesten hingegen im Winter reift 
die Schwalbenfeige. Ausserdem sind oft ein und dieselben 
spät und frühtragend, doppeltragend, weiss und schwarz, 
welche zugleich mit dem Getreide und den Trauben reif 
werden. Die Spätlinge werden auch nach ihrer harten 
Haut benannt. Von den chalcidischen tragen einige drei- 
mal. Zu Tarent wachsen nur ganz süsse, welche Onä 
heissen. 

Cato giebt für die Feigen folgende Regeln: Die Maris- 
cen säe an einen kreidigen oder freien Ort; an einen 
fettern und gedüngten aber die afrikanischen, herculanischen^ 



") Kalistruthiae. 



Fünfzehntes Buch. 149 

saguntinischen, die Winterfeigen und die schwarzen tela- 
nischen mit langem Stiele. Später sind so viele Namen 
und Arten aufgekommen, dass, wenn man nur diess allein 
erwägt, es schon einleuchtet, dass die Lebensweise sich ge- 
ändert habe. Es giebt auch in einigen Ländern, wie in 
Mösien, Winterfeigen, allein sie sind es nicht von Natur, 
sondern durch Kunst. Man bedeckt nach dem Herbste 
eine Art kleine Bäume und die im Winter hervorkömmende 
unreife Frucht mit Mist, gräbt beide bei milderem Wetter 
wieder auf und bringt sie ans Licht, wo sie dann die 
Sonnenstrahlen, welche ihnen neu und von anderer Art 
sind als die, bei denen sie früher lebten, begierig und 
gleichsam neu geboren anziehen und mit der Ankunft der 
Blüthe reif werden, also in dem ihnen nicht eignen Jahre, 
auch in der kältesten Gegend zeitig erscheinen. 

20. 
Aber die schon damals von Cato genannte afrikanische 
Feige erinnert mich au Afrika, weil er sich dieser Frucht 
zu einem Beweise bediente, der wichtige Folgen nach sich 
zog. Denn er, der einen tödtlichen Hass gegen Carthago 
hegte, und, für das Wohl der Enkel besorgt, in jeder Se- 
natsversammlung rief, Carthago müsse zerstört werden, 
brachte eines Tages eine frühzeitige Feige aus jenem 
Lande in den Rath, zeigte sie der Versammlung und 
sprach: Ich frage Euch, wann glaubt Ihr, dass diese Frucht 
vom Baume gepflückt sei? Da nun Alle darin überein- 
kamen, dass sie noch frisch sei, fuhr er fort; So wisset 
denn, dass sie vor 3 Tagen zu Carthago gepflückt ist; so 
nahe bei unsern Mauern haben wir den Feind. Gleich 
darauf unternahm mau den dritten punischen Krieg, in 
welchem Carthago zerstört wurde, was aber Cato nicht 
mehr erlebte, denn er starb im folgenden Jahre. Was 
sollen wir hiebei zuerst bewundern? seinen tiefen Scharf- 
sinn oder die zufällige Gelegenheit, die schnelle Fahrt oder 
den Eifer dieses Mannes? Vor allem aber halte ich das 
für das Wunderbarste, dass jene grosse Stadt, welche in 
der Weltherrschaft 120 Jahre lang die Nebenbuhlereien 



150 Fünfzehntes- Buchi 

Rom's war, durch den Beweis eines Stück Obstes zerstört 
worden ist, was weder Trebia, noch der trasymenische See 
noch Cannä, welche Orte i) durch die Gräber der Römer 
berühmt geworden sind, nicht haben vollbringen können; 
auch nicht das verschanzte punische Lager 3 Meilen von 
Eom, nicht Hannibal selbst, der bis ans collinische Thor 
ritt. So viel näher hat Cato durch jenes Obst Carthago 
gebracht. 

Mau unterhält einen Feigenbaum, der auf dem Markt- 
und Versammlungsplatze zu Rom selbst hervorgewachsen 
ist, und durch die darin verborgenen Blitze (?), noch mehr 
aber zum Andenken an die Amme des Romulus und Remus 
heilig gehalten und Ruminalis genannt wird, denn unter 
demselben fand man die Wölfin,^ welche den Kindern das 
Euter 2) (so nannte man die Zitzen) gab. Daneben hat 
der Augur Attus Navius diese wunderbare Begebenheit in 
Erz so dargestellt, als wenn sie von selbst auf den Platz 
gekommen wäre. Er vergeht immer in Folge einer 
Weissagung, wird aber von den Priestern jedesmal wiederum 
sorgfältig gepflanzt. Ehemals stand auch einer vor dem- 
Tempel des Saturn, kam aber im 260. Jahre der Stadt, 
als die Vestalinnen eine Feier hatten, weg, wobei er das 
Standbild des Silvanus umriss. Ein anderer, von selbst 
aus der Erde gewachsen, steht mitten auf dem Forum, dav 
wo Curtius die durch ein unglückliches Wunderzeichen - 
sinkenden Grundvesten des Reiches durch die grössten 
Güter des Lebens d. i. durch Tapferkeit und Vaterlandsliebe 
und durch den Tod wieder hergestellt hatte. Ebenso be- 
finden sich an demselben Orte zufällig ein Weinstock und. 
ein Oelbaum, welche beide des Schattens wegen vom Volke 
gepflanzt sind. Der Altar ist wegen des vom göttlichen 
Julius gegebenen Fechterspiels, welches jüngst auf dem 
Forum gehalten wurde, von da weggenommen. 



•) An diesen 3 Orten wurden die Römer geschlagen. 
*) rumen. 



Fünfzehntes Buch. 151 

21. 

Zu bewundern ist das schnelle Wachsen dieser Frucht, 
welche einzig unter allen durch die Kunst eher zur Reife 
gelangt. Eine wilde Feigenart, welche Caprificus ge- 
nannt wird, trägt nie reife Früchte, giebt aber andern, was 
sie selbst nicht bat, denn der Uebergang der Wirkungen 
liegt in der Natur, und aus faulenden Stoffen wird 
wiederum etwas anderes hervorgebracht. Jener wilde 
Feigenbaum erzeugt nämlich Mücken ^) ; wenn diese in 
ihrer Mutter ^), welche in Fäulniss übergegangen ist, keine 
Nahrung mehr finden, so fliegen sie zu der verwandten Art 
hin, öffnen durch häufiges Anbeissen, d. h. durch begieriges 
Fressen davon ihre Flächen, dringen dann hinein und 
lassen auf diese Weise die Sonnenstrahlen, und die reifende 
Luft in das Innere. Sie verzehren dann den milchichten 
Saft ,d. h. die Kindheit der Frucht, der auch von selbst 
ausfliesst. Man setzt daher den Caprificus dahin, wo der 
Wind nach den Feigengärteu zieht, damit derselbe die aus- 
fliegenden Insekten auf die Feigenbäume bringe. Noch 
ein anderes Mittel hat man ausfindig gemacht; man legt 
nemlich jene, wenn man sie anderswo her bringt, zusammen- 
gebunden auf den zahmen Baum. Doch ist diess auf einem 
magern und gegen Norden gelegenen Boden nicht nöthig, 
weil sie dort von selbst trocken werden, und die entstehen- 
den Risse dieselbe Wirkung, wie durch die Thiere hervor- 
bringen; auch da nicht, wo viel Staub ist z. B. neben einer 
fahrbaren Strasse, denn der Staub hat ebenfalls die Kraft 
auszutrocknen und den Milchsaft zu absorbiren. Diess Ver- 
fahren durch Caprification sowie durch Staub hat noch den 
Vortheil, dass die Früchte nicht abfallen, wenn ihr zarter, 
unbeständiger und schwerer Saft verzehrt ist. 

Die Feigen fühlen sich alle weich an; im reifen Zu- 
stande haben sie Körner 3) in sich; während des Reifens 



') Culices. Das Insect heisst: Cynips Psenes L. 
=*) Nämlich der Frucht des Capiificus. 
3) frumenta. 



152 Fünfzehntes Buch. 

ist ihr Saft milchartig, wenn sie aber reif sind, honigartig. 
Sie werden auf den Bäumen alt, und schwitzen eine gummi- 
artige Feuchtigkeit in Thränen aus. Von den trocknen be- 
wahrt man die guten der Ehre wegen in Kästen auf; die 
besten und grössten kommen von der Insel Ebusus, und 
auf sie folgen die von den Marrucinen. Wo sie aber in 
Menge vorkommen, füllt man Tonneu damit an wie in 
Asien, oder Töpfe wie in der Stadt Ruspina in Afrika. 
Trocken vertreten sie zugleich die Stelle des Brotes und. 
des Zubrotes, denn Cato sagt, da wo er den Arbeitsleuten 
auf dem Felde ihre Kost gleichsam gesetzlich bestimmt, 
man solle sie zur Zeit der Feigenreife vermindern. Man 
hat neulich erfunden, gesalzene Speisen mit frischen Feigen 
statt Käse zu essen. Zu dieser Obstart gehören , wie wir 
bereits gesagt haben, die Cottaneu und Caricä, und die ver- 
hängnissvollen 1), welche dem M. Crassus, als er wider die 
Parther zu Schiffe ging, ein böses Omen wurden, denn es 
rief sie gerade Jemand zum Verkaufe aus. Alle diese 
Sorten hat L. Vitellius, welcher später Censor war, in der 
letzten Lebenszeit des Kaisers Tiberius, aus Syrien, wo er 
die Statthalterschaft bekleidete, in das albanische Gebiet 
gebracht. 

22. 
Den Aepfeln und Birnen werden mit Recht auch die 
Mispeln 2) und Speierlinge 3) beigezählt. Von der Mis- 
pel giebt es 3 Arten: Anthedon^), die setanische und die 
gallische "■), welche ausartet, jedoch der erstem ähnlich 
sieht. Die setanische trägt einen grössern und weissem 
Apfel mit weichern Kernen; die übrigen haben eine klei- 
nerne, aber besser riechende und haltbarere Frucht. Der 
Baum selbst gehört unter diejenigen, welche den grössten 

') caunaeae, von xavvoq Loos. 

2) Mespila. Mespilus germanica L. 

3) Sorba. Sorbus domestica L. 

■*) Anthedon. Crataegns tanacetifolia Pers. 

^) Mespilus Chamaemespilus L. (?). Die setanische ist M. ger- 
manica. 



Fünfzehntes Buch. I53 

Umfang einnehmen. Die Blätter werden, bevor sie abfallen, 
rotii; die Wurzeln sind in zahlreicher Menge vorhanden 
und gehen so tief, dass man sie nicht ausrotten kann. Zu 
den Zeiten Cato's war dieser Baum in Italien noch nicht. 

23. 
Von den Speierlingen hat man 4 verschiedene Arten ; 
einige sind nämlich rund wie ein Apfel, andere kreisei- 
förmig wie die Birne, einige eirund i) wie manche Aepfel. 
Letztere werden leicht sauer. Im Geruch und Geschmack 
sind die runden am besten; die übrigen haben einen Wein- 
geschmack. Am edelsten sind diejenigen, deren Stiele mit 
zarten Blättern umgeben sind. Die vierte Art heisst die 
Grimmbeere 2); sie dient wahrscheinlich nur zu Arzneien, 
trägt beständig, hat die kleinste Frucht und sieht den an- 
dern nicht ähnlich, denn ihr Blatt gleicht dem der Platane. 
Keine von diesen Arten trägt vor dem dritten Jahre. Cato 
sagt, die Speierlingsäpfel würden auch im gesottenen Wein 
eingemacht. 

24. 
Auf diese folgen nun zunächst ihrer Grösse wegen die 
welschen Nüsse ^), stehen ihnen aber an Werth nach, 
obgleich sie bei den muthwilligen Hochzeitsgesängen ^) eine 
Rolle spielen. Sie sind weit kleiner als die ganze Pinien- 
frucht, jedoch übertrifft ihr Kern den der letztern. Auch 
hat ihnen die Natur den besondern Vorzug verliehen, eine 
doppelte Schale zu besitzen, nemlich eine äussere weiche, 
und eine innere holzige. Aus diesem Grunde haben sie 
eine heilige Bedeutung bei Hochzeiten bekommen, weil die 
Frucht im Mutterleibe ebenso vielfach geschützt wird, und 



>) Hier scheint Crataegus Oxyacantha L. gemeint zu sein, wäh- 
rend die kugeh-unden und kreiseiförmigen zu Sorbus domestica ge- 
hören. 

-} Torminalis. Crataegus torminalis L. Der Elzbeerbaum. 

3) Nuces juglandes. luglans regia L. 

*) Nuptiales Fascennini, so genannt von Fescenna, einer Stadt 
in Etrurien, welche wegen ihrer muthwilligen, schäckerhaften, auch 
theils unzüchtigen Gedichte und Lieder bekannt war. 



154 Fünfzehntes Buch. 

diess ist wahrscheinlicher, als, weil sie beim Fallen springen 
und Geräusch machen. Dass sie ebenfalls von den Königen 
aus Persien zu uns gebracht sind, beweisen die griechischen 
Namen, denn die beste Art heisst die persische und könig- 
liche, und hierait bezeichnete man sie am frühesten. All- 
gemein nimmt man an, dass sie wegen der Beschwerde, 
welche ihr starker Geruch dem Kopfe verursacht, Caryon 
genannt worden ist. Mit ihrer Schale färbt man Wolle, 
und mit den eben hervorkommenden Nüsschen macht man 
das Haar braun, ein Verfahren, auf welches man durch 
das Braunwerden der Hände, worin man die Früchte hält, 
kam. Durchs Alter werden sie fetter. 

Der ganze Unterschied der Arten besteht in der harten 
oder zerbrechlichen, dünnen oder dicken, mehrfächrigen 
oder einfachen Schale. Es ist die einzige Frucht, welche 
die Natur mit aufeinander passenden Deckeln verschlossen 
hat, denn die Schale theilt sich in 2 nachenartige Hälften, 
der Kern ist vierfach getheilt und von hölzernen Häuten 
durchzogen. Bei den übrigen Nüssen ist die Schale durch- 
aus fest, und der Kern ein Ganzes, wie z. B. bei den 
Haselnüssen!) und derjenigen Art, welche früher nach 
ihrem Vaterlande abellinische genannt wurden. Andere 
sind aus Pontus nach Asien und Griechenland gekommen 
und deshalb pontische Nüsse genannt worden. Diese um- 
giebt noch ein weicher Bart, allein Schale und Kern bilden 
jeder ein rundes Ganze. Sie werden auch geröstet. Ihr 
Nabel ist mitten am Bauche. Eine dritte Art sind die 
Mandeln 2), deren äusserste Bedeckung derjenigen der 
Nussschale gleich, aber dünner ist. Auch ihre zweite 
Schale gleicht derjenigen bei der Nuss. Der Kern ist ihr 
wegen seiner Breite unähnlich und hat eine bittere Haut. 
Ob dieser Baum zu Cato's Zeiten schon in Italien gewesen 
sei, ist ungewiss, denn er nennt seine Früchte griechische 
Nüsse, mit welchem Namen Einige auch die welschen 



•) Avellanae. Corylus Avellana L. 
*) Amj^gdali. Amygdalus communis L. 



Fünfzehntes Buch» 155> 

Nüsse noch belegen. Er führt ausserdem noch die Hasel- 
nüsse, die Galbae und pränestinischen an,, welche letztere 
er am meisten lobt und von denen er anführt, man thue 
sie noch grün in Töpfe und vergrabe diese in die Erde.. 
Jetzt rühmt man die thasischen, albensischen und 2 Arten 
der tarentinischen mit zerbrechlicher und harter Schale, 
welche zugleich die grössten und am wenigsten runden 
sind. Es giebt ferner dünnschalige, deren Schale berstet. 
Einige erweisen ihnen grosse Ehre, indem sie sie ^) Jupiters- 
Eichel nennen. Kürzlich sagte mir ein Consular, er habe 
auch welsche Nussbäume, die zweimal im Jahre trügen. 
Von den Pistacien und den Nussarten selbst ist schon die 
Rede gewesen 2); diese brachte zu derselben Zeit eben jener 
Vitellius 3) nach Italien, und der römische Ritter Fla'ccus 
Pompejus, welcher mit ihm diente, nach Spanien. 

25. 
Auch die Kastanien*) nennen wir Nüsse, obgleich: 
sie eher zu den Eicheln gehören. Sie sind von einer stach- 
lichen Hülle umgeben, während die Eicheln nur zum Theil' 
umhüllt werden. Man muss sich wundern, dass die Natur 
die gemeinste Frucht so sorgfältig verwahrt hat. Eine 
Hülle enthält zuweilen 3 Kerne, deren jede eine zähe Rinde 
umgiebt. Aber die dem Kerne nächste Haut verdirbt bei 
diesem wie bei den Nüssen den Geschmack, wenn sie 
nicht abgezogen wird. Es ist besser, sie zum Speisen zu 
rösten; auch werden sie gemahlen, und beim Fasten der 
Frauen vertreten sie die Stelle des Brotes. Die ersten 
kamen aus Sardes; sie heissen daher bei den Griechen, 
sardianische Eicheln und den durch Cultur verbesserten 
gaben sie später den Namen Jupiters-Eichel. Jetzt giebt 



') Die welschen Nüsse. 

2) Im XIII. B. 10. Cap. 

^) Plinius meint wahrscheinlich den kurz vorher genannten Con- 
sular. Lucius Vitellius war 34 n. Chr. Consul, dann Proconsul ia 
Syrien. 

-*) Castaneae. Castanea vesca. Gaertn. 



156 Fünfzehntes Buch. 

es mehrere Arten davon. Die tarentinisehen sind leicht, 
gut zu verdauen und flach von Gestalt. Die sogenannte 
Balanitis ist runder, springt von selbst heraus und lässt 
sich am leichtesten reinigen. Unter ihnen ist die salaria- 
nische auch rein und flach, die tarentinische nicht so gut; 
besser ist die corellianische und die von ihr auf die beim 
Propfen angezeigte Weise abstammende eterejanische mit 
röthlicher Schale, welche den dreieckigen und gemeinen 
schwarzen, die Kochkastanien heissen, vorgezogen werden. 
Das Vaterland der besten ist Tarent und Neapel in Cam- 
panien. Die übrigen, welche auch zwischen den Kernen 
Rinde haben, dienen zum Füttern der Schweine. 

26. 

Das süsse Johannisbrot i) möchte hievon nicht sehr 
verschieden sein, nur isst man bei diesem die Schale selbst 
mit. Es hat die Länge eines menschlichen Fingers, ist 
zuweilen sichelförmig gekrümmt, und einen Daumen breit. 
Die Eicheln kann man nicht unter das Obst rechnen, wir 
wollen deshalb besonders von ihnen reden. 

27. 

Die übrigen Obstarten sind fleischig, und unter- 
scheiden sich durch ihre Beeren und ihr Fleisch. Anders 
ist das Fleisch bei Traubenbeeren 2), Maulbeeren, Meer- 
kirschen 3); anders bei erstem zwischen der Haut und dem 
Safte, anders bei den Sebesten und den den Oliven ähn- 
lichen Früchten. Die Maulbeeren 4) haben einen weinigen 
Saft in ihrem Fleische, und eine dreifache Farbe, zuerst 
die weisse, dann die rothe und, wenn sie reif sind, die 
schwarze. Sie blühen am spätesten und werden am frühe- 
sten reif. Der Saft der reifen färbt die Hände, der der 
unreifen macht sie wieder rein. Der Erfindungsgeist hat 
bei diesem Baume am wenigsten geleistet, weder, was 
Namen, noch Propfen, noch etwas Anderes anbelangt; bloss 



*) Praedulces siliquae. Ceratoaia Siliqua L. 

2) acini. ^) unedones. 

*) Mori. Morus alba L. nigra L. 



Fünfzehntes Buch. 15T' 

die Grösse der Früchte hat mau vermehrt. In Rom unter- 
scheidet man die ostiensischen und tusculanischen. Es 
wachsen auch deren auf den Brombeersträuchen i), sind 
aber durch die Haut unterschieden. 

28. 
Von anderer Beschaffenheit sind die Erdbeeren ^), 
sowie die ihnen verwandten Meerkirschen 3), welche 
das einzige Obst sind, das einer Erdfrucht^) gleicht. Der 
Baum selbst ist strauchig. Die Frucht wird in einem Jahre 
reif; während die eine blühet, reift die andere. Ob der 
männliche oder weibliche Stamm unfruchtbar sei, darüber 
sprechen sich die Schriftsteller nicht bestimmt aus. Diese 
Frucht wird nicht geachtet, denn sie hat ihren Namen 
(unedo) davon bekommen, dass man nur eine davon essen 
solle. Jedoch geben ihnen die Griechen 2 Namen, Cornaron 
und Memecylon, woraus hervorgeht, dass es auch 2 Arten 
davon giebt. Der andere bei uns gebräuchliche Name ist 
Arbutus. Nach Juba soll es in Arabien 50 Ellen hohe 

geben. 

29. 

Es giebt auch sehr verschiedene Traubenbeeren ^).. 
Zuerst unter den Weinbeeren selbst hinsichtlich der Zart- 
heit und Dicke der Haut, des Innern Holzkerns, der bei 
einigen klein, bei andern selbst doppelt ist, und diese 
letztern geben sehr wenig Most. Am meisten unterschieden 
sind die Epheu- und Hollunderbeerenj der Gestalt nach 
auch die Granatbeeren, welche allein eckig sind. Eine 
jede hat auch nur eine Haut, die weiss ist. Sie bestehen, 
namentlich diejenigen, welche nur einen kleinen Kern haben, 
ganz aus Saft und Fleisch. 

Auch bei den einzelnen Beeren^) findet grosse Ver- 



*) Rubi. Rubus fruticosus L. 

2) Fraga teiTestria. Fragaria vesca L. 

3) Unedones. Arbutus Unedo L. 

■*) D. h. der Frucht einer kleinen krautartigen Pflanze. 
*) acini. 
*) baccae. 



'9.58 Fünfzehntes Buch. 

sehiedenheit statt. Andere hat der Oelbaum, der Lorbeer, 
der Lotus, der Kornelkirsclienbaum, die Myrte, der Lentis- 
-iius. Die der Stechpalme und des Dornbaums sind saftlos'; 
die Kirschen aber stehen mitten zwischen den Trauben 
und einzelnen Beeren. Die genannten Bäume haben zuerst 
eine weisse Frucht und fast alle einzelne Beeren; bei ei- 
nigen wird sie bald darauf grün, wie bei den Oliven und 
Lorbeeren, bei andern aber roth, wie bei den Maulbeeren, 
Kirschen und Kornelkirschen, hierauf bei den Maulbeeren, 
Kirschen und Oliven schwarz. 

30. 
Die Kirscheubäume ^) waren vor dem Siege des 
L. Lucullus über Mithridates noch nicht in Italien. Lucullus 
brachte sie im 680. Jahre der Stadt zuerst aus Pontus mit, 
und 120 Jahre später kamen sie über den Ocean bis nach 
Britannien. In Aegypten hat man sie, wie schon erwähnt, 
nicht acclimatisiren können. Die apronianischen Kirschen 
sind am röthesten, die lutatischen am schwärzesten, die 
cäcilianischeu aber zugleich rund. Die junianischen schmecken 
angenehm, aber fast nur unter ihrem Baume, denn sie lei- 
den, ihrer Zartheit wegen, durch den Transport. Den ersten 
Rang behaupten die harthäutigen, welche mau in Cam- 
panien die plinianischen, in Belgien die lusitanischen nennt. 
An den Ufern des Eheins giebt es auch welche von einer 
dritten Farbe, nemlich aus schwarz, roth und grün gemischt, 
gleichsam als ob sie stets reiften. Es sind noch keine 
5 Jahre her, dass die sogenannten Lorbeerkirscheu, welche 
auf Lorbeerbäume gepropft werden, und angenehm bitter 
schmecken, aufgekommen. Es giebt auch macedonische '^), 
von einem kleineu, selten über 3 Ellen hohen Baume, und 
die Zwergkirschen ^) von einem noch kleinern Strauche. 
Dieses Obst gehört vorzüglich unter diejenigen, welche dem 
Landmann jährlich eine reichliche Erndte bringen. Es liebt 



*i Ceiasi. Prunus Cerasus L. und Prunus avium L. 

-) Prunus Mahaleb L. 

•*j ChamaecerasT. Prunu.s prostrata Bill. 



Fünfzehntes Buch. 159 

die Nordseite und kalte Lage, wird auch an der Sonne 
getrocknet, und, gleich wie die Oliven, in Töpfe einge- 
macht. 

31. 

Dieselbe Sorgfalt verwendet man auf die Kornel- 
kirsche 1) und den Mastixbaum 2), damit es den Anschein 
habe, dass alles für den menschlichen Leib geschaffen sei. 
Man mischt verschieden schmeckende Dinge zusammen, und 
das eine muss das andere verbessern. Aber selbst Länder 
und verschiedene Himmelsstriche werden vermischt. Zu 
einer Art Speise wird Indien, zu einer andern Aegypten, 
Greta, Cyrene und andere Länder in Anspruch genommen. 
Der Mensch greift selbst zu Giften, um nur alles zu ver- 
schlingen. Diess wird sich bei Beschreibung der Kräuter 
iioch deutlicher herausstellen. 

32. 

Inzwischen findet man 13 Arten des Geschmackes, 
welche dem Obste und allen Säften zukommen: den 
süssen, angenehmen, fetten, bittern, herben, scharfen, stechen- 
den, strengen, sauren, salzigen. Die übrigen 3 sind von 
wunderbarer Beschaffenheit. Einer, in welchen mau mehreres 
zugleich zu schmecken glaubt, wie z. B. beim Weine; denn 
in ihm findet mau den herben, stechenden, süssen und au- 
genehmen — lauter einander fremdartige — vereinigt. Der 
zweite ist derjenige, in welchem sich zwar auch ein fremd- 
artiger, aber auch ein eigener und besonderer Geschmack 
befindet, wie z. B. in der Milch, denn sie enthält etwas, 
was streng genommen weder süss, noch fett, noch auge- 
nehm genannt werden kann, und das Milde, was dem Ge- 
schmacke folgt und seine Stelle vertritt, waltet vor. Keine 
von diesen Arten besitzt das Wasser, nicht einmal einen 
saftigen, jedoch schmeckt es nach etwas, und bildet daher 
eine eigeue Art. Es ist sogar ein Fehler, wenn das Wasser 
irgend einen Geschmack besitzt. Bei allen diesen Ge- 



') Com US uiascula L. -) Lentiscu?. Pistaria Lentiscus L. 



160 Fünfzehntes Buch. 

schmäcken spielt der Geruch eine bedeutende Rolle, und 
beide stehen in genauer Verwandtschaft zu einander. Das 
"Wasser hat auch keinen Geruch, und taucht nicht, wenn 
es riecht. Merkwürdigerweise sind die 3 vornehmsten Ele- 
mente der Natur, Wasser, Luft und Feuer, geschmack- upd 
geruchlos. 

33. 
Einen weinigen Saft haben die Birnen, Maulbeeren und 
Myrten; die Weintrauben (was zu bewundern ist) am we- 
nigsten. Fett ist er bei den Oliven, Lorbeeren, welschen 
Nüssen, Mandeln; süss bei den Weinbeeren, Feigen, Datteln; 
wässrig bei den Pflaumen. Auch in ihrer Farbe sind die 
Säfte verschieden. Blutroth ist er bei den Maulbeeren, 
Kirschen, Kornelkirschen, schwarzen Weinbeeren; weiss 
aber bei den weissen Weinbeeren. Im obern Theile der 
Feige ist er milchig, nicht aber in der Mitte; schaumähn- 
lich bei den Aepfeln, ungefärbt bei den Pfirsichen, unter 
denen die harthäutigen sehr saftreich sind; aber Wer wird 
diesen nach irgend einer Farbe benennen können? Auch 
hinsichtlich des Geruchs findet sich manches Merkwürdige. 
Die Aepfel haben einen stechenden, die Pfirsiche einen 
schwachen, die süssen Früchte gar keinen Geruch; auch 
der süsse Wein ist geruchlos, der dünne dagegen riecht 
schon weit mehr, und dringt schneller in die Nase als die 
fetten Sorten. Früchte, welche stark riechen, empfehlen 
sich nicht durch den Geschmack, denn Geruch und Ge- 
schmack sind nicht ein und dasselbe. Daher haben die 
Citronen, welche sehr durchdringend riechen, einen äusserst 
rauhen Geschmack; die Quitten gewissermaassen auch. 
Die Feigen riechen gar nicht. 

34. 
Soweit von den Arten des Obstes; wir wollen nun 
noch ihre verschiedene Beschaffenheit etwas kürzer 
zusammen fassen. Einige, die an sich süss sind, aber 
einen bittern Samen einschliessen, wachsen in Schoten; 
während in den meisten Früchten die Samen verwendet 
werden, verwirft man die in den Schoten befindlichen. 



Fünfzehn tes Bück 161 

-Andere biMen Beeren, bei den«n inwendig ein Holzkern, 
aussen das Fleisch ist, wie bei den Oliven und Kirschen; 
bei einigen ist innen der weiche, aussen der harte Theil, 
z, B. diejenigen, welche, wie wir gesagt haben, in Aegypten 
wachsen. Wie die Beeren, so sind auch die Aepfel be- 
schaffen. Bei einigen ist inwendig das Fleisch, auswendig der 
Holzkern, z.B. den Nüssen; bei andern aussen das Fleisch, innen 
das Holz, wie bei den Pfirsichen und Pflaumen; hier ist das 
Unnütze von der Frucht umgeben, während sonst das Un- 
' nütze die Frucht umgiebt. Die Nüsse sind in eine harte 
Schale, die Kastanien in eine lederartige Hülle einge- 
schlossen; diese zieht man sich vorher ab, aber bei den 
Mispeln wird sie mitgegessen. Die Eicheln umgiebt eine 
Kruste, die Weinbeeren eine Haut, die Granatäpfel eine 
lederartige Hülle und dünne Haut. Die Maulbeeren be- 
stehen aus Fleisch und Saft, die Kirschen aus Haut und 
Saft. Einige sondern sich gleich vom Kerne, wie die Nüsse 
und Datteln; andere sitzen fest daran, wie die Oliven und 
Lorbeeren. Bei einigen, z. B. den Pfirsichen, trifft man 
beides, denn die harthäutige sitzt fest, und lässt sich nicht 
von dem Steine ablösen, die übrigen aber trennen sich 
leicht davon. Einige haben weder innen noch aussen Holz, 
wie z. B. manche Palmfrüchte. Bei andern wird der Kern 
selbst als Obst benutzt, z. B. bei derjenigen Art Mandeln, 
welche, wie oben gesagt, in Aegypten wächst. Bei einigen, 
z. B. den Kastanien, Mandeln und welschen Nüssen, findet 
man 2 äussere, nutzlose Decken. Einige bestehen aus 
3 Theilen, dem Fleische, dem darauf folgenden Steine und 
dem in diesem befindlichen Samen, z. B. die Pfirsiche. 
Einige sitzen zahlreich beisammen, wie die Weinbeeren und 
Speierlinge, welche die Aeste umgeben, und überall in 
Trauben herabhängen. Andere wachsen einzeln, wie die 
Pfirsiche. Einige befinden sich in einer Hülle, wie die Gra- 
naten; andere hängen an Stielen, wie die Birnen; andere 
an Kämmen, wie die Weinbeeren und Palmfrüchte ; andere 
an Stielen und Kämmen, wie die Epheu- und Hollunder- 
beeren; andere an Zweigen, wie die Lorbeeren; andere 

Wittstein: Plinius. III. Bd. H 



162 Fünfzehntes Buch. 

auf beiderlei Art, wie die Oliven, denn sie haben kurze- 
und lange Stiele. Einige enthalten Samenkapseln wie die 
Granaten, Mispeln und der Lotus in Aegypten und am 
Euphrat. 

Die Güte der Früchte ist sehr verschieden und auf 
eben so mannigfaltige Weise empfehlen sie sich. An den 
Datteln liebt man das Fleisch, an den thebaischen die 
Schale, an den Weinbeeren und Caryoten i) den Saft, an 
den Birnen und Aepfeln die harte Haut, an den Honig- 
äpfeln das Fleisch, an den Maulbeeren das Knorpelige, an 
den Nüssen den Kern, an einigen Früchten Aegyptens, z. B. 
den Feigen, die Haut. Letztere zieht man, wie eine Schale, 
den grünen Feigen ab, und an den trocknen schätzt man 
sie am meisten. An der Papierpflanze, der Ferula und 
dem weissen Dornstrauche ist der Stengel selbst das Obst.. 
Es giebt auch feigenartige Stengel. Unter den Sträuchern 
ist es die Kapper, bei welche der Stiel die Frucht be- 
gleitet; was wird aber an den Schoten anderes, als Holz, 
gegessen? Hiebei dürfen wir die Beschaffenheit ihrer Samen 
nicht zu erwähnen vergessen, denn man kann sie weder 
Fleisch, noch Holz, noch Knorpel nennen, noch einen an- 
dern Namen für sie ausfindig machen. 

35. 

Besondere Bewunderung verdient der Saft in der 
Myrte 2), denn er ist der einzige, woraus 2 Sorten Oel und 
Wein bereitet werden; auch geht er in das schon erwähnte 
Myrtidanum^) ein. Der Beeren bedienten sich die Alten, 
ehe der Pfeffer bekannt wurde, an dessen Statt, und daher 
schreibt sich der Name eines köstlichen Zugemüses, welches 
noch jetzt das myrtenhaltige genannt wird. Ferner beruht 
hierauf der gepriesene Wohlgeschmack des wilden Schweine- 
fleisches, denn zu der Sauce setzte man meistentheils Myrte. 

36. 

Der Myrtenbaum soll in dem diesseitigen Theile 
Europa's, welcher von den ceraunischen Bergen anfängt,. 

') Eine Art grosser Datteln, wie Nüsse aussehend. 
2) Myrtus communis L. 3) XIV. B. 19. Cap. 



Fünfzehntes Buch. 163 

zuerst zu Civceji auf dem Grabe Elpenor's i) gesehen 
worden sein; er hat seinen griechischen Namen behalten, 
ein Beweis, dass er ein Fremdling ist. Wo jetzt Rom steht, 
war er schon, als die Stadt gebauet wurde; man berichtet 
nemlich, die Römer und Sabiner wären, als sie wegen der 
geraubten Jungfrauen hätten streiten wollen, nach Ablegung 
der Waffen an demselben Orte, wo jetzt die Bildnisse der 
cluacinischen Venus stehen, durch einen geheiligten Myrten- 
zweig gereinigt; cluere nannten aber die Alten reinigen. 
An diesem Baume befindet sich auch eine Art Rauchwerk. 
Man wählte denselben damals deshalb , weil Venus sowohl 
die Ehen als auch diesen Baum schützt. Ich weiss nicht, 
ob er nicht unter allen zuerst aus Anlass einer Weissagung 
und merkwürdigen Vorbedeutung an öffentliche Orte Rom's 
gepflanzt ist. Unter die ältesten Tempel gehört nemlich 
der des Quirinus, d. i. des Romulus; vor demselben standen 
lange Zeit hindurch 2 heilige Myrten, von denen die eine 
die patricische, die andere die plebejische genannt wurde. 
Viele Jahre hindurch, so lange der Senat im Flore stand, 
hatte die patricische den Vorzug, denn sie wuchs üppig 
und lebhaft heran, während die plebejische dürr und unan- 
sehnlich war. Als diese sich aber im marsischen Kriege 
wieder erholte, wurde die andere gelb, und auch die Sena- 
toren verloren am Ansehen; kurz nachher welkte der statt- 
liche Baum und ward dürre. Es gab auch einen alten 
Altar, welcher der Venus Myrtea, welche jetzt Murcia 

heisst, geweihet war. 

37. 
Gate nennt 3 Arten der Myrte, die schwarze, weisse 
und die eonjugulische (vielleicht so genannt von den Heit 
rathen'-), welche zu jener clucianischen gehört. Jetzt theil- 
man sie auch noch anders ein, nemlich in zahme und 
wilde, und bei beiden unterscheidet man wieder die breit- 
blättrigen. Unter die wilden gehört besonders der Myrten- 



*) Gefährte des Ulysses, schlief betrunken auf dem Dache des 
Palastes der Circe, fiel herunter und starb. -) conjugia. 

11* 



164 Fünfzehntes Buch. 

dorn'). Die zabineu Arten verdanken ihr Entstehen den 
Kunstgärtnern, als die tarentinische mit kleinen Blättern; 
die unsrige mit breiten; die sechsreihige mit den dichte- 
sten, denn sie bilden 6 Reihen. Letztere wird nicht ge- 
braucht; die beiden andern sind ästig. Ich glaube die con- 
jugulische heisst jetzt die unsrige. Die Myrte riecht in 
Aegypteu am schönsten. Cato hat uns gelehrt, aus der 
schwarzen einen Wein zu bereiten; man solle sie uemlich 
im Schatten völlig austrocknen und dann in Most thun. 
Wenn die Beeren nicht zuvor getrocknet würden, erzeuge 
sich daraus Oel. Nachher hat man erfunden, aus der 
weissen einen weissen Wein zu machen, wenn man 2 Sex- 
tarius davon stösst, in 3 Hemina Wein einweicht und aus- 
presst. Die getrockneten Blätter gebraucht man zu Pulver 
gestossen als Heilmittel für Geschwüre am menschlichen 
Körper; diess Pulver ist etwas beissend und kühlt den 
Schweiss ab. Ja selbst das Oel hat merkwürdigerweise 
einen weinartigen Geschmack, und besitzt in hohem Grade 
die Eigenschaft, den Wein zu verbessern, wenn die Seihe- 
tücher vorher damit durchfeuchtet sind. Es enthält nem- 
lich Satz 2), lässt daher nur die reine Flüssigkeit hindurch- 
gehen, und verleihet letzterer, indem es sich damit ver- 
einigt, einen sehr angenehmen Geschmack. Dünne Zweige 
davon in der Hand gehalten leisten einem Fussgänger auf 
langem Wege gute Dienste. Ja, Ringe die aus seinen 
lleiseru geflochten sind, heilen, wenn kein Eisen daran ist, 
die Geschwulst der Schamtheile. 

38. 
Auch bei Kriegsangelegenheiten wird die Myrte ge- 
braucht. Als Postumius Tubertus (der erste welcher zu 
Pferde in Rom einzog ^), weil er den Krieg milde, ohne 



•) Oxymyi-sine. Ruscus aculeatus L. 

2) faeces. 

3) ovans. Eine ovatio, kleiner Triumph, war ein solcher, wo 
der Feldherr nach erhaltenem Siege nur zu Pferde oder zu Fuss 
seinen Einzug hielt, und einen MjTtenkranz auf dem Kopfe hatte. 



Fünfzehntes Buch. 165 

Blutvergiessen geführt hatte) währeud seines Consulats 
über die Sabiner Triumph hielt, war er mit einer Myrte 
der Venus Victrix bekränzt, und machte dadurch auch den 
Feinden diesen Baum wünschenswerth. Später diente er 
zum Kranze der kleineu Triumphatoreu, mit Ausnahme 
des M. Crassus, der nach dem Siege über die Flüchtlinge 
und den Spartacus mit einem Lorbeerkranze einzog. Ma- 
surius erzählt, auch die im Wagen Triumphirenden hätten 
Myrtenkränze getragen. Nach L. Piso's Berichte pflegte 
Papirius Maso, welcher zuerst auf dem albanischen Berge 
über die Corsen triumphirte, mit Myrte bekränzt die cir- 
censischen Spiele anzusehen. Diess war der Grossvater 
des zweiten Afrikanus mütterlicher Seite. Marcus Valerius 
trug in Folge eines Gelübdes 2, einen Lorbeer- und einen 
Myrtenkranz. 

39. 
Der Lorbeer 1) ist ganz besonders den Triumphen 
gewidmet, und bildet gewiss den schönsten Pförtner der 
Wohnungen der Kaiser und Hohepriester; er allein schmückt 
die Häuser, und bewacht die Schwellen. Cato führt 2 
Arten von ihm an, den delphischen und cyprischen. Pom- 
pejus Lenäus 2) fügt noch eine Art hinzu, die er Mustace 
nennt, weil er zu den Kuchen 3) gesetzt wird; dieser soll 
ein sehr grosses, schlaffes und weissliches Blatt haben, der 
delphische von ähnlicher Farbe, aber mehr grün sein und 
sehr grosse grünrothe Beeren tragen. Hiermit wurden die 
Sieger zu Delphi und die Triumphatoreu zu Rom gekrönt. 
Der cyprische soll kurze, schwarze, am Rande schuppige 
und krause Blätter haben. Später sind noch folgende 
Arten hinzu gekommen: Tinus*), worunter Einige den 
wilden Lorbeer, Andere eine eigne Art verstehen ; und der 
blaue Beeren hat. Ferner die königliche, welche man 
jetzt Augusta nennt, deren Stamm und Blatt am grössten 
unter allen sind, und deren Beeren auch keinen rauhen 



') Laurus. Laurus nobilis L. *) Ein nicht näher bekannter Autor. 
•') Mustacea. sc. liba. '*) Tinus occidentalis L. 



166 Fünfzehntes Buch. 

Geschmack besitzen. Einige meinen, diese beiden seien 
nicht eins, und sie machen den königlichen zu einer eige- 
nen Art mit längern und breitern Blättern, nennen ferner 
einen andern, der am gemeinsten ist und die meisten 
Beeren trägt, den Beerenlorbeer, den unfruchtbaren aber 
(was mich sehr wundert) den Siegeslorbeer, weil die 
Triumphatoren sich desselben bedienten; es sei denn, 
dass diess vom Kaiser Augustus an mit dem Lorbeer auf- 
gekommen sei, welcher, wie wir noch anführen werden, 
ihm vom Himmel gesandt wurde, und der unter allen die 
geringste Höhe, kleine krause Blätter hat, und selten ist. 
Hiezu kommt noch in den Kunstgärten der Taxlorbeer, aus 
dessen Blatte in der Mitte noch ein kleines, wie ein 
Läppchen heraus wächst. Ausserdem noch der verschnittene, 
welcher den Schatten ganz vorzüglich liebt, und im Schatten 
sich weithin ausbreitet. 

Es giebt auch noch einen wilden strauchigen Zwerg- 
lorbeer i); ferner den alexandrinischen 2), den Einige den 
idäischen, Andere Hipoglottion, Danae, Caryophyllon, Hy- 
pelate nennen. Er schickt spannenlange Aeste von der 
Wurzel aus, eignet sich für Kunstgärten und zu Kränzen, 
hat ein spitzeres, weicheres und weisseres Blatt als die 
Myrte, und zwischen den Blättern rothe Samen. Er wächst 
sehr häufig auf dem Ida und bei Heraclea in Pontus, je- 
doch immer nur auf Bergen. Auch diejenige Art, welche 
die lorbeerartige ^) heisst, hat mehrere Namen; denn Einige 
nennen sie die pelasgische, Andere das Schönblatt, Andere 
die Alexanderskrone. Dieser Strauch ist gleichfalls ästig, 
sein Blatt, welches dicker und weicher als beim echten 
Lorbeer ist, entzündet beim Kauen Mund und Kehle; die 
Beeren sind schwarzroth. Die Alten führen an, früher sei 
in Corsica keine Art Lorbeer gewesen, jetzt wird er dort 
gepflanzt und gedeihet auch. 



•) Chamaedaphne. Ruscus hypoglossum L. 

2) Ruscus h^'pophyllum L. 

^) Daphnoides. Daphne alpina L 



Fünfzehntes Buch. 167 

40. 
Der Lorbeerbaum ist ein Zeichen des Friedens, und 
bewirkt selbst, wenn man ihn unter bewaffneten Feinden 
vorzeigt, Ruhe, Bei den Kömern namentlich wird er als 
Freuden- und Siegesbote an die Briefe, sowie an die 
Lanzen und Öpiesse der Soldaten gesteckt. Auch ziert er 
die Gerichtsbündel der Kaiser. Von diesen wird er in 
den Schooss des grossen Jupiter niedergelegt, so oft ein 
neuer Sieg Freude verkündigt, Diess geschieht aber nicht, 
weil er beständig grünt oder der Friedensbote ist, denn in 
beiden Stücken musste ihm der Oelbaum vorgezogen 
werden, sondern weil er der ansehnlichste Baum auf dem 
Berge Parnassus ist. Aus demselben Grunde liebt ihn auch 
Appollo, dem nach L. Brutus i) Zeugniss, schon die römi- 
schen Könige Geschenke zu schicken und um Orakel an- 
zugehen pflegten. Vielleicht auch zum Beweise, dass dieser 
Mann, der nach dem göttlichen Ausspruche jenes lorbeer- 
tragende Land küsste, die öffentliche Freiheit verdient 
hätte; oder auch deshalb, weil dieser Baum mit der Hand 
gesäet und in ein Haus aufgenommen, der einzige ist, 
welcher vom Blitze nicht getroffen wird. Ich wenigstens 
glaube, dass ihm mehr der eben angeführten Gründe wegen 
die Ehre bei Triumphen widerfahren sei, als weil er, wie 
Masurius angiebt, nach der Niederlage des Feindes als 
Rauchwerk und Reinigungsmittel diene. Es ist daher nicht 
erlaubt, sich des Lorbeers und Oelbaums zu unheiligen 
Gebräuchen zu bedienen, und nicht einmal zur Versöhnung 
der Götter darf davon auf Altären gebrannt werden. Der 
Lorbeer zeigt (beim Brennen) durch lautes Knistern eine 
Art Widerwillen oder Abscheu vor dem Feuer; das Holz 
belästigt auch kranke Eingeweide und Nerven. Der Kaiser Ti- 
berius soll jedesmal bei Gewittern, aus Furcht vom Blitze er- 
schlagen zu werden, einen Lorbeerkranz aufgesetzt haben. 



') Derselbe, welche die Vertreibung des letzten römischen Kö- 
nigs Tarquinius im Jahre R. 245 veranlasste , und so die römische 
Republik begründete. 



168 Fünfeebntes Buch. 

Hiebei müssen wir auch einige merk würdige^ Begeben* 
heiten aus dem Leben des Kaisers Augustus erzählen. Als 
Livia Drusilla, welche nach ihrer Verheirathung den Namen« 
Augusta annahm, mit diesem Kaiser versprochen war, warf 
ihr ein Adler eine schneeweisse Henne unverletzt aus der 
Luft in den Schooss. Während sie sich unerschrocken 
darüber verwunderte, zeigte sich, noch eine Merkwürdig- 
keit, denn die Henne hielt einen Lorbeerzweig voller 
Beeren in ihrem SchnabeL Die Vogeldeuter riethen, das 
Thier und dessen Nachkommenschaft zu erhalten, den. 
Zweig aber zu pflanzen und sorgfältig zu bewahren. Diess 
geschah auch auf dem kaiserlichen Landgute, welches an 
dem Flusse Tiber nahe bei dem 9; Meilensteine auf der 
flaminischen Strasse liegt, und davon den Namen „ das 
Haus zu den Hennen" bekommen hat. Der Zweig hat 
merkwürdigerweise einem ganzen Walde sein Entstehen, 
gegeben. Aus diesem hielt später der Kaiser beim Tri-- 
umphe einen Zweig in der Hand, und trug einen Kranz, 
welche Sitte alle nachfolgenden Kaiser, wenn sie siegreich 
zurückkehrten, beibehielten. Ebenso wurden die von ihnen . 
getragenen Zweige jedesmal gepflanzt; es existiren davon, 
noch die nach ihnen benannten Wälder,, und vielleicht hat 
man deswegen die Siegeszeichen verändert. Nur allein 
der Name dieses Baumes wird in der lateinischen Sprache 
den Männern beigelegt. Bloss sein Laub wird, durch eine 
eigene Benennung von ihm unterschieden, denn wir nennen 
es laurea. In Rom giebt es auch einen nach ihm be- 
nannten Ort, nemlich Loretum auf dem Aventinisehen 
Berge, wo ehemals ein Lorbeerwald war. Derselbe Baum 
dient endlich noch zu (feierlichen); Reinigungen, und im 
Vorbeigehen will ich nur bemei'ken, das« er durch Zweige 
fortgepflanzt wird, weil Democrit und Theophrast daran, 
gezweifelt haben. 

Nun wollen wir von den wilden Bäumen handeln... 



Sechszehntes Buch. 



Von den wilden Bäumen. 

1. 

Die unter den bis jetzt beschriebenen Bäumen befind - 
liehen obsttragenden haben vermöge ihrer milden Säfte 
den Speisen zuerst einen angenehmen Geschmack ertheilt, 
und den nothwendigen Nahrungsmitteln Leckerbissen bei- 
zumischen gelehrt, sei es nun, dass sie ursprünglich diese 
Lieblichkeit in sich tragen, oder durch den Menschen ihnen 
dieselbe erst mittelst Annahme anderer oder durch Ver- 
mischung verschiedener Arten entlockt worden ist, — ein 
Geschenk, welches auch die wilden Thiere und Vögel von 
uns empfangen haben. Es läge nun am nächsten, auch 
die eicheltragenden Bäume aufzuzählen, welche den 
Menschen zuerst ernährten, als er sich noch in einem arm- 
seligen und wilden Zustande befand, wenn uns nicht die 
durch die Erfahrung begründete Bewunderung nöthigte, zu- 
vor anzugeben, wie diejenigen, in deren Ländern kein 
Baum oder Strauch wächst, ihr Leben hinbringen. 

Wir haben viele Völker im Oriente und am Welt- 
meere angeführt, welchen die Bäume fehlen. Unter 
andern leben im Norden die sogenannten grossen und 
kleinen Chaucer, woselbst auf einer Ungeheuern, 2 Tage- 
und 2 Nachtreisen grossen Strecke der Ocean weit und, 
breit übertritt, dadurch einen ewigen Streit der Natur her- 
vorruft und es zweifelhaft lässt, ob dieser Strich zum Fest- 
lande oder zum Meere gehöre. Hier bewohnt diess armselige^ 



170 Sechszehntes Buch. 

Volk hohe Hügel oder Bühnen, die nach den Erfahrungen, 
wie hoch die Fluth steigt, mit den Händen errichtet sind 
und auf welchen ihre Hütten stehen. Sie gleichen den 
Schwimmenden, wenn das Wasser rund umher alles be- 
deckt, den Schiffbrüchigen aber, wenn es zurückgetreten 
ist, und auf die mit dem Meere forteilenden Fische machen 
sie bei ihren Hütten Jagd. Sie können weder Vieh halten 
noch Milch trinken wie ihre Nachbarn, ja nicht einmal mit 
wilden Thieren streiten, denn alles Gesträuch ist aus ihrer 
Nähe verbannt. Sie flechten sich aus Seetangen und Sumpf- 
binsen Stricke, um den Fischen Netze zu stellen, trocknen 
den mit den Händen aufgenommenen Schlamm mehr durch 
den Wind als durch die Sonne, versetzen damit ihre 
Nahrung, und erwärmen dadurch ihre von der nördlichen 
Kälte starren Glieder. Zum Getränk dient ihnen bloss 
Kegenwasser, welches sie vor ihren Häusern in Gruben 
aufbewahren. Und dennoch, sollten diese Völker von den 
Eömern besiegt werden, so würden sie sich für Sclaven 
halten. Aber so ist es; das Glück verschont Viele zu 
ihrer eigenen Strafe. 

2. 
Ein anderer Gegenstand der Bewunderung sind die 
Wälder. Sie erstrecken sich über das ganze übrige 
Deutschland, und machen es kalt und schattig, der entfern- 
teste Theil davon ist jedoch nicht weit von den genannten 
Chaucern, und liegt grösstentheils an 2 Seen. Selbst an 
den Küsten stehen Eichen im üppigsten Wachsthum; 
werden diese von den Wogen untergraben oder von den 
Winden fortgerissen, so nehmen sie vermöge ihres starken 
Geflechts von Wurzeln ganze Inseln mit sich. Auf diese 
Weise schiffen sie im Gleichgewichte stehend mit ihren 
grossen, dem Takelwerk gleichenden Zweigen, haben auch 
schon oft unsere Flotten in Schrecken gesetzt, denn sie 
wurden, gleichwie mit Fleiss, von den Wellen auf die 
Vordertheile der des Nachts vor Anker liegenden Schiffe 
getrieben und die Mannschaft wusste kein anderes Mittel, 
als wider die Bäume ein Seetreffen anzustellen. 



Sechszehntes Buch. 171 

In derselben nördlichen Gegend, und zwar in dem 
liercynischen Walde, übertrifft die ungeheuere Grösse der 
Eichen, welche Jahrhunderte hindurch nicht berührt worden 
sind, und mit der Welt gleiches Alter haben, durch ihr 
fast unsterbliches Loos alle Wunder. Um vieles Andere, 
was sich nicht verbürgen lässt, zu übergehen, so ist doch 
so viel bekannt, dass durch die sich begegnenden und 
zurückprallenden Wurzeln ganze Hügel entstehen, oder da, 
wo die Erde nicht mitgehobeu ist, sich dieselben bis zu 
den Zweigen hinauf zu Bögen, gleich offenen Thoren, 
krümmen, unter denen ganze Keiterhaufen durchkommen 
können. Alle diese Bäume gehören zu den eichel- 
tragenden und werden von den Römern stets in Ehren 
gehalten. 

3. 

Von ihnen machte man die Bürgerkrone i), das 
rühmlichste Ehrenzeichen eines tapfern Soldaten, seit 
längerer Zeit auch schon der Gnade der Feldherren, nach- 
dem mau in den schaudervollen Bürgerkriegen es für ein 
Verdienst zu halten anfing, einen Bürger nicht zu tödten. 
Diesen stehen die Mauerkronen 2), Wallkronen 3) und goldenen 
nach, während sie ihnen dem Werthe nach vorangehen. 
Auch die Schiffsschnabelkronen *) werden nicht so hoch 
geschätzt, obgleich sie bis zu unserer Zeit durch 2 Männer 
hochberühmt geworden sind, nemlich durch M. Varro, der 
sie, nach den Kriegen mit den Seeräubern, von dem grossen 
Pompejus erhielt, und durch M. Agrippa, dem sie der 
Kaiser'') nach den sicilischen Kriegen, welche gleichfalls 
gegen die Seeräuber geführt waren, zuertheilte. Früher 
wurden die Schnäbel von den eroberten Schiffen vor dem 
Rathhause zur Zierde des Marktes aufgestellt, und bildeten 
so gleichsam eine Krone für das römische Volk selbst. 



*) Corona ci\-ica. 

-) murales, welche denen, die im Kriege zuerst die Mauern einer 
•Stadt erstiegen hatten, verliehen wurden. 

3) vallares, für Ersteigung eines Walles verliehen. 
*; rostratae. *) Augustus. 



172 Sechszehntes Buch. 

Als man aber bei den tribunitischen Aufständen sie zu,- 
betreten und zu verunreinigen angefangen batte, als die 
Kräfte des Staates mebr zu besondern Vortbeilen und für 
einzelne Bürger in Anspruch genommen wurden, und alles 
unverletzlich Heilige zum Gemeinen herabgewürdigt ward, 
da wanderten die Schnäbel von den Füssen auf die Köpfe 
der Bürger. Augustus gab diese Krone dem Agrippa, er 
selbst aber empfing von der Menschheit die Btirgerkrone. 

4. 

In alten Zeiten gab man nur den Göttern Kränze; 
Homer theilt sie daher auch bloss dem Himmel und der 
ganzen Schlacht, nicht aber einem einzelnen Manne, selbst 
nicht beim Zweikampfe zu. Bacchus soll sich zuerst einen 
Kranz von Epheu aufgesetzt haben. Nachher bedienten 
sich ihrer auch diejenigen, welche den Göttern zu Ehren 
opferten, und schmückten auch zugleich die Opferthiere 
damit. Seit kurzem haben sie auch in den heiligen Kampf- 
spielen Eingang gefunden, und heutigen Tages giebt man 
sie darin nicht dem Sieger, sondern sein Vaterland wird 
als von ihm gekrönt ausgerufen. Daher entstand der Ge- 
brauch, dass sie von denen, welche triumphiren wollen, ge- 
tragen werden, um sie hernach in die Tempel zu weihen; 
bald darauf wurden sie auch in den Fechterspielen gegeben. 
Es wäre zu zeitraubend vyid unserm Zwecke entgegen, 
wenn wir untersuchen wollten, wer unter den Römern zu- 
erst einen Kranz empfangen habe; denn sie kannten keine 
andern, als militairische. So viel aber ist gewiss, dass 
dieses Volk mehr Arten Kränze hat, als alle übrigen Na- 
tionen zusammen. 

5. 

Romulus setzte dem Hostus Hostilius, dem Grossvater 
des TuUus Hostilius, einen Laubkranz auf, weil dieser 
zuerst in Fidena eingedrungen war. Im samnitischen. 
Kriege, in welchem der Consul Cornelius Cossus den Ober- 
befehl hatte, wurde der Kriegstribun P. Decius der Vater 
von dem durch ihn geretteten Kriegsheere mit einem Laub- 
kranze beschenkt. Die Bürgerkrone war zuerst von Stech- 



Sechszehntes Buch. 173 

eichenlaub '), spä ter zog man es vor, sie aus dem Laube 
der Speiseiche 2), welche dem Jupiter geheiligt ist, zu 
machen. Man hat auch abwechselnd die gemeine Eiche 
dazu genommen, und überall das, was gerade da war, ver- 
wendet, jedoch behielten nur die eicheltragenden Bäume 
diese Ehre. Man gab in dieser Hinsicht strenge und hoch- 
trabende Gesetze, welche man mit jenem höchsten Gesetze 
der Griechen vergleichen kann, wo der Kranz unter freiem 
Himmel verliehen wird, und das Vaterland dem, der ihn 
trägt, freudig die Mauern einreisst. Die Bedingungen, unter 
welchen ein Kranz ertheilt wird, sind nemlich folgende : 
Man muss einen Bürger gerettet, einen Feind getödtet, und 
dieser den Ort, wo es geschehen, noch an demselben Tage 
inne gehabt haben; der Gerettete muss das Factum aus- 
sagen, denn Zeugen gelten dabei nicht, und er muss ein 
römischer Bürger gewesen sein. Die Hülfsvölker verhelfen 
zu dieser Ehre nicht, selbst wenn einem Könige darunter 
das Leben gerettet wäre. Auch gewinnt die Ehre nicht 
dadurch, dass ein Feldherr gerettet ist, weil die Gründer 
derselben einen jeden Bürger im höchsten Werthe er- 
scheinen lassen wollten. Der Empfänger darf sich des 
Kranzes immer bedienen. Kommt er in's Schauspiel, so 
steht Jeder, selbst der Senator, vor ihm auf; auch darf er 
sich den Senatoren zunächst niedersetzen. Er ist von 
allen Diensten frei, und diess erstreckt sich auch auf seinen 
Vater und Grossvater von väterlicher Seite. Siccius Den- 
tatus erhielt, wie wir an seinem Orte gesagt haben, 14; 
der Capitolinus 6, unter diesen auch einen wegen Rettung 
des Feldherrn Servilius. Africanus wollte wegen der Ret- 
tung seines Vaterlandes bei der Trebia keinen annehmen. 
0, ewig würdige Sitten, welche so wichtige Thaten bloss 
mit der Ehre belohnten, und, während sie den Werth der 
übrigen Kronen durch Gold erhöheten, für die Erhaltung 
eines Bürgers keinen Preis bestimmen wollten! Sie gaben 



') iligna. Quercus Ilex L. 

*) Esculus. Quercus Esculus L. 



174 Sechszehntes Buch. 

dadurch deutlich zu erkennen, dass die Rettung eines 
Menschen um des Gewinnes willen ein Verbrechen sei. 

6. 

Es ist ausgemacht, dass noch jetzt die Eicheln der 
ganze Reichthum vieler Völker, auch in Zeiten des Friedens, 
sind. Jedoch dörret man sie auch bei Mangel an Getreide, 
macht Mehl daraus, und bäckt diess zu Brot. Ja noch 
heutigen Tages wird in Spanien die Eichel mit dem Nach- 
tische aufgesetzt. In Asche gebraten schmeckt sie süsser. 
Uebrigens ist es durch ein Gesetz in den 12 Tafeln ver- 
boten, Eicheln, die auf fremden Grund fallen, aufzulesen. 
Es giebt viele Arten davon. Sie unterscheiden sich durch 
Gestalt, Vorkommen, Geschlecht und Geschmack, denn an- 
ders ist die Gestalt der Buchen-, Eichen- und Stecheichen- 
frucht, und jede Art bietet selbst wieder unter sich Ab- 
weichungen dar. Sodann sind einige wild, andere zahmer, 
und diese werden angebauet. Ferner ist es nicht einerlei, 
ob sie auf Bergen oder in Ebenen stehen; auch giebt es 
Bäume männlichen und Bäume weiblichen Geschlechts, 
und endlich weichen sie im Geschmacke von einander ab. 
Die süsseste Frucht unter ihnen hat die Buche i), mit 
welcher sich nach Cornelius Alexander die in der Stadt 
Chius belagerten Einwohner genährt haben. Mir scheint 
es nicht passend, die Arten durch Namen zu unterscheiden, 
denn sie heissen hier so, dort so. Während wir nemlich 
die gemeinen Eicheln überall wachsen sehen, bemerken 
wir die Speiseiche seltener, und die sogenannte Cerreiche ■■^), 
die vierte dieser Arten, ist in dem grössten Theile Italiens 
nicht einmal bekannt. Wir wollen sie daher zur Unter- 
scheidung ihre Eigenschaften, und da, wo es nöthig ist, 
auch ihre griechischen Namen zu Hülfe nehmen. 

7. 

Die Bucheiehel gleicht den Kernen, und wird von 
einer dreieckigen Haut eingeschlossen. Das Blatt ist dünn,. 



•) Fagus. Fagus hyluatica L. 
^) Cerrus. Quercus Cen-is L. 



Sechszehntea Buch. 175 

sehr leicht, dem der Pappel ähnlich, und wird schnell gelb; 
auf der Mitte desselben entsteht oberhalb sehr häufig eine 
kleine grüne, an der Spitze stachlichte Beere ^). Die Buch- 
eicheln lieben die Mäuse ganz vorziiglicl), daher kommen 
diese mit ihnen zugleich hervor; auch die Siebenschläfer -) 
werden davon fett, und die Drosseln suchen sie auf. Die 
Fruchtbarkeit wechselt fast bei allen Bäumen, am meisten 
aber bei der Buche. 

8. 

Diejenige Frucht, welche man im engern Sinne Eichel 
nennt, wächst auf der gemeinen Eiche 3), Speiseiche, Cerr- 
eiche, Stecheiche und Korkeiche^). Sie sitzt in einem 
rauhen Kelche, der in den einzelnen Arten mehr oder we- 
niger Haut umschliesst. Die Blätter sind, mit Ausnahme 
der Stecheiche, schwer, fleischig, lang, an den Seiten aus- 
geschweift, werden nicht, wie bei der Buche, gelb, wenn 
sie abfallen, und sind bei den verschiedenen Arten kürzer 
oder länger. Von der Stecheiche giebt es 2 Arten; das 
Blatt der in Italien wachsenden weicht nicht viel vom Oel- 
blatte ab, und diese heisst hei einigen Griechen Smilax '"). 
Die in den Provinzen wachsende hat stachliche Blätter. 
Die Frucht dieser beiden Arten ist kürzer und dünner; 
Homer nennt sie Acylos, und unterscheidet sie durch die- 
sen Namen von der gewöhnlichen Eichel. Die männlichen 
Stecheichen sollen nicht tragen. 

Die beste und grösste Eichel wächst auf der gemeinen 
Eiche; dann folgt die der Speiseiche; die der Robur ist 
klein, die der Cerreiche hässlich, rauh und mit stachlichem 
Kelche wie die Kastanie umgeben. Aber auch unter den 
eigentlichen Eicheln sind einige süsser, die weiblichen 
weicher, die männlichen fester. Am meisten werden die 
sogenannten breitblättrigen geschätzt. Unter sieh weichen. 



•) Diess ist eine durch Insektenstiche bewirkte Anschwellung des - 
Blattes. 

*) Glires. Sciurus Glis L. 

3) Robur. Quercus Robur L. und Q. pedunculata Erh. 

^) Suber. Quercus Suber L. ^) Diess ist Quereus Ballota Desf. . 



176 Sechszehntes Buch. 

sie in der Grösse und in der mehr oder weniger dünnen 
Haut, ferner dadurch von einander ab, dass bei einigen die 
Haut inwendig rostroth und rauh ist, bei andern sogleich 
■das weisse Fleisch folgt. Auch lobt man die, an deren 
Eichel das äusserste Ende an beiden Seiten der Länge 
nach steinhart, und noch mehr, wenn diess an der Schale, 
als wenn es am Fleische der Fall ist; beides zeigt sich 
indessen nur beim Männchen. Ueberdiess haben einige 
eine eiförmige, andere eine runde, noch andere eine spitzige 
Gestalt. So giebt es auch dunkler und hellergefärbte, von 
denen die letztern den Vorzug verdienen. An den äusser- 
sten Enden sind sie bitter, in der Mitte süss. Ja selbst 
die verschiedene Länge des Fruchtstiels giebt einen Unter- 
schied ab. 

Unter den Bäumen selbst wird derjenige, welcher die 
:grössten Früchte trägt, Hemeris^) genannt; er ist niedriger 
als andere, rundum belaubt, und seine ausgebreiteten Aeste 
sind hohl gebogen. Die gemeine Eiche hat stärkeres und 
dauerhafteres Holz, sie ist auch sehr ästig, jedoch höher 
und dicker im Stamm. Am höchsten steigt aber die 
Knoppereiche 2) , welche gern an unbebaueteu Plätzen 
wächst. Ihr kommt in der Höhe die breitblättrige am 
nächsten, eignet sich aber nicht besonders zu Bauten und 
zu Kohlen. Nach dem Behauen ist sie verschiedenen 
Fehlern unterworfen, daher wendet man sie ganz an. Die 
Kohle gebraucht man nur in den Werkstätten der Kupfer- 
schmiede, und da sie, wenn das Blasen aufhört, sogleich 
verlöscht, so kann sie öfters wieder angebrannt werden, 
giebt übrigens sehr viele Funken. Besser ist die Kohle 
von Jüngern Stämmen. Zur Gewinnung der Kohlen bauet 
man ganze Haufen von frischen Scheiten mittelst Lehm, 
wie einen Ofen auf, zündet den Stoss an, und sticht mit 
Stangen in die hartwerdende Decke, um dem Schweisse 



') Quercus pubescens W. Vielleicht gehört auch Q. infectoria 
"Oliv, hierher. 

2) Aegilops. Quercus Aegilops L. 



Seöhszehntes Buch. 177 

(dem Rauche und der Feuchtigkeit) einen Ausweg zu ver- 
schaffen. 

Der schlechteste Baum sowohl zu Kohlen als auch zu 
Bauten ist der sogenannte Haliphlöus ') ; er hat die stärkste 
Rinde und den stärksten Stamm, und ist meistens hohl und 
schwammig. Kein anderer aus dieser Gattung als dieser 
fault schon bei Lebzeiten. In ihn schlägt sogar der Blitz 
am häufigsten, obgleich er nicht sehr hoch ist; daher darf 
man sich seines Holzes beim Opfern nicht bedienen. Er 
trägt selten Eicheln, und im günstigen Falle bittere, die, 
ausser den Schweinen, kein Thier anrührt, und selbst diese 
nicht, wenn sie anderes Futter haben. Das gehört auch 
noch unter die Ueberbleibsel des vernachlässigten Gottes- 
dienstes, dass man nach verlöschter Kohle opfert. 

Die Bucheicheln machen die Schweine munter, das 
Fleisch leicht kochbar, leicht verdaulich und gesund für 
den Magen; von der Stecheichel werden sie schmal, glän- 
zend, mager und schwer; von der gemeinen Eichel, welche 
die schwerste und süsseste ist, am dicksten. Ihr zunächst 
stellt Nigidius die Cerreichel, denn keine andere hätte ein 
festeres Fleisch, aber es sei hart. Von der Stech eichel 
sollen die Schweine krank werden, wenn man sie ihnen 
nicht nach und nach giebt. Diese fiele am spätesten ab. 
Das Fleisch der Speiseichel, gemeinen und Korkeichel sei 
schwammig. 

9. 

Alle Bäume, welche Eicheln tragen, haben auch Gall- 
äpfel, und ein Jahr um das andere Eicheln. Die Gall- 
äpfel von der Hemeris sind aber die besten und zur Be- 
reitung des Leders geeignetsten. Die der breitblättrigen 
gleichen diesen, sind aber leichter und weit weniger ge- 
schätzt. Letzterer trägt auch schwarze, (denn es giebt 
2 Arten) und diese haben den Vorzug in der Färberei. — 
Die Galläpfel entstehen, wenn die Sonne aus dem Zeichen 



*) D. h. Meeninde, die schon oben genannte Korkeiche : Quercus 
Suber. 

Wittstein: Plinius. III. Bd. 12 



178 Sechszehntes Buch. 

der Zwillinge tritt, und brechen alle zugleich des Nachts 
aus; schon nach eintägigem Wachsen werden sie weisser, 
und wenn sie die Hitze getroffen hat, vertrocknen sie auf 
der Stelle und bilden sich nicht gehörig aus, d. h. dann 
haben sie einen Kern von der Grösse einer Bohne. Die 
schwarzen erhalten sich länger grün, und wachsen zuweilen 
bis zur Grösse eines Apfels heran. Die besten sind die 
commagenischen, die schlechtesten die von der gemeinen 
Eiche. Ihre Güte erkennt man an den durchscheinenden 
Höhlen. 

10. 
Die gemeine Eiche trägt ausser ihrer Frucht noch 
vieles Andere; denn auf ihr finden sich beide Arten Gall- 
äpfel, ferner eine Art Maulbeeren, von denen sie sich aber 
dui-ch ihre Trockenheit und Härte unterscheiden, welche 
gewöhnlich Aehnlichkeit mit einem Stierkopfe haben, und 
eine den Olivenkernen gleichende Frucht einschliessen. 
Auch Avachsen auf derselben kleine, den Nüssen nicht un- 
ähnliche Kügelchen, in denen sich weiche Flocken befinden, 
welche zum Brennen in den Laternen gebraucht werden 
können, denn sie brennen auch ohne Oel wie die schwarzen 
Galläpfel. Noch ein anderes, behaartes, Kügelchen trägt 
sie, welches aber keinen Nutzen hat, jedoch im Frühlinge 
einen honigartigen Saft enthält. Auch die Verzweigungen 
der Aeste tragen Kügelchen, die, ohne Stiel, mit dem 
Körper selbst daranhängen; sie sind am Nabel weiss, 
in der Mitte scharlachroth, übrigens aber schwarz gefleckt, 
im Geschmacke bitter und inwendig hohl. Zuweilen 
kommen auch auf der Eiche steinartige Körper i), ferner 
aus Blättern zusammengewickelte Kügelchen und auf den 
rothwerdendcB Blättern wässrige, weissliche und so lange 
sie noch weich sind, durchscheinende Kerne vor, in welchen 
sich Fliegen erzeugen, und die, nach Art der Galläpfel, reif 
werden. 



1) Pumices. 



Se,chszehntes Buch. 179 

11. 

Die gemeinen Eichen tragen auch die Cachrys^), so 
heisst nemlich ■ ein Kügelchen, welches Brennen verur- 
sacht und in der Medicin gebraucht wird. Sie wächst auch 
auf Rothtannen, dem Lerchenbaume, der Weisstanne, der 
Linde, dem Nussbaume und der Platane, nachdem die 
Blätter abgefallen sind und dauert den Winter über aus. 
Sie enthält einen den Pinien ähnlichen Kern, wächst im 
Winter, im Frühlinge aber öffnet sich das ganze Gewächs 
und fällt ab, wenn die Blätter auszuschlagen anfangen. So 
vielerlei tragen die Eichen ausser den Eicheln! Ja selbst 
essbare Pilze und gemeine Erdschwämme erzeugen sie; 
diess sind die neuesten Reizmittel des Gaumens, welche 
an ihren Wurzeln wachsen. Die von der gemeinen Eiche 
sind am besten, von der Cypresse und Fichte aber schäd- 
lich. Auch soll auf Eichen die Mistel 2) wachsen, und nach 
Hesiodus Honig vorkommen. So viel ist bekannt, dass der 
Honigthau, welcher, wie wir gesagt haben, vom Himmel 
herabfällt, sich auf kein anderes Laub mehr als auf dieses 
setzt. Auch weiss man, dass die Eichenasche natron- 
haltig ist. 

12. 

Doch alle diese Vorzüge werden von der Stecheiche 
durch die Kermesbeere^) allein übertroffen. Dieses Korn, 
welches, zuerst wie ein rauher Körper, auf der kleinen 
stachligen Stecheiche ^) sitzt, heisst Ousculium, und ver- 
schafft den armen Leuten in Spanien die Hälfte ihrer Ab- 
gaben. Von ihrer nützlichen Anwendung habe ich bei Ge- 
legenheit der Muscheln gesprochen^). Sie wächst in Ga- 
latien, Afrika, Pisidien, Cilicien, die schlechteste in 
Sardinien. 



') Siehe auch XXIV. B. 59 und 60. Cap. 

-) Viscum. Diess ist nicht Viscum album, sondern Loranthus 
europaeus. 
3) Coccus. 

*) Hex aquifolia parva. Quercus coccifera L. Die Kermeseiche. 
*) Vergl. IX. B. 65. Cap. 

12* 



180 Sechszehntes Buch. 

13. 

Den Agaricus^) bringen vorzüglich die eiclieltragen- 
den Bäume Galliens hervor. Es ist diess ein weisser, 
wohlriechender Pilz, der ein wirksames Gegengift abgiebt, 
auf den Gipfeln der Bäume sitzt und Nachts leuchtet. 
Durch letztere Eigenschaft ist man im Stande ihn im Fin- 
stern abzubrechen. Unter den eicheltragenden Bäumen 
trägt allein die Knoppereiche trockne, von moosartigem 
grauem Filze bedeckte Lappen, die sowohl von der Rinde, 
als von den Aesten 1 Cubitus lang herabhängen und, wie 
bei den Salben angeführt wurde, wohlriechend sind. 

Der Korkbaum ist der kleinste, und trägt die schlechte- 
sten und wenigsten Eicheln; nur seine Rinde, welche sehr 
dick ist, sich wieder ersetzt und nach allen Seiten bis zu 
10 Fuss ausbreitet, wird benutzt. Man bedient sich der- 
selben am meisten zu den Ankertauen der Schiffe, zu 
Fischernetzen und zu Fassspunden, auch zu Winterschuhen 
für Frauen. Daher nennen ihn die Griechen nicht un- 
passend den Rindenbaum; Einige heissen ihn auch den 
weiblichen Hex, und da wo kein Hex wächst, soll man sich 
statt seiner des Korkbaumes zu den Arbeiten der Stell- 
macher bedienen, wie z. B. um Elis und Laeedämon. Er 
wächst aber weder in ganz Italien, noch überhaupt in 
Gallien. 

14. 

Auch die Rinden der Buche, Linde, Tanne werden 
auf dem Lande vielfältig benutzt. Man macht daraus Ge- 
schirre, Körbe und noch grössere Geräthschaften zur Ein- 
sammlung des Getreides und der Trauben; auch dienen sie 
zu Zäunen um die Hütten. Auf die frischen Rinden schreibt 
der Kundschafter an den Feldlierru, indem er die Buch- 
staben hineinschneidet, welche dann der Saft kenntlich 
macht. Auch zu gewissen heiligen Gebräuchen ist die 
Buchenrinde bestimmt; der Baum (das Holz) selbst aber 
hält sich nicht. 



') Asaiicus drvinus Pers. 



.Sechszehntes Buch. 281 

15. 
Die eichenen Schindeln sind die besten, dann folgen 
die von den übrigen eicheltragenden Bäumen und der 
Buche. Sie lassen sich am leichtesten von den harzführen- 
den Bäumen machen; diese nutzen sich aber, bis auf die- 
jenigen von der Fichte, sehr bald ab. Cornelius Nepos be- 
richtet, Rom sei 470 Jahre lang bis zum Kriege mit Pyr- 
rhus, mit Schindeln gedeckt gewesen. Wenigstens ist so 
viel gewiss, dass mehrere Wälder dastanden, durch welche 
es getrennt wurde; so steht noch jetzt der Jupiter Faguta- 
lus da, wo ein Buchenhain war; ferner hatte man ein 
Eichenthor, einen Hügel, von welchem man Reisholz holte, 
und viele andere Haine, unter ihnen auch einige doppelt '). 
Der Dictator Q. Hortensius gab, als das Volk sich auf den 
Janiculus gezogen hatte, auf dem Esculetus das Gesetz, 
dass alles, was dasselbe befohlen hätte, die Römer thun 
sollten. 

16. 
Damals hielt man die Fichte, Tanne und alle Bäume, 
welche Pech tragen, für fremde, weil sie sich nicht bei der 
Stadt befanden, und von diesen wollen wir jetzt reden, da- 
mit man zugleich den Ursprung derjenigen Stoffe, die zur 
Aufbewahrung des Weines dienen, kennen lerne. Einige 
unter den vorgenannten erzeugen in Asien und im Oriente 
Pech; in Europa tragen 6 Arten verwandter Bäume das- 
selbe. Von diesen haben die Fichte 2) und der Pinaster^) 
ein Blatt, welches so dünn wie ein Haar, lang und stachel- 
spitzig ist. Die Fichte führt am wenigsten Harz, zuweilen 
an den Zapfen selbst, von denen wir bereits geredet haben, 
so dass sie kaum dieser Art zugeschrieben wird *). 



') Plinius will wohl damit sagen, manche Haine hätten aus 
zweierlei Holzarten bestanden. 

'^) Pinus. Pinus sylvestris L., Kiefer. 

*) Pinus Pinaster Ait. 

*) Nämlich den harzfiihrenden Bäumen. 



182 Sechszehntes Buch. 

17. 

Der Pinaster ist nichts anderes als ein wilder Fichten- 
baum, erreicht eine bedeutende Höhe, und breitet sich von 
der Mitte, die Fichte dagegen erst vom Gipfel an ästig 
aus. Er giebt mehr Harz, dessen Gewinnungsweise später 
angezeigt werden soll, gedeihet auch in ebenen Gegeudeu. 
Die Meisten glauben, diese Bäume wären dieselben, welche 
unter anderen Namen an der Küste Italiens wachsen und 
Tibuli heissen, aber letztere sind dünner, kürzer und knoten- 
los, werden zu liburnischen Fahrzeugen verwendet und 
enthalten fast gar kein Harz. 

18. 

Die Rothtanne 1) liebt bergige und kalte Plätze; sie 
ist ein Trauer verkündender Baum; denn man setzt ihn, 
wenn sich eine Leiche im Hause befindet, vor die Thtir, 
und bringt ihn grün auf die Scheiterhaufen; jedoch hat 
man ihn jetzt auch in die Häuser aufgenommen, weil er 
sich leicht beschneiden lässt. Er liefert das meiste Harz, 
unter dem auch weisse Kugelchen vorkommen, die dem 
Weihrauche so ähnlich sind, dass sie, unter diesen gemischt, 
durch das Auge nicht zu erkennen sind. Hierauf beruht 
der Betrug mit den seplasischen Salben'-). 

Die Blätter aller dieser Arten bilden kurze dicke und 
harte Borsten, ähnlich denen der Cypresse. Die Aeste der 
Rothtanne hängen gleich von der Wurzel an in massiger 
Grösse gleich Armen an den Seiten; auf dieselbe Weise 
auch an der Weisstanne^), deren Holz zum Schiffbau 
dient. Ihr Stand ist auf den Gipfeln der Berge, als wenn 
sie vor dem Meere flöhe; auch weicht sie in ihrem Aeussern 
(von jener) nicht ab. Das Holz passt ganz vorzüglich gut 
zu Balken und vielen andern Dingen im Leben. Das Harz 
ist eine Krankheit an ihnen, und vertritt die Stelle der 
Frucht; bei Sonnenschein quillt es mitunter sparsam her- 



') Picea. Pinus Abies L. 

-) Seplasia. sc. platea, eine Gasse in Capua, wo Salben verkauft 
wurden. 

3) Abies. Pinus Picea L. (Abies pectinata Dec)? 



Sechszehntes Buch. 183 

vor. Dahingegen wird das Holz, welches bei der Weiss- 
tanne am schönsten ist, von der Rothtanne zu gespalteneu 
Schindeln, Fässern und noch einigen andern Gegenständen 

gebraucht. 

19. 

Die fünfte Art hat denselben Standort und dieselbe 
Gestalt; sie heisst Lärchenbaum i). Sein Holz ist weit 
vortrefflicher, verdirbt nicht, stirbt nur sehr langsam ab, 
hat ausserdem eine röthliche Farbe und einen scharfem 
Geruch. Aus ihm bricht etwas mehr Feuchtigkeit hervor, 
die die Farbe des Honigs hat, aber zäher ist und nie 
hart wird. 

Die sechste Art ist die eigentlicii sogenannte Harz- 
Fichte'^), welche mehr Saft als die vorige, aber weniger 
und ihn flüssiger als die Weisstanne hat, auch gern zum 
Feuer und zu Fackeln bei Opfern gebraucht wird. Dieser, 
aber nur das Männchen, trägt auch das, was die Griechen 
Syce nennen, und äusserst stark riecht. Beim Lärchen- 
baume ist es eine Krankheit, wenn er zum Harzbaume wird. 

Alle diese Arten brennen mit starkem Rauche, werfen 
unter knisterndem Geräusche die Kohlen aus und weit 
um sich her, der Lärchenbaum ausgenommen, der weder 
brennt, noch sich verkohlt, und durchs Feuer nicht anders 
verzehrt wird als die Steine. Sie grünen beständig, und 
werden selbst von Kennern nur schwierig an ihrem Laube 
unterschieden; so gross ist die Vermischung ihres Ursprungs. 
Die Weisstanne aber ist weniger hoch als der Lärchen- 
baum. Dieser hat eine dickere und leichtere Rinde, 
wolligere, fettere, dichter stehende, weichere und biegsamere 
Blätter; die Rothtanne dagegen hat einzelne, trocknere, 
dünnere und steifere Nadeln, ist weit rauher, und mit 
Harz durchtränkt; das Holz gleicht dem der Weisstanne. 
Wenn die Wurzeln des Lärchenbaumes verbrannt sind, 
schlägt er nicht wieder aus, wie es auf Lesbos geschah, 
als der pyrrhäische Wald in Brand gerathen war. 

') Larix. Pinus Larix L. 
2) Taeda. Pinus Taeda L. 



184 Sechszehntes Buch. 

Hinsichtlich des Geschlechts bieten diese Arten noch 
einen andern Unterschied dar. Das Männchen ist niedriger 
und härter, das Weibchen höher, hat fettere, einfache und 
nicht steife Nadeln. Das Holz des Männchens ist hart und 
zeigt sich beim Zimmern gewunden, das des Weibchens 
weicher, und unter der Axt erkennt man den Unterschied 
stets ganz deutlich, denn diese dringt in das männliche 
Holz nur schwierig ein, erzeugt beim Hauen einen grössern 
Schall und lässt sich nicht so leicht wieder herausziehen. 
Das Holz selbst ist dürr, und die männlichen Bäume haben 
eine schwärzere Wurzel. Am Ida in Troas unterscheidet 
man auch die auf Bergen und die an der Meeresküste 
wachsenden. Aber in Macedonien, Arkadien und um Elis 
verwechselt man die Namen, und die Schriftsteller stimmen 
in dem Namen, welchen sie einer jeden Art beilegen, nicht 
tiberein; wir unterscheiden sie nach dem Urtheile der 
Römer. Die Weisstanne ist unter allen die breiteste, und 
ihr Weibchen streckt die Aeste noch weiter vor; ihr Holz 
ist weicher und tauglicher, am Stamme runder, die Blätter 
stehen dicht und gefiedert, so dass sie den Regen nicht 
durchlassen, und überhaupt hat sie ein gefälligeres Aeussere. 
Von den Aesten dieser Arten hängen, gleich Büscheln, 
schuppig vereinigte Nüsse herab, ausgenommen vom Lärchen- 
baume. Bei der männlichen Weisstanne haben dieselben i) 
am vordem Theile Kerne, nicht aber bei der weiblichen. 
Die Rothtannen aber tragen in ihren ganzen Zapfen, welche 
kleiner und schmaler sind, sehr kleine, schwarze Kerne, 
werden daher von den Griechen Phthirophoros 2) genannt. 
An eben diesen stehen bei den Männchen die Früchtchen 
dichter beisammen, und sind nicht so klebrig von Harz. 

20. 

Ihnen gleicht auch noch im Aeussern, damit wir nichts 
übergehen, der Eibenbaum 3), welcher schmutziggrün, 
dünn, traurig und Unglück verkündend ist, keinen Saft 

') Nämlich die Früchte (Zapfen). -) Läuseträger. 
3) Taxus. Taxus baccata L. 



Sechszehntes Buch. Ig5 

führt, und allein unter allen diesen eine Beere trägt. Die 
Frucht des Männchens ist schädlich, in den Beeren befindet 
sich nemlich, besonders in Spanien, ein Gift. Auch hat 
man die Erfahrung gemacht, dass aus seinem Holze in 
Gallien gefertigte Reiseflaschen dem darin aufbewahrten 
Weine tödtliche Eigenschaften verliehen. Sextius ^) sagt, 
die Griechen nennten ihn Smilax, und in Arkadien sei der- 
selbe so giftig, dass Personen, welche unter ihm schliefen 
oder speiseten, stürben. Nach Einigen soll von diesem 
Baume das Gift, in welches die Pfeile getaucht werden, 
das taxische genannt sein, das nun den Namen toxisches 
bekommen hat. Man hat gefunden, dass es unschädlich 
wird , wenn man einen ehernen Nagel in den Baum ein- 
schlägt. 

21. 
Den The er 2) bereitet man in Europa aus der Harz^ 
flehte, und gebraucht ihn zum Dichtmachen der Fahrzeuge 
und zu vielen andern Zwecken. Das Holz wird in Stücke 
gesägt, und in einem Ofen, der von aussen allenthalben mit 
Feuer umgeben ist, geschwelt. Das zuerst Uebergehende 
läuft wie Wasser in einer Rinne ab, heisst in Syrien Ce- 
drium und besitzt eine solche Kraft, dass man in Aegyp- 
ten menschliche Leichname damit übergiesst und dadurch 
conservirt. 

22. 
Die nachfolgende Flüssigkeit ist schon dicker nnd 
liefert den The er. Dieser wird auf's Neue in kupferne 
Pfannen gegossen, und durch Essig verdickt; wenn er ge- 
ronnen ist, bekommt er den Beinamen brutischer, wird 
bloss zu Fässern und andern Geräthschaften gebraucht, 
und unterscheidet sich von dem andern Theer durch seine 
Zähigkeit, röthliche Farbe und grössere Fettigkeit. Zu 
allen diesen Operationen dient die Rothtanne; das Harz 



*) Ein von Plinius häutig benutzter Schriftsteller, dessen Lebens- 
verhältnisse uns aber nicht bekannt sind. 
■■*) Pix liquida. 



186 Sechs zehntes Buch, 

schmilzt man durch heisse Steine in Trögen von starkem 
Eichenholz oder, wenn man keine Tröge hat, in meiler- 
artigen Haufen, wodurch es eine schwärzere Farbe be- 
kommt, stösst es dann zu feinem Mehle #ind thut es in den 
Wein. Wenn man eben dasselbe Harz mit Wasser gelinde 
kocht und dann durchseihet, wird es braunroth und zähe, 
und heisst Tropfharz. Hiezu verwendet man aber in der 
Regel nur das schlechtere Harz und die Rinde. Das ge- 
sottene Pech 1) bereitet man auch noch auf andere Weise. 
Man nimmt nemlich das feinere, rohe Harz nebst vielen 
kleinen und zarten Spähnen vom Baume ab, zerkleinert 
und siebt es durch, und kocht es hierauf mit Wasser aus. 
Das davon durch Auspressen erhaltene Fett giebt ein vor- 
zügliches, seltenes Harz, was bloss an wenigen Orten Ita- 
liens in der Nähe der Alpen zu ärztlicher Anwendung ge- 
wonnen wird. Man kocht dort 1 Congius Harz mit 2 Con- 
gius Regenwasser. Einige halten für besser, es ohne 
Wasser einen ganzen Tag hindurch bei gelindem Feuer zu 
schmelzen, und anderswo bedient man sich dazu eines 
kupfernen Gefässes. Ferner siedet man dort den Terpen- 
thin, den man den übrigen Harzen vorzieht, in einer 
Pfanne. Nach diesem folgt zunächst das Harz des Mastix- 
baumes. 

23. 

Wir dürfen nicht unberührt lassen, dass eben dieselben 
unter dem Namen Zopissa das von den Seeschiffen abge- 
kratzte und mit Wachs vereinigte Pech verstehen (da 
denn im Leben nichts unversucht gelassen wird), welches 
sich in jeder Beziehung wirksamer als Pech und Harz 
zeigt, wenn man es mit einer Schicht Salz bedeckt. 

Die Rothtanne wird an der Sonnenseite, aber nicht 
durch einen Längsschnitt, sondern durch das Abziehen der 
Rinde, meistens in einer Weite von 2 Fuss und in einem 
Abstände von mindestens 1 Cubitus von der Erde, geöffnet. 



•) crapula. 



Sech§zehntes Buch. 187 

Mau schont auch selbst des Holzes nicht, wie bei den 
übrigen Bäumen, weil die Spähne gleichfalls benutzt weiden. 
Doch schätzt man diese nur, wenn sie dicht von der Erde 
sind, höher hinauf schmecken sie bitter. Nachher fliesst 
aller Saft aus dem ganzen Baume in die Wunde und eben- 
so ist es bei der Harzfichte. Wenn die Wunde nicht mehr 
fliesst, wird auf dieselbe Weise au einer andern Seite eine 
neue gemacht, und hierauf noch eine. Dann hauet man 
den ganzen Baum um, und brennt das Mark aus. So wird 
auch in Syrien die Kinde von den Aesten und Wurzeln 
der Terebinthe abgezogen, während man (bei uns) das 
Harz von diesen Theilen verwirft. In Macedonien brennt 
man den männlichen Lärchenbaum, von dem weiblichen 
aber nur die Wurzeln. Theopompus berichtet, im Gebiete 
der Apolloniater werde ein fossiles Pech gefunden, welches 
dem macedonischen nicht nachstehe. Das beste Pech wird 
von Bäumen, welche an sonnigen, gegen Norden gelegenen 
Orten stehen, gewonnen; das aus schattigen Gegenden ist 
rauher und führt einen schädlichen Stoff bei sich. In kalten 
Wintern erhält man es schlechter, in geringerer Menge 
und bleich. Einige glauben, an bergigen Orten sei es häu- 
figer, von besserer Farbe, auch süsser und rieche ange- 
nehmer, so lange es noch Harz sei; durch Absieden liefere 
es aber weniger Pech, weil es in eine Art Wasser i) über- 
gehe. Selbst die Bäume wären hier dünner als in Ebenen, 
und diese sowohl als jene bei heiterm Wetter unfrucht- 
barer. Einige tragen im nächsten Jahre nach ihrem An- 
schnitte Frucht, andere im zweiten, noch andere im dritten. 
Die Wunde füllet sich aber mit Harz an, nicht mit Einde 
oder durch Vernarbung, denn letztere findet bei diesen 
Bäumen nicht Statt. 

Einige haben unter diesen Arten noch eine eigene, 
Sapium, aufgestellt, weil sie aus der Vermischung jener 
ebenso entsteht, wie wir es bei den Kernfrüchten gesagt 
haben; die untersten Theile dieses Baumes nennen sie 

') Serum. 



188 Sechszehntes Buch. 

Fackelholz ^). Allein er [ist nichts anderes als ', eine Roth- 
tanne, deren Wildheit durch die Cultur etwas gemildert 
ist, denn das Sapiumholz wird, wie ich noch zeigen 
werde, aus den gefällten Stämmen der übrigen Arten ge- 
macht. 

24. 
Die übrigen Bäume aber, und ganz vorzüglich die 
Esche 2), hat die Natur des Holzes wegen hervorgebracht. 
Die Esche ist hoch und rund, trägt gefiederte Blätter, und 
ist durch das Lob Homer's und den daraus verfertigten 
Spiess des Achilles zu grosser Berühmtheit gelangt. Ihr 
Holz hat vielfache Anwendung. Dasjenige, was auf dem 
Ida in Troas wächst, gleicht dem Cedernholze so sehr, 
dass man damit nach abgezogener Einde die Käufer be- 
trügt. Die Griechen unterscheiden 2 Arten, die lange ohne 
Knoten, und die kurze, welche härter, dunkler ist und lor- 
beerartige Blätter hat. Diejenige, welche sich am weitesten 
ausbreitet und am zähesteu ist, heisst in Macedonien die 
grosskopfige ^). Andere theilen sie nach ihren Standörtern 
ein; die in Ebenen wachsenden sollen nämlich krauses 
und die auf den Bergen dichtes Laub haben. Griechischen 
Berichten zufolge sind die Blätter dem Zugvieh tödtlich, 
den übrigen Wiederkauern hingegen unschädlich. In Italien 
schaden sie selbst dem Zugvieh nicht. Gegen den Biss 
der Schlangen erweist sich der ausgepresste Saft im Tranke 
und auf Geschwüre geschlagen heilsam, und zwar mehr 
als jedes andere Mittel. Der Baum hat eine solche Kraft, 
dass die Schlangen weder früh Morgens noch Abends in 
seinen Schatten kommen, dieser mag sich noch so weit 
ausdehnen, ja selbst weit vor ihm fliehen. Als Augenzeuge 
berichten wir, dass wenn in einen Kreis dieses Laubes 
eine Schlange und Feuer eingeschlossen wird, dieselbe eher 
ins Feuer als in das Eschenlaub läuft. Die Natur zeigt 



') Taedae. 

^) Fraxinus. Fraxinus excelsior L. 

3) ßumelia. 



Sechszehntes Buch. 189 

sich darin ganz besonders gütig, dass der Eschenbaum 
blühet, bevor die Schlangen hervorkommen, und sein Laub 
nicht eher fallen lässt , bis diese sich wieder verborgen 
haben. 

25. 

Der männliche und w^eibliche Lindenbaum i) sind in 
jeder Hinsicht von einander verschieden; denn das Holz 
des erstem ist hart, röther, knotig und geruchvoller, die 
Rinde ist dicker, und nach dem Abziehen vom Stamme 
unbiegsam, er trägt auch keinen Samen oder Blüthe wie 
der weibliche, welcher einen dickern Stamm, weisseres und 
besseres Holz hat. Es ist merkwürdig, dass die Frucht 
dieses Baumes von keinem Thiere angerührt wird, obgleich 
der Saft der Blätter und Rinde süss schmeckt. Zwischen 
der Rinde und dem Holze befinden sich vielfache Lagen 
dünner Häute, von welchen die Lindenbinden ihren Namen 
haben; die zartesten von ihnen heissen Philyrae und sind 
durch die Kranzbinden, welche bei den Alten sehr im An- 
sehen standen, berühmt geworden. Das Holz wird von 
Würmern nicht angefressen, ist zwar nicht besonders lang, 
aber sehr nützlich. 

26. 

Der Ahornbaum 2) wird fast ebenso gross, und steht, 
was Schönheit und Zartheit der daraus verfertigten Ar- 
beiten betrifft, nur dem Citrus ^) nach. Es giebt mehrere 
Arten. Der weisse, von vorzüglicher Schönheit, heisst der 
gallische, und wächst in Italien jenseits des Po's, sowie 
hinter den Alpen. Die zweite Art hat krausdurchlaufende 
Flecke; die bessere Varietät davon führt von der Aehnlich- 
keit mit dem Pfauenschwanze diesen Namen und findet 
sich am besten in Istrien und Rhätien. Die schlechtere 
Art heisst die grobaderige. Die Griechen unterscheiden 
sie nach ihren Standorten. Die auf Ebenen wachsende 
soll nämlich weiss, nicht kraus sein, und heisst Glinon*); 



') Tilia. Tilia argentea Desf. 

-) Acer. .^) Vergl. XIII. B. 29. Cap. *) Acer creticum. 



190 Sechszehntes Buch. 

der Bergahorn i) dagegen sei krauser und härter , auch 
habe der männliche mehr Masse und die daraus gefertigten 
Arbeiten verdienten den Vorzug. Eine dritte Art, Zygia 2), 
sei roth, habe ein leicht spaltbares Holz, und eine bleifar- 
bige, rauhe Rinde. Andere verstehen hierunter eine eigene 
Gattung, und nennen sie im Lateinischen Carpinus ^). 

27. 

Von besonderer Schönheit ist das Bruscum, und noch 
viel vortrefflicher das Molluscum; beide sind Auswüchse 
des Ahorns, das erstere mehr krausgedrehet, das Mollus- 
cum einfacher geädert, und hätten sie die zu Tischen er- 
forderliche Grösse, so würden sie ohne Zweifel dem Citrus 
vorgezogen werden. So aber sieht man sie nur selten an 
Schreibtafeln und Stühlen als kleine Platten eingelegt. 
Auch an der Erle 4) findet sich ein Auswuchs, der aber 
um so viel schlechter ist, als sich die Erle von dem xlhorn 
selbst unterscheidet. Die Männchen des Ahorns blühen 
eher; auch zieht man die an trocknen Stellen wachsenden 
denen von nassen vor, wie diess ebenfalls bei der Esche 
geschieht. Jenseits der Alpen wächst ein dem weissen 
Ahorn sehr ähnlicher Baum, welcher Pimpernuss^) heisst 
und Schoten trägt, deren Kerne wie Haselnüsse schmecken. 

28. 

DerBuxbaumß) steht besonders seines Holzes wegen 
sehr im Ansehen, denn dasselbe ist selten, und nur in der 
Wurzel knorrig, empfiehlt sich auch durch eine gewisse 
milde Ruhe, durch Härte und Blässe, der Baum selbst aber 
zu Gartenanlagen. Es giebt 3 Arten: den gallischen, der 
zu Spitzsäulen und auch wohl etwas breiter gezogen wird; 



') Acer luontanum L. (A. Pseudoplatanus) und A, platanoides. 

-) Acer campestre L. 

^) Carpinus Betulus L., die Hainbuche. 

■*) Alnus. Betula Alnus L. 

^) Staphylodendron. Staphylea pinnata L. 

'') Buxus. Buxus sempervirens L. 



Sechszehntes Buch. 191 

den Oleaster, welcher zu nichts taugt und einen starken 
Geruch besitzt; endlich den sogenannten unsrigen, welcher, 
wie ich glaube, ein durch Cultur verbesserter wilder ist, 
sich mehr ausbreitet, dichte Wände bildet, beständig grünt 
und sich beschneiden lässt. Der Buxbaum wächst sehr 
häufig auf den pyrenäischen und cytorischen Grebirgen und 
in dem berecynthischen Distrikte, wird in Corsika am dick- 
sten, seine Blüthe ist nicht unansehnlich, macht aber den 
Honig bitter, und seinen Samen meiden alle Thiere. Auf 
dem Olymp in Macedonien ist er schlanker aber niedriger. 
Er liebt kalte, sonnige Standplätze. Im Feuer ist er so 
hart wie Eisen, giebt weder eine Flamme noch brauchbare 
Kohle. 

29. 
Zwischen diese und die fruchttragenden Bäume stellt 
man wegen ihres Holzes und ihrer Freundschaft mit dem 
Weinstock, die Ulme^). Die Griechen kennen zwei Arten, 
eine auf Bergen wachsende, welche grösser, und eine in 
Ebenen, die strauchartig ist. In Italien neunt man die 
höchsten atinische 2), und zieht unter diesen die trocknen 
nicht feucht stehenden vor. Die zweite Art heisst die galli- 
sche, die dritte, welche dichteres Laub und daher mehr Stiele 
hat, die unsrige, die vierte die wilde. Die atinischen tragen 
keine Flügelfrüchte (so heisst nämlich der Samen der 
Ulme) und pflanzen sich durch Wurzelschösslinge fort, 
während die übrigen aus dem Samen entstehen. 

30. 
Nachdem wir nun die vornehmsten Bäume angeführt 
haben, müssen wir von allen einige allgemeine Bemerkungen 
einschalten. Die Ceder, der Lärchenbaum, die Harzfichte 
und die übrigen, welche Harz liefern, lieben die Berge; 
desgleichen die Kermeseiche, der Buxbaum, die Stecheiche, 
der Wachholder, die Terebinthe, Pappel, die Mannaesche ^), 



M Ulmus. Ulmus campestris und effusa L. 
2) Die Varietät Ulmus suberosa Wild. 
^) Ornus, Fraxinus Ornus L. 



192 Sechszehntes Buch. 

die Kornelkirsche, die Hainbuche. Auf dem Apennin findet 
sich ein Strauch, der Cotinus ^ heisst und durch die 
von ihm kommende Conchylienfarbe bekannt ist , welche 
aber nur zu leinenen Bändern gebraucht wird. Berge und 
Thäler liebt die Tanne, Eiche, Kastanie, Linde, Stecheiche 
und Kornelkirsche. Auf wasserreichen Bergen gedeihen 
der Ahorn, die Esche, der Speierling, die Linde und Kirsche 
gut. Nicht leicht sieht man auf Bergen die Pflaume, Gra- 
nate, den wilden Oelbaum, die welsche Nuss, die Maulbeere, 
den Hollunder. Auch in die Ebenen steigen herab: die 
Kornelkirsche, die Haselnuss, die Eiche, Mannaesche, der 
Ahorn, die Esche, Buche, Hainbuche. Ebenso findet man 
auch auf Bergen: die Ulme, den Apfelbaum, Birnbaum, 
Lorbeer, die Myrte, die blutrothen Sträucher -), die Stech- 
eiche und den zum Färben dienenden Ginster ^), Einen 
kalten Standort liebt der Speierling, und noch mehr die 
Birke ^). Diess ist ein gallischer Baum von ausgezeichneter 
Weisse und Zartheit (der äussersten Rindenschicht), und 
schreckbar durch die obrigkeitlichen Ruthen; er lässt sich 
wegen seiner Biegsamkeit zu Tonnenreifen, sowie zu 
Korbrippen gebrauchen. Die Gallier kochen aus ihr ein 
Bitumen^). Dort wächst auch ein Dornbaum, welcher zu 
Hochzeitsfackeln das glückbringendste Gewächs ist, weil, 
wie Masurius berichtet, die Hirten, welche die Sabinerinnen 
raubten, die ihrigen daraus gemacht hatten. Jetzt gebraucht 
man zu Hochzeitsfackeln am meisten die Hainbuche und 
die Haselstaude. 

3L 
Die Cypresse, welsche Nuss, Kastanie und der Bohnen- 
baum ''') lieben die Nässe nicht. Letzterer ist ein nicht 
allgemein bekannter Alpenbaum mit hartem, weissem Holze, 



») Rhus Cotinus L.? 

2) Wahrscheinlich Cornus alba und sanguinea. 

3) Genista, G. tinctoria L. ") Betula. B. alba L. 
^) Den Birkentheer. 

^) Laburnum, Cytisus Laburnum L. 



Sechszehntes Buch. 193 

dessen ellenlange Blütbeu ') die Bienen nicht berühren. 
Auch steht nicht gern uass der sogenannte Jupitersbart 2), 
der sich als Zierpflanze empfiehlt, beschneiden lässt, rund 
und dicht wächst und ein silberfarbiges Blatt hat. Nur 
an wässrigen Plätzen gedeihen: die Weiden, Erlen, Pappeln, 
der Siler 3) und die Rainweide, welche die besten Würfel 
liefert. Ferner die Vaccinia ^), welche man in Italien zum 
Verkauf pflanzt; in Gallien giebt es aber rothe •■) , mit 
denen die Kleider der Sclaven gefärbt werden. Alle 
Bäume, welche auf Bergen und in Ebenen wachsen, werden 
in diesen grösser und bekommen ein besseres Ansehen; da- 
gegen haben sie auf Bergen besseres und mehr gemasertes 
Holz mit Ausnahme der Aepfel- und Birnbäume. 

32. 

Ferner fallen von einigen Bäumen die Blätter ab, 
andere sind immerwährend grlinbelaubt. Jedoch noch ein 
anderer Unterschied muss diesem vorhergehen; denn einige 
Bäume sind gänzlich wild, andere milder, und nach diesen 
Namen wollen wir sie unterscheiden. Zahme Bäume sind 
aber diejenigen, welche durch ihre Früchte, ihren Schatten 
oder durch sonst etwas dem Menschen nützlich werden, 
und daher nicht unpassend städtische genannt werden 
könnten. 

33. 

Folgende Arten verlieren ihre Blätter nicht: Der 
Oelbaum, der Lorbeer, die Palme, Myrte, Cypresse, Fichte, 
der Epheu, Oleander 0) und (obgleich er ein Kraut ge- 
nannt wird) der Sadebaum ^). Der Oleander kommt, wie 
aus dem Namen erhellet, von den Griechen. Einige nennen 
ihn Neriuni, Andere Rhododaphne; er behält beständig 



') Worunter der ganze (traubige) Blüthenstand zu verstehen 
ist. 2) Jovis barba. Anthyllis cretica W. 

3) Siler. Nach Caesalpin: Der Spindelbaum, Evonymus euro- 
paeus L. *) Vaccinium Myrtillus L. 

^) Vaccinium Vitis idaea L. 

") Rhododendron. Neriuni Oleander L. 

') Sabina. Juniperus Sabina L. 

Wittstein: PliniuB. III. Bd. J3 



194 Sechszeimtes Buch. 

sein Laub, hat Aehnliclikeit mit der Rose, und einen strauch- 
artigen Stengel. Für das Zugvieh, die Ziegen und Schafe 
ist er ein Gift; der Mensch aber gebraucht ihn als Heil- 
mittel gegen das Gift der Schlangen. 

Unter den wilden Bäumen behalten die Blätter: Die 
Tanne, der Lärchenbaum i), der Pinaster, Wachholder, die 
Ceder, Terebinthe, der Buxbaum, die Stecheiche, Kermes- 
eiche, Korkeiche, der Eibenbaum, die Tamariske. Das 
Mittel zwischen beiden Reihen halten der Andrachne in 
Griechenland und der Unedo allenthalben, denn diese ver- 
lieren alle Blätter mit Ausnahme der obersten. Auch 
unter den Sträuchern wirft sie ein Rubus und das Rohr 
nicht ab. Im thurinischen Gebiete, da wo Sybaris stand, 
sah man von der Stadt aus eine Eiche, welche die Blätter 
niemals verlor, auch immer erst nach der ersten Hälfte 
des Sommers ausschlug; und es ist zu bewundern, dass 
griechische Schriftsteller diess berichtet, und die unsrigen 
davon geschwiegen haben. Manche Gegenden besitzen in 
der That eine solche Kraft, dass z. B. um Memphis in 
Aegypten und zu Elephantine in Thebais kein Baum, 
nicht einmal der Weinstock, das Laub verliert. 

34. 

Ausser den früher genannten verlieren alle übrigen 
(welche aufzuzählen zu lange dauern würde) die Blätter, 
und man hat bemerkt, dass nur allein die dünnen, breiten 
und weichen Blätter vertrocknen, und dass die nicht abfal- 
lenden dick und schmal sind. Es ist eine falsche Meinung, 
die Bäume, deren Saft fett sei, verlören sie nicht; denn 
wie lässt sich diess auf die Stecheiche einwenden? Der 
Mathematiker Timäus glaubt, die Blätter fielen, wenn die 
Sonne durch den Scorpion gehe, durch die Wirkung des 
Gestirnes und ein gewisses Gift der Luft, ab. Allein da 
müssen wir mit Recht bewundern, warum diese Ursache 
nicht auf alle Bäume gleichen Einfluss ausübe. Von den 



•) Dieser verliert allerdings jährlich die Nadeln. 



S^chszehntes Buch. 5^95 

meisten Bäumen fällt das Laub im Herbste; einige ver- 
lieren es später und behalten es bis zum Winter. Die^s 
richtet sich jedoch nicht nach dem frühem Ausschlagen, 
denn einige, obwohl sie sehr früh ausschlagen, werden 
mit am spätesten kahl, wie die Mandeln, Eschen, Hollun- 
der. Der Maulbeerbaum aber schlägt am spätesten aus, 
und ist einer der ersten, die die Blätter wieder verlieren. 
Der Erdboden übt hierbei auch seinen Einfluss aus Von 
Bäumen, welche an trocknen und magern Plätzen stehen, 
fallen die Blätter eher ab, desgleichen von alten Bäumen, 
auch von vielen, ehe die Frucht reif ist; so kann man an 
der späten Feige, der Winterbirne und dem Grauatbaum3 
das blosse Obst an der Mutter hängen sehen. Aber auch 
auf den Bäumen, welche ihr Laub behalten, bleiben nicht 
fortwährend dieselben Blätter, sondern es wachsen andere 
nach, während die alten trocken werden, und diess geschieht 
vorzüglich in den längsten Tagen. 

35. 
Eine jede Pflanzenart hat nur Blätter von einerlei 
Beschaffenheit, ausgenommen die Pappel, der Epheu und 
der Wunderbaum, der, wie wir gesagt haben 1), auch Cici 
genannt wird. Es giebt drei Arten Pappeln, weisse 2), 
schwarze^), und die sogenannte Libj^sche*), welche die 
kleinsten Blätter hat, die schwärzeste ist, und wegen der 
an ihr wachsenden Schwämme am meisten geschätzt wird. 
Das Blatt der weissen Pappel ist zweifarbig, oben weiss 
unterhalb grün. Diese, die schwarze und der Wunderbaum 
haben anfangs cirkelrunde Blätter, werden dieselben jedoch 
älter, so gehen sie in Ecken aus. Dahingegen werden die 
anfangs eckigen Blätter des Epheus rund. Von den Pap- 
pelblättern fliegt eine sehr grosse Menge Wolle in die 
Luft''); von der weissen, die, wie schon erwähnt, dichter 



•) XV. B. 7. Cap. -') Populus alba L. 3) Populus nigra L. 
■*) Populus treraula L. 

5) Die herumfliegende Wolle kommt nicht von den Blättern, 
sondern aus den berstenden Früchten. 

13* 



19(3 Sechszelmtes Buch. 

belaubt ist, bildet dieselbe weisse lauge Zotteu. Die 
Blätter des Granat- uud des Mandelbaums sind röthlieh. 

86. 

Ich muss hier eines besonders merkwürdigen Umstan- 
des erwähnen, den man bei der Ulme, Linde, dem Oel- 
baume, der weissen Pappel und Weide bemerkt. Ihre 
Blätter drehen sieh nämlich nach der Sonnenwende 
herum, und diess ist der sicherste Beweis, dass diess Ge- 
stirn seinen Lauf vollendet hat; sie bieten auch noch 
einige allgemeine Unterschiede dar, denn die untere Fläche 
hat eine grasgrüne Farbe, die obere ist glatter und auf 
ihr befinden sich die Rippen, die stärkere Haut und die 
Glieder, die Einschnitte aber unterhalb wie bei der mensch- 
hchen Hand. Die Blätter des Oelbaums und Epheus sind 
oben weisser und weniger glatt. Alle Blätter aber wenden 
sich täglich nach der Sonne, denn auch die untern Theile 
wollen erwärmt sein. Die obere Fläche hat immer einen 
wollartigen Ueberzug, der bei einigen Völkern die Stelle 
der Wolle vertritt. 

37. 

Es wurde bereits angeführt, dass man im Oriente aus 
Palmenblättern starke Stricke macht, die besonders in 
der Kasse sehr brauchbar sind. Auch bei uns sammelt 
man solche Blätter nach der Erute von Palmen ein. 
Unter diesen sind diejenigen, welche sich nicht zertheilt 
haben, die bessern. Man trocknet sie 4 Tage lang unter 
einem Dache, breitet sie dann an der Sonne aus, lässt sie 
auch des Nachts an der Luft, bis sie weiss und dürr ge- 
worden sind, und spaltet sie dann zur weitern Verarbeitung. 

38. 

Die breitesten Blätter hat die Feige, der Weiustock 
und die Platane; schmale die Myrte, der Grauatbaum uud 
Oelbaum; haarartige die Fichte und Ceder; stachliche die 
Kermeseiche und die Stecheiche, und der Wachholder 
statt der Blätter Dornen; fleischige die Cy presse und Ta- 
mariske; sehr dicke die Erle; lange das Rohr und die 
Weide; sogar doppelte die Palme; runde die Birne; kurz- 



Öcchszehntes Buch. 197 

stachlichte der Apfelbaum; eckige der Epheii; lappige die 
Platane; kamraartig eiiigesclinittene die Tanuen; am 
ganzen Umfange buchtige die gemeine Eiche; auf der 
Fläche dornige der Brombeerstrauch. Stechende Blätter 
haben die Fichte, die Tannen, der Lärchenbaum, die Ceder 
und die Kermeseichen. Einen kurzen Stiel haben die 
Blätter des Oelbaums und der Stecheiche; einen langen die 
des Weinstocks, einen zitternden die der Pappeln, welche 
allein unter sich ein Geräusch machen. Ja selbst aus 
Früchten, z. B. aus einer Art Aepfeln, wachsen ein, zuwei- 
len auch zwei Blätter heraus. Bei einigen sitzen sie an den 
Aesten herum, bei andern an der Spitze derselben, bei 
der Eiche am Stamme selbst. Bald stehen sie dicht, bald 
einzeln; die breiten stehen stets mehr vereinzelt. An der 
Myrte finden sie sich regelmässig geordnet, am Bux- 
baume hohl, den Apfelbäumen ohne Ordnung. An den 
Apfel- und Birnbäumen kommen mehrere aus einem Stiele 
hervor. Bei der Ulme und dem Cytisus sind sie voll 
kleiner Aeste. Hierzu fügt Cato noch die abfallenden 
wnd sagt, man solle die Pappel- und Eichenblätter dem 
Vieh nicht zu trocken geben, und dem Rindvieh auch das 
Laub von der Feige, Stecheiche und dem Epheu. Man giebt 
ihnen auch das vom Schilfe und Lorbeer. Vom Speierlings- 
baume fällt alles Laub auf einmal, von den übrigen Bäumen 
nur nach und nach ab. So viel von den Blättern. 

39. 
Die jährliche Ordnung in der Natur ist aber fol- 
gende. Zuerst findet die Befruchtung statt, und zwar 
wenn der Westwind zu wehen anfängt, etwa am 18. Fe- 
bruar. Durch ihn wird alles, was aus der Erde hervor- 
kommt, befruchtet, ja selbst die Stuten in Spanien, wie 
wir bereits gesagt haben. Er ist der erzeugende Hauch 
des Weltalls, und hat daher auch, wie Einige glauben, 
vom brüten i) seinen Namen erhalten. Er wehet gerade 
von Westen her und eröffnet den Frühling. Die Bauern 
nennen es die Brunstzeit, wenn die Natur begierig ist, 

') favere, davon Favonius. 



198 Sechszehntes Buch. 

Samen zu empfangen und dem ganzen Gewächsreiehe Le- 
ben damit einzuhauchen. Die Pflanzen werden in ver- 
schiedenen Tagen und eine jede ihrer Natur gemäss be- 
fruchtet. Einige tragen bald darauf Früchte, wie manche 
Thiere; andere erst später und gehen gleichsam länger 
damit schwanger, was daher das Hervorsprossen *) genannt 
wird. Sie gebären aber, wenn sie blühen, und ihre Blüthe 
besteht aus zerrissenen Bälgen. Die Erziehung findet an 
der Frucht statt; diess ist nämlich auch ein Act des 
Sprossens. 

40. 
Die Blüthe zeigt den vollen Frühling und das wieder 
neugeborene Jahr an; sie ist die Freude der Bäume. 
Dann zeigen diese sich neu und anders als zuvor; dann 
schwelgen sie bis zum Wettstreite in üppigem Farben- 
wechsel. Jedoch ist dieser Vorzug sehr vielen unter ihnen 
versagt, denn nicht alle tragen Blüthen, sondern manche 
sind traurig, und fühlen die Freuden des Jahreswechsels 
nicht. Denn weder die Stecheiche, noch die Tanne, Lärche 
und Fichte freuen sich der Blüthen oder versprechen das 
Entstehen ihrer Früchte durch jährliche Wiederkehr von 
bunten Vorboten; auch die zahmen und wilden Feigen 
blühen nicht, denn mit den Blüthen kommt auch zugleich 
die Frucht. Bei den Feigen ist das Fehlschlagen mancher 
Früchte, die reif werden, merkwürdig. Auch der Wach- 
holder^) blüht nicht. Einige geben 2 Arten davon an, 
von denen angeblich eine blühe und nicht trage, an der- 
jenigen aber, welche nicht blühe, entständen sogleich 
Beeren, die 2 Jahre lang hängen blieben. Allein diess ist 
unrichtig ^), denn sie sehen alle beständig widrig aus. So 
entbehrt denn auch das Schicksal vieler Menschen der 
Blüthe. 



*) germinatio. 

-) Juniperus. Juniperus comuiunis L. 

'•>) Im Gegentheile ist hier des Plinius Ansicht falsch, und das 
Gesagte richtig. 



Sechszehntes Buch. 199 

41. 

Alle Bäume aber, selbst die welche nicht blühen, 
schlagen aus, jedoch findet dabei hinsichtlich des Stand- 
ortes ein grosser Unterschied statt. Diejenigen von ein 
und demselben Geschlechte, welche in Sümpfen stehen, 
kommen zuerst, dann die auf Ebenen und zuletzt die in 
Wäldern; die Holzbirnen überhaupt aber später als die 
übrigen Bäume. Sobald der Westwind zu wehen beginnt, 
schlägt die Kornelkirsche aus, dann zunächst der Lorbeer, 
kurz vor dem Aequinoctium die Linde, der Ahorn. Unter 
die ersten gehört ferner die Pappel, Ulme, Weide, Erle 
und die Nuss. Auch die Platane kommt zeitig. Die 
übrigen beim Beginn des Frühlings, als die Kermeseiche, 
Terebinthe, der Judendorn i), die Castanie und die Eichel- 
bäume. Später der Apfelbaum und am spätesten die Kork- 
eiche. Bei einigen findet ein doppeltes Ausschlagen statt, 
was entweder von zu grosser Fruchtbarkeit des Bodens 
oder von der reizenden Wollust der Luft herrührt; doch 
trifft man diess mehr bei dem Kraute der Feldsaaten. Bei 
Bäumen verursacht das zu starke Treiben eine gewisse 
Erschlaffung. 

Manchen Bäumen sind, ausser dem im Frühlinge statt- 
findenden, noch andere Arten des Sprossens natürlich eigen, 
welche mit ihren Gestirnen im Zusammenhange stehen, 
und wovon wir die Ursache passender im dritten auf dieses 
folgenden Buche angeben werden. Der Wiutertrieb ge- 
schieht beim Aufgange des Adlers, der Sommertrieb beim 
Aufgange des Hundssterns, der dritte beim Aufgange des 
Arcturs. Einige glauben, die beiden letzteren seien allen 
Bäumen gemein, man bemerke sie aber am meisten bei 
der Feige, dem Weinstock und der Granate, denn um 
diese Zeit brechen z. B. die Feigen in Thessalien und 
Macedonien am meisten aus. Doch findet diess in Aegyp- 
ten am augenscheinlichsten Statt. Die übrigen Bäume 



') Paliurus Rhamnus Paliurus L. 



200 Sechszehntes Buch. 

setzen ihren Trieb, wie sie ihn angefangen haben, fort. 
Die Eiche, Tanne und Lärche setzen 3 mal ab, und treiben 
3 Knospen, daher sie auch 3 mal aus der Rinde Augen 
treiben, was bei allen Bäumen während des Triebes erfolgt, 
weil durch das Strotzen die Rinde zersprengt wird. Ihr 
erster Trieb geschieht mit dem Anfange des Frühlings in 
etwa 15 Tagen; dann treiben sie vom Neuem, wenn die 
Sonne durch die Zwillinge geht. Daher kommt es, dass 
die ersten Spitzen von den nachfolgenden durch einen 
gelenkartigen Anwuchs fortgetrieben zu werden scheinen. 
Der dritte und kürzeste Trieb fällt in die Zeit der Sonnen- 
wende , und dauert nicht länger als 7 Tage. Alsdann 
sieht man auch deutlich die Gliederung der heranwachsen- 
den Spitzen. Nur der Weinstock treibt zweimal, zuerst 
wenn er die Trauben ansetzt und zweitens, wenn deren 
Saft sich ausbildet. Diejenigen, welche nicht blühen, zeigen 
bloss den Fruchtansatz und ihr Reifwerden. Einige blühen, 
sobald sie ausschlagen und eilen damit, bringen aber spät 
reife Früchte, wie z. B. die Weinstöcke. Einige blühen 
bei sehr spätem Ausschlagen, und reifen schnell, wie der 
Maulbeerbaum, welcher unter den zahmen am spätesten, 
und nicht eher, bis keine Kälte mehr eintritt, sich belaubt; 
daher wird er auch der klügste Baum genannt. Fängt 
er aber einmal au, so dauert sein ganzes Ausschlagen 
nicht länger als eine Nacht und ist sogar mit Geräusch 
verbunden. 

42. 
Von denen, welche, wie wir gesagt haben, im Winter 
beim Aufgange des Adlers treiben, blühet der Mandelbaum 
zuerst unter allen im Januar, seine Frucht kommt aber 
erst im März zur Reife. Demnächst blühen die armeni- 
schen, knolligen und frühen Pflaumen, jene als Fremdlinge, 
diese als getrieben. In natürlicher Ordnung aber unter 
den wilden zuerst der Hollunder, welcher das meiste Mark 
hat, und der männliche Kornelkirscheubaum, in welchem 
gar keins ist; unter den zahmen der Apfelbaum, und kurze 
Zeit darauf, so dass man es zugleich sehen kann, der 



Sechszehntes Buch. 201 

Biiii', Kirsch- und Pflaumenbaum. Nun folgt der Lorbeer, 
auf diesen die Cypresse, dann die Granate und Feige. 
Der Weinstoek und Oelbaum aber schlagen erst aus, wenn 
jene schon blühen; sie treiben beim Aufgange des Sieben- 
gestirns, diess ist nämlich ihr Gestirn. Der Weinstock, 
blühet bei der Sonnenwende, und etwas später der Oel- 
baum. Alle Bäume blühen nicht schneller als in 7 Tagen 
ab, einige brauchen noch länger dazu, jedoch niemals mehr 
als 14 Tage, und zwar stets noch vor dem 8. Juli, welcher 
den Passatwinden vorhergeht. 

43. 

Bei einigen Bäumen folgt auf die Bliithe nicht sogleich 
die Frucht. Der Kornelkirschenbaum ') bringt um den 
längsten Tag seine Frucht, und zwar ist sie erst weiss, 
dann roth. Das Weibchen derselben Art trägt nach dem 
Herbste herbe und für alle Thiere ungeniessbare Beeren; 
auch ist sein Holz schwammig und unbrauchbar, während 
das der Männchen zu den festesten gehört. So gross ist 
der Unterschied in ein und derselben Art. Aber auch die 
Terebinthe, der Ahorn und die Esche haben erst zur Zeit 
dei" Ernte reifen Samen; der Nuss-, Apfel- und Birnbaum, 
das Winterobst und das frühzeitige ausgenommen, im 
Herbste. Die . eicheltragenden Bäume noch später, beim 
Untergange des Siebengestirns, die Speiseiche nur im Herbste, 
beim Beginn des Winters aber einige Apfel- und Birnarten und 
die Korkeiche. Die Weisstanne trägt zur Zeit der Sonnen- 
wende safranfarbige Blüthen und nach dem Untergange 
des Siebengestirns Samen. Die Fichte und Rothtanne 
kommen ihm mit dem Ausschlagen beinahe 15 Tage zuvor,, 
führen aber auch erst gleichzeitig mit ihm Samen. 

44. 

Von dem Citrus, dem Wachholder und der Stecheiche 
glaubt man, dass sie ihre Früchte 1 Jahr lang tragen, 
denn die neue hängt zugleich mit der vorjährigen an 
ihnen. Die meiste Bewunderung verdient aber die Fichte, 



') Cornus. Coinus mascula L. 



202 Sechszehntes Buch. 

denn sie trägt zugleich reifende Früchte, solche die im 
nächsten, und solche die im 3. Jahre reif werden; kein 
Baum wächst auch begieriger. In demselben Monate, wo 
man eine Nuss von ihm abbricht, wird wieder eine andere 
reif, und es ist so eingerichtet, dass in jedem Monate einige 
reif werden. Diejenigen, welche sich auf dem Stamme 
selbst aufschlitzen, heissen Dürräpfel i); werden diese nicht 
abgenommen, so verderben sie die übrigen. 

' 45. 

Unter allen Bäumen sind es folgende, welche keine 
Frucht, d. h. nicht einmal Samen tragen: die Tamariske, 
welche bloss um der Besen willen wächst, die Pappel, 
Erle, atinische Ulme, der Alaternusstrauch 2), dessen Blätter 
das Mittel zwischen denen der Stecheiche und des Oel- 
baums halten. Man bezeichnet aber die Bäume, welche 
weder gepflanzt werden noch Früchte tragen, für unglück- 
lich und durch die Religion verworfen. Cremutius berich- 
tet, der Baum, au welchen sich die Phyllis aufgehängt 
habe, grüne niemals. Die Harzbäume werden nach dem 
Ausschlagen geöffnet, das Harz aber wird nicht eher dick, 
bis die Frucht abgenommen ist. 

46. 

Junge Bäume haben, so lange sie wachsen, keine 
Frucht. Der Palmen-, Feigen-, Mandel-, Apfel- und Birn- 
baum verlieren ihre Frucht sehr leicht vor der Reife ; 
ebenso der Granatbaum, von dem sogar durch zu viel Thau 
und Reif die Blüthen abfallen. Daher biegen sich seine 
Aeste einwärts, um nicht, in aufrechter Stellung, die schäd- 
liche Feuchtigkeit aufzunehmen und zurückzuhalten. Der 
Birn- und Mandelbaum verlieren, auch wenn es nicht regnet, 
sondern schon bei Südwind und nebligem Himmel ihre 



') Azaniae von at^avoj ausdörren. Andere Lesarten haben: Za- 
iniae von t,7ifiia: Schaden. 

2) Alaternus. Rhamnus Alaternus. Dass Phnius die eben ge- 
nannten Bäume für unfruchtbar hält, beweist nur die OberflächUch- 
keit seiner Beobachtungen. 



Öechszehntes Buch. 203 

ßliithen und, wenn nach dem Abblühen solche Tage ein- 
treten, ihre ersten Früchte. Am schnellsten aber verliert 
die Weide ihren Samen, denn er fällt schon vor der völ- 
ligen Eeife ab, daher sie auch Homer die Fruchtabv^er- 
fende ^) nennt. In der Folge hat die Lasterhaftigkeit der 
Menschen diesem Ausspruche seine Deutung gegeben, denn 
bekanntlich wird der Same als ein Mittel zur Unfruchtbar- 
keit der Weiber angewendet. Aber auch hierin zeigte 
sich die Vorsehung der Natur dadurch, dass sie bei der 
Weide, welche leicht, und schon aus einem einge- 
steckten Reise hervorwächst, sorgloser hinsichtlich des Sa- 
mens verfuhr. Eine Weide jedoch, welche auf der Insel 
Greta, am Eingange in die Höhle des Jupiters steht, 
soll ihre Samen zur Reife bringen, diese sind aber hässlieh, 
holzig und von der Grösse einer Kichererbse. 

47. 
Einige sind in Folge eines fehlerhaften Bodens un- 
fruchtbar, wie z, B. die, welche im Walde Parus gehauen 
werden und nichts tragen. Die Pfirsichbäume auf Rhodus 
blühen bloss. Ein solcher Fall rührt auch von dem Ge- 
schlechte her, denn die männlichen Bäume bringen keine 
Früchte hervor. Andere Leute kehren diess um und sagen, 
die Männchen seien es, welche trügen. Eine andere Ur- 
sache der Unfruchtbarkeit ist die Dichtigkeit. 

48. 
Unter den fruchtbringenden tragen einige au den 
Seiten und Spitzen der Aeste, wie die Birn-, Granaten-, 
Feigen- und Myrtenbäume, übrigens auf dieselbe Weise 
wie bei den Feldfrüchten; denn bei diesen entsteht auch 
die Aehre an der Spitze, die Schote an den Seiten. Die 
Palme allein hat, wie wir gesagt haben, ihre Früchte in 
Scheiden, aus welchen sie traubig herabhängen. 

49. 
Bei den übrigen sitzt die Frucht unter dem Blatte, 
damit sie geschützt werde, mit Ausnahme der Feige, denn 

M Frugiperda. 



204 Sechszehntes Buch. 

diese hat das grösste und schattenreichste Blatt und daher 
die Frucht über demselben; auch kommt ihr Blatt spä- 
ter als die Frucht. Man erzählt als eine Merkwürdig- 
keit von einer Art Feigen in Cilicien, Cyperu und Hellas, 
welche unter den Blättern sitzen, aber erst nach der Ent- 
wicklung der Blätter kommen. Es giebt auch Frühfeigen, 
welche zu Athen die Vorläufer heissen. Unter der la- 
conischen Art giebt es die grössten. 

50. 

Es giebt Feigenbäume, welche zweimal (jährlicli) 
tragen. Auf der Insel Cea tragen die wilden Feigen- 
bäume dreimal. Durch die erste Frucht wird die zweite, 
uud durch diese die dritte hervorgerufen, und zwar ge- 
schieht diess durch die Caprification. Die wilden Feigen 
wachsen auch den Blättern gegenüber. Auch unter den 
Apfel- und Birnbäumen giebt es solche, welche zweimal 
tragen, sowie frühe. Der wilde Apfelbaum trägt zweimal; 
seine zweite Frucht erscheint, besonders an sonnigen 
Stellen, nach dem Aufgange des Arcturus. Es giebt sogar 
Weinstöcke, welche dreimal tragen, uud deswegen die un- 
bändigen heissen, denn man findet au ihnen zugleich reife 
Früchte, wachsende und Blütheu. M. Varro erzählt, zu 
Smyrna bei Matrous habe ein Weinstock, uud im consen- 
tinischen Gebiete ein Apfelbaum zweimal getragen. Diess ge- 
schieht aber fortwährend in Afrika im tacapensischem Ge- 
biete (worüber wir später noch ausführlicher reden werden); 
so gross ist die Fruchtbarkeit jenes Bodens. Auch die Cy- 
presse trägt dreimal; denn man sammelt von ihr die Kerne 
im Januar, Mai und September, und diese sind von dreier- 
lei Grösse. 

Auch hinsichtlich der Vertheilung der Früchte auf den 
Bäumen finden sich Verschiedenheiten. Der Erdbeerbaum 
und die Eiche sind an ihrer obern Hälfte am fruchtbarsten, 
die Wallnuss- und ordinären Feigenbäume an ihrer untern. 
Alle Bäume tragen um so zeitiger, je älter sie werden, und 
namentlich an sonnigen Plätzen, nicht aber in einem fetten 
Boden; alle wilden Bäume hingegen später. Einige von 



Sechszehntes Buch. 205 

diesen bringen gar nichts zur Reife. Die, welche behackt 
und an der Wurzel gesäubert werden, tragen schneller als 
solche, bei denen diess nicht geschieht, sind auch frucht- 
barer. 

51. 
Einen Unterschied macht ferner das Alter; denn der 
Mandel- und Birnbaum sind im Alter am fruchtbarsten, 
ebenso die eicheltragenden Bäume und eine Art Feigen. 
Die übrigen und die später reifenden in der Jugend, was 
man am meisten an den Weinstöcken bemerkt, denn die 
alten geben bessern, die jungen aber mehr Wein. Der 
Apfelbaum aber altert sehr schnell und trägt im Alter 
schlechtere Früchte; diese sind nemlich dann kleiner und 
dem Wurmstich unterworfen, ja die Würmer entstehen so- 
gar im Baume selbst. Die Feige ist die einzige Frucht, 
welche durch Insekten zur Reife gebracht wird; sie gehört 
zu den Seltsamkeiten, weil alles Verkehrte einen höhern 
Werth hat. Alle Bäume, welche allzu fruchtbar sind, werden 
schneller alt; ja einige gehen sogleich aus, wenn die Wit- 
terung alle ihre Fruchtbarkeit hervorgelockt hat, ein Um- 
stand, der sich bei den Weinstöckeu vorzüglich ereignet. 
Der Maulbeerbaum hingegen, der durch seine Frucht nicht 
erschöpft wird, altert sehr langsam; desgleichen werden 
die Bäume mit aderigem Holze, wie der Ahorn, die Palme 
und Pa])pel, spät alt; diejenigen aber, welche mau unten 
aufackert, früher, sehr spät hingegen die wilden. Im 
Ganzen kann man annehmen, dass Sorgfalt die Fruchtbar- 
keit, und diese das Alter herbeiführt; daher blühen solche 
auch früher, schlagen früher aus, und sind überhaupt zeitiger, 
weil alles, w^as schwach, der Einwirkung der Witterung 
mehr unterworfen ist. 

52. 
Viele Bäume tragen mehrerlei, wie wir bereits bei 
den eicheltragenden gesagt haben. Unter diesen hat der 
Lorbeer seine Trauben, und der, w'elcher nichts weiter 
trägt, ist sehr unfruchtbar und wird daher für das Männchen 
gehalten. Auch die Haselsträuche tragen in eine Haut ein- 



206 Sechszehntes Buch. 

geschlossene Kätzchen, welche zu nichts gebraucht werden 
können. Der Buxbaum aber trägt das meiste Verschieden- 
artige, nämlich seinen Samen, ferner ein Korn, welches 
Cratägus genannt wird, gegen Norden die Mistel und 
gegen Süden den Hyphear i), worüber wir bald mehr 
sagen werden. Zuweilen enthält er diese 4 Gegenstände 
zugleich. 

53. 
Einige Bäume wachsen einfach, indem von der Wurzel 
nur 1 Stamm und (oben) zahlreiche Aeste ausgehen, wie 
die Oel- und Feigenbäume und Weinstöcke. Andere sind 
strauchig, wie der Paliurus, die Myrte und die Haselnuss; 
letztere trägt sogar bessere und häufigere Früchte, wenn 
sie in viele Aeste zertheilt ist. Andere haben gar keinen 
Samen, wie eine Art Buxbaum und der überseeische Lotus . 
Einige haben 2 Stämme , ja man trifft sogar 5 theilige 
Stämme an. Einige sind getheilt und nicht ästig, wie der 
HoUunder; andere ungetheilt und ästig, wie die Tannen. 
An einigen sitzen die Aeste in einer gewissen Ordnung, 
z. B. an den Tannen; an andern ohne Ordnung, wie an 
der Eiche, dem Apfel- und Birnbäume. Die Tanne beson- 
ders zeigt eine gerade Theilung und zum Himmel gerich- 
tete, nicht flach liegende Aeste. Merkwürdig ist, dass, 
wenn man die Spitzen derselben abhauet, der Baum ver- 
trocknet, hingegen am Leben bleibt, wenn sie ganz weg- 
genommen werden; auch wenn er unterhalb der Zweige 
abgehauen wird, gedeihet er fort, nimmt man ihm aber 
nur den Gipfel, so stirbt er. Einige Bäume th eilen sich 
von der Wurzel an armförmig aus, wie die Ulme. Andere 
sind an der Spitze ästig, wie die Fichte und der Lotus 
oder die griechische Bohne 2)^ welche man in Rom von 
ihrer wohlschmeckenden, zwar wilden aber den Kirschen 
nahe kommenden Frucht, Lotos nennt. Man zieht ihn be- 
sonders gern an Häusern, weil er einen kurzen Stamm hat 



') Im 93. Cap. dieses Buches. 

-) Die Dattelpflaume, Diospyros Lotus L 



Sechszehntes Buch. 207 

und durcb seine ausscbweifenden Aeste, die sieh oft bis zu 
den Nachbarhäusern erstrecken, viel Schatten verbreitet. 
Kein Baum verleihet auf kürzere Zeit Schatten, denn im 
Winter hält er die Sonne nicht ab, weil er dann keine 
Blätter bat; keiner hat eine angenehmere und für die Augen 
gefälligere Rinde, und keiner längere und stärkere oder 
mebr Aeste, so dass man sie eben so viele Bäume nennen 
könnte. Mit seiner Rinde färbt man Häute, und mit der 
Wurzel Wolle. Von den Aepfeln hat man noch eine bO' 
sondere Art, die wilden nämlich, welche wie Schnäbel aus- 
sehen, denn an einem grossen hängen noch mehrere kleine. 

54. 
Einige Aeste sind blind und schlagen nicht aus; diess 
iceschieht entweder von Natur, wenn sie nicht kräftig genug 
dazu sind, oder zur Strafe, wenn beim Abhauen die Wunde 
nicht sorgfältig wieder vernarbt ist. Den Aesten der ge- 
theilten Bäume entsprechen die Augen des Weinstocks und 
die Gelenkknoten des Robrs. Alle Theile, welche der Erde 
am nächsten stehen, sind dicker. In die Länge wachsen 
die Tanne, Lärche, Palme, Cy presse, Ulme, und die sonst 
einstämmig sind. Unter die ästigen gehört auch der Kirsch- 
baum, von dem man 40 Cubitus lange, und überall 2 Cu- 
bitus dicke Balken findet. Einige breiten sich sogleich in 
Aeste aus, wie die Apfelbäume. 

55. 

Die Rinde ist an einigen dünn, z. B. am Lorbeer, der 
Linde; an andern dick, wie an der Eiche; au andern glatt ^ 
wie am Apfel- und Feigenbaume; an andern rauh, wie an 
der Eiche und Palme. Bei allen ist sie im Alter runzliger . 
Bei einigen, z. B. dem Weinstocke, platzt sie von selbst; 
von einigen fällt sie ab, wie vom Apfelbaume und dem 
Unedo; bei einigen ist sie fleischig, z. B. bei der Korkeiche 
und Pappel; häutig, wie bei dem Weinstock und Schilfe ; 
bastähnlich beim Kirschbaume; vielhäutig beim Weinstock, 
der Linde und Tanne; einfach beim Feigenbaume und 
Schilfe. 



208 Sechszehntes Buch. 

56. 
Die Wurzeln sind sehr verschieden unter einander. 
Sehr zahlreiche haben die Feige, Eiche und Platane; kurze 
und dünne der Apfelbaum; ganz besondere die Tanne und 
Lärche, denn sie stützen sich darauf, obgleich die kleineu 
auf die Seiten vertheilt sind. Der Lorbeer hat dickere 
und ungleiche, ebenso der Oelbaum, bei dem sie auch ästig 
sind. Die Eiche hat fleischige, tief in die Erde gehende. 
Wenn wir Virgil glauben wollen, so steigt die Speiseiche 
mit ihrer Wurzel so tief, als sie mit dem Stamme über 
der Erde hervorragt. Die Wurzeln des Oelbaumes, des 
Apfelbaumes und der Cypresse verbreiten sich nur oben 
unter dem Rasen. Einige laufen gerade aus wie die des 
Lorbeers und Oelbaumes, andere in Krümmungen, wde die 
des Feigenbaumes. Einige sind durch kleine Haarfasern 
rauh wie bei der Tanne und vielen wilden Bäumen, aus 
denen die Gebirgsbewohner ansehnliche Flaschen und an- 
dere Gefässe flechten, nachdem sie die dünnen Fasern ab- 
geschnitten haben. Manche sagen, die Wurzeln gingen 
nur so tief, als die Sonne sie erwärmen könnte, und diess 
hänge von dem lockern oder festern Boden ab; allein ich 
halte diess für unrichtig. Wenigstens findet man bei 
mehreren Schriftstellern angeführt, dass eine Tanne, welche 
versetzt wurde, 8 Cubitus tief gehende Wurzeln hatte, und 
nicht einmal ganz ausgegraben, sondern abgerissen war. 
Der Citrus hat die ausgedehnteste und vollste Wurzel; 
hierauf folgen die Platane, Eiche und die übrigen eichel- 
tragenden Bäume. Bei einigen zeigt sich die Wurzel lebens- 
kräftiger als der Obertheil, wie z. B. beim Lorbeer; ist 
daher sein Stamm vertrocknet und man hauet ihn ab, so 
wächst bald wieder ein neuer hervor. Manche sind der 
Meinung, dass Bäume mit kurzen Wurzeln eher alt würden; 
dem widersprechen jedoch die Feigenbäume, welche sehr 
lange Wurzeln haben und sehr schnell altern. Ich halte 
auch das, was Andere berichtet haben, für falsch, dass näm- 
lich die Wurzeln der Bäume durchs Alter sich vermindern; 
denn ich habe eine alte durch den Sturmwind umgerissene 



Sechszehntes Buch. 209 

Eiche gesehen, deren Wurzeln ein Jugerum Landes ein- 
nahmen. 

57. 
Es ist nichts Ungewöhnliches, dass umgeworfene Bäume 
sich erholt, und in einem Erdrisse wieder ausge- 
schlagen haben. Bei den Platanen tritt diess oft ein, 
weil die Aeste wegen ihrer dichten Stellung sehr viel Wind 
fassen; nachdem diese abgeschnitten sind, werden die da- 
durch erleichterten Bäume in ihre (selbst gemachte) Grube 
wiederum eingesetzt. Auf gleiche Weise ist man auch 
schon mit den Wallnuss-, Oel- und andern Bäumen ver- 
fahren. Man hat Beispiele, dass viele Bäume ohne Mit- 
wirkung des Sturmes oder einer andern Ursache als durch 
ein Wunder niedergefallen und sich von selbst wieder auf- 
gerichtet haben. Ein solches Ereignis« widerfuhr den rö- 
mischen Bürgern im cimbrischen Kriege zu Nuceria im 
Haine der Juno mit einer Ulme, deren Spitze, nachdem sie 
abgehauen war, weil sie auf den Altar herabhiug, sich von 
selbs't wieder herstellte, so dass sie bald darauf Blüthen 
trug, und von dieser Zeit an hob sich das Ansehen des 
römischen Volkes wieder, welches vorher durch mehrere 
Niederlagen geschwächt war. Etwas ähnliches soll zu Phi- 
lipp! mit einer umgefallenen und abgebrochenen Weide, 
desgleichen zu Stagira im Museum mit einer weissen Pap- 
pel geschehen sein. Alles diess waren gute Vorbedeutungen. 
Aber das grösste Wunder ist, dass eine Platane zu Autan- 
drus von 15 Cubitus Länge und 4 Ellen Dicke, welche 
s^chon ringsum behauen war, sich von selbst wieder aufge- 
richtet und gegrünt hat. 

58. 

Bäume, welche uns die Natur liefert, entstehen auf 

dreierlei Weise, von selbst, aus dem Samen oder aus der 

Wurzel. Die Kunst kennt noch zahlreichere Methoden, von 

denen wir jedoch in einem eigenen Buche reden werden i), 



') Im XVII. B. 

VVittstein: Pliuius. III. Bd. 



14 



210 Sechszehntes Buch. 

denn jetzt beschäftigen wir uns noch mit der Natur, die 
uns so vieles Merkwürdige und Wunderbare darbietet. Wir 
haben nemlich schon gezeigt, dass nicht Jedes überall 
wächst, und dass Manches, was versetzt wird, nicht fort- 
kommt. Diess rührt bald von dem Widerwillen, bald von 
dem Eigensinn, öfters noch von der Zartheit dessen, was 
versetzt wird, mitunter auch von widerstrebendem Klima 
oder Boden her. 

59. 

Der Balsambaum wächst nirgends anders, der assyrische 
Apfelbaum trägt nirgends anders (als in seinem Vaterlande); 
ebenso geht es mit dem Wachsen oder Tragen der Palme, 
ja, wenn sie Früchte bekommt, so werden sie nicht reif, 
gleichsam als wenn sie sie wider Willen hervorgebracht 
hätte. Der Zimmtstrauch hat nicht die Kraft, in die Nach- 
barschaft Syriens zu kommen. Die Gewürze Amomum 
und Nardus vertragen es nicht, zu Schiffe aus Indien nach 
Arabien zu wandern; einen derartigen Versuch machte 
nemlich Seleucus. Am meisten muss man sich darüber 
wundern, dass man Bäume beim Transporte lebend erhält, 
und zuweilen dem Boden eine solche Beschaffenheit geben 
kann, dass fremde Bäume darin gedeihen; das Klima aber 
lässt sich durch kein Mittel verändern, In Italien lebt der 
Pfeffer bäum, die Cassia selbst im nördlichen Theile dieses 
Landes; in Lydien ist auch der Weihrauchbäum fortge- 
kommen. Allein woher soll man die Sonnenstrahlen nehmen, 
welche allen Saft aus ihnen ziehen, und das Harz voll- 
kommen ausbilden? 

Fast ebenso merkwürdig ist es, dass die Natur dieser 
Bäume sich verändert, und daher in ihren Wirkungen ohne 
Unterschied dieselbe ist. Die Ceder gab sie den heissen 
Ländern; sie wächst aber auch auf den lycischen und phry- 
gischen Bergen, Den Lorbeer hatte sie zur Feindin der 
Kälte gemacht, und doch ist kein Baum häufiger auf dem 
Olymp. Am cimmerschen Bosporus in der Stadt Pantica- 
paeum gaben sich der König Mithridates und die übrigen 
Einwohner alle mögliche Mühe, wenigstens um der Opfer 



Sechszehntes Buch. 211 

willen Lorbeer und Myrte zu ziehen, allein es glückte 
ihnen nicht, obgleich es dort warm genug für Bäume ist, 
auch Granaten, Feigen und die köstlichsten Birnen und 
Aepfel daselbst wachsen. Auch hat die Natur dort keine 
an Kälte gewöhnte Bäume erzeugt wie die Fichten und 
Tannen. Doch was haben wir nöthig bis nach dem Pontus 
zu gehen? Selbst in der Nähe von Rom kommen die Ka- 
-stanien und Kirschen, im Tusculanischen die Pfirsiche 
schwer fort, und kaum lassen sich daselbst die Mandeln 
acclimatisiren, während es zu Terracina ganze Wälder da- 
von giebt. 

60. 
Die Cypressei) war vormals bei uns ein Fremdling 
und gedieh nur sehr mühsam, so dass Cato ausführlicher 
und öfter von ihr redet, als von allen andern Bäumen. 
Sie wächst schwer, trägt überflüssig viele Früchte, welche 
herbe Beeren darstellen, hat bittere Blätter, einen sehr 
starken Geruch, giebt wenig Schatten, und hat wenig Holz, 
so dass sie fast zu den Sträuchern gehört. Sie ist dem 
Pluto geweihet und wird daher vor die Häuser zum Zeichen 
einer darin befindlichen Leiche gesetzt. Das Weibchen 
bleibt lauge unfruchtbar. Endlich hat man ihn doch in 
Form von Spitzsäulen nicht verschmähet, um dadurch we- 
nigstens die Reihen der Fichtenbäume zu unterscheiden; 
jetzt aber beschneidet man ihn zu dichten Wänden, und 
zwingt ihn gleichsam dadurch immer dünn und zart zu 
bleiben. Man nimmt ihn auch zu Landschafts-Gemälden, 
und bekleidet Jagden, Flotten und Bilder anderer Gegen- 
stände mit seinen dünnen, kurzen und immer grünen 
Blättern. Es giebt 2 Arten : die pyramidenförmige, welche 
bis zur Spitze hinauf gewunden ist, und das Weibchen ge- 
nannt wird. Die andere, das Männchen, breitet ihre Aeste 
nach aussen hin, und wird beschnitten. Von beiden hauet 
man die Aeste und versetzt sie zu Pfählen und Latten, 
von denen im 13. Jahre das Stück 1 Denar kostet. Ein 



') Cupi-essus. C. sempervirens L. 

14* 



212 Sechszehntes Buch. 

Wald solcher Bäume bringt durch seine Anpflanzung ausser- 
ordentlichen Gewinn; daher nannten auch die Alten solche 
Pflauzschulen die Mitgift der Töchter. Das Vaterland der 
Cypresse ist die Insel Greta; zwar nennt Cato sie die ta- 
rentinische, und, wie ich glaube, deshalb, weil man sie zu- 
erst dahin gebracht hat. Auf Aenaria wächst sie wieder, 
wenn man sie abgehauen hat. Auf Creta entsteht sie selbst 
durch die Kraft der Natur, wenn man irgendwo die Erde 
aufwühlt, und schiesst bald daranf hervor; anch sogar ohne 
Bearbeitung des Bodens gedeihet sie, und diess nament- 
lich auf den idäischen Bergen, den sogenannten weissen 
Bergen, und den höchsten Jochen, welche immer mit Schnee 
bedeckt sind, — was merkwürdig ist, da sie anderswo nur 
iu einem warmen Himmelsstriche fortkommt, und nicht 
jeder Erdboden ihr zusagt. 

61. 

Bei den Bäumen kommt es nicht nur auf die Be- 
schaffenheit des Bodens und des Klimas an, sondern auch 
die zu Zeiten fallenden Regen üben ihren Einfluss aus. 
Die Wasser führen nemlich meistens Samen mit sich, und 
enthalten bald diese bald jene Art, zuweilen selbst eine 
unbekannte. Der letztere Fall ereignete sich im Cyre- 
naischen, wo zuerst das Laserpitium, wie wir bei den 
Kräutern noch anführen werden i), hervorkam. So ist auch 
nahe bei Rom, ungefähr im 430. Jahre der Stadt, ein Wald 
in Folge eines pechschwarzen dichten Regens entstanden. 

62. 

Der Epheu2) soll jetzt in Asien wachsen; Theophrastus 
hatte diess geleugnet und gesagt, er fände sich auch nicht 
in Indien, sondern nur auf dem Berge Meros. Ja Harpalus 
soll sich alle Mühe gegeben haben, ihn in Medien anzu- 
pflanzen, doch vergebens; Alexander aber soll der Selten- 
heit wegen sein Heer damit haben bekränzen lassen und 
so, gleich dem Bacchus, als Sieger aus Indien zurückgekehrt 



«) Im XIX. B. 15. Cap. 
2) Edera. Hedera Halix L. 



Se'chszelmtes Buch. / 213 

sein. Jetzt schmückt der Epheii den Stab, Helm und Schild 
dieses Gottes bei den feierlichen Opfern der thracischen 
Völker. Er ist ein Feind der Bäume und aller Saaten, 
durchbricht Grabmäler und Mauern, und verschafft den 
Sehlaugen eine angenehme Kühle, so dass es zu bewundern 
ist, warum man ihn so in Ehren hält. 

Seine beiden Hauptarten sind, wie bei den übrigen, 
das Männchen und. das Weibchen. Das Männchen soll 
einen grössern Stamm, härtere und fettere Blätter und eine 
ins Purpurrothe übergehende Blüthe haben. Die Blüthe 
beider gleicht aber der wilden Rose, nur dass sie nicht 
riecht. Von diesen Arten giebt es noch 3 Unterarten, denn 
man hat einen weissen, schwarzen Epheu, und sogenannten 
Helix. Selbst diese Unterarten werden noch in andere 
eingetheilt, nemlich in solche mit weissen Früchten, und 
solche die auch weisse Blätter haben. Von denen mit 
weisser Frucht haben einige, festere und grössere Beeren, 
und Trauben, welche in einen Kreis gestellt sind und 
Doldentrauben genannt werden. Ferner der Mondepheu, 
mit kleinern Beeren und lockerern Trauben. Eben diess 
findet sich auch bei den schwarzen. Einige haben schwarzen, 
andere safrangelben Samen. Derjenige, dessen sich die 
Dichter zu Kränzen bedienen, hat minder schwarze Blattei- 
die grössten Doldentrauben unter den schwarzen, und heisst 
bei Einigen der nysische, bei andern der bacchische. Ei- 
nige griechische Schriftsteller unterscheiden ausserdem 
noch 2 Arten nach der Farbe der Beeren, nemlich die 
rothe und goldfarbige. 

Der Helix bietet jedoch, und zwar hinsichtlich der 
Blätter, die meisten Unterschiede dar; diese sind nemlich 
klein, eckig und netter, während die der übrigen Arten 
einfach sind. Er weicht ferner ab in der Länge der Ge- 
lenkschüsse, vorzüglich aber durch seine Unfruchtbarkeit, 
denn er trägt nichts. Einige meinen, der Grund davon 
läge im Alter und nicht in der Art, denn was erst Helix 
sei, werde später Edera. Diess ist ein offenbarer Irrthum, 
denn man findet mehrere Arten des Helix, aber 3 beson- 



214 Sechszebntes Buch. 

ders kenntliche: eine krautartige und grüne am häufigsten, 
zweitens eine mit weissen Blättern, und drittens eine bunte, 
welche die thracische heisst. Auch sind die Blätter der 
krautartigen zarter, in gewisse Ordnung gestellt und dichter. 
Bei der andern Art^) sind alle diese Theile ganz anders. 
Auch unter den bunten findet sich eine Abart mit dünnern 
und gleichfalls geordnet und dichter stehenden Blättern; 
bei der andern Art ist diess alles nicht der Fall. Die 
Blätter sind ferner grösser oder kleiner und ungleich ge- 
fleckt; bei den weissen auch einige weisser. Die kraut- 
artige wächst am meisten in die Länge; die weisse aber 
tödtet die Bäume, und da sie allen Saft in sich zieht, 
nimmt sie so sehr in der Dicke zu, dass sie selbst ein 
Baum wird. Man erkennt dieselbe an den sehr grossen 
und breiten Blättern, an den aufwärts gerichteten Erhöhungen 
der Rinde 2), die bei den übrigen einwärts gebogen sind, 
an den stehenden und aufrechten Trauben. Obgleich alle 
Arten des Epheus wurzelständige Aeste haben, so sind sie 
doch an dieser am ästigsten und stärksten, und nächst ihr 
steht in dieser Beziehung der schwarze. Der weisse Epheu 
hat das Eigenthümliche, mitten zwischen den Blättern Aeste 
auszuschiessen, und dadurch überall Alles zu umfassen, und 
diess findet auch an Mauern statt, obgleich er diese nicht 
umfassen kann. Wenn er auch an mehreren Stellen ab- 
geschnitten wird, so bleibt er dennoch am Leben, denn er 
hat so viele Wurzelansätze, als Banken, womit er sich er- 
hält und feststeht, andere Bäume aussaugt und erstickt. 
Auch die Frucht bietet einen Unterschied zwischen dem 
weissen und schwarzen Epheu dar, denn einige haben so 
bittere Beeren, dass sie kein Vogel anrührt. Es giebt noch 
einen steifen Epheu, der ohne Stützen steht, und deshalb 
unter allen Arten allein Cissus genannt wird. Dahingegen 
heisst der, welcher auf der Erde hinkriecht, Zwergepheu ^). 



•) Nämlich der Edera. 

-) maminae. 

■'') Chamaecissos. Antirrhinum Asarina L. 



Sechszehntes Buch. 215 

63. 

Dem Epheu ähnlich ist die zuerst aus Cilicien ge- 
kommene, in Giiechenlaud aber häufigere sogenannte 
Stechwinde^); sie hat dichte knotige Stengel, buschichte 
Zweige mit Dornen, epheuartige, kleine, nicht eckige 
Blätter, Ranken welche vom Fruchtstiele ausgehen, weisse 
Blüthen und riecht wie Lilien. Ihre Trauben gleichen 
denen des wilden Weinstocks, nicht des Epheu, sind roth 
gefärbt, die grösseren Beeren haben jedesmal 3 Kerne, die 
kleinern nur einen, welche hart und schwarz sind. Man 
hält sie bei allen heiligen Gebräuchen und in Kränzen für 
uuglückbringend, weil sie einen traurigen Ursprung hat; 
eine Jungfrau dieses Namens wurde nemlich aus Liebe zu 
einem Jünglinge Crocus in diesen Strauch verwandelt. Der 
gemeine Mann, der diess nicht weiss, verunreinigt dadurch 
meistens seine Feste, indem er ihn für einen Epheu hält; 
denn wer weiss nicht, dass sie sich damit als Dichter, 
Bacchus oder Silenus bekränzen? Aus der Stechwinde 
macht man Schreibtafeln, und das Holz hat die Eigenschaft, 
einen gelinden Laut von sich zu geben, wenn man es au's 
Ohr hält. Der Epheu soll eine merkwürdige Eigenschaft 
haben, die ihn zur Prüfung der Weine fähig mache; ein aus 
seinem Holze gefertigtes Gefäss soll nemlich den reinen 
Wein hindurch lassen, und das etwa beigemischte Wasser 
zurückhalten. 

64. 

Unter den Pflanzen, welche einen kalten Standort 
Heben, müssen wir billig auch die Wassersträucher an- 
führen. Von diesen nimmt das gemeine Rohr 2), welches 
durch die Erfahrung im Kriege und Frieden noth wendig 
geworden, und selbst als Leckerbissen beliebt ist, den 
ersten Platz ein. Die nördlichen Völker decken damit ihre 
Häuser, und dergleichen hohe Dächer erhalten sich ganze 
Menschenalter hindurch. In den übrigen Theilen des Erd- 
kreises hängt man es an die Decken. Die Halme beson- 

') Smilax. Smilax aspera L. 

^) Arando. Arundo phragmites L., Schilf. 



21^ Sechszehntes Buch. 

ders der ägyptischen, welche gewissermaassen verwandt 
mit der Papierstaude sind, dienen zur Bereitung von Pa- 
pier; doch hält man das gnidische und das, was in Asien 
am anoitischen See wächst, für besser. Das unsrige ist 
schwammiger, die Haut zieht Feuchtigkeit an, der Stiel ist 
innen hohl, zeigt aussen dünnes trocknes Holz, lässt sich 
spalten, bildet schneidend scharfe Stöcke, und hat Knie- 
gelenke; ist übrigens dünn, durch Knoten abgetheilt, geht 
allmählig nach oben spitz zu, und trägt einen dicken 
Schopf, der nicht ohne Nutzen ist. Man füllt nemlich da- 
mit, statt der Federn, die Betten in den Wirthshäusern aus; 
oder, man stösst es wo es holziger und härter ist, wie in 
Belgien, und kalfatert damit die Schiffe, denn es macht 
die Fugen dicht, ist zäher als Leim, und eignet sich besser 
zum Ausfüllen der Ritze, als Pech. 

65. 
Die Völker des Orients führen Kriege mit Rohren i), 
an welche sie Spitzen befestigt haben, die der daran be- 
findlichen Widerhaken wegen nicht wieder aus der Wunde 
gezogen werden können. Den Tod beschleunigen sie da- 
durch, dass sie das Rohr befiedern 2), und bricht der Pfeil 
«elbst in den Wunden ab, so wird aus ihm ein neuer. 
Mit diesen Geschossen verdunkeln sie sogar die Sonne; 
daher wünschen sie auch vorzugsweise heitere Tage und 
hassen Wind und Regen, welche sie Friede untereinander 
zu halten zwingen. Und wenn man nun die Aethiopier, 
Aegypter, Araber, Indier, Scythen, Bactrier, die vielen sar- 
matischen und orientalischen Völkerschaften und alle 
Reiche der Parther zusammenrechnet, so ist ein fast gleich 
grosser Theil der Menschen auf der ganzen Welt durch 
Rohr überwunden. Hauptsächlich sind durch seinen Ge- 
brauch die Krieger in Greta berühmt geworden. Sowie 
aber in allen übrigen Dingen, besitzt auch in diesem Ita- 
lien die Krone, denn kein Rohr eignet sich besser zu 



*) Calami. 

^) Weil dadurch der Pfeil schneller fliegt und sein Ziel erreicht» 



Sechszebntes Buch. 217 

Pfeilen, als das im Rhenus, einem bononiensi sehen Flusse 
wachsende, welches am meisten Mark enthält, dieses Ge- 
wichts wegen sehr schnell fliegt und selbst gegen den 
Wind das Gleichgewicht behauptet. Das belgische hat 
diese Vorzüge nicht. Das cretische gehört zu den bessern, 
doch wird ihm das indische vorgezogen, unter welchem 
manches von anderer Beschaffenheit zu sein scheint, da es 
mit langen Spitzen beschlagen wird und die Stelle der 
Wurfspiesse vertritt. Das indische Rohr i) ist so gross wie 
ein Baum, und wir sehen dergleichen häufig in den Tem- 
peln der Götter. Wie die Indier sagen, unterscheidet sich 
auch hier das Männchen von dem Weibchen, jenes soll 
nemlich dichteres, und dieses mehr Holz haben. Wenn wir 
den Berichten glauben wollen, so dienen einzelne Schüsse -) 
als Fahrzeuge. Es wächst am meisten um den Fluss 
Acesines. 

Aus einem Stocke kommen stets viele Rohre, und 
schneidet mau sie ab, so wachsen sie noch zahlreicher 
nach. Die Wurzel ist sehr lebenskräftig, und gleichfalls 
voller Gelenke. Nur das indische Rohr hat kurze Blätter; 
diese wachsen aber allemal aus einem Knoten und über- 
ziehen sich rund herum mit einer dünnen Haut, doch hört 
diese Bekleidung meistens vom mittelsten Schusse an auf, 
und sie senken sich nieder. Das Schilf und Rohr haben 
in der Runde zwei Seiten, da ein ums andere über den 
Knoten ein Auge ^) ist, so dass abwechselnd eins zur 
Rechten, das andere an dem höhern Gelenk zur Linken 
liegt. Hier kommen zuweilen Aeste heraus, welches dünne 
Rohre sind. 

66. 

Es giebt vom Rohre viele Arten. Eins ist dichter, 
hat mehr Knoten und kurze Internodien; ein anderes, we- 
nigere und grössere, und das Rohr selbst ist dünner. Noch 



') D. i. Bambusrohr, Bambusa arundinacea L. 
^) internodia. 
^) inguen. 



218 Sechszehntes Buch, 

ein anderes aber, das sogenannte syringische, ist durchaus 
hohl, und eignet sieh am besten zu Pfeifen, weil es 
keinen Knorpel und kein Fleisch hat i). Dasorchomenische 
ist sogleich mit einer Oeflfnung versehen, und heisst daher 
das Flötenrohr; es dient besonders zu Flöten, jenes zu 
Pfeifen. Ein anderes hat einen dickem Holzkörper, eine 
kleinere Oeffmmg, und ist ganz mit schwammigem Marke 
angefüllt. Eins ist kürzer, ein anderes grösser, eins dünner 
und eins dicker. Das strauchigste ist das sogenannte donax -), 
welches nur im Wasser wächst; denn auch hierin liegt 
ein Unterschied, weil das an trocknen Stellen vorkommende 
weit mehr vorgezogen wird. Das Pfeilrohr bildet, wie be- 
reits erwähnt, eine eigene Art, doch hat das cretische die 
längsten Internodien, und lässt sich, warm gemacht, be- 
liebig biegen. Auch die Blätter bieten Unterschiede dar, 
nicht durch ihre Menge, sondern durch ihre Farbe. Das 
lakonische hat bunte und an ihrem untersten Theile dich- 
tere Blätter; solches soll überhaupt am stehenden Wasser 
wachsen, dem Flussrohre unähnlich, von langen Häuten 
umkleidet sein, und nach oben an Dicke zunehmen. Es 
giebt auch ein schiefes Kohr, welches nicht gerade in die 
Höhe wächst, sondern sich, wie ein Gesträuch auf der Erde 
ausbreitet, und wegen seiner Zartheit von den Thieren sehr 
gesucht wird. Einige nennen es das vorzügliche 3). In 
Italien wächst auch eins, Namens Adarca, in Sümpfen, 
dessen unmittelbar unter dem Schöpfe befindliche Rinde 
sehr gut für die Zähne ist, denn sie besitzt dieselbe Kraft 
wie der Senf. 

Die Bewunderung des Alterthums nöthigt mich, von 
den Rohrgebüschen des orchomenischen See's etwas aus- 
führlicher zu reden. Das dickere und stärkere nennt mau 
Pfahlrohr 1), das schwächere aber Schwimmrohr''); dieses 
ist auf schwimmenden Inseln, jenes an den Ufern des aus- 
getretenen See's entstanden. Eine dritte Art ist das zu 

*) Saccharum Ravennae L. 

^) 6ova§, der gi-iechische Name des Rohrs. Arund o Donax L. 

3) elegia. ^) Characias. *) Plotias. 



Sechszehntes Buch. 219 

Flöten dienende Rohr, welches auch deshalb Flötenrohr 
heisst. Dieses entstand im 9. Jahre; der See erreichte 
nemlich in diesem Zeiträume seinen hohen Stand, und man 
hielt es für ein Wunder, wenn er einmal innerhalb 2 Jahren 
angeschwollen war, was man bei Chaeronea, in der un- 
glücklichen Schlacht der Athenienser, und öfters zu Lebadia 
beim Einflüsse des Cephissus bemerkt hat. Wenn nun 
die Ueberschwemmung 1 Jahr gedauert hat, so bekommt 
es eine solche Stärke, dass es zum Vogelfange gebraucht 
werden kann, und heisst alsdann Sprenkelwehr i). Da- 
gegen fand sich, wenn das Wasser früher zurücktrat, das 
dünne Seidenrohr 2), dessen Weibchen breitere und weissere 
Blätter, wenig oder gar keine Wolle haben und wovon die 
besten den Namen Verschnittene führen. Diess lieferte das 
Material zu den Flöten, und wir wollen die auf diesen 
Zweig der Kunst verwendete wunderbare Sorgfalt, welche 
es verzeihlich macht, dass man jetzt auf silbernen Flöten 
bläst, nicht mit Stillschweigen übergehen. Bis zur Zeit 
des Flötenspielers Antigenides, als man sich noch der ein- 
fachen Spielkunst bediente, pflegte man diess Rohr zur 
rechten Zeit, wenn der Arcturus scheint, zu schneiden, und 
so vorbereitet fing es nach einigen Jahren an, brauchbar 
zu werden. Alsdann musste man es noch durch viele 
Hebung brauchbar machen, und durch Zusammenziehung 
der Häutchen ^) die Flöten gleichsam selbst zum Spielen 
abrichten, wodurch sie geeigneter bei den Schauspielen 
wurden. Als aber die Veränderung eintrat, dass selbst die 
Musik zur Ueppigkeit wurde, fing man an, es vor dem 
längsten Tage abzuschneiden, wodurch es im 3. Jahre seine 
Brauchbarkeit erlangte, denn die Hautfalten standen jetzt 
mehr offen, um die Töne zu brechen, und so ist es auch 
noch heutigen Tages. Damals war man aber noch der 
Meinung, dass nur Flöten aus ein und demselben Rohre 
zusammenstimmten, und dass die der Wurzel zunächst ge- 



') Zeugites. -) Bombycia. ^) ligulae. 



220 Sechszehntes Buch. 

standene sich zur linken ^), und die der Spitze nächste sich 
zur rechten eigne. Hiebei gab man denen, welche der Ce- 
phissus selbst bespühlt hatte, einen weit grösseren Vorzug. 
Jetzt macht man die Opferflöten der Tuscer aus Buxbaum, 
die Schauspielflöteu aus Lotus, Eselsknocheu und Silber. 
Zum Vogelstellen ist das panhormische, und zum Fisch- 
fange das abaritanische aus Afrika das beste. 

67. 

Das italienische Kohr wird am meisten in den Wein- 
bergen benutzt. Nach Cato soll man es in feuchtes Erd- 
reich, welches zuvor mit dem Doppelspaten umgegraben 
ist, einsetzen, die Augen aber 3 Fuss weit von einander 
legen. Daneben soll der wilde Spargel 2), aus dem der 
essbare wird, stehen, denn beide hielten freundschaftlich 
zusammen; um dasselbe herum aber die Weide, ein Baum, 
der keinem Wassergewächse an Nützlichkeit nachsteht, 
während die Pappeln den Weinstöcken gefallen und den 
cäcubischeu Wein aufziehen, die Erlen, ans Wasser ge- 
pflanzt, das Land durch ihre Verzäunung schützen, und die 
Felder gegen den Andrang der anschwellenden Flüsse 
gleichwie eine Ufermauer bewahren, und, wenn sie behauen 
sind, noch durch ihre dichtstehenden und zahlreichen 
Schösslinge nützlich werden. 

68. 

Von der Weide 3) führen wir sogleich mehrere Arten 
an. Einige nemlich schiessen hoch auf, liefern für die 
Weingärten die Querlatten, und von ihrer gürtelartigen 
Rinde Bänder. Andere geben Ruthen, welche die zum 
Binden nöthige Zähigkeit besitzen; von andern, sehr dünnen, 
werden feine Flechtwerke gemacht. Noch andere, welche 
fester sind, dienen zu Körben und viele andere zum Haus- 



') Tibia laeva (sinistra) hielt der Pfeifer in der Unken Hand; 
sie war kürzer als die rechte, hatte mehrere Löcher, und gab einen 
höhern Ton an. T. dextra hielt er in der rechten; sie war länger, 
hatte weniger Löcher, und gab einen tiefern Ton an. 

^) Corruda. Asparagus acutifolius L. 

^) SaUx. Mehrere Species, als fragilis, alba, HeUx etc. 



Sechszehntes Buch. 221 

geräth der Landleute. Nach Hinwegnahme der Riude sind 
sie weisser, lassen sich leicht biegen, und geben wohlfeilere 
Geschirre, welche so fest wie aus Leder bereitet, sind, 
eignen sich auch besonders gut zu bequemen Lehnsesseln. 
Durch das Behauen wird die Weide fruchtbar, der behauene 
Theil wird dichter und treibt eher aus einem kurzen 
Knollen, als Aeste. Dieser Baum verdient daher, wie mir 
scheint, eine besondere Beachtung; denn keiner giebt 
sicherere Einkünfte, macht weniger Unkosten, und trotzt 
der Witterung mehr. 

69. 

Cato räumte der Weide bei der Schätzung eines Land- 
guts den dritten Platz ein, und setzte ihn vor die Oelbäume, 
das Getreide und die Wiesen; aber nicht etwa deshalb, 
weil es au sonstigem Bindwerke fehlt, denn auch die 
Ginster, Pappeln, Ulmen, rothen Sträucher, Birken, das 
gespaltene Rohr, die Rohrblätter wie in Ligurien, selbst 
der Weinstock, die von den Stacheln befreieten Brombeer- 
sträuche, und der einwärts gedrehete Haselstrauch dienen 
zum Binden, und es ist merkwürdig, dass, wenn man das 
Holz von einer dieser Arten klopft, die bindende Kraft er- 
höhet wird. Die Weide hat jedoch hierin einen besondern 
Vorzug. Die griechische röthliche wird gespalten; ebenso 
die weissere amerinische 0, doch ist diese etwas zerbrech- 
licher, man bindet daher mit dem ganzen Zweige. In 
Asien kommen 3 Arten vor: die schwarze, welche die besten 
Flechtruthen liefert, die weisse zum Gebrauche der Land- 
leute, und die dritte, welche am kleinsten ist und Helix 
heisst. Bei uns belegen Viele ebenso viele Arten mit 
Namen; die eine nennen sie Flechtweide oder die purpur- 
rothe, die zweite, welche zarter ist, die eichhornfarbige, 
und die dritte, dünnste, die gallische. 

70. 

Die zerbrechlichen Sumpfbinsen 2), welche zu Dächern 



') Diess ist keine Weide, sondern Vitex Agnus castus. 
^) Scirpi palustres. 



222 Sechszelintes Buch. 

und Decken gebraucht werden, kann man weder zu den 
Sträuchern, noch zu den Dornen, Stengeln, Kräutern oder 
sonst wozu rechnen, sondern muss eine eigene Gattung 
aus ihnen machen. Sie dienen auch, nachdem man die 
Rinde abgezogen hat, zu Lichtern in Lampen und bei 
Leichenbegängnissen. An manchen Orten sind sie etwas 
steifer und fester; denn mit ihnen segeln nicht nur die 
Schiffer auf dem Po, sondern auch der afrikanische Fischer, 
welcher, verkehrter Weise, die Segel zwischen den Mast- 
bäumen aufspannt. Auch bedecken die Mauren ihre Hütten 
damit, und der genauere Beobachter wird finden, dass diese 
Binsen dasselbe sind, was am untern Theile des Xils den 
Gebrauch der Papierstaude vertritt. 

7L 
Unter die strauchartigen Wassergewächse werden auch 
die Brombeere') und der HoUunder-) gerechnet, 
welche zu den schwammigen Arten gehörigen, aber doch 
anders als die Gartenstauden beschaffen sind, denn der 
Hollunder hat wenigstens mehr Holz. Die Hirten glauben, 
er gäbe eine besser klingende Trompete und Hörn, wenn 
sie ihn da abschneiden, wo er das Krähen des Hahnes 
nicht hört. Die Brombeersträuche tragen maulbeerartige 
Früchte 3), und auf einer andern Art wächst etwas der 
Rose ähnliches, welche Hagebutte^) heisst. Die dritte Art 
heisst bei den Griechen nach ihrem Yaterlaude die idäische ^), 
ist dünner als die übrigen, hat nicht so viele und weniger 
gekrümmte Stacheln. Hire Blüthe wendet man mit Honig 
zum Auflegen auf triefende Augen und auf die Rose an; 
gegen Magenübel trinkt man auch eine wässrige Abkochung 
davon. Der Hollunder trägt kleine schwarze Beeren, welche 
eine zähe, zum Färben der Haare sehr taugliche Feuchtig- 
keit enthalten; auch werden sie mit Wasser gekocht 
gegessen. 



*) Rubus. -) Sambucus. Sambucus nigra L. 
3) Diess ist Rubus fruticosus L. ^) Cynosbatos. 
^) Rubus idaeus L. 



Sechszehntes Buch. 223 

72. 
Auch in der Rinde der Bäume befindet sich eine 
Feuchtigkeit, welche als ihr Blut angesehen werden kann, 
jedoch nicht bei allen gleich ist. Die Feigen haben einen 
milchigen Saft, und dieser besitzt die Kraft des Labs beim 
Käsemachen; die Kirschen einen gummigen, die Ulmen 
einen speichelartigen, die Aepfel einen zähen und fetten, 
die Weinstöcke und Birnen einen wässrigen. Die mit zähen 
Safte begabten leben länger. Ueberhaupt sind die Bäume, 
gleich den übrigen Thieren, mit Haut, Blut, Fleisch, Nerven, 
Adern, Knochen und Mark versehen, und ihre Rinde ver- 
tritt die Stelle der Haut. Eine merkwürdige Erscheinung 
ist, dass, wenn die Aerzte im Frühling Morgens um die 
zweite Stunde vom Maulbeerbaume Saft holen wollen, der- 
selbe durch Anschlagen mit einem Steine ausfliesst, sammelt 
man ihn dagegen später, so erscheint er trocken. Dann 
folgt bei den meisten zunächst das Fett, was von seiner 
Farbe der Splint genannt wird, den weichen und schlech- 
testen Theil des Holzes bildet, selbst an der Eiche leicht 
fault, und dem Wurmfrasse ausgesetzt ist, daher stets hin- 
weggenommen werden muss. Unter diesem liegt das 
Fleisch, und darunter die Knochen, d. h. der beste Theil 
des Holzes. Die Früchte wechseln bei denjenigen Bäumen, 
welche trockenes Holz haben, wie bei den Oelbäumen, 
mehr ab, als bei denen mit saftigerm Holze, wie z. B. den 
Kirschen. Auch haben manche Bäume, ebenso wie die 
reissendsten Thiere, nur wenig Fett und Fleisch. Der Bux- 
baum, die Kornelkirsche und der Oelbaum haben keins 
von beiden, auch kein Mark und nur äusserst wenig Blut. 
Die Speierlinge haben keine Knochen, die Hollunder kein 
Fleisch, (beide aber sehr viel Mark) und die Rohre fast 
gar keins. 

73. 
In dem Fleische^) einiger Bäume sind weichere 



') D. i. Holze. 



224 Sechszehntes Buch. 

Theile^) und Adern (härtere Fasern). Beide lassen sieh 
leicht von einander unterscheiden, denn in dem spaltbaren 
Holze sind die Adern breiter und die weichem Theile 
weisser. Daher kommt es, dass, wenn man das Ohr an 
das Ende eines sehr ^angen Balkens hält, man den am 
andern Ende, selbst mit einem Griffel gethauen Schlag 
hört, denn der Schall dringt durch die geraden Gänge. 
Ebenhieraus wird man auch gewahr, ob das Holz gedreht 
oder durch Knoten unterbrochen ist. An einigen befinden 
sich Auswüchse, sowie im Fleische Drüsen; in diesen sind 
weder Adern noch weiche Theile, weil hier das harte 
Holz gleichsam in sich selbst zusammengewickelt ist. Diess 
ist eben das schätzbarste an dem Citrus und dem Ahorn. 
Die übrigen Tische werden aus Bäumen, welche den 
weichern Theilen entlang gespalten sind, gedrehet, denn 
das in der Quere geschnittene Holz wäre wegen der Adern 
zu zerbrechlich. Bei der Buche gehen Querfasern durch 
weichere Theile, daher standen die daraus bereiteten Ge- 
fässe bei den Alten im Ansehen. Manius Curius schwor, 
er habe von der Beute nichts angerührt als eine buchene 
Giesskanne, um damit zu opfern. Das Holz wird der 
Länge nach immer lockerer, denn der der Wurzel zunächst 
befindliche Theil ist der festere. Bei einigen haben die 
weichern Theile keine Adern, sondern bestehen bloss aus 
dünnen Fasern, und diese lassen sich am besten spalten. 
Andere, denen die weichern Theile fehlen, brechen leichter 
als sie sich spalten, wie die Oelbäume und Weinstöcke. 
Dahingegen besteht der ganze Körper des Feigenbaumes 
aus Fleisch. Ganz knochenartig ist es bei der Stecheiche, 
Kornelkirsche, der gemeinen Eiche, dem Cytisus, dem Maul- 
beerbaum, dem Ebenbaum, dem Lotos, und denen, welche, 
wie schon gesagt wurde, kein Mark haben. 

Die übrigen haben eine schwärzliche Farbe, das Fleisch 
der Kornelkirsche eine gelbliche, welche an Jagdspiessen 
schön aussieht, wenn es zur Zierde gelenkweise eiuge- 

') Pulpae. 



Sechszehntes Buch. 225 

schnitten ist. Die Ceder, der Lärchenbaum und Wachhol- 
der haben röthliches. Das Fleisch der weiblichen Lärche, 
welches bei den Griechen Schildholz heisst, ist von honig- 
gelber Farbe, liegt zunächst dem Marke, und man hat ge- 
funden, dass dasselbe für die Tafeln der Maler ewig hält, 
denn es bekommt keine Risse. Bei der Tanne nennen es 
die Griechen das steinige. Auch an der Ceder ist das dem 
Marke am nächsten liegende das Härteste, sowie am Körper 
die Knochen, wenn man nur den Schleim davon abschabt. 
Ferner soll das Innere des Holländers ausserordentlich 
hart sein, denn die Verfertiger von Jagdspiessen ziehen es 
allen andern vor, weil es aus Haut und Knochen besteht. 

74. 
Diejenigen Bäume, welche geschält, und zu Tempeln 
und anderm Behufe gerundet werden sollen, muss man 
fällen, wenn sie ausschlagen, denn sonst kriegt man die 
Rinde nicht los, der Wurm entsteht darunter, und das Holz 
wird schwarz. Bauholz und solches, denen die Axt die 
Rinde nimmt, fällt man vom kürzesten Tage an bis zum 
Favonius, oder wenn man eher dazu genöthigt ist, beim 
Untergange des Arcturus, und vor ihm bei Untergange der 
Leyer i), nach neuestem Dafürhalten aber im Solstitium. 
Die Tage dieser Gestirne sollen gehörigen Orts angeführt 
werden 2). Gewöhnlich glaubt man, es sei hinreichend, 
wenn Bäume nicht eher gehauen werden, bis sie ihre 
Früchte getragen haben. Im Frühlinge gefälltes Eichen- 
holz wird wurmstichig, im Winter darf es weder gefahren, 
noch an die Luft gelegt werden, sonst ist es leicht dem 
Fehler, sich zu krümmen und zu reissen, ausgesetzt, was 
bei der Korkeiche selbst dann stattfindet, wenn sie zur 
rechten Zeit gefällt war. Auch auf den Mond kommt sehr 
viel an, und man soll nur vom 20. bis zum 30. Tage Holz 
schlagen; Alle kommen aber darin überein, es geschehe 
am zweckmässigsten bei der Zusammenkunft dieses Ge- 



») Fidicula. -) Siehe XVIII. B. 59. Cap. 

Wittsteiu: Pliimis. III. Bd. I5 



226 Sechszehntes Buch. 

stirns, welchen Tag Einige den Neumond, Andere den 
schweigenden Mond nennen. Wenigstens befahl der Kaiser 
Tiberius, als die Schiffkampfbriicke abgebrannt war, dass 
die zur Wiederherstellung derselben erforderlichen Lärchen- 
bäume in Rhätien um jene Zeit gefällt werden sollten^ 
Einige sagen, es müsse geschehen, wenn der Mond in der 
Zusammenkunft und unter der Erde sei; diess (letztere) 
kann aber nur des Nachts eintreten. Fällt die Zusammen- 
kunft auf den kürzesten Tag, so soll das Holz unveränder- 
lich bleiben, und ihm zunächst stehe das, was zur Zeit der 
obengenannten Gestirne geschlagen ist. Einige fügen noch 
den Aufgang des Hundssterns hinzu und zu dieser Zeit soll 
das Holz zum Forum des Augustus gefällt worden sein. 
Doch eignen sich weder ganz junge, noch ganz alte Bäume 
gut zu Nutzholze. Manche lassen die bis auf's Mark an- 
gehauenen Bäume noch einige Zeit stehen, was den Nutzen 
hat, dass alle Feuchtigkeit von ihnen abläuft. Merkwürdig 
ist die Thatsache, dass im ersten punischen Kriege die 
Flotte des Feldherrn Duillius schon am 60. Tage, nachdem 
das Holz dazu gehauen war, absegelte. L. Piso schreibt 
sogar, eine gegen den König Hiero i) bestimmte Flotte von 
220 Schiffen sei in 45 Tagen gezimmert worden. Auch 
im 2. punischen Kriege war die Flotte des Scipio 40 Tage 
nach c'er Fällung des dazu verwendeten Holzes segelfertig. 
Soviel vermag selbst in der grössten Eile die rechte Zeit. 

75. 
Cato, der unter den Männern, welche nützliche Anwei- 
sungen gaben, den ersten Rang behauptet, sagt über die 
verschiedenen Hölzer noch folgendes. „Die Presse mache 
vorzugsweise aus der schwarzen Tanne. Ulmen, Fichten, 
Nussbüume und alles andere Bauholz musst du im abneh- 
menden Monde Nachmittags wenn kein Südwind weht, und 
zwar dann ausgraben, wenn der Same reif ist. Hüte dich, 



') Hiero II. Sohn des Hierokles, ward -270 König von Syrakus 
und regierte bis 215 v. Chr. Er soll Bücher über den Ackerbau ge- 
schrieben haben. 



S'echszehntes Buch. 227 

es durch Thau zu ziehen, oder in demselben zu behauen." 
Weiter fügt derselbe hinzu: „Rühre das Holz nur beim 
Neumonde oder halben Monde an. Grabe es alsdann nicht 
aus oder haue es an der Erde ab; die nächsten sieben 
Tage nach Vollmond sind, die besten zum Ausgraben. 
Hüte dich überhaupt, schwarzes Holz zu behauen, zu fällen 
oder zu berühren, wenn es nicht trocken, auch dann nicht, 
wenn es gefroren oder bethauet ist." Tiberius liess sich 
immer nur beim Neumonde die Haare schneiden. M. Varro 
räth wider das Ausfallen der Haare, man solle sich die- 
selben gleich nach dem Vollmonde schneiden lassen. 

7(3. 
Aus der gefällten Lärche und noch mehr aus der 
Tanne, fliesst der Saft noch lange Zeit aus; sie sind unter 
allen Bäumen die höchsten und geradesten. Zu Mastbäu- 
men und Segelstangen zieht man, der Leichtigkeit wegen, 
die Tanne vor. Sie haben das mit der Fichte gemein, 
dass sie 4theilige oder 2 theilige oder bloss einzelne Ader- 
läufe enthalten. Zu den innern Arbeiten der Tischler 
lässt sich das Mark zerschneiden. Das beste Holz haben 
die 4 aderigen; auch ist es weicher als an andern Bäumen. 
Sachkundige sehen diess ^) gleich an der Rinde. Der der 
Erde zunächst stehende Theil der Tanne hat keine Kno- 
ten; er wird auf die bereits angezeigte Weise gewässert und 
geschält und heisst nun Saftstück 2). Der obere Theil ist 
knotig, härter und heisst das Knorrenstück 3). An den 
Räumen selbst aber ist die Nordseite die kräftigere. Ue- 
berhaupt liefern die auf feuchtem und schattigem Boden 
wachsenden Bäume schlechteres, die von sonnigem Boden 
dagegen dichteres und dauerhafteres Holz. Daher werden 
zu Rom die Tannen aus Unteritalien denen von Oberitalieu 
vorgezogen. Auch ist es nicht einerlei, aus welcher Gegend 
sie kommen. Auf den Alpen und dem Apennin, in Gallien 
auf dem Jura und den Vogesen, ferner in Corsica, Bithy- 



') Nämlich, ob ein Stamm 4aderig ist. -) Sapinus. 
^) Fusterna von fustis, Knüttel. 

15* 



228 Sechszehntes Buch. 

uien, Pontus uud Macedouieu fiudeu sich die besten. 
Schlechter sind die äueatisclien und arcadischen, am schlech- 
testen die parnassischen und euböischen, weil diese viel 
Aeste und Knorren haben und leicht faul werden. Die 
Ceder von Greta, Afrika und Syrien ist die beste. Holz, 
was mit Cederöl bestrichen ist, wird weder wurmstichig 
noch faul. Dieselbe schützende Kraft besitzt der "Wach- 
holder. Dieser wird in Spanien, besonders im Gebiete der 
Vaccäer sehr gross; sein Mark ist auch überall fester als 
das der Ceder. Ein allgemeiner Fehler alles Holzes sind 
die Krümmungen '), wo sich die Adern und Knoten in ein- 
ander gewickelt haben. In einigen Bäumen finden sich 
auch, ebenso wie im Marmor, sogenannte Härten -), welche 
so hart wie ein Nagel sind und den Sägen sehr schaden; 
einige von diesen kommen zufällig in den Baum, wenn 
ein Stein oder ein Ast eines andern Baumes ins Holz ein- 
wächst. 

Zu Megara stand lange Zeit hindurch ein wilder Oel- 
baum auf dem Markte, an welchem tapfere Männer ihre 
Waffen befestigt hatten, die mit der Zeit durch die da- 
rüberwachseude Rinde verborgen wurden. Dieser Baum 
ward unheilbringend für die Stadt, denn das Orakel hatte 
ihr den Untergang prophezeihet, wenn ein Baum Waffen 
trüge; diess war denn auch der Fall, als man den Baum 
umhieb, denn mau fand darin Beinharnische uud Helme. 
Man sagt, die Steine welche man in Bäumen fände, wären 
ein Mittel, die Frucht zu erhalten. Für den grössten Baum 
bis auf diese Zeit wird der gehalten, welchen man in Rom 
gesehen hat, und den der Kaiser Tiberius der Merkwür- 
digkeit wegen auf derselben Schiffkampfbrücke *) nebst dem 
übrigen Holze hatte ausstellen lassen, und der daselbst 
bis zum Bau des Amphitheaters des Kaisers Nero blieb. 
Man hatte auch einen Balken von einem Lärchenbaume, 
der 120 Fuss lang und überall 2 Fuss dick war. Hieraus 



') Spirae. ^j Centra. 

3) pons iiauniachiarius, von der im 74. Cap. die Rede war. 



Sechszehntes Buch. 229 

konnte man abnehmen, dass seine ganze Höhe bis zuv 
Spitze fast ins Unglaubliche ging. In unserer Zeit fand 
sich auch einer, den M. Agrippa in den Gallerien der 
.Schranken i) der Merkwürdigkeit wegen liegen gelassen 
hatte,- der bei dem Bau des Diribitorium's 2) übrig geblieben, 
20 Fuss kürzer, und anderthalb Fuss dick war. Eine ganz 
besonders bewuudernswerthe Tanne sah man auf einem 
Schifife, welches auf Befehl des Kaisers Cajus den auf dem 
vaticanischen Circus errichteten Obelisk und 4 Steinblöcke 
zu dessen Grundlage aus Aegypten brachte; und gewiss 
trug das Meer nie etwas Staunenswertheres als dieses 
Schiff, denn es führte 120,000 Modius Linsen als Ballast. 
Seine Länge nahm grösstentheils den linken Raum des 
ostiensischen Hafens ein, denn dort Hess es der Kaiser 
Claudius nebst drei auf demselben aus puteolanischer Erde 
erbaueten thurmhohen Massen versenken. Um den Baum 
zu umspannen, waren 4 Menschen nothwendig. Man hört 
insgemein, dass Stämme zu Mastbäumen für 80 und 
mehr Sesterzen, die meisten daraus zusammengesetzten 
Flösse aber für 40,000 Sesterzen verkauft werden. Die 
Könige in Aegypten und Syrien sollen aus Mangel au 
Tannen, Cedern zu ihren Flotten genommen haben. 
Die grösste von diesen war angeblich in Cypern zu der 
elfrudrigen Galeere des Demetrius gefällt, 130 Fuss lang, 
und so dick, dass erst 3 Männer sie umspannen konnten. 
Die deutschen Seeräuber fahren in einzelnen ausgehöhlten 
Bäumen, von denen manche 30 Menschen tragen. 

Für das dichteste, mithin auch das schwerste Holz 
hält man den Eben- und Buxbaum, welche beide von Na- 
tur dünn sind; keines von beiden schwimmt in Wasser, 
auch nicht das Korkholz nach hinweggenommener Rinde, 
und das Lärchenholz, Von den übrigen hat der in Rom 
sogenannte Lotus das trockenste; auf diesen folgt die vom 



') septa, innerhalb welchen das römische Volk in Comitiis votirte. 
■-) sc. aedificium, ein Gebäude, wo die Täfelchen zum Votiren 
ausf'etheilt wurden. 



230 Sechszehntes Buch. 

Splinte befieiete Eiche, deren Farbe schwärzlich ist, noch 
mehr aber ist diess beim Cytisus der Fall, welcher dem 
Ebenholze am nächsten zu kommen scheint. Doch behaup- 
ten Viele, die syrischen Terebinthen seien schwärzer. 
Auch rühmt man einem gewissen Thericles, der aus Tere- 
binthenholze Becher mit dem Dreheisen, welches zum 
Untersuchen des Holzes dient, verfertigt habe. Dieses 
Holz ist das einzige, welches mit Oel geschmiert und da- 
durch besser wird. Seine Farbe wird dadurch sehr ver- 
fälscht, dass man Holz vom Nussbaum und der wilden 
Birne färbt und in irgend einem Mittel abkocht. Alle eben 
genannten Hölzer sind dicht und fest. Ihnen zunächst 
kommt die Kornelkirsche; da ihr Holz aber so ausseror- 
dentlich dünn ist, kann man es fast zu nichts andern als 
zu Radspeichen, oder wenn etwas im Holze zu verkeilen 
oder wie mit eiserneu Nägeln zu befestigen ist, gebrauchen ; 
desgleichen die Stecheiche, der wilde und zahme Oelbaum, 
die Kastanie, Hainbuche und Pappel. Letztere hat, gleich 
dem Ahorn, krauses Holz, und eignet sich ganz besonders 
zum Bauen, wenn man die Aeste oft abhauet; durch eine 
solche Verstümmlung werden ihr aber die Kräfte genommmen. 
Uebrigens haben die meisten von diesen, namentlich aber 
die Eiche, eine solche Härte, dass sie nur im befeuchteten 
Zustande gebohrt werden können, und ein eingeschlagener 
Kagel nicht wieder heraus zu reissen ist. Dahingegen 
haftet kein Nagel im Cederholze. Am weichsten und wie 
es scheint auch am wärmsten, ist das Lindenholz, denn es 
macht, wie mau sagt, die Aexte sehr schnell stumpf. Auch 
die Maulbeere, der Lorbeer, der Epheu und alle die, aus 
denen man Feuerzeuge fertigt, haben warmes Holz. 

77. 
Die Kundschafter im Lager und die Hirten erfanden 
den Gebrauch der Feuerzeuge, weil mau nicht immer 
Steine zum Feuerschlagen bei der Hand hat. Man reibt 
nämlich Holz an Holz, bis es Feuer fasst, und fängt diess 
in trocknem Zunder, Schwämme oder Blatte sehr leicht auf. 
Nichts eignet sich besser, um gerieben zu werden als 



Sechszehntes Buch. 231 

Epheu-, und zum Reiben als Lorbeerliolz. Auch eine Art 
wilden Weins, aber verschieden von der Labrusca, welche 
ebenso wie der Epheu an Bäumen hinauf klettert, passt 
recht gut dazu. — Alle Wassergewächse sind sehr kalt, aber 
sehr zähe, und daher zur Verfertigung von Schilden ganz 
besonders verwendbar, denn ein hineingekommener Hieb- 
riss zieht sich bald wieder zusammen , und die Wunde 
schliesst sich, daher Eisen nur mit Mühe hindurchgeht. 
Hierher gehören die Feigen, Weide, Linde, Birke, derHoUunder 
und die Pappeln. Unter diesen ist die Feige und Weide am leich- 
testen,unddaher am nützlichsten; alle aber eignen sich zu Kisten 
und zu geflochtenem Behältern. Sie sind auch weiss, steif und 
leicht zu Schnitzwerken zu verarbeiten. Die Platane und 
Erle sind zähe aber nass. Letztere ist trockner als die 
Ulme, Esche, Maulbeere und Kirsche, aber schwerer. Die 
Ulme behält ihre Steifigkeit am längsten, daher i3as8t sie 
sehr gut zu Angeln und dichten Besetzungen i) der Thüren, 
weil sie sich fast gar nicht krümmt, nur muss man sie so 
stellen, dass ihre Spitze nach der untern Angel, ihre Basis 
nach der obern gerichtet ist. Das Holz der Palme und 
Korkeiche ist weich; das des Apfel- und Birnbaumes dicht; 
desgleichen das des Ahorns, aber zerbrechlich wie alles 
Maserholz, Unter allen vermehren die wilden und männ- 
lichen Bäume die Unterschiede einer jeden Art. Auch 
sind unfruchtbare fester von Holz als fruchtbare, wenn sie 
nicht in einer Art Männchen tragen, wie die Cy presse und 
Kornelkirsche. 

78. 

Weder faul noch alt werden die Cy presse, Ceder, 
der Ebenbaura, Lotus, Buxbaum, Taxus, Wachholder, wilde 
und zahme Oelbaum; von den übrigen am spätesten die 
Lärche, gemeine Eiche, Korkeiche, Kastanie, welsche Nuss. 
Weder Spalten noch Risse kriegt von selbst die Ceder, 
Cypresse, der Oelbaum und Buxbaum. 

79. 

Für die unvergänglichsten Hölzer hält man das 

') crassamenta. 



232 ;Sechszehntes Buch. 

des Ebenbaumes, der Cypresse und Ceder, wozu die Be- 
weise am Tempel der Diana zu Epbesus klar vorliegeu> 
welcher mit Hülfe von ganz Asien in 400 Jahren vollendet 
wurde. Darüber ist man einig, dass das Dach aus Ceder- 
balken besteht; wegen des Bildnisses der Göttin selbst 
walten noch Zweifel ob; Andere sagen, es sei von Eben- 
holz, Mucianus aber, der 3 mal Consul war, berichtet laut 
Denen, welche nach eigner Anschauung darüber geschrie- 
ben haben, es sei von Weinrebenholze, und, während der 
Tempel 7 mal wieder aufgebauet wurde, niemals verändert 
worden. Er nennt sogar einen Künstler Pandemion, der 
diess Holz ausgesucht habe, was mich sehr wundert, da er 
ihm ein höheres Alter nicht nur als dem Bacchus, sondern 
auch als der Minerva beigelegt. Er setzt noch hinzu, diess 
Standbild werde durch viele Löcher mit Nardenöl befeuch- 
tet, damit es nicht verderbe, und die Fugen dicht bleiben 
— W'Obei ich wiederum bewundere, dass ein so massiges 
Bild dergleichen i) hat. Die Thorflügel sollen von Cypres- 
senholz sein und, obschon nun fast 400 Jahre alt, noch 
wie neu aussehen; auch bedenke man, dass sie 4 Jahre 
lang im Leim 2) gestanden haben. Man wählte Cypressen- 
holz dazu, weil bei ihm allein der Glanz unvergänglich 
ist. Existirt nicht noch die aus Cypressenholz gefertigte 
Statue Jupiter's auf der Burg, welche im 55L Jahre der 
Stadt eingeweihet wurde? Merkwürdig ist auch der Tem- 
pel des Apollo zu Utika, worin die Balken von numidi- 
schen Cedern noch ganz so, wie sie bei Erbauung dieser 
Stadt vor 1178 Jahren gelegt wurden, beschaffen sind. 
Auch soll, wie Bocchus =^) erzählt, zu Sagunt in Spanien 
ein Tempel der 200 Jahre vor der Zerstörung Troja's mit 
den Erbauern von Zacynthus her dorthin gekommenen 
Göttin Diana unterhalb der Stadt stehen, den Hannibal 
aus Ehrfurcht verschonte, und dessen Wachholderbalken 
noch jetzt vorhanden sind. Vor allem aber wird eines 



') Nämlich Fugen. -) In glutinis compage. 

3) Ein nicht näher bekannter römischer Schriftsteller. 



Sechszehntes Buch. 233 

Tempels derselben Göttin in Aulis erwähnt, der mehrere 
Jahrhunderte vor dem trojanischen Kriege erbauet worden 
ist, und dessen Holzwerk man nicht mehr kennt. Ueber- 
haupt kann man sagen, dass alles Holz, welches einen 
starken Geruch besitzt, ewig dauert. 

Auf die vorgenannten folgt hinsichtlich der Güte zu- 
nächst der Maulbeerbaum, dessen Holz durch Alter schwarz 
wird. Doch zeigt sich manches Holz zu einem Behufe 
dauerhafter, wie zum andern. Die Ulme ist fest in freier 
Luft, die Steineiche in der Erde, die geraeine Eiche im 
Wasser; die aus letzterer gefertigten Gegenstände bekom- 
men über der Erde Risse und krümmen sich. Die Lärche 
und schwarze Erle sind besonders da brauchbar, wo es 
feucht ist. Das Eichenholz verdirbt durch Seewasser. 
Auch die Buche und welsche Nuss eignen sich zu Wasser- 
bauten, aber vielleicht am besten zum Einsetzen in die 
Erde; ebenso der Wach holder, welcher auch zu Bauten in 
freier Luft ganz vorzüglich ist. Die Buche und Cerreiche 
werden schnell welk (morsch). Auch die Speiseiche ver- 
trägt keine Nässe. Wird hingegen die Erle an sumpfigen 
Orten in die Erde getrieben, so hält sie ewig, und trägt 
jede Last. Das Kirschholz ist fest; Ulmen- und Eschen- 
holz sind zähe aber leicht hin und her zu biegen, und 
wenn sie rund herum angeschnitten auf dem Stamme ge- 
trocknet sind, noch besser. Man sagt, in Seeschiffen sei 
das Lärchenholz, ja selbst alles aus dem wilden und zah- 
men Oelbaume dem Wurmstiche unterworfen. Das eine 
verdirbt nämlich eher im Meere, das andere eher auf dem 
Lande. 

80. 

Es giebt vier Arten Würmer, welche das Holz an- 
fressen. Der Teredo, welcher einen verhältnissmässig 
sehr grossen Kopf hat, nagt mit den Zähnen, lebt nur im 
Meere, und ist der einzige seines Namens. Die auf dem 
Lande befindlichen heissen Tineae und die, welche den 
Mücken gleichen, Thripä. Die vierte Art gehört ebenfalls 
zu den Würmern; einige von ihnen entstehen aus dem 



234 Sechszehntes Buch. 

faulenden Safte des Holzes selbst, andere, wie z. B. die 
auf Bäumen, werden von dem sogenannten Kornkäfer er- 
zeugt. Wenn dieser so weit um sich gefressen hat,, dass 
er sich umdrehen kann, so erzeugt er ein Junges. In 
manchem Holze wird die Entstehung dieses Ungeziefers 
durch dessen Bitterkeit verhütet, s. B. in der Cypresse; 
in andern durch die Härte z. B. im Buxbaum. Man sagt 
auch, dass die Tanne, wenn sie in dem von uns gegebe- 
nen Mondesstande während ihres Ausschiagens geschält 
wird, in Wasser nicht verderbe. Die Gefährten Alexanders 
des Grossen haben erzählt, auf der Insel Tylus im rothen 
Meere gebe es Bäume, aus denen man Schiffe baue, die 
200 Jahre lang brauchbar wären, und, wenn sie untergin- 
gen, niclit verfaulten. Eben daselbst wachse auch ein 
Strauch, der Stämme nicht dicker als ein gewöhnlicher 
Stock trüge, welche tigerartig gefleckt und schwer wären; 
fielen diese auf etwas hartes, so zerbrächen sie wie Glas. 

81. 
Bei uns spaltet sich manches Holz von selbst, daber 
lassen die Baumeister solches mit Mist bedecken und so 
trocknen, damit ihm die Luft nicht schade. Zum Tragen 
von Lasten sind am stärksten: die Tanne und der Lär- 
chenbaum, auch wenn sie quer gelegt werden. Die Eiche 
und der Oelbaum krümmen sich und geben nach; jene 
aber halten, brechen nicht leicht, und werden eher morsch, 
als dass sie ihre Kräfte verlieren. Auch die Palme ist gleich- 
wie die Pappel stark, aber sie krümmt sich i^der Last) 
entgegen und wölbt sich, während alle übrigen Bäume 
sich nach unten beugen. Die Fichte und Cypresse werden 
am wenigsten morsch und wurmstichig. Das Wallnussholz 
krümmt sich leicht (denn auch aus ihm macht man Balken) 
und zeigt durch Krachen an, dass es brechen will — ein 
Vorfall, der sich zu Antandrus ereignete, wo die Leute, 
durch das Geräusch geschreckt, aus den Bädern flohen. 
Die Fichte, Rothtanne und Erle werden auch zu Wasser- 
leitungsröhren au!?gebohrt. Unter der Erde bleiben sie 
viele Jahre hindurch brauchbar; sind sie aber nicht damit 



Sechszehntes Buch. 235 

bedeckt, so verderben sie bald, halten sich dagegen un- 
gleich länger, wenn sie auch von aussen Wasser haben. 

82. 

Das Tannenholz ist zu Dächern das festeste, sowie 
es sich am besten zu Thürriegeln, und allen Holzsachen im 
Innern des Hauses eignet, und den griechischen, campa- 
nischen und sicilischen Tischlerarbeiten ein schönes An- 
sehen giebt, denn bei dem schnellen Ansätze des Hobels 
drehen sich die Spähne stets in lankenförmigem Kreise. 
Es lässt sich auch mittelst Leim sehr gut zu Wägen ver- 
binden, so dass es sogar eher im festen Holze als an den 
verleimten Theilen reisst. 

83. 

Hinsichtlich der Gegenstände welche mit Holzplatten 
und auf andere Weise belegt werden, kommt sehr viel auf 
den Leim an. Man wählt besonders zu diesem Behuf die 
fadigen Streifen, und nennt sie überall, weil sie franzig 
kraus sind, der Aehnlichkeit wegen die ferulaartigen. 
Manche Holzarten nehmen den Leim nicht an, und lassen 
sich durch denselben weder unter sich noch mit andern 
vereinigen, wie z. B. das Eichenholz. Auch haften Dinge 
von verschiedener Natur nicht leicht aneinander; so z. B. 
wird Niemand Holz und Stein durch Leim verbinden kön- 
nen. Mit der Kornelkirsche hängt am leichtesten der 
Speierling, die Hainbuche, der Buxbaum und hiernach erst 
die Linde zusammen. Die Holzarten, welche wir zähe 
nannten, sind alle biegsam und leicht zu jeder Arbeit zu 
gebrauchen; dahin gehören ferner noch der Maulbeer- und 
wilde Feigenbaum. Holz, was nicht zu feucht ist, lässt 
sich leicht sägen und schneiden; das trockne wird von der 
Säge nicht so leicht angegriffen, das grüne aber, ausser 
dem Eichen- und Buxbaumholze, widersteht ihr noch mehr, 
und füllt durch seine träge Gleichartigkeit die Zähne der 
Säge an, daher man durch abwechselndes Neigen das 
Sägemehl herausschaffen muss. Die Esche lässt sich in 
jeder Beziehung am besten bearbeiten; zu Spiessen ist sie 
besser als der Haselstrauch, leichter als die Kornelkirsche, 



23t3 Sechszehntes Buch. 

und zähev als der Speierling. Die gallische passt auch 
wegen ihrer Biegsamkeit zu Wagen. Die Ulme würde dem 
Weinstocke gleichen, wenn sie nicht zu schwer wäre. 

84. 

Die Buche bearbeitet sich leicht, obgleich sie zer- 
brechlich und zart ist; biegt sich in dünnen Brettern, 
und passt daher nur zu Kisten und Schränken. Auch die 
Stecheiche sägt man in ganz dünne Bretter; sie hat auch 
keine üble Farbe und liefert das beste Material zu solchen 
Gegenständen, welche der Reibung ausgesetzt sind, wie zu 
Radaxen. Zu diesen erweist sich die Esche wegen ihrer 
Zähigkeit, die Stecheiche wegen ihrer Härte, und um 
beider Eigenschaften willen die Ulme nützlich. Manche 
Bäume sind aber auch wegen ihres Nutzens zu kleineu Gegen- 
ständen der Holzarbeiter bemerkenswerth, denn man findet 
angegeben, dass vom wilden Oelbaum, Buxbaum, der 
Stecheiche, Ulme, Esche die besten Griffe zu Bohrern ge- 
macht werden; ebenso auch zu Hämmern, jedoch die grös- 
sern von der Fichte und Stecheiche. Diese muss man 
auch der Festigkeit wegen eher zu rechter Zeit, als zu 
früh fällen, denn man weiss, dass Thürangeln, aus dem 
Oelbaume, dem härtesten Holze, verfertigt, welche längere 
Zeit unbewegt standen, wie ein Baum ausgeschlagen sind. 
Nach Cato soll man Hebebäume aus der Stecheiche, dem 
Lorbeer und der Ulme, und nach Hyginus die Handheben 
für die Bauern aus der Hainbuche, Steineiche und Ceri- 
eiche machen. 

Hölzer, welche in dünne Blätter gesägt und zur Ue- 
berkleidung andern Holzes gebraucht werden, sind vor- 
nehmlich das des Citrus, der Terebinthe, der Ahorne, des 
Buxbaumes, der Palme, Kermeseiche, Stecheiche, HoUunder- 
wurzel und Pappel. Auch giebt die Erle, wie schon ge- 
sagt, gleich dem Citrus und dem Ahorn, eine Maser zum 
Furnireu. Andere Maserarten werden nicht geschätzt. Der 
mittlere Theil des Holzes ist krauser, und je näher der 
Wurzel, um so kleiner und verschlungener sind die Flecken. 
Das war der Anfang des Luxus, dass man einen Baum 



Secliszehntes Buch. 237 

mit einem andern überkleidete und diejenigen, welche 
schlechteres Holz haben, durch einen Ueberzug werthvoller 
machte. Damit also ein Baum mehrere Male verkauft 
werde, hat man dünne Blätter von Holz zu verfertigen er- 
dacht. Noch nicht genug! Man hat angefangen, die Hörner 
der Thiere zu färben, ihre Zähne zu zersägen, das Holz 
mit Elfenbein auszulegen und zu überdecken. Hierauf 
holte mau das Holz aus dem Meere; indem man die Schild- 
kröten zerschnitt. Kürzlich unter der Regierung Nero's, 
haben sogar seltsame Köpfe erfunden, das Schildpatt 
durch Uebermalen zu verbergen, und es durch Nachahmung 
des Holzes noch theuerer zu machen. Auf solche Art 
macht man die Preise für die Betten, so bewirkt man, 
dass sich das Terebinthenholz selbst übertreffe, dass der 
Citrus werthvoller und der Ahorn betrogen werde. Der 
Luxus war mit dem Holze nicht allein zufrieden, denn 
jetzt bedient man sich an seiner Statt der Schildkröte. 

85. 
Die Lebensdauer mancher Bäume kann man für un- 
endlich lange halten, wenn man die Grösse der Welt und 
die vielen noch unbetretenen Wälder in Anschlag bringt. 
Aber unter denen, von welchen die Menschen das Andenken 
erhalten haben, befinden sich im Literninischen die von 
dem altern Afrikanus mit eigner Hand gepflanzten Oel- 
bäume; ferner eine Myrte von bedeutender Grösse an dem- 
selben Orte. Bei derselben ist eine Höhle, wo, der Sage 
nach, ein Drache seine ^) Manen bewacht. Zu Rom aber 
steht ein Lotus auf der Area des Tempels der Lucina, 
w^elcher im 379. Jahre der Stadt, wo es keine Magistrats- 
pei sonen gab, erbauet wurde. Man weiss nicht, um wie 
viel älter der Baum ist; dass er aber älter, leidet keinen 
Zweifel, denn Lucina, deren Name jetzt ungefähr 350 Jahre 
alt ist, wurde nach jenem Haine -) benannt. Noch älter, 
allein von nicht gewiss zu ermittelndem Alter ist der so- 



') Nämlich des Scipio Afrikanus. -) lucus. 



238 Sechszehntes Buch. 

genannte Haaibaum, dem das Haar der vestalischen Jung- 
frauen dargebracht wird. 

So. 

Noch ein anderer Lotus steht auf dem Vulkanal, 
(welchen Romulus nach dem Siege aus den Zehnten ange- 
bauet hat), der, wie Massurius schreibt, in gleichem Alter 
mit unserer Stadt ist. Seine Wurzeln reichen bis auf das 
Forum Cäsars durch die Standplätze der Freistädte. 
Gleiches Alter mit ihm hatte eine Cypresse, die aber in 
der letzten Lebenszeit des Kaisers Nero vernachlässigt 
wurde und ausging. 

87. 

Noch älter als die Stadt selbst ist eine Stecheiche auf 
dem Vatican, an welcher eine in Erz gegrabene etruscische 
Aufschrift besagt, dass sie schon damals der Gottesver- 
ehrung würdig gewesen sei. Die Tiburter, welche eben- 
falls schon lange vor Erbauung der Stadt Rom existirteu, 
haben 3 Stecheichen, die noch älter als ihr Stifter Tibur- 
tus sind, denn man sagt, er sei bei denselben eingeweihet; 
er selbst aber soll ein Sohn des Amphiaraus, der bei Theben 
um 1 Menschenalter i) früher, als der trojonische Krieg aus- 
brach, starb, gewesen sein. 

88. 

Einige Schriftsteller berichten, die delphisehe Platane 
und noch eine andere im Haine zu Caphys in Arcadien sei 
von Agamemnon selbst gepflanzt. Noch jetzt stehen der 
Stadt Troja gegenüber am Hellesponte auf dem Grabmal 
des Protesilaus Bäume, welche jedesmal, wenn sie so hoch 
gewachsen sind, dass sie Troja sehen können, vertrocknen, 
und dann wiederum von Neuem ausschlagen. Bei dieser 
Stadt aber stehen auf dem Grabe des Bus Eichen, welche 
damals, als man die Stadt Blum zu nennen anfing, gepflanzt 
sein sollen. 

89. 

Zu Argos soll jetzt noch der Oelbaum stehen, an 

') 30 Jahre. 



Sechszehntes Buch. 239 

welchen Argus die in eine Kuli verwandelte Jo ange- 
bunden habe. Bei Heraelea in Pontus stehen Altäre des 
Jupiter Stratius, und daneben Eichen, welche Hercules ge- 
pflanzt hat. In derselben Gegend ist ein Hafen durch die 
Ermordung des Amycus, eines Königs der Bebrycer, be- 
kannt; auf dessen Grabe steht seitdem ein Lorbeerbaum, 
den man den tollen nennt, denn wenn man etwas von ihm 
abreisst und mit auf das Schiff nimmt, so entsteht Zank, 
und dieser hört nicht eher auf, bis es weggeworfen wird. 
Wir haben von der Gegend Aulocrene, durch welche man 
von Apamia nach Phrygien kommt, geredet; hier zeigt man 
die Platane, an welcher der vom Apollo überwundene Mar- 
syos hing, und die sich schon damals durch ihre Grösse 
auszeichnete. Auch sieht man zu Delos eine Palme, welche 
noch aus dem Zeitalter dieses Gottes herstammt. Zu 
Olympia wird noch ein wilder Oelbaum, von welchem Her- 
cules zuerst bekränzt wurde, heilig aufbewahrt. Auch zu 
Athen soll noch der Oelbaum stehen, den Minerva in einem 
Wettstreite schuf. 

90. 
Eine sehr kurze Lebensdauer dagegen haben die 
Granaten-, Feigen- und der Apfelbaum, und unter diesen 
eher die frühen als die späten, eher die süssen als die 
scharfen, und von den Granaten die süsseren. Ebenso ist 
es bei den Weinstöcken und besonders den fruchtbarem. 
Gräcinus sagt, der Weinstock lebe 60 Jahre. Auch die 
Wassergewächse scheinen schneller zu vergeheo. Der Lor- 
beer-, die Aepfel- und Granatbäume werden zwar schnell 
alt, sprossen aber aus der Wurzel wiederum hervor. Die 
Oelbäume sind also am lebenskräftigsten, denn die Schrift- 
steller kommen darin überein, dass sie 200 Jahre alt 
werden. 

9L 

Auf einem der Stadt Rom naheliegenden Hügel des 

tusculanischen Gebietes liegt ein von den Lateinern der 

Diana aus religiöser Verehrung geweiheter Hain, Namens 

Corne, von Buchen, deren Kronen wie durch Kunst be- 



240 Sechszehntes Buch. 

schnitten sind. Einen darin befindlichen Baum von bedeu- 
tender Grösse liebte in unserer Zeit Passienus Crispus, der 
2 mal Consul sowie auch Eedner war, und hernach durch 
seine Hairath mit der Agrippina und durch seinen Stief- 
sohn Nero noch berühmter wurde; er pflegte ihn zu küssen, 
zu umarmen, unter ihm zu liegen und ihn mit Wein zu 
begiessen. Nahe bei diesem Haine steht auch eine ihres 
Stammes wegen berühmte Stecheiche, die 34 Fuss im Um- 
fange hat, zehn Bäume von ansehnlicher Grösse getrieben 
hat, und allein einen Wald ausmacht. 

92. 
Dass der Epheu die Bäume tödtet, weiss man. Das- 
selbe thut die Mistel ^), doch soll es mit dieser, welche an 
den Bäumen, ausser ihren Früchten, keine der geringsten 
Merkwürdigkeiten ausmacht, etwas langsamer gehen. Ei- 
nige Gewächse, wie die Mistel, können nemlich nicht in 
der Erde, sondern nur auf Bäumen wachsen und leben, da 
sie keinen eigenen Wohnsitz haben, auf fremden. Auch in 
Syrien giebt es ein Kraut, Cadytas^), was sich nicht 
allein um Bäume, sondern auch um Dornen herumschlingt. 
Ebenso im thessalischen Tempe das sogenannte Engel- 
süss ^), das Dolichos^) und der Quendel^). Was auf abge- 
hauenem Oleaster wächst, heisst Phaunos. Das auf der 
Walkerdistel 6) heisst Hippophäston, hat leere Köpfe, 
kleine Blätter, und eine weisse Wurzel, deren Saft in der 
Epilepsie zu Abführungen aus dem Körper sehr geschätzt 

wird. 

93. 
Von der Mistel giebt es 3 Arten. In Euböa nemlich 
nennt man die auf der Tanne und Lärche wachsende 
Stelis, die in Arcadien vorkommende heisst Hyphear. 
Von den Meisten wird aber die, welche auf der Eiche, der 
wilden Pflaume, der Terebinthe und auf sonst keinem an- 



1) Viscum. ^) Cuscuta Epilinum W. 

3) Polypodium. PoljTpodium vulgare L. 

^) Phaseolus vulgaris L. ^) Serpyllum. Thymus Serpyllum L. 

") Spina fullonia. Dipsacus fullonum L, 



Sechszehntes Buch. 241 

dern Baume wächst, Vis cum genannt. Die am häufigsten 
auf der Eiche vorkommende heisst Hyphear Dryos. Auf 
allen Bäumen, mit Ausnahme der Stech- und gemeinen 
Eiche, giebt der Geruch, der Saft und der unangenehme 
Geschmack der Blätter den Unterschied. Beide sind bei 
der Mistel bitter und zähe. Der Hyphear dient vornehm- 
lich zum Mästen des Viehes; zuerst führt er die unreinen 
Stoffe hinweg, dann, nach vollbrachter Reinigung, macht 
er fett. Thiere, welche die Auszehrung haben, halten diese 
im Sommer 40 Tage lang dauernde Kur nicht aus. Man 
giebt noch folgenden Unterschied bei der Mistel an; auf 
Bäumen, welche ihr Laub abwerfen, solle sie das ihrige 
auch verlieren, dahingegen auf immergrünenden ebenfalls 
behalten i). Ueberhaupt aber wächst sie nicht, wenn sie 
ausgesäet wird, sondern nur, wenn Vögel, namentlich die 
wilden Tauben und Krammetsvögel, den Samen verzehren 
und durch den After wieder von sich geben. Er muss 
nemlich, um aufzugehen, zuvor im Leibe der Vögel zur 
Reife gelangen. Die Mistel wird nicht über eine Elle hoch, 
ist stets strauchig und grün, das Männchen fruchtbar, das 
Weibchen unfruchtbar, zuweilen trägt aber auch jenes nicht. 

94. 
Den Vogelleim bereitet man aus den Beeren der 
Mistel, welche zur Zeit der Erndte unreif eingesammelt 
werden; denn kommt Regen dazu, so werden sie zwar 
grösser, aber am Stamme schlaff. Diirauf trocknet man sie, 
zerstösst sie, und legt sie zum Faulen beinahe 12 Tage 
lang in's Wasser (es ist die einzige Materie, welche durch 
Fäuluiss erst ihre Güte bekommt); hierauf klopft man sie 
aufs Neue mit einem Hammer in fliessendem Wasser, 
wodurch die Hülsen abfallen und das inwendige Fleisch 
zähe wird. Diess ist der Vogelleim, an dem die Federn 

*) Plinius vermengt hier 2 einander ähnliche Schmarotzerge- 
wächse, nämlich Loranthus europaeus und Viscum alhum. Ersteres 
findet sich fast nur auf Eichen und verliert alljährlich seine Blätter, 
dagegen letzteres immer grünend ist. Yergl. die Anmerkung im 
XIII. B. 39. Cap. 

vVittsteiu: Plinius. III. Bd. 16 



242 Sechszehntes Buch. 

der Vögel beim Berühren festhaften, und den man mit Oel 
vermischt, wenn man dieselben fangen will. 

95. 
Bei dieser Gelegenheit dürfen wir die wunderbaren 
Nachrichten von den Galliern nicht mit Stillschweigen über- 
gehen. Die Druiden (so heissen nemlich ihre Zauberer) 
halten nichts heiliger als die Mistel und den Baum, auf 
welchen sie wächst (namentlich wenn es eine Eiche ist). 
Sie wählen an sich schon die Eichenhaine, und verrichten 
ohne deren Laub kein Opfer, so dass es nach griechischer 
Deutung scheint, sie hätten davon den Namen Druiden 
erhalten. Ja sie glauben, alles was an den Eichen wächst, 
sei vom Himmel gesandt, und sehen diess als einen Be- 
weis an, dass die Gottheit selbst sich diesen Baum erwählt 
habe. Die Mistel ist aber nur sehr selten; hat man sie 
gefunden, so wird mit grosser Feierlichkeit dahin gezogen, 
und vor allem am 6. Tage nach dem (Neu)-Monde, welcher 
bei ihnen den Anfang der Monate und Jahre, und nach 
Verlauf von 30 Jahren den eines neuen Seculum's macht, 
weil alsdann der Mond schon Kräfte genug habe, und noch 
nicht halb voll sei. Sie nennen diesen Tag mit einem 
eigenen Worte den allheilenden, bereiten Opfer und Mahle 
unter dem Baume, und führen 2 weisse Stiere herbei, deren 
Hörner dann zum ersten Male umbunden werden. Der 
Priester in weissem Kleide besteigt hierauf den Baum und 
schneidet mit einer goldenen Sichel die Mistel ab, welche 
in einem weissen Tuche aufgefangen wird. Sodann opfern 
sie Thiere, und bitten die Gottheit, sie wolle ihr Geschenk 
Denen, welchen sie es gegeben hat, segnen. Sie glauben, 
ein von diesem Gewächs bereiteter Tränk mache ein jedes 
unfruchtbare Thier fruchtbar; auch sei es ein Hülfsmittel 
wider alle Gifte. Soviel Verehrung bezeugen oft ganze 
Völker den gewöhnlichsten Dingen. 



Siebenzehntes Euch. 



Von den angepflanzten Bäumen. 

1. 
Wir haben bisher von den Bäumen gehandelt, welche auf 
dem Lande und im Meere wild vorkommen. Jetzt bleiben 
uns noch diejenigen übrig, welche eher der Kunst und dem 
menschlichen Scharfsinne ihr Dasein verdanken. Vorher 
aber sei es erlaubt, unsere Bewunderung darüber auszu- 
drücken, dass das was der Mensch aus Noth den wilden 
Thieren als ihr ungetheiltes Eigenthum entriss, indem er 
mit ihnen um die herabgefallenen Früchte und mit den 
Vögeln um die hängend gebliebenen stritt, unter den 
Gegenständen des Wohllebens zu so hohen Preisen gestiegen 
ist, wovon L. Crassus und Cn. Domitius Ahenobarbus den 
deutlichsten Beweis geliefert haben. Crassus war einer 
der berühmtesten Redner unter den Römern, und hatte ein 
prächtiges Haus; Q. Catulus, der mit C. Marius die Cim- 
bern schlug, besass auf demselben palatinischen Hügel 
ein noch prächtigeres; am schönsten aber war, nach Aller 
Meinung, in jener Zeit das auf dem viminalischen Hügel 
stehende des römischen Ritters C. Aquilius, der auch 
hierdurch berühmter als durch seine Kenntniss des bürger- 
lichen Rechts wurde, während mau dem Crassus das sei- 
nige zum Vorwurf machte. Beide, Crassus und Domitius, 
aus den vornehmsten Familien führten zugleich nach dem 
Consulate das Censoramt im 662. Jahre der Stadt, und 
wzar, wegen der Ungleichheit ihres Charakters, unter 
häufigen Zänkereien. Cn. Domitius, der von Natur heftig 

16* 



244 Siebenzeliutes Buch. 

und ausserdem vom Hasse (welcher durch die Eifersucht 
am heftigsten wird) entbrannt war, tadelte es laut, dass 
ein Censor so prächtig- wohne, und bot mehrere Male für 
dessen Haus 1,000,000, Sesterzen. Crassus hingegen, der 
sich stets zu helfen wusste, und erfinderisch in treffendem 
Witze war, antwortete, er wolle ihm das Haus abtreten, 
aber mit Ausnahme von 6 Bäumen. Nein, sagte Domitius, 
ich will es nicht für einen Denar, wenn diese weggenom- 
men werden. Wie Domitius, evwiederte Crassus, gebe ich 
nun ein so anstössiges Beispiel, um von meinem Amte 
selbst bestraft zu werden, dass ich in einem geerbten 
Hause angenehm wohne; oder du, der du 6 Bäume 1 Mil- 
lion Sesterzen werth hältst? Diess waren Lotusbäume, 
welche durch die Ausdehnung ihrer Aeste einen bedeuten- 
den Kaum beschatteten, und die in meiner Jugend Caecines 
Largus, einer der vornehmsten Männer, oft in seinem Hause 
zeigte. Sie blieben auch (wie wir denn bereits von dem 
Alter dieser Bäume geredet haben) bis zu der vom Kaiser 
Nero angelegten Feuersbruust, welche die Stadt einäscherte, 
180 Jahre lang grün und gesund, und würden noch älter 
geworden sein, wenn dieser Fürst nicht auch ihren Unter- 
gang beschleunigt hätte. Damit übrigens Niemand das 
Crassushaus für gering halte, und glaube, Domitius habe 
nur der Bäume wegen seine Galle darüber ausgeschüttet 
so bemerke ich, dass jeuer in dem Vorhofe 4 Säulen von 
hymettischem Marmor zur Ausschmückung der Schaubühne 
bei Gelegenheit seines Aedilamtes bereits hatte errichtei; 
lassen, als an öffentlichen Plätzen dergleichen noch nicht 
von Marmor standen. So neu ist noch die grosse Pracht, 
und so viel ehrwürdiger machten damals Bäume ein Haus, 
dass ohne dieselben Domitius aus Feindschaft nicht ein- 
mal einem Hause seinen Werth zuerkannte. 

Von Bäumen führten die Alten auch Beinamen. Fron- 
ditius hiess jener Soldat, welcher mit einem über sein 
Haupt gelegten Zweige über den ^'ulturnus^) schwamm, 



*) Flu SS in Campanien. 



Sielienzelmtes Buch. 245 

und lierrlicbe Thaten gegen Hannibal ausführte. Die lici- 
niscbe Familie hatte den Beinamen Stolonen; so heissen 
nemlich die unnützen Reiser an den Bäumen, und derjenige 
von ihnen, welcher die Ausschneidung derselben erfand, er- 
hielt zuerst den Namen Stolo. Selbst in den alten Ge- 
setzen ist der Sorgfalt für die Bäume gedacht; es lieisst 
nemlich in den 12 Tafeln, wer fremde Bäume unherech- 
tigterweise umhaue, solle für jeden 25 Ass Strafe geben. 
Was glauben wir nun wohl, sollten Jene, die die frucht- 
tragenden Bäume so hoch schätzten, vermuthet haben, dass 
die oben angeführten zu einem so enormen Preise steigen 
würden? Das Obst ist kein geringerer Gegenstand der 
Bewunderung, denn die Früchte mancher Bäume in der 
Nähe der Stadt werden jährlieh zu 2000 Sesterzeu ver- 
pachtet, und ein Baum bringt jetzt mehr Gewinn als bei 
den Alten ein ganzes Landgut. Darum ist das Propfen 
und der Ehebruch unter den Bäumen ausgedacht, damit 
für die Armen kein Obst wachse. Wir wollen daher jetzt 
anführen, auf welche AVeise man hieraus den grössten Ge- 
winn zieht, und wie diese Art der Cultur am besten und 
vollständigsten betrieben wird. Jedoch werden wir weder 
ganz gewöhnliche, noch bereits bekannte Gegenstände, son- 
dern nur solche abhandeln, die ungewiss und zweifelhaft 
sind, und am meisten zu Irrungen im Leben veranlassen; 
denn es ist unsere Sache nicht, da, wo es unnöthig er- 
scheint, einen unzeitigen Fleiss zu zeigen. Vor allem soll 
nun überhaupt von dem Einfluss des Himmels und der 
Erde, und im Allgemeinen von dem, was auf alle Arten 
von Bäumen Bezug hat, die Rede sein. 

2. 
Die Bäume stehen am liebsten gegen Nordost, und 
werden durch den aus dieser Himmelsgegend kommenden 
Wind dichter, schöner und fester. Gerade hierin irren die 
Meisten, denn in den Weinbergen müssen die Pfähle 
diesem Winde nicht entgegen gesetzt werden, sondern diess 
soll man nur gegen -Mitternacht beobachten. Ja selbst 
Kälte, wenn sie zu rechter Zeit kommt, giebt den Bäumen 



246 Siebenzehntes Buch. 

viel Festigkeit, und macht, dass sie am besten ausschlagen; 
werden sie aber von lauen Südwinden ange wehet, so ver- 
lieren sie, und zwar vorzugsweise in der Blütbe, ihre Kräfte. 
Folgen sogleich nach dem Abblühen starke Regenschauer, 
so geht das Obst gänzlich verloren. Daher verlieren Mandel- 
und Birnbäume, wenn es beständig neblig ist und der Süd- 
wind wehet, ihre Früchte. Regen zur Zeit des Siebenge- 
stirns ist dem Weinstock und Oelbaum äusserst schädlich, 
weil sie sich dann befruchten; diess ist für die Oelbäume 
der entscheidende 4tägige Zeitpunkt, diess ist die Periode 
des schlechten, nebligen, von Südwinden begleiteten Wetters, 
von denen wir bereits geredet haben. Das Getreide wird 
auch bei Südwind nicht so gut, obgleich schneller reif. Die 
Kälte, welche von Korden oder zur unrechten Zeit kommt, 
ist schädlich. Wenn im Winter der Wind aus Nordost 
wehet, gedeihen die Saaten am besten. Dass aber alsdann 
der Regen wüuschenswerth sei, ist einleuchtend, denn die 
Bäume haben sich durch die Frucht erschöpft, sind durch 
den Verlust der Blätter matt geworden, und fühlen also 
natürlich heftigen Durst; der Regen aber ist ihre Nahrung. 
Man hält daher nach längerer Erfahrung einen milden 
Winter, in welchem die Bäume sogleich nach abgenommener 
Frucht wieder eine neue Befruchtung erleiden, d. h. aus- 
schlagen, imd worauf dann eine neue Entkräftung durch 
das Blühen erfolgt, für sehr schädlich. Ja, wenn mehrere 
solcher Jahre auf einander folgen, sollen die Bäume sogar 
absterben, denn ein Jeder weiss, dass die Folge davon 
Hungersnoth unter den Landleuten ist. Wer also heitere 
Winter wünscht, der hat dabei das Beste der Bäume nicht 
im Auge. Dem Weinstocke schadet auch bei der Sonnen- 
wende der Regen. Dass durch den Winterstaub die Erndten 
besser ausfallen, hat wohl ein witziger Kopf aus Muth- 
willen gesagt. Uebrigens muss mau den Bäumen sowohl 
wie dem Getreide wünschen, dass der Schnee lange liegen 
bleibe, und zwar nicht allein, weil er das belebende Prin- 
cip der Erde, welches durch die Ausdünstung verloren gehen 
würde, einschliesst und zurückhält, und zu den Kräften der 



Siebenzehntes Buch. 247 

Saaten und den Wurzeln zurückführt, sondern auch, weil 
-er ihnen allmählig eine reine und äusserst leichte Feuchtig- 
keit mittheilt, denn der Schnee ist der Schaum des himm- 
lischen Wassers. Diese Feuchtigkeit also dringt nicht gänz- 
lich hinein und zertheilt, sondern tröpfelt nur nach Bedürf- 
niss zu, und nähret gleichwie aus einer Brust alles, was 
sie bedeckt. Die Erde wird selbst auf diese Weise locker, 
von Safte erfüllt, für die saugenden Saaten nicht entkräftet, 
und lacht, wenn sie sich später öffnet, den warmen Tagen 
entgegen. So wird das Getreide am fettesten, ausgenommen 
da, wo die Luft beständig warm ist, wie in Aegypten, denn 
Dauer und Gewohnheit bewirken das, was anderwärts das 
Maass thut, und allenthalben besteht der grösste Nutzen 
in der Abwesenheit aller schädlichen Elemente. Auf dem 
grössern Theile des Erdkreises werden die sehr früh aus- 
gebrochenen Knospen, welche durch milde Witterung her- 
vorgelockt sind, durch später eintretende Kälte zerstört. 
Daher schaden späte Fröste auch den wilden Bäumen, und 
diese leiden noch mehr dadurch, dass ihr Schatten sie ver- 
grössert, und kein Hülfsmittel dagegen schützt, denn bei 
den wilden ist es nicht rathsam, die zarten mit Stroh zu 
umwickeln. Daher kommt das Wasser rechtzeitig, zuerst 
in den Winterregen, sodann in denen, welche der Keimung 
vorangehen, drittens, wenn die Frucht ansetzt, jedoch nicht 
im Anfange, sondern wenn dieselbe nicht ganz klein mehr 
ist. Denjenigen Bäumen, welche ihre Früchte lauge be- 
halten und längere Zeit Nahrung bedürfen, wie dem Wein- 
stock, Oelbaum und der Granate, ist später Regen zuträg- 
lich; doch bedürfen die verschiedenen Arten der Bäume 
diesen Regen auf verschiedene Weise, da die einen zu 
dieser, die andern zu jener Zeit reife Früchte bringen. 
Daher sieht man, dass durch ein und denselben Regen 
dem einen geschadet, dem andern genützt wird, ja diess 
sogar bei einer Art, wie bei den Birnen, denn die Winter- 
birnen bedürfen den Regen zu einer andern Zeit, als die 
Frühbirnen, haben ihn also gleichsam zu allen Zeiten nöthig. 
Die Winterzeit geht dem Ausschlagen voraus, und dieses 



248 Siebenzelintes Buch. 

erfolgt besser beim Nordost als beim Südwinde. Daher 
zieht man auch die Gegenden mitten im Lande denen an 
der Seeküste (denn diese sind meistens kälter), ferner 
bergichte Gegenden den Flächen und nächtlichen Regen 
dem täglichen vor. Die Saaten haben mehr Nutzen von 
dem Wasser, wenn es nicht sogleich wieder von der Sonne 
weggenommen wird. 

Bei der Anlage von Weinbergen und Baumpflanzungen 
wird auch erwogen, nach welcher Himmels- Gegend hin sie 
sehen sollen. Virgil widerräth, sie gegen Abend an- 
zulegen; Andere dagegen ziehen diese Lage derjenigen 
gegen Osten vor. Ich finde, dass die Meisten die Mittags- 
gegend gut heissen, glaube aber, dass sich hierüber nichts 
allgemein Gültiges bestimmen lässt. Man muss vielmehr 
die Beschaifenheit des Bodens, die örtlichen und klimati- 
schen Verhältnisse hiebei in Erwägung ziehen. Die Lage 
der Weinberge in Afrika gegen Mittag ist dem Weinstocke 
schädlich und dem Landmanne unzuträglich, weil das Land 
selbst in der Mittagslinie liegt; legt er ihn aber gegen 
Abend oder Mitternacht an, so wird er eine glückliche 
Mischung zwischen dem Boden und dem Himmel bewirken, 
obgleich Virgil die Abendseite nicht lobt. Wegen der Mitter- 
nachtseite scheint kein Zweifel mehr übrig zu sein, denn 
in dem diesseits der Alpen belegenen Italien haben die 
Weinberge grösstentheils diese Lage, und doch sind, wie 
man weiss, keine fruchtbarer. 

Sehr viel kommt ferner auf die Winde an. In der 
narbonensischen Provinz, in Ligurien und einem Theile 
von Etrurien hält man es für einen Beweis von Unerfahren- 
heit, Weinberge gegen Nordnordwest anzulegen, hingegen 
von Vorsichtigkeit, denselben zur Seite zu haben; denn er 
mildert dort die Hitze, aber meistens mit solcher Heftig- 
keit, dass er die Häuser abdeckt. Einige zwingen den 
Himmel, der Erde zu gehorchen, indem das, was sie an 
trockne Orte säen, gegen Morgen und Mitternacht, und w^as 
sie an feuchte säen, gegen Mittag liegen muss. Selbst bei 
den Weinstöcken borgen sie fremde Ursachen, indem sie 



Siebenzehntes Buch. 249 

an kalte Orte die frühen pflanzen, damit sie vor dem Ein- 
tritt der Kälte reif werden. Die Obstbäume und Wein- 
stöeke, welchen der Thau schadet, setzen sie gegen Osten, 
damit ihn die Sonne sogleich wegnimmt; die, welchen der 
Thau wohlthut, gegen Abend, oder selbst gegen Mitter- 
nacht, damit sie ihn um so länger geniessen können. Die 
Uebrigen sind, fast immer den Regeln der Natur gefolgt, 
und haben Weinstöcke und Bäume gegen Nordost zu setzen 
empfohlen. Democrit meint auch, ein solche Frucht bekomme 
einen besseren Geruch. Die Lage des Aquilo und der 
übrigen Winde haben wir bereits im 2. Buche angegeben; 
im nächstfolgenden werden wir noch mehr auf den 
Himmel Bezügliches sagen. Inzwischen scheint in dessen i) 
Lage ein offenbarer Beweis seiner Gesundheit begründet, 
denn von Bäumen, welche gegen Mittag stehen, fällt das 
Laub immer früher ab. 

Aehnlich verhält es sich mit den Küstenländern; denn 
in einigen Gegenden sind die vom Meere her webenden 
Winde schädlich, in den meisten aber von günstiger Wir- 
kung. Einigen Pflanzen ist es dienlich, das Meer von ferne 
im Angesicht zu haben, näberhin schadet ihnen dessen 
Ausdünstung. Gleiche Rücksichten erfordern die P'lüsse 
und Seen; sie zerstören durch ihre Nebel oder erkälten die 
hitzigen. Einige, welche wir bereits genannt haben, lieben 
den Schatten und selbst Kälte. Daher muss man den Er- 
fahrungen den meisten Glauben schenken. 

3. 

Nächst der Luft müssen wir zuerst von der Beschaffen- 
heit des Erdreichs handeln, eine Materie, deren Durch- 
führung nicht geringere Schwierigkeiten darbietet, denn in 
den meisten Fällen eignet sich ein und derselbe Boden 
nicht für Bäume und Getreide. Selbst die schwarze, welche 
in Campanien vorkommt, oder die, welche feine Nebel aus- 
haucht, ist für den Weinstock nicht überall die beste; auch. 



*) Nämlich des Aquilo. 



250 Siebenzehntes Buch. 

ivird die rothe von Vielen nicht gelobt. Den Kalk im Ge- 
biete der pompejanischen Albenser und den Thon zieht 
man in Weinbergen allen übrigen Arten vor, obgleich beide 
sehr fett sind, was bei diesem Gewächse eine Ausnahme 
macht. Dahingegen ist im Ticinensischen der weisse, und 
an vielen Orten der schwarze und rothe Sand, wenn er 
auch mit fetter Erde vermischt wird, unfruchtbar. 

Die Schlüsse der darüber Urtheilenden trügen auch 
öfters. Fruchtbar ist nicht gerade ein Boden, in welchem 
hohe Bäume prangen, sondern es liegt an diesen Bäumen 
selbst. Denn was ist höher als die Tanne? Und, welcher 
andere Baum kann an derselben Stelle ausdauern? Auch 
sind reiche Weiden nicht immer ein Beweis eines fetten 
Bodens; denn welche Futterkräuter sind besser als die 
deutschen? Und gleichwohl findet man dort unter einer 
sehr dünnen Rasenschicht sogleich Sand. Nicht immer ist 
das Erdreich, auf welchem hohe Kräuter wachsen, bewässert; 
gewiss nicht mehr, als das, was au den Fingern hängen 
bleibt, fett ist, wie die Thonarten beweisen. Erde, welche 
in ein ausgegrabenes Loch wieder zurückgeworfen wird, 
füllt dasselbe nicht wieder ganz aus; man kann daher eine 
dichte und lockere auf diese Weise nicht erkennen, und 
jede Erdart überzieht das Eisen mit Rost. Auch lässt sich 
eine schwerere oder leichtere nicht wohl durchs Gewicht 
bestimmen, denn welches Gewicht wäre als das richtige 
der Erde zu betrachten? Auch das durch Flüsse ange- 
schwemmte Land kann man nicht immer loben, weil einige 
Pflanzen durch das Wasser matt werden. Selbst die Erde, 
welche man gut nennt, erweist sich, ausgenommen bei den 
Weiden, nicht auf lange Zeit dienlich. Ein Beweis davon 
sind unter andern die Halme, welche in dem berühmten 
laborinischen Felde Canpaniens so stark werden, dass sie 
die Stelle des Holzes vertreten. Aber dieser Boden ist müh- 
sam zu beackern und zu bestellen, und quält den Land- 
mann durch seine Vorzüge fast mehr, als er es durch 
Fehler thuu könnte. Die sogenannte Carbunkel-Erde soll 
durch magere Weinstöcke verbessert werden. Selbst der 



Siebenzelintes Buch. 251 

rauhe, von Natur leicht zerreibliche Tofstein wird von den 
Schriftstellern nicht verworfen. Virgil hält die, in welcher 
Farnkraut wächst, für nicht unpassend zu Weinstöcken. 
Viele Gewächse sollen zweckmässiger in salzige Erde ge- 
pflanzt werden, weil sie darin vor den Nachstellungen der 
in der Erde wohnenden Thiere sicherer sind. Die Hügel 
werden, wenn man vorsichtig gräbt, durch die Bearbeitung 
nicht entblösst. Alle Felder bekommen nicht weniger 
Sonne und Wind, als uöthig ist. Dass einigen Weiustöcken 
Reif und Nebel zur Nahrung dienen, haben wir bereits ge- 
sagt. Alle Dinge haben ihre tiefen Geheimnisse, welche 
ein Jeder mit seinem Verstände erforschen muss. 

Verändert sich nicht oft das, was man für gut hielt, 
und durch lange Erfahrung bewährt fand? Die Gegend um 
Larissa iu Thessalien wurde, nachdem man einen See ab- 
gelassen hatte, kälter und die dortigen Oelbäume gingen 
aus. Ebenso erfroren um dieselbe Zeit die Weinstöcke der 
Stadt Aenos, als der Hebrus näher geleitet war. Bei Phi- 
lippi trocknete man den Boden aus, und darauf änderte 
sich das Klima. Im syracusanischen Gebiete aber verlor 
ein neu angekommener Landwirth, der sein Feld von Steinen 
befreiet hatte, sein Getreide so lange im Kothe, bis er die 
Steine wieder zurückbrachte. In Syrien zieht man mit der 
Pflugschar nur eine schmale Furche, weil Felsen darunter 
sind, die im Sommer die Saat verbrennen würden. An 
einigen Orten gleichen sich die Wirkungen einer über- 
mässigen Hitze und Kälte. Thracien ist durch die Kälte, 
Afrika und Aegypteu durch die Hitze fruchtbar an Ge- 
treide. Auf Chalcia, einer Insel der Rhodier, ist eine Stelle 
so fruchtbar, dass man die zur gewöhnlichen Zeit gesäete 
Gerste abmähen, das freie Feld sogleich wieder damit be- 
säen, und mit andern Getreide noch einerndten kann. Der 
kiesige Boden erweist sich im Venafranischen, und der 
fetteste in Bätica für die Oelbäume als der beste. Der 
pucinische Wein reift auf Felsen, der cäcubische iu den 
pontinischen Sümpfen. So . grosse Unterschiede zeigt der 
Boden in seiner Natur und so verschieden sind die Beweise 



252 Siebenzehntes Buch. 

für seine (gute oder schlechte) Beschaffenheit. Als Cäsar- 
Vopiscus seine Rechtssache bei den Censoren vertheidigte, 
sagte er, die Felder von Rosea seien das Fett Italiens, 
denn das Gras auf denselben bedecke eine gestern dort 
zurlickgelassene Stange; allein man schätzt sie nur als 
Viehweiden, Doch wollte uns die Natur nicht unwissend 
lassen, denn sie zeigte uns da, wo sie das Gute nicht deut- 
lich an den Tag gelegt hatte, die Fehler, und von diesen 
wollen wir zuerst reden. 

Einen bittern und magern Boden erkennt man an den 
schwarzen und entarteten Kräutern, einen kalten an den 
dürren, einen sumpfigen an den traurig aussehenden, einen 
röthelartigen und thonigen an den Augen. Letztere beiden 
Erdarten sind am schwersten zu bearbeiten, und beschweren 
die Hacken und Pflüge, an welche sie sich in grossen 
Klössen anhängen; indessen erstreckt sich das Widerwär- 
tige bei ihrer Bestellung nicht auf die in ihnen gezogenen 
Früchte. Das Gegentheil findet bei der aschartigen und 
weissen sandigen statt. Eine unfruchtbare erkennt man 
leicht an ihrer dichten Oberschicht, sowie beim Einstechen 
mit einem Spiesse. Cato bezeichnet die Fehler auf kurze 
und ihm eigeuthtimliche Weise: „Treibe weder Wagen 
noch Vieh auf dürre Erde." Was glauben wir wohl, warum 
er in diesen Worten eine solche Furcht zu erkennen giebt, 
dass er beinahe verbietet, den Fuss darauf zu setzen? Wir 
wollen zur Fäulniss des Holzes zurückkehren, und werden 
dann die Fehler finden, welche er so sehr verabscheuet; 
sie bestehen in der Trockenheit, Löcherigkeit, Rauheit, der 
grauen Farbe, dem Ausgefressen- und dem Blasigsein. Er 
hat durch eine Bezeichnung mehr gesagt, als er mit vielen 
Worten hätte ausdrücken können. Bei der Besprechung 
der Fehler ist zu errinnern, dass manche Erde nicht durch's 
Alter (denn davon kann bei ihr keine Rede sein) sondern 
von Natur veraltet und mithin in jeder Beziehung unfrucht- 
bar und schwach ist. 

Ebenderselbe hält denjenigen Acker für den besten, 
welcher am Fusse eines Berges liegt und gegen Mittag 



Siebenzehntes Buch. 253 

eben ausläuft. Ganz Italien hat diese Lage. Die Erde 
aber soll nach ihm die zarte, sogenannte schwarze sein. 
Diese wird sich also zur Bearbeitung und für die Gewächse 
am besten eignen. Wenn man nun erwägt, dass sie mit 
dem wunderbaren Ausdruck „die zarte" belegt worden ist, 
so wird man in diesem Worte alles, was man nur wünschen 
kann, vereinigt finden. Sie ist gemässigt fruchtbar, weich 
und leicht zu bearbeiten, weder nass noch dürre, und glänzt, 
nachdem die Pflugschar sie durchschnitten; Homer, die 
Quelle des Scharfsinns, sagt, sie sei von einem Gotte auf 
den Waffen eingeprägt, und fügt als ein Wunder hinzu, 
sie habe, obgleich in Gold gearbeitet, schwärzlich ausge- 
sehen. Frisch abgeschnitten wird sie von den unersättlichen 
Vögeln, welche die Pflugschar begleiten, durchspähet, wobei 
die ßaben fast die Fersen des Pflügenden benagen. 

Bei dieser Gelegenheit müssen wir auch einen Aus- 
spruch, der sich auf Gegenstände des Luxus bezieht, sowie 
einiges andere hierher Gehörige anführen. Cicero, der 
zweite Stern der Gelehrsamkeit, sagt: „Die Salben, welche 
nach Erde schmecken, sind besser, als die, welche nach 
Safran schmecken." Er sagte diess nämlich lieber, als: 
„welche — riechen". Wahrlich, so ist es; diejenige Erde, 
welche nach Salben schmeckt, wird die beste sein. Wenn 
wir veranlasst sind, anzugeben, von welcher Art der Geruch 
der Erde sei den Avir suchen, so gelingt uns diess auch oft, 
wenn sie ruhet, gegen den Untergang der Sonne hin, da, 
wo der Regenbogen sich mit seinen Enden hingeneigt hat; 
ferner, wenn die Erde nach anhaltender Dürre durch Kegen 
nass geworden ist, denn dann haucht sie ihren von der 
Sonne empfangenen himmlischen Dunst, welcher eine unver- 
gleichliche Anmuth besitzt, aus. Eben dieser Geruch muss 
in ihr sein, wenn sie aufgegraben wird, und ist er vorhan- 
den, so kann- er Niemandem entgehen. Der Geruch fällt 
das sicherste Urtheil über die Erde. Von solcher Be- 
schaffenheit findet er sich auf neuen Aeckern, wo ein alter 
Wald ausgehauen ist, und wird hier allgemein als ein gutes 
"Merkmal angesehen. 



254 Siebenzehntes Buch. 

In Betreff der Feldfrüchte hält man ein und dieselbe 
Erde für besser, wenn sie durch Brachliegen ausgeruhet 
hat; was bei den Weinbergen nicht der Fall ist. Um so 
sorgfältiger muss man sie aussuchen, damit nicht die Mei- 
nung Derer, welche geglaubt haben, der Boden von Italien 
sei schon erschöpft, Wurzel fasse. Die Möglichkeit des 
Feldbaues beruht bei einigen Erdarten auch auf der Witte- 
rung, denn manche kann nach dem Regen nicht gepflügt 
werden, weil sie durch zu viel Feuchtigkeit zähe wird. 
Dahingegen haben wir im Byzacischen Gebiete von Afrika 
ein bis zum 150. Korne fruchtbares Feld gesehen, welches 
trocken durch keine Stiere gepflügt werden konnte, nach 
dem Regen aber durch einen schlechten Esel, an dessen 
anderer Seite ein altes Weib den Pflug mit zog, beackert 
ward. Erde aber durch Erde zu verbessern, (wie Einige 
lehren), indem man auf magere Erde fette, oder auf feuchte 
und allzufette magere und sandige werfen solle, ist ein 
thörichtes Bemühen; denn was kann der hoffen, der eine 
solche Erde bebauet? 

Eine andere Methode, Erde durch Erde zu düngen, 
haben die Britannier und Gallier erfunden, und nennen 
diese Erdart Mergel. Er besitzt eine dichtere "Reichhaltig- 
keit und ist gleichsam das Schmalz der Erde, in welcher 
sich, wie in den Drüsen des Körpers, ein Kern von Fett 
verdichtet. Auch diess ist den Griechen nicht entgangen, 
denn was haben die nicht alles versucht? Leucargillon 
nennen sie einen weissen Thon, dessen sie sich in dem 
megarischen Gebiete, jedoch nur in feuchter und kalter 
Erde, bedienen. 

Jene Erde, welche Gallien und Britannien reich machen, 
müssen Avir sorgfältig in Betracht ziehen. Früher gab es 
nur 2 Arten davon; kürzlich aber hat man in Folge der 
fortgeschrittenen Kenntnisse, noch mehrere einzuführen an- 
gefangen, denn es giebt eine weisse, röthliche, taubenfarbige, 
thonartige, tofartige und sandige. Ihre Beschaffenheit ist 
zweifach, entweder rauh oder fett; Beides erkennt man. 



Siebenzehntes Buch. 255- 

durch die Hand. Auch ihr Gebrauch ist zweifach, ent- 
weder dienen sie bloss zum Ernähren der Feld- 
früchte oder sie bringen auch Viehfutter hervor. Früchte 
■wachsen auf der weissen tofartigen, und findet sie sich 
zwischen Quellen, so ist sie ins Unendliche fruchtbar; sie 
fühlt sich aber rauh an und wird zu viel davon auf den 
Boden gebracht, so verbrennt sie ihn. Ihr am nächsten 
steht die röthliche, welche Rauchmergel genannt wird, und 
aus Steinen mit untermischter feiner, sandiger Erde besteht. 
Die Steine werden auf dem Felde selbst zerstossen, und in 
den ersten Jahren lassen sich deshalb die Halme schwierig 
abmähen. Er wird jedoch mit den geringsten Kosten her- 
beigeschafft, da er um die Hälfte leichter als die übrige 
ist. Man streuet ihu dünn aus; er soll mit Salz vermischt 
werden. Wenn diese beiden Arten nur einmal auf den 
Acker gestreuet sind, so zeigt sich ihre Wirkung 50 Jahre 
lang durch den bedeutenden Ertrag von Getreide und Heu. 
Unter den sogenannten fetten ist die weisse die vor- 
züglichste, und zerfällt wieder in mehrere Arten. Von der 
fressendsten haben wir schon oben geredet. Die zweite 
Art der weissen heisst Tripel ^); man holt sie tief aus der 
Erde hervor, zu welchem Behuf man gegen 100 Fuss tiefe 
Schächte gräbt, die oben enge sind, und innerhalb, gleich- 
wie in den Bergwerken, weite Gänge haben. Dieser be- 
dient man sich in Britannien am meisten. Sie hält 80 Jahre 
lang an, und man kennt kein Beispiel, dass Jemand die- 
selbe 2 mal auf sein Land gebracht hat. Die dritte Art 
der weissen heisst Gleissmergel 2), ist eine mit fetter Erde 
vermischte Walkerkreide, und giebt mehr Futterkräuter als 
Getreide, dergestalt, dass nach vollendeter Erndte vor der 
neuen Saatzeit noch eine reichliche j\[euge davon er- 
halten werden kann. Ist sie auf einem Kornfelde, so lässt 
sie kein anderes Gras aufkommen; sie hält 30 Jahre lang 
an, liegt sie aber zu dicht, so erstickt sie wie die Signi- 
nische den Boden. Den taubenfarbigen Mergel nennen die 

') Greta argentaria, zum Poliren des Silbers. 

-) Glyssomarga. von Altdeutschen: glizen d. h, gleissen, glänzen. 



25(3 Siebenzehntes Buch. 

Gallier in ihrer Sprache Eglecopala; er wird wie Steine in 
grossen Klösseu ausgegraben, durch Sonne und Kälte aber 
so locker gemacht, dass er in sehr dünne Blätter zerfällt, 
und ist ebenso fruchtbar wie der vorige. Des sandigen 
bedienen sie sich, wenn sie keinen anderen haben, auf 
sumpfigem Boden aber stets, auch wenn es an anderen nicht 
fehlt. Die Ubier sind die einzigen Völker, welche den 
fruchtbarsten Boden bebauen, jeden Acker über 3 Fuss tief 
ausgraben, und durch 1 Fuss hoch darüber gestreueten 
Mergel düngen; aber er nützt nicht länger als 10 Jahre. 
Die Heduer und Pictoner haben ihre Aecker durch Kalk 
sehr fruchtbar gemacht, und in der That findet man den- 
selben für Oelbäume und Weinstöcke sehr zuträglich. Aller 
Mergel muss aber auf gepflügtes Land geworfen werden, 
damit dieses Verbesserungsmittel schnell eindringe; der- 
jenige, welcher anfangs mehr rauh ist, sowie der, welcher 
nicht auf Gras geworfen wird, erfordert ein wenig Mist, 
sonst schadet er, von welcher Art er auch sei, durch seine 
Keuheit dem Boden, den er zeigt sich nicht einmal im nächst- 
folgenden Jahre fruchtbar. Es ist auch nicht einerlei, auf 
welchen Boden er gebracht wird, denn der trockene 
eignet sich eher für einen feuchten, der fette für einen 
trockenen, die Greta oder der taubenfarbige Mergel aber 
für einen nicht zu feuchten und zu trockenen. 

5. 
Die Völker jenseits des Po's lieben den Gebrauch der 
Asche so sehr, dass sie dieselbe dem Miste des Zugviehs 
vorziehen, und da dieser sehr leicht ist, so brennen sie ihn 
aus. Jedoch bedienen sie sich beider nicht zugleich auf 
ein und demselben Felde, auch, wie wir bereits gesagt 
haben, der Asche nicht in "Weingärten ^) oder auf gewissen 
Saatfeldern. Einige sind der Meinung, die Trauben er- 
nährten sich vom Staube, bestreuen daher die heranwach- 
senden und die Wurzeln der Weinstöcke und Bäume damit. 
Soviel ist gewiss, dass in der narbonensischen Provinz der 



M Avbusta. in denen der Wein an Bäumen sezo^en wird. 



Siebenzehnte^ Buch. 257 

Wein eher dadurch reif wird, denn dort trägt der Staub 
mehr dazu bei als die Sonne. 

6. 
Der Mist bietet mehrere Unterschiede dar; sein Ge- 
brauch selbst ist sehr alt. Schon bei Homer findet man 
einen königlichen Greis, welcher auf diese Weise seinen 
Acker mit seinen Händen düngt. Man sagt, der König 
Augias in Griechenland habe seine Anwendung erfunden, 
Herkules sie aber in Italien verbreitet, und dieses Land 
erkannte seinem Könige Stercutus, einem Sohne des Faunus, 
wegen jener Erfindung die Unsterblichkeit zu. M. Varro 
giebt dem Drosselmiste aus den Vogelhäusern den Vozug 
vor allen anderen; auch zur Weide für Ochsen und Schweine 
schätzt er ihn hoch, und versichert, dass sie bei keinem 
anderen Futter schneller fett würden. Man kann aus unseren 
Sitten gute Hoffnungen schöpfen, wenn unsere Vorfahren 
so grosse Vogelhäuser gehabt haben, um daraus die Felder 
düngen zu können. Den nächsten Rang räumt Columella 
dem Tauben- und nach diesem dem Hühnermiste ein, ver- 
wirft aber den der Schwimmvögel. Die übrigen Schrift- 
steller bezeichnen einstimmig den Menschenkoth als ein 
vorzügliches Düngemittel. Einige von diesen ziehen den 
Urin vor, mit welchem in den Gerbereien die Haare ange- 
feuchtet waren. Andere wenden ihn für sich an, mischen 
aber Wasser hinzu, und zwar noch reichlicher als man es 
trinkt; denn hier giebt es noch mehr Böses zu mildern, weil 
zu dem Gifte des Weines auch noch das des Menschen 
kommt. Diess sind die eifrigen Bemühungen, denen sich 
die Menschen hingegeben haben, um die Erde zu ernähren. 
Nächstdem loben sie den Koth der Schweine, nur Colu- 
mella verwirft ihn. Andere loben den Mist eines jeden 
vierfüssigen Tliieres, welches Cytisus frisst. Andere 
ziehen den Taubenmist vor. Dann folgt der der Ziegen, 
hierauf der der Schafe, des Rindvieh's und endlich der 
Pferde. Diess waren die verschiedenen Miste bei den Alten, 
diess (wie ich finde) die Vorschriften zu seiner Anwendung, 
und man muss gestehen, dass es auch hierin früher besser 

wittstein: Plinius. lU. Bd. 17 



258 Siebenzehntes Buch. 

stand als jetzt. Bei einigen Bewohnern der Provinzen^ 
welche eine bedeutende Menge Vieh besitzen, sieht man- 
sogar, dass der Mist gleich dem Mehle durch Siebe ge- 
schlagen wird, nachdem der Geruch und das Ansehen durch 
die Kraft der Zeit eine gewisse Annehmlichkeit bekommen, 
haben. Neulich fand man, dass die Asche aus Kalköfen 
der beste Dünger für die Oelbäume ist. 

Vavro fügt diesen Vorschriften noch hinzu, mit Pferde-^ 
mist, welcher am leichtesten sei, solle mau die Saaten 
düngen; die Wiesen aber mit schwererem, der aus dem Ge- 
nuss der Gerste hervorginge und viel Gras erzeuge. Einige^ 
ziehen den Mist des Zugvieh's dem Kuhmiste, den Schaf- 
mist dem Ziegenmiste, den Eselsmist aber allen anderen 
vor, weil diese Thiere am langsamsten kauen; allein 
nichts gegen beides spricht die Erfahrung. Gewiss ist aber 
besser als das Kraut der Wolfsbohne, ehe es Schoten 
treibt, mit dem Pfluge oder der Hacke unterzuackern, oder 
Hände voll davon abzuschneiden und an die Wurzeln der 
Bäume und Weinstöcke zu verscharren. Auch da, wo kein 
Vieh sei, düngt man, wie es heisst, selbst durch Stroh oder 
Farnkraut. 

Cato giebt folgende Vorschriften zur Bereitung de» 
Düngers: Man nehme Stroh, Wolfsbohne, Spreu, Bohnenkraut,. 
Laub von Stecheichen und gemeinen Eichen; ferner sammele 
man von den Saatfeldern: Attich, Schierling, sowie d<xs 
um die Weidenbüsche häufig wachsende Kraut und Wasser- 
gras 1). Dieses und faules Laub streue man den Schafen 
unter. Wenn dein Weinberg mager wird, so verbrenne 
Weinreben und pflüge die Asche davon in demselben unter. 
Da wo du Getreide säen willst, lass die Schafe weiden. 

7. 

Cato sagt auch, dass selbst durch einige Saaten der 
Boden genährt werde. Die Felder werden durch fol- 
gende Getreidearten gedüngt: Wolfsbohnen, Saubohnen und 
Wicken. Ebenso wirken auf entgegengesetzte Weise die 

«) Ulva. 



Siebenzehntes Buch. ' 259 

Kichererbse, weil sie ausgezogen wird und salzig ist, die 
Gerste, der Bockshorn, die Erve; alle diese, sowie alles, 
was ausgerissen wird, saugen die Saatfelder aus. Man 
streue keine Kerne in die Saaten. Virgil ist der Meinung, 
die Felder würden auch durch Lein, Hafer und Mohn aus- 
gebrannt (ausgesogen). 

8. 
Die Mistgruben soll man unter freiem Himmel an einem 
tiefen Platze, wo sich die Feuchtigkeit sammeln kann, an- 
legen, mit Stroh bedecken, und mit eichenen Pfählen um- 
geben; auf diese Weise werden keine Schlangen darin ent- 
stehen. Es ist äusserst vortheilhaft, den Mist mit Erde 
zu vermischen, wenn der Favonius wehet und der Mond 
dürstet i). Viele verstehen diess unrichtig und glauben, es 
müsse beim Anfange des Favonius und bloss im Februar 
geschehen, während doch die meisten Pflanzen diess in an- 
deren Monaten erfordern. Thue man es nun, wann man 
wolle, so muss man dafür Sorge tragen, dass es geschieht, 
wenn der Wind gerade von Abend her wehet, und der Mond 
abnimmt und trocken ist. Beobachtet man diess, so wird die 
Fruchtbarkeit und die Wirkung auf eine wunderbare Weise 
vergrössert. 

9. 
Nachdem wir nun von der Beschaffenheit der Luft und 
der Erde ausführlich geredet haben, wollen wir von den 
Bäumen sprechen, welche durch menschliche Sorgfalt und 
Kunst hervorkommen. Es giebt deren eben so viele Arten 
(als wilde); so reichlich haben wir der Natur unseren Dank 
abgestattet. Man zieht sie entweder durch Samen, oder 
aus Wurzeln, Schösslingen, Abreissern, Reisern oder aus 
einem eingepropften und eingeschnitteneu Stamme eines 
Baumes; denn mich wundert es sehr, dass Trogus ge- 



') Nach älterer Idee nährte sich der Mond und andere Gestirne 
von den Erddünsten, welche auch sein Leuchten verursachen sollten. 
Im Neumond verzehrte ihm die Sonne die Feuchtigkeit, und der 
Mond sei daher durstig'. 

17* 



260 Siebenzehntes Buch. 

glaubt hat, die Babylonier pflanzten Palmblätter, aus 
denen Bäume würden. Einige werden auf mehrere, andere 
auf alle Weise erzielt. 

10. 

Die meisten Verfahrungsarten hat uns die Katur selbst 
gelehrt, besonders den Samen zu säen, da derselbe ab- 
fällt, von der Erde aufgefangen wird und keimt. Einige 
Bäume pflanzen sich aber anders nicht fort, wie z. B. die 
Kastanien und welschen Nüsse, ausgenommen wenn sie 
abgehauen werden. Aus dem Samen entstehen, obwohl er 
sich nicht gleich ist, auch die Bäume, welche auf andere 
Weise fortgepflanzt werden, wie die Weinstöcke, Aepfel und 
Birnen, denn hier dient der Kern statt des Samens und 
nicht, wie bei den obengenannten, die Frucht selbst. Auch 
die Mispeln können aus Samen gezogen werden. Alle 
diese entwickeln sich langsam, arten aus, und müssen 
durch Propfen erst wieder veredelt werden. Auch die 
Kastanien sind zuweilen in diesem Falle. 

11. 

Einige Bäume sind so beschaffen, dass sie, wie man 
sie auch pflanzt, niemals ausarten, wie die Cypressen, 
Palmen und Lorbeeren; denn auch der Lorbeer wird auf 
mehrfache Weise fortgepflanzt. Unter seinen schon ge- 
nannten Arten bauet man den Kaiserlorbeer, 'den Beeren 
tragenden und den Tinus auf gleiche Weise. Im Januar 
werden die durch den Nordostwind getrockneten Beeren 
eingesammelt, und dünn ausgestreut, damit sie sich nicht 
erhitzen. Hierauf bereitet mau einige mit Mist zum Säen 
zu, und benetzt sie mit Urin. Andere treten sie mit den 
Füssen in einem geflochtenen Korbe im Wasser, bis die 
Haut abgeht; sonst schadet ihnen die Erdfeuchtigkeit, und 
hindert sie am Wachsen. In eine aufgehackte handbreit 
hohe Furche legt man sie im März etwa zu '20 auf einen 
Haufen. Man pflanzt diese auch durch Ableger^), den 
Triumphlorbeer aber nur durch Schnittlinge 2) fort. Alle 
Arten der Myrte werden in Campanien durch Beeren, im 

') propagines. ^) taleae. 



Siebenzehnfces Buch. 261 

Tarentinischen bei Rom durch Ableger fortgepflanzt. De - 
mocritus hat uns noch ein anderes Verfahren gelehrt, man 
solle nämlich die grössten Beeren gelinde stossen, damit 
die Kerne nicht zerbrechen, ein rauhes Seil damit bestreichen 
und diess so pflanzen, dadurch entstehe eine dichte Wand, 
aus welcher Reiser genommen werden könnten. Man säet 
auch Dornsträucher zu Hecken auf die Weise , dass mau 
ein Seil mit den Dornbeeren bestreicht. Die kleinen Pflänz- 
chen vom Lorbeer und der Myrte kann man, wenn Mangel 
ist, im 3. Jahre recht gut versetzen. Unter den Bäumen, 
welche aus Samen gezogen werden, handelt Mago ^) von 
den Nüssen sehr ausführlich. Die Mandeln soll man nach 
ihm in weichen Thon an die Mittagsseite pflanzen; sie hätten 
auch gern ein hartes und warmes Erdreich, in einem fetten 
oder feuchten gingen sie zu Grunde oder würden unfrucht- 
bar. Man müsste vorzugsweise die sichelförmigen und die 
frischen pflanzen, und diese 3 Tage lang in mit Wasser verdünn- 
tem Mist, oder Tags vor dem Pflanzen in Wassermeth ein- 
weichen. Sie sollen mit der Spitze in die Erde gebracht 
und die scharfe Seite gegen Nordost gerichtet werden; drei 
soll man auf einmal in einem Dreieck pflanzen, doch so, 
dass sie eine handbreit von einander entfernt sind, und 
10 Tage lang sie begiessen, bis sie anfangen zu wachsen. 
Die welschen Nüsse werden platt gelegt, so dass die 
Fugen liegen. Pinienkerue thut man man etwa zu 7 in 
einen durchlöcherten Topf, oder man verfährt damit wie 
beim Lorbeer, dessen Beeren man pflanzt. Die Citronen- 
bäume pflanzt man durch Samenkerne oder durch Ableger 
fort, die Speierlinge durch Samen, sowie die Absenker 2) 
und Ausreisser 3). Aber jene kommen nur in warmen, 



') Vater des Hamilkar und Hasdrubal, im 5. Jahrhundert v. Chr. 
verdienter Suffet in Carthago, schrieb über den Ackerbau. Sein 
Werk wurde von Cassius Dionysius aus Utika ins Lateinische über- 
setzt. 

^) planta a radice. 

=*) avulsio. 



262 Siebenzehntes Buch. 

die Speieilinge jedoch auch in kalten und feuchten Gegen- 
den fort. 

12. 

Die Natur hat uns auch ein Vorbild von Pflanzschulen 
gegeben, denn aus den Wurzeln vieler Bäume schiessen 
zahlreiche Sprösslinge hervor, und die Mutter zeugt Kinder, 
welche sie wiederum tödtet, denn durch ihren Schatten wird 
der unordentliche Haufe erstickt, wie z. B. bei dem Lorbeer, 
der Granate, Platane, Kirsche, Pflaume. Bei wenigen dieser 
Arten schonen die Aeste des jungen Anwuchses, z. B. bei 
den Ulmen und Palmen. Aber nur solche, deren Wurzeln 
Sonne und Regen lieben und sich in der obersten Erdschicht 
ausbreiten, bekommen dergleichen Sprösslinge. Man be- 
obachtet die Regel, sie nicht sogleich an den für sie be- 
stimmten Platz zu setzen, sondern sie zuvor einem nähren- 
den Erdreiche anzuvertrauen, in Baumschulen heranwachsen 
zu lassen, und dann erst wieder zu verpflanzen. Diese 
Versetzung macht auch die wilden Bäume auf eine wunder- 
bare Weise zahm, es sei nun, dass die Bäume, gleich den 
Menschen, nach Neuerungen und Wanderungen begierig 
sind, oder dass sie, wenn sie ihren Standort verlassen, ihre 
schädlichen Theile^) zurücklassen, und von der Wurzel ab- 
gerissen, gleich den wilden Thieren, unter den Händen des 
Menschen zahm werden. 

13. 

Noch eine andere, ähnliche Art (der Vermehrung) hat 
uns die Natur gelehrt, denn es giebt Beispiele, dass Reiser, 
welche von Bäumen abgerissen waren, fortgekommen sind. 
Bei diesen Arten werden sie auch mit ihrem Stammauge 2) 
abgerissen, und nehmen dadurch, dass an ihrem unteren 
Ende einige Fasern bleiben, einen Theil von dem Leibe 
des Mutterstammes mit sich fort. Auf solche Weise ver- 
pflanzt man Granaten, Haselstauden, Aepfel, Speierlinge, 
Mispeln, Eschen, Feigen und namentlich Weinstöcke. Wird 



') virus. 
-) perna. 



Siebenzehntes Buch. 263 

«die Quitte dieser Behandlung unterworfen, so artet sie aus. 
Hieraus entsprang auch die Erfindung, abgeschnittene 
Heiser zu pflanzen; zuerst geschah es um der Hecken 
•willen, indem man Hollunder, Quitten und Brombeersträucher 
in die Erde steckte, bald nachher aber auch der Kultur 
wegen, wie bei den Pappeln, Erlen und Weiden, welche 
letztere sogar mit der Spitze nach unten gekehrt verpflanzt 
werden. Alle diese setzt man sogleich dahin, wohin man 
^sie haben will. Es scheint daher am passendsten, vor Be- 
sprechung der übrigen Vermehrungsmethoden erst über die 
Anlegung der Baumschulen zu handeln. 

14. 

Zu den Baumschulen muss man einen besonders 
guten Boden wählen, weil es oft nöthig ist, dass die Pflege- 
-«rde milder sei als diejenige, worin der Mutterbaum steht. 
Sie sei also trocken, saftig, mit einem Spaten umgearbeitet, 
zur Aufnahme der Ankömmlinge geeignet, und soviel als 
möglich der Erde, aus welcher die zu versetzenden Reiser 
kommen, gleich. Vor allem muss sie von Steinen befreiet, 
und gegen das Eindringen der flühner geschützt sein, und 
keine Risse haben, damit die Sonne die zarten Fasern nicht 
verbrenne. Die Pflanzen müssen anderthalb Fuss von ein- 
ander entfernt sein, damit sie sich nicht berühren. Ausser 
anderen Fehlern sind sie auch dem Wurmfrasse ausgesetzt, 
daher muss man sie oft behacken und das Unkraut aus- 
gäten. Ausserdem soll man die ausschlagenden Reiser ab- 
schneiden und sie so an das Messer gewöhnen, 

Cato schreibt vor, man solle Hürden mittelst Stützen 
in Manneshöhe darüber legen, um die Sonnenstrahlen auf- 
zufangen, und sie zur Abhaltung der Kälte mit Stroh be- 
decken; auf diese Weise würden die jungen Birnen-, Aepfel-, 
Pinienbäume und selbst die aus Samen gezogenen Cypressen 
erhalten. Letzterer Samen bildet so kleine Körner, dass 
man sie kaum sehen kann, und doch entstehen daraus — 
als ein Wunder der Natur, welches wir nicht übergehen 
dürfen — Bäume, während doch die Weizen- und Gersten- 
körner, der Bohnen nicht zu gedenken, viel grösser sind. 



264 Siebenzehntes Buch. 

Welche Aehnlichkeit haben die Aepfel und Birnen mit ihrem 
Ursprünge? Entsteht nicht aus ihren Samen Holz, welches 
der Axt widersteht; Pressen, die durch ungeheure Lasten 
nicht überwältigt werden, Bäume für die Segel und Sturm- 
bocke zum Einrennen der Thürme und Mauern? Diess ist 
die Kraft, diess die Macht der Natur. Doch über alles geht^ 
dass aus einem Tropfen etwas entsteht, wie wir an seinem 
Orte sagen werden. Man sammelt also von der weiblichen 
Cypresse (denn die männliche trägt, wie schon erwähnt 
wurde, nichts) die kleinen Beeren in den von mir bezeich- 
neten Monaten, und trocknet sie an der Sonne. Sie bersten 
dann und lassen einen Samen fallen, nach welchem die 
Ameisen sehr begierig sind, und dadurch, dass ein so kleine» 
Thier sich mit etwas ernährt, was so grossen Bäumen ihre 
Entstehung giebt, wird das Wunderbare noch vermehrt.. 
Man säet ihn im April auf einem Platze, der mit Walzen 
oder Stampfen gleichgemacht ist, dicht aus, und siebt da- 
rauf 1 Zoll hoch Erde. Gegen eine sehr grosse Last kann 
er sich nicht erheben, sondern er beugt sich in diesem Falle 
in die Erde; daher vermeidet man auch das Gehen auf 
einem solchen Boden. Man begiesst ihn drei Tage lang 
sanft nach dem Untergange der Sonne, damit er überall 
gleich feucht sei, bis die Samen hervorbrechen. Nach Ver- 
lauf eines Jahres sind es 1 Spanne lange Pflänzchen; sie 
werden nun versetzt, jedoch unter strenger Beobachtung 
des Wetters, denn das Verpflanzen muss bei heiterem Himmel 
und Windstille geschehen. Merkwürdigerweise drohet ihnen 
nur an diesem Tage Gefahr, wenn auch sehr wenig Regen 
darauf tröpfelt, oder ein Luftzug sie anwehet. Ausserdem 
sind sie stets sicher, und hassen das Wasser. Auch die 
Samen der Brustbeeren werden im Monat April gesäet. Die 
Nusspfirschen i) werden zweckmässiger auf wilde Pflaumen^ 
Quitten und den Calabrix d. i. wilder Dornstrauch 2) ge- 
pfropft. Jede dieser Arten nimmt auch am besten die Se- 
besten ^), und mit Nutzen die Speierlinge auf. Dass die 

') Tuberes. ^) Spina sylvestris. Rhamnus cathartica? 
^J Myxae. Cordia Myxa L, 



Siebenzehntes Buch. 265 

Pflanzen aus einer Baumschule in die andere gesetzt wer- 
den, bevor sie an den für sie bestimmten Standort kommen^ 
glaube ich gründlich auseinandersetzen zu müssen, wenn 
auch nur durch das Versetzen die Blätter Hoffnung geben,, 
breiter zu werden. 

15. 
Die Flügelfrucht der Ulmen muss man, bevor die 
Blätter kommen, zu Anfange des Märzes, wo sie anfangen 
gelb zu werden, sammeln, 2 Tage lang im Schatten trocknen,, 
auf gepflügtes Land dicht aussäen, und Erde so hoch wie 
bei den Cypressen fein darauf sieben. Wenn kein Regen 
fällt, muss man sie begiessen. Nach 1 Jahre müssen sie 
von diesen Beeten weg in die Ulmenpflanzungen versetzt 
werden, dabei aber alle 1 Fuss weit von einander abstehen. 
Die männlichen Ulmen pflanzt man am besten im Herbste, 
weil sie keinen Samen haben; denn diese zieht man aus 
Pflanzen. Bei Rom bringt man dieselben in die Wein- 
gärten, wenn sie 5 Jahre alt, oder (wie es Einigen besser 
scheint) wenn sie 20 Fuss hoch sind. Diess geschieht in 
Gruben, die man neunfüssige nennt, 3 Fuss hoch, 3 lang 
und. 3 breit sind, und um die gesetzten Stämme wird rund 
herum 3 Fuss hoch feste Erde gebracht. Dergleichen Vor- 
richtungen heissen in Campanien kleine Altäre. Die Zwi- 
schenräume richten sich nach der Beschaffenheit des Ortes. 
Auf Feldern muss man sie weitläufiger pflanzen. Die Pappeln 
und Eschen müssen, weil sie schneller ausschlagen, früher 
d. h. am 13. Februar gesetzt werden; sie wachsen auch 
aus Pflanzen. Beim Setzen der Bäume in Gärten und 
Weinbergen ist die Fünfstellung ^) die allgemeine und noth- 
wendige; sie verschafft nicht nur dem Winde freien Zutritt^ 
sondern hat auch ein gefälliges Ansehen, denn wohin man 
das Auge wendet, laufen die Bäume in einer Reihe hin. 



') Ordo quincuncialis, so genannt, weil 3 Bäume jedesmal eine 
römische V beschreiben, wie folgende Stellung zeigt: 



266 Siebenzehntes Buch. 

Mit dem Samen der Pappeln verfährt man ebenso wie mit 
dem der Ulmen, auch versetzt man sie ebenso aus den Pflanz- 
schulen und Wäldern. 

16. 

Vor allen muss man sie daher in eine ähnliche oder 
bessere Erde setzen, nicht aber aus warmen und frühreifen- 
den Gegenden in kalte und späte, sowie auch nicht aus 
diesen in jene. Die Pflanz-Gruben müssen vorher, und 
womöglich um so viel früher gemacht werden, damit sie 
sich mit einem fetten Rasen überziehen. Nach Mago soll 
es ein Jahr vorher geschehen, damit Sonne und Regen 
hineindringen; oder, wenn die Umstände diess nicht erlauben, 
soll man 2 Monate vorher in dieselben Feuer machen, und 
die Bäume nicht eher als nach einem Regen hineinsetzen. 
Die Tiefe der Gruben soll in einem thonigen oder harten 
Erdreiche überall 3 Ellen betragen, an geneigten Stellen 
aber noch eine Handbreit i) mehr, und sie sollen gewölbt 
sein, sodass die Oeffnung enger ist. In schwarzer Erde 
aber sollen sie 2 Ellen und eine Handbreit haben und recht- 
winklig sein. Die griechischen Schriftsteller stimmen mit 
diesem Maasse überein, sagen aber, die Gruben müssten nicht 
tiefer als 2^/2 und nicht breiter als 2 Fuss, nirgends aber 
niedriger als I1/2 Fuss sein, weil man an einem sumpfigen 
Orte leicht auf Wasser komme. 

Cato spricht sich folgendermaassen aus: Wenn der Ort 
wässrig ist, so mache sie oben 3 Fuss, unten 1 Fuss und 
1 Palme breit und 4 Fuss tief, pflastere sie mit Steinen, 
oder in Ermangelung dieser mit grünen Weidenstöcken, oder, 
fehlen auch diese, mit Reisern, sodass sie ^1^ Fuss hoch 
zu liegen kommen. Mir scheint, ich müsse nach der oben 
angeführten Beschaffenheit der Bäume noch hinzufügen, 
dass man diejenigen, welche gern oben an der Erde stehen, 
wie die Esche und der Oelbaum, tiefer setzen. Diese und 
ähnliche müssen 4 Fuss tief in die Erde; die übrigen 



*) palmus. 



Siebenzehntes Buch. 267 

Ijrauchen nicht tiefer als 3 Fuss gesetzt zu werden. „Haue 
diese Wurzel ab", sprach der Feldherr Papirius Cursor zum 
Schrecken des Heerführers der Pränestiner, und befahl, dass 
die Aexte hervorgezogen werden sollten. Es ist unschäd- 
lich, die Theile der Wurzel, welche (von Erde) entblösst 
sind, abzuhauen. Einige schreiben vor, man solle Scherben, 
Andere, man solle runde Steine darunter legen, um die 
Feuchtigkeit aufzuhalten und dann weiter zu schicken; man 
dürfe aber keine platten Steine nehmen, weil sie die Wurzel 
von der Erde abhielten. Kies darunter zu schütten, ist 
eine Meinung, die zwischen jenen beiden stehen mag. 

Einige schreiben vor, keinen Baum unter 2, und keinen 
über 3 Jahren zu verpflanzen; Andere, wenn er ein Jahr 
alt, Cato sagt^ wenn er über 5 Finger dick sei. Derselbe 
hätte, wenn etwas darauf ankäme, gewiss nicht vergessen 
zu bemerken, dass man die Mittagsseite an der Rinde no- 
tiren müsse, damit der Baum beim Versetzen wieder in 
seine gewohnte Lage komme, die Nordseite gegen Mittag 
gekehrt durch die Sonne nicht gespalten werde, und 
die mittägige gegen Norden hin nicht erfröre. Einige 
thun hierin mit Fleiss gerade das Gegentheil, indem sie 
den Weinstock und den Feigenbaum verkehrt setzen, denn 
sie glauben, die Bäume würden so dichter belaubt, wodurch 
die Frucht besser gedeckt und weniger dem Abfallen aus- 
gesetzt wäre; auch würde der Feigenbaum auf diese Weise 
so stark, dass man ihn ersteigen könne. Die Meisten sorgen 
nur dafür, dass die Stelle des gekappten Gipfels nach Mit- 
tag sehe, wissen aber nicht, dass durch zu grosse Hitze 
Risse entstehen. Ich halte die Stellung gegen Südwest für 
die zweckmässigste. Auch will ich die wohl zu beachtende, 
aber unbekannte Regel anführen, dass man die Wurzel nicht 
durch Zögern trocken werden lasse, und dass man, wenn 
der Nordwind wehet, oder derselbe von daher nach Süd- 
ost zieht, die Bäume nicht ausgrabe, oder wenigstens die 
Wurzeln dem Winde nicht entgegen stelle. Diess ist die 
Ursache, dass sie absterben, was aber die Landleute nicht 
wissen. Cato will, dass die Versetzung weder bei Wind 



268 Siebenzehntes Buch. 

noch bei Regen geschehen solle. Es ist auch vortheilhafl^ 
wenn den Wurzeln soviel als möglich von der Erde, m 
welcher sie gelebt haben, anhängen bleibt, und dieselben 
mit Rasen umgeben sind; Cato lässt sie daher auch in 
Körben transportiren — ohne Zweifel das beste Verfahren.. 
Ebenderselbe begnügt sich auch damit, die oberste Erde 
darunter zu legen. Einige geben an, wenn man unter die- 
Granatbäume Steine lege, so bersteten die Aepfel auf dem. 
Baume nicht. Es ist besser, die Wurzeln einwärts gebogen 
zu setzen; nothwendig aber, den Baum so zu pflanzen, dass 
er genau in die Mitte der Grube kommt. Man sagt, der 
Feigenbaum trage, wenn man Meerzwiebeln (eine Art 
Zwiebelgewächs) dabei säe, sehr schnell Früchte und werde 
nicht vom Wurm angefressen; ein Fehler, von dem die 
übrigen auf ähnliche Weise gepflanzten Obstbäume nicht 
frei sind. Dass man auf die Wurzeln dieses Baumes grosse 
Sorgfalt verwenden müsse, damit sie herausgehoben und 
nicht herausgerissen erscheinen, wer wird diess bezweifeln? 
Daher übergehen wir auch das übrige schon Bekannte, ferner 
die Vorschrift, dass die Erde um die Wurzeln mit einem 
Schlägel fest gemacht werden muss, was dem Cato das 
richtigste hierbei zu sein scheint. Derselbe schreibt auch 
vor, der Schnitt am Stamme müsse mit Mist verstrichen 
und mit Blättern verbunden werden. 

17. 
Ein anderer Theil dieser allgemeinen Vorschriften 
handelt von dem Abstände der Bäume von einander. 
Einige sind der Ansicht, die Granaten, Myrten und Lor- 
beeren müssten dichter, jedoch immer 9 Fuss von einander 
entfernt gesetzt werden; die Aepfelbäume etwas weiter, 
noch weiter die Birnbäume, und noch mehr die Mandeln 
und Feigen. Am besten werden diese Weiten durch die 
Ausdehnung der Aeste, die Grösse der Plätze und durch 
den Schatten, welchen die Bäume werfen, bestimmt werden 
können, denn auch auf diesen muss man sein Augenmerk 
richten. Manche niedrige Bäume, wie die Aepfel und Birnen,, 
welche ihre Aeste in einen Kreis ausbreiten, werden doch 



Siebenzehntes Buch. 269 

ZU den grossen gerechnet Dagegen stehen sie hei den 
Kirschen und Lorbeeren unregelmässig und hoch empor. 

18. 
Der Schatten hat auch gewisse Eigenschaften. Für 
die welschen Nüsse ist er beschwerlich und schädlich, eben 
so für das menschliche Haupt und für fast alle Saaten. 
Auch die Fichte erstickt das Gras, aber den Winden wider- 
stehen beide, und dienen daher zu Schutzdächern der Wein- 
berge. Die Traufe von der Fichte, der gemeinen und Stech- 
eiche ist die schwerste. Von der Cypresse kommt gar keine, 
ihr Schatten ist am kleinsten und. in sich gerollt '). Die 
Feigenbäume werfen einen dünnen , obgleich weit ver- 
breiteten; daher darf man sie auch in die Weinberge 
pflanzen. Der Schatten der Ulmen ist mild und nährend, 
wohin er auch fallen mag. Atticus^) hält ihn für den be- 
schwerlichsten; ich bezweifle diess nicht, wenn man den 
Baum sich in Aeste ausbreiten lässt, bindet man sie aber 
zusammen, so wird er, meiner Meinung nach, keinen Scha- 
den thun. Auch der der Platane ist, wenn auch dicht, 
dennoch angenehm; zwar kann man sich auf das Gras 
allein nicht verlassen, obwohl keiner schöner dessen Tep- 
piche bedeckt. Die Pappel hat keinen, da ihre Blätter 
flattern, die Erle einen starken, aber die Pflanzen nähren- 
den. Der Weinstock wirft sich selbst genug Schatten, sein 
Laub ist sehr beweglich, mässigt durch häufiges Hin- und 
Hergehen die Sonnenhitze und bildet beim Regen eine starke 
Decke. Fast alle Bäume mit langen Blattstielen haben 
schwachen Schatten. Man muss diese Kenntniss vom 
Schatten nicht gering achten und zu den überflüssigen 
Dingen rechnen, da derselbe für die Gewächse entweder 
eine Pflegerin oder Stiefmutter abgiebt. Dass der Schatten 
der welschen Nüsse, Fichten und Tannen für die damit in 
Berührung kommenden Pflanzen ein Gift ist, leidet keinen 
Zweifel. 



') D. h. auf kleinen Raum vereinigt. 

^) Julius Atticus, ein nicht näher bekannter Schriftsteller. 



270 Siebenzehntes Buch. 

19. 

Die Traufe lässt sich kurz erklären. Alle Bäume- 
nämlich, welche durch Vorstreckung ihrer Blätter so ge- 
schützt werden, dass der Regen durch sie selbst nicht 
dringen kann, lassen mächtige Tropfen fallen. Daher wird 
in Ahsicht dieses Gegenstandes sehr viel darauf ankommen,, 
in wie weit die Erde, in welche wir Bäume verpflanzen 
wollen, dieselben ernährt. Die Hügel erfordern schon an 
sich kleinere Zwischenräume. An windigen Orten muss 
man sie dichter setzen. Der Oelbaum erfordert jedoch den 
grössten Platz, und Cato's auf Itahen gerichteter Ausspruch 
ist: man setze ihn mindestens 25 und höchstens 30 Fus» 
von einander. Allein diess ändert sich nach der Beschaffen- 
heit der Gegenden. In der Provinz Bätica ist kein Baum 
grösser. Man schreibt (doch das mögen die Schriftsteller 
verantworten), in Afrika würden viele Oelbäume von dem 
Gewichte des Oel's, welches man jährlich von ihnen gewänne,. 
Tausendbäume genannt. Daher giebt ihnen Mago rings- 
herum einen Raum von 75 Fuss, oder in einem magern, 
harten und dem Winde ausgesetzten Boden, von wenigstens 
45 Fuss. Bätica schätzt ihren Oelertrag zu der reichsten 
Erndte. Es ist gewiss eine Unwissenheit, deren man sich 
schämen muss, die herangewachsenen Bäume mehr als er- 
forderlich auszulichten und dadurch bald alt zu machen, 
oder sie ganz auszuschneiden (wobei meistens die, welche 
sie gesetzt haben, ihre Unerfahrenheit beweisen). Nichts 
ist für die Landleute schimpflicher, als die Reue über ein 
solches Unternehmen, und es wäre allerdings besser, die 
Bäume in ihrer Ausgedehntheit zu lassen. 

20. , 

Einige Bäume wachsen von Natur langsam, und 
zwar besonders die, welche nur aus dem Samen hervor- 
gehen und sehr alt werden; diejenigen aber, welche schnell 
absterben, wachsen rasch, wie die Feige, Granate, Pflaume, 
der Apfel, die Birne, Myrte, Weide; und doch übertreffen 
sie jene an reichem Ertrage, denn sie fangen schon im 
dritten Jahre an zu tragen, zeigen auch wohl schon eher 



Siebenzehntes Buch. 271 

ihre Frucht. Die Birne ist unter ihnen die langsamste. 
Der schnellste unter allen ist der Cyprus und der unechte 
Cyprus, ein Strauch, denn sie blühen sogleich und tragen 
Früchte. Alle aber wachsen schneller in die Höhe, wenn 
die Schösslinge entfernt sind, wodurch die Nahrung in 
einen Stamm getrieben wird. 

21. 

Die Natur hat uns auch die Fortpflanzung durch 
Ableger (Absenker) gelehrt. Die durch ihre dünne und 
bedeutende Länge gekrümmten Brombeersträucher befestigen 
nämlich ihre Spitzen in die Erde, wachsen wiederum aus 
sich selbst hervor, und würden, wenn man sie nicht daran 
hinderte, alles überdecken, — was uns deutlich beweiset, 
dass die Menschen um der Erde willen geschaffen sind. 
So hat die schlimmste und verwünschteste Sache doch die 
Ableger und Setzlinge ^) zu machen gelehrt. Ebenso ver- 
hält es sich auch mit dem Epheu. Cato sagt, ausser dem 
Weinstocke würden auch die Feige, der Oelbaura, die Gra- 
naten, alle Obstarten, der Lorbeer, die Pflaumen, Myrten, 
die avellanischen und pränestinischen Nüsse und die Pla- 
tane durch Ableger fortgepflanzt. 

Es giebt 2 Arten des Absenkens; die eine besteht da- 
rin, dass man einen Zweig von dem Baume herab in eine 
Grube drückt, welche überall 4 Fuss weit ist, ihn nach 2 
Jahren an der Biegung abschneidet, und die neue Pflanze 
im dritten Jahre versetzt. Will man sie weit transportiren, 
so ist es am besten, die Zweige gleich in die Körbe oder 
iidenen Gefässe zu senken, in welchen sie fortgebracht 
werden sollen. Die zweite Art ist noch fruchtbarer, denn 
man erzeugt am Baume selbst Wurzeln, indem man die 
Zweige durch irdene Gefässe oder Körbe zieht, und sie 
rings herum mit Erde umgiebt. Durch diese Behandlung 
erhält man zwischen dem Obste und den Spitzen Wurzeln 
(denn man nimmt die Operation an den höchsten Spitzen 



') viviradix. 



272 Siebenzehntes Buch. 

vor) und erzeugt durch kühnen Scharfsinn weit von der 
Erde einen anderen Baum, indem man nach einem Zeit- 
räume von 2 Jahren, wie oben, den Ableger abschneidet 
und mit dem denselben umgebendem Gefässe pflanzt. Der 
Sadebaum wird durch Ableger und Abreisser fortgepflanzt, 
und soll durch Weinhefe oder zerstossene Ziegelsteine aus 
Wänden ausserordentlich genährt werden. Auf gleiche 
Weise pflanzt man den Rosmarin durch Zweige fort, denn 
keiner von Beiden trägt Samen; den Oleander aber durch 
Ableger und Samen. 

22. 
Die Natur lehrte uns ferner, durch Samen einen 
Baum auf den andern zu versetzen. Der Samen 
nämlich, welcher von hungrigen Vögeln verschluckt ist, 
bleibt ganz, wird durch die Wärme ihres Leibes erweicht, 
durch fruchtbaren Mist gedüngt auf die weichen Astachseln, 
und oft durch Winde in etwaige Risse der Rinde gebracht. 
Wir sehen daher Kirschen auf Weiden, Platanen auf Lor- 
beereo, den Lorbeer auf dem Kirschbaume, also auf einem 
Baume Beeren von verschiedener Farbe. Auch die Dohlen, 
welche sich Samen in Höhlungen aufhäufen, sollen die Ur- 
sache davon sein 

23. 
Hieraus ist das Versetzen durch Augen i) entstan- 
den. Mit einem dem Schusterkneif ähnlichen Instrumente 
nimmt man nämlich durch Ablösen der Rinde ein Auge 
von einem Baume, und schiebt ein von einem anderen 
Baume genommenes unter jene Rinde. Bei den Feigen 
und Aepfeln ist diese Operation nichts Neues mehr. Die 
Virgilianische Methode besteht darin, dass man eine Ver- 
tiefung an dem Augenknoten der weggenommenen Rinde 
sucht und die Knospen von dem anderen Baume dort 
einschliesst. Soweit von dem, was uns die Natur ge- 
lehrt hat. 



') Inoculatio. 



Siebenzehntes Buch. 273 

24. 

Das Pfropfen^) aber leinte der Zufall, ein anderer 
und fast noch häufigerer Lehrmeister, auf folgende Weise. 
Ein Landmann, der seine Hütte mit einem dauerhaften 
Zaune versehen wollte, legte unter die Pfähle, damit sie 
weniger faulten, eine Sehwelle von Epheuholz. Jene aber 
erhielten, sobald sie in die Löcher des noch lebenden Holzes 
kamen, von dem fremden Leben ein eigenes, und es schien, 
als wenn der Balken ihnen statt der Erde diente. Man 
sägt daher den Stamm gerade ab, und macht die Fläche mit 
dem Gartenmesser gleich. Hierauf verfährt man auf zweier- 
lei Weise. Die erste besteht darin, das Reis zwischen die 
Rinde und das Holz zu setzen. Die Alten fürchteten sich 
den Stamm zu spalten; später wurden sie so dreist, den- 
selben bis auf die Mitte zu bearbeiten, indem sie selbst 
ins Mark ein Reis setzten, jedoch nur eins, denn das Mark 
konnte nicht mehrere fassen. Eine feiner erdachte Methode 
hat die Zahl der Reiser sogar auf 6 vermehrt, um ihrer 
Vergänglichkeit durch die Zahl zu Hülfe zu kommen. Man 
spaltet nämlich den Stamm behutsam mitten durch, und 
hält die Spalte durch einen dünnen Keil so lange offen, 
bis man das spitz zugeschnittene Pfropfreis 2) hinein ge- 
steckt hat. 

Hierbei ist vieles zu beobachten, und vor allen Dingen, 
welcher Baum, und wessen Baumes Reis eine solche Be- 
gattung duldet. Der. Saft ist auch verschieden, und nicht 
an allen Theilen überall gleich. Bei dem Weinstocke und 
dem Feigenbaume ist der mittlere Theil der trocknere, und 
die Fruchtbarkeit findet sich am oberen Theile, daher muss 
man von da die Reiser nehmen. Die Oelbäume haben ihren 
Saft in der Mitte; deshalb nimmt man auch die Reiser von 
daher; die Spitzen dagegen sind dürr. Diejenigen Reiser 
wachsen am leichtesten zusammen, deren Rinde gleicher 
Art mit der des Baumes ist, welche zugleich blühen, zu 



') Insitio. 
^) calamus. 

Wittstein: Plinius. III. Bd. 18 



274 Siebenzehntes Buch. 

ein und derselben Zeit ausschlagen, und verwandte Säfte 
haben. Denn es geht immer langsam, wenn trockene Rinde 
mit feuchter, weiche mit harter zu kämpfen hat. Ausser- 
dem ist zu beobachten, dass die Spalte nicht bei einem 
Knoten gemacht werde, denn die Härte desselben stösst 
den Ankömmling ungastlich von sich; ferner dass sie sich 
am besten Theile (des Baumes) befinde, nicht über 3 Finger 
breit lang, nicht schief oder durchschimmernd sei. Virgil 
widerräth, Reiser von der Spitze zu pfropfen. Es ist auch 
ausgemacht, dass man die Pfropfreiser von den Baumästen, 
welche gegen Osten gerichtet sind, sowie von tragbaren 
und von einem jungen Schusse nehmen muss, wenn sie 
nicht auf einen alten Baum gepfropft werden; denn für 
diese müssen sie etwas stärker sein. Ausserdem sollen 
sie strotzende, d. h. ausschlagsnahe Augen, welche in dem- 
selben Jahre schon Früchte gebracht haben würden, ent- 
halten. Man nimmt in der Regel 2 zugleich, und nie dünner 
als der kleine Finger. Sie werden auch umgekehrt ge- 
pfropft, und zwar deshalb, damit ihr Wachsthum mehr in 
die Breite als in die Höhe gehen soll. Vor allem wird es 
gut sein, dass die treibenden Reiser ein nettes Aeussere 
haben, und weder wund noch dürr sind. Viel Hoffnung^ 
des Gelingens giebt das Mark des Reises, wenn es in der 
Fuge mit dem Holze und der Rinde des Stammes verbun- 
den wird; denn diessist besser, als wenn es aussen mit der 
Rinde in Berührung kommt. Beim Zuspitzen des Reises 
darf man sein Mark nicht entblössen, doch muss es nur 
durch eine dünne darum liegende Röhre bedeckt sein, so 
dass die Zuspitzung in einen schrägen, nicht mehr als 3 
Finger breit langen Kiel ausläuft. Man erreicht diess am 
leichtesten, wenn man das Reis ins Wasser tunkt und dann 
abschabt. Es darf nicht im Winde zugespitzt werden, auch 
darf weder bei dem einen noch bei dem andern die Rinde 
vom Holze abgehen. Das Reis muss bis an seine Rinde 
eingesetzt, dabei nicht verletzt, noch seine Rinde in Runzeln 
geschoben werden. Daher muss man keine thränenden 
Reiser und ebensowenig trockene Reiser pfropfen; denn 



Siebenzehntes Buch. 275 

dort hängt der zu vielen Feuchtigkeit wegen die Rinde 
locker, hier wird dasselbe aus Maugel an Lebenssaft nicht 
angefeuchtet, und kann nicht anwachsen. Einige setzen es 
aus Aberglauben im zunehmenden Monde und drücken es 
mit beiden Händen ein. Uebrigens werden bei dieser Ar- 
beit 2 Hände weniger angestrengt, nur ist hier der ge- 
hörige Grad von Kraft nöthig. Senkt man sie stärker ein, 
so tragen sie später und dauern länger; wo nicht, so erfolgt 
das Gegentheil. Die Spalte muss nicht so weit offenstehen, 
und das Reis weder zu schlaff noch zu eng fassen; sie kann 
es aussprengen oder durch Zusammendrücken ersticken. 
Hierauf muss man am meisten Acht haben, nämlich, dass 
das Reis, wenn es vom Stamme kräftig gefasst wird, in 
der Mitte der Spalte bleibe, fiiüige verbinden, nachdem 
die Spur der Spalte mit dem Messer gemacht ist, den Rand 
selbst mit Weidenruthen, und setzen dann Keile hinein: 
durch das Band wird dann das Aufreissen der Spalte ver- 
hindert. Einige Bäume, welche man in der Pflanzschule 
gepfropft hat, werden an eben demselben Tage versetzt. 
Soll ein dicker Stamm gepropft werden, so geschieht diess 
besser zwischen der Rinde und dem Holze, und zwar mit 
einem recht harten Keile, damit derselbe nach geöffneter 
Rinde nicht platze. Die Kirschbäume werden gespalten, 
nachdem der Bast weggenommen worden ist; sie allein 
pfropft man nach dem kürzesten Tage. Nach Hinwegnahme 
des Bastes bleibt noch ein wolliger Ueberzug; kommt dieser 
an das Pfropfreis, so wird es faul. "Wird das Reis unver- 
sehrt an den Keil gebracht, so kann man es dadurch am 
besten verbinden. Es ist am besten, der Erde so nahe als 
möglich zu pfropfen, wenn es anders die Beschaffenheit des 
Stammes und der Astknoten erlaubt. Die Reiser dürfen 
nicht länger als 6 Finger hoch hervorstehen. 

Cato räth, Thon oder Creta mit Sand und Kuhmist zu 
vermischen, den Teig so lange zu kneten, bis er zähe wird, 
und ihn zwischen die Fugen und aussen herum zu schmieren. 
Aus seinen Angaben erhellet, dass man zu jener Zeit nicht 
anders als zwischen Rinde und Holz pfropfte, und das Reis 

18* 



276 Siebenzehntes Buch. 

nicht tiefer als 2 Finger breit einliess. Nach ihm soll man 
Birnen und Aepfel den Frühling über, 50 Tage nach der 
Sonnenwende und nach der Weinlese, Oel- und Feigenbäume 
aber nur im Frühlinge, wenn der Mond durstig d. h. trocken 
ist ^), ausserdem nach Mittag und wenn kein Südwind wehet, 
pfropfen. Man muss sieh wundern, dass er sich nicht damit 
begnügte, das Pfropfreis auf die angegebene Weise zu ver- 
wahren, und durch Käsen und zarte gespaltene Weideuruthen 
gegen Regen und Kälte zu schützen; nein, er befiehlt sogar, 
man solle es noch mit Ochsenzunge (einer Art Kraut) 2) 
bedecken und dasselbe mit Stroh belegt darauf binden. 
Jetzt hält man es für mehr als hinreichend, die Rinde mit 
einem spreuhaltigen Kitte zu verwahren, so dass das Reis 
2 Finger breit hervorragt. Diejenigen, welche im Frühjahre 
pfropfen, müssen sieh beeilen, weil die Knospen bald aus- 
brechen , ausgenommen beim Oelbaume , dessen Augen 
äusserst langsam hervorkommen, und die unter der Rinde 
äusserst wenig Saft haben, denn eine zu grosse Menge von 
letzterem schadet den Reisern. Bei der Granate und Feige 
aber darf man, obgleich sie sonst trocken sind, nicht säumig 
sein. Ein Reis vom Birnbäume kann man sogar, wenn es 
blühet, pfropfen, und die Versetzung selbst bis in den Mai 
hinausschieben. Werden die Reiser von Obstbäumen weit 
hergebracht, so hält man, zur Bewahrung ihres Saftes, es 
für das Beste, sie in eine Rübe zu stecken; man kann sie 
auch zwischen 2 Hohlziegeln, die von beiden Seiten mit 
Erde verstopft sind, neben Bächen oder Fischteichen auf- 
bewahren. Die Reiser vom Weinstock verwahrt man in 
trocknen Gruben, welche mit Stroh bedeckt und dann so 
weit mit Erde überworfen werden, dass sie nur mit der 
Spitze hervorragen. 

25. 
Cato pfropft den Weinstock auf dreierlei Weise. 
Die erste Methode besteht darin, den abgeschnittenen 



>) D. i. im Neumonde. ^) S. XXV. B. 40. Cap. 



Siebenzehntes Buch. 277 

Stamm durch das Mark hindurch zu spalten, in dieses die 
(auf die bereits angegebene Weise) zugespitzten Reiser zu 
stecken, und so Mark mit Mark zu vereinigen. Die zweite 
wird angewandt, wenn die Weinstöcke einander berühren; 
man soll nämlich die entgegengesetzten Seiten beider schräg 
abschaben, Mark an Mark bringen, und sie so zusammen- 
binden. Nach der dritten soll mau den Stamm schräg bis 
aufs Mark anbohren, ein 2 Fuss langes Reis einstecken^ 
verbinden, und, wenn dasselbe gerade in die Höhe gerichtet 
ist, aiit durchkneteter Erde bestreichen. In unserer Zeit 
ist diese Methode verbessert worden, man bedient sich 
nämlich eines gallischen Bohrers, welcher das Holz aushöhlt 
und nicht erhitzt, denn alle Erhitzung schwächt. Auch 
muss man ein Reis nehmen, was schon anfängt auszu- 
schlagen; dasselbe muss von der Stelle an, wo es hervor- 
steht, nicht mehr als 2 Augen haben, mit Ulmenruthen 
festgebunden und von 2 Seiten in eine doppelte Spitze zu- 
schärft werden, damit der Schleim, welcher den Weinstöcken 
sehr schadet, besser abtröpfele. Wenn nun die Reben- 
schösslinge 2 Fuss hoch geworden sind, muss mau den 
Verband einschneiden, damit auch das Wachsthum in die 
Dicke stattfinden kann. Die Zeit zum Pfropfen der Wein- 
stöcke hat man vom Herbstäquinoctium bis zum Anfange des 
Ausschiagens festgesetzt. Zahme Pflanzen werden auf 
Wurzeln von wilden, welche von Natur trockener sind, ge- 
pfropft. Pfropft man zahme auf wilde, so arten sie in wilde 
aus. Das Uebrige wird durch die Witterung bedingt. 
Trocknes Wetter eignet sich für die Reiser am besten; zu 
ihrer Erholung setzt man neben sie irdene Gefässe, aus 
welchen durch Asche etwas Feuchtigkeit tröpfelt. Inocu- 
lirte Gewächse gedeihen gut bei massigem Thau. 

26. 
Die Methode, ein Rindenpflaster i) einzulegen, scheint 
aus der Inoculation entstanden zu sein. Sie ist am anwend- 
barsten bei einer dicken Rinde, dergleichen der Feigen- 



•) Emplastrum. 



278 Siebenzehntes Buch. 

bäum hat. Mau schneidet nämlich alle Aeste ab, damit 
diese den Saft nicht an sich ziehen, nimmt an der besten 
Stelle, da wo der Baum am gesundesten aussieht, eine 
4 eckige Scheibe aus der Rinde (doch so, dass das Messer 
nicht tiefer geht), drückt in die Stelle ein gleiches Stück 
Rinde von einem andern Baume, woran eine schwellende 
Knospe ist, und verdichtet die Fuge so, dass keine Ritze 
übrig bleibt, alles gleich gemacht ist, und weder Nässe 
noch Wind hinzutreten können. Besser aber, man verstreicht 
noch mit Lehm und umbindet das Ganze. Leute, welche 
den Neuerungen mehr huldigen, sagen, diese Methode sei 
erst vor Kurzem erfunden; allein man findet sie schon bei 
den alten Griechen und bei Cato, welcher den Oel- und 
Feigenbaum so zu pfropfen lehrt, und dabei, seiner gewöhn- 
lichen Sorgfalt gemäss, sogar das Maass vorschreibt. Man 
soll nämlich mit einem Messer ein 4 Finger breit langes 
und 3 Finger breites Stück ausschneiden, wie oben gesagt 
einfügen, und mit gekneteter Erde überstreichen. Eben so 
soll mau beim Apfelbaume verfahren. 

Manche haben die Spalte an den Weinstöcken mit 
dieser Art vermischt, weil man zuvor ein 4 eckiges Stück 
Rinde hinwegnimmt, wenn ein Reis an der flachen Seite 
angebracht werden soll. Ich habe bei den tullianischen 
Tiburten einen auf so vielerlei Weise gepfropften Baum ge- 
sehen, der mit allen Arten von Obst behangen war, an 
einem Aste waren nämlich Nüsse, an einem andern Beeren, 
da Weintrauben, dort Feigen, Birnen, Granaten und andere 
Arten von Aepfeln; er lebte aber nicht lange. Durch unsere 
Experimente können wir jedoch der Natur nicht in jeder 
Beziehung gleich kommen; einige Bäume nämlich gedeihen 
nicht anders als von selbst, und kommen nur an unge- 
baueten und wüsten Orten vor. Auf die Platane soll man 
am leichtesten pfropfen können, dann folgt die gemeine 
Eiche, allein beide verderben den Geschmack (der Früchte). 
Auf einige, wie z. B. die Feige und Granate, kann man 
alles pfropfen. Der Weiustoek, ferner solche Bäume, welche 
eine dünne, hinfällige oder rissige Rinde haben, nehmen 



Siebenzehntes Buch. 279 

das Rindenpflaster nicht an. Zur Inoculation eignen sieh 
keine trockene, oder wenig Feuchtigkeit enthaltende Bäume. 
Die Inoculation ist unter allen Methoden die fruchtbarste, 
dann folgt das Emplastriren; beide aber sind am unzuver- 
lässigsten, denn wenn die Rinde dünn ist oder die Luft 
stark wehet, geht das Auge zu Grunde. Am sichersten 
ist das Pfropfen, und es zeigt sich fruchtbarer als das 
Säen. 

Ein Beispiel darf ich der Seltenheit wegen nicht über- 
gehen. Corellius, ein römischer Ritter aus Ateste, pfropfte 
im Neapolitanischen Gebiete eine Kastanie mit ihrem eigenen 
Reise. Daraus ward eine der besten Arten von Kastanien, 
welche nun nach ihm den Namen erhielt. Später pfropfte 
der Freigelassene Eterejus wiederum die corellianische. 
Zwischen beiden findet nun der Unterschied statt, dass 
jene mehr, die eterejanische dagegen bessere Früchte trägt. 

27. 

Auch auf die übrigen Arten der Vermehrung undVeredlung 
verhalf der Zufall, denn als man sah, dass eingeschlagene 
Pfähle Wurzeln treiben, fing man auch an, abgebrochene 
Zweige zu pflanzen. Auf diese Weise pflanzt man viele 
Bäume, und besonders den Feigenbaum, der auf jede Art, 
nur nicht durch einen Schnittling gezogen werden kann; 
am besten kommt er fort, wenn ein starker Zweig, wie ein 
Pfahl zugespitzt, tief in die Erde gesetzt wird, so dass nur 
ein kurzer Theil über der Erde bleibt, den man gleichfalls 
mit Sand bedeckt. Auch vom Granatbaum werden Zweige 
gepflanzt, nachdem man zuvor ein Loch mit einem Pfahle 
gemacht hat; ebenso die Myrte. Alle diese Aeste müssen 
S Fuss lang, fast wie ein Arm dick sein, die Rinde muss 
sorgfältig in Acht genommen und das Stämmchen selbst 
zugespitzt werden. 

• 28. 

Die Myrte wird auch durch Schnittlinge fortgepflanzt; 
der Maulbeerbaum nur durch diese, weil die Furcht vor 
dem Blitze ihn auf die Ulme zu pfropfen hindert. Wir 
müssen daher jetzt von dem Pflanzen der Schnittlinge reden. 



280 Siebenzehntes Buch. 

Dabei ist vor allem zu beobachten, dass man die Schnitt- 
linge von tragbaren Bäumen nehme, dass sie weder krumm, 
noch gabelig, noch ästig seien, ferner nicht dünner, als die 
Hand zu füllen, nicht kürzer als einen Fuss, dass die Rinde 
nicht verletzt sei, dass allemal der untere Schnitt, und was 
der Wurzel nahe ist, gesetzt werde, und dass man die 
Knospen so lange mit Erde überdecke, bis die Pflanze 
kräftig zu werden anfängt. 

29. 
Was Cato in Betreff der Cultur der Oelbäume vor- 
schreibt, können wir am besten mit seinen eigenen Worten 
wiedergeben. Die Schnittliuge der Oelbäume, welche in 
eine Grube gepflanzt werden sollen, nehme man 3 Fuss 
lang, und verfahre beim Abhauen oder Abschneiden mit 
Vorsicht, damit die Rinde nicht beschädigt wird. Die für 
die Pflanzschule bestimmten mache man 1 Fuss lang und 
setze sie folgendermaassen ein: Der Platz muss umgegraben 
und wohl aufgelockert sein. Wird der Schnittling einge- 
setzt, so trete man ihn mit dem Fusse ein; geht er nicht 
gut hinein, so treibe man ihn mit dem Hammer oder dem 
Schlägel ein, aber hüte sich, dass man dabei den Bast nicht 
spaltet. Macht man zuvor mit einem Pfahle ein Loch zum 
Einsetzen des Schnittlings, so wird er besser angehen. Sind 
die Pflanzen nun 3 Jahre alt, so muss man darauf Acht 
haben, wohin sich der Bast wendet i). Pflanzt man in 
Gräben oder Furchen, so stecke man jedes Mal 3 Schnitt- 
linge, und decke soviel Erde darüber, dass sie nicht mehr 
als 4 Finger breit herausstehen, und die Knospe oder das 
Auge verwahrt sei. Den Oelbaum muss man behutsam 
ausgraben, und an den Wurzeln muss so viel Erde wie 
möglich hängen bleiben. Die Wurzeln bedecke man gut 
und trete die Erde rund herum fest, damit sie keinen 
Schaderi leiden. 



') D. h. nach welcher Himmelsgegend er gerichtet ist, damit das 
Stämmchen beim Versetzen wieder dieselbe Stellung bekommt. 



Siebenzehntes Buch. 281 

30. 

Auf die Frage, welches die rechte Zeit zum Pflanzen 
sei, antworte ich: auf trocknen Acker während der Säezeit, 
auf fruchtbaren im Frühlinge. Einen Oelgarten fange man 
15 Tage vor dem Frtihlingsäquinoctium an zu beschneiden, 
und von dieser Zeit an kann es 40 Tage lang geschehen. 
Das Beschneiden selbst wird auf folgende Art ausgeführt. 
An recht fruchtbaren Plätzen nehme man alles was trocken 
ist und was der Wind zerbrochen hat, weg; an unfrucht- 
baren schneide man mehr weg, und mache durch Pflügen 
und Ausschneiden der Knoten die Stämme leicht. Um die Oel- 
bäume mache man Gruben und umgebe sie mit Mist. Wer 
seinen Oelgarten häufig und tief umarbeitet, wird die zar- 
testen Wurzeln herauspflügen. Kommen die Wurzeln in 
die Höhe, so werden sie dicker, denn dann gehen die Kräfte 
des Oelbaumes in die Wurzeln über. 

Welches die verschiedenen Arten des Oelbaumes sind, 
in was für einer Erde sie leben und gepflanzt werden, und 
welche Lage die Oelgarten haben müssen, haben wir be- 
reits bei der Beschreibung des Oelbaumes augegeben. 
Mago sagt, man solle sie auf Hügeln, trocknem Boden und 
Thon zwischen dem Herbste und Winter, in dichter, nasser 
oder etwas feuchter aber von der Erndtezeit an bis zum 
Winter pflanzen. Es ist augenscheinlich, dass er diese 
Vorschriften nur in Bezug auf Afrika gegeben hat. In 
Italien pflanzt man sie jetzt meistens im Frühjahre. Will 
man es aber im Herbste thun, so geschehe es 40 Tage 
nach dem Aequinoctium bis zum Untergange des Sieben- 
gestirns. Bloss 4 Tage giebt es, welche dem Anpflanzen 
schädlich sind. Nur in Afrika pfropft man den zahmen 
Oelbaum auf den wilden. Sie behalten bei ihrem Altwerden 
doch eine gewisse Unvergänglichkeit, denn zur nächsten 
Fortpflanzung schiesst aus ihnen ein Zweig hervor, ein 
anderer, junger Baum erhebt sich aus ihm, und diess ge- 
schieht jedesmal so oft es nöthig ist, so dass ein und der- 
selbe Baum Jahrhunderte lang besteht. Man pfropft einen 
wilden Oelbaum durch ein Reis oder durch Inoculation. 



282 Siebenzehntes Buch. 

Ein Oelbaum darf nicht dahin gesetzt werden, wo eine 
Eiche ausgegraben ist, denn in der Eichenwurzel entsteht 
eine Art Würmer, welche Raucä heissen und in den neuen 
Baum übergehen. Man hat es für besser befunden, die 
Schnittlinge nicht in die Erde zu scharren oder zu trocknen, 
bevor sie gepflanzt werden. Ferner hat es sich vortheil- 
haft bewiesen, einen alten Oelgarten vom Frühlingsäqui- 
noctium an während dem Aufgange des Siebengestirns ein 
Jahr um das andere umzuackern, Moos um die Wurzeln 
zu legen, um diese aber alle Jahr vom Solstitium an einen 
2 Cubitus breiten und 1 Fuss tiefen Graben zu machen, und 
im 3. Jahre zu düngen. 

Mago räth, die Mandelbäume vom Untergange des Arc- 
turus an bis zum kürzesten Tage, alle Birnen aber nicht 
zu ein und derselben Zeit zu pflanzen, weil sie nicht zu 
gleicher Zeit blühen, die länglichen und runden vom Unter- 
gange des Siebengestirns an bis zum kürzesten Tage, die 
übrigen, gegen Norden und Osten hin stehenden, mitten im 
Winter nach dem Untergange des Schützen; den Lorbeer 
vom Untergange des Adlers an bis zum Untergange des 
Schützen. Die Pflanzzeit beruhet nämlich gleichfalls auf 
Gründen. Man hat geglaubt, das Pflanzen müsse vorzüg- 
lich im Frühjahre und Herbste geschehen; es giebt aber 
noch eine andere, in den Aufgang des Hundssterns fallende 
(günstige) Zeit, die nur Wenigen bekannt ist, weil man sie 
nicht an allen Orten gleich nützlich befunden hat, und die 
wir nicht übergehen dürfen, weil wir nicht von der Be- 
schaffenheit einer einzelnen Gegend, sondern der ganzen 
Natur handeln. In der cyrenaischen Provinz und in Griechen- 
land pflanzt man nämlich beim Wehen der Passatwinde, 
in Laconien namentlich den Oelbaum und auf der Insel 
Cos auch die Weinstöcke. Die übrigen Griechen tragen 
kein Bedenken, zu inoculiren und zu pfropfen, allein Bäume 
pflanzen sie nicht. Hierbei hängt von der Beschaffenheit 
des Ortes das Meiste ab; denn in Aegypten und wo im 
Sommer kein Regen fällt, wie in Indien und Aethiopien 



Siebenzehntes Buch. 283 

säet man alte Monate. Nächstdem werden die Bäume 
nothwendigerweise im Herbste gepflanzt. 

Drei Zeiten sind sich also hinsichtlich des Ausschiagens 
gleich : der Frühling, der Aufgang des Hundssterns und der 
Aufgang des Arcturus; denn nicht allein die Thiere haben 
eine Begierde sich zu begatten, sondern diese ist in der 
Erde und in allen Pflanzen noch viel stärker, und sie recht- 
zeitig zu benutzen, trägt sehr viel zur Fruchtbarkeit bei. 
Oanz besonders gewahrt mau sie bei den Pfropfreisern, wo 
sich von beiden Seiten ein Streben zur Vereinigung zeigt. 
Diejenigen, welche den Frühling vorziehen, fangen gleich 
vom Aequinoctium an, denn sie sagen, jetzt trieben die 
Pflanzen Knospen, und daher fasse die Rinde alles leicht. 
Welche den Herbst vorziehen, beginnen gleich nach dem 
Aufgange des Arcturus, weil dann die Reiser gleich einige 
Wurzeln schlügen, also zubereitet in den Frühling kämen, 
und das Ausschlagen ihnen nicht sobald die Kräfte raube. 
Doch haben einige Bäume tiberall eine bestimmte Jahres- 
zeit, in der sie gepflanzt oder gepfropft werden, wie z. B. 
die Kirschen und Mandeln um den kürzesten Tag. Bei 
vielen wird die Lage der Gegend die beste Entscheidung 
abgeben; denn solche Gegenden, welche kalt und feucht 
liegen, muss man im Frühlinge, dagegen trockne und warme 
im Herbste bepflanzen. 

In Italien theilt man allgemein die Zeiten zum Pflanzen 
etc. auf folgende Weise ein: den Maulbeerbaum pflanzt man 
vom 13. Februar bis zum Aequinoctium; die Birne im Herbste, 
und zwar nicht weniger als 15 Tage vor dem kürzesten; 
die Sommeräpfel, Quitten, Speierlinge und Pflaumen nach 
der Glitte des Winters bis zum 13. Februar; das Johannis- 
brot und die Pfirsiche den Herbst über vor dem kürzesten 
Tage; die Nussarten, als die welschen, Pinien-, Hasel- und 
griechischen Nüsse und die Castanien vom 1. bis 15. März; 
die Weide, den Ginster um den ersten März, und dieser 
wird, wie wir bereits gesagt haben, aus Samen an trock- 
nen Orten, jene aus Stecklingen an feuchten Orten ge- 
zogen. 



284 Siebenzehntes Buch. 

Um nun wissentlich nichts von dem, 'was ich ge- 
funden habe, zu tibergehen, so führe ich noch eine neue 
Art zu pfropfen an, welche Columella nach seiner eignen 
Versicherung erfunden hat, und durch welche Bäume von 
verschiedener und widerstrebender Natur, wie Feigen- und 
Oelbäume, miteinander verbunden werden. Man soll näm- 
lich neben einen Oelbaum einen Feigenbaum pflanzen, je- 
doch nicht weiter davon entfernt, als der Oelzweig welcher 
sehr biegsam ist und nachfolgt, jenen erreichen kann und 
ihn die ganze Zeit hindurch durch Krümmen zu gewöhnen 
suchen. Nachdem nun der Feigenbaum gehörige Kräfte 
gesammelt hat (was im 3. oder spätestens im 5. Jahre ein- 
einzutreten pflegt), so nimmt man seine Krone hinweg, 
schabt auf die schon angezeigte Weise die Fläche glatt, 
befestigt jenen Ast in den Stamm des Feigenbaumes, und 
bindet ihn fest, damit er der Krümmung wegen nicht wie- 
der herausschnellt. So muss er, als ein Mittelding zwischen 
Senker und Propfreis, 3 Jahre lang zwischen den beiden 
Mutterstämmen wachsen. Im 4. Jahre schneidet man ihn 
ab, und nun gehört er ganz der neuen Mutter. Diese Me- 
thode ist, so viel ich wenigstens weiss, noch nicht allgemein 
verbreitet. 

31. 

Ausserdem hat jene bereits oben angeführte Berück- 
sichtigung in Bezug auf warmen und kalten, feuchten und 
trocknen Standort uns auch gelehrt. Pflanzgruben anzu- 
legen. An wässrigen Orten wird man wohl thun, sie weder 
tief noch weit zu machen; anders ist es auf warmem und 
trocknem Boden, damit sie eher das Wasser anziehen und 
behalten können. Auf diese Weise pflegt man auch alte 
Bäume; denn an heissen Stellen behäufelt und bedeckt man 
Wurzeln, damit sie die Sonnenhitze nicht verbrennt. Anders- 
wo zieht man Gräben um sie, damit die Luft Zutritt hat, 
und schützt sie im Winter durch Behäufeln vor der Kälte. 
Jene dagegen decken im Winter die Erde von ihnen auf, 
und suchen ihnen, wenn sie trocken sind, Feuchtigkeit zu 
verschaffen. Das Aufgraben der Erde unter den Bäumen 



Siebenzehntes Buch. 285 

geschieht überall 3 Fuss im Kreise herum, jedoch nicht 
auf Wiesen, weil die Wurzeln aus Neigung zum Sonnen- 
scheine und zur Feuchtigkeit oben unter der Erdlläche 
hinkriechen. 

So viel von den Bäumen, die der Früchte wegen ge- 
pflanzt und gepfropft werden müssen. 

32. 

Jetzt sind noch diejenigen Bäume übrig, welche mau 
um anderer Willen und besonders wegen der Weinberge 
bauet, und deren Holz deshalb gefällt wird. Unter ihnen 
behaupten die Weiden den ersten Platz; man pflanzt sie 
an feuchte Orte, die man aber 2^/2 Fuss tief aufgräbt, und 
nimmt dazu 1^2 Fuss lange Schnittliuge oder Stämme, welche 
je voller, desto besser sind. Sie müssen 6 Fuss weit von 
einander stehen. Wenn sie 3 Jahre alt sind, werden sie 
2 Fuss von der Erde durch Beschneiden gezwungen, sich 
in die Breite auszudehnen, um sie ohne Leiter schneiden 
zu können. Die Weide ist nämlich um so fruchtbarer, je 
näher sie der Erde steht. Man schreibt auch vor, sie all- 
jährlich im Monat April umzugraben. Diess ist die Wartung 
der Ruthenweiden. Die Stangenweiden werden als Zweig 
oder Schnittling in dieselbe Grube gepflanzt. Das vierte 
Jahr ist die rechte Zeit, Stangen aus ihr zu hauen. Sie 
ersetzen aber die Stelle der altern durch neue Schüsse, 
wenn man eine Stange hineinsteckt und nach einem Jahre 
abschneidet. Ein Morgen Ruthenweiden reicht für 25 Morgen 
Weinland hin. Aus gleicher Ursache wird auch die weisse 
Pappel gepflanzt; man gräbt zu diesem Behuf 2 Fuss tief, 
steckt 11 2 Fuss lange Schnittlinge, die 2 Tage lang ge- 
trocknet sind, in einem Abstände von 1^4 Fuss ein, und 
wirft 2 Ellen hoch Erde darüber. 

33. 

Das Rohr liebt einen noch lockerern (nassern) Boden als 
jene. Man pflanzt dessen Wurzelzwiebeln, welche Einige 
Augen nennen, in spannegrosse Löcher 2V> Fuss weit von 
einander. Es wächst, wenn das alte Rohr ausgerissen ist, 
von selbst wieder, und diess hat sich besser bewährt, als 



286 Siebenzehntes Buch. 

das früher hier befolgte Abschneiden, denn in letzterem 
Falle schlingen sich die Wurzeln in einander, und werden 
dadurch erstickt. Die Zeit, dasselbe zu pflanzen ist, bevor 
die Augen gross werden d. i. vor dem ersten März, Es 
wächst bis in den Winter, und hört auf, wenn es anfängt 
zu erhärten. Dieses ist der rechte Zeitpunkt, dasselbe zu 
schneiden, und es geschieht so oft man glaubt den Wein- 
berg umgraben zu müssen. Das Rohr wird auch schräg 
in die Quere gepflanzt, und nicht tief gelegt; aus jedem 
Auge bricht eine eigene Pflanze hervor. Man pflanzt ferner 
abgebrochenes Rohr in fussgrosse Furchen, so dass 2 Augen 
mit Erde bedeckt werden, und der 3. Knoten die Erde nur 
berührt; die Spitze wird gebogen, damit sie keinen Thau 
annimmt. Man schneidet es bei abnehmendem Monde. Für 
Weinberge ist das, was ein Jahr getrocknet hat, besser als 
das grüne. 

34. 
Die Kastanie wird zu Pfählen allen andern Holzarten 
vorgezogen, weil sie sich leicht behandeln lässt, sehr dauer- 
haft ist, und der Stamm, nachdem er abgehauen, im Wie- 
derausschlagen die Weide noch übertrifft. Sie verlangt 
einen leichten, aber nicht trocken sandigen, sondern beson- 
ders einen feuchten sandigen, oder schwärzlichen sowie 
toffigen Boden, wenn er auch noch so schattig, nördlich, 
kalt oder abschüssig liegt. Dahingegen gedeihet sie nicht 
auf Kies, Röthel, Greta oder sonst irgend einem frucht- 
baren Boden. Wir haben bereits gesagt, dass sie durch 
die Nüsse fortgepflanzt wird, aber nur die grössten sind 
keimungsfähig, und auch nur dann, wenn ihrer 5 zusammen- 
gelegt werden. Die darüber befindliche Erde muss vom 
Monat November bis in den Februar durchbrochen werden; 
sie fallen um diese Zeit vom Baume und wachsen, wenn 
sie dann in. die lockere Erde kommen, hervor. Sie müssen 
1 Fuss weit von einander entfernt, und in einer allenthalben 
Spannengrossen Furche stehen. Aus dieser Pflanzschule 
werden sie nach mehr als 2 Jahren in einen andern Boden 
gesetzt, und zwar je 2 Fuss weit von einander. Kein Baum 



Siebenzehntes Bucli. 287 

bekommt leichter Wurzelschösslinge. Wenn man die Wurzel 
entblösst, und ihn ganz in einen Graben hinstreckt, so 
wächst er aus der über der Erde gelassenen Spitze wieder 
hervor, und aus der Wurzel entsteht noch ein anderer 
Baum. Versetzt man ihn aber, so gewöhnt er sich nicht 
leicht an den neuen Platz, scheuet die neue Veränderung 
und schiesst erst fast zwei Jahre danach in die Höhe. Da- 
her bauet man in die zu behauenden Pflanzschulen lieber 
Nüsse, als Wurzelreiser. Er braucht keine andere Wartung, 
als dass man ihn 2 Jahre lang umgräbt und unten be- 
schneidet; hernach zieht er sich selbst und tödtet durch 
seinen Schatten die überflüssigen Schösslinge. Im 7. Jahre 
wird er gehauen. Sein Pfahlholz von 1 Morgen reicht für 
20 Morgen Weinland hin, wenn auch die Pfähle aus 2 mal 
gespaltenen Stämmen gemacht werden, und dauert länger 
als zum Wiedereintritt der folgenden Hauungszeit. 

Die Speiseiche gedeihet unter ähnlichen Umständen, 
wird 3 Jahre später gehauen, wächst aber weniger langsam. 
Sie kann in jedes Erdreich gesetzt werden, wächst aus der 
Eichel, jedoch nur aus der ihrigen, in spannenweiten und 
zwei Fuss von einander entfernten Gruben. Man pflanzt 
sie viermal im Jahre dünn aus. Ausserdem lassen sich 
auch noch andere Bäume, welche wir bereits angeführt 
haben, nämlich die Esche, der Lorbeer, der Pfirsich, die 
Haselnuss, der Apfelbaum behauen, allein sie wachsen zu 
langsam, ertragen kaum die Erde, in welche sie gesetzt 
sind, und ebenso wenig die Feuchtigkeit. Der Hollunder 
hingegen ist sehr dauerhaft zu Pfählen, und wird wie die 
Pappel aus Schnittlingen gezogen. Von der Cypresse haben 
wir schon ausführlich geredet. 

35. 

Nachdem wir im Vorigen gleichsam die Hülfs-Materia- 
lien für die Weinberge genannt haben, bleibt uns noch 
die Beschaffenheit der letztern und die auf sie zu 
verwendende Sorgfalt näher zu betrachten übrig. 

An den Reisern der Weinstöcke und einiger andern 
Bäume, welche im Innern etwas schwammig sind, durch- 



288 Siebenzehntes Buch. 

setzen die Gelenkknoten das Mark. Die dünnen Zweige 
selbst sind kurz, gegen den Gipfel zu noch kürzer, und 
schliessen gewöhnlich ihre Schüsse in 2 Gelenkknoten ein. 
Das Mark, welches vielleicht das belebende Organ ist, 
schiebt vor sich her und treibt in die Länge, so lange die 
Röhre an den Knoten den Durchgang gestattet. Wem aber 
die verwachsenen Gelenke ihm den Durchgang verwehren, 
wird es zurückgetrieben und bricht an seinem untersten 
Ende neben dem vorhergehenden Knoten, und zwar wie 
bereits beim Schilfe und Gartenkraute gesagt wurde, an 
den Stellen, wo die Aeste sitzen (die sich immer an den 
abwechselnden Seiten befinden), von denen man die rechte 
am untersten Gliede, die linke an dem darauf folgenden 
u. s. w. wahrnimmt. Diese Stelle nennt man am Wein- 
stocke die Knospe, wenn sie sich daselbst grünend aus- 
breitet. Bevor diess aber geschieht, liegt das Auge in einer 
Höhlung, und die Knospe selbst an der Spitze. So ent- 
stehen die Zweige, Trauben, Blätter und Ranken; und es 
ist merkwürdig, dass das, was auf der rechten Seite wächst, 
stärker ist. 

Beim Pflanzen der Reiser nun werden die Knoten in 
der Mitte durchgeschnitten, damit das Mark nicht heraus- 
fliesst. Vom Feigenbaume nimmt man sie spannenlaug und 
macht vor dem Einsetzen ein Loch mit einem Pflock in 
die Erde, dergestalt, dass das, was dem Baume am nächsten 
war, in die Erde kommt, und 2 Augen aus der Erde her- 
vorragen. Augen nennt man aber an den Zweigen die 
Stelleu, wo sie ausschlagen. Daher tragen sie auch in den 
Pflanzschulen zuweilen in demselben Jahre die Früchte, 
welche sie auf dem (vorigen) Baume getragen haben wür- 
den, denn werden sie in ihrem vollen Triebe zu rechter 
Zeit verpflanzt, so bildet sich die begonnene Frucht auch 
anderswo aus. Feigen, die auf diese Weise gepflanzt sind, 
können leicht im 3. Jahre versetzt werden. Zum Ersatz 
für das schnelle Altern dieses Baumes hat er das Gute, 
äusserst schnell aufzukommen. 

Bei den Weinstöcken ist das Pflanzen häufiger. Vor 



Siebenzehntes Buch. 289 

allen Dingen wird von ihnen nur das verpflanzt, was un- 
tauglich ist und sich beim Beschneiden unter den Schöss- 
iingen findet. Man schneidet aber dasjenige ab, was zuletzt 
Früchte getragen hat. Ehemals pflegte man Reiser aus 
hartem Holze, die an beiden Enden knotig waren, zu pflan- 
zen; und daher heissen sie noch jetzt Hämmerchen. Nach- 
her fing man an, sie mit ihrem Ansätze abzutrennen, wie 
es z. B. beim Feigenbaum geschieht, und so wächst er am 
besten empor. Eine dritte Art geht noch schneller, ohne 
Ansatz, und heisst Pfeilrebe, weil sie eingekrümmt gepflanzt 
wird; wird sie aber nicht gebogen, so heisst sie die drei- 
iiugige. Auf diese Weise entstehen aus einem Reise 
mehrere Stämme. Fruchtlose Zweige geben unfruchtbare 
Stöcke, daher müssen tragende zum Pflanzen genommen 
werden. Zweige mit langen Schüssen werden gleichfalls 
für unfruchtbar gehalten; wogegen dichte Knospen ein 
Zeichen von Fruchtbarkeit sind. Einige geben an, man 
solle nur solche Reiser, welche bereits geblühet haben, 
pflanzen. Pfeilreben zu pflanzen ist weniger vortheilhaft, 
weil das, was gekrümmt war, beim Versetzen leicht bricht. 
Man pflanzt sie nicht kürzer als 1 Fuss lang und mit 5 
bis 6 Knoten, und von dieser Länge können keine weniger 
als 3 Augen haben. Am besten ist es, sie an demselben 
Tage, wo sie geschnitten sind, zu setzen. Wenn man ge- 
nöthigt ist, sie aufzuheben und lange Zeit nachher erst 
zu pflanzen, so muss man sich, wie bereits gezeigt wurde, 
hüten, dass sie nicht ausserhalb der Erde liegen und von 
der Sonne trocken- werden, oder durch Wind und Kälte 
verkümmern. Welche längere Zeit trocken gelegen haben, 
müssen vor dem Einsetzen mehrere Tage lang in Wasser 
aufgefrischt werden. 

In der Pflanzschule oder im Weinberge soll der Boden 
gegen die Sonne hinliegen und möglichst geräumig sein; 
«r muss mit einem 3 Fuss langen Doppelspaten aufge- 
graben, und mit einem 4 Fuss langen Haken aufgeworfen 
werden, so dass der Graben 2 Fuss tief fortläuft. Der 
Graben muss gereinigt und geräumig gemacht, damit nichts 

Wittstein: Plinius. III. Bd. 19 



290 Siebenzehntes Buch. 

Fremdartiges darin bleibt, hiebei aber auch das Maass be- 
rücksichtigt werden. Schlecht gegrabenes Land erkennt 
man an den ungleichen Tritten. Auch muss man den Theil 
der Rabatten, der dazwischen liegt, messen. Die Setzlinge 
pflanzt man in Gruben und längere Furchen und wirft die 
lockerste Erde darüber; aber von einem magern Boden 
würde man vergebens etwas hoffen, wenn nicht eine fettere 
Schicht darunter gelegt wird. Man darf nicht weniger als 
2 einsetzen, und diese müssen die nächste Erdschicht ^) 
berühren, i^it ein und demselben Pflocke eingetrieben und 
fest gestampft werden. In der Pflanzschule muss zwischen 
je 2 Reben ein Raum von Vj^ Fuss in der Breite, und 
halb so viel in der Länge bleiben. Die so gepflanzten 
Reben müssen im 24. Monate bis zum untersten Gliede^ 
wenn man dasselbe nicht schonen will, abgeschnitten wer- 
den; dann brechen die Augen hervor, und mit diesen ver- 
setzt man das Stämmchen im 36. Monate. 

Es giebt auch eine üppige Methode, Weinstöcke za 
pflanzen; man bindet nämlich 4 Reiser an ihren frucht- 
barsten Theilen zusammen, steckt sie durch den Beinknochen 
eines Ochsen oder ein irdenes Geschirr, und vergräbt sie 
so, dass nur 2 Augen hervorragen. Auf diese Weise ziehen 
sie Feuchtigkeit an, und schiessen in einen Stamm hervor. 
Später zerbricht man die sie umgebende Röhre, die nun 
freie Wurzel schöpft Kräfte, und die nachher kommenden 
Trauben tragen alle Arten Beeren der gepflanzten Reiser. 
Bei einer andern Weise neuerer Erfindung wird das Reis 
gespalten, das Mark herausgekratzt, und die beiden Stücke 
wieder zusammengebunden, doch so dass die Knospen mög- 
lichst geschont werden. Darauf setzt mau das Reis in mit 
Mist vermengte Erde, schneidet es, wenn sich Aeste bilden 
wollen, ab, und gräbt oft um. Die Beeren von solchen 
Trauben sollen, wie Columella versichert, keine Kerne ent- 
halten; und es erscheint schon wunderbar, dass dergleichen 



') Unterhalb nämlich. 



Siebenzehntes Buch. 291 

des Markes beraubte Reiser, am Leben bleiben. Wir dürfen 
auch nicht anzuführen unterlassen, dass selbst Reiser, denen 
die Gliederung des Baumes fehlt, wachsen; denn wenn man 
5 oder 6 sehr dünne Zweige vom Buxbaume zusammen- 
bindet und einsetzt, so kommen sie fort. Ehemals nahm 
man sie nur von einem unbeschnittenen Buxbaume, in der 
Meinung, dass sie anders nicht gedeihen würden; allein 
Versuche haben gezeigt, dass diess nicht gerade nothwen- 
dig sei. 

Nach Besprechung der Pflanzschulen lassen wir jetzt 
die Besorgung der Weinberge folgen. Es giebt 5 Arten 
Weinberge, die Reben stehen nämlich zerstreut im Lande, 
oder für sich aufrecht, oder auf Stützen ohne Querlatten, 
oder bepfählt und an einfachen Querlatten oder an in vier- 
eckiger Gestalt zusammengefügten Querlatten. Wie die be- 
pfählten, ebenso werden auch die ohne Stützen stehenden 
Stöcke behandelt, denn bei diesen iässt man die Pfähle bloss 
aus Mangel daran weg. Die mit der einfachen Querlatte be- 
stehen aus einer langen Reihe, welche man Weingeländer 
nennt. Ein solches eignet sich dann eher für den Wein, 
wenn es sich selbst keinen Schatten macht, beständig den 
Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, dem Winde freien Durchzug 
gestattet, und den Thau rasch verliert. Auch Iässt es sich 
leicht abblättern, behacken und gestattet, auch die übrigen 
Arbeiten daran leicht auszuführen. Vor allen andern blühet 
es besser ab. Die Querlatte macht man aus Stöcken, Rohr, 
Haaren oder Stricken wie in Spanien und zu Brundusium. 
Die durch Vierecke vereinigten Stöcke sind ergiebiger an 
Wein; sie haben ihren Namen von den hohlen (leeren) vier- 
eckigen Höfen der Tempel. Wir wollen die Methode, wie 
sie gesetzt werden, jetzt angeben, denn sie gilt für alle 
Arten, und es findet nur der Unterschied statt, dass bei 
jener zahlreichere Modificationen vorkommen. 

Das Setzen geschieht auf folgende 3 Weisen; am besten 
in umgegrabenem Lande, nächstdem in einer Furche, und 
hierauf in einer Grube. Vom Umgraben war schon die 
Rede. Zu einer Furche ist die Breite des Spatens hin- 

19* 



292 Siebenzehntes Buch. 

reichend, die Grube aber muss überall 3 Fuss breit sein, 
die Tiefe in jedem Falle 3 Fuss betragen, daher auch kein 
kürzerer Stock versetzt werden darf, denn 2 Knospen sollen 
noch hervorragen. Es ist nothweudig, die Erde in der Grube 
durch kleine Furchen aufzulockern und mit Mist zu ver- 
mengen. Ein hügeliger Boden erheischt tiefere Gruben, 
und ausserdem muss man die abschüssigen Seiten noch 
durch Aufwerfen von Rändern erhöhen. Diejenigen Gruben, 
welche so laug gemacht werden, dass sie 2 Stöcke hinter- 
einander aufnehmen können, heissen Betten. Die Wurzel 
des Weiustocks muss in der Mitte der Grube stehen, der 
Stock selbst aber, da wo er auf etwas Festes gestützt ist, 
gegen Osten gerichtet sein und seine erste Stütze vom Rohr 
erhalten. 

Man muss durch die Weinberge einen Hauptgang von 
18 Fuss Breite, um mit dem Wagen hindurch fahren zu 
können, auch mitten durch die Morgen noch andere Gänge 
von 10 Fuss Breite machen. Hat mau mehr Platz, so macht 
man die Nebeugänge eben so breit wie den Hauptgang. 
Stets aber muss man von 5 zu* 5 pflanzen, d. h. zwischen 
je 2 Reihen muss ein Raum bleiben, der so breit ist, als 
5 mit einander verbundene Pfähle einnehmen. 

Nur in einen festen Boden soll man ein Wurzelreis 
setzen, und auch dann nur, wenn er gehörig umgegl'aben 
ist; in einem zarten und lockern auch wohl ein Senkreis 
in eine Furche oder Grube. Auf Anhöhen ist es besser 
Querfurchen zu ziehen, als umzuackern, damit die dadurch 
gebildeten Seitenwäude das abfliessende Wasser aufnehmen 
können. Senkreiser kann man bei regnigem Wetter oder 
bei trocknem Boden im Herbste pflanzen, es sei denn, dass 
die Beschaffenheit der Gegend es anders erheischt. Denn 
trockne und warme Landstriche müssen im Herbste, feuchte 
und kalte im Ausgange des Frühjahrs bepflanzt werden. 
In einen trocknen Boden wird ein Wurzelreis umsonst ein- 
gesetzt, auch kommen die Senkreiser auf trocknem Lande 
schlecht fort, und am besten noch nach einem Regen. In 
feuchtem Erdreich aber geht selbst der belaubte Weinstock, 



Siebenzehntes Buch. 293 

und zwar bis zum Solstitium, wie z. B. in Spanien an. Am 
besten ist es, wenn an dem Tage, wo gepflanzt wird, 
kein Wind wehet. Die Meisten wünschen dabei Südwind, 
Cato hingegen verwirft ihn. 

Das mittlere Maass zwischen 2 Weinstöcken soll 5 Fuss, 
auf einem fruchtbaren Boden aber mindesten 4, und auf 
einem magern höchstens 8 sein. Die Umbrer und Marser 
lassen in den sogenannten Weinbeeten des Pflügens wegen 
einen bis zu 20 Fuss breiten Raum. An einem feuchten 
und dunkeln Orte muss man die Stöcke weitläufiger, an 
einem trocknen dagegen dichter setzen. Der Scharfsinn 
hat der* Sparsamkeit einen Vortheil erdacht, nämlich bei 
Anlage eines Weinbergs auf beackertem Boden zugleich 
eine Pflauzschule einzurichten, so dass das Wurzelreis an 
seinen Platz und das zu verpflanzende Senkreis zwischen 
die Weinstöcke und Reihen gesetzt wird. Auf diese Weise 
bekommt man auf einen Morgen 16,000 Wurzelreiser. Nur 
erfolgt die Frucht um 2 Jahre später, weil der Stock da, 
wo er gepflanzt wird, später trägt, als da, wohin er versetzt 
wird. Ein Wurzelreis, welches in einen Weinberg gesetzt 
ist, wird nach einem Jahre bis an die Erde abgeschnitten, 
so dass nur 1 Auge hervorragt, sodann ein Pfahl daneben 
gesteckt und Mist hinzugebracht. Ebenso schneidet man 
ihn im 2. Jahre ab, wodurch er kräftig wird und die Fähig- 
keit behält, künftig Früchte zu tragen; lässt man ihn aber 
schnell heranwachsen, so wird er schwach und dünn, und 
geht, wenn man ihn nicht durch den Schnitt zurückhält, 
ganz in Knospen über. Nichts wächst begieriger, und würde 
man seine Kräfte nicht für die Frucht aufbewahren, so ent- 
ständen lauter Ranken daraus. 

Das beste Pfahlwerk ist das bereits von mir angeführte. 
Die Weinpfähle macht man aus Eichen und Oelbäumen, oder 
in Ermangelung dieser, aus Waehholder, Cypressen, dem 
Bohnenbaum und Hollunder. Die Pfähle anderer Holzarten 
werden alle Jahre nachgespitzt. Zu Querlatten eignet sich 
das in Bündel gebundene Rohr am besten; es hält 5 Jahre 
aus. Wenn kürzere Reben durch Reiser, wie durch Stricke, 



294 Siebenzehntes Buch. 

verbunden werden, so heisst der daraus gebildete Bogen 
gebundener Wein. 

Im 3. Jabre schickt der Weinstock einen schnellen und 
kräftigen Stamm hervor, der mit der Zeit zum eigentlichen 
Weinstocke wird, und dieser rankt an den Querlatten hin. 
Einige nehmen ihn alsdann mit dem Messer die Augen weg, 
um ihn länger zu treiben, — ein Verfahren, dass keine 
Billigung verdient. Besser ist es, ihn Früchte treiben zu 
lassen, und ihn, wenn er bepfählt ist, von der zu grossen 
Menge Laubwerk zu befreien, so lange man ihn will Kräfte 
sammeln lassen. Einige wollen, dass man ih» im 1. Jahre 
nach seiner Versetzung nicht anrühre, und nicht vor dem 
60. Monate beschneide, dann aber alles bis auf 3 Augen 
wegnehme. Andere beschneiden ihn zwar schon im ersten 
Jahre, lassen ihm aber jedes Jahr 3 bis 4 Schüsse mehr, 
und ziehen ihn im 4. Jahre an die Querlatten. Diess bei- 
des liefert in Folge des zwergigen Wuchses späte, dürre 
und knotige Früchte. Am besten ist ein kräftiger Stock, 
von dem dann auch eine kräftige Frucht kommt. Nicht 
immer liefern die Stöcke, welche voll Narben sind, sichere 
Resultate, wie Unerfahrene irrigerweise glauben. Bei sol- 
chen findet das Wachsen aus den Seiten und nicht aus dem 
Stamme statt. Der Weinstock hat aber alle Kräfte bei- 
sammen, wenn man ihn stark werden lässt, und bekommt 
ganz den jährlichen Zuwachs, wenn er sich frei entwickeln 
kann. Die Natur bringt nichts stückweise hervor. Wenn 
er nun gehörig ausgewachsen ist, muss er sogleich an die 
Querlatten gebracht werden, und sollte er ja noch etwas 
schwach sein, so beschneide man ihn, nachdem er schon 
unter den Latten steht. Man entscheidet hierbei nach den 
Kräften, nicht nach dem Alter. Es ist unbesonnen, den 
Weinstock, bevorer die Dicke einesDaumenshat,zwingeuzuwol- 
len. Im folgenden Jahre muss man, je nach den Kräften des 
Stammes, 1 oder 2 Zweige stehen lassen ; im zweiten ebenso viele 
unter halten, wenn die Schwäche des Stocks es fordert, undim 
dritten endlich noch 2 mehr. Niemals aber dürfen mehr 
als 4 bleiben, — kurz, man darf hierbei nichts ausser 



Siebenzehntes Buch. 295 

Acht lassen, sondern muss das Fruchttreiben verhindern, 
denn er will von Natur lieber Früchte treiben als (lange) 
leben. Alles was ihm am Holze entzogen, wird durch die 
Frucht ersetzt. Er will lieber Samen erzeugen als Frucht, 
weil diese etwas Vergängliches ist. So treibt er auf tippige 
Weise zu seinem Verderben, und erweitert sich nicht, son- 
•dern entleert (entkräftet) sich. 

Auch die Kenntniss der Beschaffenheit des Bodens wird 
uns hierbei von Nutzen sein. In einem magern Erdreiche 
muss der Stock, auch wenn er kräftig ist, beschnitten unter 
der Querlatte bleiben, damit alle Triebe unter derselben aus- 
gehen. Jedoch soll der Abstand von der Latte nur sehr 
gering sein, so dass er sie kaum erreicht, aber doch nicht 
ganz fasst, mithin weder darauf liegen, noch sich ihr an- 
schmiegend ausbreiten kann. Auf diese Weise suche man 
es dahin zu bringen, das er lieber wächst als trägt. 

Die Rebe muss unter der Querlatte (Joch) 2 oder 3 
Augen haben, aus welchem das Holz wächst, dann bis zur 
Querlatte steigen und fest gebunden werden, so dass sie 
von derselben untersttitzt wird und nicht herbhängt. Beim 
3. Auge muss sie bald durch ein Band befestigt werden, 
denn hierdurch wird auch der Trieb des Holzes beschränkt, 
und das Entstehen stärkern Laubes bezweckt. Die Spitze 
will man nicht angebunden wissen. Beim Weinstocke giebt 
der niedergedrückte oder ungebundene Theil, namentlich 
aber die Krümmung selbst die Frucht. Was darunter ist, 
treibt Holz, weil, wie ich glaube, die Luft und das Mark, 
von dem bereits die Rede war, daselbst Widerstand finden. 
Der so hervorgekommene Holztrieb wird im folgenden Jahre 
Früchte tragen. 

Demnach giebt es 2 Arten Rebenschüsse; kommt er 
aus hartem Holze und erhält er schon im folgenden Jahre 
Holz, so heisst er Rankenrebe; befindet er sich aber über 
der Narbe, Fruchtrebe. Der andere kommt immer aus ein- 
jährigen Stöcken, ist stets eine Fruchtrebe, wird stets unter 
dem Joche gelassen und heisst der Wächter; er ist ein 
neuer Schoss, nicht länger als 3 Augen, und setzt im fol- 



296 Siebenzehntes Buch. 

genden Jahre Holz an, wenn der Stock durch üppiges 
Wachsthum sich aufgerieben hat. Noch ein anderer neben 
ihm hat die Grösse einer Warze, lieisst der Räuber, und 
wird gesetzt, wenn vielleicht der Wächter ausgehen sollte. 

Bevor der Weinstock, vom Reise au gerechnet, das 
siebente Jahr zurückgelegt hat, darf man ihn keine Früchte 
tragen lassen, sonst wird er dürr und stirbt ab. Auch taugt 
es nicht, eine alte Rebe in die Länge und bis zum vierten 
Pfahle zu ziehen, was Einige Drachen, Andere Juniculi 
nennen, und diese bilden die sogenannten Masculata i). 
Wenn der Weinstock schon hart geworden ist, darf man 
ihn nicht mehr in den Weinberg verpflanzen. Im 5. 
Jahre werden die Reben gekrümmt, treiben, jede für sich,^ 
Holzschüsse, diess geht so fort aus den nächstfolgenden^ 
und die früheren schneidet man ab. Man muss stets den. 
Wächter stehen lassen, dieser aber dem Stocke am nächsten^ 
und nicht länger sein als bereits gesagt wurde; auch soll 
man ihn krümmen, wenn die Reben zu sehr gewuchert 
haben, damit er 4 oder 2 Holzschüsse treibe, wenn der 
Weinberg einjochig ist. 

Wenn man den Weinstock für sich ohne Pfahlwerk 
anpflanzt, so muss er im Anfange irgend eine Stütze haben, 
bis er allein stehen und gerade aufsteigen kann. Uebrigens 
kommt seine erste Behandlung mit der vorigen überein. 
Beim Beschneiden aber müssen die kurzen Zweige überall 
gleichmässig vertheilt werden, damit die Frucht nicht nach 
einer Seite hin zu schwer werde, denn wenn letztere zu- 
gleich herabdrückt, so hindert sie das Wachsen in die Höhe. 
Derartige Stöcke nicken schon, wenn sie höher als 3 Fuss 
sind, die übrigen bei 5 Fuss Höhe, dürfen daher die ge- 
wöhnliche Mannshöhe nicht überschreiten. Auch die Reben, 
welche auf der Erde zerstreuet liegen, umgiebt man zur 
Stütze mit kurzen Rohren, und macht Vertiefungen rund 
um sie herum, damit sich die kriechenden Ranken nicht 



1) D. i. Orte, wo Weinstöcke männlichen Geschlechts gepflanzt 
sind. 



Siebenzehntes Buch. 297 

durch Begegnen hindern. In den meisten Ländern, nämlich 
in Afrika, Aegj'pten, Syrien, ganz Asien und an vielen 
Orten in Europa ist dieser Gebrauch, auf der Erde liegende 
Trauben zu sammeln, vorherrschend. Hier muss also der 
Stock an die Erde gedrückt werden, während die Wurzel 
auf eben dieselbe Weise genährt wird, wie in einer Joch- 
pflanzung; man darf stets nur kurze Zweige lassen (besser 
viele Zweige, als lange), und diese in einem fruchtbaren 
Boden mit 3 Augen, in einem magern aber mit 5. Was 
wir von der Beschaffenheit des Badens gesagt haben, wird, 
gehörig befolgt, um so wirksamer sich zeigen, je näher die 
Traube der Erde ist. 

Es ist sehr zweckmässig, die verschiedenen Arten zu 
trennen, und einer jeden ein besonderes Terrain anzuweisen. 
Denn ihre Vermischung erweist sich nicht bloss im Moste 
sondern auch im Weine nachtheilig. Will man sie aber 
doch vermischen, so dürfen wenigstens nur solche, welche 
zugleich reifen, vereinigt werden. Je fruchtbarer und flacher 
der Boden ist, um so höber müssen die Geländer sein; hohe 
Geländer eignen sich auch für feuchte, neblige und weniger 
windige Orte, hingegen niedrige für ein mageres, trocknes, 
heisses und den Winden ausgesetztes Erdreich. Die Quer- 
latten muss man möglichst fest an die Pfähle binden, die 
Weinstöcke aber nur locker daran legen. Welche Arten 
des Weinstocks, in was für einen Boden und in welchem 
Klima sie gepflanzt werden müssen, haben wir schon früher 
angeführt, als von ihnen und den Weinen die Rede war *). 

In Bezug auf die übrige Behandlung herrschen sehr 
abweichende Ansichten. Die Meisten wollen, man solle den 
ganzen Sommer hindurch nach jedesmaligem Thauen den 
Weinberg umgraben. Andere verbieten diess während der 
Zeit des Ausschiagens, denn sonst würden die Augen ab- 
geschlagen, und von den zwischen den Stöcken durchgehen- 
den Arbeitern abgetreten. Aus gleicher Ursache müsse man 



») Im XIV. B. 



298 Siebenzehntes Buch. 

auch alles Hornvieh, namentlich die Schafe nicht hinein- 
lassen, weil diese die Augen gern abfressen. Ferner sei 
es nicht gut, während dem Heranwachsen der Trauben zu 
hacken, und es reiche hin, wenn der Weinberg jährlich 
3 mal umgegraben würde, nämlich nach dem Frühlingsäqui- 
noctium beim Aufgange des Siebengestirns, beim Aufgange 
des Hundssterns, und wenn die Beere anfange sich dunkel 
zu färben. Einige machen folgende Bestimmungen: man 
beackere einen alten Weinberg einmal nach der Weinlese 
vor dem Eintritt des Winters, während Andere das Gäten 
und Düngen für hinreichend halten; ferner nachdem 13. April, 
vor dem Ausschlagen, d. i. vor dem 9. Mai; hierauf bevor 
der Stock anfängt zu blühen, wenn er abgeblühet hat, und 
wenn die Traube sich färbt. Erfahrene Landwirthe be- 
haupten, wenn man zu oft umgrabe, so würden die Beeren 
so zart dass sie platzten. Das Graben geschieht zweck- 
mässig, ehe die Tageshitze zu gross wird. Weichen (ko- 
thigen) Boden muss man weder pflügen noch graben. Der 
Staub, welcher durch das Graben entsteht, soll wider die 
Sonnenhitze und Nebel gut sein. 

Das bekannte Abblättern im Frühjahre geschieht nach 
dem 15. Mai, innerhalb 10 Tagen, bevor die Blüthe erscheint, 
und zwar muss es unterhalb der Querlatten vorgenommen 
werden. Ueber das nun Folgende sind die Meinungen ge- 
theilt. Einige sagen, man müsse nach der Blüthezeit, An- 
dere, man müsse während dem Reifen der Trauben ab- 
blättern. Doch hierüber können Cato's Vorschriften ent- 
scheiden, denn wir müssen auch vom Beschneiden sprechen. 

Man beginnt damit sogleich nach der Weinlese, wenn 
die Witterung günstig ist; niemals aber darf es, aus natür- 
lichen Gründen, vor dem Aufgange des Adlers geschehen, 
wie wir im nächsten Buche bei den Wirkungen der Ge- 
stirne lehren werden. Es kann selbst zu Anfang des Fe- 
bruars vorgenommen werden, weil zu grosse Eilfertigkeit 
leicht Nachtheil bringen möchte. Wenn die durch den an 
sich heilsamen Schnitt erzeugten Wunden von der Kälte 
ergriffen werden, so leiden sicherlich davon die Augen, die 



Siebenzehntes Buch. 299 

Schnittstellen klaffen, und die Augen, aus welchen der Saft 
tröpfelt, vertrocknen. Denn wer weiss nicht, dass sie vom 
Froste zerbrechlich werden? Auf grossen Landgütern ver- 
fahren die Arbeiter eigennützigerweise auf jene Art, die 
Natur aber treibt sie nicht zu solcher Eile. Je zeitiger die 
Weinstöcke an passenden Tagen beschnitten werden, desto 
mehr Holz setzen sie an, und je später, desto reichlichere 
Früchte tragen sie. Es ist daher besser, die schwächern 
zuerst, und die stärkern zuletzt zu beschneiden. Jeder 
Schnitt muss schräg geschehen, damit der Regen davon 
leicht ablaufen kann, ferner nach der Erde zu gehen, die 
Narbe möglichst schwach, was durch grosse Schärfe des 
Messers bezweckt wird, und der Schnitt glatt sein. Man 
muss stets zwischen zwei Augen schneiden, damit an dem 
beschnittenen Theile kein Auge verwundet werde. Man 
glaubt, dieser sei schwarz, und man müsse so lange schnei- 
den, bis man auf gutes Holz komme, weil aus verdorbenem 
kein gutes wachsen könne. Wenn ein schwacher Stock 
keine guten Reben habe, sei es am besten ihn dicht an der 
Erde abzuschneiden, und neue treiben zu lassen. Beim Ab- 
blättern soll man das Laub (die Ranken), was um die 
Trauben sitzt, nicht wegnehmen, denn dadurch fallen die 
Trauben ab, ausgenommen in einem neuen Weinberge. Das 
aus den Seiten und nicht aus einem Auge kommende Laub, 
sowie die Traube, welche aus einem harten steifen Stiele 
hervorwächst, so dass sie nur mit Hülfe eines Messers ab- 
genommen werden kann, hält man für unnütz. Einige 
sind der Meinung, es sei besser, das Pfahlwerk zwischen 
zwei Weinstöcke zu stellen; auf diese Weise können sie 
leichter behackt werden, auch ist diess Verfahren zweck- 
mässiger für einen einjochigen Weinberg, wenn anders die 
Querlatten stark genug sind, und die Gegend dem Winde 
nicht ausgesetzt ist. In einem vierfach bepfählten muss 
die Stütze der Last sehr nahe sein, doch, damit man beim 
Behacken nicht gehindert werde, nicht mehr als eine Elle 
Raum bleiben. Man soll aber das Behacken eher vornehmen 
als das Beschneiden. 



300 Siebenzehntes Buch. 

Cato spricht sich über die ganze Cultur der Wein- 
stöcke folgendermaassen aus: Lege den Weinberg so hoch 
wie möglich an, binde die Stöcke gut, jedoch nicht zu fest 
an, und behandle sie also. Umgrabe die beschnittenen 
Spitzen der Weinstöcke, und fange an zu pflügen; führe 
diess- und jenseits fortlaufende Furchen. Zarte Stöcke 
pflanze sobald als möglich fort, alte beschneide so wenig 
als möglich, ziehe sie vielmehr, wenn es nöthig ist, abwärts 
und schneide sie nach 2 Jahren ab. Die rechte Zeit, einen 
jungen Stock abzuschneiden, wird sein, wenn er kräftig 
genug ist. Wenn der Weinberg von Stöcken entblösst ist, 
ziehe Furchen, und setze Wurzelableger hinein. Von den 
Furchen entferne allen Schatten, und grabe öfters. In einen 
alten Weinberg säe Basilienkraut ^); ist er mager, so säe 
nichts was Samen bringt, und lege um die Ranken Mist, 
Spreu, Weinhtilsen oder dergleichen. Wenn der Weinstock 
grün geworden ist, so blättere ab. Junge Stöcke binde 
fleissig an, damit die Stämme nicht abbrechen. Stöcke, 
deren Stamm schon pfahlartig wird, binde an den zarten 
Ranken gelinde fest, und führe diese weiter; wenn diese 
recht stehen, und die Traube angefangen hat sich zu färben, 
80 binde die Stöcke unten an. 

Eine Pfropfung des Weinstocks geschieht im Frühjahre, 
eine andere während der Blüthezeit, und diese ist die beste. 
Wenn du einen alten Weinstock an einen andern Ort ver- 
setzen willst, so musst du wenigstens zuerst den dicken 
Stamm abschneiden, nicht mehr als 2 Augen sitzen lassen, 
mit den Wurzeln wohl ausgraben und dich hüten, dieselben 
zu beschädigen. Ist diess geschehen, so setze ihn in eine 
Grube oder Furche, und bedecke ihn gut mit Erde. Auf 
dieselbe Weise bepflanze einen (neuen) Weinberg, binde 
die Stöcke fest, biege sie wie sie vorher waren, und grabe 
oft um. Das Basilienkraut, welches Cato in den Weinberg 
gepflanzt wissen will, nannten die Alten Futterkraut; es 
kann im Schatten stehen und kommt schnell fort. 



') Ocimum. Ocimum basilicum L. 



Siebenzehntes Buch. 301 

Wir kommen nun auf die Art und Weise, den Wein- 
stock an Bäumen zu ziehen i), die von Saserna Vater 
und Sohn'-), gänzlich verworfen, von Scrofa gepriesen wird 
— beide sind nächst Cato die ältesten und erfahrensten 
Männer ; Scrofa ^) erachtet sie aber nur für Italien zulässig. 
Man schliesst aus langjähriger Erfahrung, dass die edlen 
Weine nur an Bäumen wachsen, und zwar geben die höch- 
sten Trauben den besten, die niedrigsten den meisten Wein. 
So viel Vortheil bringt die Höhe. Daher wählt man auch 
die Bäume zum Anbinden der Stöcke. Den ersten Raug 
unter ihnen hat in dieser Beziehung die Ulme, ausgenom- 
men die atinische, wegen ihres starken Laubes, Dann 
folgt die schwarze Pappel, welche aus demselben Grunde 
nicht zu dicht belaubt sein darf. Viele verachten auch die 
Esche, den Feigenbaum und Oelbaum nicht, wenn ihre 
Zweige nicht zu viel Schatten geben. Die Pflanzung und 
Cultur dieser Bäume haben wir schon ausführlich beschrieben. 
Man darf solche Stöcke nicht vor dem 36. Monate mit der Sichel 
berühren. Man lässt einen Zweig um den andern stehen, be- 
schneidet ein Jahr um das andere, und zieht im sechsten 
Jahre den Stock an dem Baume hinauf. In dem jenseits 
des Po gelegenen Theile von Italien bepflanzt man die 
Weinäcker, ausser oben genannten Bäumen, mit Kornel- 
kirschen, Pappeln, Linden, Ahorn, Eschen, Hainbuchen, 
Eichen; zu Venedig, wegen des sumpfigen Bodens, mit Wei- 
den. Die Ulme wird auch in der Mitte abgehauen, in Ast- 
absätze vertheilt, und dadurch kein Baum höher als 20 
Fuss. Die Stockwerke davon verbreitet man auf Hügeln 
und trocknen Aeckern vom 8. Fusse ihrer Höhe an, auf 
flachen und feuchten Feldern aber vom 12. Fusse an. Die 
höchsten Stämme müssen gegen die Mittagssonne gerichtet 
sein; die Aeste an ihren hervorragenden Spitzen aufgerichtet, 
und das Laub der dünnen Zweige beschnitten werden, damit 
sie keinen Schatten machen. Der richtige Zwischenraum 
zwischen den Bäumen, wenn der Boden gepflügt wird, ist 

') Arbusti ratio. ^) Nicht näher bekannte römische Schriftsteller. 
3) Ebenfalls unbekannt. 



302 Siebenzehntes Buch. 

nach hinten und vorn je 40 Fuss, und nach den Seiten 20 
Fuss; wird nicht gepflügt, überall zwanzig. Oft zieht man 
an einem Baume zehn Stöcke, und man tadelt den Landmann, 
der weniger als 3 zieht. Man darf nur starke Bäume zu 
diesem Behufe nehmen, denn sonst werden sie durch das 
schnelle Wachsthum der Weinstöcke erstickt. Man muss diese 
in eine 3 Fuss breite Grube pflanzen, so dass sie unter 
sich und vom Baume immer 1 Fuss abstehen. Hierbei hat 
man keine Mühe mit den Schösslingen und keine Unkosten 
für das Behacken und Graben, und diese Methode des 
Weinbaues hat noch den besondern Vortheil, dass man in 
denselben Boden Getreide säen kann, was den Weinstöcken 
sehr zuträglich ist. Ueberdem braucht man, da die Höhe 
hier ein Schutzmittel abgiebt, nicht wie in Weinbergen, 
theuere Schutzwehren als Zäune, Hecken oder Gräben, um 
das Eindringen des Viehes abzuhalten. 

Beim Ziehen der Weinstöcke an Bäumen bedient man 
sich bloss der Wurzelsprossen, sowie der Ableger und dieser 
doppelt, wie wir bereits angegeben haben. Sie in Körben 
auf das Stockwerk selbst zu legen, wird für das beste ge- 
halten, weil sie dann vor dem Vieh am sichersten sind. 
Ein anderes Verfahren besteht darin, den Weinstock oder 
einen Zweig davon neben seinen Baum, oder um den näch- 
sten noch unumschlungenen nieder zu biegen. Was von 
dem Mutterstamme über der Erde ist, muss abgeschnitten 
werden, damit es nicht buschig ausschlage. In der Erde 
werden nicht weniger als 4 Augen, um Wurzel zu fassen, 
bedeckt, und nur 2 aussen frei gelassen. Der Weinstock 
an einem Baume erfordert eine Furche von 4 Fuss in der 
Länge, 3 Fuss in der Breite, und 2V2 Fuss Tiefe. Nach 
einem Jahre wird das Reis bis aufs Mark eingeschnitten, 
damit es sich allmählig an seine Wurzeln gewöhne; den 
Stengel schneidet man bis auf 2 Augen ab. Im 3. Jahre 
wird der ganze Senker abgeschnitten, und tiefer in die 
Erde gesetzt, damit er an dem beschnittenen Ende nicht 
austreibe. Das Wurzelreis muss gleich nach der Weinlese 
ausgehoben werden. 



Siebenzebntes Buch. 303 

Kürzlich hat man die Erfindung gemacht, einen Drachen 
neben einen Baum zu pflanzen, — so nennt man nämlich eine 
ausgediente Rebe, weche schon mehrere Jahre hindurch 
erhärtet ist. Man schneidet diese recht weit ab, schabt 
auf 3 Theile seiner Länge die Rinde, so weit sie in die 
Erde kommen soll (daher man sie auch die Schaberebe 
nennt), ab, senkt sie in eine Furche und lehnt den übrigen 
Theil an einen Baum hinauf. Auf diese Weise geht es mit 
dem Weinstocke am schnellsten. Wenn der Stock oder die 
Erde unkräftig ist, so pflegt man ihn nahe an der Erde 
abzuschneiden, bis sich die Wurzel befestigt, ihn auch an 
keinen feuchten oder dem Nordwinde ausgesetzten Ort zu 
pflanzen. Die Stöcke selbst müssen gegen Nordost, ihre 
Reben aber gegen Mittag stehen. 

Mit dem Beschneiden eines jungen Stocks darf man 
nicht sehr eilen, sein Stamm soll sich vielmehr erst rund 
um den Baum schlingen, und nur die bereits kräftigen soll 
man beschneiden. An Bäumen gezogene Stöcke tragen fast 
ein ganzes Jahr später Früchte als die an Geländern. 
Einige sagen, man solle sie nicht eher beschneiden, bis sie 
die Höhe des Baumes erreicht haben. Zuerst werden sie 
6 Fuss von der Erde beschnitten; unten bleibt ein Schoss 
stehen, und diesen zwingt man durch Krümmung des 
Stammes zum Wachsen. Beim Beschneiden darf man nicht 
mehr als 3 Augen übrig lassen. Die aus diesen getriebenen 
Schösslinge müssen im nächsten Jahre bis zu den untersten 
Astabsätzen getrieben werden, und so jedes Jahr um einen 
höher steigen, wobei man ihnen in jedem Stockwerk eine 
verholzte Rebe und eine erst jüngst entstandene, welche 
man nach Belieben leitet, lässt. Uebrigens müssen bei 
jedesmaligem Beschneiden diejenigen Ranken, welche zu- 
letzt getragen haben, hinweggenommen und neue auf den 
Stockwerken ausgebreitet werden. Bei uns nimmt man den 
Aesten der Weinstöcke die Gabeln '), umkleidet den Baum, 
und entblösst selbst die Trauben von den Gabeln; in Gal- 

') crines. 



304 Siebenzelintes Bucli. 

lien wird diess sogar auf die Senkreben ausgedehnt, und 
am ämiliselien Wege auf die Wurzeln der die atiuisclien 
Ulmen umschlingenden, weil man deren Laub fürchtet. 

Einige begehen die Unklugheit, den Weinstock unter- 
halb des Zweiges an einem Bande aufzuhängen, denn hier- 
durch wird er erstickt; er muss vielmehr durch eine Ruthe 
angehalten, aber nicht festgeschnürt werden. Diejenigen, 
welche Weiden genug haben, ziehen zu jenem Behufe dieses 
weiche Bandwerk, sowie ein Kraut, welches die Sicilier 
Weiubund ^) nennen, vor; in ganz Griechenland aber be- 
dient man sich der Binsen, des Cypergrases und Wasser- 
grases. Man löst auch wohl ihre Baude, lässt sie einige 
Tage hindurch frei, sich nach Belieben ausbreiten, und auf 
die Erde, welche sie das ganze Jahr hindurch angesehen 
haben, niederlegen; denn sowie dem Zugvieh nach dem 
Ausspannen, und den Hunden nach dem Laufen das Wälzen 
wohlthut, ebenso strecken sich die Weinstöcke auch gern 
einmal aus. Selbst der Baum freuet sich dann über die 
Abnahme seiner beständigen Last und scheint sich wieder 
zu erholen. Es giebt nichts in der Natur, was nicht, gleich 
dem Beispiele von Tag und Nacht, einigen Wechsel zum 
Ruhen begehrte. Daher wird das Beschneiden gleich nach 
der Weinlese nicht für gut gehalten, weil 4ann die Stöcke 
noch von dem Fruchttragen ermüdet sind. Die beschnittenen 
Stöcke müssen an einer andern Stelle festgebunden wer- 
den, denn sie fühlen bei der offenbaren Reibung die Ringe 
ihrer Bande. 

Nach der in Gallien befolgten Cultur sind an beiden 
Seiten 2 Senkreben, wenn der Raum vom Stamme ab 40 
Fuss beträgt, 4 aber bei 20 Fuss Entfernung; sie werden 
da wo sie sich begegnen, vermischt, und so vereinigt an- 
gebunden; auch da wo es nöthig ist, durch angebrachtes 
Ruthenwerk steif gehalten, oder, wenn sie zu kurz sind, 
durch einen angebundenen Haken nach einem ledigen 
Baume hingeleitet. Dort pflegte man früher eine zweijäh- 



') Ampelodesmos. 



Siebenzehntes Buch. 305 

i'ige Senkrebe abzuschneiden. Es ist aber besser, alten 
Bäumen, wenn es ihre Dicke erlaubt, Zeit zu lassen, damit 
sie einen vorspringenden Schuss machen; sonst muss man 
die dicken Schüsse zu Drachen ziehen. 

Es giebt noch eine Art, welche zwischen dieser und 
den Ablegern das Mittel hält, nämlich, ganze Weinstöcke 
in die Erde zu pflanzen, sie mit Keilen zu spalten, aus 
einem mehrere zugleich in Furchen zu ziehen, die einzelnen 
dünnen Stämme an Pfählen zu befestigen, und die seit- 
wärts auslaufenden Ranken nicht abzuschneiden. Die Land- 
leute zu Novara sind mit vielen Senkreben und Zweigen 
noch nicht zufrieden, sondern bringen noch Staugen darüber 
an und wickeln die Keben darum. Daher werden die Weine, 
ausser durch den nacbtheiligen Einfluss des Bodens, auch 
noch durch die Cultur herbe. Einen andern Fehler begeht 
man in der Nähe von Rom mit den varracinischeu Stöcken, 
w^elche ein Jahr um das andere beschnitten werden, nicht, 
weil ihnen diess zuträglich, sondern weil er so schlecht ist, 
dass die Unkosten die Einkünfte übersteigen. Im Carseo- 
lauischen schlägt man den Mittelweg ein; man schneidet 
nämlich nur die laubigen Theile des Stocks und 
die, welche trocken werden wollen, ab, und lässt das 
Uebrige bei der Traube zurück; hierdurch wird die über- 
flüssige Last entfernt, und statt der Ernährung dient das 
seltene Beschneiden. Diese Behandlungsweise veranlasst 
aber das Ausarten in wilden Wein, wenn der Boden nicht 
fett ist. 

Die mit Bäumen verpflanzten Weinfelder *) müssen sehr 
tief gepflügt werden, wenngleich das darauf gesäete Ge- 
treide diess nicht erheischt. Man pflegt sie nicht abzulauben, 
und dadurch erspart man sich eine Mühe. Man beschnei- 
det sie zugleich mit den andern Weinstöcken, und lichtet 
die dichtsteheuden Zweige, welche überflüssig sind und die 
Nahrung wegziehen. Wir haben gesagt, sie dürften nicht 
gegen Norden oder Süden stehen; besser wäre es auch, 



*] arbusta. 

Wittstein: Pliaius. III. Bd. 20 



306 Siebenzelintes Buch. 

wenn sie nicht gegen Westen ständen. Schnitte, welche 
bei zu starker Kälte oder Hitze gemacht sind, bleiben lange 
wund und heilen schwer. Mit den gewöhnlichen Weinstöcken 
darf man nicht so fein umgehen, wie mit den an Bäumen 
gezogenen, denn hier ist es leichter, gewisse Theile zu ver- 
bergen und zu drehen, wohin man will. Die Bäume muss 
man von oben herunter in Form eines Kelchs beschneiden, 
damit die Feuchtigkeit nicht auf ihnen stehen bleibt. 

36. 

Man muss dem Weinstocke Stützen geben, welche 
gross genug sind, dass er an ihnen hinaufsteigen kann. 
Man räth, die Geländer edler Weine am fünftägigen Minerva- 
feste ^) und die, deren Trauben man aufbewahren will, im 
abnehmenden Monde zu beschneiden; welche aber beim 
Wechsel des Mondes beschnitten wären, würden von 
keinem Thiere beschädigt. Andere meinen, das Be- 
schneiden müsse des Nachts beim Vollmonde, und zwar 
wenn dieser im Löwen, Scorpion, Schützen oder Stiere 
stehe, geschehen, und überhaupt müsse mau den Weinstock 
bei vollem oder zunehmendem Monde pflanzen. In Italien 
reichen 10 Arbeiter auf 100 Morgen Weinland aus. 

37. 

Nachdem wir von der Pflanzung und Wartung der 
Bäume, sowie unter den fremden Bäumen, von den Palmen 
und dem Cytisus ausführlich gehandelt haben, müssen wir 
der Vollständigkeit wegen auch der übrigen Umstände ge- 
denken, welche mit dem bisher Vorgetragenen im engen 
Verbände stehen. Die Bäume werden nämlich auch von 
Krankheiten befallen; denn welches Geschöpf bleibt 
wohl frei von diesen Uebeln? Zwar sagt man, den wilden 
Bäumen seien sie nicht gefährlich, und sie litten bloss 
während des Ausschiagens oder Blühens vom Hagel; aber 
ihnen schaden Hitze oder kalte Winde zu unrechter Zeit, 
denn die Kälte ist, wie wir bereits gesagt haben, zu ihrer 



') Quinquatria, begonnen den 19. März. 



Siebenzehntes Buch. 307 

Zeit auch dienlich. Wie? erfrieren nicht selbst Weinstöcke? 
Diess ist es eben, woran man den Fehler des Bodens er- 
kennt, denn nur in kaltem Erdreiche widerfährt ihm diess. 
Daher haben wir den Winter über gern Kälte in der Luft, 
aber nicht im Erdboden. Es sind nicht die schwächsten, 
sondern die grössten Bäume, denen die Kälte schadet, und 
an ihnen vertrocknen zuerst die Gipfel, weil die durch die 
Kälte gebundene Feuchtigkeit nicht dahin gelangen konnte. 

Einige Krankheiten treffen alle Bäume, andere nur 
gewisse Arten. Allgemein sind: der Wurmstich, der Brand i), 
der Gliederschmerz, woher die Schwäche der Theile kommt, 
— lauter Namen, deren Bedeutungen mit den Uebeln der 
Menschen übereinstimmen. Wir sagen auch, die Körper 
sind verstümmelt, die Augen der Sprossen sind ausgebrannt, 
und andere ähnliche Redensarten. Ebenso leiden die Pflan- 
zen auch Hunger, und an Unverdaulichkeit, beides wegen 
zu vieler Feuchtigkeit. Andere haben zu viel Fett; so 
werden alle Harzführenden durch die grosse Menge Fett 
in Kienholz verwandelt und sterben, und wenn die Wurzeln 
auch anfangen, fett zu werden, wie die Thiere durch das 
allzuviele Fett. Zuweilen verbreitet sich unter manchen 
Arten eine ansteckende Seuche, wie unter den Menschen 
bald die Sclaven, bald die gemeine Classe, bald die Bauern 
von dergleichen befallen werden. 

Einige Bäume leiden mehr, andere weniger vom Wurm- 
stiche, doch ganz wird keiner davon verschont, und diess 
erkennen die Vögel an dem Schalle der hohlen Rinde. 
Solche Würmer sind schon ein Gegenstand der Schwelgerei 
geworden, die grossen im Eichenholze (welche den Namen 
cossi führen) gehören unter die feinen Gerichte und, da 
man sie sogar schon mit Mehl mästet, bereits unter das 
Mastvieh. Unter den Bäumen leiden die Birn-, Aepfel- und 
Feigenbäume am meisten davon; weniger die, welche bitter 
und wohlriechend sind. Von den Würmern, welche sich auf 
den Feigenbäumen befinden, wachsen einige aus ihnen selbst 

') sideratio. 

20* 



308 Siebeuzeliates Buch. 

heraus, andere erzeugt der sogenannte Kornkäfer, alle aber 
werden in Hornkäfer verwandelt, und geben einen gelinde 
rauschenden Ton von sich. Auch der Speierling wird von 
rothen haarigen Würmern (Raupen) angefressen, und stirbt 
dadurch ab. Der Mispel bäum ist im Alter derselben Krank- 
heit unterworfen. 

Der Braud entsteht ausschliesslich durch atmosphä- 
rische Einflüsse; daher muss man zu den Ursachen seiner 
Erzeugung auch den Hagel, die Bereifung und andere aus 
dem Reif entspringende Uebel rechnen. Dieser setzt sich 
auf die zarten Pflanzen, welche durch die Frühlings wärme 
gelockt hervorbrechen wollen, verbrennt die milchenden 
Augen der Knospen, und diess nennt man bei den Blüthen 
den Carbunkel. Der Reif ist von Natur um so verderb- 
licher, weil er da, wo er hinfällt, festsitzt, anfriert, und 
durch die Luft nicht weggetrieben wird, weil er nur bei stiller 
und heiterer Luft sich erzeugt. Das eigentliche Wesen des 
Brandes jedoch ist die dürre Ausdünstung beim Aufgange 
des Hundssterns, woran die gepfropften und jungen Bäume, 
besonders Feigen und Weinsöcke sterben. Der Oelbaum 
wird ausser dem Wurmstich, woran auch der Feigenbaum 
leidet, auch noch vou der Warze ^) (die man auch wohl 
Schwamm oder Schüssel nennen kann) befallen, welche 
durch die Sonnenhitze entsteht. Cato sagt, auch das rothe 
Moos sei schädlich. Die Weinstöcke und Oelbäume leiden 
grösstentheils durch zu grosse Fruchtbarkeit. Von der 
Räude werden alle befallen. Die Flechte -) und die ge- 
wöhnlich daran wachsenden Schnecken sind eigenthümliche 
Krankheiten des Feigenbaums, jedoch nicht überall, denn 
einige Uebel finden sich nur an gewissen Orten. 

Aber so wie den Menschen die Nerven schmerzen, so 
auch den Baum, und gleichfalls auf zweierlei Weise, denn 
der Krankheitsstoff kommt entweder in die Füsse, d. i. in 
die Wurzeln, oder in die Glieder, d. i. in die dünnen Ver- 



') clavus. -I Impetigo. 



Siebenzehntes Buch. - ' 309 

zweiguDgen der Krone, welche am längsten vom Stamme 
ausgehen. Alsdann vertrocknen sie, und die Griechen ha- 
ben für beide Uebel besondere Namen. Zuerst entstehen 
überall Schmerzen, darauf folgt Abnahme und Zerbrechlich- 
keit der Theile, zuletzt Auszehrung und der Tod, wenn 
entweder der Saft nicht eindringt oder nicht durchkommen 
kann. Am meisten tritt diess bei den Feigenbäumen ein; der 
wilde Feigenbaum hingegen wird von allen den bis jetzt ge- 
nannten Uebeln nicht befallen. Die Räude entsteht durch 
den klebrigen Thau nach dem Aufgange des Siebengestirns. 
Wenn er seltener fällt, durchnässt er den Baum, frisst ihn 
jedoch nicht an; fällt er aber stark oder regnet es sehr 
häufig, so leidet der Feigenbaum, weil dann seine Wurzeln 
nass stehen, an einem andern Uebel. 

Die Weinstöcke haben ausser dem Wurmstiche und 
dem Brande noch eine besondere Krankheit, nämlich an 
den Knoten. Sie entsteht aus 3 Ursachen; erstens, wenn 
dm-ch stürmisches Wetter die Knospen abgerissen, zweitens, 
nach Theophrast's Bemerkung, wenn sie von hinten ausge- 
schnitten, und drittens, wenn sie unvorsichtiger Weise ver- 
letzt werden. Alle ihnen widerfahrene Verletzungen haben 
auf die Knoten Einfluss. Eine Art Brand an den Wein- 
stöcken, wenn sie ausgeblühet haben, ist das Thauen, oder, 
wenn die Beeren, bevor sie wachsen, sich in einen harten Kör- 
per verwandeln. Die Weinstöcke erkranken auch, wenn sie 
Frost gelitten haben, und die Augen der beschnittenen 
durch Brand verletzt sind. Diess geschieht auch durch un- 
zeitige Hitze, denn bei Allem muss ein gewisses Maass und 
Mittelweg sein. Auch kommt es wohl von einem Versehen 
der Bebauer her, wenn sie sie, wie bereits gesagt wurde, 
zu fest schnüren, oder wenn der Gräber sie durch einen 
heftigen Stoss verletzt, oder auch, wenn der, welcher unter 
ihnen pflügte, aus Unachtsamkeit die Wurzeln beschädigt, 
oder die Rinde abgelöst hat. Auch wirkt ein stumpfes 
Messer nachtheilig. Unter diesen Umständen ertragen sie 
Kälte und Hitze weit schwieriger, weil alle nachtheiligen 
Einflüsse von aussen in die Wunde dring-en. Der schwächste 



310 Siebenzehntes Buch. 

aller Bäume ist der Apfelbaum, und besonders der süsse. 
Bei einigen wird durch Schwäche Unfruchtbarkeit, aber 
nicht der Tod herbeigeführt, z. B. wenn man einer Fichte 
oder Palme den Gipfel nimmt, denn dann sterben sie zwar 
n icht ab, werden aber unfruchtbar. Zuweilen erkrankt auch 
das Obst an sich ohne den Baum, wenn der nöthige Regen, 
Wind oder Wärme fehlten, oder im Gegentheil sich zu viel 
davon einstellte; denn alsdann fällt es ab und wird schlech- 
ter. Das grösste aller Uebel ist, wenn ein Platzregen auf 
einen abblühenden Weinstock oder Oelbaum fällt, weil da- 
durch zugleich auch die Frucht verloren geht. 

Dieselbe Ursache veranlasst die Entstehung der Raupen, 
eines scheusslicheu Thieres, von denen einige das Laub, 
andere die Blüthen und zwar selbst von den Oliven, wie 
zu Milet abnagen, und den abgefressenen Baum in einem 
hässlichen Ausehen hinterlassen. Dieses Ungeziefer entsteht 
bei feuchter und anhaltender Wärme, und aus ihm noch 
ein anderes, wenn die darauf folgenden heissen Sonnen- 
strahlen das Schadhafte (gleichsam) einbrennen und somit 
verändern. Die Oliven und Weinstöcke sind noch einer be- 
sondern Krankheit, dem sogenannten Spinnengewebe, aus- 
gesetzt, wobei eine Art Gewebe die Frucht einhüllt und 
verzehrt. Ferner schaden manche Winde den Oliven sehr, 
jedoch auch andern Früchten. Wurmstichig wird auch das 
Obst selbst an sich in manchen Jahren, z. B. die Aepfel, 
Birnen, Mispeln, Granaten. Bei der Olive ist der Erfolg 
des Wurmstichs zweifach; kommt nämlich der Wurm nach 
ihrer Entstehung unter die Haut, so verdirbt die Frucht, 
ist er aber in dem Kern selbst gewesen und hat ihn zer- 
fressen, so vergrössert sich die Frucht. Regen, der nach 
dem Arcturus kommt, verhindert die Entstehung der Würmer; 
kommt er aber von Süden, so erzeugt er sie, und selbst in 
den Steinfrüchten, welche dann am meisten abfallen. Letz- 
teres ereignet sich mehr in feuchten Gegenden, und fallen 
sie dann auch nicht ab, so schmecken sie doch nicht gut. 
Auch einige Arten von Mücken schaden manchen Früchten, 
wie z. B. den Eicheln und Feigen, und jene scheinen aus 



Siebenzehntes Buch. 311 

dem alsdann unter der Rinde befindlichen süssen Safte 
zu entstehen. Diess sind so ziemlich die Krankheiten der 
Bäume. 

Manche Wirkungen, welche in der Zeit und ertlich- 
keit ihre Ursachen haben, können nicht füglich Krankheiten 
genannt werden, weil sie sogleich tödten, sowie z. B. ein 
Baum von der Auszehrung, oder Dörrung oder einem irgend 
einer Gegend eigenthümlichen Winde, wie der Atabulus in 
Apulien, der Olympias in Euböa ist, ergriffen wird. Wenn 
letzterer um den kürzesten Tag wehet, dörrt und verdirbt 
er alles durch Kälte, so dass nachher die Sonnenstrahlen 
die Pflanzen nicht wieder ins Leben zurückrufen können. 
Diesem Unfälle sind die Thäler und an Flüssen gelegenen 
Gegenden, und unter den Gewächsen besonders der Wein- 
stock, Oelbaum und Feigenbaum ausgesetzt. Man entdeckt 
ihn sogleich beim Ausschlagen, bei der Olive jedoch später, 
bei allen aber ist es ein Beweis ihres Wiederauflebens, 
wenn sie die Blätter verloren haben, ausserdem sterben 
die, welche man fiir die kräftigsten halten sollte. Zuweilen 
vertrocknen die Blätter und werden wieder grün. Einige 
Bäume in nördlichen Gegenden, wie in Pontus, Phrygien, 
leiden von Frost und Kälte, wenn diese noch 40 Tage nach 
dem kürzesten anhalten. Dort aber und in andern Ländern 
wirkt ein bald nach Hervorbrechung der Frucht eintreten- 
der starker Frost, sogar in wenigen Tagen tödtlich. 

Eine zweite Art von Ursachen der Krankheiten sind 
die, welche aus den Verletzungen durch Menschen hervor- 
gehen. Pech, Oel, Fett schaden namentlich den jungen 
Bäumen. Wenn man rundherum die Rinde abschält, stirbt 
der Baum, mit Ausnahme der Korkeiche, der diess sogar 
dienlich ist, denn wenn deren Rinde dick wird, so schnürt 
sie den Stamm ein und erstickt ihn. Auch dem Erdbeer- 
baume schadet es nicht, wenn man nur nicht ins Holz 
schneidet. Ferner blättert sich auch vom Kirschbaume, 
der Linde und dem Weinstocke die Rinde ab, aber nicht 
die lebende und dem Holze zunächst liegende, sondern die, 
welche von der darunter nachwachsenden fortgeschoben 



312 Siebenzehntes Buch. 

wird. Einge Bäume, z. B. die Platanen, haben von Natur 
eine rissige Rinde. Bei der Linde wächst sie nicht ganz 
wieder nach. Daher muss man den Bäumen, deren Rinden 
Narben hinterlassen, mit Lehm und Mist zu Hülfe kommen; 
und mitunter nützt es, wenn nicht zu starke Kälte oder 
Hitze darauf folgt. Einige sterben auf diese Weise nicht 
so schnell, z. B. die gemeine Eiche. Hierbei kommt es 
auch auf die Jahreszeit an. Denn nimmt man, wenn die 
Sonne durch das Zeichen des Stiers oder der Zwillinge 
geht, der Tanne oder Fichte um die Zeit des Ausschiagens 
die Rinde, so gehen sie auf der Stelle aus. Thut mau es 
hingegen im Winter, so halten sie länger aus. Ebenso 
verhalten sich die Stech-, Wald- und gemeine Eiche. Er- 
streckt sich die Abschälung nicht weit, so schadet sie den 
genannten Bäumen nicht; wird aber schwächern oder auf 
einem magern Boden wachsenden nur an einer Seite die 
Rinde abgezogen, so gehen sie aus. Gleiche Bewandtniss 
hat es mit der Abköpfung der Cypresse, Rothtanne und 
Ceder, denn wird diesen der Gipfel genommen oder durch 
Feuer angebrannt, so sterben sie. Dasselbe erfolgt durch 
das Abfressen der Thiere. Der Oelbaum soll, wie Varro 
sagt und wir bereits angeführt haben, sogar schon absterben, 
wenn ihn eine Ziege beleckt. Einige sterben von dieser 
Beschädigung, andere arten nur aus, wie die Mandeln, 
welche aus süssen in bittere verwandelt werden; noch an- 
dere verbessern sich sogar, wie der sogenannte phocische 
Birnbaum bei den Chieru. Welchen Bäumen das Abstam- 
men dienlich ist, haben wir bereits gesagt. Die Meisten 
sterben auch, wenn der Stamm gespalten wird, mit Aus- 
nahme des Weinstocks, Apfel-, Feigen- und Granatbaums. 
Einige sterben schon an einer blossen Wunde, aber dem 
Feigenbaume, sowie allen harzführenden schadet diess nicht. 
Dass durch Abschneiden der Wurzeln der Tod erfolgt, ist 
nicht zu verwundern; die meisten sterben jedoch nur, wenn 
ihnen nicht alle, sondern die grössten oder die, welche 
unter ihnen die Lebenswuraeln sind, abgeschnitten werden. 
Die Bäume tödten sich selbst unter einander durch 



Siebenzehntes Buch. 313 

den Schatten, oder durch ihr dichtes Beisammensein, oder 
durch das Entziehen der Nahrung. Auch der Epheu tödtet 
sie durch Umschlingen; die Mistel nützt ebenfalls nicht, 
und der Cytisus wird durch das, was die Griechen Hali- 
mon ') nennen, getödtet. Manche Gewächse tödten zwar 
als solche nicht, schaden aber durch ihren Geruch oder 
die Einmischung ihres Saftes, wie der Rettig und Lorbeer 
dem Weinstocke, denn man bemerkt den scharfen Geruch, 
der ihn so wunderbar ergreift; er soll daher, wenn er jenen 
nahe steht, zurückweichen und den feindlichen Geruch fliehen. 
Hierin erkannte Androcydes ein Mittel wider die Trunken- 
heit, und schrieb zu diesem Behufe vor, Rettig zu essen. 
Der Weinsiock hasst auch den Kohl, alle Küchenkräuter, 
die Haselstaude; stehen sie nicht weit von ihm entfernt 
so ist er traurig und krank. Endlich sind auch Natron, 
Alaun, warmes Meerwasser und Bohnen- oder Erbsenhülsen 
Gifte für die Bäume. 

38. 
Unter den Fehlern oder Gebrechen der Bäume nehmen 
auch die seltsamen Erscheinungen einen Platz ein. 
Wir finden nämlich Bäume, welche ohne Blätter aufge- 
wachsen sind; Weinstöcke und Granaten, welche ihre 
Früchte nicht an Aesten oder Ranken, sondern am Stamme 
tragen; Weinstöcke mit Trauben und ohne Blätter; Oel- 
bäume, welche die Blätter verlieren, während die Früchte 
hängen bleiben. Ferner giebt es zufällige Wunder; denn 
ein Oelbaum, der ganz angebrannt war, lebte wieder auf, 
und in Böotien schlugen von den Heuschrecken abgefressene 
Feigenbäume wiederum aus. Die Bäume ändern auch ihre 
Farbe, und aus echwarzen werden weisse, ohne dass diess 
allemal was Wunderbares wäre; am meisten kommt der- 
gleichen bei solchen vor, welche aus dem Samen wachsen, 
wie denn die weisse Pappel in die schwarze übergeht. 
Einige meinen auch, der Speierling werde, wenn er in 
wärmere Gegenden komme, unfruchtbar. Wunderbarer 



») Atriplex Halimus L. S. auch XXII. B. 33. Cap. 



14 Siebenzehntes Buch. 

Weise entsteht aber aus süssem Obste saures, oder aus 
saurem süsses, aus wilden Feigen zahme, oder umgekehrt, 
durch ein mächtiges Wunderzeicben, wenn sie sich in 
schlechtere Sorten umwandeln, wie echte Oelbäume in 
wilde, weisse Trauben und Feigen in schwarze. So wurde 
bei der Ankunft des Xerxes zu Laodicea eine Platane in 
einen Oelbaum verwandelt. Von solchen Wundern strotzen 
— damit wir uns nicht zuweit darin verlieren — bei den 
Griechen Aristanders ^) Buch, bei uns aber C. Epidius' 2) 
schriftliche Aufsätze, in denen man sogar von Bäumen 
liest, welche geredet haben. Im Cumanischen Gebiete ver- 
sank durch ein mächtiges Wunderzeichen, kurz vor den 
Bürgerkriegen des grossen Pompejus, ein Baum so weit, 
dass nur noch wenige Zweige hervorragten. Man fand 
nämlich in den sibyllinisehen Büchern aufgezeichnet, es 
würde eine grosse Niederlage von Menschen kommen, und 
diese um so viel grösser werden, je näher sie bei Rom 
wäre. Zu den Wundern gehört auch, wenn Bäume an un- 
gewöhnlichen Orten hervorwachsen, wie auf den Köpfen 
von Bildsäulen, auf Altären, oder wenn auf Bäumen selbst 
fremdartige Dinge wachsen. So wuchs zu Cyzicum, vor der 
Belagerung, eine Feige auf einem Lorbeerbaume, zu Tralles 
eine Palme auf dem Fussgestelle des Dictators Cäsar zur 
Zeit seiner Bürgerkriege. Eine zweimal aus einem Kopfe 
hervorgewachsene Palme zu Rom auf dem Capitolium im 
Kriege gegen Perseus bedeutete Sieg und Triumphe; nach- 
dem diese durch Sturm umgeworfen war, wuchs, als die 
Censoren M. Messala und C. Cassius das Sühnopfer hielten, 
an eben derselben Stelle ein Feigenbaum hervor. Von 
dieser Zeit an sei, schreibt Piso, ein angesehener Schrift- 
steller, alle Sittsamkeit vernichtet, lieber alles, was jemals ge- 
hört worden ist, geht aber das Wunder, was sich zu unsern 



') Von Telmessus, Günstling Philipps und dessen Sohnes Alexanders 
(den er nach Indien begleitete) wegen Traumdeutungen; schrieb ein 
(verloren gegangenes) Buch de portentis. 

=*; Ein nicht näher bekannter Autor. 



Siebenzehntes Buch. 315 

Zeiten beim Sturze des Kaisers Nero im marrucinischen 
Gebiete ereignet hat; der ganze Oelgarten des Vectius 
Marcellus, eines der ersten aus dem Ritterorden, ging näm- 
lich über den öffentlichen Weg auf die Felder, und die 
Felder nahmen die Stelle des Oelgartens ein. 

39. 

Nachdem wir von den Krankheiten der Bäume geredet 
haben, müssen wir auch die Hülfsmittel gegen dieselben 
anführen. Von diesen passen einige für alle, andere aber 
nur für einzelne. Allgemeine Hülfsmittel sind: das Ab- 
blättern, das Behäufeln, das Lüften oder Bedecken der 
Wurzeln, dass. man denen, welche begossen werden, Wasser 
giebt oder nimmt, sie durch Mistjauche erquickt, und durch 
Beschneiden ihrer Last entledigt. Einige heilt man durch 
Ablassen des Saftes, gleichsam wie durch einen Aderlass, 
durch Beschälung der Rinde; die Weinstöcke durch Aus- 
schneiden und Zurückhalten der Reben. Sind die Knospen 
durch die Kälte struppig und rauh geworden, so hilft man 
ihnen durch Glätten und Putzen. Einige Bäume lieben 
diese Mittel mehr, andere weniger, wie denn der Cypressen- 
baum weder bewässert, noch gedüngt, noch umgraben, noch 
beschnitten sein will, und alle Mittel hasst, ja sogar davon 
stirbt. Der Weiustock und die Granate werden besonders 
durch Begiesseu erhalten; dem Feigenbaume selbst ist das 
Begiessen heilsam, sein Obst aber welkt dadurch. Wenn 
die Mandelbäume umgraben werden, verlieren sie die 
Blüthen. Gepropfte Bäume muss man nicht eher umgraben, 
bis sie stark sind und angefangen haben zu tragen. Die 
Meisten aber wollen, dass man ihnen alles Lästige und 
Ueberflüssige nehme, gleich wie wir es mit den Nägeln 
und Haaren machen. Alte werden ganz gekappt und 
schlagen in einem Reise wieder aus; doch thun diess nicht 
alle, sondern nur die, deren Beschaffenheit es, wie wir ge- 
sagt haben, zulässt. 

40. 

Das Begiessen ist während der Sommerhitze von 
Nutzen, im Winter schädlich, im Herbst von veränderlicher 



316 Siebenzehntes Buch.. 

Wirkung und richtet sich nach der Natur des Bodens, wie 
denn der Winzer in Spanien die Trauben abschneidet, wenn 
der Boden ganz unter Wasser steht. Uebrigens ist es auf 
dem grössten Theile der Erde gut, das herbstliche ßegen- 
wasser abzuleiten. Das Begiessen bewährt sich am besten 
um die Zeit, wenn der Hundsstern aufgeht, aber auch dann 
darf es nicht zu reichlich geschehen, weil die Wurzeln da- 
durch Schaden leiden. Auch nach dem Alter der Bäume 
richtet sich das Maass der Bewässerung; denn junge Bäume 
verlangen weniger, diejeoigen aber, welche daran gewöhnt 
sind, fordern am meisten. Dahingegen bedürfen die an trock- 
nen Orten stehenden Gewächse nicht mehr als die noth- 
wendige Feuchtigkeit. 

41. 

In sulmonensischen Kreise Italiens, im Fabianischen 
Bezirke, wo man auch die Felder bewässert, müssen die 
rauhern Weine begossen werden; merkwürdigerweise ster- 
ben die Kräuter von dem Wasser, das Getreide aber wird 
dadurch ernährt, und die Bewässerung dient ihm statt des 
Behackens. Ebendaselbst begiesst man mitten im Winter, 
und um so mehr wenn Schnee liegt und es friert, die Wein- 
stöcke rundherum, damit sie nicht erfrieren, und nennt diess 
dort das Erwärmen. Hierbei ist besonders die Beschaffen- 
heit des Wassers dieses Flusses zu bewundern; aber eben 
dasselbe besitzt im Sommer eine fast unerträgliche Kälte. 

42. 

Die Mittel wider den Carbunkel und Eost \ .^hn wir 
im nächsten Buche angeben. Unter die Hülfsmittel gehört 
auch eine Art Schröpfen i). Wenn nämlich die kranke 
dörrende Rinde sich zusammenzieht und die lebenden Theile 
des Baumes zu sehr presst, so drückt man eine recht scharfe 
Sichel mit beiden Händen hinein, führt einen ununter- 
brochenen Schnitt hindurch, und öffnet so gleichsam die 
Haut. Als Beweis, dass diess geholfen, dienen die erwei- 



*) scarificatio. 



Siebenzehntes Buch. 317 

terteu Narben, welche durch dazwischen gewachsenes Holz 
ausgefüllt sind. 

43. 

Die Heilung der Menschen und der Bäume istsichgrössten- 
theils gleich, denn man durchbohrt auch deren Knochen 
(Aeste etc.). Aus bittern Mandeln werden süsse, wenn man 
den Stamm umgräbt, unten ringsum einbohrt, und den aus- 
fliessenden schleimigen Saft wegnimmt. Auch den Ulmen 
nimmt man den schädlichen Saft, wenn man sie im Alter 
oder auch wenn man merkt, dasssiezu viel Saft haben, über 
der Erde bis aufs Mark anbohrt. Auch den Feigenbäumen 
entzieht man ihn durch schräge Einschnitte in die strotz- 
ende Rinde, und bewirkt dadurch, dass die Frucht nicht 
abfällt. Obstbäume, welche grünen und keine Früchte 
tragen, macht man dadurch fruchtbar, dass man die Wurzel 
spaltet und einen Stein hineinlegt. Dasselbe bewirkt man 
bei den Mandelbäumen durch Hineintreiben eines Keils von 
Eichenholz. Bei den Birnen und Speierlingen nimmt man 
einen von Kienholz und bedeckt ihn mit Asche und Erde. 
Es ist auch gut, die Wurzeln der üppig wachsenden Wein- 
stöcke und Feigenbäume ringsherum zu beschneiden, und 
Asche an die Stellen zu streuen. Die Feigen werden spät 
reif, wenn die ersten unreifen, sobald sie grösser als eine 
Bohne sind, abgebrochen werden, denn die dann noch wach- 
senden reifen später. Wenn die Feigenbäume Laub be- 
kommen, und man jedem Zweige die Spitze nimmt, werden 
sie stärker und fruchtbarer. 

44. 

Offenbar werden in denjenigen Feigen, welche durch 
die Fliegen reif werden, wenn sie noch unreif sind, 
jene Fliegen erzeugt, denn nach ihrem Ausfliegen findet 
man keinen Kern mehr darin, ein Beweis, dass diese in 
jene verwandelt sind. Diese Thiere haben eine solche Be- 
gierde auszufliegen, dass die meisten von ihnen mit Zurtick- 
lassung eines Fusses oder Flügels zugleich hervorbrechen. 
Es giebt noch eine andere Art Fliegen, welche Spornfliegen 
heissen, an Faulheit und Bösartigkeit den Hummeln gleichen, 



318 Siebenzehntes Buch. 

und wie diese zum Untergange der ächten und nützlichen 
da sind, denn sie bringen die letztern um und sterben dann 
selbst. Auch die Motten verderben die Samen der Feigen. 
Ein Mittel gegen sie ist, dass man in dieselbe Grube ein 
Reis vom Mastixbaume eingi*äbt, jedoch so, dass das obere 
Ende nach unten zu stehen kommt. Am reichlichsten tra- 
gen aber die Feigenbäume, wenn man um die Zeit, wo sie 
zu grünen anfangen, verdünnten rothen Oelschaum nebst 
Mist an die Wurzeln giesst. Unter den wilden Feigen- 
bäumen lobt man am meisten die schwarzen, und die auf 
felsigen Plätzen stehenden, weil soicue die meisten Kerne 
haben. Die Caprificatiou selbst geschieht nach einem 
Regen. ^) 

45. 
Vorzüglich muss man sieh hüten, dass die Hülfsmittel 
keinen Schaden verursachen, ein Umstand, der sich ereignet, 
wenn sie zu reichlich und zur Unzeit angewandt werden. 
Das Lichtmachen nützt den Bäumen, aber das alljährige 
Niedermetzeln schadet ihnen. Nur der Weinstock muss 
alljährig beschnitten werden, ein Jahr um's andere aber die 
Myrte, Granate, der Oelbaum, weil sie schnell strauchig 
werden. Die übrigen Bäume werden seltener und niemals 
im Herbste beschnitten; auch dürfen sie nur im Frühjahre 
beim Beschneiden abgeputzt werden. Alle überflüssigen 
Schnitte bedrohen das Leben. 

46. 
Mit dem Miste hat es dieselbe Bewandniss, die Bäume 
haben ihn gern, aber man muss sich hüten, ihn bei Sonnen- 
hitze, oder unreif, oder stärker als nöthig ist, hinzuzubringeu. 
Der Schweinemist verbrennt die Weinberge, wenn er nicht 
zuvor 5 Jahre lang gelegen hat und durch Wasser ver- 
dünnt worden ist; eben die Wirkung hat der Abgang der 
Lederarbeiter, wenn kein Wasser hinzugesetzt wird; des- 
gleichen zu reichlicher Mist. 3 Modius auf 10 Quadratfuss 



') Ueber die Caprification siehe auch im XV. B. 21. Cap. 



Siebenzehntes Buch. 319 

hält man für die richtige Menge. Doch entscheidet hier 
die Beschaffenheit des Bodens. 

47. 

Durch Tauben- und Schweinemist heilt man auch die 
Wunden an Bäumen. Wenn die Granatäpfel sauer sind, 
räumt man um die Wurzel die Erde weg und bringt 
Schweinemist hinzu, wodurch sie in demselben Jahre weiu- 
säuerlich und im nächsten süss werden. Andere rathen, 
man solle sie mit Wasser, dem Menschenurin zugemischt 
ist, 4 mal im Jahre und jedesmal mit einer Amphora voll, 
oder die Spitzen mit Wein, worin Teufelsdreck aufgelöst 
worden, befeuchten. Wenn sie sich auf dem Baume spalten, 
soll man den Stiel umdrehen. An Feigenbäume giesse man 
besonders Oelschaum, an andere kranke Bäume Weinhefe, 
oder man pflanze Wolfsbob nen um ihre Wurzeln. Auch 
das Wasser von gekochten Wolfsbohnen wirkt um die 
Bäume gegossen vortbeilhaft auf das Obst. Die Feigen 
fallen ab, wenn es zur Zeit der Vulcanalien i) donnert; ein 
Hülfsmittel dagegen ist, dass man vorher die Plätze mit 
Gersten Stroh umgiebt. Kalk an die Wurzeln gebracht macht 
frühzeitige Kirschen, und zwingt sie zu reifen. Noch besser 
ist es, wenn man von ihnen, sowie von allen andern Obst- 
arten einige abpflückt, damit die zurückgebliebenen gross 
werden. 

Einige Bäume werden durch Strafe verbesserf, oder 
durch beissende Dinge angereizt, wie die Palmen und 
Mastixbäume, denn sie gedeihen gut durch Salzwasser. Die 
Asche hat gleichfalls die Kraft des Salzes, ist aber milder; 
daher streuet man sie an die Feigenbäume und die Raute, 
damit sie nicht wurmstichig werden, und die Wurzeln nicht 
faulen. Man soll sogar an die Wurzeln der Weiustöcke 
Salzwasser giessen, wenn sie thränen; wenn aber ihre 
Frucht abfällt, soll man Asche mit Essig befeuchten, und 
sie damit bestreichen, oder mit Sandarach^), wenn die 



') Im August. 
2) Schwefelarsen. 



320 Siebenzehntes Buch. 

Traube fault. Sind sie aber nicht fruchtbar, so soll man 
sie mit durch starken Essig versetzter Asche bestreichen. 
Wird die Frucht nicht reif, und eher trocken, so schneide 
man die Stöcke an der Wurzel ab, benetze die Schnittfläche 
und die Fasern mit scharfem Essig und altem Urin, be- 
decke sie mit demselben Leime und grabe oft um. Wenn 
die Oelbäume nicht viel Frucht versprechen, so setzt man 
die entblössten Wurzeln der Winterkälte aus, und durch 
diese Art von Züchtigung werden sie verbessert. Alle diese 
Mittel richten sich in ihrer Anwendung nach dei- Witte- 
rung, und müssen daher mitunter früher, mitunter später 
angewandt werden. Auch das Feuer hilft etwas, wie z. B. 
bei dem Schilfe, denn, wenn es rundum etwas angebrannt 
ist, wächst es dichter und milder hervor. 

Auch Cato führt einige Arzneimittel an, und unter- 
scheidet dabei selbst das Quantum, nämlich: für die Wurzeln 
grösserer Bäume eine Amphora, kleinerer eine Urne voll 
Oelsatz und ein gleiches Maass Wasser, und diese Flüssig- 
keit soll nach und nach an die zuvor abgeräumten Wurzeln 
gegossen werden. Ferner solle man um den Oel- und 
Feigenbaum zuvor Stroh legen. Namentlich bei den Wur- 
zeln des letztern müsse mau die Erde im Frühjahre an- 
häufen, denn dann fielen die unreifen Früchte nicht ab, ihre 
Anzahl würde grösser, und es wüchsen keine rauhen. Eben- 
so müsse man, damit die Wickelraupe nicht im Weinberge ent- 
stehe, 2 Congius Oelsatz zur Dicke des Honigs einkochen, 
und darauf mit 1/3 Erdpech und 1/4 Schwefel kochen, aber 
unter freiem Himmel, weil die Masse unter einem Dach 
Feuer fängt. Hiermit müssten die Spitzen und Zweig- 
achseln der Weinstöcke bestrichen werden, und dann ent- 
stehe keine Wickelraupe. Einige begnügen sich, mit dem 
Rauche von jener Mischung die Weinberge 3 Tage hin- 
durch bei günstigem Winde zu räuchern. Sehr Viele ver- 
sprechen sich von dem Urine denselben günstigen Erfolg, 
wie Cato von der Oelhefe, wenn nur ein gleiches Mass 
Wasser hinzugesetzt würde, dann allein schade er. Einige 
nennen ein gewisses Thier, welches die reifenden Trauben 



Siebenzehntes Buch. 321 

Ibenagt, die Spinnraupe ; zu deren Abwehr wischen sie die 
Sicheln, nachdem sie gewetzt sind, mit Bieberfell ab, und 
beschneiden alsdann; nach dem Schneiden solle man die 
Stöcke mit Bärenblut bestreichen. Auch die Ameisen sind 
den Bäumen verderblich. Man vertreibt sie durch Be- 
schmieren der Stämme mit Röthel und Theer; auch bringt 
man sie durch Aufhängen eines Fisches in ihrer Nähe auf 
einen Punkt zusammen, oder man bestreicht die Wurzeln 
mit in Oel abgeriebenen Wolfsbohnen. Viele tödten auch 
die Maulwürfe durch Oelsatz, und rathen, gegen die Raupen 
und das Faulen des Obstes, die Gipfel mit der Haut einer 
grünen Eidechse zu berühren. Besonders zur Vertreibung 
der Raupen soll eine Weibsperson, welche die monatliche 
Reinigung hat, mit blossen Füssen um jeden Baum gehen. 
Ferner, damit kein Thier durch schädliche Bisse das Laub 
abnage, soll man die Blätter, so oft ein Regen fällt, mit 
Rindermistjauche besprengen, weil dadurch der giftige Stoff 
weggespült werde. Alles diess hat der menschliche Scharf- 
sinn wunderbar ausgedacht. Ja, viele Menschen glauben 
sogar, man könne durch eine Zauberformel den Hagel ab- 
wenden. Ich getraue mir nicht, die Worte eines Schrift- 
stellers im Ernste anzuführen, obgleich sie Cato aufgezeich- 
net hat, nämlich : um verrenkte Glieder zu heilen, soll man 
dieselben in die Spalte eines Rohrs stecken. Ebenderselbe 
hat auch erlaubt, geheiligte Bäume und Haine zu fällen, 
wenn man vorher geopfert hätte, wovon er in eben dem- 
selben Buche die Art und Weise sowie die Gebetformeln 
iinsiiebt. 



"Wittsteiu: Plinius. III, Ed. 21 



Achtzehntes Euch. 



Von den Feldfrüchten. 

1. 
Nun folgt die Naturgeschichte der Feldfrüchte, der 
Gärten, Blumen und was sonst, ausser Bäumen und Sträu- 
chern, aus der gütigen Erde hervorkommt. Hiervon ist 
allein schon die Betrachtung der Kräuter von ungeheuer m 
Umfange, wenn man ihre Verschiedenheit, Anzahl, ihre 
Blumen, Gerüche, Farben, Säfte und Kräfte, welche von der 
Natur zum Heile und Vergnügen der Menschen erzeugt 
werden, in Erwägung zieht. In dieser Beziehung will ich 
gern zuerst die Erde in Schutz nehmen und der Mutter 
aller Dinge beistehen, obgleich sie schon im Eingange 
des Werkes vertheidigt worden ist. Weil aber ihr innerer 
Stoff uns zu der Meinung verleitet, sie erzeuge auch schäd- 
liche Dinge, so beladen wir sie nichts desto weniger mit 
unsern Verbrechen, und rechnen ihr unsere Schuld an. 
Sie hat Gifte erzeugt; gut, aber wer anders als der Mensch 
hat sie aufgefunden? Den Vögeln und wilden Thieren 
reicht es hin, sich davor zu hüten. Die Elephanten wetzen 
und schärfen ihre Zähne, die Ure ihre Hörner an Bäumen, 
die Riüocerosse ihre Hörner an Felsen, die Eber die Spitzen 
ihrer Zähne an beiden, und diese Thiere wissen, dass sie 
sie, um andern zu schaden, in Vertheidigungsstand setzen; 
wer also, ausser dem Menschen, taucht seine Waffen in 
Gift? Wir benetzen auch die Pfeile damit, und geben dem 
Eisen eine noch schädlichere Eigenschaft, als es schon hat. 
Wir vergiften die Flüsse und die Elemente der Natur. 



Achtzehntes Buch. 323 

Selbst die Luft, in der wir leben, machen wir verderblich. 
Wir dürfen nicht glauben, dass diess die Thiere nicht wis- 
sen; wir haben bereits angeführt, was sie gegen den Kampf mit 
den Schlangen zubereiten, und was sie nach dem Streite 
zur Heilung ausdenken. Kein Geschöpf, ausgenommen der 
Mensch, streitet mit fremdem Gifte. Bekennen wir also 
unsere Schuld, denn wir sind nicht einmal mit dem zu- 
frieden was wächst, sondern bereiten noch mehrere andere 
Gifte mit unsern Händen. Ja, werden nicht selbst Men- 
schen mit Giften geboren? Ihre schwarze Zunge zischt 
gleich der der Schlangen, und die Pest ihrer Seele verdirbt 
alles, was sie berühren; gleich den Schuldigen und schreck- 
lichen Vögeln hüllen sie sich auch in Finsterniss, miss- 
gönnen selbst den Nächten die Ruhe, und verhindern durch 
ihr Stöhnen, gleich jenen unglückbringenden Vögeln, wem 
sie begegnen, zu handeln oder dem Leben nützlich zu sein. 
Hir schändliches Herz kennt auch keinen andern Geuuss, 
als alles zu hassen. Aber darin zeigt sich die Hoheit der 
Natur, dass sie um so mehr gute Menschen geschaffen hat, 
als sie in Erzeugung derjenigen Gewächse, welche nützen 
und ernähren, fruchtbarer war. In Anerkennung und Freude 
darüber wollen wir jener Klasse von Menschen ihren Eifer 
lassen, uns bemühen, die guten Seiten des Lebens zu stu- 
dieren, und hierbei um so mehr verharren, da wir mehr 
nach Thätigkeit als nach Ruhme streben. Denn wir 
werden jetzt vom Lande und von nützlichen ländlichen An- 
gelegenheiten handeln — eine Materie, in deren Ausübung die 
Alten die höchste Ehre ihres Lebens setzten. 

2. 
Ackerpriester hat zuerst Romulus errichtet, und sich 
unter ihnen den zwölften Bruder genannt. Diesen wurde in 
ihrem Priesterthum, von seiner Amme Acca Laurentia zum 
feierlichsten Zeichen ein mit einer weissen Binde versehener 
Aehrenkranz gegeben. Dieser war der erste Kranz bei 
den Römern; die Ehre ihn zu tragen, endigt nur mit dem 
Leben, und begleitet auch Verbannte und Gefangene. Da- 
mals begnügte sich das römische Volk mit 2 Jugern Land, 

21* 



324 Achtzehntes Buch. 

und es verlieli auch Keinem mehr; dagegen haben kurz vor 
meiner Zeit die Sclaveu des Kaisers Nero Gärten von dieser 
Grösse verachtet, und noch gössere Fischteiche haben wollen; 
und es ist viel, dass man nicht schon so grosse Küchen ver- 
langt hat. Numa ordnete an, die Götter mit Feldfrüchten 
zu verehren, Getreide mit Salz zu opfern, und, wie Hemina 
schreibt, Dinkel ^) zu rösten, weil er sich dann besser zur 
Nahrung eigne. Diess allein hatte zur Folge, dass man 
hernach sagte, nur das geröstete sei zum Gottesdienste i-ein. 
Derselbe setzte auch die Fornacalien2) zur Feier des Korn- 
röstens ein, die eben so heilig gehalten werden, wie die 
Grenzen der Aecker. Dergleichen Gottheiten kannte man 
damals am besten; eine nannte man Seja vom Säen, eine 
andere Segesta von den Saaten. Ihre Standbilder sehen 
wir noch jetzt im Circus. Die dritte von diesen im Hause 
zu nennen ist bedenklich. Auch kostete man damals nicht 
eher die neuen Früchte und Weine, bis die Priester die 
Erstlinge geopfert hatten. 

3. 
Jugum nannte man eine Strecke, welche mit einem 
Joch Ochsen in einem Tage umgepflügt werden kann. Actus 
hiess der Weg, in welchem die Ochsen in einem Zuge 
gehalten wurden; dieser Weg betrug 120 Fuss, und noch 
einmal so lang machte er ein Jugerum aus. Die reichsten 
Geschenke für Feldherren und tapfere Bürger waren so viel 
Land, als Jemand in einem Tage umpflügen konnte; ferner 
mit Korn gefüllte Quartarii oder Heminä, welche das Volk 
zusammenschoss. Daher schreiben sich auch die Beinamen: 
Pilumnus, der die Stampfkeule in der Mühle erfunden hatte, 
Piso, vom Stampfen, die Fabier, Lentuler, Ciceronen, von 
denen Jeder die nach ihm benannten Früchte am besten 
baute. Die Familien der Junier nannten den, welcher die 
Stiere am besten zu gebrauchen wusste, Bubulcus. Ja 



1) far. Triticuni Spelta L. 

-) Zu Ehren der Göttin Fornax , die man wegen des Backens 
verehrte. 



Achtzehntes Buch. 325 

selbst unter den heiligen Gebräuchen war nichts feierlicher 
als ein durch Opfergetreide geschlossenes Eheband, und 
hierbei trug man vor der neu Vermählten einen Dinkel- 
kuchen her. Seinen Acker schlecht bestellen, hielt man 
für eine grosse Schande; und wen man (wie Cato sagt) 
einen guten Landmann nannte, dem glaubte man die meiste 
Ehre erwiesen zu haben. Daher nannte man auch die- 
jenigen reich i), welche viele Plätze d. h. Aecker besassen^). 
Selbst das Geld ward nach dem Vieh s) benannt. Auch 
noch jetzt heisst in den Listen der Censoren alles das- 
jenige Weiden^), woraus das Volk seine Einkünfte zieht, 
weil jene lange Zeit hindurch die einzige Quelle ihres Ge- 
winns waren. Auch wurden bloss Strafen auf Kosten von 
Schafen und Ochsen auferlegt, und hierbei ist die Milde 
der alten Gesetze nicht zu übersehen, denn es war festge- 
setzt, dass der, welcher die Strafe anzeigte, nicht eher 
einen Ochsen als ein Schaf nennen sollte. Spiele, welche 
um Ochsen gehalten wurden, hiessen Bubetii. Der König 
Servius Hess zuerst Münzen mit den Bildnissen von Ochsen 
und Schafen prägen. Wer heimlich des Nachts Feldfrüchte, 
die mit dem Pfluge bestellt waren, abweidete oder abschnitt, 
wurde, falls er schon erwachsen war, nach den 12 Tafeln 
mit dem Tode bestraft, und zwar sollte er der Ceres auf- 
gehängt werden, erlitt also eine schwerere Strafe wie Einer, 
der einen Mord begangen hatte. Ein Unmündiger dagegen 
sollte nach dem Gutbefinden des Prätors gegeisselt und in 
die doppelte Schadenerstattung verurtheilt werden. 

Damals suchte man die Auszeichnung und Ehre der 
Stadt noch in nichts Anderm. Unter denjenigen Einwohnern, 
welche Länder hatten, waren die ländlichen Tribus die an- 
gesehensten; die städtischen dagegen hiessen der Faulheit 
zum Schimpfe so, und es war eine Schande, in diese ver- 
setzt zu werden. Daher gab es auch nur 4, welche von 
den Theilen der Stadt, in welchen sie wohnten, benannt 
waren, nämlich die suburranische, palatiuische, collinische 



•) locupletes. '^) loci plenos. ^) pecus : pecunia. ^) pascua. 



326 Achtzehntes Buch. 

und exquilinische. Alle 9 Tage ^) besuchten sie die Stadt 
wieder, und es war nicht gestattet, an Markttagen Volks- 
versammlungen zu halten, damit den Landleuten kein 
Hinderniss in den Weg gelegt werde. Man ruhete und 
sehlief auf Stroh. Den Ruhm selbst nannte man zur Ehre 
des Dinkels den Dinkelruhm. Ich bewundere auch die 
alte Bezeichungsweise durch Wörter. So heisst es in den 
Priesterverordnuugen: Die Tage zum Weissagen aus Hun- 
den sollen gehalten werden, ehe das Getreide aus seinen 
Scheiden geht, und ehe es in Aehren ausgewachsen ist. 

4 
Unter solchen Umständen reichten, obgleich Italien von 
keiner andern Provinz her Zufuhr erhielt, die Feldfrüchte 
zum Unterhalte nicht nur hin, sondern sie standen auch 
in unglaublich niedrigem Preise. Der Volks- Aedil Manius 
Marcius gab zuerst den Modius Getreide für ein Ass. 
Minutius Augurinus, der elfte Volks-Tribun, welcher gegen 
Sp. Melius gezeugt hatte, brachte den Preis des Dinkels 
an 3 Markttagen auf 1 Ass; darum setzte ihm das Volk 
vor dem dreifachen Thore eine Ehrensäule, deren Kosten 
durch eine veranstaltete Collecte bestritten wurden. Tre- 
bius verschaffte während seines Adilamtes dem Volke Ge- 
treide für 1 Ass, daher ihm auf dem Capitolium und Pala- 
tium Bildsäulen geweihet, und er selbst nach seinem Tode 
von dem Volke auf den Schultern zum Scheiterhaufen ge- 
tragen wurde. Man berichtet, dass in dem Jahre, wo die 
Mutter der Götter 2) nach Rom gefahren wurde, die Erndte 
reichlicher als in den vorhergehenden 10 Jahren ausge- 
fallen sei. Nach M. Varro kostete um die Zeit, als L. Me- 
tellus mehrere Elephanten im Triumphe mit sich führte, 
der Modius Dinkel, ferner 1 Congius Wein, 30 Pfund trockne 
Feigen, 10 Pfund Oel, 12 Pfund Fleisch, jedes nur 1 Ass. 
Diess kam auch nicht von den grossen Landgütern Ein- 
zelner her, welche die Nachbarn vom Verkauf ausschlössen. 



*) Jedesmal den neunten Tag war Markt. 
2) Cybele. 



Achtzehntes Buch. 327 

•denn nach dem Gesetze des Stolo Licinius war die Grösse 
derselben auf 500 Morgen eingeschränkt, und er wurde 
selbst nach seinem eignen Gesetze bestraft, weil er unter 
der eingeschobenen Person seines Sohnes mehr besass. Und 
diess war schon das Maass eines üppigen Staates. Es ist ja 
die Rede des Manius Curius bekannt, welche er nach 
mehreren Triumphen, in Folge deren das römische Reich 
einen Ungeheuern Zuwachs an Ländern bekam, hielt, und 
worin er sagte: Der Bürger, dem 7 Morgen nicht genügten, 
müsse für gefährlich gehalten werden. Dieses Maass wurde 
aber dem Volke nach Vertreibung der Könige zuertheilt. 

Was war nun die Ursache so grosser Fruchtbarkeit? 
Die Feldherren bebaueten damals die Aecker mit ihren 
eigenen Händen, und es ist wohl glaublich, dass die Erde 
sich über die lorbeerbekränzte Pflugschar und den im 
Triumph eingezogenen Ackersmann freuete; sei es nun, 
dass jene mit derselben Sorgfalt den Samen behandelten 
wie die Kriege, und die Felder ebenso fleissig bestellten 
als die Lager; oder sei es, dass unter ehrenvollen Händen 
alles besser gedeihet, weil es zugleich mit mehr Sorgfalt 
geschieht. Den Seranus fand man bei Uebertragung der 
Ehrenstellen mit Säen beschäftigt, und daher kommt sein 
Zuname. Als Cincinnatus seine 4 Morgen auf dem vati- 
canischen Hügel, welche die quinctischen Wiesen hiessen, 
beackerte, brachte ihm ein Gerichtsbote die Dictatur, und 
zwar soll er gerade nackend, und sein Gesicht voll 
Staub gewesen sein. Der Bote sprach zu ihm: bekleide 
dich, damit ich die Befehle des Senats und des römi- 
schen Volks dir vortragen kann. Solche Gerichtsboten 
hatte man auch damals, denn ihren Namen i) erhielten 
sie, weil sie zuweilen Senatoren und Feldherren von 
'den Aeckern zusammen rufen mussten. Jetzt aber ver- 
richten diess alles gefesselte Füsse, verurtheilte Hände und 
Lgebranntmarkte Gesichter; jedoch ist die Erde, welche Mutter 



*) viator. 



328 Achtzehntes Buch. 

genannt und selbst verehrt wird, nicht taub dagegen, dass 
man diesen die Ehre anthut und glaubt, sie sähe diess 
nicht ungern und werde nicht unwillig darüber. Und doch 
wundern wir uns, dass die Arbeit der Selaven nicht den 
Vortheil schafft, wie vormals die der Feldherren. 

5. 

Auch bei den Ausländern gehörte es zu den fürstlichen 
Beschäftigungen, über den Ackerbau zu schreiben; denn die- 
Könige Hiero, Attalus Philometor, Archelaus, ferner die Feld- 
herren Xeuophou^) und der Carthaginienser Mago haben diess 
gethan. Letzterem erwies auch unser Senat nach der Einnahme 
von Carthago so viel Ehre, dass er bei Verschenkung der 
Büchersammlungen an die kleinen Könige in Afrika die 
28 Bücher dieses Mannes allein in die lateinische Sprache 
übersetzen zu lassen beschloss (obgleich M. Cato damals 
schon seine Vorschriften entworfen hatte), und diese Arbeit 
den in der punischen Sprache bewandertsten Männern, 
unter denen D. Silanus 2)^ aus einer berühmten Familie, 
alle andern übertraf, übergeben Hess. Es haben aber viele 
gelehrte Männer, welche wir im Inhaltsverzeichniss dieses 
Buches der Reihe nach genannt, in diesem Fache 
gearbeitet, und unter ihnen müssen wir dankbar den 
M. Varro nennen, welcher selbst noch im 81. Jahre darin, 
thätig war. 

Die Römer begannen den Weinbau viel später und be- 
stellten zuerst, der Nothwendigkeit wegen, bloss die Felder. 
Wir wollen jetzt diesen Gegenstand nicht allzu gewöhnlich 
behandeln, sondern wie wir bisher gethan, Altes sowohl, 
als Neues mit aller Sorgfalt erforschen, und die Ursachen > 
und Gründe zugleich zu ermitteln suchen. Wir wollen auch 
von den Sternen reden, und von ihnen selbst unzweifelhafte 
Zeichen für die Erde angeben , weil es sonst scheinen 
könnte, als wenn Diejenigen, welche mit noch mehr Fleiss 



•) Aus Athen, der bekannte Philosoph und Historiker , geb. 446 
T. Chr., starb 356 zu Skillos in Elis. Er schrieb unter andern eine 
Philosophie des Hauswesens. 

2) Vielleicht der Consul Decius Junius Silanus, 62 v. Chr. 



Achtzehntes Buch. 32^ 

davon gehandelt haben, eher für jeden andern als für den 
Landmann geschrieben hätten. 

6. 

Vor allem müssen wir uns grösstentheils nach weisen 
Aussprüchen, welche in keinem andern Verhältnisse des 
Lebens zahlreicher und gewisser sind, richten. Denn warum 
sollen wir das nicht als Orakel betrachten, was von einem 
ganz bestimmten Tage und von der bewährtesten Erfahrung 
ausgeht. Den Anfang machen wir aber bei Cato. 

Die tapfersten Männer, die dauerhaftesten Soldaten 
und die besten Charakter werden unter den Landleuten 
gezogen. Kaufe nicht begierig ein Landgut. Spare keine 
Mühe in der Landwirthschaft, am wenigsten beim Ankauf 
eines Ackers. Was übel gekauft ist, reuet stets. Die, 
welche einen Acker anschaffen wollen, müssen vor allen 
auf das "Wasser, den Weg und das Nachbarland sehen, 
denn diese Dinge geben zu wichtigen und unzweifelhaften 
Aufklärungen Anlass. Nach Cato soll man unter den an- 
grenzenden Ländern dasjenige um so höher schätzen, wel- 
ches mehr glänzt, denn, sagt er, in einer guten Gegend 
glänzen die Acker stark. Attilius Regulus, der im punischen 
Kriege zweimal Consul war, sagte, man müsse weder an 
sehr fruchtbaren Orten einen schlechten, noch an erschöpften 
den besten Acker wählen. Die gesunde Lage einer Gegend 
erkennt man nicht immer an der Farbe der Einwohner, 
denn Leute, die daran gewöhnt sind, können auch an un- 
gesunden Orten leben. Ueberdiess sind manche Gegenden 
nur zu gewissen Zeilen des Jahres gesund; keiner aber 
verdient gesund genannt zu werden, welcher es nicht das 
das ganze Jahr hindurch ist. Das ist ein schlechter Acker,, 
mit welchem der Eigenthümer zu kämpfen hat. Cato rätb, 
man solle vorzüglich darauf sehen, dass der Boden durch 
seine Wirksamkeit gelte, d. h. dass viele Arbeiter und eine 
ansehnliche Stadt in der Nähe seien, dass man zu Schiffe 
oder auf guten Wegen dazu gelangen könne, und dass er 
gut bebauet und beackert sei — ein Punkt, worin die 
Meisten sich betrügen. Sie glauben nämlich, die Faulheit 



:330 Achtzehntes Buch. 

-des vorigen Herrn komme dem Käufer zu statten. Nichts 
ist übler als ein verwahrloster Acker. Daher meint Cato, 
man kaufe besser von einem guten Herrn, und müsse nicht 
geradezu den Fleiss Anderer verachten; es gehe dem Acker 
v^rie dem Menschen, wenn viel Einnahme und grosser Auf- 
wand zusammenkomme, so bleibe nicht viel übrig. Er hält 
den Weinstock für das vortheilhafteste Gewächs auf einem 
Acker und mit Recht, denn dieser sichert vor allen die 
Deckung der Unkosten. Nächstdem nennt er die bewässer- 
ten Gärten, wenn sie in der Nähe einer Stadt sind. Die 
Wiesen i) nannten die Alten parata. Als Cato gefragt wurde, 
welches der gewisseste Gewinn sei, antwortete er: „Wenn 
du gute Weide hast." Was folgt dann zunächst? „Wenn 
du mittelmässige Weide hast." Es handelte sich wohl 
hierbei hauptsächlich darum, dass dasjenige, was die wenig- 
sten Unkosten verursache, am meisten einbringe. Je nach 
den verschiedenen Gegenden urtheilt man hier so, dort so. 
Dahin gehören auch seine Worte: ein Landmann müsse 
gern verkaufen. Ein Gut muss man in der Jugend unver- 
weilt besäen, aber nicht eher bauen 2), als bis der Acker 
bestellt ist; auch dann muss es noch langsam geschehen, 
und am besten ist es (wie das Sprichwort sagt), aus den 
Thorheiteu Anderer Nutzen zu ziehen, jedoch so, dass die 
Unterhaltung der Landhäuser einem nicht zur Last falle. 
Derjenige, welcher gut wohnt, kommt oft auf den Acker, 
und die lügen nicht, welche sagen, die Stirn des Herrn 
nütze mehr als sein Hinterhaupt. 

7. 
Das richtige Verhältniss besteht darin, dass man bei 
einem Landgute nicht das Landhaus, und bei diesem 
nicht den Grund und Boden zu suchen braucht. Man muss 
es nicht machen, wie L. Lucullus und Q. Scävola zu ein 
und derselben Zeit in entgegengesetzter Richtung, denn das 
Land des Scävola war ohne Gebäude, und das Landhaus 



') prata. 
^) aedificare. 



Achtzehntes Buch. 331 

lies LucuUus ohne Land. Ehemals bestraften die Censoren 
den, der weniger säete als fegte. Und diess erfordert 
auch Kunst. Ganz kürzlich hat C. Marius, der 7 mal Con- 
sul war, im Gebiete von Misenum ein Landgut, ganz in 
der Art wie ein Lager errichtet wird, angelegt, so dass 
Sulla der Glückliche Andere im Vergleich mit diesem blinde 
nannte. 

Darin ist man einig, dass ein Landgut weder bei 
Sümpfen, noch einem Strome entgegen liegen müsse, ob- 
schon Homer sehr richtig alle vor Aufgang der Sonne aus 
einem Flusse steigende Dünste ungesund nennt. In heissen 
Gegenden muss es gegen Norden, in kalten gegen Mittag 
und in gemässigten gegen Nordost liegen. Ob es gleich 
scheinen kann, dass wir, als von den Erdarten die Rede 
war, die Merkmale, woran die Güte eines Bodens erkannt 
wird, hinreichend angegeben haben, so wollen wir doch 
noch die darüber niedergelegten Bemerkungen, und zwar 
vorzüglich mit Cato's Worten, hier anzeigen. Attich, wilde 
Pflaumen, Brombeeren, kleine Zwiebeln, Klee, Gras, Eichen, 
wilde Birnen oder wilde Aepfel, ferner schwarze und asch- 
graue Erde sind Merkmale eines Getreidebodens. Jede 
Kalkart zeitigt, wenn sie nicht zu mager, Sand, wenn er 
nicht zu fein ist, und alles diess zeigt sich wirksamer auf 
flachem Boden als auf hügeligem. 

Die Alten waren der Ansicht, man müsse nicht zu viel 
Land haben, und sagten, es sei besser, weniger säen und 
besser pflügen. Ich finde, dass Virgil derselben Meinung 
ist. Wenn wir die Wahrheit sagen sollen, so haben die 
ausgedehnten Ländereibesitzungen Italien, ja selbst schon 
die Provinzen zu Grunde gerichtet. Sechs Herren besassen 
die Hälfte von Afrika, als der Kaiser Nero sie tödtete. 
Auch hierin zeigte sich (wir dürfen es nicht verschweigen) 
die Grösse des Pompejus, dass er niemals einen an den 
seinen grenzenden Acker kaufte. Mago sagt, man müsse 
nach Ankauf des Ackers sein Haus ohne Schonung und 
ohne Nutzen davon dem Publikum entziehen zu wollen 
verkaufen; mit diesem Eingänge beginnt er seine Lehren 



332 Achtzehntes Buch. 

vorzutragen, und man sieht daraus, dass er anhaltenden 
Fleiss verlangt. 

Demnächst mnss man sieh um einen erfahrenen Guts- 
verwalter umsehen; Cato giebt hierüber viele Vorschriften. 
Wir begnügen uns zu bemerken, er soll nächst dem Herrn 
der klügste sein , sich selbst aber dieses Ansehen nicht 
geben wollen. Die Bestellung des Landes durch Sclaven, 
sowie überhaupt alles, was von verzweifelten Menschen ge- 
schieht, taugt nicht. Es dürfte verwegen scheinen, einen 
Ausdruck der Alten anzuführen, der vielleicht für ganz un- 
glaublich gehalten werden möchte, nämlich: nichts sei 
weniger zuträglich als sein Land aufs Beste anbauen. 
L. Tarius Kufus, ein Mann von ganz geringem Herkommen^ 
der sich durch seine ausgezeichneten Militärdienste das 
Consulat erworben hatte, und sonst nach Art der Alten 
sehr sparsam war, brachte durch Ankauf und Anbau von 
Aeckern im Picenischen gegen 1 Million Sesterzen, die er 
der Freigebigkeit des Kaisers Augustus verdankte, so weit 
durch, dass Niemand sein Erbe sein wollte. Sollen wir 
nun Verlust des Vermögens und Hunger für etwas Rühm- 
liches halten? Ja wahrlich, Massigkeit ist in jeder Be- 
ziehung das beste. Den Acker wohl zu bauen, erscheint 
nothwendig, aber ihn aufs Beste bestellen, schädlich, es 
sei denn durch seine Hausgenossen, Pächter oder Leute,, 
die man doch ernähren muss. Ferner bringt es dem Acker- 
bau treibenden Herrn auch keinen Nutzen, einige Male zu 
erndten, wenn man die Kosten der Arbeit rechnet. Man soll 
nicht zu rasch in der Olivenkultur sein, auch manches Land 
nicht oft bebauen, wie z. B. in Sicilien; denn die Ansiedler 
würden dadurch betrogen werden. 

8. 

Auf welche Weise werden nun die Aeckeram besten 
bebauet? Nach dem Ausspruch eines Orakels: durch gute 
Uebel *). Ich muss aber hier unsere Vorfahren verthei- 
digen, deren Vorschriften für das Leben sorgten; denn was 

') malis bonis. 



Achtzehntes Buch. 333 

sie Uebel nannten, sollte das Wohlfeilste bedeuten. Am 
meisten sahen sie darauf, dass die Unkosten gering waren. 
Solche Verordnungen gaben Männer, welche es Einem, der 
triumphirt hatte, zum Verbrechen anrechneten, wenn er 
10 Pfund silbernes Hausgeräth besass; welche verlangten, 
man solle, wenn der Verwalter mit Tode abgegangen sei, 
die Siege verlassen und zu seinen Ländereien zurückkehren; 
deren Güter der Staat zu bebauen übernahm, und die der 
Senat verwaltete, während sie Kriegsheere anfahrten. Da- 
her schrieben sich auch die übrigen denkwürdigen Aus- 
sprüche: Der sei kein guter Landmann, welcher etwas 
kaufe, was ihm sein Acker liefern könne. Das sei ein 
schlechter Hausvater, der bei Tage thäte, was er des Nachts 
thun könne, wenn die Witterung ihm nicht hinderlich wäre; 
der sei noch schlechter, welcher das, was an Feiertagen 
geschehen könne, an Werktage verrichte; und der am 
"schlechtesten, welcher an heitern Tagen mehr im Hause 
als auf dem Felde arbeite. 

Ich kann nicht umhin, wenigstens ein Beispiel aus dem 
Alterthume anzuführen, woraus man ersehen mag, dass es 
auch unter dem Volke üblich war, über den Ackerbau zu 
verhandeln, und wie dergleichen Männer in Schutz genommen 
zu werden pflegten. Als C. Furius Cresinus nach seiner 
Befreiung aus der Sclaverei, auf seinem kleinen Acker 
weit mehr Früchte erndtete als seine Nachbaren auf ihren 
weitläufigen Gründen, beneidete man ihn deshalb und be- 
schuldigte ihn, er brächte fremde Früchte durch Zauberei 
auf sein Feld. Er wurde deshalb von Sp. Albinus vor Gericht 
geladen, und aus Furcht verurtheilt zu werden (weil die 
Zünfte darüber stimmen mussten), brachte er all sein Acker- 
geräth auf den Marktplatz, nahm seine kräftige und (wie 
Piso sagt) wohlgenährte und gekleidete Familie, ferner vor- 
trefflich gemachtes Eiseuzeug, starke Hacken, gewichtige 
Pflugscharen, und gemästete Ochsen mit sich, und sprach : 
„Diess, Römer, sind meine Zaubermittel; mein nächtliches 
Arbeiten, mein Wachen und meinen Schweiss kann ich Euch 
aber nicht zeigen oder auf das Forum briuseu." Er wurde 



334 Achtzehntes Buch. 

emstimmig freigesprochen. Wahrlieh, der Ackerbau fordert 
keine Unkosten, sondern Fleiss. Daher sagten auch die 
Alten, das fruchtbarste auf dem Acker sei das Auge des 
Herrn. 

Die übrigen Vorschriften sollen an den ihnen zukom- 
menden Orten angeführt werden; indessen wollen wir die 
allgemeinen, welche uns beifallen, hierhersetzen. Vor allen 
ist folgende des Cato höchst nützlich und nachahmungs- 
würdig: Trachte dahin, dass die Nachbarn dich lieben. 
Er giebt auch Gründe dafür an, welche meiner Meinung 
nach Jedem einleuchten werden. Ganz besonders hebt er 
hervor, die Leute im Hause sollen nicht böse gegeneinander 
gesinnt sein. Alle stimmen darin überein, beim Ackerbau 
dürfe nichts zu spät geschehen, und alles müsse zu rechter 
Zeit vollbracht werden, denn das Versäumte könne nicht 
wieder nachgeholt werden. Dass Cato eine zu trockne 
Erde verwirft, haben wir zur Genüge angegeben, schweigen 
also jetzt, obgleich er gar nicht aufhört, davon zu reden. 
Alles was durch einen Esel verrichtet werden kann, kostet 
am wenigsten. Das Farnkraut stirbt nach 2 Jahren ab, 
wenn man es nicht Blätter treiben lässt. Diess geschieht 
am sichersten, wenn man in der Periode des Ausschiagens 
die Zweige mit einem Stocke abschlägt, denn der Saft, 
welcher ihm entquillt, tödtet die Wurzel. Auch sollen sie 
nicht wieder wachsen, wenn man sie zur Zeit der Sonnen- 
wende abreisst; ferner nicht, wenn man sie durch Rohr 
anschneidet, oder durch einen mit Rohr belegten Pflug aus- 
pflügt. Ebenso solle man das Rohr durch Farnkraut, welches 
auf den Pflug gelegt worden, auspflügen. Ein mit Binsen 
bewachsener Acker muss mit einem Spaten, ein steiniger 
mit einer zweizinkigen Hacke bearbeitet werden. Strauch- 
werk entfernt man am besten durch Feuer. Wird ein zu 
feuchter Acker mit Gräben durchschnitten und dadurch 
ausgetrocknet, so bringt er grossen Nutzen. Die Gräben 
aber muss man an kalkigen Stellen offen lassen, in einem 
zu losen Boden jedoch mit Zäunen befestigen, damit sie 
nicht einfallen, oder die Seiten müssen nicht zu sehr ge- 



Achtzehntes Buch. 335. 

neigt liegen. Einige muss man bedecken und in grössere 
und breitere leiten und womöglich mit Kieselsteinen und 
Kies auspflastern. Ihre Mündungen müssen auf beiden Sei- 
ten mit 2 Steinen gestützt und mit einem andern überdeckt 
werden. Wie man einen Wald ausrottet, hat Democrit an- 
gegeben; es wird nämlich die Blüthe der Wolfsbohne einen 
Tag lang in Schierlingssaft eingeweicht, und mit diesem 
besprengt man die Wurzeln. 

9. 

Nachdem nun der Acker zugerichtet ist, wollen wir 
auch die Feldfrüchte näher angeben. Es giebt vorzüg- 
lich 2 Arten derselben, nämlich Getreide wie z. B. der 
Weizen, die Gerste, und Hülsenfrüchte, wie die Bohnen und 
die Futtererbsen. Wie sich beide von einander unter- 
scheiden, ist zu bekannt, als dass es hier angegeben zu 
werden braucht. 

10. 

Vom Getreide selbst giebt es wieder ebenso viele 
Arten, welche sich durch die Zeit der Aussaat unterschei- 
den. Wintergetreide heisst das, was gegen den Untergang 
des Siebengestirns gesäet und den Winter über durch die 
Erde genährt wird, wie der Weizen, der Dinkel i), die Gerste. 
Sommergetreide wird im Sommer vor dem Aufgange des 
Siebengestirns gesäet, wie die Hirse 2), Mohrenhirse 3)^ 
Sesam ^), Horminum^), Irio*'); jedoch ist diess nur in Italien 
gebräuchlich. Anderswo, wie in Griechenland und in Asien 
wird alles beim Untergange des Siebengestirns gesäet;. 
Manches aber in Italien zu beiden Zeiten, ja Einiges auch 
zu einer dritten Zeit, nämlich im Friihlinge. Einige nennen, 
die Hirse, Mohrenhirse, Linse ^), Kicher ^), Alica'^) Früh-. 



•) far. Triticum Spelta L. 

2) Milium. Panicum miliaceum L. 

^) Panicum. Holcus Sorghum L. 

'') Sesama. Sesamum Orientale L. *) Salvia Horminum L? 

^) Irio. Sisymbrium Irio. '') Lens. Ervum Lens L. 

*) Cicer. Cicer arietinum L. ») Eine Art Dinkel. 



33G Achtzehntes Buch. 

flüchte; den Weizen, die Gerste, Bohne i), Napus^), Rapa^) 
Saatfrüchte. Unter dem Weizen giebt es eine Art, welche 
nur zum Futtern der vierfüssigen Thiere dient, und Farrago 
heisst; unter den Hülsenfrüchten vertritt die Wicke diese 
Stelle. Die Wolfsbohne*) aber wird zum Gebrauche für 
Menschen und Vieh gebauet. 

Alle Hülsenfrüchte, ausser der Bohne, haben einfache 
holzige Wurzeln, die sich nicht in mehrere zertheilen, die 
tiefsten hat die Kicher. Die Getreidearten dagegen wurzeln 
mit vielen Fasern ohne Zweige. Die Gerste bricht am 
7. Tage nach der Aussaat hervor, die Hülsenfrüchte am 
4., spätestens am 7.; die Bohne am 15. bis 20., die Hülsen- 
früchte in Aegypten am 3. Tage. Von dem Gersteukorne 
geht das eine Ende in die Wurzel, das andere in den 
Stengel über, und dieser blühet auch zuerst; das dickere 
Ende wird zur Wurzel, das dünnere zur Blüthe. Bei den 
übrigen Samenkörnern bildet ein und derselbe Theil die 
Wurzel und Blüthe (den Stengel). 

Das Getreide hat im Winter nur Blätter; im Frühjahre 
wächst das Wintergetreide in den Stengel aus, aber die 
Hirse und Mohrenhirse in einen knotigen, hohlen, der Se- 
sam in einen ruthenartigen (doldigen) Halm. Die Frucht 
aller Saaten befindet sich entweder in Aehren, wie die des 
Weizens, der Gerste, und wird durch eine vierfache Be- 
deckung von Grannen geschützt; oder sie ist in Hülsen 
eingeschlossen wie bei den Hülsenfrüchten, oder aber in 
Gehäusen wie beim Sesam, Mohn. Nur die Hirse und 
Mohrenhirse sind ein gemeinschaftliches Gut, und den 
kleinen Vögeln zugänglich; sie haben nämlich keine Waffen, 
sondern sind nur in Häuten enthalten. Das Panicum hat 
seinen Namen von den Büscheln ^), welche an seiner Spitze 
schlaff niederhängen, denn sein Halm verdünnt sich all- 
. niälig in ein feines Reis, wovon sehr dichte Körner in einer 



1) Faba. Vicia faba L. -) Brassica campestris Napobrassica L. 

3) Brassica Rapa L. 

^) Lupinus. L. hirsutus L. und L. angustifoUus L. 

^) paniculae, Risj)en. 



Achtzöliiltes Buch. 337 

■fusslangen Doldentraube i) angehäuft sind. Die feinen Fa- 
sern, welche die Körner der Hirse umfassen, endigen in ge- 
krümmte und gefranzte Haare. Vom Panicum giebt es 
mehrere Arten; man hat nämlich ein zizenförmiges, wo aus 
einer Anschwellung kleine traubenartige Büschel ausgehen 
und die Spitze doppelt ist. Ja selbst in der Farbe findet 
ein Unterschied statt, denn es giebt weisses, schwarzes, 
röthliches und purpurfarbiges. Aus der Hirse bäckt mau 
auf vielerlei Weise Brot, aus dem Panicum selten; kein 
Getreide aber ist schwerer oder schwillt beim Kochen mehr 
auf als dieses. Ein Modius giebt 60 Pfund Brot, und 3 
Sextare geben durch Anwässern 1 Modius Teig. Während 
der letzten 10 Jahre ist aus Indien eine Art Hirse nach 
Italien gekommen, welche eine schwarze Farbe, eiu grosses 
-Korn und einen rohrartigen Halm hat^). Sie treibt sehr 
lange Halme, erreicht eine Höhe von 7 Fuss, heisst Lobä 
und ist unter allen Feldfrüchten die fruchtbarste, denn 
ein Korn liefert 3 Sextarieu. Sie verlangt eiu feuchtes 
Erdreich. 

Einige Getreidearten beginnen am 3. Knoten die Aehre 
zu treiben, andere am 4., doch ist sie dann noch verborgen. 
Der Weizen hat 4 solche Halmknoteu, der Dinkel 6, die 
Gerste 8. Vor der so eben genannten Anzahl Knoten be- 
ginnt die Aehre nicht; sobald sie aber hervorbrechen will, 
fäugt die Pflanze am 4. oder spätestens am 5. Tage darauf 
IUI zu blühen, und in ebenso viel oder etwas mehr Tagen 
tragen blühet sie ab; die Gerste hingegen spätestens in 7. 
Varro sagt, die Feldfrüchte erlangten in 36 Tagen ihre 
Vollkommenheit und würden im 9. Monate eingeerntet. 

Die Bohnen brechen in Blättern hervor, und treiben 
■dann einen Stengel ohne Knoten. Die übrigen Hülsenfrüchte 
haben staudige ^) Stengel, und unter ihnen die Kicher, Erve ^) 



') obba, eigentlich ein Trinkgeschirr mit weitem Bauche; hiei- 
im figurlichem Sinne. 

2) Ohne Zweifel eine Varietät des Holcus Sorghum. 
^) surculosus, holzig (fest). 
*) Ervum. Vicia Ervilia L. 

Wittstein: Pliuius. III. Bil. '>•) 



338 Achtzehntes Buch. 

und Linse ästige. Die Stengel mancher breiten sich auf 
der Erde aus, wenn sie keine Stützen haben, wie z. B. die 
der Erbsen 1); und fehlen sie ihnen, so arten sie aus. Unter 
den Hülsenfrüchten haben nur die Bohne und Wolfsbohne 
einen einfachen Stengel; bei den übrigen ist er hart und 
ästig, bei allen aber hohl. 

Einige treiben die Blätter an der Wurzel hervor, andere 
an der Spitze. Die Getreidearten, Gerste, Wicke und alles, 
was Halme hat, trägt am Ende nur 1 Blatt. Die Gerste 
hat rauhe, die übrigen glatte Blätter; vielfach sind sie da- 
gegen bei der Bohne, Kicher und Erbse. Die Getreide- 
arten haben ein schilfartiges Blatt, die Bohne und die 
meisten Hülsenfrüchte ein rundes; bei der Ervilie 2) und 
Erbse sind die Blätter mehr länglich, bei der Schwert- 
bohne 3) aderig, beim Sesam und dem Irio blutroth. Nur 
von der Wolfsbohne und dem Mohne fallen die Blätter ab. 
Die Hülsenfrüchte blühen länger als andere, besonders die 
Erve und Kicher, am längsten aber die Bohne, nämlich 
40 Tage, jedoch nicht jeder Blüthenstiel so lange, denn 
wenn der eine aufgehört hat, fängt der andere an; auch 
nicht das ganze Feld auf einmal, wie beim Getreide. Sie. 
setzen aber alle in verschiedenen Tagen und zwar am 
untersten Ende zuerst, Hülsen an, während allmählig neue 
Blüthen nachkommen. 

Wenn das Getreide verblühet ist, schwillt es und wird 
längstens in 40 Tagen reif; ebenso die Bohne, die Kicher 
aber in sehr wenigen Tagen, denn diese ist schon 40 Tage- 
nach der Aussaat reif. Hirse, Panicum, Sesam und alle» 
Sommergetreide wird in 40 Tagen, von der Blüthe an ge- 
rechnet, reif; dabei sind aber Boden und Klima von grossem 
Einflüsse. Denn in Aegypten schneidet man die Gerste im 
6. Monate nach der Aussaat, das übrige Getreide im 7.; 
in Hellas die Gerste im 7., im Peloponnes im 8., und das 



') Pisa. Pisum sativum L. 

2) Lathyrus Cicera L. 

') Faseoli. Phaseolus vulgaris L. 



Achtzehntes Buch. 339 

Übrige noch später. Die Körner sitzen auf dem Halme in 
von haarigem Gewebe umgebenen Aehren. Die Bohne und 
die Hülsenfrüchte tragen die Schoten abwechselnd. Das 
Getreide zeigt sich dauerhafter gegen den Winter. Die 
Hülsenfrüchte dienen zur Speise. 

Das Getreide hat mehrere häutige Hüllen. Die Gerste 
und die Arincai) sind am nacktesten; ebenso der Hafer. 
Das übrige Getreide hat längere Halme als die Gerste, 
diese aber schärfere Grannen. Auf der Tenne werden Wei- 
zen 2), Siligo^) und Gerste ausgedroschen. Man säet sie 
auch so rein, wie sie gemahlen werden, ohne vorherige 
Dörrung. Dagegen können Dinkel, Hirse, Panicum, ohne 
erst gedörrt zu sein, nicht gereinigt werden; und deshalb 
säet man diese roh, mit ihren Hüllen. Auch den Dinkel 
dörrt man nicht, sondern hebt ihn in den Hüllen zur 
Saat auf. 

11. 

Am leichtesten unter allen diesen ist die Gerste, denn 
sie übersteigt selten das Gewicht von 15 Pfund; die Bohne 
wiegt 22 Pfund*). Schwerer ist der Dinkel und noch 
schwerer der Weizen. In Aegypten macht man Brot-Mehl^) 
aus der Olyra^^), welche dort die 3. Art der Aehrenfrucht 
ist. Auch in Gallien hat man eine Art Brot-Mehl, welches 
dort Brace, bei uns Sandala heisst, von sehr glänzendem 
Korne ist, und sich noch dadurch unterscheidet, dass es 
fast 4 Pfund Brot mehr giebt, als jedes andere Getreide. 
Verrius sagt, das römische Volk habe sich 300 Jahre lang 
bloss des (groben) Brot-Mehls vom Getreide bedient. 

12. 

Vom Weizen giebt es mehrere Arten, welche ihre 



*) Ist nach Cap. 20 identisch mit Olyra (Triticum Zea Host). 
2) Winterweizen. Triticum vulgare, «) hibernum L. 
^) Sommerweizen. Triticum vulgare, ß) aestivum L. 
*) Das Gemäss, welches hierbei zur Norm diente, ist der Modius. 
^) Far, Schrot oder grobes Mehl; also wohl zu unterscheiden 
von dem Dinkel, welchen Phnius auch far nennt. 
^) Triticum Zea Host. 

22* 



340 Achtzehntes Buch. 

Entstehung den Völkern zu verdanken haben. Dem italie- 
nischen möchte ich keinen an Weisse und Schwere, welche 
Merkmale den Hauptunterschied ausmachen, gleich setzen, 
nnd nur dem auf den bergigen Aeckern Italiens wachsenden, 
den ausländischen, von dem der böotische den Vorzug ver- 
dient; dann folgt der sicilische und hierauf der afrikanische. 
Das dritte Gewicht i) hatte der thracische, syrische und 
ägyptische. Hiermit stimmt auch die Meinung der Athleten 
iiberein, welche in der Gefrässigkeit dem Rindvieh gleichen 
und die eben eingeführte Ordnung gemacht haben. In 
Griechenland lobt man auch den pontischen. der noch nicht 
nach Italien gekommen ist. Unter allen Arten schätzte 
man daselbst vorzüglich den dracontischen, strangischen 
und salenusischeu wegen des sehr dicken Rohres, und säete 
daher diese auf fetten Boden. Den leichtesten und leersten^ 
sowie denjenigen mit dünnstem Halme säete mau an feuchte 
Plätze, weil er der meisten Nahrung bedürfe. Diess waren 
die Meinungen Griechenlands, als Alexander der Grosse 
herrschte, als diess Land am berühmtesten, und auf der 
ganzen Erde am mächtigsten war; und doch ist nicht zu 
übersehen, dass beinahe vor dessen Tode der Dichter 
Sophocles in dem Schauspiel Triptolemus dem italienischen 
Getreide den Vorzug vor allem andern einräumte, und zwar 
mit den Worten: 
„ Und das durch weisses Korn beglückte Italien besingen. " 

Diess Lob gehört dem italienischen bis jetzt noch an, 
und ich wundere mich um so mehr, dass die spätem Grie- 
chen dessen gar nicht erwähnt haben. 

Jetzt ist von den Arten, welche nach Rom eingeführt 
worden, die gallische und die, welche vom Chersones kommt, 
die leichteste, denn es gehen, wenn man das Korn selbst 
wiegt, nicht über 20 Pfund auf den Modius. Der sardische 
Weizen wiegt V2 Pfund, der alexandriuische noch V^ mehr, 
und dasselbe Gewicht hat der sicilische. Der böotische 



') D. h. den dritten Rang. 



Achtzehntes Buch. 341 

wiegt noch 1 Pfund mehr, und der afrikanische ^U. Ich 
weiss, dass in Italien jenseits des Po ein Modius Brot-Mehl 
25 Pfund wiegt, bei Clusium auch wohl 26 Pfund. Es ist 
ein natürlich begründetes Gesetz, dass in jeder Art Com- 
missbrot i) der dritte Theil zum Gewichte des Korns noch 
hinzukommt 2); und dasjenige Getreide ist am besten, wel- 
ches beim Kneten 1 Congius Wasser aufnimmt. Einige 
Arten haben ein besonderes Gewicht, wie die balearische, 
von welcher 1 Modius 35 Pfund Brot giebt; andere wenn sie 
zu zweien miteinander gemischt werden, wie die cyprische 
und alexandrinische, von denen das Brot nicht über 20 
Pfund wiegt. Der cyprische Weizen ist braun und giebt 
schwarzes Brot; daher mengt man weissen alexandrinischen 
darunter und erhält dann 25 Pfund. Die thebaische giebt 
noch 1 Pfund mehr. Mit Seewasser zu kneten, was Viele 
in den Ktistenortschaften thuu, um das Salz zu sparen, taugt 
nicht, denn nichts disponirt den Körper mehr zu Krank- 
heiten als der Genuss eines solchen Brotes. In Gallien 
und Spanien bedient man sich statt des Sauerteigs des 
verdichteten Schaumes 3), welcher entsteht, wenn aus den 
bereits angegebenen Getreidearten ein Trank bereitet wird ; 
daher ist dort das Brot leichter als bei andern Völkern. 

Auch im Halme liegt ein Unterscheidungsmerkmal; der 
dickere deutet auf eine bessere Art. Der thracische Weizen 
ist mit vielen Hüllen umgeben, und eignet sich für dieses 
Land wegen der darin herrschenden grössern Kälte. Aus 
eben derselben Ursache erfand man, weil der Schnee so 
lange die Erde bedeckt, dreimonatlichen Weizen, welcher 
von der Saatzeit an im 3. Monate auch in den übrigen 
Ländern geschnitten wird. Dieser ist im ganzen Alpenge- 
birge bekannt, und kein Getreide wächst in diesen kalten 
Himmelsstrichen üppiger; es treibt nur einen Halm, breitet 



') panis militaris. 

-) D. h. das Brot ist um Va schwerer, als das dazu genommene 
Getreide. 

3) D. i. Hefe. 



342 Achtzehntes Buch. 

sich nicht aus und wird nur in dünne Erdschicht gesäet. 
Es giebt auch bei Aenus in Thracien zweimonatlichen 
Weizen, welcher am 40. Tage nach der Aussaat reif wird, 
und merkwürdigerweise schwerer und an Kleie ärmer als 
jedes andere Getreide ist. Man bauet ihn in Sicilien und 
Achaja in bergigen Gegenden, auch in Euböa bei Carystus. 
Columella irrt sehr, wenn er glaubt, der 3 monatliche wäre 
nicht einmal eine besondere Art, während er doch schon 
sehr alt ist. Die Griechen nennen ihn Setanion. Man 
erzählt, inBactrien gebe es Weizenkörner von solcher Grösse, 
dass eins so'gross sei wie bei uns eine ganze Aehre. 

13. 

Unter allen Getreidearten wird die Gerste i) zuerst 
gesäet. Wenn wir jede Art einzeln abgehandelt haben, 
wollen wir auch ihre Säezeit aageben. Die Indier haben 
eine angebauete und wilde Gerste, aus welch' letzterer sie 
hauptsächlich ihr Brot backen und Alica -) bereiten. Am 
meisten aber bauen sie Reis^), wovon sie einen Trank ^) 
darstellen, den alle übrigen Menschen aus Gerste machen. 
Die Blätter des Reises sind fleischig, dem Lauche ähnlich 
aber breiter, die Pflanze selbst hat 1 Cubitus Höhe, pur- 
purrothe Blumen, und eine knospenartig runde Wurzel. 

14. 

Die Gerste ist am frühesten zur Speise angewandt 
worden, wie, dem Schriftsteller Menander zufolge, aus dem 
Gebrauche der Athenienser und aus dem Zunamen der 
Fechter, welche Gerstenesser hiessen, erhellet. Die Grie- 
chen ziehen auch die Graupen der Gerste^) allen andern 
vor. Man bereitet dieselbe auf mehrfache Weise. Die 
Griechen übergiessen die Gerste mit Wasser, lassen eine 
Nacht über stehen, trocknen sie dann, rösten und mahlen 



') Horcleum. Hordeum vulgare, H. clistichon und H. hexasti- 
chum L. 

2) Eine Art Graupen. Näheres im 29. Cap. 

3) Oryza. 0. sativa L. ^) ptisana. 
^) polenta. 



Achtzehntes Buch. , 343 

sie. Manche rösten sie stärker, besprengen sie dann wie- 
derum mit etwas Wasser und trocken sie vor dem Mahlen; 
Andere aber reinigen die frisch aus den Aehren geschlagene 
Gerste, stampfen sie noch feucht in einem Mörser, waschen 
sie in Körben aus, stossen sie, nachdem sie an der Sonne 
getrocknet worden, wieder und mahlen sie. Was für ein 
Verfahren nun auch angewandt worden ist, so mischt man 
in der Mühle zu 20 Pfund Gerste, 3 Pfund Leinsamen, 
V2 Pfund Coriander und ein Acetabulum Essig. Wer sie 
länger aufbewahren will, der thut sie in neue irdene Ge- 
fässe und überdeckt sie mit Gerstenmehl und Gerstenkleie. 
In Italien röstet man sie ohne vorheriges Anbrühen und 
mahlt sie, nachdem derselbe Zusatz und ausserdem noch 
Hirse hinzugekommen, in der Mühle fein. Das bei den 
Alten gebräuchliche Gerstenbrot hat man zum Genuss für 
Menschen verworfen, so dass es fast nur noch ein Nahrungs- 
mittel für das Vieh ist. 

15. 

Seitdem schätzt man den sehr kräftigen und gesunden 
"Gerstentrank 1) um so mehr. Hippocrates, einer der be- 
rühmtesten Aerzte, hat zum Lobe desselben ein ganzes 
Buch geschrieben. Der uticensische wird für vorzüglich 
gut gehalten; in Aegypten aber der, welcher aus zwei- 
eckiger (zweizeiliger) Gerste bereitet wird. Turranius nennt 
die Art, aus der man in Bätika und Afrika den Trank 
macht, die glatte; glaubt auch, Olyra und Oryza sei ein 
und dasselbe. Die Bereitungsart des Tranks ist allgemein 
bekannt. 

16. 

Auf ähnliche Weise macht man, doch nur in Campanien 
und Aegypten, aus dem Weizeukorne das Tragum^). 

17. 

Das Stärkmehl gewinnt man aus allen Weizen- 
arten und dem Siligo, das beste aber aus dem dreimonat- 
lichen. Diese Erfindung verdankt man der Insel Chios; 

') ptisana. 
^) ein gewisser Brei. 



344 Achtzehntes Buch. 

auch noch jetzt kommt von dorther das beste. Den Nameit 
Amylum i) hat es daher bekommen, weil es ohne Mühle- 
bereitet wird. DienächstbesteSorte liefert derjenigedreimonat- 
liche Weizen, welcher zu den leichtesten gehört. Man 
ttbergiesst ihn in hölzernen Gefässen mit soviel süssem 
Wasser, dass er davon bedeckt ist, und rührt den Tag über 
5 mal um. Besser ist es, wenn das Umrühren auch des 
Nachts geschieht, damit sich alles gleichförmig mische. 
Das so erweichte Gemisch wird, bevor es anfängt sauer za 
werden, durch Leinwand öder Körbe geseihet, auf Ziegeln, 
welche mit Hefe bestrichen sind, gegossen, und an der 
Sonne getrocknet. Nach dem chiischen Stärkmehle schätzt 
man das cretische am meisten; dann folgt das ägyptische. 
Seine Güte beurtheilt man nach der Glätte, Leichtigkeit 
und Frische, wie Cato schon angegeben hat. 

18. 
Bei uns bedient man sich auch des Gerstenmehls 
in der Heilkunde. Es ist merkwürdig, welchen Nutzen 
dasselbe beim Zugvieh schafft; wenn man nämlich Gerste 
am Feuer dörrt, dann mahlt, Klösse daraus macht und 
diese mit der Hand ihnen einstopft, so werden sie kräftiger 
und beleibter. Manche Aehren haben 2 Reihen, manche 
mehrere bis zu 6. Das Korn ist dadurch unterschieden, 
dass es länger, leichter, oder kürzer, runder, weisser, schwär- 
zer oder purpurner ist. Letztere Sorte ist zur Bereitung 
der Graupen, die weisse gegen Sturmwind die schwächste. 
Die Gerste ist die weichste aller Feldfrüchte und darf nur 
in trocknes, lockeres und fruchtbares Erdreich gesäet wer- 
den. Ihre Spreu gehört zu der besten, und ihrem Strohe 
kommt kein anderes gleich. Die Gerste leidet von allen 
Getreidearten am wenigsten Wetterschaden, weil sie eher 
geschnitten wird als der Brand den Weizen befällt; daher 
sähen kluge Landleute den Weizen nur zum Futter. Man. 
sagt, die Gerste werde mittelst der Hacke in's Land ge- 



*) Zusammengesetzt aus « und fivXov. 



Achtzehntes Buch. 345 

bracht; daher geht sie auch am schnellsten auf. Am frucht- 
barsten ist die, welche in Spanien und Carthago im Monat 
April geerndtet wird; in Celtiberien säet man sie in dem - 
selben Monate, und erndtet sie zweimal im Jahre. Alle 
Gerste wird sogleich nach der Reife eher geschnitten als 
die übrigen Getreidearten, denn ihr Halm bricht leicht und 
das Korn befindet sich in einer äusserst dünnen Hülle. 
Auch sollen bessere Graupen erhalten werden, wenn die 
Gerste vor völliger Reife abgeschnitten wird. 

19. 
Nicht überall hat man ein und dieselben Arten von 
Getreide, und, wo sie sind, führen sie nicht einerlei 
Namen. Am gemeinsten sind der Dinkel, welchen die Alten 
Adoreum genannt haben, Siligo und Weizen, denn sie fin- 
den sich in den meisten Ländern. Die Arinca^) ist in 
Gallien einheimisch, wächst aber auch häufig in Italien. 
Zea2), Olyra, Tiphe3)sind in Aegypten, Syrien, Cilicien, 
Asien und Griechenland zu Hause. In Aegypten macht 
man aus dem dortigen Weizen ein feines MehH), was aber 
dem italienischen nicht gleichkommt. Diejenigen Völker,, 
welche sich der Zea bedienen, haben keinen Dinkel. Auch 
dieser wächst in Italien, namentlich in Campauien und wird 
„der Same" genannt. Diesen Namen führt, wie wir bald 
zeigen werden, ein berühmter Gegenstand, weshalb Homer 
ihn den frucht spenden den Acker ^) genannt hat, und nicht 
wie Einige glauben, weil er das Leben verliehe. Aus dem- 
selben macht man auch Stärkmehl, was sich von dem ge- 



») S. im 10 Cap. 

2) Ob hier Plinius Zea mit Olyra (Triticum Zea Host) verwech- 
selt, oder eine andere Art "Weizen, oder endlich gar Zea Mays L. 
(über dessen Vaterland man nicht einig ist, das aber höchst wahr- 
scheinhch den Alten schon bekannt war und nicht erst von der Ent- 
deckung Amerikas her datdirt) meint, lässt sich nicht entscheiden., 

3) Triticum monococcum L. 
'*) Similago. 

*) ZsiöoDQoq l'QOVQa. 



346 Achtzehntes Buch. 

wohnlichen nur durch etwas gröbere Beschaffenheit unter- 
scheidet. 

Der Dinkel ist das härteste und gegen den Winter 
dauerhafteste Getreide. Er verträgt das kälteste Klima 
und wächst in schlecht gepflügtem, heissem und trocknem 
Boden. Dass er bei den alten Bewohnern Latium's die 
erste Nahrung war, beweisen die Dinkelgeschenke, von 
denen wir bereits geredet haben. Dass aber die Kömer 
lange Zeit hindurch von Brei uud nicht von Brot gelebt 
haben, ist offenbar, denn noch heutigen Tages haben die 
Zugemüse^) davon ihren Namen. Eunius, der älteste 
Dichter sagt, indem er die Hungersuoth bei einer Belage- 
rung ausdrücken will, die Väter hätten den weinenden 
Kindern den Kloss'^) entrissen. Noch jetzt werden bei 
alten Feierlichkeiten und Geburtstagen Brei uud Kuchen 
bereitet, und es scheint, dass in Griechenland der Brei so 
unbekannt war, wie in Italien die Graupen. 

20. 

Kein Same ist begieriger als der Weizen, und keiner 
zieht mehr Nahrung an sich. Den Siligo möchte ich wohl 
den leckern Weizen nennen, denn er ist weiss, ohne Kraft 
und Gewicht, und passt für feuchte Gegenden, wie sie in 
Italien uud in Gallia comata sind. Aber beständig zeigt 
er sich nur jenseits der Alpen im Lande der Allobroger 
uud Meminer, in den übrigen Ländern verwandelt er sich 
nach 2 Jahren in gewöhnlichen Weizen. Man verhütet 
diess, wenn man nur die schwersten Körner säet. Der 
Siligo giebt das beste Brot und die schönste Waare der 
Bäckereien. In Italien erhält man ganz vorzügliche Ge- 
bäcke, wenn man den campanischen zu dem pisanischeu 
mischt; jener ist mehr röthlich, der pisauische aber weisser 
lind der auf thonigen Boden gewachsene schwerer. Von 
demjenigen campanischen Korne, welches das gereinigte 
heisst, muss 1 Modius 4 Sextarien Mehl 3), oder von dem 
gemeinen, nicht gesiebten, 5 Sextarien und ausserdem noch 



') pulmentaria. ^) offa. ') siligo. 



Achtzehntes Buch. 347 

V2 Modius Blüthenmehl ^) geben; ferner vom Speisekorn 
Avelehes die zweite Sorte heisst, 4 Sextarien und ebenso- 
viel Kleien; vom pisanischen aber 5 Sextarien Mehl und, 
4 Sextarien Kleie. Das clusinische und aretinische Korn 
giebt noch ein Sextarius Mehl mehr, kommt aber sonst mit 
den übrigen überein. Wenn man aber Staubmehl 2) machen 
will, so erhält mau 16 Pfund Brot, 3 Pfund Speisemehl und 
1/2 Modius Kleien. Hier liegt der Unterschied im Mahlen; 
denn was trocken gemahlen wird, giebt mehr Mehl, was 
mit Salzwasser besprengt wird , einen weissem Kern, 
lässt aber mehr iu der Kleie zurück. Dass das Mehl ^) 
vom Dinkel^) benannt sei, erhellet schon aus dem Namen. 
1 Modius gallisches Siligo-Mehl giebt 22 Pfund Brot, das 
italische 2 oder 3 Pfund mehr beim Bäckerbrote, denn bei 
Brot, was im Backofeu gebacken ist, rechnet man in jeder 
Art noch 2 Pfund hinzu. 

Das beste Semmelmehl*) giebt der Weizen. Von 
dem afrikanischen soll 1 Modiu^ einen halben und 5 Sex- 
tarien Staubmehl geben; so heisst nämlich das vom Weizen, 
was man vom Siligo Blüthenmehl nennt. Die Erzarbeiter 
und Papiermacher bedienen sich desselben. Ausserdem 
giebt es noch 4 Sextarien Nachmehl uud ebenso viel Kleien. 
Aus 1 Modius Semmelmehl bäckt man 122 Brote, aus 1 
Modius Blüthenmehl 117. Der jährliche Mittelpreis eines 
Modius Mehl ist 40 Ass; gesiebtes Semmelmehl kostet 8 
Ass mehr; gesiebtes Siligomehl doppelt so viel. Noch ein 
anderer Unterschied, der einmal zur Zeit des L. Paullus 
sich ereignete, findet statt; man machte nämlich damals 
die Beobachtung, dass von 17 Pfund, 18 Pfund Brot ge- 
wonnen wurden, vom dritten 19 V3, und vom Nachmehle 
21/2 Pfund Brot, ebenso viel Speisemehl und 6 Sextarien 
Kleie. 

Der Siligo wird nie zugleich reif, und keine Saat leidet 
das Ausbreiten weniger als diese, denn sie ist sehr zart, 
und die zur Keife gelangten Halme lassen sogleich ihre 



flos. -) poUeu. ^) farina. ^) far. ^j similago. 



348 Achtzehntes Buch. 

Körner fallen. Aber weniger als die übrigen Getreide- 
arten leidet er geschnitten, denn er hat immer eine be- 
deckte Aehre, und hält den Thau, welcher leicht Brand 
verursacht, nicht an sich. 

Die Arinca giebt das süsseste Brot; sie selbst ist dichter 
als der Dinkel, die Aehre grösser und schwerer. Selten 
dass 1 Modius nicht volle 16 Pfund giebt. In Griechen- 
land lässt sie sich schwer austreten, daher man sie, wie 
Homer berichtet, dem Zugvieh giebt, denn diess ist es, was 
er Olyra nennt. In Aegypten lässt sie sich leicht austreten 
und ist fruchtbar. Der Dinkel hat keine Grannen; ebenso 
der Siligo, ausgenommen der, welcher lakonischer heisst.. 
Zu diesen Arten kommen noch: der Bromus i), der auser- 
lesene Siligo, und der Tragos, sämmtlich ausländische, aus 
dem Orient eingeführte und dem Reis ähnliche Gewächse. 
Auch die Tiphe gehört zu der Art, welche bei uns der 
Reis liefert. Bei den Griechen ist diess die Zea, und man 
sagt, dass diese und die Tiphe, wenn sie ausgeartet sind 
und zerstampft gesäet werden, zwar nicht sogleich, aber 
doch im dritten Jahre wiederum zu gutem Getreide werden. 

21. 

Nichts ist fruchtbarer als der Weizen; die Natur gab 
ihm diese gute Eigenschaft, weil sie durch ihn den Men- 
schen am meisten ernährt, denn ein Modius giebt auf einem 
dazu geeigneten Boden, wie z. B. der im Byzacischen Ge- 
biete in Afrika ist, 150 Modius. Von daher schickte der 
Statthalter des Kaiser Augustus diesem aus 1 Korne (was 
unglaublich scheint) nahe an 40 Sprossen. Die Briefe 
darüber sind noch vorhanden. Ebenso sandte er dem 
Nero 360 Halme aus einem Korne. Das hundertste Korn 
geben die Leontinischen Felder in Sicilien und andere, ganz 
Bätika und namentlich Aegypten. Unter die fruchtbarsten 
Arten des Weizens gehört der ästige, oder der sogenannte 
hundertkörnige. Man hat auch schon Stauden gefunden, 
die 100 Bohnen trugen. 



') Ist Avena sativa, der Hafer. 



Achtzehntes Buch. 349 

22. 

Wir haben als Sommergetreide den Sesam, die Hirse 
und Mohrenhirse bezeichnet i). Der Sesam kommt aus 
Indien; man macht aus ihm auch ein Oel, und seine Farbe 
ist weiss. Diesen ähnlich sieht das in Asien und Griechen- 
land wachsende Erysimum, — dasselbe, was man bei 
uns Irio nennt, nur ist jenes fetter, und wird mehr zu den 
Arzneigewächsen als zu den Feldfrüchten gezählt. Dieselbe 
Beschaffenheit hat das von den Griechen sogenannte Hör - 
minum, sieht aber dem Cyminum^) ähnlich, und wird mit 
dem Sesam gesäet. Dieses und das Irio frisst kein Thier, 
so lange sie grün sind. 

23. 

Nicht alles Getreide lässt sich leicht mahlen; in 
Etrurien nämlich stampft man die gedörrten Aehren des 
Dinkels mittelst einer mit Eisen beschlagenen Keule, einer 
mit Sägezähnen versehenen Röhre und eines inwendig ge- 
zähnten Sterns, so dass, wenn nicht vorsichtig gestampft 
wird, die Körner zu Grunde gehen und das Eisen zerbricht. 
In Italien bedient man sich grösstentheils eines unbeschla- 
genen Stempels, auch der Kader, welche von oben auf- 
fiiessendes Wasser umdrehet, und so das Mahlen bewirkt. 
In Betreff des Mahlens selbst will ich Mago's Ansicht hier 
anführen; er sagt nämlich, man solle zuvor den Weizen mit 
vielem Wasser begiessen, dann aushülsen, hierauf an der 
Sonne trocknen und mit dem Stempel bearbeiten. Ebenso 
werde die Gerste behandelt. Auf 20 Sextarien davon nähme 
man 2 Sextarien Wasser. Die Linsen müssen erst gedörrt, 
dann mit den Kleien leicht gestampft werden; oder man 
müsse zu 20 Sextarien 1 Stück Ziegelstein und 1/2 Modius 
Sand setzen. Die Ervilie wird wie die Linse behandelt. 
Den Sesam muss man in warmes Wasser legen, dass die 
Spreu oben schwimmt, wieder an der Sonne auf Tüchern 
ausbreiten; doch muss diess alles möglichst schnell ge- 
schehen, sonst bekommt er eine hässliche Farbe und schim- 



') Sielje 10. Cap. -) Cuiiiinum Cj'miuuni L. 



350 Achtzehntes Buch. 

melt. Aber auch die Getreidearten, welche ausgehülset wer- 
den, erleiden eine verschiedene Behandlung beim Stampfen. 
Hülse 1) sagt man dann, wenn bloss die Aehre für sich zum 
Gebrauche der Goldarbeiter gestossen wird; wenn sie aber 
auf der Tenne ausgedroschen wird, so heisst sie Spreu, wie 
es in den meisten Ländern zum Futtern des Viehes ge- 
schieht. Das was beim Reinigen der Hirse, des Panicums 
und Sesams abfällt, heisst Apluda, hat aber an andern 
Orten andere Namen. 

24. 

In Campanien giebt es besonders viel Hirse 2), aus 
der man einen weissen Brei bereitet. Sie liefert ein sehr 
süsses Brot. Auch die Sarmater leben grossentheils von 
solchem Brei, sowie von rohem Mehle, welchem sie Pferde- 
milch oder aus Beinadern gelassenes Blut zumischen. 
Die Aethiopier kennen kein anderes Getreide als Hirse 
und Gerste. 

25. 

Die Gallier und namentlich die Aquitanier bauen das 
Panicum; desgleichen die Italiener am Po, doch bedienen 
sich diese desselben nicht allein, sondern in Verbindung 
mit Bohnen, ohne welche sie nichts zurichten. Die pon- 
tischen Völker ziehen dem Panicum keine Speise vor. 
Uebrigens ist allem Sommergetreide das Begiessen zuträg- 
licher als viel Regen. Hirse und Panicum leiden sehr durch 
Wasser, wenn sie Blätter treiben; man will auch nicht, dass 
sie zwischen Weinstöcke oder Obstbäume gesäet werden, 
weil dadurch der Boden ausgesogen werde. 

26. 

Hirse, welche mit Most angemacht ist, liefert einen 
guten Sauerteig, der sich ein Jahr lang hält. Einen ähn- 
lichen bereitet man aus der besten zerkleinerten Kleie des 
Weizens dadurch, dass man sie mit weissem, 3 Tage altem 
Moste ernährt und an der Sonne trocknet. Beim Brotbacken 



«) acus. ^) S. im 10. Cap. 



Achtzehntes Buch. 351 

weicht man ein Stück davon ein, erhitzt es mit feinem 
Mehle und mischt dieses unter das übrige Mehl. So be- 
reitetes Brot hält man für das beste. Die Griechen sagen, 
auf 1 Modius Mehl reiche Vs Pfund Sauerteig hin. Diese 
Art Brot bäckt man nur während der Weinlese; zu jeder- 
andern beliebigen Zeit aber werden aus Wasser und Gerste 
gemachte Klumpen von 2 Pfund auf einem heissen Herde 
oder in einer irdenen Schüssel üßer Kohlen und Asche so 
lange geröstet, bis sie röthlich sind, hierauf in bedeckten 
Gefässen aufbewahrt bis sie sauer werden, und dienen dann 
als Sauerteig. Als man noch Brot aus Gerste backte, wurde 
aus dem Mehle der Erve oder Kicher der Sauerteig ge- 
macht, und von diesem nahm man 2 Pfund auf 5 halbe 
Modius. Jetzt macht man den Sauerteig aus dem Mehle 
selbst, welches vor dem Zusätze des Salzes geknetet, zum 
Brei eingekocht und dieser bis zum Sauerwerden hingestellt 
wird. Gemeiniglich aber erhitzt man ihn nicht, sondern 
bedient sich bloss des vom vorhergehenden Tage aufge- 
hobenen Teiges. Oifenbar entsteht die Gährung durch die 
Säure; und das sind die gesundesten Menschen, welche ge- 
säuertes Brot essen, wie denn auch die Alten den schwer- 
sten Weizen für den gesundesten gehalten haben. 

27. 
Die verschiedenen Arten Brote selbst durchzugehen, 
scheint mir überflüssig. Entweder benannte man das Brot 
nach der Zuspeise, z. B. Austerbrot; oder nach seiner Fein- 
heit, z. B. Kuchenbrot; oder nach der schnellen Bereitung,^ 
z. B. Schnellbrot; ferner nach der Art und Weise des 
Backens, als Ofenbrot, in Artopten oder in Clibaneni) ge- 
backnes. Unlängst hat man auch eine Art Brot von den 
Parthern eingeführt, welches Wasserbrot heisst, weil es 
durch Wasser gezogen wird, dünn und hohl wie ein Schwamm 
ist, und von jenem Volke auch den Namen parthisches Brot 
führt. Die Güte des Brotes beruhet auf der des Mehles 
und auf der Feinheit des Siebes. Einige kneten es mit 



') Artopta, clibanus, Geschirre für feine Bäckereien, 



352 Aclitzelintes Buch. 

Eiern und Milch an; mit Butter aber einige in Ruhe lebende 
Völker, welche ihre Sorgfalt jetzt auf die Bäckerei wenden. 
Picenum ist noch immer wegen der Erfindung des Brotes 
aus demjenigen Getreide, welches auch zur Bereitung der 
Alica dient, berühmt. Man lässt nämlich dort dasselbe 9 
Tage lang einweichen, knetet am zehnten den Teig mit 
Rosinensaft zu Broten, und bäckt diese in Oefen, nachdem 
sie in Töpfen gethan sind, welche darin zerspringen. Ge- 
gessen kann es nur werden, wenn es zuvor aufgeweicht ist, 
was grösstentheils mit Milch und Honig geschieht. 

28. 
Bis zum persischen Kriege, mehr als 580 Jahre nach 
Erbauung der Stadt, gab es in Rom noch keine Bäcker. 
Die Römer backten sich ihr Brot selbst, und diess war, wie 
noch jetzt bei den meisten Völkern, das Geschäft der Wei- 
ber. Plautus nennt in dem von ihm unter dem Namen 
Aulularia geschriebenen Lustspiele einen Bäcker i), was 
unter den Gelehrten zu einem grossen Streite über die 
Frage: ob jener Vers auch diesem Dichter angehöre? An- 
lass gegeben hat. Soviel geht aus der Aussage des A. Atte- 
jus Capito hervor, dass die Köche damals für die Vor- 
nehmem Brot backten, und dass nur diejenigen, welche 
das Getreide stampften, pistores^) genannt wurden. Man 
hatte aber unter der Dienerschaft keine Köche, sondern 
miethete sie von der Fleischbank. — Die Gallier haben die 
Siebe aus Pferdehaaren, die Spanier die Beutelsiebe 3) und 
Staubsiebe ^) aus Leinwand, die Aegypter die Siebe aus 
Papyrus und Binsen erfunden. 

29. 

Vor allen Dingen müssen wir auch der vortrefflichen 

und heilsamen Alica 5) gedenken, welche Krone aller Ge- 

treidearteu ohne Zweifel Italien gebührt. Gewiss ist, dass 

man sie auch in Aegypten bereitet, diese taugt aber nichts. 



1) artopta. ^j D. i. Stampfei- von piso. 

2) excussoria. '*) pollinaria. 

^j Hier eine Art Graupen aus der gleichnamigen Pflanze (IJ. C.) 



Achtzehntes Buch. 353 

In Italien giebt es mehrere Gegenden, wo sie bereitet wird, 
z. B. das veronensische, pisanische Gebiet, die beste aber 
liefert Campanieu. Dort befindet sich ein 40,000 Schritte 
grosses, am Fusse nebelumhüllter Berge belegenes Feld 
dessen Erdreich (damit wir sogleich auch die Beschaffen- 
heit des Bodens anführen) oben staubig, weiter unten locker 
und porös wie Bimsstein ist. Dadurch geschieht es, dass 
der Schaden, den sonst die Berge anrichten würden, hier 
zum Nutzen gereicht, denn der häufig fallende Regen 
sickert durch, und der Boden braucht nicht, um leichter 
bestellt zu werden, durchweicht und genässt zu werden. 
Er giebt die empfangene Feuchtigkeit nicht wieder an 
Quellen ab, sondern vertheilt sie, und hält sie verarbeitend 
gleichwie einen Saft an sich. Man besäet jenes Feld das 
ganze Jahr hindurch, einmal mit Panicum und zweimal mit 
Dinkel. Und dennoch geben die Saatfelder, welche brach 
gelegen haben, im Frtihlinge Rosen, welche angenehmer 
riechen als die angebaueten; diess Land hört also nicht 
auf zu tragen. Daher kommt das gewöhnliche Sprichwort: 
in Campanien giebt es mehr Balsam als anderswo Oel. 
Wie sehr aber Campanien alle Länder übertrifft, ebenso 
wird es selbst von einem Theile übertroffen, welcher La- 
boria 1), von den Griechen aber das phlegräische (Cam- 
panien) genannt wird. Laboria wird zu beiden Seiten 
von dem consularischen Wege, welcher von Puteoli und 
von Cumä nach Capua führt, begränzt. 

Die Alica bereitet man aus der Zea, einem bereits 
genannten Samen 2). Diese wird in einem hölzernen Mörser 
gestossen (denn mit einem harten Steine geht es nicht), 
die feinere Sorte aber bekanntlich mit einer Keule von 
Sträflingen als Zwangsarbeit zugerichtet. In dem Mörser 
befindet sich eine eiserne Büchse. Sind die Hülsen ausge- 
schüttet, so wird mit denselben Werkzeugen der innere 
Kern gestossen. Auf diese Weise bekommt man 3 Sorten 
Alica: die kleinste, die mittlere und die grösste oder soge- 



•) D. h. das arbeitsame. -) Siehe das 19. Cap. 

Wittstein: Plinius. III. Bd. 23 



354 Achtzehntes Buch. 

nannte abgezogene i). Noch haben sie jetzt ihre Weisse^ 
die sie so auszeichnet, nicht, werden aber doch schon der 
alexandrinischen vorgezogen. Nun mischt man (merkwür- 
digerweise) Greta 2) hinzu, welche in das Korn einzieht und 
ihm Farbe und Zartheit ertheilt. Diese Greta findet sich 
zwischen Puteoli und Neapolis auf einem Hügel, welcher 
der weisserdige heisst. Es ist noch eine Verordnung des 
Kaiser Augustus vorhanden, nach welcher den Neapoli- 
tanern jährlich für denselben 20,000 Sesterzen aus dem 
kaiserlichen Schatze ausgezahlt werden, seitdem er eine Go- 
lonie nach Gapua brachte, und zwar, wie es in jener Ver- 
ordnung heisst, desshalb, weil die Gampaner gesagt hatten^ 
ohne diese Erde könnte sie keine Alica machen. Jener 
Hügel enthält auch Schwefel, sowie die Quellen des Oraxus^ 
welche klare Augen machen, Wunden heilen, und die Zähne 
befestigen. 

Unechte Alica wird zwar meistens von der Zea ge- 
macht, aber von der, welche in Afrika ausartet. Diese hat 
breitere und schwärzere Aehren und einen kürzern Halm. 
Man stösst sie mit Sand, und selbst dadurch gehen die 
Hülsen schwierig ab. Enthülset misst sie nur halb soviel 
als vorher. Hierauf streuet man den vierten Theil Gyps 
darunter, und sobald dieser haftet, schlägt man durch ein 
Mehlsieb ab. Was zurückbleibt heisst die aufgehaltene 
und sie ist zugleich die grösste. Die durchgegangene heisst, 
wenn sie durch ein noch engeres Sieb geschlagen ist, die 
mittlere; die in dem 3., engsten, Siebe zurückgebliebene, 
welche nur den Sand hindurchgelassen hat, die gesiebte. 
Ausserdem verfälscht man sie noch auf andere Weise. Man 
liest nämlich vom Weizen die weissesten und grössten 
Körner aus, kocht sie in Töpfen halb gar, trocknet sie 
dann erst etwas an der Sonne, feuchtet sie wiederum 
schwach an, und schrotet sie in Mühlen. Die Zea giebt 



') aphaerema. 

2) Greta ist nicht unsere Kreide sondern eine thonige Erde. S. 
XXXV. B. 57. Cap. 



Achtzehntes Buch. 355 

ein schöneres Korn als der Weizen, obgleich diess ein 
Fehler der Alica ist. Weisse erhält sie aber statt durch 
Greta, durch die Vermischung mit darangekochter Milch. 

30. 
Wir wollen nun von den Hülsenfrüchten reden, 
unter denendiegrosseB oh nei)ammeisten geachtet zu werden 
verdient, denn man hat sogar aus ihr Brot zu backen ver- 
sucht. Ihr Mehl heisst Lomentum, und übertrifft an Ge- 
wicht das der Getreidearten und aller übrigen Hülsen- 
früchte. Die Bohne wird bereits als Futter verkauft, und 
ist von vielfältigem Nutzen für alle vierfiissigen Thiere, 
ganz vorzüglich aber für den Menschen. Die meisten Völker 
mengen sie sogar unter das Getreide, am meisten ganz 
unter das Panicum, und noch besser gescbroten. Ja, einem 
alten Gebrauche zufolge, ist der Bohnenbrei ein würdiges 
Opfer bei gottesdienstlicheu Handlungen. Sie ist kräftiger 
als alles andere Zugemüse, und man glaubt, sie mache die 
Sinne stumpf und errege Schlaflosigkeit. Deshalb, oder, 
wie Andere angeben, weil die Seelen der Verstorbenen 
darin wären, verbot Pythagoras, sie zu essen. Aus letzterm 
Grunde nimmt man sie gewöhnlich zu den Todtenopfern. 
Varro berichtet, dieserhalb und weil in ihrer Blüthe trau- 
rige Buchstaben ständen, esse sie der Oberpriester nicht. 
Bei der Bohne beobachtet man einen eigenthümlichen reli- 
giösen Gebrauch; man bringt nämlich, eines guten Anfangs 
wegen, die Bohne unter allen Feldfrüchten zuerst ein, und 
davon führt sie den Namen die Vorgängerin, Man hält sie 
auch für Gewinn bringend, wenn sie bei Versteigerungen 
mitgenommen wird. Sie ist die einzige Frucht, welche, 
wenn gleich ausgefressen, doch bei zunehmendem Monde 
wieder vollwächst. In Seewasser oder anderm gesalzenem 
Wasser lässt sie sich nicht kochen. 

Die Bohne wird unter allen Hülsenfrüchten zuerst, vor 
dem Untergange des Siebengestirns gesäet, so dass sie noch 
dem Winter vorhergeht. Nach Virgil soll man sie im Frtih- 



') faba. Vicia Faba L., die Saubohne. 

23* 



356 Achtzelintes Bucb. 

ling säen, wie es die Italiener am Po tliun; aber die Mei- 
sten wollen lieber zeitig bestellte Bolinenfelder, als in 3 
Monaten die Frucht, denn ihre Hülsen und Stengel werden 
vom Vieh sehr gern gefressen. Während der Blüthezeit 
verlangen sie viel, späterhin aber nur wenig Wasser. Für 
den Boden, in welchem sie stehen, versehen sie die Stelle 
des Düngers; daher pflügt man in Macedonien und Thessa- 
lien die Felder um, sobald sie anfangen zu blühen. 

Sie wächst an vielen Orten wild, wie z. B. auf den 
Inseln des nördlichen Oceaus, welche wir daher die Bohuen- 
inseln nennen; ferner in Mauritanien, wo sie aber sehr hart 
ist und nicht weich gekocht werden kann. — In Aegypten 
wächst die Bohne i) an einem dornigen Stengel; daher wird 
sie von den Crocodilen, welche ihrer Augen wegen besorgt 
sind, gemieden. Ihr Stengel misst 4 Cubitus, ist sehr dick, 
hat keine Gelenke und eine weiche Consistenz; in einer 
dem Mohnkopfe ähnlichen rosenrothen Frucht sitzen nicht 
über 30 Bohnen. Die Blätter sind breit, die Frucht schmeckt 
bitter und riecht, aber die Wurzel ist roh oder gekocht eine 
beliebte Speise der dortigen Bewohner, und sieht der Rohr- 
wurzel ähnlich. Sie wächst auch in Syrien, Cilicien nnd 

am See Toro in Chalcis. 

31. 

Unter den Hülsenfrüchten wird im November bei uns 
die Linse, und in Griechenland die Erbse gesäet. Die 
Linse liebt eher einen magern als fetten Boden und trockne 
Luft. Es giebt davon 2 Arten in Aegypten; die eine ist 
runder und schwärzer, die andere hat die gewöhnliche Ge- 
stalt. Von den Linsen hat man nach dem verschiedenen 
Gebrauche den Namen auf gewisse Geschirre 2) übertragen. 
Ich finde bei mehreru Schriftstellern angeführt, dass das 
Linsenessen die Menschen gelassen mache. Die Erbse muss 
an sonnige Plätze gesäet werden, weil sie sehr empfindlich 
gegen die Kälte ist; daher säet man sie in Italien und in 



1) Diese ägyptische Bohne kommt von Nelumbium speciosum 
(Nymphaea Nelumbo). -) knticulae. 



Achtzehntes Buch. 357 

rauhem Himmelsstriclien nur im Frühlioge, und zwar auf 
leichten und lockern Boden. 

32. 

Zugleich mit der Kichererbse erzeugt sich ein sal- 
ziger Körper, und daher kommt es, dass sie den Boden 
ausdörrt. Sie darf nicht anders, als Tags vorher angenetzt, 
gesäet werden. Es giebt mehrere Arten und diese unter- 
scheiden sich durch die Grösse, Gestalt, Farbe und den 
Geschmack. Eine nämlich gleicht einem Widderkopfe, wo- 
her sie auch ihren Namen hat i), ist schwarz und weiss. 
Eine andere, Taubenkicher oder Venuskicher genannt, ist 
weiss, rund, leicht, kleiner als die widderköpfige, und dient 
bei gottesdienstlichen Handlungen in den Nachtwachen. 
Eine dritte 2) ist klein, ungleich und eckig wie die Erbse. 
Am süssesten aber ist die, welche der Erve gleicht. Die 
schwarze und röthliche ist fester als die weisse. 

33. 

Die Kicher hat eine runde Schote, die übrigen Hülsen - 
gewäclise hingegen eine längliche, und nach der Gestalt ihres 
Samens breite; die Erbse eine cylindrische. Die Schoten 
von den Schwer tbohuen 3) isst man mit den Samen. 
Man kann sie in jedes beliebige Erdreich von Mitte October 
bis Anfang November säen. Die Hülsenfrüchte muss man, 
sobald sie reif werden, einbringen, weil sie bald aufspringen, 
und, einmal abgefallen, nicht gut zu finden sind. Dasselbe 
gilt von der Wolfsbohne. Doch, wir wollen erst von den 
Rüben reden. 

34. 

Die weissen Rüben ^) sind von den römischen Schrift- 
stellern nur flüchtig berührt, von den Griechen etwas aus- 
führlicher, jedoch mit unter den Gartengewächsen beschrie- 
ben worden. Wenn es der Ordnung nach gehen sollte, so 



•) Cicer arietinum L. 

2) Cicercula. Lathyrus sativus L. 

3) faseoli. Phaseolus vulg, L. 
^) Rapa. Brassica Rapa L, 



358 Achtzehntes Buch. 

müsste man sie unmittelbar nach dem Getreide oder wenig- 
stens nach den Bohnen abhandeln, weil nächst diesen kein 
Gewächs nützlicher ist. Denn vor allen andern dienen sie zur 
Nahrung sämmtlicherThiere, und sind nicht das schlechteste 
Futter für das Federvieh auf dem Lande, zumal wenn sie 
in Wasser abgesotten werden. Die vierfüssigen Thiere 
fressen auch die Blätter gern. Selbst der Mensch liebt zu 
seiner Zeit das Kraut nicht weniger als die jungen Spros- 
sen, und sogar die gelblichen und in den Kellern fast ab- 
gestorbenen Rüben mehr als die frischen. Sie halten sich, 
wenn man sie in ihrer Erde i) aufbewahrt, und dann zum 
Trocknen hinlegt, so lange bis wieder neue da sind; auch 
beugen sie dem Hunger vor. Nächst dem Weine und Ge- 
treide ist die Rübe die dritte Frucht, welche den Völkern 
jenseits des Po Gewinn bringt. Sie bedarf keines sorg- 
fältig ausgesuchten Bodens, sondern wächst da, wo sonst 
nichts fortkommt. Selbst durch Nebel, Reif und Kälte ge- 
deihet sie zu ausserordentlichem Umfange; ich habe welche 
gesehen, die über 40 Pfund wogen. Zu unsern Speisen 
eignet sie sich auf mehrfache Weise; zu andern wird sie 
genommen, wenn dieselben durch die Schärfe des Senfs ge- 
mildert sind. Ferner wird sie, ausser ihrer eignen, noch 
mit 6 andern Farben, sogar mit Purpur, bemalt. Ausser- 
dem taugt das Färben für keine der übrigen Speisen. 

Die Griechen unterscheiden 2 Hauptarteii, ein Männchen 
und ein Weibchen, welche beide aus ein und demselben 
Samen entstehen; wird nämlich dieser etwas dicht gesäet, 
oder in einen schweren Boden gebracht, so wächst das 
Männchen daraus. Je feiner der Same, um so besser ist 
er. Ueberhaupt aber giebt es 3 Arten , denn entweder 
breiten sie sich weit aus, oder werden kugelrund, oder 
haben (und diese dritte Art heisst die wilde) eine lang 
auslaufende Wurzel, wie der Rettig, eckige rauhe Blätter 
und einen scharfen Saft, welcher, um die Zeit der Erndte 
entnommen und mit Frauenmilch vermischt, die Augen 



') D. h. in welcher sie srewachsen sind. 



Achtzehntes Buch. 359 

reinigt und klar macht. Man glaubt, die Rüben würden 
durch Kälte süsser und grösser; Wärme macht, dass sie in 
Blätter schiessen. Die besten wachsen im Nursinischen 
Gebiete, kosten pro Pfund 1 Sesterz, und, sind sie selten, 
zwei. Die nächste (2.) Sorte wächst im Algidischen. 

35. 

Die amiterninischen Steckrüben i), welche jenen sehr 
nahe kommen, lieben gleichfalls die Kälte. Man säet sie 
vor Anfang März, und zwar auf 1 Jugerum 4 Sextarien. 
Genauere Landwirthe sagen, man müsse die Steckrübe in 
die fünfte, die weisse in die 4. Furche säen, und beide 
düngen. Die weissen Rüben sollen üppiger wachsen, wenn 
sie sammt den Hülsen gesäet werden. Der Säemann soll 
unbekleidet sein und beten: er säe für sich und die Nach- 
barn. Die rechte Säezeit für beide Arten liegt zwischen 
den Festen der beiden^ Gottheiten Neptun und Vulkan-). 
Einer scharfsinnigen Beobachtung zufolge sollen sie ausser- 
ordentlich gut gedeihen, wenn sie innerhalb der soeben 
festgesetzten Zeit an demselben Monatstage gesäet werden, 
an welchem im vergangenen Winter der erste Schnee ge- 
fallen war. In warmen und feuchten Gegenden säet man 
sie auch im Frtihlinge. 

36. 

Hierauf folgt hinsichtlich des Nutzens die W o If s b o h n e 3), 
denn sie ist sowohl für die Menschen als auch für die klauen- 
fübrenden Vierfüsser ein Nahrungsmittel. Man muss darauf 
achten, dass sie den Schnittern nicht durch Aufspringen 
entwischt, oder vom Regen weggeführt wird. Keine andere 
Pflanze, welche gesäet wird, zeigt eine wunderbarere An- 
hänglichkeit an die Erde als diese. Erstens drehet sie sich 
täglich mit der Sonne herum, und giebt auch bei trübem 
Wetter dem Landmann die Tageszeit an. Ferner blühet 
sie dreimal; sie liebt die Erde und will nicht von der Erde 



*) Napi. Brassica campestris. var. Napobrassica L. 

2) Das Fest des Neptun fiel in den August. 

•=•; Lupinus. Lupinus hirsutus L. und L. angustifolius L. 



360 Achtzehntes Buch. 

bedeckt sein. Sie allein wird auf ungepflügtes Land ge- 
säet, liebt vorzüglich sandigen, trocknen, ja selbst steinigen 
Boden, und entbehrt am liebsten aller Wartung. Sie liebt 
die Erde so sehr, dass, wenn man sie auf einem mit Ge- 
sträuch überwachsenen Boden unter Laub und Dornen wirft, 
sie dennoch mit ihrer Wurzel zur Erde gelangt. Dass sie 
die Aecker und Weinberge dünge, haben wir bereits ge- 
sagt; und sie bedarf so wenig des Mistes, dass sie die 
Stelle des besten vertritt. Kein anderes Gewächs macht 
weniger Unkosten, denn man braucht sie nicht einmal da- 
hin zu bringen, wohin man sie säen will; das Säen ge- 
schieht gleich auf dem Felde, und da sie von selbst aus- 
fällt, so bedarf sie des Ausstreuens nicht. Sie wird zuerst 
gesäet und zuletzt eingeerntet; beides geschieht im Sep- 
tember, weil die Kälte ihr leicht Schaden bringen kann. 
Uebrigens liegt sie ganz sicher, wenn sie auch vergessen 
wird, vorausgesetzt, dass nicht plötzlich eintretende Regen- 
güsse sie in die Erde drücken, denn vor den Thieren schützt 
sie ihre Bitterkeit, Jedoch pflegt man sie in einer schwa- 
chen Vertiefung zu halten. Von den dichtem Erdarten 
liebt sie am meisten die rothe. Um diese zu düngen, muss 
-sie nach der dritten Blüthe, im Sande aber nach der zwei- 
ten unterpflügt werden. In thonigem, sowie in schlammigem 
Boden gedeihet sie nicht. In warmem Wasser eingeweicht 
dient sie auch dem Menschen zur Speise. Einen Ochsen 
macht 1 Modius satt und stark. Kindern auf den Leib ge- 
legt wirkt sie als Heilmittel. Am besten bewahrt man sie 
im Rauche auf, weil an feuchten Orten Würmer ihren 
Keim anfressen und sie unfruchtbar machen. Wenn man 
ihr Laub hat abweiden lassen, muss man das Feld sogleich 
umpflügen. 

37. 
Auch die Wicke ^) macht den Acker fett und dem 
Landmann wenig Mühe. Sie wird in Furchen gesäet, weder 
behackt noch gedüngt, sondern nur beegget. Man säet sie^ 



1) Vicia. Vicia sativa L. 



Achtzehntes Buch. 361 

zu 3 Jahreszeiten: beim Untergange des Bären, um im 
December abgeweidet zu werden, welches die beste Zeit 
zum Samenziehen ist, denn sie trägt auch abgeweidet gut. 
Die zweite Periode fällt in den Januar, die letzte in den 
März, und diese eignet sich am besten zum grünen Futter. 
Unter allen Gewächsen, welche gesäet werden, liebt sie 
die Trockenheit am meisten, steht aber auch gern schattig. 
Ihre Samenhtilsen werden, wenn sie reif eingesammelt ist. 
allen andern vorgezogen. Den Weinstöcken entzieht sie den 
Saft, und diese werden entkräftet, wenn man sie auf Aecker, 
wo der Wein an Bäumen gezogen wird, säet. 

38. 

Ebenso erfordert die Erve*) keine mühsame Wartung. 
Sie wird mehr als die Wicke gegätet, und besitzt selbst 
arzneiliche Kräfte. In den Briefen des Kaisers Augustus 
heisst es, er sei durch Erven genesen. Die Aussaat von 
.5 Modius reicht gerade für ein paar Ochsen hin. Die im 
März gesäete soll dem Rindvieh schädlich sein, die im 
Herbste gesäete erzeuge Schnupfen, aber die im Anfange 
des Frühlings gesäete sei unschädlich. 

39. 

Auch der Bockshorn 2), das ist der griechische Heu- 
same, wird in Furchen, die nicht tiefer als 4 Finger breit 
sind, gesäet, und je schlechter er behandelt wird, desto- 
besser kommt er fort. Es ist gewiss eine seltsame Be- 
hauptung, dass es etwas gäbe, was durch Vernachlässigung 
am besten gedeihe. Das was man Seeale und Farrago 
nennt, braucht bloss geegget zu werden. 

40. 

Das Seeale ^) heisst zu Turin an den Alpen Asia, 
ist eine der schlechtesten Kornarten und dient bloss zur 
Verhütung von Hungersnoth; sein Halm ist fruchtbar aber 
schwach, von traurig schwarzer Farbe, aber bedeutendem. 



') Ervum Vicia Ervilia L. 

'■^) Silicia. Trigonella Foenum graecum L. 

3) Secale cereale L., der Roggen. 



362 Achtzehntes Buch. 

Gewichte. Um seine Bitterkeit zu mildern, vermischt man 
es mit Dinkel, und dessen ungeachtet bekommt es dem 
Magen nicht gut. Es giebt auf jedem Boden hundertfäl- 
tiges Korn, und dient sogar demselben zur Erfrischung. 

41. 

Farrago heisst das Korn, was durch dichtes Aussäen 
des Abgangs vom Dinkel, dem mitunter auch noch Wicken 
beigemengt sind, gewonnen wird. In Afrika liefert die 
Gerste das Material dazu. Alles diess dient zum Futter für 
das Vieh, desgleichen die von den Hülsenfrüchten aus- 
artende sogenannte Vogelwicke ^), welche die Tauben 
sogern fressen, dass, wenn man sie einmal damit gefüttert 
hat, sie niemals von dem Orte wegfliegen. 

42. 

Die Alten hatten eine Futterart, welche Cato Ocimum^) 
nennt, Avomit sie beim Kindvieh den Durchfall curirten. Es 
gehörte zu den Kräutern, welche man grün abmähen musste, 
bevor es fror. Sura Mamilius ^) spricht sich anders darüber 
aus, denn er sagt, man habe 10 Modius Bohnen, 2 Wicken 
und ebenso viel Ervilie^) untereinander gemischt und im 
Herbste auf 1 Jugerun Land gesäet. Besser sei es, griechi- 
schen Hafer (dessen Same nicht abfällt) darunter zu mischen. 
Dieses habe man Ocymum genannt und bloss für das 
Rindvieh gesäet. Varro glaubt, es sei wegen der Schnellig- 
keit seines Wachsthums, nach dem griechischen Worte 
<üiivg ^) benannt worden. 

43, 

Die Luzerne 6) ist ebenfalls in Griechenland nicht 
einheimisch, sondern erst durch die Kriege der Perser, 
womit Darius Medien überzog, dort eingeführt, verdient 
aber einer besondern Erwähnung, deun sie giebt so reich- 



>) Cracca. Yicia Cracca L. 

^) Das Basilienkraut, Ocimuui Basilicum L. kann hier unmöglich 
gemeint sein. ^) Ein nicht näher bekannter Autor. 
'*) Lathyrus Cicera L. ^) schnell, 
ß) Medica. Medicago sativa L. 



Achtzehntes Buch. 3()3 

lieh aus, dass sie, einmal gesäet, mehr als 30 Jahre aus- 
ilauert. Sie gleicht dem Klee, Steugel und Blätter sind 
geknieet, und alles was au dem Stengel empor wächst, 
wird zu Blättern. Von ihr und dem Cytisus i) hat Amphi- 
loehus 2) ein Buch geschrieben, worin er sie mit einander 
verwechselt. Der Boden, in welchen man sie säet, wird 
von Steinen gereinigt und im Herbste umgeackert, nach 
dem Pflügen und Eggen aber nochmals und ein drittes Mal, 
jedes Mal nach 5 Tagen, unter Zusatz von Mist mit einer 
•Egge tiberfahren. Sie erfordert einen trocknen aber saft- 
reichen oder bewässerten Boden. Nach diesen Vorberei- 
tungen säet man sie im Mai; widrigenfalls leidet sie vom 
Reif. Der Same muss so dicht liegen, dass keine andern 
Kräuter neben ihm aufkommen können, was man erreicht, 
wenn man auf 1 Jugerum 20 Modius nimmt. Damit er 
sieb nicht brenne, muss er sogleich mit Erde bedeckt wer- 
den. Ist der Boden feucht oder grasig, so wird die Luzerne 
unterdrückt und das Land zur Wiese; daher muss sofort 
alles Gras, sobald es nur 1 Zoll hoch ist, entfernt werden, 
was besser mit der Hand als mit dem Spaten geschieht. 
Sie wird geschnitten, sobald sie zu blühen beginnt und 
so oft sie wieder Blüthen ansetzt, was jährlich 6 mal, min- 
destens aber 4 mal eintritt. Das Reifen des Samens ver- 
hüte man, denn bis in's dritte Jahr bringt sie als Futter 
mehr Nutzen. Im Frühlinge muss sie gesäet, auch von 
allen Kräutern befreiet werden; bis in's dritte Jahr säubere 
man sie am Boden mit Hacken. Auf diese Weise gehen 
die übrigen Kräuter zu Grunde, ohne dass sie selbst Scha- 
den leiden, denn ihre Wurzeln steigen tief hinab. Wenn 
das Unkraut die Oberhand bekommen hat, so hilft weiter 
nichts, als das Land so lange umzuackern, bis alle fremd- 
artigen Wurzeln vertilgt sind. Dem Vieh darf man nicht 
so viel davon geben bis es gesättigt ist, weil man ihm 



') Medicago arborea L. 

2) Aus Athen; seine übrigen Lebenverhältnisse sind unbekannt 
auch seine Schiiften nicht mehr vorhanden. 



364 Achtzehntes Buch. 

sonst Blut lassen muss. Im grünen Zustande ist sie ein 
besseres Futter. Sie vertrocknet wie Holz und zerfällt zu- 
letzt zu einem unbrauchbaren Pulver. Vom Cytisus, der 
gleichfalls einen vorzüglichen Rang unter den Futterge- 
wächsen einnimmt, haben wir bei den Sträuchern schon 
ausführlich geredet. Jetzt wollen wir von der Natur aller 
Feldfrüchte handeln, und ein besonderes Capitel ihren 
Krankheiten widmen. 

44. 

Die erste aller Untugenden des Getreides, in welche 
auch die Gerste ausartet, ist der Hafer ^). Er ist gleich- 
falls eine Art Getreide, denn die Völker Deutschlands bauen 
ihn und bedienen sich keines andern Teiges. Das Aus- 
arten in Hafer rührt hauptsächlich von feuchter Luft und 
Boden her. Eine zweite Ursache liegt in der Schwäche 
des Samens, wenn er zu lange in der Erde liegt bis er zu 
keimen beginnt und hervorbricht; desgleichen, wenn er 
schon beim Säen wurmstichig war. Man erkennt diesen 
Fehler aber sogleich beim Hervorbrechen aus der Erde, ein 
Beweis, dass das Uebel in der Wurzel liegt. Eine andere 
dem Hafer verwandte Untugend ist die, wenn das Korn 
angefangen hat zu quellen, aber in noch unreifem Zustande 
(bevor es stark genug geworden), durch schädlichen Luft- 
zug entleert wird, und so, gleichsam wie durch eine un- 
zeitige Geburt, in der Aehre verschwindet 2). 

Die Winde schaden zu 3 Zeiten dem Getreide und der 
Gerste: während der Blüthe, kurz nach derselben und beim 
Beginn der Fruchtreife. Im letztern Falle werden die Körner 
taub, in den beiden erstem wird ihre Bildung verhindert. 
Auch die Sonne schadet, wenn sie oft durch Wolken bricht. 
Ferner erzeugen sich Würmer an der Wurzel, wenn nach 
der Aussaat Regen gefallen ist, und plötzlich eintretende 
Wärme die Feuchtigkeit eingeschlossen hält; sie entstehen 
im Korne, wenn die Hitze die Regentropfen in der Aehre 



') Avena. Avena fativa L. 

*) Plinius meint hier den tauben Hafer, Avena fatua L, 



Achtzehntes Buch. 365 

erwärmt. Auch giebt es einen kleinen Käfer, welcher Can- 
tharis heisst, und das Getreide benagt. Alle diese Thiere 
sterben, sobald ihre Nahrung aufgezehrt ist. Oel, Pech und 
Schmalz schaden den Samen, man muss sich daher hüten, 
«olche zu säen, welche damit in Berührung gekommen sind. 
Regen ist nur dann dienlich, wenn die Pflanzen erst Blätter 
getrieben; sobald Getreide und Gerste blühen, schadet er 
ihnen, nicht aber den Hülsenfrüchten, mit Ausnahme der 
Kicher. Reifendes Getreide und noch mehr die Gerste 
leidet vom Regen. Es giebt auch ein weisses, dem Pani- 
cum ähnliches Kraut, welches die Aecker überzieht, und 
auf das Vieh tödtlich wirkt. Den Lolch i), den Felddorn 2), 
die Disteln und Kletten, desgleichen die Brombeersträuche, 
möchte ich dagegen eher zu den Krankheiten der Feld- 
früchte als zu den seuchenartigen Auswüchsen der Erde 
rechnen. Ein aus der Luft herrührendes, den Feldfrüchten 
und Weiustöcken nicht weniger schädliches Uebel ist der 
Brand. Er entsteht am häufigsten in thaureichen Gegenden, 
in Thäleru und da, wo kein Luftzug stattfindet; dahingegen 
trifft man ihn nicht in solchen, welche dem Winde ausge- 
setzt sind und hoch liegen. Zu den Fehlern des Getreides 
gehört auch das Wuchern, in Folge dessen es unter der 
Last seiner Frucht erliegt. Eine Krankheit aber, welche 
alle Saaten miteinander theilen, ist die sogenannte Raupe 3); 
sie befällt auch die Kicher, wenn der Regen ihren Salz- 
gehalt wegspült und sie dadurch süsser macht. 

Ein Kraut, Namens Ervenwürger *), tödtet die Kicher 
und Erve durch Umschlingen; der Weizen erleidet dasselbe 
Schicksal durch die Aera ^), die Gerste durch die Festuca, 
welche Aegilops ß) heisst, die Linse durch das Beilkraut ''), 
welches die Griechen wegen der Aehnlichkeit mit einem 



•) Lolium. L. temulentum L. -) Tribulus. Tr. ten-estris L. 

3) urica. 

^) Orobanche. Nicht unsere 0., sondern Lathyrus Aphaca L. 
Orobanche des Dioscorides ist dagegen die Schmarotzerpflanze Oro 
banche grandiflora Bory. ^) Aera. Ist Lolium temulentum L. 

ßj Aegilops ovata L. '} Securidaca. Coronilla securidaca L. 



366 Achtzelintes Buch, 

Beil Pelecinon *) nennen. Alle diese tödten durch Um-^ 
schlingen. Bei Philippi nennt man ein Kraut, welches auf 
fettem Boden wächst und die Bohne tödtet, Ateramnon; 
Teramnon aber, wenn diess auf magerm Boden geschieht, 
wo dann der Wind die Feuchtigkeit heranwehet. Die Aera 
trägt äusserst kleine Körner in stachlichten Hüllen; im 
Brote genossen erregt sie bald Schwindel, und in Asien 
und Griechenland sollen die Bader, wenn sie zu viele 
Menschen vertreiben wollen, diesen Samen auf Kohlen 
streuen. In der Erve entsteht auch, wenn der Winter feucht 
ist, eine Art giftiger Spinnen. In den Wicken entstehen 
Schnecken, und zuweilen kommen aus der Erde kleine 
Schnecken, von welchen sie merkwürdigerweise ganz zer- 
nagt werden. — Diess sind so ziemlich die Krankheiten 
der Feldfrtichte. 

45. 
Die Hülfsmittel dagegen sind in Bezug auf die 
Kräuter die Hacke, und, wenn der Same ausgeworfen wird, 
die Asche. Diejenigen Krankheiten aber, welche im Samen 
und der Wurzel ihren Sitz haben, müssen von vornherein 
sorgfältig vermieden werden. Samen, welche vorher in 
Wein gelegen, sollen weniger zum Erkranken geneigt sein. 
Virgil empfielt, die Bohnen in Soda und Oelsatz einzuwei- 
chen, wodurch sie zugleich recht gross würden. Einige aber 
sind der Meinung, sie wüchsen vorzüglich, wenn sie 3 Tage 
vor der Aussaat in Urin und Wasser eingeweicht würden. 
Wenn man sie 3 mal gäte, so gäbe 1 Modius ganze 1 Mo- 
dius geschrotete. Die übrigen Samen wären dem Wurm- 
frasse nicht ausgesetzt, wenn man sie mit zerstossenen 
Cypressenblättern vermische, oder auch wenn sie während 
des Neumondes gesäet würden. Viele geben an, man solle, 
um die Hirse zu schützen, des Nachts eine Kröte um das 
Feld tragen, bevor es gegätet würde, und dieselbe mitten 
darauf in einem irdenen Geschirr vergraben; diess halte 
die Sperlinge und Würmer ab. Die Kröte mtisste aber,. 



•) von TteXexvd Beil. 



Achtzehntes Buch. 367" 

vor dem Schneiden der Hirse, wieder herausgescharrt wer- 
den, sonst würde diese bitter. Ja, wenn man die Samen 
mit dem Vorderbug eines Maulwurfs berühre, so gäben sie 
eine reichere Erndte. Democritus sehreibt vor, alle Samen 
vor dem Säen mit dem Safte eines Krautes, welches Immer- 
grün 1), lateinisch aber Sedum oder Digitellum heisst, und 
auf Dächern und Brettern wächst, zu behandeln. Gewöhn- 
lich aber, wenn die Süssigkeit schädlich sein könnte oder 
Würmer sich an die Wurzeln setzen, hilft man dadurch^ 
dass man die Samen mit blossem Oelsatze ohne Salz be- 
sprengt, dann gätet, und wenn die Saat 1 Schuss getrieben 
hat, wieder reinigt, damit das Unkraut nicht überhand 
nimmt. Um die verderblichen Schwärme der Staare und 
Sperlinge von der Hirse und dem Panicum abzuhalten,, 
gräbt man, wie ich weiss, ein Kraut, dessen Name nicht 
bekannt ist, an den 4 Ecken des Saatfeldes ein, und merk- 
würdigerweise berührt dann kein Vogel dasselbe. Die 
Mäuse vertreibt man, wenn man die Samen mit der Asche 
eines Wiesels oder einer Katze, welche in Wasser eingerührt 
war, oder mit der Abkochung dieser Thiere in Wasser be- 
sprengt. Allein, da der üble Geruch dieser Thiere sich auch 
dem Brote mittheilt, so zieht man es vor, den Samen mit 
Ochsengalle zu befeuchten. Der Brand, dieses grösste 
Uebel der Saaten, geht aus dem Acker in die Blätter über, 
wenn man Lorbeerzweige in das Land steckt. Das wuchernde 
Wachsthum der Saaten wird, wenigstens so lange sie bloss 
Blätter getrieben haben, durch Rindviehzähne gedämpft, und 
wenn sie gleich öfter abgeweidet werden, so schadet diess 
der nachherigen Frucht doch nichts. So viel ist gewiss, 
dass nach einmaligem Schnitt das Korn länger aber taub 
wird, und keinen Samen bringt. Bei Babylon schneiden 
sie 2 mal, und zum dritten Male lassen sie abweiden; sonst 
triebe die Pflanze nichts als Blätter. So giebt selbst ein 
schlechter Boden fünfzigfachen, ja umsichtigem Landwirthen 
hundertfachen Ertrag. Es ist auch keine grosse Mühe, so 



•) Aizoon. Sempervivum tectorum L, Hauslauch. 



368 Achtzelintes Buch. 

lange als möglieb zu begiessen, damit die allzufette und 
zu sehr angehäufte fruchtbare Materie vertheilt werde. Der 
Euphrat und Tigris führen keinen Schlamm zu wie der Kil 
in Aegypten; auch erzeugt das Land selbst keine Kräuter, 
(Unkraut); die dortige Gegend ist aber so fruchtbar, dass 
sich im folgenden Jahre die Saat von selbst wieder her- 
stellt, wenn die Samen durch Eintreten in die Erde ge- 
bracht sind. Diese grosse Verschiedenheit des Bodens be- 
stimmt mich, die Bodenarten nach den Feidfrüchten ein- 

zutheilen. 

46. 
Cato's ürtheil darüber lautet: In dichten und frucht- 
baren Boden säe man Getreide, ist aber viel Nebel vor- 
handen, Rettig, Hirse, Panicum. An kalten und feuchten 
Orten müsse man zuerst säen, sodann an warmen. In roth- 
lehmigen, schwarzen oder sandigen Boden säe, wenn er 
nicht wässrig ist, Wolfsbohnen; in kalkigen, rotherdigen 
und wässerigen: Adoreum; in trocknen, nicht mit Unkraut, 
bewachsenen, auch nicht schattigen: Weizen; in kräftigen: 
grosse Bohnen. Wicken niemals in wässrigen und grasigen; 
Siligo und Weizen in offenen und hochliegenden, welcher 
der Sonne am längsten ausgesetzt ist; die Linse in mit 
Gebüsch bewachsenen und röthelartigeu, aber nicht grasigen; 
die Gerste in Brachland und solches, was jährlich wieder 
bebauet werden kann; dreimonatliches Korn aber, wenn 
die Aussaat nicht zur Reife gebracht werden kann und das 
Land so dicht ist, dass es das künftigie Jahr wieder zu 
bebauen ist. Auch folgende Ansicht zeugt von Scharfsinn: 
man müsse das, was nicht viel Saft nöthig hätte, z. B. den 
Cytisus, in lockeres Erdreich säen, und, mit Ausnahme der 
Kicher, müssten alle Hülsengewächse, welche aus der 
Erde gerissen werden, nicht abgeschnitten werden. Daher 
haben sie auch den Namen Legumina bekommen, weil sie 
auf diese Weise eingesammelt^) werden. In einen fetten 
Boden aber gehört das, was mehr Nahrung liefert, wie Kohl, 
Weizen, Siligo und Lein. Daher wird man der Gerste einen 

'j leguntur. 



Achtzehntes Buch. 369 

magern Boden geben, denn ihre Wurzel bedarf weniger 
Kahrung; dem Weizen ein leichteres und dichteres Erdreich. 
An einen niedrigen Ort soll man lieber Dinkel als Weizen 
säen, an einen gemässigten Weizen und Gerste. Auf Hü- 
geln wächst kräftigerer aber weniger Weizen. Dinkel und 
Siligo stehen gern in kalkigem und sumpfigem Boden. 
Mit den Feldfrüchten hat sich (so viel ich gefunden habe) 
einmal ein Wunder ereignet; in demselben Jahre, als Han- 
nibal unter dem Consulate des P. Aelius und Cn. Cornelius be- 
siegt ward, soll nämlich Getreide auf Bäumen gewachsen sein. 

47. 
Nachdem wir von den Arten der Feldfrüchte und des 
Bodens ausführlich geredet haben, wollen wir vom Pflügen 
handeln, und zuerst der Leichtigkeit, mit welcher diese Ar- 
beit in Aegypten verrichtet wird, erwähnen. Der Nil ver- 
sieht daselbst die Stelle des Ackermannes; er fängt, wie 
früher gesagt, mit der Sonnenwende und dem Neumonde 
an erst langsam, hiernach stärker, und so lange als die 
Sonne im Löwen steht, zu steigen. Bald nachher, wenu 
die Sonne in's Zeichen der Jungfrau getreten ist, wird er 
träger, und wenn die Sonne in der Waage steht, bleibt er 
ganz ruhig. Wenn er nicht über 12 Ellen gegangen ist, 
erfolgt unausbleiblich Hungersnoth; ebenso wenn sein Stei- 
gen mehr als 16 Ellen beträgt. Denn je höher er gestiegen, 
um so langsamer fällt er wieder, und hindert das Säen. 
Man glaubte sonst allgemein, dass, sobald er zurückgetreten 
sei, die Einwohner gesäet, dann Schweine darauf getrieben 
hätten, welche die Saat mit ihren Füssen in den nassen 
Boden eintraten; und ich glaube auch, dass diess vor Zeiten 
geschehen ist. Jetzt giebt man sich indessen keine viel 
grössere Mühe, allein so viel ist gewiss, dass man das 
zuvor in den Schlamm des zurückgetretenen Flusses ge- 
brachte Korn, d. h. im Anfange des Novembers unterpflügt. 
Einige gäten nachher und nennen diese Operation Botauis- 
mus. Die Uebrigen sehen ihr Land nicht eher wieder als 
mit der Sichel in der Hand, kurz vor dem Anfange des 
Aprils. Die Erndte wird im Mai vollendet; die Halme sind 

Wittstein: Plinius. III. Bd. 24 



370 Achtzehntes Buch. 

niemals 1 Elle hoch, denn unten liegt Sand, und der Same 
hält sich nur in dem Schlamm. Das Getreide im theba- 
nischen Gebiete ist vorzüglicher, weil Aegypten sumpfig 
ist. Eine ähnliche aber viel glücklichere Productionsweise 
bietet das seleucische Babylon, wo der Euphrat und Tigris 
überschwemmen, dar, weil dort die Bewässerung durch 
Menschenhände regulirt wird. In Syrien pflügt mau auch 
schwache Furchen, während in Italien oft 8 Ochsen vor 
1 Pfluge keuchen. In jedem Theile des Ackerbaues, be- 
sonders aber in diesem, gilt der alte Spruch: dass eine jede 
Gegend ihre Mängel hat. 

48. 

Es giebt mehrere Arten von Pflugscharen. Messer 
nennt man diejenige, womit man sehr festes Land durch- 
schneidet, bevor es völlig umgearbeitet wird, und womit 
man die Spur der künftigen Furchen durch blosse Ein- 
schnitte angedeutet, die der zurückgebogene Pflug später 
durchbrechen soll. Die zweite Art, mit vorstehendem Eisen, 
ist die gewöhnliche. Eine dritte, an welcher der Schar- 
baum nicht ganz fortläuft, sondern nur vorn eine kleine 
Spitze hat, wird in leichtem Boden gebraucht. Diese Spitze 
ist in der vierten Art breiter, aber vorn mehr zugespitzt 
und geschärft, um mit dieser Schneide den Boden und die 
Wurzeln des Unkrauts zu spalten. Diese letztere Art hat 
man unlängst im rhätischen Gallien erfunden; Andere geben 
ihr noch 2 kleine Räder, und nennen nun diese Art einen 
Flachpflug. Die Schneide hat die Gestalt eines Spatens. 
Sie säen also nur auf beackertes und gleichsam neues Land. 
Die breite Seite des Pfluges wendet die Käsen um. Den 
Samen werfen sie sogleich hinein und ziehen mit Eggen 
darüber hin. Bei diesem Verfahren darf die Saat nicht 
behackt werden. Sie pflügen aber auf die beschriebene 
Weise mit 2 oder 3 Zügen Ochsen. Auf 1 Paar Ochsen 
kann man jährlich vierzig Jugera leichten, dreissig Jugera 
aber schweren Boden rechnen. 

49. 

Beim Pflügen beachte man wohl den weisen Aus- 



Achtzehntes Buch. 371 

Spruch Catö's: Was ist das Erste? Den Acker wohl zu 
bearheiten. Was das Zweite? Gut zu pflügen. Was das 
Dritte? Gut zu düngen. Man pflüge nicht verschiedene 
Furchen. Man pflüge zu rechter Zeit. In warmen Gegen- 
den muss man das Land nach dem kürzesten Tage, in 
kältern nach dem Frühlings-Aequinoctium brechen; früher, 
wo es trocken, als wo es feucht ist; früher ein festes als 
lockeres Erdreich; früher ein fettes als mageres. Wo trockne 
und heisse Sommer herrschen, wird ein kalkiger oder magerer 
Boden besser zwischen dem (Sommer-) Solstitium und dem 
Herbst- Aequinoctium gepflügt. Wo gelinde Hitze, häufiger 
Hegen, fetter und grasiger Boden ist, da geschieht es zweck- 
mässig mitten in der heissen Zeit. Einen tiefen und schweren 
Boden ackere man auch im Winter auf; einen sehr leichten 
und trocknen kurz vor der Säezeit. 

Auch hierüber hat er Vorschriften gegeben. Einen 
kothigen Boden rühre nicht an. Pflüge mit aller Kraft; 
bevor du pflügst, schneide ein; diess hat den Nutzen, dass 
wenn der Käsen umgekehrt ist, die Wurzeln der Gräser 
absterben. Einige wollen, man solle in der Regel nach 
dem Frühlings-Aequinoctium einschneiden (brechen). Das 
Land, was im Frühjahre einmal gepflügt ist, wird nach 
dieser Zeit „das im Frühling gepflügte" genannt. Diese 
Behandlungsweise ist bei einem neuen Acker gleichfalls 
nothwendig. Neuen Acker (Brachacker) nennt man den, 
welcher ein Jahr um das andere bebauet wird. Die Pflug- 
ochsen muss man eng zusammenspannen, damit sie mit auf- 
gehobenem Kopfe ziehen, denn so scheuern sie sich die 
Hälse am wenigsten. Wird unter Bäumen und Weinstöcken 
gepflügt, muss man ihnen Maulkörbe anlegen, damit sie die 
zarten Schösslinge nicht abnagen. An der Pflugschar muss 
ein kleines Beil hängen, um damit die Wurzeln durchzu- 
hauen; denn diess ist besser, als wenn man sie mit dem 
Pfluge abreissen und die Ochsen zerren lässt. Beim Pflügen 
muss man die Furche vollenden, und nicht mitten in der 
Arbeit innehalten. An einem Tage lässt sich ein Morgen 
in spannengrossen Furchen brechen, und wenn der Boden 

24* 



372 Achtzehntes Buch. 

leicht ist, kann man IV2 Morgen nachpflügen; wo nicht, so 
breche man die Hälfte, und pflüge 1 Morgen nach, denn 
die Natur hat auch für die Arbeit der Thiere Gesetze ge- 
geben. In jedem Acker müssen erst gerade (Längs-) Furchen, 
dann Querfurchen gezogen werden. An Hügeln wird bloss 
in schräger Lage gepflügt, so dass die Spitze der Pflugschar 
bald nach oben, bald nach unten gerichtet ist. Der Mensch 
muss sogar mitunter die schwere Arbeit der Ochsen ver- 
sehen, denn die Gebirgsvölker bearbeiten ohne diese 
Thiere ihr Land, und zwar mit dem Spaten. Wenn 
der Pflüger nicht gekrümmt geht, hält er keinen geraden 
Strich ^), welcher Fehler auch auf gerichtliche Angelegen- 
heiten übertragen ist^). Man verhüte ihn daher da, wo er er- 
funden wurde. Die Pflugschar muss man zuweilen mit der 
am Ende des Treibstachels befindlichen Reute reinigen. 
Die Erhöhungen zwischen 2 Furchen sollen nicht roh blei- 
ben, und die Erdschollen nicht hervorstehen. Es taugt nicht 
ein Feld zu pflügen, wenn das Eggen für die Saaten aus- 
reicht. Der Acker ist dann gut bearbeitet, wenn man nicht 
sieht, wohin der Pflug gegangen ist. Man pflegt da, wo 
es erforderlich, Wasserrinnen in Form von breitern Furchen 
zu ziehen, welche das Wasser in die Gräben leiten. 

Nachdem das Pflügen in die Quere wiederholt worden, 
folgt das Eggen, je nach Umständen mit der Egge oder Karate, 
und wird nach erfolgter Aussaat wiederholt. Auch letzteres 
geschieht entweder mit der Egge oder mit einer an den 
Pflug befestigten Platte, welche die Samen bedeckt, und 
diese Operation heisst das Eineggen 3), Davon stammt die 
Benennung deliratio*) ab. Es scheint, Virgil will, man solle 
in die vierte Furche säen, denn er sagt, die Saat sei die 
beste, auf welche zweimal die Sonne und zweimal die Kälte 



1) iDraevaricatur. 

-) Praevaricari hatte auch die Bedeutung: nicht recht handeln, 
seine Pflicht überschreiten, besonders vor Gericht, wenn man nur 
zum Scheine Jemanden anklagt oder vertheidigt, im Herzen es aber 
mit der Gegenparthei hält. ^) lirare. 

*) Wörtüch: Das Gehen aus der Furche. — Der Wahnwitz. 



Achtzehntes Buch. 373 

eingewirkt hätte. In einem dichten Boden, wie er sich in 
Italien grösstentheils findet, wird zweckmässiger die fünfte 
Furche, in Thusoien aber die neunte besäet. Viel Mühe 
erspart man dadurch, dass man Bohnen und Wicken ohne 
Nachtheil in nicht gebrochenes Land säen kann. 

Noch eine Art des Pflügens, welche im transpadanischen 
Italien in Folge der Kriege entstanden ist, dürfen wir nicht 
tibergehen. Als die Salasser die am Fasse der Alpen ge- 
legenen Felder plünderten, fielen sie auch über hervorge- 
wachsene Hirse und das Panicum, und da die Natur ihr 
Vorhaben vereitelte, pflügten sie sie unter. Die dadurch 
vervielfältigte Ernte lehrte das, was man jetst artrare nennt 
d. h. aratrare, wie man wahrscheinlich damals gesagt hat. 
Die Zeit, wann diess geschieht, ist, wenn die Pflanze be- 
reits 2 — 3 Blätter getrieben und der Halm sich gebildet 
hat. Als eine Neuigkeit wollen wir ferner anführen, was 
man vor 3 Jahren im treverischen Gebiete beobachtete. 
Als nämlich die Feldfrüchte durch den sehr kalten Winter 
gelitten hatten, hackte man im März die Felder wieder 
um, säete von Neuem, und erhielt die reichlichste Ernte. 
Nun wollen wir das, was über die Kultur der Feld- 
früchte noch zu sagen übrig ist, nach den Arten derselben 
vortragen. 

50. 

Siligo, Dinkel, Weizen und Gerste egge, behacke und 
gäte an den besagten Tagen. Zu jeder Art wird l Ar- 
beiter auf 1 Morgen Land ausreichen. Durch Behacken im 
Frühjahr wird der durch die Winterkälte verhärtete Boden 
wieder aufgeschlossen und den Sonnenstrahlen von Neuem 
der Zutritt gestattet. Wer behackt, hüte sich die Wurzeln 
des Getreides zu durchstechen. Es ist gut, den Weizen, 
die Gerste und die Bohne 2 mal zu behacken. Das Gäten 
befreiet, wenn die Saat Knoten setzt, durch Ausreissen des 
Unkrautes die Wurzeln und trennt die Saat von dem Reifen. 
Unter den Hülsenfrüchten erfordert die Kicher dieselbe 
Behandlung wie der Dinkel. Die Bohne braucht man nicht 
zu gäten, weil sie des Unkrauts Herr wird, und nur bei 



374 Achtzelintes Buch. 

den Wolfsbolmen geschieht es. Die Hirse uud das Pani- 
cum egget und behackt man, und wiederholt diess nicht 
noch einmal, noch gätet man. Der Bockshorn und die 
Schwertbohne werden bloss geegget. Es giebt Aecker, 
deren Fruchtbarkeit es erforderlich macht, die Saat unter- 
zueggen i), — unter pecten versteht man nämlich auch eiue 
Art Egge, mit zahnartig gestellten eisernen Spitzen — und 
nichts destoweniger lässt man sie noch abweiden. Die 
abgeweideten Felder müssen wieder aufgehackt werden. 
In Baktrien, Afrika und Cyrene aber macht das günstige 
Klima alle diese Arbeiten überflüssig, und nachdem gesäet 
worden, geht man erst zur Zeit der Ernte wieder aufs 
Land, weil die Trockniss das Unkraut nicht aufkommen 
lässt, und die Saat durch den nächtlichen Thau ernährt 
wird. Virgil will, man solle ein Feld um das andere brach 
liegen lassen, was, wenn die Grösse der Ländereien es er- 
laubt, unbezweifelt das Beste ist. Gestatten diess die Um- 
stände nicht, so säe man Dinkel oder etwas anderes, was 
die Erde erfrischt, dahin, wo Wolfsbohnen, Wicken oder 
grosse Bohnen standen. Ganz besonders ist auch zu be- 
merken, dass Manches um andern willen zugleich gesäet wird; 
aber schon im vorigen Buche haben wir gesagt (damit wir nicht 
ein und dasselbe öfter wiederholen), dass dergleichen nicht 
gut gedeihet, denn die Beschaffenheit des Bodens hat gros- 
sen Einfluss darauf. 

51. 
Ein Stadtbezirk in Afrika, Namens Tacape, mitten im 
Sande auf dem Wege zu den Syrten und Gross-Leptis ^) 
bat einen wunderbar glücklichen, feuchten Boden. Kings- 
um in einer Ausdehnung von 3000 Schritten befindet sich 
eine Quelle, welche zwar reichlich läuft, aber nach be- 
stimmten Stunden-unter die Bewohner sich vertheilt. Unter 
sehr hohen Palmen stehen Oelbäume, unter diesen Feigen- 
bäume, dann folgen Granaten und Weinstöcke; unter letztere 
säet man Getreide, hierauf Hülsenfrüchte und endlich Kohl, 

•) pectinari. 

2) Vergl. V. B. 4. Cap.- 



Achtzehntes Buch. 375 

alles in ein und demselben Jahre, und alles wächst in frem- 
dem Schatten. Von diesem Boden kosten 4 Quadrat-Cubitus, 
aber nicht solche, deren Länge sich auf die ausgestreckten 
Finger, sondern auf die eingezogenen (geballte Faust) be- 
zieht, 4 Denare, lieber alles aber geht die Thatsache 
dass der Weinstock 2 mal im Jahre trägt. Wenn nicht 
durch vielfachen Anbau die ausserordentliche Fruchtbar- 
keit etwas vermindert wird, so gehen die Früchte in zu 
tippigem Wachsthum verloren. So aber erndtet man das 
ganze Jahr hindurch etwas ein, und es ist ausgemacht, dass 
die Menschen die Fruchtbarkeit nicht beeinträchtigen. Auch 
im Wasser, welches zum Befeuchten des Bodens dient, liegt 
ein bedeutender Unterschied. In der narbonensischen Pro- 
vinz befindet sich eine berühmte Quelle, Namens Orge; in 
dieser wachsen Kräuter, welche die Ochsen so gern fressen, 
dass sie die Köpfe ganz untertauchen, um sie zu suchen; 
aber so viel ist gewiss, dass diese im Wasser wachsenden 
Kräuter nur durch den Regen ernährt werden. Daher muss 
ein Jeder sein Land und Wasser kennen. 

52. 

In solche Erde, welche wir „zarte" genannt haben, 
kann nach dem Einerndten der Gerste Hirse gesäet wer- 
den; ist diese eingebracht, Raps, nach diesem wieder 
Gerste oder Weizen, wie z. B. in Campanien; und es reicht 
aus, wenn man diese Erde vor dem Säen pflügt. Nach 
einer andern Ordnung lässt man das Land, auf welchem 
Getreide gestanden, die 4 Wintermonate hindurch liegen, 
und bepflanzt es dann mit den Frtihbohnen, so dass es vor 
der Winterbohne in Thätigkeit ist. Ein zu fetter Acker 
kann dadurch gewechselt werden, dass man nach dem Ein- 
erndten des Getreides im 3. Jahre Hülsenfrüchte darauf säet; 
ein magerer kann auch bis in's dritte Jahr brach liegen. 
Nach Einigen soll man das Getreide nur in solchen Boden 
säen, der das Jahr zuvor brach gelegen hat. 

53. 

Ein äusserst wichtiger Punkt ist das Düngen, wovon 
wir bereits im vorigen Buche geredet haben. Soviel wenig- 



376 Achtzehntes Buch. 

stens steht fest; man darf nur in gedüngtes Land säen; 
doch finden auch hier besondere Gesetze statt. Hirse, Pani- 
cum, weisse Rüben und Steckrüben säe man nur in gedüng- 
ten Boden. In nicht gedüngten säe eher anderes Getreide 
als Gerste; ebenso auch in Brachland, obgleich man es 
vorzieht, in dieses, sowie in ein frisch gedüngtes Bohnen 
zu säen. Wer im Herbste säen will, der pflüge im Sep- 
tember nach einem Regen den Mist unter; und wer im 
Frühjahre säen will, vertheile während des Winters den 
Mist. Auf einen Morgen gehören 18 Fuder; man muss ihn 
aber ausstreuen bevor er. trocknet, oder wenn die Aussaat 
geschehen ist. Hat man diese Düngung unterlassen, so ge- 
schieht die folgende, vor dem Behacken, mit dem Staube 
aus Vogelhäusern. Um hierbei Alles recht sorgfältig zu 
bestimmen, fügen wir hinzu, dass das Fuder Mist 1 Denar 
kostet, dass auf jedes kleinere Thier 1 Fuder, auf jedes 
grössere aber 10 gerechnet werden, und dass, wenn diess 
nicht eintrifft, der Landmann offenbar nicht gut unterge- 
streuet hat. Einige sind der Meinung, der Dünger sei 
dann am besten, wenn das Vieh unter freien Himmel in 
Netze eingeschlossen verbleibe. Ein Acker, der nicht ge- 
düngt wird, erfriert; wird er zu stark gedüngt, so verbrennt 
er, und es ist besser, öfters als zu viel auf einmal zu dün- 
gen. Je hitziger der Acker, desto weniger darf gedüngt 
werden. 

54. 
Der beste Same ist der jährige, schlechter der 2-, am 
schlechtesten der 3jährige, und der über diess Alter hinaus- 
geht ist unfruchtbar ^). Bei allen Arten von Samen gilt 
es als Regel; Was sich auf der Tenne zu unterst gesetzt 
hat, muss zur Saat aufbewahrt werden, denn der beste 
Same ist am schwerstsn, und lässt sich auf keine andere 
Weise besser unterscheiden. Die Aehre, welche nicht voll 
ist, sondern Zwischenräume zwischen den Samen hat, muss 



Eine übertriebene Behauptung. 



Achtzehntes Buch. 377 

verworfen werden. Am besten ist das Korn, welches 
röthlich aussieht, und mit den Zähnen zerbissen diese 
Farbe behält; das inwendig mehr weisse steht ihm nach. 
Man weiss, dass diess Land mehr Samen, jenes wenige^* 
aufnimmt; in diesem Umstände erblicken die Landleute 
die erste Vorbedeutung, sie glauben nämlich, das Land 
sei hungrig, wenn es den Samen begierig aufnehme, und 
verzehre ihn. Das Aussäen muss an feuchten Orten schneller 
(eher) geschehen, damit der Samen vom Regen nicht faule, 
an trocknen hingegen später, damit der Regen auf dasselbe 
folge, denn liegt er zu lange vor dem Keimen, so vergeht 
er. Auch muss man bei frühem Aussäen dicht streuen, 
weil das Korn langsam keimt, bei spätem aber dünn, weil 
es sonst erstickt wird. Es gehört eine gewisse Kunstfer- 
tigkeit dazu, gleichmässig zu säen. Ueberhaupt muss die 
Hand mit dem Schritte zusammentreffen, und zwar allemal 
mit dem rechten Fusse. Einige wissen auf geheime Weise 
ihren Wurf glücklich und fruchtbar zu machen. Man darf 
den Samen aus kalten Gegenden nicht in warme, noch aus 
frühtreibenden in spättreibende bringen, während Manche 
in falschem Eifer das Umgekehrte anempfehlen. 

55. 
Zum Besäen eines Jugerum von gemässigtem Bo- 
den reichen 5 Modius Weizen oder Siligo hin, 10 Modius 
Dinkel oder Samen (wie wir diese Art Getreide genannt 
haben), 6 Modius Gerste, 6 Bohnen, 12 Wicken, 3 Kicher, 
ihre kleinere Art und Erbsen, 10 Wolfsbohnen, 3 Linsen, 
doch letztere mit trocknem Miste vermengt; 6 Erven, 6 
Bockshorn, 4 Schwertbohnen, 20 Futterkraut, 4 Hirse und 
4 Sextarien Panicum — in einem fetten Bodenmehr, in einem 
magern weniger. Man macht noch einen andern Unter- 
schied. In einen dichten, thonigen oder sumpfigen Boden 
6 Modius Weizen oder Siligo, in einen nakten, lockern, 
trocknen und frischen 4. Ein magerer Boden nämlich 
macht, wenn die Halme nicht dünn stehen, die Aehren 
klein und taub. Fette Felder treiben aus 1 Korne zahl- 
reiche Reiser, und liefern aus wenig Samen dichte Saat. 



378 Achtzehntes Buch. 

Daher rechnet man je nach der Beschaffenheit des Bodens 
4 und 6 Modius, Andere aber säen nicht weniger als 5 und 
noch mehr, auch in bepflanzten, bergigen oder magern Bo- 
den. Hierher gehört noch jener wohl zu beachtende, weise 
Ausspruch: Deinen Acker sollst du nicht überhäufen. 
Accius ^) fügt in seinem praktischen Rathgeber noch hinzu, 
man solle säen, wenn der Mond im Widder, den Zwilhn- 
gen, dem Löwen, der Wage und dem Wassermanne stehe. 
Nach Zoroaster ist die rechte Zeit, wenn die Sonne 12 
Grade jenseits des Scorpions, und der Mond im Stiere 
steht. 

56. 
Ich komme nun auf die bis jetzt verschobene, die 
grösste Sorgfalt bedürfende Untersuchung über die rechte 
Säezeit der Feldfrüchte, welche meistentheils mit dem 
Laufe der Gestirne im Zusammenhange steht, und will 
alle hierher gehörige Ansichten mittheilen. Hesiodus, der 
erste welcher über den Ackerbau handelte, setzte eine 
Saatzeit, nämlich nach dem Untergange des Siebengestirns 
fest. Er schrieb nämlich in Böotien, einem Theile von 
Hellas, wo, wie wir bereits gesagt haben, um jene Zeit 
gesäet wird. Die aufmerksamsten Landwirthe kommen 
darin überein, dass, sowie den Vögeln und vierfüssigen 
Thieren, auch der Erde ein gewisser Trieb zur Begattung 
innewohne, was die Griechen daran erkennen, wenn sie warm 
und feucht ist. Nach Virgil soll man den Weizen und 
Dinkel nach dem Untergange des Siebengestirns, die Gerste 
zwischen den Hei-bstäquinoctium und dem kürzesten Tage, 
die Wicke, Schwertbohne und Linse nach dem Untergange 
des Bootes säen. Daher müssen der Aufgang und Unter- 
gang dieser und anderer Gestirne auf ihre Tage zurück- 
geführt werden. Nach Einigen soll man, wenigstens in 
trocknes Land und in heissen Gegenden, schon vor dem 
Untergänge des Siebengestirns säen; denn der Same werde 



1) Welcher Accius diess ist, lässt sich nicht entscheiden; vielleicht 
der Wahrsager Accius Naevins zu Rom unter Tarquinius Priscus. 



Achtzehntes Buch. 379 

hier gegen die zerstörende Nässe geschützt, und breche 
nach dem nächsten Eegen in einem Tage hervor. Andere 
säen sogleich nach dem Untergange des Siebengestirns, 
denn sieben Tage später falle Regen. Einige schreiben 
vor, in kalten Gegenden nach dem Herbstäquinoctium, in 
warmen dagegen später zu säen, damit die Pflanzen vor 
dem Winter nicht üppig aufschiessen. Alle aber kommen 
darin tiberein, um die Zeit des kürzesten Tages müsse 
man nicht säen, und zwar aus dem wichtigen Grunde, 
weil die vor dieser Zeit in die Erde gekommenen Winter- 
saaten schon am 7., die nach den kürzesten Tage gesäeten 
kaum am 40. Tage hervorbrechen. Einige sind sehr eil- 
fertig, denn sie sagen, frühes Säen betrüge oft, spätes 
immer. Im Gegentheil sagen Andere: säe lieber im Früh- 
jahre als in einem schlechten Herbste, und wo es erforder- 
lich ist, in der Zeit zwischen dem Wehen des Favonius 
und dem Frühlingsäquinoctium. 

Manche lassen den Einfluss des Himmels als etwas 
Unnützes unbeachtet, und bestimmen die Säezeit nach den 
Jahreszeiten. Lein, Hafer und Mohn im Frühlinge, und 
wie es noch jetzt bei den Völkern jenseits des Po geschieht, 
bis zum Feste der Minerva; Bohnen und Siligo im Novem- 
ber; Dinkel am Schlüsse des Septembers bis zur Mitte des 
Octobers, nach Andern von hier an bis zum ersten No- 
vember. Man sieht, dass diese Leute sich um die Natur 
nicht kümmern, vielmehr eine ängstliche und daher blinde 
Genauigkeit beobachten. Aber diess darf nicht. Wunder 
nehmen, wenn man bedenkt, dass den Landleuten welche 
so handeln, die Kenntniss der Gestirne und anderer Wissen- 
schaften abgeht. Gleichwohl muss man gestehen, dass fast 
Alles auf den Himmel ankommt. So sagt Virgil, man solle 
sich namentlich mit den Winden und dem Laufe der Ge- 
stirne vertraut machen, und sie ebenso wie die Seefahrer 
beobachten. Es ist eine schwierige und grossartige Hoff- 
nung, zu glauben, die himmlische Gottheit könne sich mit 



380 Achtzehntes Buch. 

der Unwissenheit ') einlassen, nichtsdestoweniger aber muss 
man sie zu einem so bedeutenden Lebenszwecke zu erlangen 
suchen. Zuvor jedoch haben wir die Schwierigkeit bei der 
Beobachtung der Gestirne, welche selbst Unterrichtete 
eingesehen, in Erwägung zu ziehen, und dann erst möge 
man freudigeren Sinpes vom Himmel abgehen, und die 
Thatsachen wahrnehmen, welche man nicht vorher wissen 
kann. 

57. 
Vor Allem bietet selbst die Berechnung der Tage des 
Jahres und der Bewegung der Sonne fast unauflösliche 
Schwierigkeiten dar. Zu den 365 Tagen zählt man noch 
eingeschaltete Viertel des Tages und der Nacht, und diess 
macht, dass die Zeiten der Gestirne nicht sicher an- 
gegeben werden können. Dazu kommt noch die anerkannte 
Dunkelheit des Gegenstandes, denn bald geht die Anzeige 
der Witterung vorher, und zwar nicht wenige Tage, was 
die Griechen mit dem Namen „vorhergehendes Winter- 
wetter" 2)^ bald folgt sie nach, was sie „nachfolgendes 
Winterwetter" ^) nennen. Die Wirkung des Himmels kommt 
also bald schnell, bald langsamer zur Erde, und wir hören, 
wenn gutes Wetter eingetreten ist , gemeiniglich sagen, 
das Gestirn sei wieder vollendet. Da diess alles sich auf 
die beständigen und am Himmel befestigten Sterne bezieht, 
und bei der Bewegung der Sterne Hagel und Regen, selbst 
unter nicht unbedeutender Wirkung, wie bereits angegeben 
wurde, zwischen sie treten, so entsteht dadurch eine Stö- 
rung der Ordnung und der gehegten Hoffnung, Man 
glaube aber nicht, dass dergleichen bloss uns Menschen 
begegen, nein auch die Thiere, welche doch in dieser Be- 
ziehung viel schlauer sind, weil ihre Existenz damit ver- 
knüpft ist, werden dadurch betrogen, denn unzeitige oder 
zu frühe Fröste tödten die Sommervögel, Hitze die Winter- 
vögel. Daher schreibt Virgil vor, man solle sich mit 



*) D. i. rait dem Menschen. 
^) TtQOxeifiaaiq. ^) eTtixeifxaoig. 



Achtzehntes Buch. 381 

den Irrsternen *) bekannt machen, uiid den Durchgang des 
kalten Sternes Saturn beobachten. Einige halten das Er- 
scheinen des Schmetterlings für das sicherste Zeichen des 
Frühlings, weil dieses Thier so schwach sei; allein selbst 
in dem Jahre, wo ich dieses schreibe, hat man beobachtet, 
dass ihre Brut 3 mal durch die Kälte vernichtet wurde 
und dass die am 27. Januar angelangten Vögel, von denen 
man sich einen baldigen Frühling versprach, bald darauf 
mit der heftigsten Kälte zu kämpfen hatten. 

Die Sache ist also zweifelhaft; zuerst muss man das 
Gesetz vom Himmel hernehmen, darauf dasselbe durch 
Gründe zu unterstützen suchen. Die Hauptsache liegt in 
der gewölbten Form des Himmels, und in der Verschieden- 
heit der Länder unseres Erdballes, denn ein und dasselbe 
Gestirn erscheint in dieser Zeit diesem, in. jener jenem 
Volke, und daher kommt es; dass dessen Wirkung in ein 
und denselben Tagen nicht überall gleich stark ist. Die 
Schriftsteller haben die Schwierigkeit noch dadurch ver- 
mehrt, dass sie theils an verschiedenen Orten beobachteten, 
theils an ein und demselben sogar Verschiedenes aufzeich- 
neten. Es gab in der Sternkunde 3 Schulen: die chal- 
däische, ägyptische und griechische. Dazu fügte der Dic- 
tator Caesar noch eine vierte; er regulirte nämlich unter 
Mitwirkung des in diesem Fache gelehrten Sosigenes ein 
jedes Jahr nach dem Laufe der Sonne. Aber auch die 
Berechnung selbst wurde, nachdem man den Fehler einge- 
sehen, verbessert, so, dass man 12 Jahre hintereinander 
nichts einschaltete, weil das Jahr, welches früher vorher- 
ging, angefangen hatte die Gestirne aufzuhalten. Und 
selbst Sosigenes trug, obgleich er gelehrter als die übrigen 
war, in 3 Abhandlungen kein Bedenken, seine Zweifel aus- 
zusprechen und sich selbst zu verbessern. Die Schrift- 
steller, welche wir vor diesem Buche angeführt haben, 
theilen diess mit, aber selten stimmt die Aussage des 
Einen mit der des Andern überein. Bei den übrigen ist 

») D. i. Planeten. 



382 Achtzehntes Buch. 

diess noch weniger zu verwundern, denn sie werden durch 
die verschiedenen Aufenthaltsorte entschuldigt. Von denen, 
welche in ein und derselben Gegend abweichen, will ich 
nur eine widersprechende Angabe als Beispiel anführen. 
Hesiodus nämlich (denn auch unter seinem Namen existirt 
eine Schule der Astrologie) sagt, der Morgenuntergang des 
Siebengestirns finde statt, wenn das Herbstäquinoctium vor- 
bei sei; Thaies, am 25. Tage nach demselben; Anaximander, 
am neunundzwanzigsten; Euctemon ^), am achtundvierzigsten. 
Wir wollen den Beobachtungen Caesar's folgen, weil 
sie für Italien wohl am zutreffendsten sein möchten; doch 
auch Anderer Meinungen sollen nicht verschwiegen werden, 
denn wir beschreiben ja nicht bloss ein Land, sondern die 
ganze Natur, nicht die Schriftsteller (denn diess würde 
sehr weitläufig sein), sondern die Gegenden. Nur mögen 
sieb die Leser erinnern, dass wenn Attika genannt wird, 
wir der Kürze wegen zugleich die Cycladischen Inseln mit 
verstehen; bei Macedouien auch Magnesien und Thracieu; 
bei Aegypteu auch Phönicien, Cypern und Cilicien; bei 
Böotien auch Locris, Phocis und stets die angrenzenden 
Landstriche; beim Hellesponte den Chersones und den 
Distrikt bis zum Berge Athos; bei Jonien auch Asien und 
dessen Inseln; beim Peloponnes auch Achaja und die gegen 
Abend gelegenen Länder. Die Chaldäer begriffen in ihre 
Beobachtungen zugleich auch Assyrien und Babylon. Dass 
wir von Afrika, Spanien und Gallien schweigen, wird Nie- 
manden wundern, denn in diesen Ländern hat von denen, 
welche den Aufgang der Gestirne angegeben, Keiner Beo- 
bachtungen angestellt; doch wird man sie auch hier nicht 
schwer erkennen, wenn man die Eintheilung der Himmels- 
striche, wie wir sie im 6. Buche gemacht haben, berück- 
sichtigt. Hieraus erkennt man die Verwandtschaft des 
Himmels, nicht nur mit den Völkern, sondern auch mit 
einzelnen Städten; bekannt ist sie bereits von den oben 



') Atheniensischer Astronom um 432 v. Chr. 



Achtzehntes Buch. 383 

genannten Ländern, wenn man die krumme Linie des Zir- 
kels, welcher zu den Ländern, die man sucht und die zu dem 

Aufgange ihrer Gestirne gehört , durch gleiche Schatten 
aller Zirkel zieht. Auch ist zu bemerken, dass die Wit- 
terung innerhalb 4 Jahren einen besondern Höhepunkt hat, 
und dass sie mit geringem durch die Sonne bewirktem 
Unterschiede wiederkehrt, in 8 Jahren aber, wenn der 
Mond zum hundertsten Male wieder scheint, vermehrt wird. 

58. 

Diess ganze Verhalten hat man auf dreierlei Weise 
beobachtet, durch den Aufgang der Gestirne, durch 
ihren Untergang, und durch die Cardinalzeiten i) selbst. 
Den Aufgang und Untergang erkennt man auf zweierlei 
Weise; entweder werden die Sterne durch die Ankunft 
der Sonne verborgen und dadurch unsichtbar, oder sie treten 
bei deren Fortgänge wieder hervor. Letztere Erscheinung 
hätte man lieber den Austritt als den Aufgang, und erstere 
lieber die Verdeckung als den Untergang nennen sollen. 
Ferner beobachtet man, an welchem Tage sie erscheinen 
oder verschwinden, beim Aufgange oder Untergange der 
Sonne, daher man sie Morgen- oder Abendsterne nennt, je 
nachdem sich diess bei ihnen Frühmorgens oder Abends 
ereignet. Es sind wenigstens 3/4 Stunden Zeit vor dem 
Aufgange oder nach dem Untergange der Sonne erforder- 
lich, um sie zu sehen. Ausserdem gehen einige zweimal 
auf und unter. Alles diess bezieht sich auf solche Sterne, 
welche, wie wir gesagt haben, am Himmel festsitzen. 

59. 

Die Cardinalzeiten beruhen auf der Eintheilung des 
Jahres in 4 Theile, nach der Zunahme des Lichts. Dieses 
vermehrt sich vom kürzesten Tage an, und kommt nach 
90 Tagen, um 3 Stunden verlängert, in dem Frühlings- Ae- 
quinoctium, der Nacht gleich. Hierauf tibertrifft es nach 
93 Tagen, zur Zeit des Sommer-Solstitiums , die Nacht 
um 12 Stunden, nimmt dann wieder ab, und verliert, nach- 



M D. i. Frühlings-, Sommers-, Herbst- und Winters-Anfang. 



384 Achtzehntes Buch. 

dem im Herbst-Aequinoetium Tag und Nacht gleich ge- 
worden sind, bis zum kürzesten Tage, in 89 Tagen, noch 
3 Stunden. Bei allen diesen Zunahmen werden Aequinoc- 
tial-Stunden, nicht solche eines jeden andern Tages gerech- 
net, und alle diese Abweichungen geschehen in den achten 
Theilen (Graden) der himmlischen Zeichen. Den kürzesten 
Tag haben wir im Steinbocke, am 23. December; das 
Frühhngs-Aequinoctium im Widder, das Solstitium im 
Krebse, das Herbst-Aequinoetium in der Waage. Diese 
Tage dienen nicht selten als Wetterpropheten. 

Diese Cardinalzeiten werden noch in einzelne Zeit- 
punkte getheilt, welche sich nach der mittleren Zeit aller 
Tage richten. Nämlich zwischen dem Solstitium und dem 
Herbst-Aequinoetium, am 46. Tage, beginnt mit dem Untei- 
gange der Leyer der Herbst; von diesem Aequinoctium an 
bis zum kürzesten Tage, am 44. Tage, mit dem Morgen- 
untergange des Siebengestirns der Winter; zwischen dem 
kürzesten Tage und dem Frühlings- Aequinoctium, am 45. 
Tage, mit dem Wehen des Favonius der Frühling; endlich 
beginnt am 48. Tage nach dem Frtihlings-Aquinoctium, mit 
dem Morgenaufgange des Siebengestirns der Sommer. Wir 
wollen mit der Säezeit des Getreides, d. h. mit dem Mor- 
genuntergange des Siebengestirns anfangen, ohne aber her- 
nach unsere Untersuchung durch Anführen der kleinern 
Gestirne zu zerstückeln, was die Schwierigkeit nur vermeh- 
ren würde, denn der heftige Stern Orion weicht an jenen 
Tagen weit ab. 

60. 

Die Meisten benutzen die Zeiten zum Säen vorher, 
und bringen ihr Getreide 11 Tage nach dem Herbstäqui- 
noctium in die Erde, wenn sich die Krone ihrem Aufgange 
nähert, weil sie dann eines mehrtägigen Regens fast ge- 
wiss sind. Xenophon sagt, Gott müsse erst das Zeichen 
dazu gegeben hat. Cicero meint, darunter sei der Regen 
im November zu verstehen; denn man dürfe nicht eher 
säen, als bis die Blätter anfingen abzufallen. Einige meinen, 
wie bereits gesagt wurde, dass diess beim Untergange des 



Achtzehntes Buch. 385 

Siebengestirns selbst, am 11. November geschehe. Diess 
Gestirn ist am leichtesten am Himmel zu bemerken, und 
auch die Kleiderverkäufer beobachten es; aus dessen Un- 
tergange nämlich schliessen die, welche, durch die Habsucht 
des Kaufmanns verleitet, Andere zu betrügen trachten, auf 
den Winter. Geht es neblicht unter, so deutet diess auf 
einen regnichten Winter und sogleich steigen die Preise 
der Eegenkleider. Ist der Untergang heiter, so wird der 
Winter strenge, und die Preise der übrigen Kleider gehen 
in die Höhe. Derjenige Landraann aber, welcher die 
himmlischen Zeichen nicht kennt, halte sich nur an das 
Zeichen in seinen Dornhecken, und wenn er auf seinem 
Boden abgefallene Blätter sieht. So kündigt sich die jähr- 
liche Witterung da früher, dort später an. Man säet daher 
nach der Beschaffenheit des Wetters und Bodens, und diess 
Verfahren verdient deshalb den Vorzug, weil es in der 
ganzen Welt allgemein anwendbar und einer jeden Gegend 
eigenthümlich ist. Wundern wird sich Der darüber, wel- 
cher nicht weiss, dass selbst am kürzesten Tage der Polei 
in den Speisekammern blähet. Die Natur wollte nichts 
verborgen sein lassen, gab daher diess Zeichen zum Säen. 
Dns ist die wahre Erklärung, welche den Beweis aus der 
Natur in sich schliesst; diese räth nämlich die Erde zu 
suchen, verspricht gleichsam eine Art Dünger, verkündigt 
sie wolle das Erdreich gegen Kälte und Winde schüzen, 
und mahnt zur Eile. 

61. 
Varro hat vorgeschrieben, beim Säen der Bohnen die 
soeben erwähnte Betrachtung zur Kichtschnur zu nehmen. 
Nach Andern soll man sie zur Zeit des Vollmondes säen, 
die Linsen aber vom 25. bis zum 30. Tage, die Wicken 
an denselben Tagen; dadurch würden die Schnecken von 
ihnen abgehalten. Einige wollen, man solle sie zur Fütte- 
rung in der genannten Zeit, des Samens wegen aber im 
Frlihlinge säen. Es giebt eine noch augenscheinlichere Be- 
rechnung, welche uns die Vorsorge der Natur noch mehr 

Wlttstein : Plinius. lU. Bd. 25 



386 Achtzehntes tJucü. 

bewundern lehrt, wesshalb wir den darauf bezüglichen 
Ausspruch Cicero's hier wörtlich wiedergeben wollen. 

Der stets grüne und stets beschwerte 

Mastixbaum pflegt dreimal befeuchtet zu schwellen; 

Dreimal trägt er Früchte, und zeigt die drei 

Zeiten des Pflügens an. 
Eine von diesen Zeiten ist die, wo der Lein und 
Mohni) gesäet werden muss. Cato sagt vom Mohne fol- 
gendes: dünne Stengel und Schösslinge, welche überflüssig 
sind, verbrenne auf dem Saatfelde. Auf die Stelle, wo du 
sie verbrannt hast, säe wilden Mohn. Wird dieser mit 
Honig gesotten, so giebt er ein vortrefi'liches Heilmittel 
gegen Halsübel. Der Gartenmohn hat auch die Kraft, 
Schlaf zu erregen. — Soviel von der Wintersaat. 

62. 
Um gleichsam einen kurzen Abriss des ganzen 
Ackerbaues zu geben, so bemerken wir: Zu ein und 
derselben Zeit müssen die Bäume gedüngt und die Wein- 
stöcke gehäufelt werden; auf 1 Jugerum reicht ein Arbeiter 
aus. Da wo die Beschaffenheit der Gegend es erlaubt, 
müssen die Bäume in den Weingärten und die Weinstöcke 
beschnitten, ferner der Boden in den Pflanzschulen mit 
einem Spaten umgearbeitet, die Wassergräben geöffnet, 
das Wasser vom Acker geschafft und die Kelter gewaschen 
und aufbewahrt werden. Nach dem ersten November lege 
den Hühnern nicht eher wieder Eier unter, bis der kürzeste 
Tag vorüber ist. Von diesem Tage an lege jedesmal 13 
den ganzen Sommer über, im Winter weniger, jedoch nicht 
weniger als 9 unter. Democritus glaubt, der Winter werd e 
so werden, wie der kürzeste und die ihm nächsten 3 Tage 
gewesen wären; ebenso habe die Sommersonnenwende Ein- 
fluss auf den Sommer. Um den kürzesten Tag ist meisten- 
theils 14 Tage lang, wo die Eisvögel hecken und kein 
Wind wehet, gelinde Witterung; aber zu dieser, sowie zu 
allen andern Zeiten müssen die Gestirne nach dem Erfolge 



») S. XX. B. 76. 77. und 78. Cap 



Achtzehntes Buch. 387 

der Anzeigen betrachtet, und Prophezeiungen der Witterung 
nicht auf bestimmte Tage erwartet werden. 

63. 

Den Winter über lass den Weinstock ruhen. Hygi- 
nus sagt, zu dieser Zeit müsse man den Wein von der 
Hefe befreien, oder auch umfüllen, und zwar sieben Tage 
später, besonders wenn der siebente Tag des Monats be- 
damit zusammentrifft. Kirschen setze man um den kürze- 
sten Tag. Alsdann weiche man auch für das Rindvieh 
Eicheln, 1 Modius auf je zwei ein; reichlicher gegeben 
schaden sie ihnen, und werden sie, wann es auch sei, 
nicht 30 Tage lang hintereinander gereicht, so soll das 
Vieh dann die Krätze im Frühjahre bekommen. Diese 
Zeit haben wir auch zur Fällung des Holzes bestimmt. 
Die übrigen Arbeiten werden meistens bei nächtlicher 
Weile verrichtet, denn die Nächte sind um jene Zeit sehr 
lang. Da giebt es allerlei Körbe und Hürden zu flechten, 
Fackeln zu schneiden, viereckige Weinpfosten, bei Tage 
30, und runde Pfähle, täglich 60 Stück zu machen; Abends 
bei Licht 5 Weinpfosten und 10 Pfähle und ebenso viele 
Morgens vor Tage. 

64. 

Vom kürzesten Tage an bis zum Wehen des 
Favonius zeigen sich (regieren) nach Caesar drei wichtige 
Gestirne; am 30. December früh der untergehende Hunds- 
stern, an welchem Tage in Attika und den angrenzenden 
Ländern der Adler untergehen soll. Am vierten Januar 
früh Morgens geht nach Caesar der Delphin auf, den fol- 
genden Tag die Leier, und zu derselben Zeit geht in Ae- 
gypten der Schütze Abends unter. Den 8. Januar, wenn 
Abends der Delphin untergeht, ist in Italien mehrere Tage 
hindurch starke Kälte, desgleichen, wenn die Sonne in das 
Zeichen des Wassermanns treten will, was ungefähr in 
der Mitte des Januar geschieht. Am 25. Januar geht nach 
Tubero i) der sogenannte königliche Stern in der Brust 

*) Q. Aelius Tubero, Freund des Laelius und h-üher auch des 
Ti. Gracchus, war ein Anhänger der stoischen Philosophie, auch Jurist. 

•25* 



388 Achtzehntes Buch. 

des Löwen unter, und den vierten Februar Abends die 
Leier. In den letzten Tagen dieses Zeitraums muss man, 
wenn das Klima es erlaubt, die Erde zum Setzen der Ro- 
sen und Weinstöcke mit einem Spaten umgraben; für 1 
Jugerum reichen 60 Arbeiter aus. Auch die Gräben müssen 
gereinigt und neue gemacht werden. Morgens vor Tage 
schärfe man das Eisenwerk, mache die Handhaben zurecht, 
bessere die zerbrochenen Fässer aus, scheuere die Dauben 
ab und mache neue. 

65. 

Vom Wehen des ersten Frühlings wind es an bis 
zum Frühliugs-Aequinoctium äussern sich um die 
Mitte des Februar nach Caesar drei Tage auf verschiedene 
Weise. Aehnlich gehe es mit dem 2L Februar, wo man 
die Schwalben sieht, mit dem folgenden Tage wo der Arc- 
tur Abends aufgeht, und mit dem 4. März beim Aufgange 
des Krebses; nach den meisten Schriftstellern aber, beim 
Aufgange des Winzersterns, mit dem achten März beim 
Aufgange des nördlichen Fisches und mit dem folgenden 
Tage beim Aufgange des Orions. In Attika bemerkt man, 
dass sich um diese Zeit der Geyer zeigt. Caesar hat auch 
den ihm tödtlichen 15. März ^) durch den Untergang des 
Scorpions bezeichnet; ferner zeigt sich nach ihm am 17. 
März in Italien der Geyer, und am 20. früh gehe das Pferd 
unter. 

Dieser Zeitraum setzt die Landleute am meisten in 
Bewegung und ist für sie der mühsamste, in welchem sie 
sich vornehmlich täuschen. Denn nicht an dem Tage, wo 
der Favonius wehen soll, sondern wo er anfängt zu wehen, 
werden sie zur Arbeit gerufen. Diesen Tag muss man 
sehr genau beachten. Gott gab, zufolge einer gewiss un- 
trüglichen oder unzweifelhaften Beobachtung, dem Aufmerk- 
samen solche Anzeige in jenem Monate. Woher aber die- 
ser Wind wehet, und aus welcher Weltgegend er kommt, 
das haben wir bereits im zweiten Baude ^) gesagt, und 



*) Wo er ermordet wurde. 44 J. v. Chr. ^j j^^ 4(3. Cap. 



Achtzehntes Buch. 389 

bald werden wir noch mehr davon reden. Inzwischen 
müssen von dem Tage an (er sei nun welcher er wolle), 
wo er zu wehen anfängt, wenigstens nicht am 8. Februar, 
sondern entweder früher, im Falle der Frühling zeitig 
kommt, oder später, wenn der Winter lange anhält; unmit- 
telbar nach diesem Tage, sage ich, müssen d'ie Landleute 
ununterbrochen beschäftigt sein, und zuerst dasjenige voll- 
bringen, was nicht aufgeschoben werden kann. Die drei- 
monatlichen Saaten müssen in die Erde, die Weinstücke 
auf die bereits angegebene Weise beschnitten, die Oel- 
bäume besorgt, die Obstbäume gesetzt und gepfropft, die 
Weinberge umgehackt, die Schösslinge zurecht gesetzt, an- 
dere wieder erneuert, Rohr, Weiden, Ginster gesetzt und 
behauen werden. Ulmen, Pappeln und Platanen setze man 
auf die beschriebene Weise. Dann muss man auch die 
Saatfelder reinigen, und das Wintergetreide behacken, vor- 
züglich den Dinkel, und zwar dann, wenn er 4 Blätter ge- 
trieben hat; die Bohne nicht eher, bis 3 Blätter da sind; 
auch dann grabe man nicht, sondern behacke sie nur sanft. 
Während sie blühet, rühre man sie 15 Tage lang nicht 
an. Die Gerste behacke man nur bei trocknem Wetter. 
Das Beschneiden muss bis zum Aequinoctium vollbracht 
sein. 1 Jugerum Weinland beschneiden und binden 4 Ar- 
beiter; in den Wein-Baumgärten reicht für 15 Bäume Einer 
hin. In derselben Zeit besorgt man auch die Gärten uud 
Rosenhecken, worüber wir noch besonders im nächsten 
Buche reden werden; ferner die Kunstgärten. Alsdann 
macht man am besten die Gruben. Die Erde wird für 
spätere Zeit zertheilt, damit sie von der Sonne durchdrungen 
werde — eine Arbeit, die von Virgil vorzüglich angerathen 
wird. Gründlicher ist die Ansicht, nach welcher nur ein 
mittelmässiger Boden in der Mitte des Frühlinges gepflügt 
werden soll, denn in einem fetten nimmt das Unkraut so- 
gleich die Furchen ein, und ein magerer wird durch die 
nachfolgende Hitze ausgetrocknet; in beiden Fällen aber 
dem (später) hineinkommenden Samen der Saft entzogen. 
Solciie Aecker pflügt man zweckmässiger im Herbste. Cato 



390 Achtzehntes Buch. 

setzt die Arbeitendes Frühlings folgendermaassen fest: Man 
mache Pflanzgruben, besorge die Baumschulen, setze an 
dichte und feuchte Orte Ulmen, Feigen-, Aepfel- und Oel- 
bäume, düage die Wiesen im Neumonde, wenn sie trocken 
liegen, schütze gegen denFavonius, reinige, reisse das Unkraut 
mit der Wurzel aus, putze die Feigenbäume ab, lege neue 
Pflanzschulen an und verbessere die alten. Alles diess ge- 
schehe, ehe der Weinstock anfängt zu blühen. Wenn der 
Birnbaum zu blühen beginnt, pflüge man die magern und 
sandigen Aecker, nachher die schweren und wasserreichsten. 
Die Pflügezeit hat daher folgende Merkmale: wenn der 
Mastixbaum die erste Frucht treibt, und wenn die Birne 
blühet. Noch ein dritter Zeitpunkt ist der, wenn die Meer- 
zwiebel gesetzt wird, desgleichen die Kranz-Narcisse, denn 
auch diese blühet dreimal. Ihre erste Blüthezeit zeigt die 
erste Zeit des Pflügens an, iure mittlere die zweite und 
ihre dritte die letzte. So dient Eins dem Andern unter 
sich zum Merkmale. Ganz besonders hüte man sich, wäh- 
rend die Bohnen blühen, den Epheu zu berühren, denn 
diese Zeit ist ihm schädlich und selbst tödtlich. Einige 
Gewächse, z. B. die Feigen haben auch ihre eigenen Merkmale; 
wenn nämlich enige Blätter am Gipfel in Form eines Essigfläsch- 
chens ausschlagen, dann muss man sie Yornehmlich pflanzen. 

6Q. 
Die Frühlings-Tag- und Nachtgleiche scheint am 24. 
März beendigt zu sein. Von da bis zum Frühaufgange 
des Siebengestirns kommt nach Caesar der erste April. 
Am 3. April geht in Attika das Siebengestirn Abends 
unter, Tags darauf in Böotien, nach Caesar und den Chal- 
däern aber am 5.; in Aegypten fangen dann der Orion 
und das Schwert an sich zu verdunkeln. Nach Caesar 
deutet der 8. auf Regen, wenn die Wage untergeht. Am 
17. Abends geht in Aegypten das Gestirn Suculae, welches 
sich äusserst heftig zeigt, und zu Land und Wasser stür- 
misch wirkt, unter; in Attika am 15. nach Caesar den 16. 
und nach ihm herrscht er 3 Tage hintereinander; in Assy- 
rien aber am 19. Diess Gestirn nennt man gewöhnlich 



Achtzehntes Buch. 391 

den Geburtsstern, weil am 20. April der Geburtstag Rom's, 
und die Beobachtung, dass an diesem Tage fast immier 
schönes Wetter ist, hat ihn so berühmt gemacht; die Grie- 
chen hingegen nennen diess Gestirn wegen des dadurch 
herbeigeführten Regens „Die Hyaden". Die Römer glaubten 
wegen der Aehnlichkeit des Namens mit vg (Schwein), die 
Griechen hätten ihm davon denselben beigelegt, und nannten 
ihn in dieser irrigen Ansicht Suculae (von sus). Caesar 
giebt den 23. April an. Den 24. April gehen in Aegypten 
die Böcke auf. Den 25. Abends geht in Böotien und Attika 
der Hundsstern unter. Früh Morgens geht die Leier auf. 
Am 26. wird in Assyrien der Orion am 28. aber der Hunds- 
stern ganz unsichtbar. Den 2. Mai früh Morgens geht nach 
Caesar das Gestirn Suculae, und den 8. die regnichte Ziege 
auf. In Aegypten aber wird am Abende desselben Tages 
der Hundsstern unsichtbar. So durchlaufen denn die Ge- 
stirne bis zum 10. Mai, der Aufgangszeit des Siebengestirns, 
ihre Bahn. 

Während dieses Zeitraums, in den ersten 15 Tagen, 
muss sich der Landmann mit denjenigen Arbeiten, welche 
er vor dem Aequinoctium nicht vollenden konnte, beeilen; 
denn bekanntlich datirt sich daher der schimpfliche Vor- 
wurf gegen diejenigen, welche den Weinstock dann be- 
schneiden, wenn ein gewisser Zugvogel, den man Kukuk 
nennt, schreiet. Man hält es nämlich für schimpflich, wenn 
nach dem Erscheinen dieses Vogels eine Sichel am Wein- 
stocke bemerkt wird, und deshalb ergötzt man sich beim 
Beginn des Frühlings mit muthwilligen Scherzen. Dennoch 
scheinen diese Vögel zu Anspielen verwerflich. So beruhet 
auch das Geringste in der Landwirthschaft auf natürlichen 
Gründen. Am Schlüsse jener Zeit aber muss Panicum und 
Hirse gesäet werden. Es ist zweckmässig, diese zu säen, 
wenn die Gerste reif ist, und auf ebendenselben Acker, 
und, eine gemeinschaftliche Anzeige , dass diese reif ist 
und jene gesäet werden müssen, geben uns die des Nachts 
auf den Feldern leuchtenden Johanniswürmchen, welche bei 
den Bauern fliegende Sterne, bei den Griechen aber Leuoht- 



392 Achtzehntes Buch. 

fliegen heissen. In diesen Geschöpfen hat uns die Natur 
einen neuen Beweis ihrer überschwenglichen Güte gegeben. 

67. 

Das Siebengestirn hat die Natur am Himmel schon 
durch seine grosse Schaar bemerkbar gemacht, doch, damit 
nicht zufrieden, schuf sie noch andere irdische Sterne, 
gleichsam ausrufend: Warum, Landmann, schauest du den 
Himmel an? Bauer, warum suchst du die Sterne auf? Schon 
halten dich Ermüdeten die Nächte in kürzerm Schlafe. 
Siehe, ich streue unter deine Kräuter besondere Sterne, 
und zeige sie dir Abends, wenn du von der Arbeit gehst; 
und damit du nicht so vorbeigehen mögest, errege ich 
deine Aufmerksamkeit durch eine wunderbare Erscheinung. 
Siehst du nicht, dass ein feuerähnlicher Glanz durch da^ 
Zusammendrücken der Flügel bedeckt wird, und auch bei 
Nacht Licht in sich trägt? Ich habe dir Pflanzen gegeben, 
welche die Stunden anzeigen; und damit du nicht einmal 
der Sonne wegen deine Augen von der Erde zu wenden 
brauchst, so lasse ich das Heliotropium ^) und die Wolfs- 
bohne mit jener sich herumdrehen. Warum blickst du 
nun noch in die Höhe und spähest am Himmel? Siehe, 
vor deinen Füssen ist ja das Siebengestirn; es kommt an 
bestimmten Tagen zum Vorschein, bleibt im Bündniss mit 
jenem am Himmel, gleichlange sichtbar, und ist unbezwei- 
felt eine Ausgeburt desselben. Wer daher vor demselben 
die Sommerfrüchte säet, betrügt sich selbst. Auch zu die- 
ser Zeit zeigt die hervorkommende Biene an, dass die 
Bohne blühet, denn die blühende Bohne lockt jene hervor. 
Ich will noch eine andere Anzeige des Aufhörens der Kälte 
geben, und diess ist das Ausschlagen des Maulbeerbaums. 

Nunmehro ist folgendes zu besorgen: Man lege die 
Schnittlinge der Oelbäume, putze diese selbst aus, bewässere 
in den ersten Tagen nach dem Aequinoctium die Wiesen, 
halte das Wasser ab, wenn das Gras in Halme schiesst, 
ranke die Weiustöcke ab, und zwar letztere, wenn die 



') Heliotropium villos^nni Dosf. 



Achtzehntes Buch. 393. 

Ranken 4 Fioger lang geworden sind. Ein Arbeiter rankt 
1 Morgen Weinland ab. Ferner hacke man die Saatfelder 
wieder um, was 20 Tage hindurch geschehen kann; nach 
dem Aequinoctium soll es dem Weinpflanzungen und den 
Saaten schädlich sein. Um diese Zeit müssen auch die 
Schafe gewaschen werden. 

Nach dem Aufgange des Siebengestirns tritt nach 
Caesar Tags darauf der Friihuntergang des Avcturus ein, 
am 13. Mai der Aufgang der Leyer, am 20. Mai die Abends 
untergehende Ziege, und in Attika der Hundsstern. Am 
21. fängt nach Caesar das Schwert des Orions an unter- 
zugehen; am 3. Juni sieht man nach Caesar und in Assy- 
rien den Adler des Abends; am 6. früh geht der Arcturus 
auf, in Italien am 8., am 10. Abends der Delphin, am 15. 
das Schwert des Orion, in Aegypteu jedoch 4 Tage später. 
Am 20. desselben Monats fängt nach Caesar das Schwert 
des Orions an unterzugehen. Am 23. Junlus aber tritt mit 
dem längsten Tage und der kürzesten Nacht die Sonnen- 
wende ein. 

In diesem Zeiträume werden die Weinstöcke abge- 
blattet, ein alter Weinberg einmal, ein neuer zvYeimal um- 
gegraben, die Schafe geschoren, die Wolfsbohneu behufs 
der Düngung umgegraben, die Erde gebrochen, die Wicke 
zur Fütterung gemähet, die Bohne geschnitten und ge- 
droschen. 

Die Wiesen werden zu Anfang des Junius gemähet. 
Von ihnen, deren Besorgung dem Landmann am wenigsten 
Mühe verursacht, müssen wir folgendes sagen. Solche, 
welche ein fruchtbares, feuchtes oder gewässertes Erdreich 
haben, überlasse man sich selbst, aber die an öffentlichen 
Wegen liegenden benetze man mit Regenwasser. Es ist 
zugleich für das Gras von grossem Nutzen, wenn man 
pflügt und dann egget, oder den Samen von den Heuböden 
und den, welcher vom Heu aus den Krippen gefallen i^t, 
säet, bevor man egget. Man darf dann aber im ersten 
Jahre nicht bewässern, und vor der zweiten Heuerndte kein 
Vieh darauf treiben, damit die Halme nicht ausgerissen 



394 Achtzehntes Buch, 

und niedergetreten werden. Mit der Zeit nehmen die Wie- 
sen ab, und müssen daher durch Aussäen von Bohnen, 
ßtiben oder Hirsen verbessert werden. Im folgenden Jahre 
säet man Getreide darauf, und tiberlässt sie alsdann wie- 
derum sich selbst. Ausserdem muss jedesmal nachgemähet, 
d, h. was die Mäher stehen gelassen haben, geschnitten 
werden, denn es ist sehr nützlich, wenn ein Theil Gras zu 
Samen auswächst. Das beste Kraut auf den Wiesen ist 
der Klee, dann folgt das Gras, und am schlechtesten ist 
der Mimmulus, dessen Schoten sehr schädlich sind. Auch 
den Pferdeschwanz i), der von der Aehnlichkeit mit einem 
Pferdeschweif seinen Namen hat, sieht man ungern. Wenn 
die Aehren anfangen abzublühen und steif zu werden, ohne 
schon einzutrocknen, muss man mähen. Cato sagt: mähe 
das Gras nicht spät, sondern bevor der Same reif ist. Ei- 
nige netzen die Wiesen den Tag zuvor, wenn sie Wasser- 
gräben haben. Es ist besser, in thaureichen Nächten zu 
mähen. In mehreren Gegenden von Italien mähet man 
nach der Erndte. 

Auch diese Arbeit machte den Alten mehr Unkosten, 
denn damals kannte man nur cretische und andere über- 
seeische Wetzsteine, und schärfte die Sichel bloss mit Oel, 
daher auch die Mäher ein am Beine befestigtes Hörn zum 
Aufbewahren des Oeles trugen. Jetzt liefert Italien die 
Wasser Wetzsteine, welche, gleich einer Feile, das Eisen 
schärfen, aber leicht grün werden. Es giebt zweierlei 
Sicheln; die italienische ist kürzer, und kann auch zwischen 
Dornhecken gebraucht werden. Auf den grossen Gütern 
in Gallien verfährt man weit kürzer, denn dort mähet man 
die Halme mitten ab, und lässt die kürzern stehen. Der 
italienische Mäher schneidet bloss mit der rechten Hand. 
Ein Arbeiter muss in einem Tage 1 Morgen abmähen, und 
1200 Bunde, jedes zu 4 Pfund, binden. Das gemähete 
Gras muss an der Sonne ausgebreitet und erst nach dem 
Trocknen aufgerichtet werden; versäumt man diese Vor- 



*) Equisetum, entweder unser Equisetum oder Hippuras. 



Achtzehntes Buch. 395 

sieht, so kann man sicher sein, dass die Schober des Mor- 
gens Nebel ausstossen, dann durch die Sonne entzündet 
werden und verbrennen, i) Abgemähete Wiesen müssen 
wiederum bewässert werden, damit das Herbstbeu, welches 
Grummet heisst, geschnitten werden kann. Zu Interamna 
in Umbrien mähet man selbst die nicht gewässerten Wiesen 
viermal jährlich, an den meisten Orten aber dreimal, und 
nachher ist die Weide noch ebenso vortheilhaft als das 
Heu. Hierbei wird die Sorge für die Heerden, und die 
Rindviehzucht, am meisten aber der von den Pferden zu 
ziehende Nutzen einem Jeden den besten Rath an die Hand 
geben. 

68. 
Wir haben bereits gesagt, dass die Sommer-Sonnen- 
wende im achten Grade des Krebses und am 24. Junius 
eintritt. Diess ist der grosse Wechsel des Jahres, die 
grosse Begebenheit im Laufe der Welt. Bis zu dieser 
Zeit haben vom kürzesten Tage an, die Tage 6 Monate 
lang immer zugenommen. Die Sonne selbst, welche .bis 
zum Adler (nach Osten) hinaufstieg und hoch empor ge- 
langte, beginnt von da an sich zu wenden und gegen Süden 
abzuweichen, um die 6 folgenden Monate hindurch die 
Nächte zu verlängern, und das Maass der Tage zu verkür- 
zen. Nun folgt die Zeit, wo bald diese bald jene Frucht 
abgenommen und eingefahren wird, wo man gegen den 
rauhen Winter schützende Maassregeln trifft, und es war 
billig, dass uns die Natur auf diesen Wechsel durch sichere 
Zeichen aufmerksam machte. Diese Zeichen legte sie da- 
her sogar dem Landmann in die Hände, indem sie an jenem 
Tage die Blätter umkehrte und hiermit den vollendeten 
Lauf des Gestirnes anzeigte. Jedoch sind es nicht bloss 
die wilden und entfernten Bäume, damit man die erwähnten 
Erscheinungen nicht in entlegenen Gebirgen zu suchen 
braucht, auch nicht die in Lustgärten gezogenen, obgleich 
sie auch an diesen wahrgenommen werden; sondern aucli 



*) Das feuchte Heu erhitzt sich bis zur Selbstentzündung. 



396 Achtzehntes Buch. 

der Oelbaum, welcher dicht vor unsere Fiisse gepflanzt wird, 
auch die Linde, die zu tausend Zwecken dient, auch die 
weisse Pappel die vom Weinstocke umschlungen ist, drehet 
das Laub. Aber, spricht die Natur, diess ist noch zu 
wenig, du hast die mit dem Weinstocke umrankte Ulme, 
auch ihre Blätter will ich umwenden; ihre Blätter streifst 
du zum Futter ab, und den Weinstock beschneidest du. 
Siehe sie an, und du kennst den Lauf des Gestirns. Ihre 
Blätter sind jetzt mit der andern Fläche gegen den Himmel 
gerichtet, als am Tage zuvor. Mit der Weide, dem nie- 
drigsten Baume, den du selbst um einen Kopf hoch an 
Länge übertriffst, bindest du alles fest; auch ihre Blätter 
will ich umkehren. Worüber klagst du nun noch, Land- 
mann? Es liegt nicht an mir, wenn du vom Himmel und 
den himmlischen Zeichen nichts weisst. Auch deinen Oh- 
ren will ich ein Zeichen geben. Du wirst um jene Zeit 
gewöhnlich die Tauben girren hören. Glaube nicht, dass 
die Sonnenwende vorüber sei, ehe du die Ringeltaube hast 
brüten sehen. 

Von der Sonnenwende an bis zum Untergange der 
Leier, am 25. Juni geht nach Caesar der Orion auf, sein 
Gürtel aber am 4. Juli in Assyrien; in Aegypten früh 
Morgens der heisse Procyon auf, ein Gestirn, welches bei 
den Römern keinen Namen hat, wenn man nicht darunter 
die Canicula, d. h. den kleinen Hund, wie er unter den 
Sternbildern abgebildet wird, verstehen will. Dieser Stern 
bat einen gewaltigen Einfluss, wie wir bald nachher zeigen 
werden. Den 5. Julius geht bei den Chaldäern früh Mor- 
gens die Krone unter, in Attika wird an demselben Tage 
der ganze Orion sichtbar. Den 14. Juli fängt bei den Ae- 
gyptern der Orion an zu verschwinden; den 16. geht in 
Assyrien der Procyon auf. Den Tag darauf zeigt sich das 
vor allem bekannte Gestirn, welches wir den Hundsaufgang 
nennen, wenn die Sonne in den ersten Grad des Löwen 
getreten ist, nämlich am 23. Tage nach der Sonnenwende. 
Sein Einfluss erstreckt sich auf Meer und Land, ja selbst 
auf viele wilde Thiere, wie bereits angegeben wurde. Es 



Achtzehntes Buch. 3i)7 

wird auch nicht minder verehrt, als diejenigen Sterne, 
welche den Göttern zugetheilt sind, erhitzt die Sonne, und 
hat bedeutenden Antheil an der grossen Hitze. Am 19. 
Juli früh geht in Aegypten der Adler unter, und nun kom- 
men die Vorläufer der Passatwinde, die, nach Caesars An- 
sieht, am 22. in ganz Italien herrschen. Der Adler geht 
in Attika früh Morgens unter. Am 29. wird nach Caesar 
der königliche Stern auf der Brust des Löwen unsichtbar. 
Am 6. August geht der mittlere Arcturus unter; am 11. 
beginnt, wie Ebenderselbe bemerkt, mit dem Untergange 
der Leier der Herbst; jedoch der wahren Berechnung zu- 
folge, am 8. desselben Monats. 

In diesem Zeiträume wird die wichtigste Arbeit an 
den Weinstöcken verrichtet, denn jenes sogenannte Hunds- 
gestirn bestimmt das Schicksal der Trauben. Daher sagt 
mau, sie haben Brandbeulen, wenn gewisse Stellen wie 
mir glühenden Kohlen ausgebrannt sind. Mit diesem Uebel 
ist weder Hagel, noch Sturmwind zu vergleichen, welche 
niemals zur Theuerung beigetragen haben. Letztere sind 
nämlich Unfälle, die dem Acker begegnen; die Brandbeulen 
aber erstrecken sich über ausgedehnte Landstriche, wären 
indessen leicht zu beseitigen, wenn die Menschen nur nicht 
lieber die Natur lästern, als sich selbst Nutzen schaffen 
wollten. Democritus, welcher zuerst den Zusammenhang 
zwischen Himmel und Erde einsah und zeigte, während 
die reichsten Leute diese Sorgfalt verachteten, soll, als er 
aus dem künftigen Aufgange des Siebengestirns eine Theue- 
rung des Oeles voraussah, (sowie wir es bereits angegeben 
haben und noch ausführlicher zeigen werden) bei dem we- 
gen der Hoffnung auf eine reiche Olivenerndte damals nie- 
drigen Preise alles Oel in der ganzen Gegend aufgekauft 
haben; worüber sich Die wunderten, welche wussten, dass 
er arm sei und ihm in seinen wissenschaftlichen Studien 
Ruhe am Herzen liege. Nachdem aber die Ursache davon 
und der ungeheuere Anwuchs seines Vermögens bekannt 
geworden war, soll er den in Angst und Reue versetzten 
Herren ihr Geld wiedergegeben, und sich damit begnügt 



398 Acliizeüiiteri Uucu. 

haben, dass er den Beweis abgelegt, es sei ihm, wenn er 
wolle, leicht reich zu werden. Dasselbe that später Sex- 
tius, einer von den römischen Anhängern der Weltweisheit 
in Athen. So glänzende Gelegenheit haben die Wissen- 
schaften, sich geltend zu machen, und ich will suchen, sie 
so klar und verständlich wie möglich in die landwirthschaft- 
lichen Arbeiten einzuflechten. Die Meisten behaupten, der 
durch starke Sonnenhitze gebrannte Thau sei die Ursache 
des Rests am Getreide und der Brandbeulen am Weinstocke; 
doch diess halte ich zum Theil für unrichtig, glaube viel- 
mehr, dass aller Brand von der Kälte allein herrührt, und 
die Sonne keinen Einfluss in dieser Beziehung ausübt. 
Aufmerksamen wird diess leicht augenscheinlich werden, 
denn vor Allem werden sie wahrnehmen, dass es nur des 
Nachts und bevor der Tag heiss wird, geschieht. Alles 
aber kommt auf den Stand des Mondes an, denn jenes 
Uebel erscheint nur im Neumonde oder im Vollmonde d. 
h. wenn er das Uebergewicht bat, in beiden Fällen näm- 
lich ist er, wie schon oft gesagt wurde, voll^ im Neumonde 
aber führt er alles von der Sonne empfangene Licht dem 
Himmel wieder zu. Beide Stellungen bieten einen ebenso 
grossen als offenkundigen Unterschied dar, denn zur Zeit 
des Neumondes ist es im Sommer am wärmsten, im Winter 
am kältesten. Im Gegentheil haben wir während des Voll- 
mondes im Sommer kalte, im Winter laue Nächte. Die 
Ursache davon liegt klar, aber von Fabianus i) und den 
griechischen Schriftstellern wird eine andere angegeben. Im 
Sommer nämlich muss es während des Neumondes wärmer 
sein, weil der Mond mit der Sonne in einem uns sehr nahen 
Kreise läuft, und von dem so nahe empfangenen Feuer 
glühet; im Winter aber muss er im Neumonde entfernt 
sein, weil auch die Sonne von uns abgeht. Ebenso muss 
er im Vollmonde des Sommers, der Sonne entgegen, fern 
sein, im Winter aber durch den Sommerzirkel näher /u 



*) Ein nicht näher bekannter Schriftsteller. 



Achtzehntes Buch. 399 

uns gelangen. Da er nun an sich schon bei niederer Tem- 
peratur den Thau befördert, so lässt sich daraus abnehmen^ 
wie sehr er dann fallenden Reif erkältet. 

69. 

Vor allem aber muss man sich erinnern, dass es zwei 
Arten der durch den Einfluss des Himmels erzeugten Un- 
fälle giebt. Eine nennen wir Ungewitter, und verstehen 
darunter Hagel, Sturm und dergleichen, und wenn diese 
kommen, bezeichnen wir sie als die grössere Kraft; sie 
gehen, wie wir schon öfters gesagt haben, von rauhen Ge- 
stirnen, wie dem Aicturus, Orion und den Böcken aus. 
Die andern Unfälle entstehen bei ruhiger Luft in heitern 
Nächten, und werden nicht eher wahrgenommen, bis sie 
geschehen sind. Sie sind allgemein und sehr verschieden 
von den erstem, heissen bei Einigen Rost, bei Andern 
Brand, bei Andern Karbunkel, bei Allen aber Unfrucht- 
barkeit. Von dieser zweiten Art, welche vor mir noch 
kein Schriftsteller behandelt hat, wollen wir nunmehr re- 
den, vorher jedoch die Ursachen ihrer Entstehung angeben. 

Ausser dem Einflüsse des Mondes sind noch 2 Ursachen 
vorhanden, und diese bestehen nur an wenigen Stellen des 
Himmels. Das Siebengestirn nämlich wirkt ausschliesslich 
auf die Feldfrüchte, denn bei seinem Aufgange beginnt der 
Sommer, bei seinem Untergange der Winter, und es umfasst 
in diesem halbjährigen Zeiträume die Erndte, die Weinlese 
und das Reifwerden aller Früchte. Ferner befindet sich 
am Himmel die sogenannte Milchstrasse, welche schon mit 
blossem Auge leicht zu sehen ist. Durch ihren Ausfluss 
werden, wie aus einer Brust, alle Saaten genährt, wozu 
noch 2 Gestirne in Betracht kommen, der Adler in der 
nördlichen und der Hundsstern in der südlichen Region, 
dessen wir bereits an seinem Orte erwähnt haben. 
Sie selbst geht durch den Schützen und die Zwillinge, 
und schneidet im Mittelpunkte der Sonne zweimal 
den Aequinoctialzirkel, dessen Fugen an der einen 
Seite der Adler, an der andern der Hundsstern einnimmt. 
Desshalb also erstreckt sich beider Wirkung auf alle 



400 Achtzehntes Buch. 

fruchttragenden Länder, weil bloss an diesen Orten die 
Mittelpunkte der Sonne und Erde zusammentreffen. Daher 
wachsen an den Tagen dieser Gestirne, wenn eine reine 
und milde Luft jenen schaffenden Milchsaft zur Erde sen- 
det, die Saaten fröhlich empor. Wenn aber der Mond auf 
die schon angegebene Weise seine thauige Kälte darunter 
mischt, so tödtet die hinzugekommene Bitterkeit, wie bei 
der Milch, die Frucht. Das Maass dieses Unfalls in den 
Ländern, welches er bei jeder Krümmung macht, ist von 
beiden Ursachen begleitet; daher nimmt man ihn nicht zu- 
gleich auf der ganzen Erde, auch nicht am Tage wahr. 
Wir haben gesagt, dass der Adler in Italien am 19. De- 
cember aufgeht, und die Natur leidet nicht, dass man vor 
diesem Tage sichere Hoffnung auf die Saaten baue. Wenn aber 
Neumond eintritt, müssen alle Winter- und Frühsaaten leiden. 
Das Leben der Alten war rauh und unwissenschaft- 
lich; dass aber ihre Beobachtungen nicht minder scharf- 
sinnig waren, als jetzt die Gründe, wird sogleich erhellen. 
Sie fürchteten nämlich für ihre Früchte 3 Zeiten, um deret- 
willen sie auch Feiertage und Feste anordneten: das Korn- 
brandfest, das Blüthenfest und das Weinfest. Das Korn- 
brandfest stiftete Numa im 11. Jahre seiner Regierung; 
jetzt wird es am 24. April gefeiert, weil etwa um diese 
Zeit die Saaten vom Brande befallen werden. Eben diesen 
Zeitpunkt setzt Varro, wie es damals die Rechnung mit 
sich brachte, in die Periode, wo die Sonne im 10. Grade 
des Stiers steht. Die wahre Ursache ist aber, dass 19 
Tage nach dem Frühlings-Aequinoctium, jene 4 Tage hin- 
durch, nach verschiedener Völker Meinung am 27. April, 
der an und für sich heftige Hundsstern, vor welchem noch 
der kleine Hund untergehen niuss, verschwindet. Unsere 
Vorfahren setzten auch auf den 27. April nach dem Aus- 
spruche der Sibylla im 516. Jahre der Stadt, das Blüthen- 
fest ein, damit alles besser abblühete. Varro verlegt diesen 
Tag in die Zeit, wo die Sonne im 4. Grade des Stiers 
steht. Wenn also in diese 4 Tage der Vollmond fällt, so 
muss alles, was blühet, leiden. Das erste Weinfest, wel- 



Achtzehntes Buch. 401 

ches vor diese Tage auf den 22. April zum Behuf des 
Weinkostens eingesetzt ist, hat mit den Früchten nichts 
gemein; ebensowenig die bisher angeführten Feste mit den 
Weinstöcken und Oelbäumen, weil deren Fruchtansatz mit 
■dem Aufgange des Siebengestirns am 10. Mai, wie schon 
gesagt, beginnt. Diess ist ein anderer Zeitraum vou 4 
Tagen, in dem selbst die Benetzung mit Thau schadet, 
denn jene Gewächse fürchten den Tags darauf untergehen- 
den kalten Arcturus; noch mehr Nachtheil aber bringt 
ihnen der Vollmond. 

Am 1, Juuius geht Abends der Adler wieder auf, und 
diess ist ein entscheidender Tag für die blühenden Oel- 
bäume und Weinstöcke, wenn gerade Vollmond eintritt. 
Ich möchte die Sonnenwende am 23. Juni aus demselben 
Grunde anführen, sowie den 23 Tage darauf erfolgenden 
Aufgang des Hundssterns, doch nur beim Vollmonde, weil 
in seinem Dunste die Schuld liegt, dass die Beeren hart 
werden. Wiederum nachtheilig ist der Vollmond am 4. 
Juli, wenn in Aegypten der kleine Hund aufgeht, oder we- 
nigstens am 16. Juli, wenn er in Italien sichtbar wird; des- 
gleichen am 19. Juli, wenn der Adler untergeht^ bis zum 
22. desselben Monats. Ausserdem giebt es noch ein zwei- 
tes Weinfest am 19. August. Varro setzt es in die Zeit, 
wo die Leier anfängt, früh Morgens unterzugehen, nimmt 
auch damit zugleich den Beginn des Herbstes an, und 
sagt, dieser Festtag sei zur Milderung der üngewitter ein- 
geführt. Jetzt beobachtet man den Untergang der Leier 
am 8. August. 

In diese Periode fällt die Unfruchtbarkeit, welche vom 
Einflüsse des Himmels herrührt; doch will ich nicht in Ab- 
rede stellen, dass sie sich nach dem Gutachten der Leser, 
wenn sie die Beschaffenheit der Länder erwägen, ändere. 
Indessen genügt es, die Ursachen angegeben zu haben; 
das Uebrige richtet sich nach eines Jeden Beobachtung. 
Dass aber eins von beiden, entweder der Vollmond oder 
der Neumond, die Ursache sei, leidet keinen Zweifel. 
Hierbei kann man nicht umhin, die Güte der Vorsehung 

Wittstein: Plimus. III. Bd. 26 



402 Achtzehntes Buch. 

ZU bewundern; denn erstens kann dieser Unfall sich wegem 
des bestimmten Laufes der Gestirne nicht alle Jahre, fer- 
ner nur in wenig Nächten ereignen, und man kann es 
leicht vorher wissen, wann er komipt. Und damit man 
nicht alle Monate in Furcht zu sein braucht, besteht die 
gesetzmässige Eintheilung, dass im Sommer die Neumonde, 
im Winter die Vollmonde, mit Ausnahme von 2 Tagen,, 
sicher sind; auch ist die Furcht nur in den kürzesten 
Sommernächten gegründet, am Tage dagegen überflüssig. 
Noch ist hierzu zu merken, dass die Ameise, ein ausser- 
ordentlich kleines Thier, bei Neumonde ruhet, bei Voll- 
monde aber selbst des Nachts arbeitet. Der Vogel Parra^) lässt 
sich, wenn der Hundstern aufgeht, am Tage nicht sehen, 
so lange bis jener untergeht; hingegen kommt der Vireo 2) 
am Tage der Sonnenwende zum Vorschein. Keiner von 
beiden Mondständen aber ist schädlich, selbst nicht bei 
Nacht, wenn diese nicht heiter sind und keine Luft geht, 
weil weder bei bewölktem Himmel noch beim Winde Thau 
fällt. Auch stehen uns noch einige Hülfsmittel dagegen 
zu Gebote. 

70. 
Wenn du dergleichen besorgest, so zünde Reiser, Hau- 
fen von Spreu, ausgerissenes Gras und Strauchwerk in den 
Weinbergen und Feldern an; der Rauch davon hilft. Der 
Spreurauch erweist sich auch da nützlich gegen Nebel, wo 
diese schaden. Einige rathen, 3 lebendige Krebse in den 
Baum- Weingärten zu verbrennen, um die Karbunkeln un- 
schädlich zu machen; Andere, Fleisch vom Welse da, wo 
der Wind herkommt, langsam zu rösten, damit der Rauch 
durch die ganze Pflanzung verbreitet werde. Varro sagt 
wenn beim Untergange der Leier, d. i. zu Anfang des 
Herbstes, eine gemalte Taube zwischen den Weinstöcken 
geweihet werde, so sei das Ungewitter weniger schädlich. 
Archibius ^) schrieb an den König Antiochus von Syrien,, 



') Der Grünspecht oder Kiebitz. ^) Grünfinke. 
3) Griechischer Grammatiker um 80 v. Chr. 



Achtzehntes Buch. 403 

das Ungewitter thäte keinen Schaden, wenn ein Laubfrosch 
in einem neuen irdenen Geschirre mitten im Felde ein- 
gescharrt würde. 

71. 

Die Landarbeiten nach der Sommer-Sonnen- 
wende sind: aufackern der Erde, pflügen, umgraben der 
Bäume, und, in heissen Regionen, behäufeln. Alles was 
treibt muss man nicht umgraben, es sei denn in einem 
üppigen Boden. Die Baumschulen reinige man mit der 
Hacke. Ferner erndte man die Gerste ein. Nach Cato 
soll man die Dreschtenne mit Greta, welche mit Oelsatz 
durchknetet ist, belegen; Virgil hält diess jedoch für zu 
mühsam. Die Meisten ebnen sie bloss, und bestreichen 
sie mit magerm Kuhmist, was zur Verhütung des Staubens 
hinreichend erscheint. 

72. 

Die Erndte selbst geschieht auf mehrfache Weise. 
Auf den grossen Gütern in Gallien, werden grosse, am 
Rande mit scharfen Zähnen versehene Wannen i) auf 2 
Rädern von ein Paar hinten angespannten Ochsen durch 
das Getreidefeld getrieben, wobei die abgerissenen Aehren 
in die Wanne fallen. An andern Orten schneidet man die 
Halme in der Mitte mit der Sichel, und streift die Aehren 
zwischen zwei Gabeln 2) ab. Wiederum anderswo reisst 
man die Halme an der Wurzel ab, und nennt diess: den 
Acker an seiner Oberfläche brechen, wobei man aber den 
Saft auszieht. Wo die Häuser mit Stroh gedeckt werden, 
lässt man dasselbe so lang als möglich; wo Mangel an 
Heu ist, verwendet man Spreu zum Streuen. Mit Panicum- 
stroh deckt man nicht; Hirsestroh wird in der Regel ver- 
brannt. Gerstenstroh ist das beste Futter für's Rindvieh 
und wird zu diesem Zwecke aufbewahrt. In Gallien sam- 
melt man Panicum und Hirse besonders mit einer Hand- 
hechel. 

Das eingebrachte Getreide wird auf der Tenne an eini- 
gen Orten mit Dreschwalzen 3), an andern durch Stutenhufe 

*) valli. ^) mergites. ^) tribula. 

26* 



404 Achtzehntes Buch. 

an andern mit Flegeln ausgehülst. Je später der Weizen 
geschnitten wird, um so voller findet man ihn; je früher 
aber, um so schöner und kräftiger fällt er aus. Die passend- 
ste Zeit ist, bevor das Korn hart wird und wenn es sich 
schon gefärbt hat. Ein weiser Ausspruch aber ist: erndte 
lieber 2 Tage zu früh als 2 Tage zu spät. Der Siligo und 
gewöhnliche Weizen haben selbst ihre eigne Behandlungs- 
weise auf der Tenne und im Speicher. Der Dinkel muss, 
weil er schwer auszudrescheu ist^ sammt der Spreu auf- 
gehäuft werden, und wird bloss von den Halmen und 
Acheln befreiet. 

Die meisten Völker bedienen sich der Spreu statt des 
Heues. Am besten ist die dünne, kleine und dem Staube 
sich nähernde; daher wird sie von der Hirse am vorzüg- 
lichsten geliefert, dann folgt die der Gerste und am schlech- 
testen ist die des Weizens, ausgenommen für das arbeitende 
Zugvieh. Die Halme auf steinigem Boden bricht mau, 
wenn sie trocken sind, mit einem Stabe, und streuet sie 
dem Viehe unter. Wenn es an Spreu fehlt, werden auch 
die Halme zerrieben; man schneidet sie nämlich etwas 
früh, besprengt sie längere Zeit hindurch mit Salzwasser, 
trocknet sie hierauf, wickelt sie in Bündel und giebt sie 
so dem Rindvieh statt des Heues. Einige verbrennen das 
Stroh auf dem Felde, was Virgil sehr lobt; der Haupt- 
nutzen dabei ist aber, dass die Samen des Unkrauts zer- 
stört werden. Die verschiedenen Gebräuche haben ihren 
Grund in der Menge des Getreides und dem Mangel au 
Arbeitsleuten. 

73. 

Hieran knüptt sich die Aufbewahrungsweise des 
Getreides. Nach Einigen soll man sich die Mühe geben, 
3 Fuss dicke Magazine von Ziegelwänden zu erbauen, 
weder Luft zulassen, noch Fenster anbringen, und sie von 
oben anfüllen. Andere schreiben vor, sie nur gegen Mor- 
gen oder Mitternacht anzulegen, und keinen Kalk dabei 
zu verwenden, weil dieser dem Getreide sehr schädlich 
sei; was sie aber in Bezug auf den Oelsatz empfohlen 



Achtzehntes Buch. 405 

haben, ist bereits von uns mitgetheilt worden. An manchen 
Orten bauet man hölzerne Kornböden auf Säulen, und lässt 
die Luft überall, selbst vom Boden aus hinzu. Andere 
glauben, auf schwebenden Böden werden die Körner klei- 
ner, und wenn sie unter Dach lägen, erhitzten sie sich. 
Viele widerrathen auch das Umschaufeln, denn der Korn- 
wurm gehe nur 4 Finger tief, und tiefer sei nichts zu 
fürchten. Nach Columella soll man den Westwind zum 
Getreide lassen, was mich sehr wundert, da dieser sonst 
der trockenste ist. Einige wollen, man solle, vor dem Ein- 
fahren des Getreides, an der Schwelle der Scheune einen 
Laubfrosch an einem der längern Öeine aufhängen. Wir 
glauben, es kommt am meisten auf die rechte Zeit des 
Einbringens an; denn, wenn es nicht trocken genug oder 
sehr kräftig oder warm ist, so müssen allerhand Schädlich- 
keiten darin aufkeimen. 

Es giebt mehrere Ursachen, die auf die Dauer Ein- 
fluss haben. Entweder liegt es an der Haut des Kornes 
selbst, wenn sie zu dick ist, wie bei der Hirse; oder an 
der Fettigkeit des Saftes, der allein schon zum Feucht- 
werden hinreicht, wie beim Sesam; oder an der Bittterkeit 
wie bei der Wolfsbohne und kleinen Kicher, Am meisten 
wachsen in dem Weizen Thiere, weil er sich seiner Dicke 
wegen leicht erhitzt, und mit einer dicken Kleie umgeben 
ist. Die Spreu der Gerste ist dünner, die der Hülsenfrüchte 
noch mehr, und daher entstehen sie nicht darin. Die Bohne 
erhitzt sich leicht, weil sie dicke Häute hat. Einige be- 
sprengen den Weizen, um ihn zu conserviren, mit Oelsatz 
und nehmen auf 1000 Modius 1 Quadrantal; Andere be- 
streuen ihn mit chaldäischer oder carischer Erde, oder auch 
mit Wermuth. Zu Olynthus und Cerinthus in Euböa giebt 
es eine Erde, welche vor dem Verderben schützt. Die in 
den Aehren aufbewahrten Samen verderben nicht leicht. 
Die beste Aufbewahrungsweise ist jedoch die in Gruben, 
welche man Siri nennt, wie in Cappadocien nnd Thracien 
geschieht. In Spanien und Afrika sorgt man besonders 
dafür, dass sie auf einem trocknen Boden angelegt werden, 



406 Achtzehntes Buch. 

und dass Spreu die Unterlage bilde. Ausserdem bewahrt 
man das Getreide mit der Aehre auf, und so ist man, wenn 
keine Luft hinzutritt, sicher, dass nichts Schädliches sich 
darin erzeugt. Varro behauptet, auf diese Art verwahrter 
Weizen halte sich 50, Hirse aber 100 Jahre. Bohnen und 
andere Htilsentrtichte können in mit Asche verstrichenen 
Oelfässern lange Zeit conservirt werden. Derselbe sagt, es 
seien während des Seeräuberkrieges des grossen Pompejus 
in einer Höhle zu Ambracien gut erhaltene Bohnen gefun- 
den worden, welche aus der Zeit des Königs Pyrrhus, also 
ohngefähr 120 Jahre alt waren. Nur allein in der Kicher- 
erbse wächst kein Ungeziefer in den Scheunen. Einige 
häufen um mit Essig gefüllte Krüge, unter welche Asche 
gestreuet worden, und die damit bestreichen sind, Hülsen- 
früchte an, in der Meinung, dass dann kein Ungeziefer da- 
rin entstehe. Andere bringen sie in Fässer, in denen ge- 
salzene Fische waren, und verstrichen mit Gyps; noch An- 
dere besprengen die Linsen mit Essig, in welchem Laser- 
saft 2) aufgelöst ist, und tränken sie nach dem Trocknen 
mit Oel. Die beste Regel aber ist, alles was nicht verderben 
soll, sammele im Neumonde. Daher kommt sehr viel 
darauf an, ob man sein Getreide aufbewahren oder ver- 
kaufen will; denn mit dem zunehmenden Monde wird es 
grösser. 

74. 
Nach der Eintheilung der Zeiten folgt nun der Herbst, 
dauert vom Untergange der Leier bis zum Aequinoctium, 
und weiter bis zum Untergange des Siebengestirns und 
zum Anfange des Winters. In diesen Zeitabschnitten sind 
das am 12. August in Attika Abends aufgehende Pferd, 
und der in Aegypten und nach Caesar untergehende Del- 
phin von Bedeutung. Am 21. August geht nach Caesar 
und in Assyrien der sogenannte Winzer-Stern früh auf, 
und kündigt das Reifwerdeu der Trauben an, denn von 
dieser Zeit an bekommen die Beeren eine andere Farbe. 



») S. XIX. B. 15. Cap. 



Achtzehntes Buch. 407 

-Am 2^7. geht in Assyrien der Schütze unter, und von da 
an hören die Passatwinde auf. Am 5. September geht in 
Aegypten der Winzer-Stern auf. In Attika geht früh Mor- 
gens der Arctur und der Schütze unter. Am 9. September 
geht bei Caesar die Ziege des Abends auf; der mittlere 
Stern des Arcturs aber am 12., zu Wasser und zu Lande 
5 Tage lang die heftigsten Wirkungen drohend. Man 
schliesst darüber: wenn es beim Untergange des Delphins 
geregnet hat, so würde der Arctur keinen Regen bringen. 
Als ein Zeichen, dass dieses Gestirn aufgeht, merke man 
sich den Abzug der Schwalben, denn wenn es seinen Ein- 
fluss auf diese ausübt, so müssen sie sterben. Am 15. 
September geht in Aegypten die Aehre, welche die Jung- 
frau hält, früh auf, und zugleich lassen die Passatwinde 
nach. Eben dieses trifft nach Caesar am 17., in, Assyrien 
am 18. ein; am 20. geht nach Caesar die Fuge der Fische 
unter, und am 23. das Gestirn des Aequinoctii selbst. 
Hierauf stimmen (was eine Seltenheit ist) Philippus ^), Cal- 
lippus^), Dositheus^), Parmeniscus*), Conon^), Criton^), 
Democritus, Eudoxus darin tiberein, dass am 27. September 
früh die Ziege, und am 28. die Böcke aufgehen. Am 2. 
October früh geht in Attika die Krone auf. In Asien und 
nach Caesar geht am 26. September früh der Fuhrmann 
unter. Am 28. fängt nach Caesar die Krone an aufzugehen, 
und den folgenden Tag gehen Abends die Böcke unter. 
Am 8. October geht nach Caesar der glänzende Stern in 
der Krone, am 13. Abends das Siebengestirn und am 15. 
die ganze Krone auf. Am 26. geht Abends das Siebenge- 
stirn auf. Am 31. geht nach Caesar der Arctur unter, und 



') Der Arzt Alexanders des Grossen, aus Akarnanien. 
^) Aus Cyzicum, Astronom um 330 v. Chr. 
3) Griechischer Grammatiker des 3. Jahrh. v. Chr. 
■*) Ein nicht näher bekannter Gelehrter. 

5) Aus Samos, Astronom um 300 v. Chr.; von ihm ward Bereni- 
•ce's Haupthaar an den Hmimel versetzt. 

6) Aus Athen, 400 v. Chr.; Schüler und Freund des Socrates. 



408 Achtzehntes Buch. 

das Siebengestirn mit der Sonne auf. Am 2. November 
Abends geht der Arctur unter. Am 9. fängt das Schwerdt 
des Orion an, unterzugehen. Endlich am 11. geht das 
Siebengestirn unter. 

In diesem Zeiträume sind die Landarbeiten: Steckrü- 
ben, Kettige säen an den bereits bezeichneten Tagen zu 
verrichten. Das gemeine Landvolk glaubt, die weisse Rübe 
müsse nicht nach dem Abzüge des Storchs gesäet werden; 
uns dünkt, es müsse jedenfalls nach dem Feste des Vulkan 
geschehen, die frühzeitigen aber zugleich mit dem Panicum. 
Nach dem Untergänge der Leier: Wicken, Schwerdtbohnen 
und Futterkraut, letzteres jedoch nur, wenn der Mond nicht 
scheint. Diess ist auch die Zeit, in welcher das Laub ge- 
sammelt wird. Ein Laubscheerer soll in 1 Tage 4 Laub- 
körbe voll sammeln. Es fault nicht, wenn es im abneh- 
menden Monde gesammelt wird. Trocknes muss man nicht 
lesen. 

Die Alten waren der Meinung, die Weintrauben seien 
vor dem Aequinoctium nicht reif zur Lese; jetzt sehe 
ich, dass man an verschiedenen Orten sehr damit eilt, und 
ich will daher auch die hiezu zweckmässigste Zeit durch 
bestimmte Merkmale und Gründe bezeichnen. Folgende 
Regeln sind dabei zu beobachten: Liess keine warme d. 
h. trockne Traube, und, wenn kein Regen inzwischen ge- 
fallen ist. Lies sie nicht bethauet, d. h. wenn es die 
Nacht zuvor gethauet, und nicht eher, als bis die Sonne 
den Thau verzehrt hat. Beginne die Weinlese, wenn das 
Blatt sich an die Rebe zu legen anfängt, oder wenn nach 
Herausnahme eines Kernes der Zwischenraum wegen Dich- 
tigkeit der Masse sich nicht auszufüllen scheint, und die 
Beere selbst nicht mehr wächst. Es ist von grossem Nutzen 
für die Beeren, wenn sie bei zunehmendem Monde gesam- 
melt werden können. Eine Kelterung muss 20 Culei an- 
füllen; diess ist das rechte Maass. Zu ebenso vielen Cu- 
leis und Kübeln reicht auf 20 Jugera 1 Kelter hin. Einige 
keltera nur mit einer, besser ist es aber mit zweien, wenn, 
eine auch noch so geräumig ist; denn hier kommt es auf 



Achtzehntes Buch. 409' 

die Länge und nicht auf die Dicke an. Geräumige Keltern 
sind besser. Die Alten zogen sie mit Stricken, ledernen 
Riemen und Hebebäumen. In den letzten 100 Jahren 
wurden die griechischen Keltern erfunden, an denen 
die Falten des Press-Baumes durch Schrauben gehen, 
mittelst Pfählen ein Kreuz an dem Baume befestigt ist, 
und der Baum an diesen Pfählen Steinkisten mit sich in 
die Höhe hebt. Diese Einrichtung wird sehr gut befanden. 
Innerhalb der verflossenen 22 Jahre hat man die Erfindung 
gemacht, mit kleinern Pressen und weniger auf einmal zu 
keltern; die ganze Maschine ist kürzer, der Baum steht in 
der Mitte fest, über die Weinbeeren werden Bretter gelegt, 
welche von oben herab mit ihrem ganzen Gewichte drücken, 
und über der Presse bringt man die Steinkisten an. 

Diess ist auch die Zeit der Obsterndte, dereu Zeit- 
punkt man daran erkennt, dass Obst der Reife wegen, 
nicht durch Sturm herabfällt. Ferner fällt in diese Zeit 
das Auspressen der Hefen, und das Kochen des Mostsaftes, 
Avas bei Neumonde des Nachts, bei Vollmonde am Tage, 
an den übrigen Tagen aber entweder vor dem Aufgange 
des Mondes oder nach dessen Untergange geschieht. Man 
nehme dazu keine Trauben von jungen oder sumpfig stehen- 
den Stöcken, auch nur reife, und schäume nur mit Blättern 
ab, denn wenn man das Gefäss mit Holz berührt, so soll 
er anbrennen und räucherich werden. Die rechte Zeit der 
AVeinlese dauert 44 Tage lang, vom Aequinoctium bis zum 
Untergange des Siebengestirns. Von diesem Tage an gilt 
der Spruch: was kalt gepicht wird, taugt nichts. Ich habe 
schon gesehen, dass Einige wegen Mangel an Fässern erst 
zu Anfange des Januar Weinlese hielten, dass man den 
Most in Fischbehältern aufbewahrte, oder den vorigen Wein 
ausgoss, um zweifelhaften einzufüllen. Diess geschieht 
nicht sowohl wegen allzureifer Erndte, sondern aus Wuth 
derjenigen, welche auf Theuerung lauern. Der Hausvater 
thut aber wohl, den Ertrag eines jeden Jahres zu benutzen ; 
und dabei steht man sich überhaupt am besten. Was noch 
von den Weinen zu sagen wäre, ist schon früher mitgetheilt 



410 Achtzehntes Buch. 

worden; ebenso, dass man nach der Weinlese die Oliven 
schnell einsammeln müsse, ferner was das Oel betrifft, und 
was beim Untergange des Siebengestirns zu verrichten sei. 

75. 
Wir wollen jetzt noch das Nöthige von dem Monde, 
d«n Winden und den Voranzeigen hinzulügen, um hiermit 
die ganze Materie von den Sternen abzuschliessen. Auch 
Virgil, welcher der Prahlerei Democrits gefolgt ist, hat ge- 
glaubt, nach den Mondeszahlen etwas eintheilen zu müssen. 
Der Nutzen dieser Gesetze zeigt sich uns, gleichwie in 
der ganzen Sache, so auch in diesem Theile. Alles was 
geschnitten, gebrochen und eingesammelt wird, geschieht 
besser im abnehmenden Monde als im zunehmenden. Dünger 
rühre man nur im abnehmenden Monde an; vorzüglich 
dünge man im Neumonde und im letzten Viertel. Eber, 
junge Stiere, Widder, Böcke verschneide im abnehmenden 
Monde. Eier lege im Neumonde unter. Pflanzgruben 
mache des Nachts bei Vollmonde. Baumwurzeln bedecke 
bei Vollmonde. An feuchten Orten säe im Neumonde und 
vier Tage später. Man räth auch, Getreide nnd Hülsen- 
früchte gegen Ende des letzten Viertels umzuschaufeln und 
einzufahren ; die Pflanzschulen zu machen, wenn der Mond 
über der Erde ist; Most zu bereiten, wenn der Mond unter 
der Erde ist; ebenso, Holz zu fällen und alles das zu ver- 
richten, was wir gehörigen Orts besprochen haben. Die 
Beobachtung selbst, von der schon im 2. Buche die Rede 
war, ist sehr leicht; aber damit auch der Landmann Kennt- 
niss davon bekomme, bemerke ich noch folgendes: So oft 
man den Mond gleich nach dem Untergange der Sonne 
sieht, und er in den ersten Stunden der Nacht scheint, 
nimmt er zu und erscheint dem Auge halb; wenn er aber 
bei untergehender Sonne gerade gegenüber aufgeht, so dass 
man beide Gestirne zugleich sieht, dann haben wir Voll- 
mond. Geht er nach dem Aufgange der Sonne hervor, 
entzieht ihr in den ersten Stunden der Nacht das Licht, 
und scheint bis zum Tage, so nimmt er ab und wird wie- 
der halb. In der Zusammenkunft, dem sogenannten Neu- 



Achtzehntes Buch. 411 

monde, befindet er sieh, wenn er nicht mehr scheint; wäh- 
rend des Neumondes aber ist er so lange als die Sonne, 
und. den ersten ganzen Tag über der Erde; am zweiten 
Vio und V48 Stunde weniger, vom dritten bis fünfzehnten 
in derselben Weise weiter, indem diese Stundentheile sieh 
vervielfältigen; am 15. ist er die ganze Nacht unter, und 
den ganzen Tag über der Erde. Am 16. Tage bringt er 
1/10 und 1/4S Stunde der Nacht unter der Erde zu, und 
diese Stundentheile kommen jeden Tag bis zum Neumonde 
hinzu. So viel er in den ersten Theilen der Nacht für 
das Verweilen unter der Erde abnimmt, ebensoviel fügt 
er den letzten von dem Tage über der Erde hinzu. Einen 
Monat um den andern macht er die Zahl 30 voll, oder 
nimmt eins davon ab. So verhält es sich mit dem Monde. 

76. 
Die Kenntniss der Winde ist weit schwieriger. Man 
merke sich an einem beliebigen Tage die Gegend, wo die 
Sonne aufgeht, und stelle sich in der sechsten Tagesstunde^) 
so, dass man den Sonnenaufgang an der linken Schulter 
hat, so sieht man gerade gegen Mittag, und im Kücken ist 
Mitternacht. Die Grenze, welche in dieser Richtung durch 
den Acker geht, heisst die Hauptgrenze. Es ist besser, 
sich nun umzudrehen, damit man seinen Schatten sieht, 
denn sonst ist er hinter der Gestalt. Hat man sich also 
so weit umgedrehet, dass der Sonnenaufgang desselben 
Tages an der rechten Schulter, der Untergang an der lin- 
ken liegt, so ist dann Mittag, wenn mitten vor der Gestalt 
der kleinste Schatten sich zeigt. Mitten durch denselben 
der Länge nach ziehe man mit dem Spaten eine Furche, 
oder mit Asche einen Strich am besten von etwa 20 Fuss 
Länge; die Mitte desselben, d. h. von jedem Ende 10 Fuss 
entfernt, umgebe man mit einen kleinem Kreise, welcher 
Nabel genannt wird. Da wo der Scheitel des Schattens 
liegt, ist die Region des Nordwindes. Lass, Baumbeschneider, 
die Bäume nicht dahin sehen, ebensowenig die Weinbaum- 



») Um Mittag. 



412 Achtzehntes Buch. 

gärten und Weinberge, ausgenommen in Afrika, Cyrene 
und in Aegypten. Weht der Wind daher, so pflüge weder, 
noch versäume die Vorschriften, welche ich bereits darüber 
gegeben habe, zu befolgen. Der zu den Füssen des Schat- 
tens liegende Theil der Linie sieht nach Mittag, und von 
daher kommt der Südwind, welchen die Griechen, wie 
schon bemerkt, Notus nennen. Wehet dieser Wind, so be- 
arbeite der Landmann weder Holz noch Weinpflanzungen. 
In Italien ist er feucht und schwül; in Afrika bringt er 
brennende Hitze und heitern Himmel. Die Schösslinge der 
Reben sollen in Italien gegen ihn gerichtet sein, nicht aber 
die Bäume und Weinstöcke. Vor ihm hüte sich der Oel- 
baumpflanzer in den 4 Tagen des Siebengestirns, der Pfropfer 
der Reiser und Einsetzer der Augen. Es wird gut sein, 
wenn wir selbst über die Stunde dieser Gegend einige 
Worte vorausschicken. Der Baumgärtner haue um Mittag 
kein Laub ab. Wenn der Hirte merkt, dass es Mittag ist 
(um welche Zeit sich im Sommer der Schatten verkürzt), 
so soll er das Vieh aus der Sonne in den Schatten treiben. 
Wer im Sommer weiden lässt, der sehe vor Mittag gegen 
Abend, Nachmittags gegen Morgen, sonst wird er Nachtheil 
haben, ebenso wie im Winter und Frühlinge, wenn er das 
Vieh auf bethauete Plätze treibt. Auch treibe er nicht 
gegen den oben genannten Nordwind, denn sonst wird das 
Vieh lahm, bekommt triefende Augen, und erliegt schnell 
dem Durchfalle. Wer trächtige Weibchen haben will, lasse 
sie gegen diesen Wind gerichtet bespringen. 

77. 
Wir haben gesagt, in der Mitte jener Linie solle ein 
Nabel gezeichnet werden. Quer mitten durch denselben 
ziehe man eine andere; diese geht vom Aequinoctial- Auf- 
gange zum Untergange, und die Grenze, welche auf diese 
Weise den Acker durchschneidet, heisst die grosse. Man 
zieht hierauf noch 2 Linien schräg ins Kreuz so, dass sie 
von der rechten und linken Seite des Nordens zur Rechten 
und Linken des Südens gehen. Alle gehen durch ein und 
denselben Mittelpunkt, alle müssen unter einander gleich. 



Achtzehntes Buch. 413 

und zwischen allen gleiche Zwischenräume sein. Diese 
Anordnung muss man auch einmal auf dem Acker, oder, 
wenn man sich ihr öfter bedienen will, auf einer kleinen, 
runden Scheibe von Holz ausführen. Auf diese Weise 
muss man dem Verstände des Ungebildeten zu Hülfe 
kommen. Am besten ist es, die Mittagszeit zu erforschen, 
weil sie stets dieselbe bleibt; die Sonne aber gebt immer 
an einem andern Punkte des Himmels als den Tag zuvor 
auf, und man darf daher nicht glauben, den Strich nach 
dem Aufgange richten zu müssen. Ist die Gegend des 
Himmels erforscht, wo die Spitze des Striches dem Norden 
von Osten an gerechnet, zunächst liegt, so hat man den 
Solstitial-Aufgang, des längsten Tages nämlich, und den 
Nordostwind i), welchen die Griechen Boreas nennen. Ge- 
gen diesen setze man Bäume und Weinstöcke; pflüge aber 
nicht wenn er wehet, säe kein Getreide und werfe keinen 
Samen aus, denn er verdichtet und reitzt die Wurzeln der 
Bäume, die man versetzen will. Man bedenke, dass Diess 
für kräftige. Jenes für schwache passt. Ich erinnere mich 
auch, dass die Griechen in diese Richtung einen Wind 
setzen, welchen sie Caecias nennen. Aber eben jener 
scharfsinnige Aristoteles, der diess gethau, führt als Grund 
die convexe Gestalt der Welt au, vermöge dessen der 
Aquilo dem Südwestwinde 2) entgegen blase. Doch fürchtet 
ihn der Landmann bei den angeführten Arbeiten nicht das 
ganze Jahr hindurch. Mitten im Sommer mildert ihn die 
Sonne, und dann wechselt er seinen Namen und heisst 
Etesias. Daher hüte dich vor ihm, wenn es kalt wird ; und 
so sehr man auch vor dem Nordostwinde warnt, so ist der 
Nordwind doch noch verderblicher. Gegen diesen müssen 
die Weinbaumgärteu und Weinberge in Asien, Griechenland, 
Spanien, an der italienischen Küste, in Campanien und 
Apulien liegen. Wer gern männliche Zucht haben will, 
der weide das Vieh gegen diesen Wind, damit ihn dasselbe 
cinathme. Vom Winteruntergange her wehet dem Aquilo 



') Aquilo. -) Afrious 



414 Achtzehntes Buch, 

entgegen der Africus, welchen die Griechen Liba nennen. 
Wenn sich das Vieh beim Begatten gegen ihn wendet, so 
wirft es lauter Weibchen. 

Die dritte von Norden her gehende Linie, welche wir 
der Breite nach durch den Schatten gezogen und die grosse 
genannt haben, hält die Richtung des Aequinoctial-Aufganges, 
und bezeichnet den Ostwind ^), den die Griechen Apeliotes 
nennen. In gesunden Gegenden müssen ihn die Landhäuser 
und Weinberge im Angesicht haben. Er bringt gern Regen, 
doch ist der Westwind 2), welcher ihm entgegen weht, und 
der bei den Griechen Zephyr heisst, trockner. Nach Cato 
sollen die Oelbaumpflanzungen gegen den letztern gerichtet 
sein. Er bringt den Frühling, öffnet das Erdreich und ist 
seiner milden Kälte wegen gesund. Sobald er wehet, darf 
man die Weinstöcke beschneiden, die Feldfrüchte besorgen, 
die Bäume pflanzen, die Obstbäume pfropfen, die Oelbäume 
ausputzen, und er wird einen nährenden Einfluss ausüben. 

Die vierte Linie, von Norden an gezählt, welche von 
Morgen her dem Südwinde zunächst liegt, bezeichnet den 
Winteraufgang und den Südostwind 3) , bei den Griechen 
Eurus genannt, der trockner und wärmer ist. Die Bienen- 
stöcke und Weinberge in Italien und Gallien sollen nach 
ihm gerichtet sein. Dem Südostwinde entgegen wehet vom 
Solstitial-Untergange und der westlichen Seite des Nordens 
her der Nordwestwind ^), bei den Griechen Argestes ge- 
nannt, welcher gleichwie alle von Norden her wehenden, 
sehr kalt ist. Er bringt Hagel, und man muss sich vor 
ihm ebenso hüten wie vor dem Nordwinde. Wenn der 
Südostwind aus einer heitern Himmelsgegend wehet, so 
dauert er nicht bis zur Nacht; der Ostwind hingegen hält 
bis über die Hälfte der Nacht aus. Sobald ein Wind, 
gleichviel welcher, heiss ist, dauert er mehrere Tage hin- 
durch. Der Nordostwind wird durch das plötzliche Trocken- 



•) Subsolanus ^) Favonius. ^) Vulturnus. *) Corus. 



Achtzehntes Buch. 



41; 



werden des Erdreichs, und der Südwind durch Feuchtwerden 
von unsichtbarem Thau vorher verkündigt i). 

78. 
Nachdem nun die Winde abgehandelt sind, wollen wir,^ 
um nicht oft ein und dasselbe zu sagen, zu den übrigen 
Voranzeigen der Witterung übergehen, weil ich finde,^ 
dass Virgil sehr darauf gehalten hat, denn er sagt, selbst 
in der Erndte lieferten die Winde dem Unkundigen oft ge- 
fährliche Treffen. Man erzählt, der (bereits genannte) De- 
mocritus habe seinen Bruder Damasus, welcher in der 
brennendsten Hitze einerndtete, gebeten, das übrige Ge- 
treide stehen zu lassen und das bereits geschnittene schnell 
unter Dach zu bringen, und wenige Stunden später habe 
ein heftiger Platzregen seine Weissagung bestättigt. Man . 
soll sogar das Rohr nur säen, wenn Regen drohet, und das 
Getreide nach dem Regen. Wir wollen daher diesen Ge- 
genstand, der allerdings genau erforscht zu werden ver- 
dient, hier kurz behandeln. 



*) Zur leichtern Uebersicht der Winde setzen wir hier eine Wind- 
rose mit den Namen der in diesem Capitel abgehandelten Winde her. 





^ o 


• 




Corus 
(Argestes) v 






/ 


Aquilo 

(Caecias) 


Favonius 


\ 


/ 


^ 


Subsolanus 


(Zephyrus) 


/ 


\ 




(Apeliotes) 


Africus / 
(Liba) 


'S 

o 


> 


^ 


Vulturnus 
(Eurus) 



416 Achtzehntes Buch. 

Zuerst die Voranzeigen von der Sonne. Geht sie 
rein und feurig auf, so verkündet sie einen heitern Tag, 
ist sie blass, einen stürmischen Hagel. Wenn sie den Tag 
vorher heiter unterging und ebenso wieder aufgeht, kann 
man um so sicherer auf schönes Wetter bauen. Wenn 
sie hohl aufgeht, zeigt sie Regen an, ebenso wenn unter 
rothen Wolken schwarze sind, und Winde, wenn die Wol- 
ken vor ihrem Aufgänge roth werden. Wenn ihre Strahlen 
beim Auf- und Untergange roth sind, wird viel Regen fallen. 
Wenn die um ihr stehenden Wolken beim Untergange roth 
sind, wird der folgende Tag heiter sein. Stehen beim Auf- 
gange die Wolken gegen Süden und Nordost zerstreuet, so 
kündigen diese, wenn auch der Himmel um sie herum klar 
ist, Regen und Wind an. Wenn die Strahlen beim Auf- 
und Untergange kurz erscheinen, erfolgt Regen. Regnet 
es bei ihrem Untergange, oder ziehen die Strahlen Wolken 
an, so bedeutet diess ungestümes Wetter am folgenden 
Tage. Wenn die Strahlen beim Aufgange, auch ohne von 
Wolken umgeben zu sein, nicht schimmernd hervorbrechen, 
so kündigen sie Regen an. Wenn sich die Wolken vor 
dem Aufgange haufenweise vereinigen, so prophezeien sie 
einen rauhen Winter; werden sie aber von Morgen gegen 
Abend getrieben, heiteres Wetter. Wenn die Wolken die 
Sonne einschliessen, so wird die Witterung um so stürmi- 
scher, je weniger Licht sie durchlassen; ist aber der sie 
umgebende Kreis doppelt, um so heftiger. Findet solches 
beim Aufgange Statt, und sind dabei die Wolken zugleich 
roth, so darf man des heftigsten Sturmes gewärtig sein. 
Umgeben sie die Wolken nicht, sondern stehen sie über 
ihr, so zeigen sie, welcher Wind auch wehen mag, dasselbe 
an. Kommen sie von Süden, bedeuten sie Regen. Wenn 
die aufgehende Sonne mit einem Kreise umgeben ist, so 
darf man von der Seite, wo er sich öffnet, Wind erwarten ; 
vertheilt sich aber der Kreis gleichmäsbig, so erfolgt heite- 
res Wetter. Wenn die Sonne beim Aufgange ihre Strahlen 
weit durch die Wolken schickt, aber mitten frei davon ist, 
so zeigt diess Regen an; wem sich vor dem Aufgange 



Achtzehntes Buch. 417 

"Strahlen zeigen, Nässe und Wind. Steht beim Untergange 
ein weisser Kreis um dieselbe, so tritt in der Nacht gelin- 
der Sturm ein; ist Nebel vorhanden, so wird der Sturm 
heftiger; scheint die Sonne durch denselben, so giebt es 
Wind. Ist der Kreis schwarz, so kommt starker Wind da- 
her, wo derselbe sich öflfnet. 

79. 
Mit Recht lassen wir hierauf zunächst die Voranzei- 
gen des Mondes folgen. Den vierten Tag desselben be- 
rücksichtigt man am meisten in Aegypten. Wenn er mit 
reinem Glänze aufgeht und hell scheint, so verkündigt er 
heiteres Wetter; ist er röthlich. Wind; ist er schwarz, so 
vermuthet man Regen. Am fünften Tage deuten seine 
stumpfen Ausläufer (Enden) Regen an; sind dieselben hoch- 
gerichtet und spitz, stets Wind, doch meistens am 4. Ist 
seine nördliche Spitze scharf und starr, erfolgt Nordwind; 
ist die untere Spitze so beschaffen, wird Südwind kommen, 
und stehen sie beide gerade, gewärtigt man eine windige 
Nacht. Umgiebt ihn am 4. Tage ein röthlicher Kreis, so 
kündigt er Wind und Platzregen an. Varro sagt folgendes 
hierüber: Wenn der Mond am 4. Tage gerade steht, so 
deutet er auf grossen Seesturm, ausgenommen, wenn ihn 
ein klarer Kranz umgiebt, denn diess zeigt an, dass es vor 
dem Vollmonde nicht stürmt. Ist er im Vollmonde zur 
Hälfte klar, so folgen heitere Tage; ist er roth, Winde, und 
ist er schwarz, Regen. Schliesst sein dunkler Kreis eine 
Wolke ein, so erfolgt Wind, und zwar daher, wo jene sich 
bricht; umgeben ihn 2 Kreise, grosser Sturm, und noch 
grösserer, wenn 3 Kreise vorhanden, oder wenn sie schwarz, 
unterbrochen und zerrissen sind. Wenn der zunehmende 
Mond mit der obern verdunkelten Spitze aufgeht, bringt er 
beim Abnehmen Regen; findet diess an der untern Spitze 
Statt, so regnet es vor dem Vollmonde, und ist er in der 
Mitte schwarz, während des Vollmondes. Wenn der Voll- 
mond einen Kreis (Hof) um sich hat, bekommen wir Wind 
von der Seite, wo er am meisten glänzt. Sind beim Auf- 
gange die Spitzen dick, so stellt sich höchst rauhe Witte- 

Wittstein: Plinius. m. Bd. 27 



418 Achtzehntes Buch. 

rung ein. Wenn er vor dem 4. Tage nicht zum Vorschein 
kommt, und der Westwind wehet, wird es den ganzen 
Monat hindurch kalt sein. Wenn er am 16. Tage feurig 
ist, kündigt er rauhe Witterung an. Auch hat der Mond 
selbst 8 Knoten i) ; er bildet nämlich mit der Sonne eben- 
soviele Winkel, und die Meisten beobachten seine Vorbe- 
deutungen nur innerhalb derselben, d. h. am 3., 7., IL, 15., 
19., 23., 27. Tage und im Neumonde. 

80. 
Den dritten Rang muss die Beobachtung der Sterne 
einnehmen. Sie scheinen zuweilen hin und her zu laufen, 
und bald darauf kommt Wind. Sie geben in dieser Beziehung; 
folgende Anzeigen: Wenn der ganze Himmel in den bereits 
genannten Zeitabschnitten gleichmässig glänzt, wird der 
Herbst heiter und kalt sein. Wenn der Frühling und 
Herbst etwas nass waren, machen sie den Herbst heiter, 
kräftig und minder windig. Einem heitern Herbste folgt 
ein windiger Winter. Wenn der Glanz der Sterne plötz- 
lich, und weder durch Wolken noch durch Finsterniss ver- 
dunkelt wird, erfolgt Regen und schweres Ungewitter. 
Wenn viele Sterne umherzufliegen scheinen, kündigen sie 
Wind aus derjenigen Gegend an, wohin sie mit weissem 
Lichte ziehen; wenn sie oft hin und her laufen, bestimmte^ 
wenn diess von vielen Seiten her geschieht, unbeständige 
Winde. Wird irgend ein Irrstern von Kreisen eingeschlos- 
sen, so entsteht Regen. Im Zeichen des Krebses befinden 
sich 2 Sterne, genannt die Eselchen, zwischen welchen 
ein dunkler Fleck ^j, die sogenannte Krippe, einen sehr 
kleinen Raum einnimmt; wird diese bei heiterm Himmel 
unsichtbar, so bekommen wir einen strengen Winter. Wenn 
der eine von diesen Sternen, der gegen Osten steht ver- 
dunkelt wird, tobt der Südwind; verdeckt sich der südliche, 
so stürmt der Nordostwind. Ein doppelter Regenbogen be- 
deutet Regen; nach dem Regen, nicht immer dauernde 



*) articuli, Zeitabschnitte. 
*) nubecula. 



Achtzehntes Buch. 419 

Heiterkeit. Neue Kreise um gewisse Sterne kündigen 
Kegen an. 

81. 
Wenn es im Sommer heftiger donnert als blitzt, so 
entsteht Wind, und zwar aus der Gegend woher der Schall 
kommt; ist hingegen der Donner schwächer, Regen. Wenn 
es bei heiterem Himmel blitzt und donnert, so wird Sturm 
eintreten, und dieser am heftigsten sein, wenn es in allen 
4 Weltgegenden blitzt. Geschieht es bloss in Nordost, so 
regnet es den folgenden Tag; in Norden, so deutet es die- 
sen Wind an. Hat es im Süden, Westen oder Nordwesten 
bei heiterer Nacht geblitzt, so erfolgt aus der betreffenden 
Gegend her Wind und Regen. Donner des Morgens be- 
deutet Wind, des Mittags Regen. 

82. 
Von wo bei heiterm Himmel die Wolken kommen, ist 
Wind zu erwarten: häufen sie sich daselbst, so werden sie 
sich bei Annäherung der Sonne zerstreuen. Geschieht 
diess in Nordost, so stellt sich Wind, im Süden Regen ein. 
Wenn beim Untergange der Sonne die Wolken von beiden 
Seiten des Himmels emporsteigen, entsteht Sturm. Ziehen 
schwarze Wolken von Osten heftig her, regnet es in der 
Nacht, und von Westen, den folgenden Tag. Wenn sich 
die Wolken, gleich der Schafwolle, von Osten her zerstreuen, 
fallt den dritten Tag nachher Regen. Senken sich die 
Wolken auf die Gipfel der Berge, wird es winterlich; er- 
scheinen aber diese wieder klar, erfolgt Heiterkeit. Er- 
scheint eine schwere weisse Wolke, welche man mit dem 
Namen weisses Ungewitter bezeichnet, so drohet Hagel. 
Entsteht ein noch so kleines Wölkchen an dem übrigens 
heitern Himmel, darf man auf stürmischen Wind rechnen. 

83. 
Nebel, der von den Bergen herabsteigt oder vom 
Himmel fällt oder sich in Thäler lagert, verspricht heiteres 
Wetter. 

84. 
Nächst diesen ist das irdische Feuer am bezeichnet- 

27* 



420 Achtzehntes Buch. 

sten für die Witterung. Brennt es nämlich blass und ge- 
räuschvoll, so deutet es auf Sturm. Regen zeigen auch 
die Dochte in den Lampen an; wenn die Flamme hin und 
her fliegt, auch wenn die Lichter Flammen aussprühen und 
sich mit Mühe anzünden lassen, kommt Wind. Ferner, 
wenn die daran hängenden Funken sich häufen, oder, wenn 
man einen Topf vom Feuer nimmt und es bleibt eine Kohle 
daran hängen; oder, wenn bedecktes Feuer glühende Asche 
ausstreuet oder Funken aussprühet; oder, wenn die Asche 
auf dem Herde zusammenbackt, und die Kohlen stark leuchten. 

85. 
Auch das Wässer hat seine Bedeutung. Wenn das 
Meer nach dem Einlaufen in den Hafen ruhig steht und 
in sich murmelt, kündigt es Wind au. Geschieht es öfter, 
so erfolgt Sturm und Regen. Wenn die Küsten und Ufer 
bei ruhigem Wetter rauschen, so wird heftiger Sturm ein- 
treten; ebenso, wenn bei ruhigem Wetter das Meer rauscht, 
der Schaum sich weit zerstreuet oder das Wasser Blasen 
wirft. Wenn sich die sogenannten Seelungeu auf dem 
Meere zeigen, ist mehrere Tage lang anhaltendes ungestümes 
Wetter die Folge davon. Oft schwillt auch das Meer in 
der Ruhe an und zeigt dann durch das ungewöhnliche hohe 
Aufblähen, dass schon Wind in ihm enthalten ist. 

86. 
Selbst das Geräusch in den Bergen, und das Getöse 
in den Wäldern sind weissagend; desgleichen das ohne 
merklichen Luftzug spielende Laub, die herumfliegende 
Wolle des Pappelbaums oder Dornstrauchs, und Federn, 
welche auf dem Wasser schwimmen. Sogar auf den Fel- 
dern verkündigt ein eignes Krachen (Reissen) einen heran- 
nahenden Sturm. Auch giebt das Summen in der Luft 
eine bestimmte Anzeige. 

87. 

Auch Thiere prophezeien die Witterung. Wenn die 

Delphine bei ruhiger See umherspringen, deuten sie Wind 

von der Seite an, von welcher sie kommen; wenn sie bei 

stürmischer See Wasser umher spritzen, ruhiges Wetter. 



Achtzehntes Buch. 421 

Wenn der Tintefisch springt, die Muscheln sich festhängen, 
die Seeigel sich ansaugen oder sich in Sand einscharren, 
tritt Sturm ein. Dasselbe erfolgt, wenn die Frösche unge- 
wöhnlich laut quaken, und die Blässhühner ^) des Morgens 
schreien. Wenn die Taucher und Enten niit dem Schnabel 
ihre Federn putzen, die übrigen Wasservögel sich schaaren- 
weise versammeln, die Kraniche auf das feste Land eilen, die 
Taucher das Meer oder die Teiche verlassen, kommt Wind. 
Wenn die Kraniche ruhig empor fliegen, tritt heiteres Wetter 
ein; ebenso, wenn die Nachteule beim Regen schreiet; 
thut sie diess aber bei schönem Wetter, so wird es stür- 
misch. Wenn die Raben beim Schreien gleichsam schluch- 
zen, und sich anhaltend schlagen, zeigen sie Wind an; 
wenn sie aber theilw eise .die Stimme an sich halten, Wind 
und Regen. Wenn die Krähen von ihrer Nahrung spät 
zurückkehren, tritt stürmisches Wetter ein. Desgleichen 
wenn die weissen Vögel sich versammeln, die Landvögel, 
vorzüglich die Krähen, gegen das Wasser gerichtet schreien 
und sich begiessen; auch wenn die Schwalben so nahe 
über dem Wasser hinfliegen, dass ihre Flügel zuweilen hin- 
durch schlagen. Ferner, wenn die auf den Bäumen leben- 
den Vögel in ihre Nester eilen, die Gänse zur ungewöhn- 
lichen Zeit fortwährend schnattern, und der Reiher mitten 
auf sandigem Boden traurig steht. 

88. 
Es ist kein Wunder, dass Wasserthiere oder Vögel 
überhaupt die bevorstehenden Ereignisse in der Luft fühlen. 
Aber auch sogar das Hornvieh kündigt durch Springen 
und ungestüme Lustigkeit die Witterung an. Die Ochsen, 
wenn sie gegen den Himmel an schnauben und sich den 
Haaren entgegen lecken; die hässlichen Schweine, wenn 
sie die sonst unbeachteten Heubündel auseinanderzerren; 
die Ameisen, wenn sie träge und gegen ihren sonstigen 



') fulicae. 



422 Achtzehntes Buch. 

Fleiss, sich verbergen oder zusammenlaufen oder ihre Eier 
forttragen; die Erdwürmer, wenn sie hervorbrechen. 

89. 

Es ist Thatsache, dass auch der Klee emporstarrt, 
und seine Blätter gegen den Sturm aufrichtet. 

90. 

Bei unsern Gastmählern und auf unsern Tischen kün- 
digen die Gefässe in denen die Speisen aufgetragen wer- 
den, wenn sie auf ihren Gestellen Feuchtigkeit zurücklassen,, 
heftigen Sturm und Regen an. 



Neunzehntes Euch. 



Von dem Leine und der Cultur der Gartengewächse. 

1. 
So haben wir denn auch das Verhalten der Gestirne 
•nnd der Witterung auf eine, selbst für die Unkundigen 
klare und leichtfassliche Weise auseinandergesetzt und 
gezeigt, dass dem Verständigen nicht weniger das Feld 
dazu dient, den Himmel zu erforschen, als dem Ackerbau 
die Sternkunde Nutzen schafft. Die meisten Schriftsteller 
sind nächst diesem auf den Gartenbau übergegangen; 
allein diess scheint mir etwas zu voreilig. Ich wundere 
mich selbst, dass Einige aus wissenschaftlichem Eifer, um 
den Ruhm ihrer Gelehrsamkeit daraus zu schöpfen, so Vie- 
les nicht berücksichtigt, so viele von selbst und durch 
Pflege emporwachsende Pflanzen unerwähnt gelassen habeu, 
da doch mehrere unter ihnen, ihres Werthes und ihres 
Gebrauches im Leben wegen, noch höher geschätzt werden 
als das Getreide. Und um sogleich mit den anerkannt 
nützlichen, welche sich nicht nur über alle Länder, sondern 
auch über die Meere verbreitet haben, zu beginnen — man 
bauet Lein'), ein Gewächs, was weder zu den Getreide- 
arten noch zu den Gartenpflanzen gezählt werden kann. 
Wo im Leben trifft man nicht den Flachs an? Wo giebt 
es ein grösseres Wunder, als, dass ein Kraut es ist, wel- 
ches Aegypten Italien nahe bringt, so zwar, dass Galerius 



*) Linum. Linum usitatissimum L., Flachs. 



424 Neunzehntes Buch. 

aus der Meerenge von Sieilien am 7. Tage, Babilius ams 
6. (Beide waren Feldherren), im letzten Sommer aber Va- 
lerius Marianus, einer von den früher das Amt eines Prä- 
tors bekleidenden Senatoren, von Puteoli bei sehr gelinden 
Winde am neunten Tage nach Alexandrien kam? Ein 
Kraut, welches Gades an den Säulen des Herkules am 7. 
Tage, das diesseitige Spanien am 4., die narbonensische 
Provinz am 3. und Afrika am 2. nach Ostia bringt, was 
C. Flavius, oberstem Amtsgehülfen des Proconsul Vibius 
Crispus glückte? Ob, verwegene, gottlose Menschheit, die 
etwas säet, um Wind und Sturm aufzufangen, der es nicht 
genügt, durch die Wellen allein fortgebracht zu werden. 
Schon reichen die Schiffe an Grösse übertreffenden Segel 
nicht mehr aus, denn obgleich ganze Bäume für die Länge 
der Segelstangen dienen, spannt man dennoch über diese 
noch andere Segel, ausserdem welche am Vorder- und Hin- 
tertheil auf, und lockt so auf mehrfache Weise den Tod 
herbei. Endlich muss man bewundern, dass das, was über 
den Erdkreis, bald hier bald dahin führt, aus einem so 
kleinen Samen entsteht, einen so schwachen Halm hat, 
und sich nur wenig über die Erde erhebt; dass es nicht 
ursprünglich diese Kraft besitzt, sondern erst durch Brechen, 
Stossen und Verwandeln in eine weiche Wolle, kurz durch 
Gewalt und ungeheuere Kühnheit, dahin gebracht wird. 
Keine Verwünschung gegen den Erfinder, welchen wir ge- 
hörigen Orts genannt haben, kann gross genug sein, denn 
ihm war es nicht hinreichend, dass der Mensch auf dem 
Lande sterbe, nein, auch unbegraben sollte er vergehen. 
Im vorigen Buche riethen wir, der Feldfrüchte und anderer 
Nahrungsmittel wegen sich vor Regen und Wind zu hüten, 
und siehe, jetzt säet des Menschen Hand und erndtet sein 
Witz das, was sich auf dem Meere den Wind wünscht. 
Doch, damit wir inne werden die Strafen zu fürchten, wächst 
nichts leichter; damit wir erfahren, es geschehe wider Wil- 
len der Natur, so saugt es den Acker aus, und verdirbt- 
den Boden. 



Neunzehntes Buch. 425^ 

2. 
Der Lein wird meistentheils an sandigen Orten, und 
in eine Furche gesäet, und wächst schneller als alle an- 
dern Pflanzen. Im Frühjahre gesäet, reisst man ihn im 
Sommer aus, und diess ist gleichfalls ein Uebel, welches 
dem Erdreich widerfährt. Doch möchte sein Anbau Aegyp- 
ten noch verziehen werden, weil es die Waaren Arabiens 
und Indiens einführt; aber schätzt man nicht auch Gallien 
nach solchen Einkünften? Ist es nicht genug, dass dem 
Meere Berge entgegengesetzt sind, und dass nach der Seite 
des Oceans hin die sogenannte Leere sich befindet? Die 
Cadurcer, Caleter, Rutener, Bituriger und die für die ent- 
ferntesten Menschen gehaltenen Moriner, ja sogar ganz 
Gallien webt Segel. Schon sind unsere Feinde jenseits 
des Rheins vertraut damit, und ihre Frauen kennen keinen 
schönern Stoff zu Kleidern. Mir fällt bei dieser Gelegen- 
heit die Bemerkung M. Varro's ein, in der Familie der Se- 
raner sei es eingeführt, dass die Frauen keine leinenen 
Kleider tragen. In Deutschland verrichtet man diese Ar- 
beit in tief in die Erde gegrabenen Räumen; desgleichen 
in Italien in der allianischen Landschaft zwischen den 
Flüssen Po und Ticino, deren Lein unter allen europäischen 
den dritten Rang nach Setabis hat, während das dem Allia- 
nischen nahe Retovinische, und das Faventinische an der 
ämilischen Strasse den zweiten Rang einnimmt. Hinsicht- 
lieh der Weisse wird der faventinische Flachs dem allia- 
nischen stets vorgezogen; der retovinische ist am zartesten 
und dichtesten, ebenso weiss als der faventinische, aber 
nicht wollig, um deretwillen er dem Einen gefällt, dem 
Andern nicht. Der Faden ist stark und gleichartiger, fast 
so wie die Spinngewebe, und klingt, wenn man ihn zwi- 
schen den Zähnen versucht; sein Preis beträgt daher dop- 
pelt so viel als der der übrigen. 

Auch der Flachs im diesseitigen Spanien hat einen 
ausgezeichneten Glanz, welchen er durch Waschen in dem 
bei Tarragona vorbeifliessenden Strome erhält; er ist ferner 
höchst fein, und eben dort erfand man zuerst die feinen 



-426 Neunzehntes Buch. 

Gewebe, welche Carbasa beissen. Erst unlängst kam 
aus demselben Spanien der zölische nach Italien, welcher 
sich zu Jägernetzen sehr gut eignet. Die Stadt Zoelae 
liegt in Gallizien nicht weit vom Meere. Auch der cuma- 
nische in Campanien ist wegen seiner Anwendung zu Fisch-, 
Vogel- und andern Jagdnetzen berühmt, denn wir legen 
nicht minder allen Thieren wie uns selbst mit dem Leine 
Fallen. Mit den cumanischen Netzen fängt man sogar 
wilde Schweine, sie sind besser als Jägergarn i) und Schwer- 
ter, und ich habe sie schon so fein gesehen, dass sie 
sammt den Schnüren durch eines Menschen King gezogen 
werden konnten, und dass ein Mann so viele trug, um ein 
ganzes Revier damit zu umziehen. Ja, was noch merk- 
würdiger ist, ein einzelner Faden bestand aus 150 andern, 
von welcher Art diejenigen des Julius Lupus, der als 
Statthalter von Aegypten starb, waren. Doch darüber 
werden sich nur die wundern, welche nicht wissen, dass 
in einem Tempel der Minerva auf der Insel Rhodus ein 
Brustkleid des ehemaligen aegyptischen Königs Amasis ge- 
eigt wird, dessen Fäden 365 dräthig sind. Mucianus, der 
3 mal Consul war, theilte uns neulich die Nachricht in 
Rom nebst dem Zusätze mit, dass er sich selbst davon 
überzeugt habe, und dass in Folge der Verletzungen, welche 
durch ähnliche Untersuchungen entstanden, nur noch we- 
nige Ueberbleibsel davon vorhanden seien. Noch einen 
brauchbaren Flachs giebt es in Italien und bei den Peli- 
gnern, dessen sich aber nur die Walker bedienen, und der 
-die übrigen Sorten an Weisse und Wolligkeit übertrifft. 
Der cadurcische wird vornehmlich zu Polstern angewandt, 
welche nebst den Stopfwerken von den Galliern erfunden 
sind. In Italien nennt man noch jetzt die Matratzen so. 
Der ägyptische Flachs besitzt am wenigsten Festigkeit, 
bringt aber den meisten Gewinn. Es giebt dort 4 Arten, 
der tanitische, pelusische, butische und tentyritische, welche 
Namen von den Distrikten, wo sie wachsen, hergeleitet 

*) casses. 



Neunzehntes Buch. 427 

sind. In Ober-Aegypten, gegen Arabien hin wächst ein 
Strauch, welchen Einige Gossypioni), Andere Xylon und 
daher die davon bereiteten Gewebe, xylina nennen; er ist 
klein und trägt eine der Bartnuss ähnliche Frucht, in deren 
Innern sich die Baumwolle befindet, welche gleich der 
Wolle gesponnen wird. Sie übertrifft an Weisse und Weich- 
heit alle übrigen Arten. Die daraus bereiteten Kleider 
lieben die ägyptischen Priester ganz besonders. Die vierte 
Art heisst die orchomenische, und wird aus einem rohrartigen 
Sumpfgewächs, doch nur aus dessen Blüthenbüschel darge- 
stellt. In Asien bereitet man aus der Geniste, durch 10 
tägiges Einweichen des Strauches, Flachs, der sich beson- 
ders zu Netzen für den Fischfang eignet, in Aethiopien 
und Indien von Apfelbäumen, in Arabien aus Kürbissen, 
welche, wie wir gesagt haben, auf Bäumen wachsen. 

3. 
Die Reife des Flachses erkennt man bei uns auf 
zweifache Weise, an dem Anschwellen des Samens und an 
dem Gelb werden. Alsdann wird er ausgerissen und in 
Handbüschel gebunden an der Sonne getrocknet, indem 
man ihn am ersten Tage mit den Wurzeln nach Oben ge- 
richtet aufhängt, an den folgenden 5 Tagen aber so, dass 
die Spitzen der Büschel gegen einander zugekehrt sind, 
damit der Same in die Mitte falle. Letzterer hat medici- 
nische Kräfte, und in Italien jenseits des Po bereitet man 
daraus bei den Landleuten eine süsse Speise, die aber 
schon längst bloss noch bei Opfern gebräuchlich ist. Hier- 
auf taucht man nach der Weizenerndte die Bündel selbst 
in Wasser, was durch die Sonne lau geworden ist, und 
beschwert sie mit Gewichten, denn nichts ist leichter als 
diese Stengel. Den Zeitpunkt, wo er hinreichend einge- 
weicht ist, erkennt man an dem Ablösen der Oberhaut; man 
wendet ihn dann wieder um, trocknet ihn wie vorher an 
der Sonne, dörrt ihn dann noch auf Steinen und schlägt 



1) Bombax gossypinus L. und auch wohl Gossypium arboreum L. 



428 Neunzehntes Buch. 

ihn mit dem Flachsbläuel. Was zunächst unter der Ober- 
haut liegt, heisst Werg, ist schlechter als Flachs, eignet 
sich aber sehr gut zu Lampendochten. Man hechelt ihn 
auch, um alle äussere Haut davon zu entfernen. Das Mark 
ist hinsichtlich der Weisse und Weichheit sehr verschieden. 
Flachs zu spinnen, geziemt auch den Männern. Die ent- 
fernte Oberhaut (die Schabe) lässt sich in Back- und an- 
dern Oefen nützlich verwenden. Es ist eine Kunst gut zu 
hecheln und zuzurichten; aus 50 Pfund Leinbiindeln müssen 
15 Pfund gekrämpelt werden. Das Garn wird noch einmal 
geglättet, indem man es anfeuchtet und wiederholt auf 
Steine schlägt; auch die Leinwand wird wiederum mit 
Hämmern geklopft, und durch dergleichen gewaltsame Be- 
handlung verbessert sie sich immer mehr. 

4. 
Man hat auch Flachs entdeckt, welcher durch 
Feuer nicht verzehrt wird; er heisst der lebendige, und 
ich habe daraus bereitete Tischtücher gesehen, welche bei 
Gastmählern auf dem Heerde brannten, und nachdem der 
Schmutz verzehrt war, sauberer waren, als das Wasser sie 
gemacht haben würde. Man verfertigt daraus Kleider für 
die Leichname der Könige, um die Asche derselben von der 
übrigen getrennt zu erhalten. Dieser unverbrennliche Flachs 
kommt in den von der Sonne ausgebrannten Wüsten In- 
diens, wo kein Regen fällt, in der Nähe scheusslicher Schlan- 
gen vor, und ist es gewohnt, im Feuer nicht zu vergehen; 
findet sich aber selten, und lässt sich wegen seiner Kürze 
schwer weben (spinnen). Seine von Natur röthliche Farbe 
wird im Feuer weiss. Anfangs stand er mit den besten 
Perlen in gleichem Preise. Die Griechen nennen ihm 
seiner Eigenschaft wegen, Asbest i). Anaxilaus^) giebt 
an, wenn ein Baum damit damit umbunden und dann ge- 



*) asbestinum (sc. linum)von « und qßevvv/xi auslöschen, vertilgen.. 
Daher, unzerstörbarer Flachs. 

^) Von Larissa, Neupythagoräer, beschäftigte sich viel ruit 
Magie; wurde, der Zauberei verklagt, von Augustus aus Rom ver- 
bannt. 



Neunzehntes Buch. 429 

•fällt würde, so klängen die Hiebe so schwach, dass man 
sie gar nicht höre. Diese Leinwand wird daher überall 
jeder andern vorgezogen. Auf sie folgen zunächst die 
baumwollenen Zeuge ^), diese Lieblinge der Weiber, wozu 
Elis in Achaja das Material liefert, und wovon, wie ich 
finde, 1 Scrupel zu 4 Denaren, also dem Golde gleich, 
verkauft worden ist. Scharpie von Leinwand, besonders 
von den Segeln der Seeschiffe, wird viel in der Medicin 
gebraucht, und ihre Asche wirkt so kräftig wie Spodium 2). 
Es giebt eine Art Mohn, wodurch der Leinwand ein vor- 
züglicher Glanz ertheilt wird. 

5. 

Man hat versucht, Flachs zu färben, um ihm die 
Pracht der Kleider zu geben. Diess geschah zuerst auf 
der Flotte Alexanders des Grossen, als er auf dem Indus 
fuhr, wo die vornehmsten Befehlshaber in einem gewissen 
Kampfe die Flaggen wechselten, und der Wind verschieden- 
farbige Segel anschwellte, worüber die Bewohner der Ufer 
in Staunen geriethen. Mit einem purpurfarbenen Segel 
kam Cleopatra mit M. Antonius nach Actium, und mit 
ebendemselben entfloh sie. Ein solches Segel war das 
Abzeichen des Admiralschiffes. 

6. 

Später hat man bloss in den Theatern (mit Vorhän- 
gen) Schatten gemacht, was Q. Catulus bei der Einweihung 
des Capitoliums zuerst einführte. Hierauf soll zuerst Len- 
tulus Spinther carbasanische Vorhänge bei den apollina- 
rischen Spielen im Theater aufgehängt haben. Bald nach- 
her tiberzog der Dictator Cäsar das ganze Forum Roma- 
11 um und den heiligen Weg von seinem Hause an bis zum 
capitohnischen Hügel (mit Leinwand), und diess soll sich 
merkwürdiger ausgenommen haben, als die Fechterspiele 
selbst. Darnach hat Marcellus, der Sohn der Octavia, 
einer Schwester des Augustus, während seines Aedilamtes, 



') byssinum. 

•■') S. XXXIV. B. 34. und 52. Cap. 



430 Neunzehntes Buch. 

und ohne Spiele zu halten, zur Zeit als sein Onkel zum 
elften Male Consul war, am 1. August das Forum mit 
Leinwand überschattet, damit die streitenden Personen ge- 
schützter ständen. 

Wie haben sich doch die Gebräuche geändert! denn 
der Censor Cato rieth, das Forum mit spitzigen Muscheln 
zu bestreuen ^). Kürzlich wurden im Amphitheater des 
Kaisers Nero himmelblaue gestirnte Segeltlicher über die 
Seile gezogen. Im Innern der Häuser sind sie von rother 
Farbe, und halten die Fliegen gegen die Sonnenseite hin 
ab. Uebrigeus behielt die weisse Leinwand doch stets den 
Vorzug. Schon im trojanischen Kriege stand die Leinwand 
im Ansehn, und warum sollte sie auch nicht ebenso gut 
in Schlachten wie bei Schiffbrüchen sein? Jedoch sollen 
damals, wie Homer bezeugt, nur Wenige in leinenen Wämm- 
sen gefochten haben. Gelehrtere Männer behaupten, schon 
damals sei das Tau- und Segelwerk der Schiffe aus Flachs 
gemacht gewesen, denn was Homer sparta nenne, be- 
zeichne den Lein. 

7. 

Mehrere Jahrhunderte später, und nicht vor Beginn 
der Kriege mit den Carthaginiensern, welche zuerst in 
Spanien einfielen, fing der Gebrauch des Spartum^) an. 
Diess ist ein wildes Gewächs, welches nicht gesäet werden 
kann, eine Art Binse, wächst auf trocknem Boden und ge- 
reicht diesem zum Verderben, denn in solcher Erde kommt 
weiter nichts fort. Das, was in Afrika wächst, ist klein 
und untauglich. In dem Gebiete von Carthago, im dies- 
seitigen Spanien, bedeckt das Spartum ganze Berge. Aus 
ihm bereiten sich die dortigen Bauern ihre Betten, Lampen- 
dochte, Fackeln, Schuhe und die Hirten ihre Kleider; den 
Thieren ist sein Genuss, mit Ausnahme der zarten Gipfel, 
schädlich. Zu den übrigen Anwendungen wird es ausge- 



•) Damit das Volk vom Forum und dadurch von Zank und Streit 
abgehalten würde. 

2) Spartium junceum L. 



Neunzehntes Buch. 431 

rissen, was viele Mühe kostet, und man bedeckt bei dieser 
Arbeit die Füsse mit Stiefeln, die Hände mit Handschuhen, 
und wickelt es mit leinenen und hölzernen Werkzeugen 
zusammen. Jetzt geschiebt diess kurz vor dem Winter, 
am leichtesten aber von der Mitte des Mai bis zur Mitte 
des Juni, um welche Zeit es reif ist. 

8. 
Nachdem es ausgerauft ist, lässt man es in Bündeln 
2 Tage lang auf einem Haufen gähren, am dritten wird es 
wieder aufgebunden, ausgestreuet, an der Sonne getrocknet 
und abermals eingebunden unter Dach gebracht. Hierauf 
wird es am besten in Seewasser, oder auch, in Ermange- 
lung dessen, in süssem Wasser eingeweicht, an der Sonne 
getrocknet, und wiederum benetzt. Wenn man Eile hat, 
kann die Arbeit dadurch beschleunigt werden, dass man 
es in einem Kübel mit warmem Wasser anbrühet und stehend 
trocknen lässt. Zuletzt wird es noch gebrochen, und ist 
dann zur Anwendung vorbereitet. Die daraus verfertigten 
Stricke u. s. w. zeigen sich besonders dauerhaft in süssem 
und Seewasser, während man im Trocknen die Seile von 
Hanf vorzieht. Das Spartum verbessert sich sogar im 
Wasser, gleichsam als wollte es sich für die Dürre seines 
Standorts entschädigen. Es lässt sich auch ausbessern, 
und man kann nach Belieben altes mit neuem vermischen. 
Um zur Bewunderung hingerissen zu werden, bedenke man, 
wie viel von dieser Pflanze in allen Ländern, auf den aus- 
gerüsteten Schiffen, an den Baugerüsten und zu andern 
Lebensbedürfnissen in Gebrauch ist, und dass alles, was 
hierzu erfordert wird, auf einem Terrain wächst, welches 
sich von der Küste bei Neu-Carthago an kaum 30,00J 
Schritte weit ins Land erstreckt, und dessen Breite 100 
Schritte weniger beträgt. Es wird nicht ausgeführt, weil 
die Unkosten zu bedeutend sind. 

9. 
Dass sich die Griechen dieser Binse zur Verfertigung 
von Stricken bedient haben, erhellt aus dem Namen, wo- 



-432 Neunzehntes Buch. 

mit sie dieselbe benennen i); gewiss ist aber, däss sie 
sich nachher der Palmenblätter und des Lindenbastes be- 
dienten, und sehr wahrscheinlich führten die Carthager 
von dort den Gebrauch des Spartum ein. 

10. 

Nach Theophrasts Angabe wächst an den Ufern der 
Flüsse eine Zwiebelpflanze, zwischen deren äusserster 
Haut und demjenigen Theile, welcher gegessen wird, sich 
eine Art Wolle befindet, aus welcher Schuhe und Kleider 
gemacht werden. Allein er theilt in den Exemplaren, 
welche ich vorgefunden habe, weder den Namen der Län- 
der, wo diess geschieht, noch etwas Näheres darüber mit, 
ausser, dass die Pflanze Eriophoron 2) heisse; auch erwähnt 
er gar keiner andern ähnlichen, obgleich er, wie wir schon 
an einem andern Orte gesagt haben, 390 Jahre vor uns 
alles mit grösster Sorgfalt beschrieben hat, woraus her- 
vorgeht, dass erst nach jener Zeit das Spartum in An- 
wendung gekommen ist. 

IL 

Weil ich einmal von wunderbaren Dingen zu reden 
angefangen habe, will ich auch gleich darin fortfahren, und 
«agen, was wohl am seltsamsten scheint, dass es Pflan- 
zen giebt, die ohne Wurzel entstehen und leben. Sie 
heissen Trüffeln 3), sind allenthalben von Erde umgeben 
weder mit Fasern noch mit Haaren besetzt, die Erde, in 
welcher sie wachsen, zeigt weder Erhabenheiten noch 
Risse; sie selbst hängen nicht mit der Erde zusammen, 
werden auch von einer Hülle umschlossen, daher man sie 
nicht wohl Erde, sondern einen Auswuchs der Erde nennen 
kann. Sie wachsen fast immer an trocknen, sandigen und 
strauchichten Plätzen, erreichen oft die Grösse einer Quitte 
und die Schwere von 1 Pfund. Es giebt 2 Arten, eine 



') TOCnaQVOv lieisst nämlich der Strick. 

2) Gossypium herbaceum L. 

3) tubera. Plinius versteht unter diesem Namen, ausser Tuber 
cibarium, ohne Zweifel auch mehre Boletus-Arten. 



Neunzehntes Buch. 433 

Teine, und eine sandige, welche den Zähnen schadet; die 
röthliche, schwarze und innen weisse Farbe liefern die 
Unterscheidungsmerkmale. Die beste wächst in Afrika. 
Ob dieses Uebel der Erde (denn als etwas anderes kann 
Juan es nicht wohl betrachten) wirklich wächst, oder von 
Anfang an dieselbe kugelartige Ausdehnung hat, wie es 
später erscheint, ob es lebt oder nicht, ist meiner Meinung 
«ach schwer zu entscheiden. Die Eigenschaft zu faulen 
theilt es mit dem Holze. Ich weiss, dass dem Lartius Li- 
cinius, der Prätor gewesen war und zu Carthagena in Spa- 
nien Processe führte, als er vor einigen Jahren in eine 
Trüffel biss, ein darin steckender Denar die Vorderzähne 
krumm bog, und dieser Vorfall beweist offenbar, dass die 
Erde selbst solche runde Ballen bilde. So viel steht fest, 
-dass dergleichen Dinge entstehen und nicht gesäet werden 

können. 

12. 

Ein ähnliches Gewächs, in der cyrenäischen Provinz 
IVIisyi) genannt, hat einen sehr angenehmen Geruch und 
Oeschmack und mehr Fleisch als jenes. In Thracien heisst 
es Iton, und in Griechenland Geranion. 

13. 

Von den Trüffeln ist noch folgendes zu bemerken. 
Sie entstehen im Herbste nach häufigem Regen und Donner, 
oind besonders gleich nach Gewittern, werden nicht über 
1 Jahr alt, und sind im Frühlinge am zartesten. In einigen 
Gegenden kommen sie nach Ueberschwemmungen zum 
Vorschein, so z. B. giebt es zu Mitylene keine, wenn der 
Keim dazu nicht von Tiara herab durch die Flüsse ange- 
■schwemmt wird. Die besten findet man in Asien um Lamp- 
«acus und Alopeconnesus, und in Griechenland um Elis. 

14. 

Zu den Pilzen gehören auch die bei den Griechen so 
genannten Pezicä^), welche weder Wurzel noch Stengel 
baben. 



') Boletus suaveolens? 

2) gr. nei,iat, unser Bovist (Lycoperdon Bovista). 

Wittstein: Pliniua. III. Bd. 28 



434 Neunzehntes Buch. 

15. 

Hiernächst verdient das so überaus berühmte Laser- 
pitiumi) genannt zu werden, welches bei den Griechen 
Silphion heisst; es wächst in der cyrenaischen Provinz, sein 
Saft, Laser 2) genannt, wird viel und mit vortrefflichem 
Erfolge in der Medicin angewandt, und mit Silberdenar en 
aufgewogen. Schon seit vielen Jahren findet man es nicht 
mehr in diesem Lande, weil die Pächter, welche die Weiden 
miethen, den Ertrag des Viehfutters höher schätzen, und. 
daher jene Pflanze vertilgen. So lange ich denken kann,, 
hat man nicht mehr als 1 Stock davon gefunden, welcher 
an den Kaiser Nero geschickt wurde. Wenn etwa das- 
Vieh auf eine solche keimende Pflanze stösst, so merkt 
man diess am Schafe daran, dass es, nachdem es davon 
gefressen, sogleich in Schlaf fällt, an der Ziege, dass sie 
niest. Schon seit langer Zeit wird bei uns kein anderer 
Laser eingeführt, als der in Persien, Medien und Armenien 
reichlich vorkommende, der an Güte aber dem cyrenaischen 
sehr nachsteht, auch mit Gummi, Sagapenum oder gestos- 
senen Bohnen verfälscht wird. Daher dürfen wir um sa 
weniger zu erwähnen unterlassen, dass unter dem Consu- 
late des C. Valerius und M. Herennius 30 Pfund Laser 
auf Staatskosten von Cyrene nach Rom gebracht wurden; 
ferner dass der Dictator Cäsar zu Anfange des Bürgerkriege» 
unter Gold und Silber 1500 Pfund Laser aus der Schatz- 
kammer brachte. Bei den glaubwürdigsten griechischen 
Schriftstellern finde ich aufgezeichnet, dass diess Gewächs 
durch plötzliche Benetzung der Erde mit einem pechartigen 
Regen in der Nähe der Gärten der Hesperiden und der 
grossen Syrte, 7 Jahre vor Erbauung der Stadt Cyrenae- 
welche im 143. Jahre Roms gegründet wurde, entstanden 
sei, und die Wirkung davon sich bis auf 4000 Stadien ins- 



1) Thapsia Silphium Viv. 

*) Oder cyrenaischer Saft, während unter den Namen syrischer, 
medischer, persischer Laser, der Saft der Ferula asa foetida zu ver- 
atehen ist. 



Neunzehntes ßuch. 435 

Land hinein erstreckt habe. Auf diesem Terrain wachse 
nur vorzüglich das Laserpitium ; es sei eine wilde und 
widerspenstige Pflanze; wolle man sie cultiviren, so flöhe 
sie in die Wüsten, ihre Wurzel sei gross und dick, der 
Stengel gertenartig oder ebenso dick, als der des Gerten- 
krauts. Die Blätter, welche denen des Eppichs sehr ähn- 
lich sind, hiessen Maspetum; vom Vieh genossen reinigen 
sie erst, machen dann bald fett, und ertheilen dem Fleische 
einen äusserst angenehmen Geschmack. Nachdem die 
Blätter abgefallen sind, werden die Stengel von den Men- 
schen gekocht, gebraten und gedämpft gegessen, und auch 
diese reinigen die ersten 40 Tage hindurch den Körper 
von jedem Uebel. Den Saft gewann man auf doppelte 
Weise, nämlich aus dem Stengel und der Wurzel, und 
nannte diese Rhizias, jenen Caulias. Der letztere war von 
geringerer Güte und ging leicht in Fäulniss über. Die 
Wurzel hat eine schwarze Rinde, welche zur Verfälschung 
der Waare dient. Der Saft selbst wurde in ein Gefäss ge- 
than, Kleie hinzugemischt, und durch öfteres Umarbeiten 
zur Reife gebracht; ohne diese Behandlung faule er gern. 
Die gehörige Reife erkannte man an der Farbe und der 
Trockenheit nach beendigtem Schwitzen. Einige sagen, 
die Wurzel des Laserpitium sei über 1 Cubitus lang ge- 
wesen, und habe oberhalb der Erde einen Knollen getragen; 
beim Ritzen des letztern sei ein milchähnlicher Saft heraus- 
geflossen, und hierauf der Stengel darüber emporgewachsen 
welcher Magydaris genannt wurde. Die goldgelben 
Blätter, welche nach dem Aufgange des Hundssterns beim 
Südwinde fielen, hätten die Function des Samens vertreten, 
aus ihnen sei gewöhnlich die Pflanze entstanden, und Wurzel 
und Stengel hätten sich in Jahresfrist vollkommen ausge- 
bildet. Man habe auch die Pflanzen gewöhnlich umgraben ; 
auf das Vieh hätten sie nicht eröffend gewirkt, sondern 
die kranken wären entweder davon genesen oder sogleich 
gestorben, was aber nur in wenigen Fällen geschehen sei. 
Die erstere Ansicht passt auf das persische Silphium. 

28* 



436 Neunzehntes Buch. 

16. 

Die andere Art, welche Mygdaris ') heisst, ist zarter, 
weniger scharf, saftlos, wächst in Syrien, und kommt in 
Cyrene nicht vor, aber häufig auf dem Berge Parnassus. 
Einige nennen sie Laserpitium, und durch dergleichen Ver- 
wechselungen wird das Vertrauen zu den heilsamsten und 
nützlichsten Dingen geschmälert. Die Aechtheit dieser Art 
erkennt man hauptsächlich an der massig rothen Farbe; 
auf dem frischen Bruche ist sie weiss und bald nachher 
durchscheinend, im Wasser oder Speichel zergeht sie. Sie 
macht einen Bestandtheil von vielen Arzneimitteln aus. 

17. 

Es giebt noch 2 Arten, die bloss dem gemeinen Volke 
bekannt sind, nichts desto weniger aber viel einbringen. 
Eine von ihnen ist die Färberröthe^), welche man zum 
Färben der Wolle und des Leders braucht; die beste liefert 
Italien und namentlich die Umgegend von Rom, in fast 
allen Provinzen aber wird sie in reichlicher Menge gebauet- 
Sie wächst wild, wird auch gesäet und sieht der Ervilie 
ähnlich, ihr Stengel ist aber borstig, knotig und um jeden 
Knoten stehen 5 Blätter im Kreise. Der Same ist roth. 
Ueber ihre Anwendung in der Arzneikunde werde ich am 
gehörigen Orte reden. 

18. 

Die sogenannte Radicula enthält einen Saft, welcher 
zum Waschen der Wolle gebraucht wird, die davon eine 
ausserordentliche Weisse und Weichheit erhält. Sie kann 
überall angebaut werden, wild findet sie sich besonders in 
Asien und Syrien an steinigen und rauhen Orten. Die 
jenseits des Euphrat wachsende ist aber die beste; diese 
hat einen gertenartigen, dünnen Stengel, der eine beliebte 
Speise der dortigen Bewohner ausmacht, zu Salben dient 
und alles, was damit gekocht wird, färbt; die Blätter glei- 



•) Ode^- Magydaris, wahrscheinlich der der Asa foetida sehr ähn- 
liche Saft von Ferula tingitana. 
') Rubia. Rubia tinctorum L. 



Neunzehntes Buch. 437 

eben denen des Oelbaums. Die Griechen nennen sie Stru- 
thioni); die Blüthen, welche im Sommer erscheinen, sehen 
schön aus, riechen aber nicht, der Stengel ist borsig und 
wollig. Sie trägt keinen Samen, hat aber eine grosse 
Wurzel, die zu dem genannten Zwecke gesammelt wird. 

19. 
Es bleibt uns nun noch übrig, von dem Gartenbau 
zu reden, nicht allein desshalb, weil er an und für sich 
schon der Erwähnung werth ist, sondern auch, weil die 
Geschichte viele wunderbare Thatsachen davon aus frühern 
Zeiten überliefert hat, z. B. die Gärten der Hesperiden, 
der Könige Adonis und Alcinous, und die hängenden Gärten, 
welche entweder Semiramis oder der assyrische König 
Cyrus anlegte, und von denen wir in einem andern Buche 
reden wollen. Die römischen Könige bebaueten ihre Gärten 
selbst, und Tarquinius Superbus sandte jenen grausamen 
und blutdürstigen Boten aus dem Garten an seinen Sohn. 
In unsern 12 Gesetztafeln wird niemals der Name villa 
gebraucht, sondern statt dessen hortus, und statt „Garten" 
Erbgut. Hiermit stand auch ein gewisser religiöser Ge- 
brauch in Verbindung, die Gärten und Heerde wurden näm- 
lich gegen die Behexungen der Neider geweihet, und zwar 
mit satyrischen Zeichen, obwohl Plautus die Gärten unter 
den Schutz der Venus stellt. Jetzt besitzt man unter dem 
Namen der Gärten sogar in Rom selbst Lustplätze, Aecker 
und Landgüter. Epikur, der Lehrer des Müssiggangs, machte 
dergleichen Anlagen zuerst in Athen; denn bis zu seiner 
Zeit bewohnte man noch nicht in den Städten das Land, 
zu Rom wenigstens war der Garten der Acker eines Armen. 
Für den gemeinen Mann war der Garten sein Fleisch- und 
Gemüsemarkt, und wie unschuldig war diese Lebensweise, 
in Vergleich mit dem jetzigen Luxus! Gewiss besser, wie 



') Saponaria officinalis L., Plinius wirft aber damit die levantische 
Seifenwurzel (von Gypsophila Struthium L.) zusammen, denn er sagt, 
sie habe eine grosse Wurzel, was doch nur auf diese, nicht auf Sa- 
ponaria oft", zu beziehen ist. 



438 Neunzehntes Buch. 

ich glaube, als wenn man ins Meer taucht und Austern 
beim Sturme sucht, Vögeln hinter dem Flusse Phasis nach- 
stellt, die zwar der fabelhaften Schreckensnachrichten wegen 
sicher, aber desshalb um so kostbarer sind, andere in Nu- 
midien und auf den Gräbern in Aethiopien sucht, oder, 
als wenn man mit wilden Thieren kämpft, und derjenige 
gefressen wird, welcher das zu fangen wünscht, was ein 
Anderer verzehren soll. Und wie billig sind in der That 
alle jene Gartenspeisen, wie sehr sind sie zum Vergnügen 
und zur Sättigung geeignet:^ aber wie überall, verleidet auch 
hier derUebermuth ihren Genuss! Es möchte noch hingehen, 
dass Obstarten gezogen werden, die sich theils durch den 
Geschmack, theils durch ihre Grösse, theils durch ihre 
Seltsamkeit auszeichnen, und den Armen nicht zu gute 
kommen; dass man Weine alt werden lässt und in Schläu- 
chen verschneidet; dass Niemand so lange lebt, der nicht 
vor seiner Zeit gewonnenen "Wein trinkt; dass der Luxus 
sogar aus dem Getreide eine gewisse Speise, nämlich das 
blosse Mark desselben, zu ziehen gewusst hat; ja, dass man 
von den Arbeiten und Künsteleien der Bäcker lebt, die 
Vornehmen ein anderes Brot als die Armen haben, und 
dass das Korn seinen Weg in so vielen Arten bis zum 
gemeinen Manne nimmt. Hat man nicht auch unter den 
Kräutern einen Unterschied gefunden, hat der Reichthum 
nicht auch Speisen unterschieden, die man noch um 1 Ass 
kaufen kann? Der Bürger bekennet, dass selbst unter den 
Kräutern Manches wächst, was ihm zu kostbar ist, denn 
die Stengel werden durch Cultur von solcher Stärke ge- 
wonnen, dass sie den Tisch eines Armen nicht erreichen. 
Die Natur gab uns wilden Spargel *), damit sich ein Jeder 
davon ausstechen könne; doch siehe, jetzt hat man gemä- 
steten Spargel 2), und in Ravenna wiegen 3 Stück 1 Pfund. 
Oh, seltsame Begierde des Magens! Es wäre ein Wunder, 
wenn es dem Vieh nicht gestattet sei, Disteln zu fressen, 



*) Corruda sylvestris. Asparagus acutifolius L. 
2) Asparagus altilis. Asparagus officinalis L. 



Neunzehntes Buch. 439 

der gemeine Mann aber kann sie nicht haben 0- Sogar 
das Wasser wird geschieden, und somit Kraft des Geldes 
selbst das natürliche Element sortirt. Diese trinken Schnee- 
wasser, jene Eiswasser, und die Uebel der Berge gebraucht 
man zum Kitzeln des Gaumens. Kälte wird für die Hitze 
aufbewahrt 2), und man bringt es dahin, dass der Schnee in 
aussergewöhnlichen Monaten kalt macht. Einige kochen 
das Wasser und kühlen es bald darauf ab. Dem Menschen 
gefällt also nichts in der Art, wie es die Natur geschaffen 
hat. Und wachsen denn gewisse Pflanzen bloss für die 
Reichen? Niemand sieht sich nach dem heiligen und aven- 
tinischem Berge und nach den entfernten Plätzen des er- 
bitterten Pöbels um, denn der Tod wird gewiss die gleich- 
stellen, welche das Geld unterschieden hat. Daher betrug 
in der That keine Marktsteuer zu Rom mehr als diese, 
bis endlich, nachdem das Volk bei allen Fürsten seinen 
Unwillen durch Tumult zu erkennen gegeben hatte, die 
auf dieser Waare lastende Abgabe erlassen war; und die 
Erfahrung hat gezeigt, dass der Census kein vortheilhaf- 
teres, sichereres und weniger vom Glücke abhängiges Re- 
sultat liefert, als wenn eine solche Abgabe in den Händen 
der Armen bleibt. Hier befindet sich im Boden der Bürge, 
unter freiem Himmel das Einkommen, und die Oberfläche 
gedeihet in jeder Witterung. Cato rühmt die Stengel 
{Kohl) der Gärten. Nach der Kunst ihres Anbaues wurden 
vormals die Landleute taxirt, und man urtheilte, eine Haus- 
frau, deren Garten nicht gut bestellt wäre (denn diess ge- 
hörte zu den Geschäften der Frau) erfülle ihre Pflicht 
nicht, weil man dann genöthigt sei, die Lebensmittel aus 
der Speisekammer und von der Fleischbank zu holen* 
Man zog aber nicht, wie jetzt die Kohlärten allen andern 
vor, und verwarf die Zugemüse, welche noch eines andern 
Zugemüses bedürfen; diess geschah, um das Oel zu sparen, 



*) Wahrscheinlich eine Anspielung auf die Artischoke (Cynara 
Scolymus). 

*) D. h. Eis für den Sommer. 



440 Neunzehntes Buch. 

und man schämte sich des Gelüstes nach kostbaren Fisch- 
brtihen. Den Gärten schenkten sie vorzügliche Aufmerk- 
samkeit, weil diese keines Feuers bedurften, Holz ersparten, 
und ihre Producte immer fertig zubereitet waren. Daher 
nannte man auch Salatkräuter diejenigen, welche leicht 
verdaulich sind, den Körper nicht belästigen, und die Be- 
gierde nach Brot am wenigsten reizen. Aus einem Theile 
derselben, den gewürzhaften, zog man den geeigneten Vor- 
theil für den Hausbedarf, und verlangte nicht indischen. 
Pfeffer, den wir über das Meer herholen. Ehedem hatte 
das Volk in der Stadt in seinen Gärten gleichsam ein. 
stetes Bild des Landes vor den Augen, bis endlich durch 
die Habgierde einer unzähligen Menge jede Aussicht ver- 
sperret wurde. Darum lasse man auch diesen Kräutern, 
einige Ehre, und benehme ihnen, ihres geringen Werthes- 
wegen, ihr Ansehn nicht; sehen wir doch sogar, dass die 
Beinamen einiger vornehmen Personen davon abgeleitet 
sind, z. B. in der Valerischen Familie einige nicht ver- 
schmähet haben, sich Lactuciner zu nennen, und in Be- 
tracht, dass selbst Virgil bekennt, wie schwer es sei so- 
geringe Dinge würdig zu rühmen, gebührt unserer Mühe 
und Sorgfalt allerdings einiger Anspruch auf Dank. 

20. 
Man muss, diess ist kein Zweifel, die Gärten mit den) 
Landgütern vereinigen, und sie namentlich mit Wasser 
versehen, womöglich durch Hülfe eines vorbeifliessenden. 
Flusses , oder statt dessen dasselbe aus einem Brunnen 
mittelst Rädern, Pumpen oder Schwengeln schöpfen. Gleich, 
nachdem der Favonius zu wehen begonnen, muss der Bo- 
den gepflügt, 14 Tage nach Herbstanfang zubereitet und 
diess vor dem kürzesten Tage noch einmal wiederholt 
werden. Die Arbeiter müssen, je einer, 8 Morgen Land 
bepfählen, den Mist 3 Fuss tief mit der Erde vermischen,, 
die Beete abtheilen, ihre Erhöhungen abschüssig machen, 
und Gänge um dieselben ziehen, damit die Menschen hin-^ 
zukommen und das Wasser ablaufen könne. 



Neunzehntes Buch. 441 

21. 

Unter den Gartengewächsen ist dieses wegen der 
Zwiebel, jenes wegen des Kopfes, des Stengels, des Blattes, 
oder beider wegen, wegen des Samens, der Rinde, der 
Haut, der knorpeligen Theile, des Fleisches oder der flei- 
schigen Häute beliebt. 

22. 

An einigen befindet sich die Frucht in der Erde, bei 
andern auch ausserhalb, und an noch andern bloss aussen. 
Einige wachsen liegend, wie der Kürbiss und die Gurke. 
Ihre Früchte hängen, obgleich sie viel schwerer sind al» 
Baumfrüchte, die Gurke vermittelst ihrer zähen Theile, und nur 
dessen Rinde verwandelt sich beim Reifen in Samen. 
Von der Erde bedeckt werden die Rettige, Steckrüben, 
weissen Rüben, und, doch auf eine andere Weise, der Alant i), 
die Zuckerwurzel 2), der Pastinak 3). Einige wollen wir 
gertenartige (stabartige) nennen, wie den Dill*) und die 
Malve ^), denn die Schriftsteller berichten, in Arabien er- 
reichten die Malven im 7. Monate eine baumartige Höhe 
und würden dann zu Stäben benutzt. In einem Sumpfe ^) 
bei der Stadt Lixus in Mauritanien, wo die Gärten der 
Hesperiden gewesen sein sollen, 200 Schritte vom Ocean 
entfernt, neben einem Tempel des Herkules, der älter als 
der gaditanische ist, steht eine baumartige Malve '^) von 
20 Fuss Höhe und so dick, dass Niemand sie umspannen 
kann. Zu jener Abtheilung kann auch der Hanf *) gerech- 
net werden. Mehrere andere wollen wir fleischige nennen, 
wie die Schwämme, welche auf feuchten Wiesen wachsen, 
denn von den Baumschwämmen haben wir, als vom Holze 



•) Inula. Inula Helenium L. ^) Siser. Sium Sisarum L. 
') Pastinaca sativa L. *) Anethum. Anethum graveolons L. 
') Malva sylvestris L. 

6) aestuarixun, eine Vertiefung im Lande, in welche das Meer 
zur Fluthzeit tritt. 

') Wahrscheinlich Lavatera arborea L. 
») Cannabis. Cannabis sativa L. 



442 Neunzehntes Buch. 

und den Bäumen die Rede war, und von den Erdschwäm- 
men erst vor Kurzem gesprochen. 

23. 
Von knorpeliger 1) Beschaffenheit und ausserhalb 
der Erde ist die Gurke 2), welche ein besonderer Lecker- 
bissen des Kaisers Tiberius war, und keinen Tag auf seiner 
Tafel fehlte, denn die Gärtner schoben ihre hängenden 
Gärten auf Rädern an die Sonne, und brachten sie bei 
rauhem Wetter hinter Glaswände. Bei alten griechischen 
Schriftstellern findet sich angegeben, wenn man den Gur- 
kensamen 2 Tage lang in Milchmeth einweiche und dann 
säe, so würden die Früchte süsser. Die Gurken nehmen 
jede Gestalt, die man ihnen beim Wachsen giebt, an. Die 
italienischen sind grün und sehr klein, die in den Provinzen 
sehr gross, gelb und schwarz. Man liebt die afrikanischen, 
welche in bedeutender Menge vorkommen, und die mösi- 
schen, welche sehr gross sind. Die ausserordentlich grossen 
heissen Peponen ^). Wer sie gegessen hat, spürt sie noch 
am folgenden Tage im Magen, sie zergehen nicht unter 
andern Speisen, sind jedoch meistentheils nicht ungesund. 
Oel ist ihnen von Natur zuwider, Wasser hingegen lieben 
sie, denn selbst abgeschnitten kriechen sie zu demselben 
hin, wenn es nicht zu weit entfernt ist, und liegt etwas 
im Wege, so drehen oder krümmen sie sich darum. Diess 
kann man schon nach einer Nacht wahrnehmen; setzt man 
nämlich ein Gefäss mit Wasser in einer Entfernung von 4 
Fingerbreit darunter, so sind sie noch, ehe es Tag wird, 
so weit herabgekommen, aber, nahm man statt des Wassers 
Oel, so haben sie *) sich hakenförmig gekrümmt. Steckt 
man sie, nachdem die Blüthe abgefallen ist, in eine Röhre, 
so wachsen sie zu einer bedeutenden Länge heran. Eine 
ganz neue Art davon kommt in Campanien in Form einer 



•) Unter .knorpelig" muss hier wohl die markig-fleischige Be- 
schaffenheit verstanden werden. 

'j Cucumis. Cucumis sativus L. 

3) Cucurbita Pepo L. ■<) D. h. die Fruchtstiele. 



Neunzehntes Buch. 443 

Quitte vor; zufällig soll eine solche entstanden, und aus 
deren Samen hernacli jene besondere Art hervorgegangen 
sein. Man nennt sie Melonen i). Sie hängen nicht, son- 
dern runden sich auf der Erde. Ausser der Gestalt, der 
Farbe, und dem Gerüche ist an ihnen bemerkenswerth, 
dass sie gleich nach erlangter Reife vom Stengel sich ab- 
trennen, obgleich sie nicht hängen 2). Columella schreibt 
als seine eigene Erfindung vor, man solle, damit man die 
Melone das ganze Jahr hindurch haben könne, einen sehr 
ausgebreiteten Brombeerstrauch in den Tagen der Früh- 
lings- Tag- und Nachtgleiche an einen sonnigen Ort setzen, 
so weit beschneiden, dass nur 2 Finger hoch vom Stamme 
ü brig bleiben, in das Mark desselben den Samen einlegen, 
und das Ganze mit feiner Erde und Mist verwahren; da- 
durch blieben die Wurzeln vor dem Einflüsse der Kälte 
geschützt. Die Griechen uitterscheiden 3 Arten Gurken 
die lakonische, scytaliscke und böotische. Von diesen soll 
bloss die lakonische das Wasser lieben. Einige schreiben 
vor, den Gurkensamen mit dem zerriebenen Kraute Culix 
einzuweichen, wenn man Früchte ohne Kerne haben will. 

24. 
Von ähnlicher Beschaffenheit, wenigstens hinsichtlich 
des Wachsens, sind die Kürbisse 3); sie vertragen keine 
Kälte, und verlangen Feuchtigkeit und Dünger. Beide säet 
man in anderthalbfussige Furchen, zwischen dem Frählings- 
Aequinoctium und dem Solstitium, am besten am Feste 
der Pares"*). Einige ziehen es vor, die Kürbisse am 1. 
März, die Gurken am 7. und während des Minervafestes ^) 
zu säen. Die Ranken beider steigen an rauhen Wänden 
bis zum Dache hinan, denn sie lieben von Natur die Höhe. 
Ohne Stützen können sie sich nicht aufrecht halten, sie 



') Melopeponas. Cucumis Melo L. 

2) Das ist die Springgurke s. XX. B. 2. C. 

3) Cucurbitae. Cucurbita lagenaria L. 

*) Parilia, oder Palilia, Fest der Pales, der Göttin der Hirten 
und Heerden, das am 21. April, dem Stiftungstage Roms, gefeiert 
wurde. *) Quinquatrus. 



444 Neunzehntes Buch. 

schiessen schnell empor und geben Zimmern und Lauben 
einen angenehmen Schatten. Hiernach unterscheidet man 
zuerst folgende 2 Arten, den Zimmerkürbiss und den ge- 
meinen, welcher auf der Erde kriecht. An der ersten Art 
hängt an einem äusserst dünnen Stiele eine schwere Last 
unbeweglich in der Luft. Auch der Kürbiss kann In jeder 
spitzigen Form erhalten werden, namentlich in geflochtenen 
schmalen Behältern (Scheiden), in welche man ihn nach 
dem Abblühen steckt, und nimmt beim Wachsen jede Ge- 
stalt, z. B. die eines gekrümmten Drachen an. Lässt man 
ihn frei hängen, so kann er, wie man aus Erfahrung weiss, 
sogar 9 Fuss lang werden. Die Gurke blüht theilweise i), 
ihre Frucht trägt noch die Blüthe an ihrer Spitze, kommt 
an mehr trocknen Plätzen fort und ist, am meisten während 
des Wachsens, mit einer weissen Wolle überzogen. Die 
Kürbisse benutzt man vielfältiger. Die ersten Ranken- 
schösslinge werden gegessen, und zeigen eine von den 
übrigen Theilen ganz verschiedene Beschaffenheit. Vor 
Kurzem hat man die Früchte in den Bädern statt der 
Krüge eingeführt, seit längerer Zeit aber dienen sie schon 
statt der Fässer zur Aufbewahrung des Weines. Die Schale 
der grünen ist zart, wird aber demungeachtet beim Ver- 
speisen entfernt. Man hält sie in mehrfacher Beziehung 
für eine gesunde und milde Nahrung, die zwar vom mensch- 
lichen Magen nicht (ganz) verdauet wird, aber doch auch 
nicht aufschwillt. Die zu oberst sitzenden Kerne bringen 
lange Früchte, auch die untersten, obgleich diese jenen 
weit nachstehen, die mittleren: runde, und die seitenständigen: 
dicke sehr kurze; man trocknet sie im Schatten, und weicht 
sie vor der Aussaat in Wasser ein. Je länger und dünner 
die Früchte sind, desto besser schmecken sie; die hängen- 
den sind am gesundesten, haben auch die wenigsten Kerne, 
denn durch deren Härte wird der Wohlgeschmack beein- 
trächtigt. Diejenigen Früchte, welche zur Aussaat bestimmt 



') D. h. die ganze Pflanze blühet nicht zu gleicher Zeit. 



Neunzehntes Buch. 445 

«ind, pflegt man vor dem Winter nicht abzuschneiden. 
Nachher trocknet man sie im Rauche, um die Samen, im 
Vorrath aufbewahren zu können. Man hat auch eine Me- 
thode ausfindig gemacht, sie ebenso wie die Gurken zum 
Essen aufzubewahren, bis es beinahe wieder neue giebt, und 
diess geschieht in Salzwasser. Aber auch in Gruben, die 
nn einem schattigen Orte liegen, soll man sie mit Sand 
überstreuet, mit trocknem Heu und hierauf mit Erde be- 
deckt, grün erhalten können. Es giebt von beiden Arten, 
sowie von fast allen Gartengewächsen, auch wilde, welche 
wir aber, da sie nur in der Arzneikunde Anwendung finden, 
später 1) abhandeln wollen. 

25. 
Von den übrigen knorpelartigen 2) Gartengewächsen 
stecken die nutzbaren Theile in der Erde. Es könnte 
scheinen, dass wir die weissen Rüben genügend abgehan- 
delt hätten, wenn nicht die Aerzte die runden unter ihnen 
als männliche, die breiten und hohlen aber als weibliche 
unterschieden, welche schmackhafter, leichter zu würzen 
seien und nach mehrmaliger Aussaat in männliche über- 
gingen. Ebendieselben stellen 5 Arten Steckrüben auf, 
die corinthische, cleonäische, liothasische, böotische und 
die sogenannte grüne. Von diesen wächst die corinthische 
in die Breite, und ihre Wurzel steht fast ganz bloss, denn 
sie hat ein Bestreben nach Oben zu wachsen, und nicht in 
die Erde wie die andern. Die liothasische, von Einigem 
auch die thracische genannt, widersteht der Kälte am besten. 
Die böotische ist süss, und durch ihre Kürze und Runde 
ausgezeichnet, die cleonäische sehr lang. Ueberhaupt aber 
sind sie um so süsser, je zartere Blätter sie haben, und um 
«0 bitterer, je rauher, eckiger und steifer jene sind. Aus- 
serdem giebt es eine wilde Art, deren Blätter denen des 
weissen Senfs gleichen. In Rom schätzt man die amiter- 
nischen am meisten, dann folgen die nursinischen und 



') Im XX. B. 1. 2. etc. Cap. '^) (fleischigen). 



446 Neunzehntes Buch. 

hierauf unsere eigenen. Was sonst noch über ihren Anbau 
zu sagen wäre, ist bereits bei den Rüben i) mitgetheilt. 

26. 
Die Rettige 2) bestehen aus Rinde und Mark, und 
viele haben selbst eine dickere Rinde als manche Bäume. 
Sie besitzen die meiste Bitterkeit (Schärfe), doch wechselt 
diese je nach der Dicke der Rinde; zuweilen finden sich 
auch holzige unter ihnen. Sie haben eine ausserordentliche 
Kraft, das Athmen und Aufstossen zu befördern, sind daher 
eine Anstand-widrige Speise, besonders wenn man gleich 
darauf Gemüse isst; werden sie aber gemeinschaftlich mit 
Oliven verzehrt, so ist das Aufstossen seltener und minder 
übelriechend. In Aegypten schätzt man sie besonders we- 
gen des reichlichen, aus ihren Samen erhaltenen Oeles, 
und möchte sie, wenn es nur anginge (erlaubt sei), gern 
noch mehr anbauen, weil die dortigen Bewohner mehr Ge- 
winn daraus ziehen als aus dem Getreide, weniger Abgaben 
dafür zahlen und mehr Oel als aus andern Pflanzen davon 
erhalten. Die Griechen unterscheiden 3 Arten, eine mit 
krausen, eine zweite mit glatten Blättern und eine dritte 
wilde, die zwar auch glatte, aber kürzere, runde und viele 
buschigstehende Blätter hat, rauh schmeckt und als Arznei- 
mittel zum Abführen dient. Doch weichen die beiden ersten 
Arten auch im Samen von einander ab, die krausblättrige 
nämlich trägt schlechten, oder nur wenig Samen. Die 
Römer nehmen andere Arten an: die algidensische, so ge- 
nannt nach dem Standorte, ist lang und durchscheinend; 
eine andere von der Gestalt der Rübe heisst die syrische, 
gehört zu den wohlschmeckendsten und zartesten und lässt 
sich überwintern. Die vorzüglichste aber scheint erst seit 
Kurzem aus Syrien zu uns gebracht zu sein, denn man 
findet sie bei den Schriftstellern nicht genannt; sie hält 
sich den ganzen Winter hindurch. Noch giebt es eine 



»)" Im X'VIII. Buche, Cap. 34 und 35. 

') Raphani, Raphanus sativus L., der eigentliche Rettig. und 
R. Radicula (Radieschen). 



Neunzehntes Buch. 447 

wilde, welche die Griechen Agrion, die Ponter Armon, 
Andere Leuce, die Römer Armoracia i) nennen, und deren 
Laub stärker als der Stamm ist. Im Allgemeinen berück- 
sichtigt man bei der Beurtheilung der Güte den Stengel; 
bei den rauhen ist er runder, dicker und langröhrig, die 
Blätter haben ein trauriges Ansehn und sind an den Ecken 
steif. 

Der Rettig muss in ein lockeres, feuchtes Erdreich ge- 
säet werden; Mist bedarf er nicht, sondern nur Spreu zur 
Düngung. In der Kälte gedeihet er so gut, dass z. B. in 
Deutschland solche von der Grösse kleiner Kinder 2) vor- 
kommen. Man säet ihn nach dem 13. Februar, und diess 
ist der frühzeitige; der aber um die Zeit des Vulkanfestes 3) 
gesäet wird, giebt eine bessere Sorte. Viele säen ihn auch 
im März, April und September. Wenn er anfängt zu schies- 
sen, muss man ein Blatt um das andere ringsum ein- 
scharren, die Pflanze selbst aber behäufeln, denn wenn die 
Wurzel aus der Erde hervorragt, wird sie hart und schwam- 
mig. Aristomachus empfieht, während des Winters die 
Blätter wegzunehmen und, damit sich kein Wasser darum 
ansammle, zu behäufeln; diese Fürsorge mache ihn im 
Sommer recht gross. Einige geben an, wenn man in einen 
Pfahl eine Höhlung mache, diese 6 Fingerbreit tief mit 
Spreu ausstreue, dann den Samen und hierauf Mist und 
Erde bringe, so werde der Rettig so gross als die Höhlung 
sei. Salzigen Boden lieben sie am meisten; man begiesst 
sie daher auch mit Salzwasser, und in Aegypten, wo sie 
am schmackhaftesten sind, mit Natronlauge. Ueberhaupt 
nimmt ihnen das Salz die Bitterkeit und macht sie den 
gekochten ähnlich, denn auch durch Kochen werden sie 
süss und schmecken dann ohngefähr wie die Rüben. Die 
Aerzte empfehlen, um die Schärfe der Eingeweide zu sam- 
meln, dieselben roh mit Salz nüchtern zu essen, wodurch 
der Weg zum Brechen gebahnt werde. Auch behaupten 



•) Meerrettig. Cochlearia Armoracia L. 

*) Nämlich der Köpfe kleiner Kinder. ') Im August. 



448 Neunzehntes Buch. 

sie, der Saft sei ein nothwendiges Heilmittel für die Brust, 
denn die ina Innern des Herzens sitzende Schwindsucht 
könne durch nichts anderes gehoben werden; welche Er- 
fahrung in Aegypten gemacht worden sei, wo die Könige, 
um die Krankheiten zu erforschen, die Leichen seciren 
lassen hätten. Als eine griechische Windbeutelei erzählt 
man auch, dass in dem Tempel des Apollo zu Delphi der Rettig 
einen solchen Vorzug vor den übrigen Speisen gehabt 
habe, dass er in goldenen Gefässen, die Beta in Silber, und 
die Rübe in Blei geweihet sei. Und damit man wisse, dass 
der Feldherr Manius Curius nicht dort geboren sei, will ich 
anführen, was nnsere Annalen berichten, dass er nämlich 
gerade Rüben auf dem Heerde röstete, als er das Gold, 
was ihm die Gesandten der Samniter anboten, ausschlug. 
Ueber den Rettig hat auch ein Grieche, Namens Moschion i) 
geschrieben. Für am besten zum Verspeisen hält man sie 
zur Winterszeit; den Zähnen schaden sie jedoch immer, 
denn sie greifen dieselben an, und man weiss, dass Elfen- 
l)ein damit polirt werden kann. Zwischen den Rettigeu 
und dem Weinstocke besteht eine Art von Hass, denn 
dieser entfernt sich, wenn sie daneben gesäet werden. 

27. 

Die übrigen Gewächse, welche wir unter die knorpeli- 
gen reihen, haben eine mehr holzige Beschaffenheit, merk- 
würdig aber ist es. dass sie alle scharf schmecken. Unter 
ihnen befindet sich eine wilde Art Pastinak, welche die 
Griechen Staphylinos 2) nennen. Die andere Art zieht man 
aus Wurzeln oder Samen im Frühlinge und im Herbste, 
nach Hygin im Februar, August, September und October, 
in einem möglichst tief aufgegrabenen Boden. Einjährig 
kann sie schon gebraucht werden, nach 2 Jahren ist sie 
aber besser, im Herbste verdient sie, namentlich zum Braten 
den Vorzug, und auch so (zubereitet) hat sie noch einen 
beissenden Geschmack. Der Eibisch 3) unterscheidet sich 



•) Arzt, zur Zeit Nero's. ^) Daucas Carota L. 
^) Hibiscum. Althaea off. L. 



Neunzehntes Buch. 449 

vom Pastinak durch seinen dünnen und schlanken Wuchs; 
er wird nicht verspeist, sondern nur in der Medizin ange- 
wandt. Noch eine vierte, gleichfalls dem Pastinak ähnliche 
Art nennen wir die gallische, die Griechen aber Daucos, 
aus welcher sie sogar 4 Arten gemacht haben, die unter 
den Arzneigewächsen angeführt werden sollen '). 

' 28. 

Die Pflanze Siser^) verdankt ihren Ruf dem Kaiser 
Tiberius, der sie jährlich aus Deutschland kommen 
Hess. Die wohlschmeckendste wächst bei der am Rheine 
belegenen Festung Gelduba, was beweist, dass ihr ein kaltes 
Klima zuträglich ist. Sie enthält in ihrem Innern der Lauge 
nach einen Nerven, der aus der gekochten herausgezogen 
wird, jedoch einen grossen Theil der Bitterkeit zurücklässt; 
diese wird dann vor dem Essen durch Honigmeth gemil- 
dert, und dadurch der Geschmack verbessert. Auch die 
grössere Pastinaka, jedoch nur die einjährige, hat einen 
solchen Nerven. Das Säen des Sisers geschieht in den 
Monaten Februar, März, April, August, September und Oc- 
tober. 

29. 

Niedriger als diese, aber dicker und bitterer ist der 
Alant 3), welcher an und für sich dem Magen schadet, 
aber mit Süssigkeiten vermischt sehr gut bekommt. Ist 
der unangenehme Geschmack beseitigt, was auf mehrfache 
Weise geschieht, so giebt er eine angenehme Speise ab. 
Zu diesem Behufe stösst mau ihn trocken zu feiuem Pulver, 
mischt eine süsse Flüssigkeit hinzu, giesst gekochten sauren 
Wein^) daran, und setzt eingesottenen Most, oder durch- 
kneteten Honig, oder Rosinen oder fleischige Datteln hinzu. 
Mit Quitten, Speierlingen oder Pflaumen, zuweilen auch 
mit Pfeffer oder Thymian gewürzt, dient er zur Stärkung 
eines schwachen Magens. Die grösste Berühmtheit hat er 
dadurch erlangt, dass er eine tägliche Speise der Julia 



■ ») XX. B. 14. Cap. XXV. B. 64. C. 

-) Sium Sisarum L. 

^) Inula. Inula Helenium L. •') posca. 

Wittstein: Plinius. III. Bd. 29 



450 Neunzehntes Buch. 

Augusta war. Sein Same ist überflüssig, denn er lässt 
sich durch die aus der Wurzel kommenden Augen, gleich- 
wie das Schilfrohr, fortpflanzen. Ihr Anbau geschieht aber, 
wie beim Siser und Pastinak, in weiten Zwischenräumen 
zur Zeit des Frühlings und Herbstes, und zwar wenigstens 
3 Fuss weit, weil er sich sehr strauchig ausbreitet. Der 
Siser muss übrigens umgesetzt werden. 

30. 
Nächst diesen folgen die Zwiebelgewächse, welche 
Cato vorzüglich zum Aubau empfiehlt, und unter denen er 
die megarischen rühmt. Vor allen schätzbar ist aber die 
Meerzwiebel); ob sie gleich nur in der Medicin und 
zum Schärfen des Essigs gebraucht wird. Keine andere 
Zwiebel ist grösser und schärfer als diese. Es giebt 2 
medicinische Arten, von denen die eine weisse -), die andere 
schwarze Blätter hat. Eine dritte, essbare Art heisst Epi- 
menidium ^) , hat schmälere und minder rauhe Blätter. 
Alle tragen viel Samen, lassen sich aber durch seitlich 
auswachsende Zwiebeln leichter ziehen. Um das Wachsen 
zu befördern, biegt man ihre grössten Blätter herab und 
bedeckt sie mit Erde, in Folge dessen die Köpfe allen 
Saft an sich ziehen. Sie wachsen in grosser Menge wild 
auf den Balearen, auf der Insel Ebusus^) und in Spanien. 
Der Philosoph Pythagoras hat über die Meerzwiebeln ein 
Buch geschrieben, welches ihre arzneilichen Kräfte enthält, 
von denen wir im nächsten Bande reden wollen. Die 
übrigen Zwiebelgewächse unterscheiden sich durch die 
Farbe, Grösse, den angenehmen Geschmack, sodass man 
einige sogar noch essen kann, wie die im taurischen Cher- 
sones vorkommenden, und nächst diesen die afrikanischen 
und apulischen. Die Griechen haben folgende Arten auf- 
gestellt: Bulbine^), Setanion, Pythion, Acrocorion, Aegilops, 
Sisyrinchium '^). An letzterer wachsen merkwürdigerweise 



') Scilla. Scilla maritima L. 

^) Diess ist Pancratium maritimum L. 

3) Ornithogaium pyrenaicum L. '>) Ibiza. 

*) Ornithogaium umbellatum L. ^) Iris Sisyrinchium L. 



Neunzehntes Buch. 451 

die Wurzeln im Winter tief in die Erde, werden aber 
im Frühling, wenn das Veilchen kommt, kleiner, ziehen 
sich zusammen und bilden eine fleischige Zwiebel. 

Hierher gehört auch das Gewächs, welches in Aegyp- 
ten Aron ^) heisst; es kommt in der Grösse der Meerzwie- 
bel am nächsten, hat Blätter wie der Ampfer, einen gera- 
den, zwei Cubitus langen Stengel von der Dicke eines 
Stockes, und eine so weiche Wurzel, dass man sie auch 
roh essen kann. Die Knollen werden vor dem Frühjahre 
ausgegraben, denn später sind sie nicht mehr so gut. Ihre 
Reife erkennt man daran, dass die Blätter von unten auf 
vertrocknen. Die alten, sowie die kleinen und langen tau- 
gen nichts; die röthlichen, runden und grossen aber werden 
geschätzt. Oben sind die meisten bitter, in der Mitte süss. 
Aeltere Schriftsteller geben an, die Zwiebeln entständen 
nicht anders als aus Samen, allein auf den Feldern bei 
Präneste, und in unzähliger Menge bei Remi wachsen sie 
wild. 

31. 

Fast alle Gartenkräuter haben eine einfache Wur- 
zel; wie der Rettig, die Beta ^j, der Eppich 3), dieMalve^); 
die grösste hat der Ampfer s), welche 3 Cubitus tief geht, 
bei der wilden ist sie aber kürzer und saftig, und hält 
sich nach dem Ausgraben noch lange Zeit frisch. Einige 
haben faserige Wurzeln, wie der Eppich, die Malve; andere 
reisige, wie das Basilienkraut; andere: fleischige, wie die 
Beta, und noch mehr der Safran •»); bei andern bestehen 
sie aus Rinde und Fleisch wie beim Rettig und den weissen 
Rüben; andere haben knotige, wie das Gras. Diejenigen 
welche keine gerade Wurzel haben, bilden gleich viele 
Fasern , wie die Atriplex ") und das Blitum ^). Die Meer- 



*) Aus clei- Beschreibung folgt, dass hier Arum Dracunculus L. 
gemeint ist. 

2) S. 40. Cap. 3) S. 37. Cap. ^) S. XX. ß. 74. Cap. 
5) S. XX. B. 7.5. Cap. 6) S. XXI. B. 81. Cap. 
■<) S. XX. B. 83. Cap. «) S. XX. B. 93. Cap. 

•29* 



452 Neunzehntes Buch. 

Zwiebel aber, die Zwiebeln, die Zipolle i) und der Knob- 
lauch ^) treiben bloss gerade Wurzeln. Einige wilde haben 
mehr Wurzeln als Blätter, wie der Aspalax, das Perdicium ^), 
der Safran. Dicht gedrängt^) blühen der Quendel^) das 
Abrotanum ^) die Steckrübe, der ßettig, die Minze ^), die 
Gartenraute; sie und die übrigen fangen mit dem Aufbrechen 
auch schon an abzublühen, das Basilienkraut hingegen 
blühet stückweise und fängt damit von unten an, daher es 
auch am längsten Blüthen trägt. Dasselbe ist mit dem 
Heliotropium ^) der Fall. Einige haben weisse , andere 
gelbe, andere purpurrothe Blüthen. Die Blätter fallen 
von der Spitze an ab bei dem Origanum ^), dem Alant und 
zuweilen auch bei der Gartenraute, wenn sie verletzt ist. 
Hohle Blätter haben vornehmlich die Zipolle und das Ge- 
thyum to). 

32. 
Den Knoblauch und die Zipollen rechnen die Aegypter 
beim Eidschwören unter die Götter. Die Griechen unter- 
scheiden folgende Arten der Zipolle: die sardische, sa- 
mothracische, alsidenische, setanische, gespaltene und die 
askalonische, welche diesen Namen von einer Stadt in Ju- 
däa bekommen hat. Alle und vorzüglich die cyprische, 
am wenigsten aber die gnidische, reizen, wenn man daran 
riecht, zu Thräneu. Alle bestehen ganz und gar aus einem 
fetten Knorpel. Die setanische ist, mit Ausnahme der 
tusculanischen, die kleinste unter ihnen, schmeckt aber 
süss. Die gespaltene und askalonische werden eingemacht. 
Die gespaltene lässt man im Winter mit den Blättern ste- 
hen, im Frühjahre aber nimmt man diese hinweg, und 
dann wachsen aus den Abschnitten neue nach, woher die 



') Caepe. AUium Cepa L. die gemeine Zwiebel. 

•-) Allium. Allium sativum L. 3) S. XXII. B. 20. Cap. 

■*) D. i. alle Blüthen entfalten sich auf einmal. 

5) Serpyllum. Thymus Serpyllum L. c) S. XXI. B. 34. Cap. 

^) S. 47. Cap. 8j S. XXll. B. 29. Cap. <>) S. XX. B. 62. Cap. 

'•') Allium fistulosum L. 



Neunzehntes Buch. 453 

Pflanze auch benannt worden ist. Dieselbe Beliandlungs- 
weise empfiehlt man auch für die übrigen Arten, damit sie 
mehr in Knollen als in Samen übergehen. Die alkaloni- 
sche 1) ist von ganz eigentbümlicher Beschaffenheit, denn 
sie zeigt sich von der Wurzel an gleichsam unfruchtbar, 
und deshalb wollen die Griechen sie nicht, gesäet sondern 
gepflanzt wissen; ferner soll sie später im Frühlinge, wenn 
sie ausschlägt, versetzt werden. Hierdurch nimmt sie an 
Dicke zu und wiegt durch schnelles Wachsen den frühem 
Zeitverlust auf. Man muss sich aber mit ihnen beeilen, 
denn sobald sie reif geworden sind, fangen sie an zu faulen. 
Werden sie gepflanzt, so erzeugen sie Stengel und Samen, 
und verschwinden selbst ^). Auch die Farbe ist nicht gleich, 
denn bei Issus und Sardes giebt es schneeweisse. Die 
cretischen sind gleichfalls geschätzt; ob diese mit den as- 
kalonischen identisch sind, wird noch bezweifelt, denn sie 
bekommen dicke Köpfe, und wenn sie gepflanzt sind, Sten- 
gel und Samen. Bloss in ihrem süssen Geschmacke liegt 
ein Unterschied. Bei uns giebt es 2 vorzügliche Sorten, 
von denen die eine, welche bei den Griechen Gethyon, bei 
uns Pallanaca heisst, zum Würzen dient, und in den Mo- 
naten März, April und Mai gesäet wird. Die andere Art 
der kopftragenden ^) säet man nach dem Herbst-Aequinoc- 
tium oder zu Anfang des Frühlings. Hinsichtlich des 
scharfen Geschmacks folgen die Arten also: die afrikanische, 
gallische, tusculanische, askalouische und amiternische. Die 
rundesten sind auch zugleich die besten. Die röthlichen 
besitzen mehr Schärfe als die weissen, die trocknen mehr 
als die grünen, die rohen mehr als die gekochten, die 
dürren mehr als die eingemachten. Die amiternische bauet 
man an kalten und feuchten Stellen, und zwar nur, gleich 
dem Knoblauch, vermittelst des Kopfes, die übrigen dagegen 
durch den Samen. Im ersten Sommer treiben sie keinen 



') Allium ascalonicum L. 

2) Nämlich unten, d. h. der Wurzelstock nimmt ab. 

•'') Allium Porruni L. 



454 Neunzehntes Buch. 

Samen, sondern nur den Kopf, welcher vertrocknet; im 
folgenden Jahre findet das Umgekehrte statt, der Same 
hildet sich aus und der Kopf geht zu Grunde. Daher wird 
alljährlich der Same um der Zwiebel, und die Zwiebel um 
des Samens willen gesetzt. Man verwahrt sie am besten 
in Spreu. Das Gethyum hat fast gar keinen Kopf, sondern 
gleichsam nur einen langen Hals, schiesst mithin ganz in's 
Laub, und wird, wie das Porrum, oft abgeschnitten. Aus 
diesem Grunde pflanzt man es auch nicht, sondern säet 
es. Die Zwiebeln soll man in einen 3 mal gegrabenen 
Boden, in welchem die Wurzeln des Unkrauts ausgerottet 
sind, und zwar 10 Pfund auf jeden Morgen säen, Saturey i) 
dazwischen bauen, weil dieser dann besser gedeihet, und 
wenigstens 4 mal gäten und behacken. Bei uns säet man 
die askalonische im Februar. Den Zwiebelsamen erndtet 
man ein, wenn er anfängt schwarz zu werden, und bevor 
er trocken ist. 

33. 
Es wird auch schicklich sein, das verwandte Porrum 
hier anzuführen, zumal da der Kaiser Nero dieses Schnitt- 
lauch in Ruf gebracht hat, denn er ass dasselbe mit Oel 
zubereitet jeden Monat an bestimmten Tagen, und nahm 
dann ausserdem weiter nichts, nicht einmal Brot zu sich. 
Man bauet es durch den Samen nach dem Herbst- Aequi- 
noctium, und, wenn es Schnittlauch werden soll, etwas 
dichter. Es wird auf demselben Beete geschnitten und 
gedüngt, bis es aufgeht. Wird es vor dem Schneiden zu 
Köpfen gezogen, so pflanzt man es auch nach dem Auf- 
schiessen auf ein anderes Beet, schneidet jedoch zuvor die 
obersten Blätter bis auf die Basis ab, und zieht die Köpfe 
und die äussersten Häute weg. Die Alten erweiterten die 
Köpfe durch Auflegen von Kieselsteinen und Dachziegeln, 
und eben so behandelten sie die Zwiebeln. Jetzt werden 
die Wurzeln mit einer Hacke sanft aufgerissen, damit sie 
etwas gelähmt, bloss nähren und nichts zerstreuen. Es is;; 

') Satureja. Satureja hortensis L. 



Neunzehntes Buch. 455 

bemerkenswerth, dass diess Gewächs, während es Dünger 
und einen fruchtbaren Boden gern hat, Nässe verschmähet 
und dennoch in jedwedem Boden fortkommt. Das beste 
Porrum kommt aus Aegypten, dann folgt das von Ostia 
und Aricia. Es giebt 2 Arten Schnittlauch, das krautartige ^) 
mit deutlich eingeschnittenen Blättern, welches zu Medica- 
menten dient, und dasjenige mit blassern rundern Blättern 
und schwächern Einschnitten ^). Man sagt, der römische 
Ritter Mela habe, als er angeklagt und vom Kaiser Tibe- 
rius von seiner Verwaltungsstelle abberufen wurde, in höch- 
ster Verzweiflung eine 3 Silberdenare schwere Menge Por- 
rumsaft verschluckt, und gleich darauf ohne schmerzhafte 
Symptome den Geist aufgegeben. Eine grössere Quantität 
davon soll aber unschädlich sein. 

34. 
Den Knoblauch 3) hält man für ein ausgezeichnetes 
Heilmittel unter den Landleuten. Er ist von leicht trenn- 
baren und sehr zarten allgemeinen Häuten eingeschlossen, 
unter welchen sich mehrere, wiederum besonders eingeklei- 
dete Knollen befinden. Er besitzt einen sehr scharfen und 
um so stärkern Geschmack, jemehr Knollen er hat. Sein 
Genuss ertheilt, gleichwie die Zipollen, dem Athem einen 
unangenehmen Geruch, doch nur dann, wenn er nicht ge- 
kocht war. Seine Arten unterscheiden sich nach der Jah- 
reszeit; der frühzeitige wird in 60 Tagen reif. Ein anderes 
Merkmal liegt in der Grösse. Die Art Ulpicum^) nennen 
die Griechen cyprischen Knoblauch, Andere Antiscorodon ; 
er steht besonders in Afrika als Landgemüse in Ruf und 
ist grösser als der gewöhnliche. Mit Oel und Essig abge- 
rieben macht er ausserordentlich viel Schaum. Diesen und 
den gewöhnlichen Knoblauch soll man nicht auf Ebenen 
sondern auf einzelne Erdhaufen, die 3 Fuss von einander 
entfernt sind, säen. Die Körner müssen fingerbreit von 



') Allium Scorodoprasum L. ^) Alliuni Schoenoprasuni L. 

3) Allium. A. sativum L. 

*) Nach Columella der ffrosszwiebelige Knoblauch. 



456 Neunzehntes Buch. 

einander abstehen, und die Pflanzen, sobald 3 Blätter her- 
vorgebrochen sind, behackt werden. Je öfter man sie be- 
hackt, um so grösser werden sie. Ist der Stengel ausge- 
wachsen, so biegt man ihn herab und scharret ihn in die 
Erde, um den zu grossen Blatttrieb zu verhüten. In kalten 
Gegenden wird er zweckmässiger im Frühlinge als im 
Herbste gesäet. Uebrigens sollen alle diese Gewächse, 
damit sie nicht riechen, gesäet werden wenn der Mond 
unter der Erde ist, und gesammelt, wenn er sich in der 
Zusammenkunft befindet. Ausserdem sollen, dem griechi- 
schen Schriftsteller Menander i) zufolge, Personen, welche 
Knoblauch und hinterher auf Kohlen geröstete Beten essen, 
den Geruch verlieren. Einige halten es für das beste, das 
Ulpicum zwischen dem Feste der Lares compitales ^) und 
dem des Saturns zu säen. Der Knoblauch entwickelt sich 
auch aus dem Samen, aber langsam; im ersten Jahre näm- 
lich erlangt der Kopf (die Zwiebel) die Dicke des Porrum, 
im zweiten theilt er sich, und erst im dritten gelangt er 
zur vollständigen Ausbildung. Hier und da zieht man 
solches Gewächs vor. Man muss ihn nicht in Samen 
schiessen lassen, sondern den Stengel umbiegen, damit der 
Kopf, behufs der Fortpflanzung, stärker werde. Will man 
Knoblauch und Zipollen alt werden lassen, so taucht man 
sie in warmes Salzwasser; diess macht sie nun wohl dauer- 
hafter und zum häuslichen Gebrauch besser, vernichtet aber 
ihre Fähigkeit, sich fortzupflanzen. Einige begnügen sich 
damit, sie erst über glühende Kohlen zu hängen, und glau- 
ben dadurch das Auskeimen zu verhüten, aber diess er- 
reicht man auch, wenn sie ausserhalb der Erde sind, selbst 
der schon vorhandene Stengel vergeht dann. Andere glauben, 
der Knoblauch werde am besten in Spreu aufbewahrt. Es 
giebt auch eine Art Knoblauch, welche auf Feldern wild 



') Ein nicht näher bekannter Autor, schrieb nach Plinius nütz- 
liche Bemerkungen für das Leben [Bio^Q-rioxa). 

-) Diese standen an den Scheidewegen. Das Fest wurde am Ende 
des Jahres gefeiert. 



Neunzehntes Buch. 457 

wächst imd Alum genannt wird; diesen kocht man, damit 
er nicht wieder keimt, und streuet ihn für die Vögel, wel- 
che die Aussaat wegfressen. Sobald diese davon verzehrt 
haben, werden sie so betäubt, dass man sie mit der Hand 
fangen kann, und wenn man ein wenig wartet, so verfallen 
sie in tiefen Schlaf. Eine andere wilde Art, Bärenlauch i) 
genannt, hat einen milden Geruch, kleinen Knollen und 
grosse Blätter. 

35. 
Unter den Gärtengewächsen schiesst am schnellsten: 
die Basilie, das Blitum, die Steckrübe und die Eruca 2)^ 
denn sie brechen schon am dritten Tage hervor; der Dill 
am vierten, der Lattich am fünften, der Rettig am sechsten^ 
die Gurke und der Kürbiss am siebenten, jedoch die Gurke 
etwas früher, das Nasturtium 3) und der Senf ^) am fünften, 
die Beta im Sommer am sechsten, im Winter am zehnten, 
die Atriplex am achten, die Zipolle am neunzehnten oder 
zwanzigsten, das Gethyum am zehnten oder zwölften, der 
Coriander •■^) etwas später, die Cunila»^) und das Origanum 
nach dem dreissigsten, am spätesten aber der Eppich, denn 
er braucht mindestens 40, gewöhnlich aber 50 Tage zum 
Aufbrechen. Einigen Einfluss hat auch das Alter der Sa-> 
men; vom Porrum, Gethyum, der Gurke und dem Kürbiss 
geht frischer Same früher auf, vom Eppich , der Beta dem 
Nasturtium, der Cunila, dem Origanum und Coriander hin- 
gegen treibt alter schneller. Merkwürdig ist es am Beten- 
Samen, dass er im ersten Jahre nur theilweise aufgeht, 
und von dem zurückgebliebenen ein Theil im zweiten, und 
der andere erst im dritten nachkommt; daher entspricht 
die Summe der aufgehenden Pflanzen in jedem Jahre keines- 
wegs den ausgestreueten Samen. Einige Gewächse tragen bloss 
in dem Jahre ihrer Entwicklung Samen ''), andere öfter, wie der 
Eppich, das Porrum, das Gethyum. Sind diese letztern einmal 
gesäet, so bleiben sie eine Reihe von Jahren hindurch fruchtbar^ 

») ursinum. Allium ursinum L. ^) S, 44. Cap. ») s. 44. Cap. 
-») Sinapis. Sinapis alba L. ^) Coriandrura sativum L. 
6) S. XX. B. 61. Cap. etc. ') D. h. es sind einjährige. 



458 Neunzehntes Bucli, 

36. 

Die meisten Gewächse haben runde Samen, einige 
längliche, nur wenige blattartige und breite, wie die Atri- 
plex, einige dünne und gerinnelte, wie das Cuminum. Auch 
durch die Farbe unterscheiden sie sich, denn es giebt 
schwarze und weisse, desgleichen durch die holzige Härte. 
In Kapseln eingeschlossen sind sie beim Rettig, dem Senf 
und der weissen Rübe. Nakte Samen hat der Eppich, Co- 
riander, Dill, Fenchel, das Cuminum; in eine Haut geklei- 
dete das Blitum, die Beta, Melde, das Basilienkraut; woll- 
haarige der Lattich. Keins ist fruchtbarer als das Basilien- 
kraut; man schreibt vor, dasselbe mit Fluchen und Ver- 
wünschungen zu säen, damit es leichter aufwachse. Nach- 
dem es gesäet, wird die Erde fest gestampft. Die das 
€uminum Säenden beten, damit er nicht ausgehe. Der 
Same, welcher in einer Hülle sitzt, trocknet schwierig aus, 
z. B. der des Basilienkrautes und Gith i); allderartiger 
Same wird künstlich getrocknet und ist fruchtbar. In der 
Regel wächst der Same besser, wenn er gehäuft, als wenn 
er dünn ausgestreuet liegt, nnd bekanntlich säet man das 
Porrum und den Knoblauch in kleinen Bündeln einge- 
schlossen, auch den Eppich in ein mit einem Pflock ge- 
machtes und mit Mist versehenes Loch. Alle Pflanzen 
aber wachsen entweder aus Samen oder aus Abreissern, 
einige aus Samen und Reisern, wie die Raute, das Origa- 
uum, das Ocimum; letzteres nämlich wird auch, wenn es 
handhoch ist, abgeschnitten. Andere hingegen aus der 
Wurzel und dem Samen, wie die ZipoUe, der Knoblauch, 
die Knollengewächse, und diejenigen, deren Wurzeln, wenn 
sie 1 Jahr getragen haben, in der Erde stehen geblieben 
sind. Diejenigen, welche aus der Wurzel hervorwachsen, 
haben eine dauerhafte und feste, wie die Knollengewächse, 
das Gethyum und die Meerzwiebel. Einige wachsen stau- 
denartig und ohne Köpfe, wie der Eppich, die Beta. Wenn 

•) S. 52. Cap. 



Neunzehntes Buch. 459 

man den Stengel abschneidet, so sehlagen die meisten, 
ausgenommen die welche keinen rauhen Stengel haben, 
wieder aus. Diese Eigenschaft benutzt man beim Ocimum, 
dem Rettig und dem Lattich, und hält den nachgewachsenen 
Theil für wohlschmeckender. Der Rettig wird sicher schmack- 
hafter, wenn man ihm die Blätter nimmt, bevor der Stengel 
treibt. Ebenso die Steckrüben, denn auch sie wachsen, 
nach Wegnahme der Blätter, mit Erde bedeckt und halten 
sich den Sommer über. 

37. 
Von folgenden Gewächsen giebt es nur eine Art: von 
Ocimum, Ampfer, Blitum, Nasturtium, Eruca, Atriplex, Co- 
riander, Dill, denn sie sind sich überall gleich, und an 
einem Orte nicht besser wie am andern. Nur glaubt man, 
gestohlene Raute sei fruchtbarer, wogegen gestohlene Birnen 
am schlechtesten gedeihen. Einige entstehen, ohne gesäet 
zu sein, wie die wilde Minze i), die Katzenminze 2), die 
Cichorie, der Poley. Viele Arten aberhaben die, welche 
wir bereits angeführt haben und noch nennen werden, be- 
sonders der Eppich. Diejenige Art davon, welche an 
teuchteu Plätzen wächst, heisst Helioselinum ^) und hat nur 
ein *), unbehaartes Blatt; die an trocknen Orten vorkommende 
heisst Hipposelinum •'), sieht jeuer ähnlich, hat aber meh- 
rere Blätter. Die dritte Art hat Blätter wie der Schierling, 
eine dünne Wurzel, Samen wie der Dill, nur etwas kleiner, 
und heisst Oreoselinum ß). Auch der angebauete kommt 
mit dichten, krausen, dünnen und schwachen Blättern, mit 
dünnem und dickem Stengel vor; letzterer ist ferner bei einigen 
weiss, bei andern purpurroth oder bunt. 

38. 
' Die Griechen unterscheiden 3 Arten Lattich; eine 



») Mentastrum. ^} Nepeta. Nepeta cataria L. 
3) Apium graveoleus L. 

<) In Theophrast steht /j.avo (fvklov, (dünnes Blatt), was Plinius 
wahrscheinlich für [xovo (pvXXov gelesen hat. 
^) Smyrnium olusatrum L. 
•*) Seseli annuum L.? 



460 Neunzehntes Buch. 

davon hat einen so breiten Stengel, dass daraus sogar 
kleine Gartenthüren gemacht werden sollen, die Blätter 
sind etwas grösser als Grasblätter und ganz sehmal, gleich- 
sam als wenn die Pflanze ihre Nahrung vorzüglich nur 
auf andere Theile tibertragen habe. Die zweite Art hat 
einen runden Stengel, die dritte sitzt (an der Erde) und 
heisst die laconische. Andere theilen die Arten nach der 
Farbe und Saatzeit ein, nämlich eine schwarze, die im 
Januar, eine weisse, die im März, und eine röthliche, die 
im April gesäet würde, und alle würden 2 Monate später 
versetzt. Genauere Landwirthe unterscheiden noch mehr 
Arten: eine purpurrothe, krause, cappadocische, griechisch» 
mit längern Blättern und breitem Stengel, ferner mit langen 
und schmalen Blättern wie die Cichorie. Die schlechteste 
Art ist wegen ihrer abscheulichen Bitterkeit Picris i) ge- 
nannt worden. Noch eine andere Art, die schwarze, heisst 
Mecoiiis wegen des in grosser Menge darin enthaltenen 
Schlaf erregenden Milchsaftes, doch sollen auch die übrigen 
diese Wirkung haben. Unsere Vorfahren in Italien kannten 
nur diese Art allein, und nannten sie desshalb Lactuca ^). 
Die purpurrothe, welche die grösste Wurzel hat, heisst die 
cäcilianische, die runde, mit der kleinsten Wurzel und 
breiten Blättern: die stengellose, nach Andern die entmannte, 
weil ihr Genuss der Liebe am meisten widerstehen machen 
soll. Doch sind sie alle von Natur kühlend und daher im 
Sommer eine angenehme Speise, benehmen auch den Ekel 
und machen Appetit. Man weiss, dass der Kaiser Augustus 
durch die Geschicklichkeit des Arztes Musa mittelst Lattich 
von einer Krankheit geheilt worden ist. Während die Alten 
den Lattich zu sehr vernachlässigten, ist er dagegen jetzt 
so ausserordentlich beliebt, dass man ausfindig gemacht 
hat, ihn in Sauerhonig für diejenigen Monate, in welchen 
er nicht frisch zu haben ist, aufzubewahren. Man glaubt 
auch, dass er das Blut vermehre. Es giebt noch eine Art 



') Urospermum echioides L. -) von lac. Lactuca sativa L. 



Neunzehntes Buch. 461 

der sogenannte Ziegenlattich, dessen wir unter den Arznei- 
gewächsen näher erwähnen wollen i). Unter den Garten- 
gewächsen beginnt die sehr beliebte Art Lattich, welche 
die cilicische heisst und ein der cappadocischen ähnliches 
jedoch krauses und breites Blatt hat, Eingang zu finden. 

39. 
Die lutubi *) können weder zu derselben Art, noch 
zu einer andern gerechnet werden; sie sind nicht so em- 
j'^ndlich gegen den Winter, scheinen giftige Eigenschaften 
zu haben, liefern aber nicht minder wohlschmeckende Sten- 
gel. Es giebt auch einen sich weit ausbreitenden Intubus, 
welcher in Aegypten Cichorium heisst, von dem wir aber 
ein anderes Mal reden wollen ^). Man hat ausfindig gemacht, 
alle Sträusse und Blätter der Latticharten durch Einschlie- 
ssen in Krüge auf lange Zeit zu conserviren und die so 
frisch erhaltenen in Pfannen zu kochen. Lattich säet man 
das ganze Jahr hindurch auf fruchtbaren, feuchten und 
gedüngten Boden; zwischen der Aussaat und der Reife der 
Pfianze verlaufen 2 Monate. Doch soll man eigentlich 
gleich nach dem kürzesten Tage aussäen, und zu Anfang 
des Frühlings die Pflanzen versetzen, oder um diese Zeit 
säen, und im Frühlings- Aequinoctium versetzen. Die wei- 
ssen vertragen die Kälte am besten. Alle Gartengewächse 
lieben Feuchtigkeit und Dünger, vorzüglich der Lattich 
und noch mehr der Intubus. Es ist auch von Nutzen, die 
"Wurzel vor dem Setzen mit Mist zu bestreichen, und die 
durch Umgraben entstandenen Vertiefungen mit Erde aus- 
zufüllen. Einige befördern auch die Ausbreitung der Ge- 
wächse dadurch, dass sie dieselben, wenn sie V2 Fuss hoch 
sind, abschneiden, und mit frischem Schweinmiste bestrei- 
chen. Man glaubt, nur diejenigen würden weiss, welche 
aus weissem Samen wüchsen, wenn vom Beginn des Wach- 
sens an Ufersand zwischen sie gestreuet wird, und die 



ii S. XX. B. 24. Cap. 

■•') Intubi. Cichorium Intylaif; L. und Cichorium Endivia L. 

=) S. XX. B. -29. Cap. 



462 Neunzehntes Buch. 

sich ausbildenden Blätter an den Stengel hinaufgebunden 
werden. 

40. 
Der Mangold 1) ist unter allen Gartengewächsen das 
leichteste. Die Griechen unterscheiden 2 Arten desselben 
nach der Farbe, die schwarze 2) und weisse^); letztere wird 
vorgezogen, hat sehr wenige Samen, heisst die sicilische, 
und wird, was die Farbe anbetrifft, noch dem Lattich vor- 
gezogen. Wir theilen denselben, nach der Zeit der Aus- 
saat, in den Frühlings- und Herbst-Mangold, doch säet man 
ihn auch im Juni. Er wird gleichfalls verpflanzt, und es 
ist zweckmässig, die Wurzeln mit Mist zu bestreichen und 
den Boden recht feucht zu halten. Man gebraucht ihn mit 
Linsen und Bohnen, und ebenso wie Kohl, namentlich aber 
in Verbindung mit Senf, um seine Milde mit Schärfe zu 
paaren. Die Aerzte sind der Meinung, er sei schädlicher 
als Kohl; ich erinnere mich auch nicht, ihn auf dem Tische 
gesehen zu haben, denn man hält es für bedenklich, ihn 
zu kosten, und nur für kräftige Personen möchte er sich 
eignen. Er ist von doppelter Natur, nämlich wie der 
Kohl und wie die Zwiebel, und die Güte hängt von der 
Breite ab. Diese erlangt er, wenn, wie beim Lattich, im 
Anbeginn der Färbung ein leichtes Gewicht darauf gelegt 
wird. Kein anderes Gewächs breitet sich mehr als dieses 
aus, mitunter bis auf 2 Fuss, was übrigens viel von der 
Beschaffenheit des Bodens abhängt. Im circeiensischen 
Gebiete findet man die grössten. Manche glauben, die 
beste Säezeit sei, wenn der Granatapfel blüht, uud die 
beste Verpflanzung, wenn 5 Blätter zum Vorschein gekom- 
men sind. Merkwürdig ist der, wenn anders gegründete 
Unterschied, dass der Genuss der weissen: Oefifnung, der 
der schwarzen: Verstopfung bewirkt, und dass, wenn der 
Geschmack des Weines in einem Fasse durch Kohl ver- 



») Beta. 2) Beta vulgaris L.; die rothe Spielart. 
3) Beta cicla L. 



Neunzehntes Buch. 465 

dorben ist, eingetauchte Mangoldblätter ihn wieder ver- 
bessern. 

41. 
Dass Kohl und Krauts), welche gegenwärtig die 
wichtigsten Gärtengewächse sind, von den Griechen beson- 
ders geachtet wurden, finde ich nirgends angeführt. Cato 
aber macht auf den Kohl grosse Lebenserhebungen, die 
wir bei den Arzneien gehörigen Orts anführen wollen. Er 
unterscheidet 3 Arten, eine mit ausgedehnten Blättern und 
grossem Stengel, eine andere mit krausen Blättern, welche 
er Eppichkohl ^) nennt , eine dritte mit kleinen Stengeln^ 
mild und zart, aber am werthlosesten. Kohl wird das 
ganze Jahr hindurch gesäet und geschnitten, am zweckmä- 
ssigsten säet man ihn jedoch nach dem Herbst-Aequinoctium^ 
und versetzt ihn, wenn er 5 Blätter hat. Die jungen Spro- 
ssen vom ersten Schnitte sind im folgenden Friihliuge am 
besten; diess sind nämlich an den Stengeln selbst wach- 
sende feinere und zartere Stengel, welche von dem Schwel- 
ger Apicius und durch diesen vom Drusus Cäser verschmä- 
het wurden, und weshalb dieser von seinem Vater Tiberius 
Strafe bekam. Nach jenen Sprossen schiessen aus derselben 
Kohlstaude die Sommer-, Herbst- und Winterstengelchen, 
dann wiederum Sprossen — denn keine Art ist so frucht- 
bar als diese — bis sie durch ihre eigene Fruchtbarkeit 
aufgerieben wird. Die dritte Art wird im Solstitium gesäet 
und bei feuchtem Boden im Sommer, bei trockuem im 
Herbste verpflanzt. Mangel an Mist und Feuchtigkeit be- 
dingen einen angenehmem Geschmack, und Ueberfluss au 
beiden grössere Fruchtbarkeit. Eselsmist leistet hier die 
besten Dienste. Auch diess Gewächs gehört zu den Lecke- 
reien, daher wir uns wohl etwas ausführlicher darüber 
verbreiten müssen. Ganz besonders schmackhaft und gross 
wird der Kohl, wenn man ihn in zweimal gegrabene Erde 
säet die über die Erde sich erhebenden Stengel au dem 



' Olus et caules. Brassica oleracea L. und deren Varietäten. 
2) apiana. 



4(54 Neunzehntes Buch. 

Boden abschneidet und an die, welche sich im üppigen 
Wüchse vom Boden erheben, soviel andere Erde häuft, 
dass nur die Spitzen hervorragen. Man nennt diese Art, 
wobei man Unkosten und Verdruss doppelt rechnen muss, 
die dreifache. Der übrigen Arten sind noch eine ziemliche 
Anzahl. Die cumanische bat sitzende Blätter und einen 
offnen Kopf; die ariciniscbe ist nicht höher, hat mehr, aber 
weniger zarte Blätter, und wird für die beste gehalten, 
weil sie fast unter allen Blättern besondere Stiele treibt. 
Die pompejanische ist höher, der Stengel von der Wurzel 
an dünn, in der Nähe der Blätter aber dick, die Blätter 
sind weniger zahlreich und schmäler, aber ihrer Zartheit 
wegen geschätzt, verlieren jedoch durch Kälte. Dagegen 
ist die Kälte der brutianischen Art mit grossen Blättern, 
dünnem Stengel und vom scharfen Geschmacke zuträglich. 
Die sabellische Art hat ausgezeichnet krause Blätter, deren 
Dicke den Stengel selbst (scheinbar) dünne macht, und 
wird für die süsseste von allen gehalten. Vor Kurzem ist 
auch die seethurraige aus dem aricinischen Thale, wo ehe- 
mals ein See war und noch ein Thurm steht, bekannt ge- 
worden, welche einen sehr grossen Kopf und zahllose 
Blätter trägt, und von der einige sich rundum ausdehnen, 
andere in die Breite wachsen. Auch hat keine, nächst 
der dreifachen, einen grössern Kopf, der zuweilen 1 Fuss 
misst, und keine bekommt die Sprossen später. Alle Arten 
macht der Keif delikater, wenn aber das Mark nicht durch 
einen Querschnitt geschützt wird, so schadet er sehr. Kohl, 
der zur Saat bestimmt ist, wird nicht geschnitten. Auch 
derjenige, welcher den Habitus der Pflanze nie überschreitet, 
ist vorzüglich gut; er heisät Seekohl i), weil er nur am 
Meere wächst, und hält sich selbst auf langer Seefahrt 
grün. Nachdem er abgeschnitten, thut man ihn sogleich, 
ohne dass er die Erde berührt hat, in kurz zuvor getrock- 
nete Oelfässer, und verschliesst diese sorgfältig vor dem 
Zutritt der Luft. Einige glauben, die Pflanze komme schneller 



') halniyviiHa. Crambe maritima L.? 



Neunzehntes Buch. 465 

zur Reife, wenn man beim Versetzen Seegras und so viel 
Natron, als man mit 3 Fingern fassen kann, unter den 
Stengel lege. Andere streuen ein Gemenge von Kleesamen 
und Natron auf die Blätter. Ein Zusatz von Natron beim 
Kochen erhält sie auch grün, oder, wenn man sie, nach 
apicianischer Weise, vor dem Kochen in Oel und Salz ein- 
weicht. Auch bei den Kräutern bedient man sich einer 
Art Pfropfens, indem man die Sprossenaugen des Stengels 
abschneidet und in das Mark Samen von andern Pflanzen 
steckt. Diess geschieht unter andern bei der wilden Gurke. 
Es giebt noch einen wilden Kohl mit 3 Blättern, welcher 
durch die Gedichte des göttlichen Julius (Caesar) und 
durch Soldatenscherze berühmt geworden ist, denn in einem 
Verse um den andern warfen sie ihm vor, dass sie bei 
Dyrrachium von Lapsana i) hätten leben müssen, und spot- 
teten über seine Sparsamkeit bei Austheilung der Geschenke. 
Diese Pflanze ist aber der wilde Kohl. 

42. 
Unter allen Gartengewächsen wird die meiste Sorgfalt 
auf den Spargel^) verwendet. Ueber seinen Ursprung 
wurde bei den wilden Kräutern genügend gesprochen und 
ebendaselbst angeführt, wie er, nach Cato's Anleitung, in 
Rohrgebüsche zu säen sei. Es giebt noch eine andere Art, 
welche weniger angebaut ist als der Gartenspargel, milder 
als der Corruda^) schmeckt, hin und wieder auf Bergen, 
und Felderweise im obern Deutschland wächst, und von 
dem der Kaiser Tiberius die witzige Aeusserung machte, 
es wachse dort ein dem Gartenspargel sehr ähnliches 
Kraut. Derjenige aber, welcher auf der campanischen In- 
sel Nesis wild wächst, wird für den besten gehalten. Man 
pflanzt den Gartenspargel durch Wurzeln *) fort, denn er 
hat deren sehr viele und geht sehr tief. Zuerst bricht ein 
Strunk hervor, der, zum Stengel aufwachsend, sich mit der 



•) Sinapis incana L., oder vielleicht eher Raphanus Raphanistrum. 
'■') Asparagus officinalis L. ») Asparagus acutifolius L. 
'*) spTongiae. 

Wittstein: Plinius. UI. Bd. 30 



466 Neunzehntes Buch. 

Zeit hoch erhebt und in breite Büsche vertheilt. Man kann 
ihn auch aus dem Samen ziehen. Cato hat keine Materie 
fleissiger bearbeitet, und sie umfasst das Letzte seines 
Werks, woraus erhellet, dass dieser Mann dem Spargel 
auf einmal ganz zuletzt seine Sorge widmete. Man soll 
nach Ihm einen feuchten und dichten Boden zurichten, und 
den Spargel nach allen Seiten hin i;, Fuss weit von ein- 
ander pflanzen, damit er nicht zertreten werde. Ausserdem 
soll man der Schnur entlang 2 bis 3 Körner mittelst 
eines Pflockes (denn damals zog man den Spargel bloss 
aus Samen) und zwar nach dem Frühlings-Aequinoctium 
einsetzen. Man müsse ferner gut düngen, fleissig gäten, 
und sich vorsehen, dass mit dem Unkraute nicht auch der 
Spargel herrausgerissen werde. Im ersten Jahre bedecke 
man ihn im Winter mit Stroh, im Frühjahre lüfte man 
wieder, behacke und gäte, im dritten Frühlinge aber zünde 
man ihn an. Je zeitiger man ihn anzündet, desto besser 
gedeihet er. Daher steht er am zweckmässigsten in Rohr- 
gebüschen, weil diese früh angezündet werden. Cato sagt, 
man müsse ihn nicht früher behacken, bis er emporge- 
wachsen sei, damit die Wurzeln nicht verletzt würden. 
Hierauf müsse der Spargel nahe an der Wurzel abgerissen 
werden, denn bräche man ihn ab, so verholze er und sterbe 
ab. Dass Abreissen kann so lange geschehen, bis der 
Same ansetzt. Dieser werde aber im Frühjahre reif, dann 
wird angezündet, und wenn der Stengel neuerdings erscheint, 
behacke und dünge man. Nach neun Jahren setze man 
ihn in geackertes und gedüngtes Land, und pflanze ihn 
durch Wurzeln, welche 1 Fuss weit von einander entfernt 
sind, fort. Man soll namentlich Schafmist gebrauchen, weil 
aller andere leicht Unkraut erzeugt. Hernach fand man 
es am zweckmässigsten, um die Mitte des Februars Samen, 
welcher haufenweise vergraben, und besonders in Mist ein- 
geweicht ist, in kleine Gruben zu säen. Wenn dann die 
Wurzeln sich in einander verflochten haben, versetzt man 
nach dem Herbst-Aequinoctium 1 Fuss weit von einander, 
was eine zehnjährige Fruchtbarkeit zur Folge hat. Kein 



Neunzehntes Buch. 4(57 

Boden eignet sich besser für ihn als das Gartenland zu 
Ravenna. — Unter dem bereits erwähnten Corruda verstehe 
ich den wilden Spargel, welchen die Griechen Hormenum, 
Myacanthum oder auch anderes nennen. Ich finde, dass 
der Spargel auch gut wachsen soll, wenn man ihn mit 
zerstossenen Widderhörnern düngt. 

43. 

Es könnte nun scheinen, als haben wir alles, was ei- 
nigen Werth hat, angeführt, wenn nicht noch des bedeu- 
tenden Ertrags von einem Gegenstande, dessen man nicht 
ohne Schaam erwähnen kann, gedacht werden müsste. 
Man bauet nämlich, namentlich bei Carthagena und Cor- 
duba Disteln 0, welche von kleinen Feldern einen Ge- 
winn von 6000 Sesterzien abwerfen; denn wir bringen auch 
die hässlicben Ausgeburten der Erde, ja selbst das was 
die damit vertrauten Thiere vermeiden, zu Leckereien in 
die Küche. Man bauet diese Disteln auf zweierlei Weise, 
durch junge Pflanzen im. Herbste und durch Samen vor 
dem 7. März; die Pflanzen davon werden vor Mitte No- 
vember oder in kalten Gegenden im Februar versetzt, 
merkwürdiger Weise auch gedüngt und gedeihen dann 
besser, ferner in mit Essig vermischtem Honig eingemacht, 
und Laserwurzel nebst Rosskümmel zugesetzt, damit kein 
Tag ohne Disteln hingeht. 

44. 

Die übrigen Gewächse brauche ich nur kurz anzu- 
deuten. Das Ocimum soll am Feste der Pales gesäet 
werden, doch kann diess auch im Herbste geschehen; wenn 
aber die Aussaat im Winter vorgenommen werden soll, 
so müsse man den Samen in Essig einweichen. Die Eruca 2) 
und die Brunnenkresse 3) säet naan gleichfalls um die- 
selbe Zeit, und beide wachsen im Sommer oder Winter am 
besten heran. Namentlich widersteht die Eruca der Kälte 
sehr gut, ist von dem Lattich verschieden und reizt zum 



') Cardui. Cynara Scolymus L. die Artischoke. 
2) Eruca sativa L. 3) Nasturtium. Nasturtium officinale Br. 

30* 



4ßg Neunzehntes Buch. 

Geschlechtstrieb, daher man sie mit jenem vermischt ver- 
speist, um allzugrosse Kälte durch Hitze zu massigen. 
Die Brunnenkresse hat ihren Namen von dem Reize, den 
sie auf die Nase ausübt i). Mau gebraucht daher diess 
Wort als Redensart zur Bezeichnung der Lebhaftigkeit, 
welche auf einen trägen (gleichsam der Betäubung ähn- 
lichen) Zustand erfolgt ist. In Arabien soll sie eine ausser- 
ordentliche Grösse erlangen. 

45. 

Die Raute-) wird gleichfalls im ersten Frühlinge und 
nach dem Herbst- Aequinoctium gesäet; Kälte, Feuchtigkeit 
und Mist schaden ihr, an sonnigen und trocknen Plätzen 
sowie in Ziegelerde gedeihet sie gut. Sie muss mit Asche 
gedüngt werden, und zur Abhaltung der Raupen mischt 
man dieselbe unter den Samen. Bei den Alten stand diess 
Gewächs in besonderm Ansehn. Ich finde, dass Corne- 
lius Cethegus, der College des Quintius Flamininus 
im Consulate, dem Volke nach Beendigung des Wahlaktes 
Rautenmost reichen Hess. Die Raute ist dem Feigenbaume 
so befreundet, dass sie nirgends besser als unter diesem 
gedeihet. Sie wird auch durch Reiser fortgepflanzt, und 
diess geschieht zweckmässig dadurch, dass man ein solches 
in eine durchbohrte Bohne steckt, deren Saft den Steckling 
nährt. Endlich zieht man sie durch sich selbst; wenn man 
nämlich die Spitze eines Astes zur Erde biegt, so schlägt 
er gleich Wurzeln. Dieselbe Eigenschaft besitzt das Ba- 
silienkraut, nur wächst dieses nicht so leicht. Sobald die 
Pflanze einige Festigkeit erlangt, wird sie gesäubert, was 
etwas schwierig ist, weil sie leicht juckende Geschwüre 
erzeugt, wenn man die Hände nicht vorher mit Oel be- 
strichen hat. Man hebt die Blätter in Bändeln auf. 

46. 

Den Eppich bauet man nach dem Frühlings-Aequinoc- 
tium, und stösst zuvor den Samen ein wenig im Mörser, 
denn durch diese Behandlung, oder auch, wenn man die 



>) -a narium tonnento. -) Ruta. Rata greveoleus L. 



Neunzehntes Buch. 469 

Saat mit einer Walze oder mit den Füssen eintritt, soll er 
krauser werden. Er hat das Eigenthümliche, die Farbe zu 
wechseln. In Acbaja widerfährt ihm die Ehre, dass die 
Sieger in den heiligen Nemeischen Kampf-Spieleu damit 
bekränzt werden. 

47. 
Um dieselbe Zeit wird die, Minze durch die Pflanze i) 
oder, wenn sie noch nicht ausgeschlagen ist, durch die 
"Wurzel gebauet. Sie liebt trocknen Boden. Im Sommer 
ist sie grttn, im Winter gelblich. Eine wilde Art, die 
Rossminze 2), wird entweder auf ähnliche Weise wie der 
Weinstock oder durch Umkehren der Aeste fortgepflanzt. 
Den Namen mentha hat sie bei den Griechen des ange- 
nehmen Geruchs wegen bekommen, denn sie hiess sonst 
mintha, und davon haben unsere Vorfahren den Namen 
abgeleitet. Seit Kurzem bezeichnet man sie auch mit 
'HSvoafxog. Bei ländlichen Gastmahlen duften die Tische 
vom Aroma der Minze. Einmal gesäet dauert sie eine 
Reihe von Jahren hindurch aus. Ihr nahe steht der Poley 3), 
der, wie ich bereits angeführt habe, die Eigenschaft hat, 
in den Speisekammern nochmals zu blühen. Minze, Poley 
und Nepeta werden auf gleiche Weise aufbewahrt. Doch, 
wenn wir auch alle übrigen Gewürze verwerfen wollen, so 
bleibt doch der RosskümmeH) das beliebteste. Er wur- 
zelt nur in der obersten Erdschicht, sodass er kaum darin 
befestigt ist, und wächst hoch empor. Man muss ihn 
namentlich an warme, und faulende Stoffe enthaltende 
Plätze mitten im Frühlinge säen. Die wilde Art, welche 
Einige den Bauernkümmel, Andere den thebaischen nennen, 
hilft zerrieben mit Wasser getninken, gegen Magenschmerzen. 
In unserm Welttheile ist der carpetanische der beste, 
ausserdem hat der aethiopische und afrikanische den Vor- 



1) D. i. durch Reiser. 

-) Mentastrum. Mentha sylvestris L. Unter der nicht wilden 
Art ist vorzüglich Mentha piperita L. zu verstehen. 
3) Pulegium. Mentha Pulegium L. 
^) Cuminum. Cuminum Cyminum L. 



470 Neunzehntes Buch. 

zug, und Einige schätzen den ägyptischen noch höher als 
diesen. 

48. 
Von ganz wunderbarer Beschaffenheit ist das Olusa- 
trum^), welches die Griechen Hipposelinum 2), Andere 
Smyrnium nennen. Es wächst aus dem Thränensafte seines 
Stengels, wird aber auch mittelst der Wurzel fortgepflanzt. 
Der davon gesammelte Saft soll wie Myrrhe schmecken, 
und nach Theophrast's Angabe wäre diess Gewächs aus 
gesäeter Myrrhe entstanden. Die Alten bauten die Pferde- 
silge an wüste, steinige Plätze neben Gartenmauern, jetzt 
geschieht es auf zweimal geackertem Boden vom Beginn 
des Frühlings bis nach dem Herbst-Aequinoctium. Ebenso 
säet man auch die Kapper in trocknes Erdreich, dessen 
Fläche man beim Graben hohl macht und allenthalben mit 
einer Steinwand umgiebt, weil sie sonst den Acker durch- 
wuchert und unfruchtbar macht. Sie blühet im Sommer, 
bleibt bis zum Untergange des Siebengestirns grün, und 
liebt besonders sandigen Boden. Die Fehler dieses über- 
seeischen Gewächses haben wir bei den fremden Stauden 
genannt. 

49. 

Auch der FeldkümmeH), der nach einem Volke 
benannt ist, gehört zu den ausländischen Gewächsen. Er 
wird viel in der Küche gebraucht, und erfordert denselben 
Boden wie die Pferdesilge. Der beste kommt aus Carlen, 
und auf diesen folgt zunächst der phrygische. 

50. 

Das wilde Ligusticum^) wächst auf den Bergen seines 
Vaterlandes Ligurien; man säet es überall, das angebauete 
ist zwar milder aber nicht kräftig. Einige nennen es Pa- 



*) Smyrnium Olusatrum L. 
-) Pferdesilge. 
3) Careum. Carum Carvi L. 

^) Laserpitium Siler L.; nach Dierbach ist es Trochiscanthes 
nodiflorus Koch. 



Neunzehntes Buch. 471 

Dax. Unter den Griechen benennt Cratevas i) die Ochsen- 
Cuuila 2) mit diesem Namen, sonst alle Uebrigen die Conyza 
d. i. Cunilago; die Thymbra^) aber ist die (echte) Cunila- 
Letztere bat bei uns den Namen Satureja und gehört zu 
den Gewürzen. Man säet diess Kraut im Februar; es ist 
ein Nebenbuhler des Origanum, und wegen seiner ähnlichen 
Wirkung wendet man niemals beide zugleich an. Doch 
zieht man das ägyptische Origanum der Cunila vor. 

51. 
Das Lepidium*) gehörte auch früher zu den fremden 
Gewächsen. Man säet es zu Anfang des Frühlings, schneidet 
es , nachdem sich ein Stengel gebildet hat, nahe an der 
Erde ab, behackt und düngt. Diese Behandlung wird zwei 
Jahre lang befolgt. Später benutzt man seine Stengel- 
schüsse, wenn die Winterkälte ihm nicht geschadet hat, 
denn gegen diese ist es sehr empfindlich. Es wird ein Cu- 
bitus hoch, hat Blätter von der Form des Lorbeerbaums, 
aber von weicher Consistenz und wird stets mit Milch ver- 
speist. 

52. 
Das Gith^) wird in den Bäckereien, der Anis und 
Dill in den Küchen und zu Arzneien gebraucht. Das Sa- 
copenium'^) wird auch in Gärten gebauet, dient aber nur 
als Arzneimittel. 

53. 
Einige Gewächse werden zusammen mit andern ge- 
säet, wie z. B. der Mohn mit dem Kohl und Portulak''), 
und die Eruca mit dem Lattich. Vom Mohn giebt es drei 
Arten; von dem weissen wurde der Samen bei den Alten 
geröstet, und mit Honig beim Nachtische aufgesetzt, auch 



>) Rhizotom zur Zeit des Mithridates, dem er ein Werk von den 
med. Kräften der Pflanzen zueignete. 
2) S. XX. B. 61. Cap. 

^) Satureja hortensis L. und Satureja Thymbra L. 
'') Lepidum latifolium L. und Lepidium sativum L., Kresse. 

5) Nigella sativa L., der schwarze Kümmel. 

6) S. XX. B. 75. Cap. ■>) S. XX. B. 81. Cap. 



^72 Neunzehntes Buch. 

spreogt man ihn, mit einem Ei vermischt, auf die (obere) 
Rinde des Bauernbrotes, dessen untere mit Petersilie und 
Schwarzkümmel gewürzt wird. Die zweite Art ist der 
schwarze ^), aus dessen Stengel durch Ritzen ein Milchsaft 
gewonnen wird. Die dritte nennen die Griechen Rhöas^), 
die Römer den umherschweifenden 3); er wächst wild, be- 
sonders auf Aeckern zwischen der Gerste, ähnelt der Eruca, 
ist ein Cubitus hoch, seine Blüthe ist roth und fällt bald 
ab, daher die Griechen ihm obigen Namen gegeben haben ^). 
Von den übrigen Arten des wilden Mohns wollen wir bei 
den Arzneigewächsen reden ^). Dass aber der Mohn bei 
den Römern stets geschätzt worden ist, beweist Tarqui- 
nius Superbus, welcher in seinem Garten in Gegenwart 
der von seinem Sohne abgeschickten Gesandten die höchsten 
Mohnköpfe abschlug, und durch diese versteckte Hand- 
lungsweise jene blutdürstige Antwort gab. 

54. 
Wiederum werden im Herbst-Aequinoctium zu- 
sammen gesäet: Coriander, Dill, Melde, Malve, Ampfer, 
KörbeP), den die Griechen Päderos nennen, und Senf 
welcher einen äusserst scharfen Geschmack, eine feurige 
Wirkung und heilsame Kräfte besitzt, keiner Cultur bedarf, 
aber besser gedeihet, wenn er versetzt wird. Ja, ist er 
einmal gesäet, so lässt sich das Feld kaum wieder davon 
befreien, denn ein jedes Korn, welches zur Erde fällt, fängt 
sogleich an zu keimen. Man speist ihn auch in kleinen 
Schüsseln gekocht als Gemüse, nimmt dann aber keine 
Schärfe mehr an ihm wahr. Ferner kocht man die Blätter 
gleich andern Kohlarten. Es giebt drei Arten; die eine ist 
dünn, die andere hat Blätter wie die Rübe, und die dritte 
solche wie die Eruca. Der beste Same kommt aus Ae- 



•) Papaver album et nigrum. Papaver somniferum L. 

^) Papaver Argemone L. und Papaver Rhoeas L. 3) erraticum. 

■*) von Qscj, fliessen, abfallen. *) S. XX. B. 76. Cap. etc. 

*) Caerefolium. ScanFix Cerefolium L. 



Neunzehntes Buch. 473 

gypten. Die Athenienser nennen ihn Napy, Andere Thapsi^ 
und wieder Andere Saurion i). 

55. 

VomSerpyllum2)und Sisymbrium ^) sind die meisten 
Berge bedeckt, z. B. in Thracien; von diesen, sowie von 
den Bergen bei Sieyon und vom Hymettus bei Athen trägt 
man die abgerissenen Zweige dieser Gewächse herunter 
und streuet sie aus. Das Sisymbrium wächst am tippigsten 
an den Seiten der Brunnen, an Fischteichen und Pfützen. 

56. 

Die übrigen sind ruthenartige ^) Gewächse, wie 
der Fenchel ^), welchen, wie bereits angegeben wurde , die 
Schlangen sehr gern fressen, und der getrocknet häufig als 
Gewürz dient. Ihm ist die Thapsia, welche wir unter den 
fremden Stauden nannten ß), ähnlich. Der zur Verfertigung 
von Stricken viel benutzte Hanf ^) wird gleich zu Anfang 
des Frühlings gesäet. Je dichter er ist, um so feiner fällt 
er aus. Der Same wird nach seiner Reife im Herbst- 
Aequinoctium abgestreift und entweder an der Sonne oder 
im Winde oder im Rauche getrocknet, die Pflanze selbst 
nach der Weinlese ausgerissen und in den Abendstunden 
durch Abschälen gereinigt. Der beste ist der alabandische, 
und dient besonders zu Netzen. Es giebt dort 3 Arten; 
der schlechteste befindet sich zunächst der Rinde und dem 
Marke, am besten ist der mittlere, welcher Mittelhanf ge- 
nannt wird, und der zweite heisst mylaseischer. Hin- 
sichtlich seiner Höhe bemerke ich, dass der roseische im 
sabinischen Gebiete die Grösse der Bäume erreicht. Von 
der Ferula haben wir unter den fremden Stauden zwei Arten 
angeführt. Ihr Same wird in Italien gegessen; man macht 
ihn nämlich ein und erhält ihn so in Krügen etwa ein Jahr 



1) Dfe angeblichen 3 Arten gehören wahrscheinlich sämmtlich 
zu Sinapis alba L. *) Thymus Serpyllum L. 

3) Nasturtium offic. Br. Vielleicht möchte auch die Mentha aqua- 
tica L. hierher zu ziehen sein. 

■*) ferulacea. *) Foeniculum. Anethum Foeniculum L. 

«) Vergl. XIII. B. 43. Cap. ') Cannabis. Cannabis sativa L. 



474 



Neunzehntes Buch. 



laug. Man unterscheidet Stengel und Traube; letztere 
nennt man Corymbia, und, was man einmacht, Corymbi. 

57. 

Die Gartengewächse werden ebenso wie die übrigen 
Pflanzen von Krankheiten heimgesucht. Das Basilien- 
kraut geht im Alter in Quendel, und das Sisymbrium in 
Calaminthe ^) über. Aus altem Kohlsamen werden Rüben, 
und umgekehrt. Der Rosskümmel wird, wenn man ihn 
reinigt, Yom Limodorum 2) getödtet. Letzteres hat einen 
einfachen Stengel, eine zwiebelartige Wurzel, und wächst 
bloss auf magerm Boden. Eine andere Krankheit des Ross- 
kümmels ist die Räude. Das Basilienkraut wird beim Auf- 
gange des Hundssterns bleich. Alle Kräuter werden gelb, 
wenn ein menstruirendes Frauenzimmer sich ihnen nähert. 
Es entstehen auch mehre Arten kleiner Thierchen auf 
Pflanzen, Mücken auf den Steckrüben, Raupen und Würmer 
auf dem Rettig, dem Lattich und Kohl, und noch mehr als 
diese, verschiedene Schnecken. Ferner noch besondere 
Thiere, welche man am leichtesten durch Aufwerfen von 
Mist , in welchem sie sich verkriechen , fängt. Sabinus 
Tiro ^) sagt in seinem Buche „über den Gartenbau *)", 
welches er dem Mäcenas widmete, es sei nicht gut, Raute, 
Saturei, Minze und Basilienkraut mit Eisen zu berühren. 

58. 

Eben derselbe hat auch wider die Ameisen, diese 
Plage derjenigen Gärten, welche ohne Wasser sind, ein 
Mittel angegeben, nämlich ihre Löcher mit Meerschlamm 
oder Asche zu verstopfen. Allein am besten vertilgt sie 
-das Kraut Heliotropium. Einige sind auch der Meinung, 
Wasser, in welches rohe Ziegelsteine geweicht, sei ihnen 



') Unter diesem Namen begriffen die Alten mehrere Gewächse: 
Melissa altissima Sibth., Thymus Calamintha L., und Mentha tomen- 
tella Lk. Nehmen wir das im 55. Cap. genannte Sisymbrium für 
Mentha aquatica, so erklärt sich der angebliche Uebergang durch 
<Jie Aehnlichkeit beider Pflanzen. 

2) Limodorum abortivum Sw. ? 

^) Dichter unter Augustus, grosser Feinschmecker. •*) Cepuricon. 



Neunzehntes Buch. 475 

schädlich. Die Rüben weiden durch Zwischensäen von 
Schotenkraut 1), und der Kohl durch Kichererbsen vor den 
Raupen geschützt. Hat man diese Vorsicht nicht be- 
obachtet, und haben sich die Thiere schon erzeugt, so be- 
sprenge man die Pflanzen mit einer Abkochung von Wer- 
muth und Hauslauch, welches Aizoon beisst und dessen 
bereits früher gedacht wurde. Wenn in den Saft dieses 
Gewächses der Kohlsame eingeweicht wird, so sollen sich 
auf den daraus entstehenden Pflanzen niemals schädliche 
Thiere flnden, überhaupt aber keine Raupen, wenn man 
die Kopfknochen eines Pferdes, namentlich eines weiblichen, 
auf Pfählen in den Gärten aufstellt. Auch soll ein mitten 
im Garten aufgehangener Flusskrebs die Raupen abhalten. 
Einige berühren die Pflanzen mit blutrothen Ruthen 2), um 
das Ungeziefer abzuhalten. Die Mücken schaden beson- 
ders den bewässerten Gärten, wenn kleine Bäume darin 
stehen. Man vertreibt sie durch Räuchern mit Galbanum. 

Was die Veränderung der Samen betrifft, so besitzen 
mancbe eine grössere Dauerhaftigkeit, wie der des Cori- 
- anders, der Beta, des Porrum, der Brunnenkresse, des 
Senfs, der Eruca, der Saturey und fast alle scharfen. Ver- 
gänglicher sind die der Melde, des Basilienkrauts, des 
Kürbiss, der Gurke; die Samen der Sommergewächse 
halten sich länger als die der Wintergewächse, am wenig- 
tsen aber der des Gethyum. Aber auch die besten taugen 
nach vier Jahren nicht mehr zum Säen, können jedoch 
noch in der Küche gebraucht werden. 

59. 

Ein eigenthümliches Hülfsmittel für den Rettig, die 
Beta, Raute, Saturey ist das Salzwasser, welches auch 
ausserdem dieselben wohlschmeckend und fruchtbar macht. 
Den übrigen Gewächsen nützt das Begiessen mit süssem 



*) Siliqua. Trigonella Foenum graecum L. 

^) Virgae sanguineae. Entweder meint PI. hier die rothen Zweige 
von Comus sanguinea L., oder überhaupt Zweige, welche mit Blut 
benetzt sind. 



476 Neunzehntes Buch. 

Wasser, und unter diesem ist das kälteste und trinkbarste 
das beste; weniger gut das Wasser aus Teichen und 
Gräben, denn diess führt die Samen von Unkraut mit sich. 
Am nährendsten jedoch das Regenwasser, denn es tödtet da<^ 

Ungeziefer. 

60. 
Man muss des Morgens früh und des Abends be- 
giessen, damit das Wasser nicht von der Sonne erhitzt 
werde, nur das Basilienkraut auch Mittags; dessen Same 
soll sehr rasch aufgehen, wenn man im Anfange mit heissem 
Wasser begiesst. Alle Pflanzen werden durchs Versetzen 
besser und grösser, besonders Porrum und Steckrüben. 
Das Versetzen ist auch zugleich eine Art Arzneimittel, 
denn manche hören dann auf zu kränkeln, z. B. Gethyum^ 
Porrum, Rettig, Eppig, Lattich, Rübe und Gurke. Fast 
alle wilden Gewächse haben kleinere Blätter und Stengel 
und schärfere Säfte, wie die Saturey, der Dost, die Raute. 
Unter allen ist nur der wilde Ampfer i) besser; der auge- 
bauete heisst Rumex, und wird sehr kräftig, wenigstens 
dauert er, einmal gesäet, sehr lange aus, und lässt sich,^ 
besonders am Wasser, nicht ausrotten. Mit Gerstengraupen 
gekocht, ertheilt er der Speise bloss einen mildern und ange- 
nehmem Geschmack. Der wilde findet mannichfache An- 
wendung in der Medizin. Die Sorgfalt im Gartenbau geht 
so weit, dass ich in einem Gedichte die Bemerkung finde, 
wenn man Samen von Porrum, Eruca, Lattich, Eppich, Ci- 
chorie, Kresse in ausgehöhlten Ziegenmist thue und dann 
aussäe, so gediehen sie vortrefflich zu Pflanzen. Werden 
die wilden Gewächse angebauet, so bekommen sie mehr 
Trockenheit und Schärfe. 

61. 
Wir müssen auch der Verschiedenheit der Säfte 
und ihres Geschmacks gedenken, der bei den Garten- 
gewächsen grösser als bei dem Obste ist. Scharf schmecken 
die Saturei, der Dost, die Kresse, der Senf; bitter: der 



•) S. XX. B. 85 und 86. Cap. 



Neunzehntes Buch. 477 

"Wermuth, das Tausendgüldenkraut i); wässerig: die Gurke, 
der Kürbiss, Lattich; heiss: der Thymian und die Saturei; 
heiss und balsamisch: der Eppich, Dill, Fenchel. Einen 
rein salzigen Geschmack findet man nicht, sondern das 
Salz setzt sich nur zuweilen aussen als ein Pulver, z. B. 
an den Kichererbsen 2), ab. 

62. 

Aber damit man inne wird, dass die Ansichten im ge- 
meinen Leben oft trügen, so führe ich an, dass das Pa- 
nax wie Pfeffer schmeckt, noch mehr aber das Siliquas- 
trum, welches daher auch den Namen Pfefferkraut 3) 
bekommen hat; die Libanotis*) wie Weihrauch, das 
Smyrnium'') wie Myrrhe riecht. Von dem Panax habe 
ich schon ausführlich gehandelt 6). Die Libanotis wird an 
faulige, magere und thauige Plätze gesäet; ihre Wurzel 
gleicht der des Olusatrum, und riecht ganz so wie Weih- 
rauch. Ein Jahr alt ist sie ein vortreffliches Magenmittel. 
Einige nennen sie Rosmarinus^). Das Smyrnium wird an 
denselben Plätzen gebauet; seine Wurzel schmeckt wie 
Myrrhe. Ebenso bauet man das Pfefferkraut. Die übrigen 
sind im Geruch und Geschmack von andern verschieden, 
wie der Dill, und Unterschied und Kraft oft so gross, dass 
nicht allein das Eine durch das Andere verändert, sondern 
sogar gänzlich aufgehoben wird. Durch Petersilie benehmen 
die Köche dem Gemüse die Säure, und die Kellermeister 
durch die in Säcke gebundene Petersilie dem Weine den 
üblen Geruch. 

Bis jetzt haben wir von den Gartenkräutern nur in 
Hinsicht ihres Gebrauchs als Nahrungsmittel geredet. Es 



•) Centaureum, Erythraea Centaurium Pars. 

^) Dieses Salz ist Kleesäure. ^) Piperitis. Capsicum longum Dec. 

*) Cachrys Libanotis L. *) Smj'rnium perfoliatum L. 

6) Im XII. B. 57. Cap. 

'') Allerdings wurde mit dem Namen Libanotis auch der Rosma- 
rin bezeichnet, allein hier scheint Plinius die Cachrys Libanotis im 
Auge gehabt zu haben. 



478 Neunzehntes Buch. 

bleibt uns, nachdem wir auch ihres Vorkommens und 
einiger allgemeiner Beziehungen gedacht, nun noch das 
Wichtigste, was ihnen die Natur verlieh, anzuführen übrig. 
Die wahre Natur eines jeden Gewächses kann aber nur 
aus seiner medizinischen Wirkung erkannt werden, und 
hierin liegt ein grosses Werk der Gottheit, dem an Er- 
habenheit keines gleichkommt, verborgen. Aus guten 
Gründen haben wir unterlassen, diese Materie bei der Be- 
schreibung jeder einzelnen Pflanze hinzuzufügen, denn Manche 
wünschen bloss die Arzneikräfte kennen zu lernen; und 
hätten wir beides zusammen abgehandelt, so würden beide 
Theile lange aufgehalten worden sein. So aber ist Eins 
von dem Andern gesondert, und die es wünschen, können 
ja beides mit einander vereinigen. 



DIE 

NATURGESCHICHTE 



DES 



CAJÜS PLINIÜS SECUNDÜS. 



INS DEUTSCHE ÜBERSETZT 
UND MIT ANMERKUNGEN VERSEHEN 



Prof. Dr. G. C. WITTSTEIN 

in München. 



VIEKTEK BAND; 

(XX-XXVII. Buch) 

Arzneimittel von den Pflanzen. 






LEIPZIG. 



Druck und Verlag von Gressner & Schramm. 
1881. 



Zwanzigstes Buch. 



Arzneimittel von den Gartengewächsen. 



Jetzt wollen wir zu dem wichtigsten Werke der Natur 
libergehen, die für den Menschen bestimmten Speisen auf- 
zählen und ihn zu dem Geständniss zwingen, er kenne das 
nicht, wovon er lebt. Niemand lasse sich durch die Ge- 
ringfügigkeit der Namen verleiten, diese Materie für klein 
und mittelmässig zu halten. Wir werden dabei vom Frieden 
und Kriege der Natur, vom Hasse und Freundschaft der 
fühllosen und der Sinne ermangelnden Geschöpfe reden, 
und müssen es um so mehr bewundern, dass alles diess um 
der Menschen willen existirt. Dieses Verhältniss, wodurch 
alles besteht, Wasser das Feuer auslöscht, die Sonne das 
Wasser verzehrt, der Mond dasselbe erzeugt, das eine Ge- 
stirn durch die Gewalt des andern verfinstert wird, haben die 
Griechen Sympathie und Antipathie genannt. Und um uns von 
erhabenem Gegenständen zu niedrigem zu wenden, so be- 
denke man, dass ein Magnet das Eisen anzieht, der andere 
es abstösst, dass der Diamant, die Freude der Reichen, 
durch keine mechanische Gewalt gebrochen und besiegt 
wird, aber in Bocksblute zerspringt und dergleichen ähn- 
liche und noch grössere Wunder mehr, von denen wir ge- 
hörigen Ortes ausführlicher sprechen wollen. Nur verzeihe 
man mir, wenn ich mit den kleinsten, aber heilsamsten, 
nämlich den Gartengewächsen beginne. 

Wittstein: Plinius. IV. Bd. 1 



2 Zwanzigstes Buch, 

2. 

Ich habe bereits gesagt i), dass die wilde Gurke ^)' 
viel kleiner als die angebauete ist. Aus ihrem Samen be- 
reitet man durch Auspressen ein Arzneimittel, welches E 1 a - 
terium genannt wird. Wenn man sie zu diesem Behufe 
nicht zeitig genug aufschneidet, so wird der Same (und 
Saft) herausgeschleudert, und wenn er ins Gesicht spritzt, den 
Augen leicht gefährlich. Nachdem sie abgepflückt worden, 
lässt man sie eine Nacht über liegen, und ritzt sie am fol- 
genden Tage mit einem Rohre auf. Der Same wird auch, 
um den zu reichlichen Abfluss des Saftes zu verhindern, 
mit Asche bestreuet; man presst aus, fängt den Saft in 
Regenwasser auf, lässt absetzen, darauf an der Sonne ver- 
dunsten, und formt aus der verdickten Masse Kügel- 
chen, die eine ausgedehnte Anwendung im menschlichen 
Leben haben. Man heilt damit die Trübheit und an- 
dere Fehler der Augen und die Geschwüre der Wangen. 
Wenn die Wurzeln der Weinstöcke mit diesem Safte be- 
strichen werden, sollen die Vögel die Trauben nicht ab- 
fressen. Die Wurzel (der Eselsgurke) wird, mit Essig ge- 
kocht, gegen das Podagra aufgelegt und der Saft dient 
gegen Zahnschmerzen. Trocken mit Harz vermengt heilt 
sie die Räude und Krätze, welche man Aussatz und Flechte 
nennt, ferner Ohren- und andere Geschwüre, und giebt den 
Narben die (natürliche) Farbe wieder. Der Saft der Blätter 
wird bei Taubheit, mit Essig vermischt, in die Ohren ge- 
tröpfelt. 

3. 

Das Elaterium ist im Herbste zum Einsammeln reif, 
und hält sich unter allen Arzneimitteln am längsten. Man 
wendet es erst nach 3 Jahren an; soll es früher gebraucht 
werden, so müssen die Kügelchen in einem neuen irdenen 
Geschirre über gelindem Feuer mit Essig gemildert werden. 



') S. XIX. B. 23. Cap. 

2) Cucumis sylvestris. Momordica Elaterium L. Eselskürbiss, Spring- 
gurke. 



Zwanzigstes Buch. 3 

Je älter, um so besser ist es, und nach Theophrastus hat 
es schon 200 Jahre altes gegeben. Noch bis zum 50. Jahre 
löscht es das Licht der Lampen aus. Das echte zeichnet sich 
dadurch aus, dass es der Flamme genähert, dieselbe vor dem 
Auslöschen auf- und abwärts funkeln macht. Das blasse, glatte 
und gelinde bittere ist besser als das grasgrüne und rauhe 
(körnige). Der Same soll, wenn er die Erde nicht berührt 
hat, an den Leib gebunden das Empfangen befördern, das 
Gebären aber, wenn er einer Frau, ohne dass sie es wisse, 
in Widderwolle auf die Lenden gebunden, jedoch gleich 
nach der Geburt aus dem Hause geschafft würde. Die Ver- 
ehrer dieses Gewächses sagen, das beste wachse in Arabien, 
demnächst in Arcadien, nach Andern in Cyrene, sei der 
Sonnenwende ähnlich, und die Wallnuss- grossen Früchte 
ständön zwischen den Blättern und Zweigen, die Samen 
aber hätten einen Scorpionschwanz ähnlich gekrümmten, 
weissen Schweif. Daher nennen Einige diese Pflanze Scor- 
pionsgurke, und rühmen den Samen sowie den Saft als ein 
kräftiges Mittel gegen die Stiche der Scorpione und zur 
Reinigung des Uterus und des Unterleibes. Die Gabe steigt 
je nach der Constitution von ^2 bis zu 1 Obolus; eine 
grössere Dosis wirkt tödtlich. Man bereitet auch daraus 
einen Trank gegen die Läuse- und Wassersucht. Mit Honig 
und altem Oele vermischt aufgestrichen ist es heilsam für 
Bräune und Fehler der Luftröhre. 

4. 
Viele sind der Meinung, die Eselsgurke sei dasselbe, 
was bei uns Schlangengurke, von Andern wilde ^) heisst. 
Was mit dem Absude derselben besprengt wird, rühren die 
Mäuse nicht an. Werden die Glieder der Podagristen mit 
dem Essigabsude bestrichen, so erfolgt baldige Heilung; 
gegen Lendenschmerz gebraucht man den Samen, welcher 
an der Sonne getrocknet, zerrieben und zu 30 Denaren 
schwer in 1 Hemina Wasser gereicht wird. Mit Frauen- 
milch vermischt aufgelegt heilt er plötzlich entstehende 

•) erraticus. 



4 Zwanzigstes Buch. 

Geschwüre. Das Elaterium reinigt die Frauen, aber bei 
schwängern bewirkt es unzeitige Geburt; auf Engbrüstige 
wirkt es wohlthätig, und wider die Gelbsucht steckt man 
es in die Nase. An der Sonne aufgestricheu vertreibt es 
Flecken und Maale aus dem Gesichte. 

5. 
Viele schreiben alle diese Wirkungen der Garten- 
gurke zu, denn auch diese enthält wirksame Theile. 
Ihr Same wirkt gegen den Husten, wenn man so viel 
davon, als 3 Finger fassen können, mit Kosskümmel zu- 
sammenreibt und mit Wein vermischt trinkt; feruer für 
Wahnwitzige mit Frauenmilch genommen, und bei Dysen- 
terie ein Acetabulum voll, für Eiteraiiswerfende mit gleich 
viel Rosskümmel, bei Leberkrankheiten mit Honigwasser. 
Mit süssem Weine vermischt genommen treibt er den Harn 
aus, und bei Kierenschmerzen wird er zugleich mit Ross- 
kümmel zu Klystiereu verwendet. 

6. 
Die sogenannten Peponen kühlen verspeist sehr stark 
und machen weiche Stuhlgänge. Ihr Fleisch legt man auf 
fliessende und schmerzende Augen. Die Wurzel heilt die 
nach Art der Bienenwaben zusammengewachsenen, und 
davon sogenannten Wacbsgeschwüre. Sie erregen Er- 
brechen; die Dosis der getrockneten und fein gepulverten 
ist 4 Oboli, welche von dem Patienten, der hernach 500 
Schritte gehen muss, in Honig wasser genommen werden. 
Dieses Pulver wird auch zu Seifen gemischt. Auch die 
Schaale bewirkt Erbrechen, und reinigt das Gesicht, was 
aber ebenfalls durch Auflegen der Blätter einer jeden 
Gartengurke erreicht wird. Diese Blätter heilen mit Honig 
die Nachtblattern i), mit Wein den Biss der Hunde und 
Tausendfüsse, eines länglichen, rauhfüssigen, dem Hornvieh 
besonders schädlichen Thieres, welches die Griechen Sepa 
nennen. Die Folge seines Bisses ist eine Anschwellung 
und Faulung der Stelle. Der Geruch der Gurken vertreibt 



*) epinyctides, die des Nachts aufzubrechen pflegen. 



Zwanzigstes Buch. 5 

die Ohnmacht. Wenn sie, zuvor geschält, mit Oel und 
Honig gekocht werden, schmecken sie weit angenehmer. 

7. 

Man findet auch wilde Kürbisse, bei den Griechen 
Spongos genannt, weicheleer sind (wovon sie diesen Namen i) 
führen), die Dicke eines Fingers haben und auf steinigem 
Boden wachsen. Der durch Kauen derselben entwickelte 
Saft stärkt den Magen. 

8. 

Eine andere Art heisst Coloquinte^), ist voll Samen, 
aber kleiner als die Gartengurke. Die blasse eignet sich 
zur medicinischen Anwendung am besten; die grüne führt 
getrocknet schon für sich genommen ab. Ihr Aufguss dient 
zu Klystieren, heilt alle Uebel der Eingeweide, Nieren, 
Lenden und die Gicht; man wirft zu diesem Behuf die 
Samen heraus und kocht das Mark mit Honigwasser zur 
Hälfte ein, am besten jedesmal ein Gewicht von 4 Obolen. 
Die trockne Frucht gepulvert und mit eingekochtem Honig 
in Pillenform genommen, stärkt den Magen. In der Gelb- 
sucht erweisen sich die Samen, mit Honigwasser genommen, 
wohlthätig. Das Fleisch derselben mit Wermuth und Salz 
angewendet vertreibt das Zahnweh. Der mit Essig erhitzte 
Saft befestigt die losen Zähne. Mit Oel eingerieben lindert 
sie die Schmerzen der Lenden, Hüfte und des Rückgrats, 
und merkwürdigerweise sollen die Samen, in gerader Zahl 
angebunden, dasjenige Fieber heilen, welches die Griechen 
das wechselnde nennen. Der Saft der abgeschälten Garten- 
gurke heilt erwärmt die Ohren; das von den Sameu befreite 
Fleisch die Hühueraugeu und die von den Griechen Aposte- 
mata genannten Geschwüre. Der Absud der ganzen Frucht 
aber befestigt die wackelnden Zähne und lindert die Zahn- 
schmerzen, damit siedend gemachter Wein heilt entzündete 
Augen. Die Blätter mit frischem Cypressenlaub gestossen 



') Nämlich spongos, anoyyoq, Schwamm. Der Ausdruck leer 
(inanis) soll wohl kernlos bedeuten.' 

2) Colocynthis. Cucumis Colocynthis L. 



g Zwanzigstes Bucli. 

und aufgelegt, oder sie selbst in einem irdenen Geschirr 
gebrannt und mit Gänzefett vermischt, heilen Wunden. Mit 
den abgeschälten Rindenstücken kühlt man die erst jüngst 
vom Podogra befallenen Theile und Kopfschmerzen, beson- 
ders bei Kindern, und durch Auflegen der Abschnitzel oder 
der Samen die Rose. Der Saft von den Abschnitzeln kühlt, 
mit Rosenwasser und Essig aufgestrichen, die Fieberhitze. 
Die Asche getrockneter Gurken heilt auf Brandstellen ge- 
legt wunderbar. Der Arzt Chrysippus i) will sie nicht 
verspeist wissen; man hält sie aber allgemein zuträglich 
für den Magen und für Vereiterungen der Innern Theile, 
besonders der Blase. 

9. 

Auch die weisse Rübe hat medicinische Kräfte. Heiss 
aufgelegt heilt sie die Frostbeulen, und treibt die Kälte 
aus den Füssen, der heisse Absud derselben das kalte 
Podagra, und roh mit Salz gestossen alle Fussübel. Der 
aufgelegte oder in Wein getrunkene Same soll gegen 
Schlangen und Gifte heilsam sein, und viele halten ihn, mit 
Wein und Oel genommen, für ein kräftiges Gegengift. 
Democritus hat die Rüben, wegen ihrer Eigenschaft 
Blähungen zu erzeugen, von den Speisen gänzlich ausge- 
schlossen. Diocles 2) dagegen preist sie ausnehmend, 
und sagt , sie reizten auch zum Beischlaf; Dyonysius ^) 
stimmt darin bei, die Wirkung werde aber durch Würzen 
mit Eruca noch verstärkt. Mit Schmalz gebraten heben 
sie die Gliederschmerzen. 

10. 

Die wilde Rübe*) wächst hauptsächlich auf Aeckern, 
ist staudig und hat weisse Samen, welche doppelt so gross 
als die des Mohns sind. Des Samens bedient man sich, in 



') Aus Knidos, um die Mitte des 4. Jahrh. v. Chr., verwarf Ader- 
lassen und Purgiren, maass dagegen dem Kohle grosse Heilkräfte bei, 

2) Aus Karystos, lebte nicht lange nach Hippocrates. 

3) Dieser Arzt ist nicht näher bekannt. 

*) Rapum sylvestre. Wahrscheinlich Sinapis arvsnsis L. 



Zwanzigstes Buch. 7 

Verbindung mit gleichen Theilen Erven-, Gersten-, Weizen - 
und Bohnenmebl, um die Haut im Gesichte und am übrigen 
Körper glatt und zart zu machen. Die Wurzel lässt sich 
zu nichts gebrauchen. 

11. 

Die Griechen unterscheiden auch in medicinischer Be- 
ziehung 2 Arten Steckrüben. Eine, mit eckigen Blatt- 
stielen heisst Bunioni), dient abgesotten zur Keinigung 
der Frauen, der Blase und des Harns, und wird mit Honig- 
wasser oder als Saft zu 1 Drachma genommen; den Samen 
giebt man geröstet und in warmem Wasser zerrieben zu 
4 Bechern in der Ruhr; wird aber nicht zugleich Leinsamen 
mit eingenommen, so erfolgt Harnstrenge. Die andere Art 
beisst Bunias, gleicht dem Rettig und der Rübe, und ent- 
hält in ihrem Samen ein ausgezeichnetes Gegengift, welches 
auch zu diesem Behufe angewendet wird. 

12. 

Wir haben gesagt, es gäbe auch wilden Rettig; er 
wächst zwar in mehrern Gegenden, doch findet sich in Ar- 
kadien der beste, der namentlich sehr harntreibend ist. 
Uebrigens wird in Italien der Sommerrettig oder soge- 
nannte Meer rettig gebraucht. 

13. 

Ausser dem, was wir bereits vom Gartenrettig er- 
wähnt haben, reinigt derselbe den Magen, verflüssigt den 
Schleim, reizt zum Harnen, und führt die Galle ab. Ferner 
dient ein weiniger Absud der Schalen, früh Morgens zu 3 
Bechern getrunken, zur Zerkleinerung und Austreibung der 
Harnsteine. Gegen Schlangenbisse werden die Schalen in 
saurem Weine gekocht aufgelegt. Der Rettig lindert auch, 
des Morgens früh nüchtern mit Honig genommen, den 
Husten, sein Same geröstet und gekauet das Bauchgrimmen, 
der wässrige Absud der Blätter oder ihr Saft, zu 2 Bechern 
genommen, bekommt den Schwindsichtigen gut, zer- 
stossen aufgelegt heilen sie Geschwulste 2), die Schale 

*) ßunium pumilum Sm.? 
2) Phlegmone. 



Q Zwanzigstes Buch. 

aber mit Honig übergeschlagen vertreibt blaue Flecken.- 
Schlafsücbtige müssen die schärfsten, und Engbrüstige den 
gerösteten und mit Honig vermischten Samen kauen. Sie 
erweisen sich auch als Gegengifte wirksam. Den Horn- 
schlangen und Scorpionen ist der Rettig zuwider, ja wenn 
man mit dessen Safte die Hände bestreicht oder die Samen 
darin hält, so kann man diese Thiere ohne Gefahr an- 
greifen, und die Scorpionen sterben, wenn man Rettig auf 
sie legt. Nach Nicanders *) Angabe ist er auch heilsam 
gegen giftige Pilze und Bilsenkraut. Ferner rathen die 
beiden ApoUodori 2), ihn gegen das Viscum zu geben, 
nämlich der Citier den mit Wasser zerriebenen Samen, 
der Tarentiner den Saft. Rettig vermindert die Milz, heilt 
Leber und Lendenschmerzen, mit Essig genommen Wasser- 
sucht und mit Senf Schlafsucht. Praxagoras ^) empfiehlt 
ihn den Darmgichtigen, Plistonikus ^) den an Verstopfung 
Leidenden. Mit Honig gegessen heilt er die Geschwüre 
der Eingeweide und die Eiterblasen des Netzes. Einige 
empfehlen, sie zu diesem Behufe mit Lehm bestrichen zu 
kochen, und so zubereitet dienten sie auch als Reinigungs- 
mittel der Frauen. Mit Essig und Honig genommen treiben 
sie die Eingeweide-Würmer ab. Wein, welcher bis zu * 3 
damit eingekocht ist, getrunken heilt den Darmbruch, ver- 
treibt auch das unnütze Blut. Medius ^) verordnet sie 
gekocht zu diesem Behufe, sowie denen, welche Blut spucken, 
und zur Vermehrung der Milch der Wöchnerinnen. Nach 
Hippocrates soll man die kahlen Stellen des Kopfes bei 
den Weibern mit Rettig einreiben, und ihn gegen die 
Schmerzen der Scheide über den Nabel schlagen. Auch 



*) Aus Colopbon, um 160 v. Chr., Arzt nnd Sprachlehrer. 

^) Aerzte, der Eine aus Citium, der Andere aus Tarent, beide 
übrigens nicht näher bekannt. 

3) Aus Kos, im 4. Jahrh. v. Chr. Asclepiade, Lehrer des Hero- 
philus, Entdecker des Unterschieds der Schlag- und Venenadern,, 
wovon er erstere für luftführend hielt und Arterien nannte. 

'') Ein nicht näher bekannter Arzt. 

^) Ein gleichfalls unbekannter Arzt. 



Zwanzigstes Buch. 9 

erhalten Narben dadurch die (natürliche) Farbe wieder. 
Der mit Wasser übergeschlagene Same hemmt die weitere 
Ausbreitung der sogenannten um sich fressenden Geschwüre. 
Democritus giebt an, der Rettig reize zum Beischlafe; 
und ■vielleicht auf diess gestützt haben Einige gesagt, er 
schade der Stimme. Die Blätter, wenigstens die, welche 
auf den länglichen Pflanzen wachsen, sollen die Sehkraft 
schärfen. Wenn bei der mediciniscben Anwendung des 
Rettigs, derselbe zu heftig wirken sollte, so müsste man 
gleich darauf Hyssopus^) geben, denn beide widerstreben 
einander. Bei Schwerhörigkeit tröpfelt man Rettigsaft in 
die Ohren. Diejenigen, welche sieb erbrechen wollen, machen 
den Rettig am zweckmässigsten zur letzten Speise. 

14. 
Der dem Pastinak ähnliche Eibisch 2), welchen Einige 
wilde Malache, Andere Plistolochia nennen, heilt Kuor- 
pelgeschwüre und Knochenbrüche. Der aus den Blättern 
bereitete wässrige Trank macht Oeffnung und vertreibt 
die Würmer. Aufgelegt heilen sie die Stiche der Bienen, 
Wespen und Hornisse. Die vor Sonnenaufgang ausge- 
grabene Wurzel wickelt man in rohe Wolle von einem 
Schafe, welches ein Weibchen geworfen hat, und bindet 
sie auf Kröpfe und eiternde Geschwüre. Einige sagen, man 
müsste sie zu diesem Behufe mit einem goldnen Gerätbe 
ausgraben, und verhüten, dass sie die Erde berühre. Celsus 
lässt die Wurzel mit Wein kochen und gegen Podagra, 
welches nicht mit Geschwulst verbunden ist, auflegen. 

15. 
Die andere Art heisst Staphylinos oder wilder 
Pastinak. Dessen Same heilt, gestossen und mit Wein 
getrunken, den geschwollenen Leib und die Mutterbe- 
schwerden der Weiber und lindert die Schmerzen so sehr, 
dass er die Scheide wieder in Ordnung bringt, auch mit 
Rosinenwein aufgelegt ihrem Leibe woblthut; Männern aber 



') Nach Sprengel nicht unser Isop, sondern Origanum smyrnae- 
um L. •■') Hibiscum S. XIX. B. 27. Cap. 



JO Zwanzigstes Buch. 

dient er mit gleichen Theilen Brot zusammengerieben und 
mit Wein getrunken, gegen Leibweh. Er treibt auch den 
Urin, und hemmt, frisch mit Honig aufgelegt oder trocken 
iüit Mehl eingestreuet, das Umsichfressen der Geschwüre. 
Dieuches i) empfiehlt die Wurzel mit Honigwasser gegen 
die Leiden der Leber, Milz, Gedärme, Lenden und Nieren 
zvi nehmen, Cleophantus 2) auch bei veralteten Kuhren. 
Philistion 3) lässt die Wurzel in Milch kochen und zu 4 
Unzen gegen Harnstrenge geben, in Wasser gegen Wasser- 
sucht, Opisthotonie *), Seitenstechen und Epilepsie. Wer 
sie bei sich trägt, soll von Schlangen nicht gebissen, wer 
vorher davon gegessen hat, nicht verletzt werden. Auf ge- 
schlagene Theile legt man sie mit Fett; die Blätter werden 
gegen Unverdaulichkeit gekauet. Orpheus sagt, dieser 
Pastinak enthalte ein Liebesmitttel, vielleicht weil sein 
Genuss zum Beischlaf reizt, und daher geben Einige an, 
■er befördere das Empfangen. Uebrigens hat auch der 
Oartenpastinak Kräfte, jedoch ist der wilde, namentlich 
der auf felsigem Boden wachsende, wirksamer. Der Same 
Jes gebaueten erweist sich, mit Wein oder saurem Wein 
genommen, auch heilsam gegen den Biss der Schlangen. 
Wenn man mit der Wurzel an den Zähnen herum kratzt, 
hören sie auf zu schmerzen. 

16. 
In Syrien wird der Gartenbau am emsigsten betrieben, 
<iaher hat man in Griechenland das Sprichwort: Die vielen 
Küchenkräuter der Syrier. Man bauet daselbst ein dem 
Staphylinos sehr ähnliches Kraut, welches Einige Gingi- 
4ion5) nennen; es ist nur zarter und bitterer, besitzt aber 
-sonst dieselbe Wirkung. Man isst dasselbe gekocht und roh 
als Magenmittel; auch trocknet es alle (überflüssige) Feuch- 
tigkeit dieses Organs aus dem Grunde. 



*) Ein nicht näher bekannter Arzt. 
■*) Desgleichen. ^) Desgleichen. 

*) Opisthotonus, von oniqd^ev hinten und xovoo) spannen, eine 
Krankheit, wo der Kopf krampfhaft nach hinten gebogen wird. 
^) Gingidion. Daucus Gingidium L. 



Zwanzigstes Buch. H 

17. 

Der wilde Siser ist dem zahmen auch in der Wirkung 
ähnlich; mit Essig aus Laserpitium oder mit Pfefifer und 
Meth oder mit Fischbrühe genommen, reizt er den Magen 
und benimmt die Appetitlosigkeit. Er wirkt auf den Harn 
und den Geschlechtstrieb, wie Opion behauptet, und Dio- 
cles beipflichtet. Auch soll er bei Wiedergenesenden das 
Herz stärken, so wie nach häufigem Erbrechen wohlthätig 
wirken. Heraklides ^) hat ihn gegen das Quecksilber, 
gegen die Stockung des Geschlechtstriebes und für Recon- 
valescenten verwendet. Hicesius 2) hält diess Gewächs 
deshalb für ein Magenmittel, weil Niemand 3 Stück hinter- 
einander essen könne, doch bekomme es den Genesenden, 
welche wieder anfingen Wein zu trinken, gut. Der Same 
des zahmen hemmt, mit Ziegenmilch getrunken, den Durchfall. 

18. 

Da die Aehnlichkeit der griechischen Namen die Meisten 
irre macht, so wollen wir auch vomSili^), einer allgemein 
bekannten Pflanze reden. Das beste kommt von Marseille, 
und hat breite und fahlgelbe Samen; dann folgt das äthio- 
pische, welches schwärzer ist, das cretische aber riecht 
am stärksten. Die Wurzel besitzt einen angenehmen Ge- 
ruch. Den Samen sollen die Geier gern fressen; er leistet 
wohlthätige Dienste bei langwierigem Husten, wenn man 
ihn zerkleinert mit weissem Weine trinkt, ferner zu 2 bis 
3 Löffeln voll gegen Opisthotonie, Leberleiden, Leibweh 
und Harnstrenge. Die Blätter werden zur Erleichterung 
des Gebarens, selbst bei vierfüssigen Thieren angewandt, 
und Hirschkühe, welche werfen wollen, sollen davon fressen. 
Bei der Rose schlägt man dieselben über, und am Ende der 
Mahlzeit isst man die Blätter oder den Samen zur Beför- 
derung der Verdauung. Der Same stillt auch den Durch- 
fall bei den Säugethieren, wenn man ihn gestossen in den 



1) Aus Kos, Arzt, Vater des Hippocrates. 

'^) Ein nicht näher bekannter Arzt. 

3) Auch Seseli genannt, ist Tordylium officinale L. 



12 Zwanzigstes Buch. 

Trank thut, oder mit Salz unter das Futter mengt. Dem 
kranken Rindvieh wird er gepulvert eingegeben. 

19. 

Der Alant 1) befestigt, nüchtern gekauet, die Zähne, 
wenn er beim Ausgraben die Erde nicht berührt hat, und 
stillt eingemacht den Husten. Mit dem Absude der Wurzel 
vertreibt man die Motten; an der Sonne getrocknet und 
gestossen wird sie gegen Husten, Verzückungen, Blähungen 
und Luftröhrenleiden gebraucht. Ferner heilt er die Bisse 
giftiger Thiere. Die Blätter werden in Wein geweicht und 
bei Lendenschmerzen aufgelegt. 

20. 

Von den Zipollen giebt es keine wilde. Die ange- 
baueten heilen schon durch ihren Geruch und ihr Reizen 
zu Thränen die Schwäche der Augen, noch mehr aber, wenn, 
man ihren Saft aufstreicht. Sie sollen auch Schlaferregen, 
mit Brot genossen Mundgeschwüre heilen, sowie gegen 
Hundsbiss gut sein, wenn sie grün mit Essig oder trocken 
mit Honig oder Wein aufgelegt und erst nach drei Tagen 
wieder weggenommen werden, in welchem Zeiträume die 
Wirkung schon erfolgt. Denselben Zweck erreicht man 
durch Aufreiben derselben. Viele braten sie in Asche und 
legen sie mit Gerstenmehl bei Augenflüssen und bei Ge- 
schwüren der Schaamtheile auf. Den Saft streicht man auf 
Wunden, weisse Flecke und Geschwüre in den Augen, mit 
Honig vermischt auf Schlangenbisse und sonstige Wunden, 
mit Frauenmilch auf Ohrengeschwüre, und bei Sausen in 
den Ohren und Schwerhörigkeit tröpfelt man ihn mit Gänse- 
schmalz oder Honig ein. Hat Jemand plötzlich die Sprache 
verloren, so lässt man ihn mit Wasser trinken. Bei Zahn- 
weh tröpfelt man ihn ein, um den Zahn zu reinigen, des- 
gleichen in die durch den Stich von Thieren, besonders 
der Scorpione, entstandene Wunden. Mit zerquetschten 
Zwiebeln reibt man Glatzen und Flechten ein. Abgesotten 



Inula. S. XIX. B. 29. Cap. 



Zwanzigstes Buch. 13 

giebt man sie gegen Ruhr und Lendenschmerzen. Die Ab- 
schnitzel 1) werden zu Asche verbrannt und mit Essig gegen 
Schlangenbiss, die Zwiebeln selbst aber ebenso gegen As- 
selnbiss aufgelegt. Uebrigens sind die Meinungen der Aerzte 
über diess Gewächs sehr getheilt. Die neuern sagen, 
es tauge nicht für Brust und Verdauung, verursache 
Blähungen und Durst. Nach der Lehre der Asklepiadischen 
Schule giebt der Genuss der Zwiebeln eine gesunde Farbe, 
und wenn man sie täglich nüchtern esse, sei man sicher 
vor Krankheiten, auch wirkten sie durch das Aufstossen 
wohlthätig auf den Magen, erweichten den Leib, vertrieben 
als Zäpfchen applicirt die Hämorrhoiden; der Saft mit 
Fenchelsaft gegeben thue wunderbare Wirkung bei anfan- 
gender Wassersucht, sowie mit Raute und Honig wider die 
Bräune, und Schlafsüchtige werden dadurch ermuntert. 
Varro sagt, Zwiebeln, welche mit Salz und Essig ange- 
stossen und getrocknet würden, frässen die Würmer nicht an. 

21. 
Das Schnittlauch stillt das Nasenbluten, wenn man 
es zerreibt und die Nasenlöcher damit verstopft, oder mit 
Gallapfel oder Minze vermischt, ferner die Blutflüsse nach 
unzeitigen Geburten, wenn der Saft desselben mit Frauen- 
milch getrunken wird. Auch gebraucht man es gegen 
langwierigen Husten, Brust- und Lungenübel. Durch Auf- 
legen der Blätter werden Brandschäden und die sogenannten 
Epinyctiden oder Syce, ein Geschwür, welches in den Augen- 
winkeln entsteht und beständig läuft, geheilt; mit letztern 
Namen belegen auch Einige gewisse bleifarbige Blattern, 
die des Nachts so beschwerlich fallen. Ferner heilt der 
Schnittlauch, mit Honig zerrieben, noch andere Geschwüre, 
mit Essig die Bisse wilder Thiere und Schlangen; mit 
Ziegengalle oder gleichviel Honigmeth die Ohrenübel, mit 
Frauenmilch das Brausen in den Ohren, in die Nasenlöcher 
gebracht das Kopfweh, und den Schlafsüchtigen giesst man 
ein Gemisch von 2 Löffel voll Lauchsaft und 1 Löffel 



*) i)urgainenta, der Ausschuss. 



;j^^ Zwanzigstes Buch. 

voll Honig in die Ohren. Den Saft trinkt man bei Schlangen- 
und Scorpionsbissen mit lauterm Weine, und bei Lenden- 
schmerzen mit einer Hemina gewöhnlichem Wein. Gegen 
Blutspeien, Schwindsucht und langwierigen Schnupfen hilft 
der Saft oder der Genuss des Lauches selbst; desgleichen 
gegen Gelbsucht, Wassersucht, Nierenschmerzen, 1 Ace- 
tabulum voll mit Gerstentrank. Ein gleiches Quantum mit 
Honig genommen reinigt die weibliche Schaam. Man isst 
es gegen giftige Pilse und legt es auf Wunden. Es reizt 
zum Beischlaf, stillt den Durst und vertreibt die Trunken- 
heit, soll aber die Augen schwächen und Blähungen er- 
regen, welche jedoch dem Magen nicht schaden und den 
Leib erregen. Die Stimme macht es hell. 

22. 

Das Kopflauch 1) wirkt in allen jenen Fällen noch 
kräftiger. Der Saft desselben wird mit gestossenen Gall- 
äpfeln, Weihrauch oder Acaciensaft^) gegen Blutspeien ge- 
geben. Hippocrates lässt ihn unverraischt nehmen, und 
glaubt, er öffne die zusammengezogene Gebärmutter und 
vermehre die Fruchtbarkeit der Weiber. Mit Honig zu- 
sammengerieben reinigt es die Geschwüre. Husten, Brust- 
catarrh, Leiden der Lunge und Luftröhre heilt es mit 
Gerstengraupen im Tranke oder roh ohne die Köpfe, einen 
um den andern Tag, auch wenn Eiter ausgeworfen wird, 
genommen. Die Stimme, den Geschlechtstrieb und Schlaf 
befördert es ebenfalls. Die Köpfe, zweimal in gewechseltem 
Wasser gekocht, hemmen langwierige Durchfälle. Die ab- 
gekochte und aufgelegte Rinde färbt graue Haare (schwarz). 

23. 

Der Knoblauch besitzt bedeutende Kräfte, und er- 
weist sich sehr heilsam gegen den Wechsel des Wassers 
und der Wohnorte. Sein Geruch vertreibt Schlangen und 
Scorpionen, und wie Einige angeben, hilft er, verspeist, 
im Tranke oder aufgelegt wider den Biss jedes wilden 



•) Allium capitatum. Allium Porrum L. 
2) Gummi arabicum. 



Zwanzigstes Buch. 15^ 

Tbieres. Besonders dient er, mit Wein ausgebrochen, gegen 
Hämorrhoiden. Und damit wir uns nicht darüber wundern, 
dass er den giftigen Biss der Spitzmäuse heilt, so bedenke 
man, dass er das Aconitum, welches auch Pardalianches ^) 
heisst, den Bilsen 2) und den Hundsbiss, in dessen Wunden 
er mit Honig gebracht wird, unschädlich macht. Gegen 
Schlangenbiss kann er zwar mit den Blättern getrunken 
werden, jedoch am wirksamsten zeigt er sich mit Oel über- 
geschlagen, ferner gegen gescheuerte Theile des Körpers, 
wenn sie auch schon in Blasen aufgeschwollen sind. Hip- 
pocrates sagt. Räuchern mit Knoblauch befördere die Nach- 
geburt, und die Asche desselben mit Oel aufgestrichen heile 
laufende Geschwüre vollständig. Engbrüstigen giebt man 
denselben roh zerrieben oder gekocht. Diocles empfiehlt 
ihn den Wassersüchtigen mit Tausendgüldenkraut oder mit 
dem Doppelten Feigen zur Ausleerung des Leibes, und 
diese Wirkung erreicht man noch vollständiger, wenn er 
grün mit Coriander in reinem Weine genommen wird. Einige 
geben ihn in Milch vertheilt den Engbrüstigen. Praxagoras 
mischte ihn auch gegeu Gelbsucht mit Wein, gegen Darm- 
gicht mit Oel und Brei, und äusserlich gegen Kröpfe. Die 
Alten gaben ihn auch roh den Wahnsinnigen; Diocles ge- 
sotten den Verrückten. Wider die Bräune legt man ihn 
zerrieben auf und gurgelt sich damit. Das Zahnweh ver- 
geht, wenn man 3 Köpfe in Essig zerreibt, oder den Mund 
mit Knoblauchabsud ausspühlt und ihn selbst in die hohlen 
Zähne steckt. Den Saft tröpfelt man mit Gänsefett ver- 
mischt in die Ohren; die Knollen mit Essig und NatroR 
vermischt eingenommen heilen Läusesucht und Räude, mit 
Milch oder mit weichem Käse zerrieben die Flüsse, auf 
dieselbe Weise die Heiserkeit, oder mit Bohnen getrunken 
die Schwindsucht. Ueberhaupt ist er gekocht besser als 
roh . und gedämpft besser als gebraten , in welcher 
Form er auch die Stimme verbessert. In Essigmeth ge- 



>) Nicht unser Aconitum, sondern Doronicum Pardalianches L. 
*) Hyoscyamus. 



2^j Zwanzigstes Buch. 

kocht treibt er die Spulilwürmer und alle übrigen Einge- 
weidethiere aus. Er heilt den Stuhlgang in einem Breie 
gegeben, die Sehmerzen der Schläfen gekocht aufgelegt, 
das Roth lauf mit Honig gekocht und zerrieben; den Husten 
mit altem Fette oder Milch gekocht, oder bei Blut- und 
Eiterauswurf unter Kohlen gebraten und mit ebensoviel 
Honig, Verrenkungen und Bauchschäden mit Salz und Oel 
genommen. Mit Schmalz heilt er verdächtige Geschwulste. 
Mit Schwefel und Harz vermischt zieht er das Schädliche 
aus Fistelgeschwüren, und mit Pech die Pfeile heraus. Mit 
Dost allein, oder seine Asche mit Oel und Fischtunke auf- 
gelegt zieht er Krätze, Flechten, Sommerfiecken und die 
Rose aus und heilt sie. Gebrannt und mit Honig vermischt, 
giebt er aufgelaufenen und blauen Stellen ihre vorige Farbe 
wieder. Auch die Epilepsie soll geheilt werden, wenn der 
damit Behaftete Knoblauch isst, oder einen Trank davon 
nimmt, und ein Knollen mit 1 Obolus Laserpitium in herbem 
Wein genommen soll das 4tägige Fieber vertreiben. Husten 
und jegliche Brusteiterung heilt er, wenn man ihn mit 
zerbrochenen Bohnen kocht und diess Gemenge bis zur 
Genesung speiset. Er macht auch Schlaf und verleiht dem 
Körper eine röthere Farbe. Mit grünem Coriander zer- 
rieben und mit lauterm Weine getrunken reizt er zum Bei- 
schlafe. Seine nicht empfehlenden Eigenschaften bestehen 
darin, die Sehkraft zu verringern, Blähungen zu erregen, 
zu reichlich genommen den Magen zu schwächen und Durst 
zu erzeugen. Unter das Futterkorn gemengt heilt er den 
Pips bei den Hühnervögeln. Wenn mau die Zeugungstheile 
des Zugviehes mit zerriebenem Knoblauch bestreicht, so 
soll es den Harn leicht lassen und keine Schmerzen dabei 
haben. 

24. 
Unter den wildwachsenden Arten des Lattichs ist 
diejenige die erste, welche man Ziegenlattich nennt; 
wirft man diesen ins Meer, so sterben die in der Nähe be- 
findlichen Fische augenblicklich. Von dem eingedickten 
Milchsäfte desselben giebt man den Wassersüchtigen 2 



Zwanzigstes Buch. 17 

Obolus schwer in Essig und mit 2 Bechern Wasser ver- 
setzt. Der zerstossenen und mit Salz bestreueten Stengel 
und Blätter bedient man sich zur Heilung zerschnittener 
Nerven. Spühlt man mit denselben in Essig zerriebenen 
Pflanzentheilen zweimal des Monats den Mund früh 
Morgens aus, so bekommt man kein Zahnweh. 

25. 
Eine zweite Art nennen die Griechen Caesapon; sie 
kommt auf Aeckern vor, und ihre Blätter werden zerrieben 
und mit Gerstenbrei auf Geschwüre gelegt. Die dritte, in 
Wäldern wachsende Art heisst Waid^); ihre Blätter ge- 
braucht man, wie die der vorigen zur Heilung von Wunden. 
Die vierte Art wird von den Wollfärbern benutzt 2); ihre 
Blätter sind denen des wilden Ampfers ähnlich, aber zahl- 
reicher vorhanden und schwärzer. Diese Pflanze stillt das 
Blut, heilt um sich fressende und faulige Geschwüre, sowie 
Geschwulste, wenn sie noch nicht eitern. Gegen die Rose 
dienen Wurzel und Blätter, und ein Trank davon lindert 
Milzkrankheiten. Diess sind die Eigenschaften der einzelnen 
Arten. 

26. 

Alle wildwachsenden Arten haben im Allgemeinen ein 
helleres Ansehn, und oft ellenhohe Stengel, welche, gleich 
den Blättern , rauhhaarig sind. Unter diesen heisst die 
mit runden, kurzen Blättern Habichtskraut 3), weil die 
Habichte es aufschlitzen, wenn sie nicht gut sehen können, 
und mit dem Safte die Augen benetzen. Bei allen ist der 
Saft weiss, und besitzt dem Mohne ähnliche Kräfte; er wird 
durch Einschneiden des Stengels gewonnen, in einem neuen 
irdenen Gefässe aufbewahrt, und leistet in vielen Fällen 
vortreffliche Dienste. Mit Frauenmilch vermischt heilt er 
alle Augenübel, Nebelflecken , Narben, alle Arten Entzün- 
dungen und besonders die Dunkelheit der Augen. Auch 



,) Isatis. Isatis sylvestris L. 

2) Diess ist Isatis tinctoria L. 

3) Hieracia. Tragopogon picioicles L. 

Wittstein: Plinius. IV. Bd. 



^Q Zwanzigstes Buch. 

gegen Flüsse im Auge wird er mit Wolle aufgelegt. In 
saurem Wein zu 2 Obolen schwer getrunken reinigt er den 
Leib, mit Wein vermischt heilt er die Schlangenbisse. Auch 
die Blätter und die Bltithenbüschel werden mit Essig zer- 
rieben getrunken; namentlich aber streicht man sie auf 
Wunden, die durch Scorpionbisse entstanden sind, und mit 
Wein und Essig auf Bissstellen von Spitzmäusen. Ferner 
vernichten sie ändere Gifte, mit Ausnahme derjenigen, 
welche durch Ersticken tödten oder welche der Blase 
schädlich sind, sowie des Bleiweisses. Zur Beseitigung der 
Unterleibsbeschwerden legt man sie mit Honig und Essig 
auf den Bauch. Der Saft hebt das schwere Harnen. Cra- 
tevas empfiehlt ihn den Wassersüchtigen zu 2 Obolen 
schwer mit Essig und einem Becher Wein zu geben. Einige 
sammeln auch einen, jedoch minder wirksamen Saft aus 
dem angebaueten Lattich. Die vorzüglichem Kräfte dieser 
Gewächse sind zum Theil schon angeführt, nämlich, dass 
sie Schlaf verursachen, die Lust zum Beischlaf benehmen,, 
die Hitze mildern, den Magen reinigen und das Blut ver- 
mehren; aber noch mehrere sind zu nennen übrig, denn 
sie vertreiben auch die Blähungen und befördern das Auf- 
stossen. Nichts reizt und stillt die Esslust mehr, und zu. 
ein und dem andern gehört ein gewisses Maass. So machen 
sie auch in Menge genossen Oeffnung, weniger davon be- 
wirkt das Gegentheil. Sie zertheilen den zähen Schleim, 
und nach Einigen reinigen sie die Sinne. Gegen verdor- 
benen Mägen zeigen sie sich sehr wirksam; zu diesem Be- 
hufe fügt man einige Obolen scharfe Tunke ^) und etwas 
Süsses zur Milderung hinzu; ist der Schleim sehr dick, 
Meerzwiebeln oder Wermuth-Wein, und wenn man Husten 
verspürt, Hyssop-Wein. Mit wilden Endivien giebt man 
sie bei Verstopfungen und gegen Verhärtungen der Brust. 
Melancholische und an Blasenübeln Leidende bekommen 
meistens die weissen Arten. Praxagoras gab sie auch 
gegen Durchfall. Mit Salz auf frische Brandwunden ge- 

*) Oxypori. 



Zwanzigstes Buch. 19 

legt, bevor Blasen entständen sind, heilen sie. Um sich 
fressende Geschwüre werden aufgehalten, wenn ihre An- 
wendung erst mit Aphronitrum i), und später mit Wein 
geschieht. Auf die Rose legt man sie zerrieben. Die 
Stengel lindern mit Graupen und kaltem Wasser verrieben 
Verrenkungen und Bauchschäden, und mit Graupen und 
Wein den Ausbruch der Blattern. In der Gallensucht gab 
man sie sogar schüssel weise, und hiezu nahm man die, 
welche die grössten Stengel haben und bitter schmecken. 
Einige bereiten einen Aufguss mit Milch. Abgekocht sollen 
diese Stengel dem Magen sehr zuträglich sein, sowie der 
bittere und milchende Sommerlattich, welcher Mohnlattich 2) 
heisst, am meisten Schlaf erregt. Dieser Milchsaft soll, mit 
Frauenmilch früh Morgens auf den Kopf eingerieben, die 
Augen klar machen, auch diejenigen Augenkrankheiten, 
welche durch Erkältung entstanden sind, heilen. Ich finde 
noch verschiedene andere vorzüglichere Eigenschaften der- 
selben angeführt. Brustübel sollen dadurch ebenso wie 
durch das Abrotanum geheilt werden, zu welchem Behufe 
man attischen Honig damit vermischt; Frauen werden da- 
durch gereinigt. Den Samen des Gartenlattichs giebt man 
gegen Scorpionbisse; ferner nimmt man ihn in Wein gegen 
üppige Träume. Denen, welche Lattich essen, soll unge- 
sundes Wasser nicht schädlich sein. Doch sagen Einige, 
der zu häufige Genuss des Lattichs schade den Augen. 

27. 
Die beiden Arten der Beta besitzen auch medicinische 
Kräfte. Die frische, angefeuchtete und an einem Faden 
aufgehängte Wurzel der weissen oder schwarzen Art soll 
gegen Schlangenbisse helfen; die weisse gekocht und mit 
rohem Knoblauch genommen, gegen die Würmer; die 
schwarze gleichfalls gekocht, vertreibt den Grind, und 
überhaupt soll diese am kräftigsten sein. Ihr Saft stillt 
altes Kopfweh, Schwindel, auch das Klingen der Ohren, 



>) Eine salzige Auswitterung an Mauern. 
2) Meconis. 

2* 



20 Zwanzigstes Buch. 

wenn er in dieselben gegossen wird. Er treibt den Urin, 
heilt den Durchfall und die Gelbsucht, aufgestrichen die 
Zahnschmerzen; und, wenn er aus der Wurzel gepresst ist, 
die Schlaugenbisse. Der Absud der Pflanze selbst heilt 
die Frostbeulen. Der Saft der weissen hebt, auf die Stirn 
gestrichen, die Flüsse in den Augen; mit etwas Alaun 
vermischt, die Rose. Auch ohne Zusatz von Oel gerieben, 
heilt sie Brandschäden. Man wendet sie auch gegen den 
Ausbruch der Blattern an, und legt sie gekocht auf fressende 
Geschwüre; im rohen Zustande aber auf kahle Stellen und 
fliessende Geschwüre des Kopfes. Wird der Saft mit Ho- 
nig vermischt in die Nasenlöcher gestrichen, so reinigt er 
das Haupt. Mit Linsen und Essig gekocht dient sie zum 
Erweichen des Leibes. Stärker gekocht hemmt sie die 
Flüsse des Magens und Unterleibes. 

28. 
Es giebt auch eine wilde Bete, welche Einige Limo- 
niumi), Andere Nervenkraut 2) nennen; sie hat viel 
kleinere, dünnere und dichtere Blätter, deren Zahl oft 11 
beträgt, und einen lilienartigen Stengel. Die Blätter, wel- 
che beim Kauen den Mund zusammenziehen, heilen Brand- 
schäden. Der Same hilft zu 1 Acetabulum genommen, 
bei der Ruhr. Mit dem Absude der Wurzel soll man Fle- 
cken in den Kleidern und im Pergament vertilgen können. 

29. 
Auch die Intubi sind nicht ohne arzneiliche Kräfte. 
Ihr Saft lindert mit Rosenessenz und Essig vermischt das 
Kopfweh, mit Wein genommen die Schmerzen der Leber 
und Blase; auch legt man ihn gegen Augenflüsse auf. Den 
wilden nennen bei uns Einige den Wanderer 3). In Ae- 
gypten heisst der wilde Cichorium, der zahme aber Seris *), 
und dieser ist kleiner und aderiger. 

30. 
Die Cichorien) kühlt. Verspeist und aufgelegt, zer- 



*) Limorium: Statice Limonium L. -) Neuroicles. 
3) Ambula. '■) Cichorium Enclivia L. 
5) Cichorium: C. Tntubus L. 



Zwanzigstes Buch. 21 

theilt sie Geschwülste, und ihr abgekochter Saft öffnet den 
Leib. Sie wirkt vortheilhaft auf Leber, Nieren und Magen; 
hebt in Essig gekocht die Schmerzen beim Urinireu, auch 
mit Houigtrank bereitet die Gelbsucht, wenn kein Fieber 
vorhanden ist. Blasenleiden werden dadurch gehoben. In 
Wasser gekocht zeigt sie sich zur Keinigung der Frauen 
so wirksam, dass sie sogar todte Kinder abführt. Die 
Magier sagen, wenn man sich mit dem mit Oel vermisch- 
ten Safte der ganze Pflanze bestriche, so würde man von 
Andern mehr Gunstbezeigungen, und alles, was man wollte, 
erhalten. Wegen ihrer besondern Heilkraft wird sie von 
Einigen die Nützliche ^j, von Andern die Allkräftige^) 
genannt. 

31. 

Die wilde Art mit breitern Blättern nennen Einige 
Hedypnois. Sie stärkt gekocht den schwachen Magen; 
und stopft roh genossen den Durchfall. Sie heilt, besonders 
in Verbindung mit Linsen, die Kuhr. Zerrissene und ver- 
renkte Theile werden von beiden Arten geheilt; auch hilft 
sie denen, w^elche aus Schwäche, in Folge von Krankheit, 
den Samenfluss haben. 

32. 

Der Salat 3) sieht dem Lattich selbst sehr ähnlich 
und hat 2 Arten, von denen die wilde, welche schwarz und 
ein Sommergewächs ist, den Vorzug verdient, während die 
schlechtere Art eine hellere Farbe hat und im Winter ge- 
deihet. Beide Arten sind für die mit Flüssen Behafteten 
vorzügliche Magenmittel. Mit Essig verspeist oder aufge- 
legt kühlen sie, und vertreiben auch andere Flüsse als die 
des Magens. Die Wurzeln der wilden werden mit Graupen 
für den Magen genommen, und gegen Magenübel auf die 
linke Brust gelegt. Alle diese erweisen sich auch den mit 
dem Podagra, Blutspeien, Samenfluss Behafteten, einen um 
den andern Tag getrunken wohlthätig. Petronius Diodo- 



») Chrestos. "■') Pancijation 

3) Seris. 



22 Zwanzigstes Buch. 

tus 1), welcher Blumenlesen geschrieben hat, verwirft den 
Salat gänzlich und führt mehrere nachtheilige Wirkungen 
von ihm an; aber die Ansichten Anderer weichen sehr 
davon ab. 

33. 
Vielseitig sind die Vorzüge des Kohls 2), denn der 
Arzt Chrysippus hat ihm ein eignes, über alle Glieder des 
menschlichen Körpers sich erstreckendes Buch gewidmet, 
und Dieuches, vor allen aber Pythagoras und Cato sind 
seines Ruhmes voll. In die Ansichten des letztern müssen 
wir um so genauer eingehen, damit mau wisse, welcher 
Arznei sich das römische Volk seit 600 Jahren bedient bat. 
Die ältesten Griechen unterschieden 3 Arten; den krausen, 
nach der Aehnlichkeit mit den Blättern des Eppichs der 
eppichartige 3) genannt, welcher dem Magen dienlich ist 
und auf den Unterleib gelinde erweichend wirkt. Die 
zweite heisst Lea^), hat breite aus dem Stengel gehende 
Blätter, weshalb ihn Einige den Stengelkohl ^) nennen, und 
ist in medicinischer Beziehung von keiner Bedeutung. Die 
dritte Art heisst Crambe, hat einfache, zartere und dicht 
stehende Blätter, schmeckt bitterer, ist aber die kräftigste. 
Cato schätzt am meisten den krausen, dann den glatten 
mit grossen Blättern und Stengel. Er rühmt ihn für Kopf- 
weh, Dunkelheit und Blinzeln der Augen, die Milz, den 
Magen und die Brust, zu welchen Zwecken man ihn roh 
mit Essig und Honig, Coriandei-, Raute, Minze und Laser- 
wurzel früh Morgens zu 2 Acetabeln nehmen soll; seine 
Kraft sei so gross, dass schon der, welcher diese Mischung 
bereite, sich dadurch gestärkt fühle. Um so grösser müsse 
die Wirkung sein, wenn die Mischung selbst oder der Kohl 
da hineingetaucht genommen werde. Gegen Podagra und 
Gliederkrankheiteu soll er mit Raute, Coriander, Salz und 
Gerstenmebl aufgelegt werden; und sein Absud den Nerven 



*) Ein unbekannter Arzt. 

^) Brassica oleracea L. und deren Varietäten. ^) selinoidea. 

^) von ?.eioq: glatt. ^) Caulades. 



Zwanzigstes Buch. 23 

und Gelenken sehr zuträglieh sein. Umschläge davon auf 
neue und alte Wunden, selbst auf Krebsschäden gelegt, 
helfen, wenn auch kein anderes Mittel mehr anschlägt, zu 
diesem Behufe aber solle man ihn erst mit warmem Wasser 
anbrühen und dann zerquetscht zweimal des Tags auflegen. 
So heile man auch Fistelschäden, Verrenkungen, Flüsse 
und was sonst zu zertheilen ist. Gekocht und nüchtern 
reichlich mit Gel und Salz gegessen vertreibe er die 
Schlaflosigkeit; und nochmals gekocht, mit Zusatz von Gel, 
Salz und Graupen das Leibweh. Isst man ihn so zubereitet 
ohne Brot, so soll er noch wirksamer sein. Mit schwarzem 
Weine genommen vertreibt er auch die Galle. Den Harn 
Dessen, der Kohl gegessen hat, hebe man auf, denn er ist 
warm gemacht, gut für die ISferven. Der Deutlichkeit 
wegen will ich die eigenen Worte dieses Schriftstellers 
anführen: „Wenn du kleine Knaben in solchem Urin wäschst, 
werden sie nie schwächlich." Er räth auch, gegen das 
schwere Hören den Saft warm mit Wein vermischt in die 
Ohren zu tröpfeln, sowie gegen die Flechte anzuwenden, 
welche dadurch heile ohne Geschwüre zu bilden. 

34. 
Nun wollen wir um Cato's willen auch die Verord- 
nungen der Griechen, wenigstens diejenigen, welche er 
ausgelassen hat, hier mittheilen. Ihrer Ansicht zufolge 
führt der nicht gekochte Kohl die Galle ab und öffnet, 
der zweimal gekochte (aufgewärmte) dagegen stopft. Er 
soll ein Feind des Weins und des Weinstocks sein; vor 
der Mahlzeit gegessen verhüte er das Trunkenwerden, 
nach derselben vertreibe er den Rausch. Diese Speise be- 
fördere sehr die Helligkeit der Augen, am meisten aber 
der Saft des rohen Kohls, wenn er mit attischem Honig 
vermischt in die Augenwinkel getupft wird. Er soll sehr 
leicht verdauet werden und die Sinne reinigen. Die Schüler 
des Erasistratus behaupten, nichts sei dem Magen und den 
Nerven dienlicher, weshalb sie ihn auch bei Lähmungen, 
Zittern und Blutspeien verordnen. Hippocrates empfiehlt 
ihn zweimal gekocht mit Salz den an Verstopfung, Ruhr, 



24 Zwanzigstes Buch. 

Stuhlzwang und den Nieren Leidenden, auch vermehre er 
bei den Wöchnerinnen die Milch und reinige die Frauen^ 
Das Kauen des rohen Stengels befördert den Abgang 
todter Geburten. Apollodorus verordnet den Samen oder 
Saft gegen giftige Pilze, Philistion den Saft mit Ziegen- 
milch, Salz und Honig gegen Opisthotonie. Ich finde auch^ 
dass an Podagra Leidende durch Essen von Kohl oder 
Trinken der Kohlbrühe geheilt worden sind. Die Suppe 
giebt man terner mit Salz den mit Magenschmerzen und 
Epilepsie Behafteten, desgleichen den Milzsüchtigen mit 
weissem Weine 40 Tage lang. Gegen Gelbsucht, auch 
Wahnsinn soll man mit dem Safte der rohen Wurzel gur- 
geln und ihn trinken; gegen das Schlucken aber mit Co- 
riander, Dill, Honig, Pfeflfer und Essig. Bei Blähungen im 
Magen, gegen Schlangenbisse, alte und faule Geschwüre 
legt man entweder das (davon abgekochte) Wasser mit 
Gerstenmehl, oder den mit Essig bereiteten Saft nebst 
Bockshornsamen auf. Einige legen ihn auch auf gegen 
Gliederweh und Gicht. Hitzige Blattern oder andere um 
sich fressende Uebel heilt er durch Auflegen, desgleichen 
plötzliche Verdunkelung der Augen, wenn man ihn mit 
Essig verzehrt, blaue Flecken durch blosses Ueberschlagen 
des Krauts, Schorf und Krätze mit Zusatz von rundem 
Alaun und Essig. Auch befestigt er ausfallende Haare. 
Epicharmus i) empfiehlt ihn als vorzüglich wirksam gegen 
Hoden- und andere Krankheiten der Geschlechtswerkzeuge 
äusserlich angewandt, und noch besser in Verbindung mit 
Bohnenmehl; desgleichen gegen Verstauchungen mit Raute, 
gegen Fieberhitze, Magenübel und zum Abführen der Nach- 
geburt mit Rautensamen. Die Bisse der Spitzmäuse reinigt 
das Pulver der Blätter in beiderlei Weise angewandt. 

35. 
Unter allen Kohlarten ist der Sprossenkohl 2) die 



') Arzt, wahrscheinlich nicht identisch mit dem Philosophea 
Epicharmos aus Kos, der grösstentheils in Sicilien lebte und daselbst 
477 V. Chr. starb. 

-) cyma, Blumenkohl? 



Zwanzigstes Buch. 25 

lieblichste, doch wird sie für undienlich gehalten, kocht 
sich schwer und wirkt nachtheilig auf die Nieren. Auch 
will ich noch bemerken, dass die wässrige Abkochung des 
Kohls, welche so vielfältige nützliche Anwendung gestattet, 
auf die Erde gegossen übel riecht. Die Asche von getrock- 
neten Kohlstengeln ist ein Aetzmittel; man gebraucht sie 
mit altem Schmalze vermischt gegen Hüftschmerzen, und 
statt einer Haare vertilgenden Salbe mit Laser und Essig 
auf ausgerissene Haare gelegt hindert sie das Wachsen 
neuer Haare, Sie wird auch mit Oel erwärmt oder für 
sich allein gesotten bei innerlichen Verstauchungen und 
beim Fallen von einer Höhe eingenommen. Besitzt denn 
aber der Kohl gar keine üblen Eigenschaften? Allerdings, 
denn er soll schweres Athmen erzeugen, und den Zähnen 
und dem Zahnfleische schädlich sein. In Aegypten isst 
man ihn wegen seiner Bitterkeit nicht. 

36. 
Den wilden oder Feld kohl rühmt Cato noch weit 
mehr, und versichert, dass wenn man ihn gepulvert in 
einer Büchse aufbewahre und nur den Geruch davon in 
die Nase ziehen lasse, dadurch die Krankheiten dieses Or- 
gans und der üble Geruch desselben gehoben würden. 
Diese Art, welche bei Einigen Steinkohl heisst, ist ein 
solcher Feind des Weines, dass der Weinstock selbst davor 
fliehet, und, wenn ihm diess unmöglich ist, ausgeht. Er 
hat gleichstehende, kleine, runde, glatte Blätter, sieht dem 
Küchenkohl mehr ähnlich, und ist heller und rauher als 
der Gartenkohl. Chrysippus sagt, er heile die Blähungen, 
auch die Melancholie und frische Wunden mit Honig, wenn 
sie vor dem siebenten Tage nicht neu verbunden würden; 
mit Wasser angestosseu Kröpfe und Fisteln. Nach Andern 
hemmt er das Umsichfressen der sogenannten Nomen-Ge- 
schwüre, vertilgt Auswüchse und ebnet Narben. Durch 
Kauen, Kochen und Gurgeln des Saftes mit Honig werden 
Mundgeschwüre und geschwollene Mandeln, durch Auflegen 
eines Gemisches von 3 Theilen Kraut und 2 Tbeilen Alaun 
in Essig alter Schorf und Krätze geheilt. Epicharmus hat 



2Ö Zwanzigstes Buch. 

es für hinreichend, ihn gegen den tollen Hundsbiss aufzu- 
legen, besser aber ist es, wenn man Laser und Essig hin- 
zufügt; auch sollen die Hunde, welchen er mit Fleisch ge- 
geben wird, dadurch getödtet werden. Der geröstete Same 
hilft gegen Schlangen, Pilze und Ochsenblut. Die gekochten 
Blätter werden mit Vortheil den Milzsücbtigen gegeben, 
auch roh mit Schwefel und Natron hiebei sowohl wie gegen 
verhärtete Brüste anfgelegt. Die Asche der Wurzeln heilt 
durch Berühren das geschwollene Zäpfchen im Halse, un- 
terdrückt mit Honig aufgelegt die Geschwüre hinter den 
Ohren, und heilt die Schlangenbisse. Noch will ich einen 
bedeutenden und wunderbaren Beweis von der Kraft des 
Kohls anführen. Wenn Gefässe, in welchen bloss Wasser 
gekocht wird, inwendig ganz mit einer Rinde überzogen 
sind, und diese nicht losgemacht werden kann, so geht 
«ie, sobald Kohl darin gesotten wird, gleich ab. 

37. 

Unter die wilden Kohlarten gehört auch die L ap sa- 
tt a^) welche 1 Fuss hoch wird, rauhe Blätter hat, und dem 
l!^apus sehr ähnlich ist, nur dass ihre Blüthen blässer sind. 
Man kocht sie zur Speise, und ihre Wirkung besteht im 
gelinden Erweichen des Unterleibes. 

38. 

Der Meerkohl 2) reitzt unter allen Arten den Unter- 
leib am meisten. Seiner Schärfe wegen wird er mit fettem 
Fleische gekocht, schadet aber dem Magen sehr. 

39. 

Unter den Meerzwiebelarten heisst die weisse das 
Männchen, die schwarze das Weibchen. Je weisser, um 
so besser ist sie auch. Man zieht ihr die trocknen Häute 
ab, schneidet die darunter liegenden lebenden Theile aus 
einander, und hängt sie an Fäden in geringem Abstände 
von einander auf. Hierauf taucht man die trocknen Stücke 
in ein mit scharfem Essig gefülltes Gefäss so, dass sie die 



*) Sinapis incana L. oder vielleiclit eher Raphanus Raphanistrum. 
-) Brassica marina. Crainbe maritima L,? 



Zwanzigstes Buch. 27 

Wände des letztem nirgends berüliren. Diess geschieht 
48 Tage vor dem Sommer-Solstitium. Das Gefäss wird 
nun mit Gyps verstrichen und unter ein Dach gestellt, 
welches den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt ist. Nach 
Verlauf dieser Zeit wird das Gefäss hinweggestellt, die 
Meerzwiebel herausgenommen und der Essig durchgeseihet. 
Er macht klare Augen, hilft alle 2 Tage in geringer Dosis 
genommen für Magen- und Seitenstechen, seine Kraft ist 
aber so gross, dass dem, welcher ihn etwas zu schnell 
trinkt, der Athem auszugehen drohet. Für das Zahnfleisch 
und die Zähne kauet man die Wurzel selbst. Mit Essig 
und Honig genommen vertreibt sie die Würmer und son- 
stigen Eingeweide-Thiere. Legt man sie den Wassersüch- 
tigen unter die Zunge, so fühlen sie keinen Durst. Man 
kocht sie auf verschiedene Weise, entweder in einem Toj^fe, 
der in ein anderes Gefäss oder in einen Ofen gesetzt wird, 
oder mit Fett und Leim bestrichen oder stückweise in 
Schüsseln. Sie wird auch roh getrocknet, dann zerschnitten, 
in Essig gekocht und auf Bisswunden von Schlangen ge- 
legt. Ferner röstet man sie, reinigt sie dann, und kocht 
den mittleren Theil davon nochmals in Wasser. So zuge- 
richtet findet sie in der Wassersucht Anwendung, und als 
Diureticum wird sie zu 3 Obolen schwer mit Honig und 
Essig eingegeben; auch gegen Milz- und Magenbeschwerden 
(wenn keine Geschwüre vorhanden sind) bei denen, welche 
an Verdauung leiden; gegen Bauchgrimmen, Gelbsucht und 
langwierigen mit Engbrüstigkeit begleiteten Husten. Die 
Blätter, alle 4 Tage neu aufgelegt, vertreiben die Kröpfe; 
mit Oel gekocht die Schuppen und nassen Geschwüre des 
Kopfes. Man kocht sie auch zum Verspeisen mit Honig 
um die Verdauung zu befördern, und die Innern Theile zu 
reinigen. In Oel gekocht und mit Harz vermischt heilt 
sie aufgebrochene Füsse. Bei Lendenweh wird ihr Same 
mit Honig aufgelegt. Pythagoras sagt, wenn man die 
Meerzwiebel an der Thürschwelle aufhänge, so verhindere 
sie den Eintritt von Gift und andern schädlichen Einflüssen. 



28 Zwanzigstes Buch. 

40. 
Ausserdem heilen die Zwiebeln i) mit Essig und 
Schwefel die Wunden im Gesicht; für sich zerrieben den 
Nervenkrampf, mit "Wein den Grind, mit Honig den Biss 
der tollen Hunde, wobei Erasistratus den Zusatz von Pech 
vorschreibt. Ebenderselbe giebt an, mit Honig aufgelegt 
stillten sie das Blut. Andere setzen, wenn das Blut aus 
der Nase kommt, Coriander und Mehl hinzu. Theodorus 2) 
heilte auch die Flechten mit Zwiebeln und Essig, und auf 
dem Kopfe aufbrechende Geschwüre mit saurem Wein und 
einem Ei; ferner legte er auf Augenflüsse Zwiebeln und 
heilte so das Triefen der Augen. Die röthlichen unter die- 
sen Zwiebeln heilen Fehler im Gesichte, wenn sie an der 
Sonne mit Honig und Natron, und die Sommersprossen, 
wenn sie mit Wein oder gekochten Gurken aufgelegt wer- 
den. Bei Wunden zeigen sie sich ganz besonders wirksam 
theils allein, theils, wie Damion ^) angiebt, mit Honigtrank, 
wenn der Verband alle 5 Tage erneuert wird. Dieser Arzt 
heilt ferner damit verletzte Ohren und Schleim an den Ho- 
den. Bei Gliederschmerzen vermischt man sie mit Mehl. 
In Wein gekocht und auf den Leib gelegt, machen sie die 
Brust weich. Den Ruhrkränken giebt man sie in Wein 
und Regenwasser eingeweicht; bei innerlichen Verrenkungen 
mit Silphium^) in Kügelchen von der Grösse einer Bohne. 
Für den Schweiss werden sie gestossen aufgelegt. Sie 
erweisen sich heilsam für die Nerven, daher man sie auch 
bei Lähmungen eingiebt. Die röthlichen heilen mit Honig 
und Salz Fussverrenkungen sehr schnell. Die, welche um 
Megara wachsen, reizen zum Beischlaf; die Gartenzwiebeln 
befördern mit eingekochtem oder Rosinenwein genommen 
die Geburt; die wilden heilen mit Silphium in Pillenform 
genommen innerliche Wunden und andere Fehler. Der 
Same der zahmen wird gegen Spitzmäuse mit Wein ge- 



*) bulbi. Muscari comosum L. 

2) Ein nicht näher bekannter Arzt. ^) Desgleichen. 

'') Oder Laserpitium. 



Zwanzigstes Buch. 29 

trunken ; die Zwiebeln selbst legt man mit Essig gegen 
Schlangenbisse auf. Die Alten gaben auch Rasenden den 
Samen in einem Tranke ein. Die zarteren Theile der 
Zwiebel werden zerrieben gegen Flecke an den Beinen und 
verschiedene andere durchs Feuer entstandene Fehler ange- 
wendet. Diocles glaubt, die Augen würden dadurch ge- 
schwächt; gesotten wären sie nicht so gut als gebraten, 
und im Allgemeinen schwer zu verdauen. 

41. 

Bulbinei) nennen die Griechen ein Kraut mit lauch- 
artigen Blättern und röthlicher Zwiebel, welches besonders 
bei frischen Wunden wunderbare Dienste leisten soll. Das- 
jenige Zwiebelgewächs, welches wegen seiner Wirkung 
Brechzwiebel 2) heisst, hat schwarze und längere Blätter 
als die andern. 

42. 

Der Spargel soll sehr gut für den Magen sein. Aller- 
dings vertreibt er mit Rossktimmel genommen die Blähun- 
gen, macht auch in Wein gekocht klare Augen, eröffnet 
gelinde, lindert Brust- und Rückenschmerzen und andere 
innerliche Uebel. Bei Lenden- und Nierenschmerzen nimmt 
man 3 Obolen des Samens mit gleichviel Rosskümmel im 
Tranke. Er reizt zum Beischlaf, ist ein vortreffliches Harn 
treibendes Mittel, macht aber die Blase wund. Die Wurzel 
führt sogar, nach Angabe Vieler, mit weissem Wein einge- 
geben die Blasensteine ab, und heilt Lenden- und Nieren- 
schmerzen. Einige verordnen auch dieselbe mit süssem 
Wein bei Schmerzen der weiblichen Geschlechtstheile. In 
Essig gekocht erweist sie sich nützlich beim Aussatz. Wer 
sich mit einem Gemisch aus Spargel und Oel bestreicht, 
soll von den Birnen nicht gestochen werden. 

43. 

Den wilden Spargel nennen Einige den lybischen 



') Grnithogalum umbellatum L, 

2) Bulbus vomitorius. Omithogalum nutans L. 



30 Zwanzigstes Buch. 

die Attiker Scharlei i). Er besitzt für die genannten Uebel 
noch grössere Kräfte, und ist namentlich dem weissen vor- 
zuziehen. Er vertreibt die Gelbsucht. Zur Beförderung 
des Beischlafs soll man den Absud zu 1 Hemina trinken, 
sowie 3 Obolen des Samens mit ebensoviel Dill nehmen. 
Der gekochte Saft wird auch gegen Schlangenbisse gegeben. 
Die Wurzel ist in Verbindung mit der des Fenchels eine 
der kräftigsten Arzneien. Nach Chrysippus soll man bei 
blutigem Harnen 3 Obolen Spargel-, Eppich- und Ross- 
kümmel-Samen in 2 Bechern Wein alle 5 Tage nehmen. 
Ihm zufolge schadet er den Wassersüchtigen, obgleich er 
urintreibend wirkt, auch dem Beischlafe und der Blase, 
wenn er nicht gekocht ist. Von dem Absude sollen Hunde 
getödtet werden. Wird der mit Wein gekochte Saft in 
Wunden gehalten, so vertreibt er das Zahnweh. 

44. 
Die Kräfte des Eppichs (Sellerie) sind allgemein be- 
kannt, denn sein Kraut wird in reichlicher Menge in die 
Suppen gethan, und hat unter den Gewürzen einen beson- 
dern Werth. Mit Honig wird es zweckmässig auf die Augen 
gelegt, auch brühet man mit dem heissen Safte die Augen 
und andere Glieder. Flüsse werden gleichfalls dadurch 
geheilt; für sich zerrieben oder mit Brot oder Graupen auf- 
gelegt, leistet er vortreffliche Dienste. Auch den Fischen, 
welche in den Teichen erkranken, kommt man mit grünem 
Sellerie zu Hülfe. Doch herrscht bei den Gelehrten über 
nichts, was aus der Erde gegraben wird, eine grössere 
Meinungsverschiedenheit, als über diess Gewächs. Man 
unterscheidet ihn nach dem Geschlecht. Chrysippus nennt 
das Weibchen die Art mit krausern und harten Blättern, 
dickem Stengel, und brennend scharfem Geschmack, Dio- 
nisius die schwärzern, mit kürzerer Wurzel, welche Würmer 
erzeuge. Beide Autoren verbieten, diese Arten zur Speise 
zu gebrauchen, und halten es sogar für ein Verbrechen, 



*) Hormenum. Salvia Horminum L., was indessen eine von dem 
wilden Spargel ganz verschiedene Pflanze ist. 



Zwanzigstes Buch. 32 

denn diess Kraut sei den traurigen Todtenmahlen geweihet^ 
und wirke nachtheilig auf die Augen. Im Stengel des 
Weibchens entstehen Würmer, und Alle die davon essenr 
es seien männliche oder weibliche Personen, werden un- 
fruchtbar, säugender Mütter Kinder aber bekommen in 
diesem Falle die Epilepsie. Die männliche Pflanze soll 
weniger schädlich sein, und daher zählt man sie nicht zu 
den verbotenen Kräutern. Durch Auflegen der Blätter 
werden harte Brüste weich. In Wasser gekocht ertheilt 
er demselben einen angenehmen Geschmack. Der Saft,, 
namentlich aus der Wurzel, lindert mit Wein die Lenden- 
schmerzen, und heilt, ins Ohr getröpfelt, die Schwerhörigkeit. 
Der Same treibt den Harn, den Monatsfluss und die Nach- 
geburt ab, und von dem gekochten Samen gemachte 
Umschläge geben blau angelaufenen Stellen ihre vorige 
Farbe wieder. Mit dem Weissen vom Ei aufgelegt oder 
mit Wasser gekocht und getrunken, heilt er die Nieren, mit 
kaltem Wasser zerrieben die Mundgeschwüre. Wird der 
Same mit Wein, oder die Wurzel mit altem Weine ge- 
nommen, so werden dadurch die Blasensteine zerkleinert. 
Den Samen giebt man auch mit weissem Wein den Gelb- 
süchtigen. 

45. 

Das Apiastrum nennt Hyginus zwar Melissophyl- 
lum, es ist aber offenbar zu verwerfen und in Sardinien 
besitzt es giftige Eigenschaften. Wir müssen jedoch alles 
berücksichtigen, was bei den Griechen unter demselben 
Namen gemeint ist. 

46. 

Das Olusatrum, welches auch Pferdesilge *) heisst 
ist den Scorpionen zuwider. Der aus dem Samen bereitete 
Trank heilt innerliche Schmerzen, und mit Honigmeth die 
Harnstrenge. Die Wurzel vertreibt mit Wein gekocht den 
Stein, sowie Lenden- und Seitenschmerzen. Tolle Hunds- 
bisse werden davon durch innerliche und äusserliche An- 



•) Hipposeljnum. 



32 Zwanzigstes Buch. 

Wendung geheilt. Der Saft erwärmt Frierende. Einige 
machen daraus eine vierte Art, die Bergpetersilie i), 
deren Stengel 1 Palme hoch und aufrecht ist, der Same 
sieht dem Rossktimmel ähnlich. Sie erweist sich bei Urin- 
verhaltungen und beim Mouatsfluss wirksam. Der Sumpf- 
eppich 2) besitzt eine besondere Kraft gegen die Spinneu. 
Samen von Bergpetersilie in Wein getrunken reinigt die 
Weiber. 

47. 

Eine andere Art nennen Einige Petersilie^), weil sie 
auf Felsen wächst; sie zeigt sich besonders wirksam bei 
Blutgeschwüren, wenn man 2 Löfifel voll Saft in einem 
Becher Andornsaft thut, und diess Gemisch mit 3 Bechern 
warmen Wassers einnimmt. Einige fügen noch den soge- 
nannten Ochseneppich 4) hinzu, der sich von dem ange- 
baueten durch den kurzen Stengel und die röthlich gefärbte 
Wurzel unterscheidet, aber ganz dieselbe Wirkung besitzt. 
Er soll, innerlich und äusserlich angewandt, ein gutes Mittel 
gegen die Schlangen sein. 

48. 

Auch das Basilienkraut'^) hat Chrysippus nicht 
wenig mitgenommen; nach ihm soll es nämlich dem Magen, 
Urin und den Augen schädlich sein, Wahnwitz, Schlafsucht 
und Leberleiden erzeugen, und selbst von den Ziegen nicht 
augerührt werden, daher es auch von den Menschen nicht 
gebraucht werden müsse. Einige fügen noch hinzu, es er- 
zeuge zerrieben und mit einem Steine bedeckt, Scorpione, 
und gekauet an die Sonne gelegt, Würmer. Die Afrikaner 
sagen, wenn Jemand an demselben Tage, wo er Basilien- 
kraut gegessen habe, von einem Scorpione gestochen würde, 
so sei er unheilbar. Andere geben sogar an, wenn man 
10 See- oder Flusskrebse mit diesem Kraute zerriebe, so 
kämen die in der Nähe befindlichen Scorpione heran. 



') Oreoselinum. ^) Heleoselinum. 

3) Petroselinum. Apium Petroselinuni L, •*) Buselinura. 

^) Ocimum. 



Zwanzigstes Buch. 33 

Diodotus 1) sagt in seinen praktischen Erfahrungen, der 
Genuss des Basilienkrautes erzeuge Läuse. In der nach- 
folgenden Zeit wurde es eifrig vertlieidigt, denn man be- 
hauptete, dass die Ziegen es frässen, dass Niemand dadurch 
irre geworden sei, und dass durch den Genuss desselben 
mit Wein und etwas Essig die Stiche der Land-Scorpione 
und Vergiftungen durch Seegeschöpfe geheilt würden. Die 
Erfahrung hat ferner bewiesen, dass Ohnmächtige, welche 
an den damit bereiteten Essig riechen, wieder zu sich selbst 
kommen, und dass es bei Schlafsucht und Eutzimdungeu 
Kühlung gewährt. Mit Rosenöl, Myrtenöl oder Essig auf- 
gelegt heilt es das Kopfweh, und mit Wein die Augenge- 
schwüre. Es ist auch dem Magen zuträglich, lindert in 
Essig genommen Blähungen und Aufstosseu, hemmt aufge- 
legt den Bauchfluss, reizt zum Harnen, soll auch gegen 
Gelbsucht und Wassersucht dienlich sein, Gallensucht und 
Durchfall heilen. Daher verordnete es Philistion bei Ver- 
stopfungen, und Plistouicus in der Abkochung bei Durchfall 
und Kolik; Einige mit Wein bei Stuhlzwang und Blut- 
speien, sowie bei verhärteter Brust. Auf die Brüste ge- 
legt vertreibt es die Milch. Für die Ohren der Kinder 
erweist es sich besonders mit Gänsefett sehr nützlich. Der 
gestossene Same in die Nase geschnupft erregt Niesen und 
auf den Kopf gelegt den Schnupfen; mit Essig eingenommen 
reinigt er die weiblichen Geschlechtstheile. Mit Schuster- 
schwärze vermischt, vertilgt er die Warzen, und reizt zur 
Begattung, daher er atich den Pferden und Eseln zur Zeit 
der Beschälung eingegeben wird. 

Das wilde Basilienkraut besitzt noch grössere Wirk- 
samkeit in denselben Fällen, besonders bei solchen Krank- 
heiten, welche durch häufiges Erbrechen entstanden sind, 
und seine Wurzel wird in Wein mit dem besten Erfolge 
gegen die Eiterbeulen der weiblichen Schaam und Bisse 
wilder Thiere angewandt. 



') Petronius Diodotus. 

Wittstein: Pliuius. IV. Bd. 



34 Zwanzigstes Buch. 

49. 

Der Same der Eruea heilt die giftigen Bisse der 
Scorpione und Spitzmäuse. Er vertreibt alle im Körper 
befindlichen Thierehen, mit Honig aufgelegt die Hautschäden 
im Gesichte, mit Essig die Sommersprossen, macht mit 
Ochsengalle schwarze Narben wieder weiss. Man sagt, 
wenn Leute, welche geprügelt werden sollen, den Samen 
mit Wein tränken, so fühlten sie die Schläge nicht so sehr. 
Er ist ein so angenehmes Gewürz für die Zuspeisen, dass 
die Griechen ihm den Namen Tafelwürze ^) gegeben haben. 
Die Augen sollen mit Eruca gebrühet, klar werden, und 
die Kinder den Husten dad